Neuorientierung der Geschlechter in veränderten Beziehungsstrukturen der Familie


Seminararbeit, 2001

15 Seiten


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Gliederung

I Einleitung

II Historie der soziologischen Familienforschung
1 Die Bürgerliche Familie
1.1 Wer gehört zur Bürgerlichen Familie?
1.2 Außerliche Erscheinungsform
1.3 Tätigkeiten der Frau
1.4 Eheideale
1.5 Kinder
2 Die Familie der industriellen Lohnarbeit
2.1 Wer gehört zur Familie der industriellen Lohnarbeit?
2.2 Äußerliche Erscheinungsform
2.3 Erwerbstätigkeit
2.4 Familienglück
2.5 Kinder

III Veränderungen bis Heute
1 Rechtliche Veränderungen
2 Frauen und Männer / Ungleichverteilungen

IV Alternative Beziehungsstrukturen
1 Nichteheliche Lebensgemeinschaften
2 Einpersonenhaushalte / Singles
3 Pluralisierte Familien

V Zukunftsaussichten für Frauen und Männer

VI Resümee

I Einleitung

Was sind die Ziele unseres Lebens? Gesundheit, Glückseeligkeit, Reichtum, Macht oder einfach einen netten Menschen zu treffen mit dem man sein Leben teilen kann und eine Familie gründet? Ich würde sagen ein wenig von alle dem und noch ein bisschen mehr. In dieser Hausarbeit möchte ich mich allerdings mit letzterem Thema auseinander setzen. Es soll darum gehen, etwas mehr über die Beweggründe und die Ziele, aber auch die Veränderungen, die Frauen und Männer in Beziehungen durchleben, aufzuzeigen. Dies soll in Form einer Betrachtung der Familie und/oder in Konstruktionen, die ihr nahe stehen, passieren.

II Historie der soziologischen Familienforschung

Um einen kleinen Einblick in die Historie der soziologischen Familienforschung zu gewinnen, habe ich mir zwei Modelle von Familie herausgesucht, die ich für interessant halte. Es soll mit diesem Kapitel jedoch kein hinreichender historischer Überblick verschafft werden, denn ein solcher würde diesen Rahmen sicherlich sprengen. Viel mehr soll es um Aspekte gehen, die in bezug auf unsere heutige Zeit von Interesse sind. Auch wird es nicht um einen, alle Grenzen übergreifenden geographischen Überblick, sondern im wesendlichen um Mitteleuropa und Länder mit etwa den gleichen geschichtlichen und religiösen Vorraussetzungen gehen.

1. Die bürgerliche Familie

Der Familientyp der bürgerlichen Familie entwickelte sich ca. zwischen der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts und der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

1.1 Wer gehört zur bürgerlichen Familie ?

„Nach dem Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 wurden alle ´öffentlichen Beamten, ... Gelehrte, Künstler, Kaufleute, Unternehmer erheblicher Fabriken und diejenigen, welche gleiche Achtung mit diesen in der bürgerlichen Gesellschaft genießen´(Riedel, M.: 1972, Seite 714 in: Sieder: 1987, Seite 126), zum „höheren Bürgerstand“ gezählt“ Handwerker und kleine Gewerbetreibende, also durchaus Menschen mit unterschiedlichen Erwerbs- und Arbeitsformen, bildeten nach dem Allgemeinen Preußischen Landrecht das niedrige Bürgertum.

1.2 Äußerliche Erscheinungsform

Äußerlich grenzten sich die bürgerlichen Familien dadurch ab, dass sie das Gesinde nicht mehr selbstverständlich zur „häuslichen Gemeinschaft“ zählten, sondern sich mehr und mehr in eine „familiäre Privatheit“ zurückzogen. Bauliche Abgrenzungen und eine Spezialisierung der Räume machten auch den wachsenden Wunsch nach Intimität deutlich. Sie trennten den Wohn- und Lebensbereich von den Stellen, an denen die Erwerbstätigkeit ausgeübt wurde und bildeten dadurch eine Privatsphäre aus. Dies gab es vorher in diesem Maße nicht, da der Lebens- und Arbeitsbereich meist die gleiche Örtlichkeit war. Die Menschen, welche das Bürgertum bildeten kamen aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kreisen und wurden gleichfalls von bäuerlichem Familiendenken und handwerklicher Sitte beeinflusst.

1.3 Tätigkeiten der Frau

Wenn in diesem Kontext allerdings von Erwerbsarbeit die Rede ist, gilt dies nur für den männlichen Teil der bürgerlichen Familien. Denn die Frauen und Kinder wurden von dieser tunlichst ferngehalten. Die Arbeit der Frauen beschränkte sich auf häusliche Tätigkeiten, welche von produktiven immer mehr zu reproduktiven wurden. Die Frau geriet dardurch in eine dienende Rolle und ordnete sich dem Mann unter. W. H. Riehl schrieb dazu im Jahre 1861: „Das Weib wirkt in der Familie, für die Familie; es bringt ihr sein Bestes ganz zum Opfer dar; es erzieht die Kinder; es lebt das Leben des Mannes mit“ (Riehl, W., H.: 1861, Seite 115 in: Sieder: 1987, Seite 135).

1.4 Eheideale

Wo es also für Frauen immer wichtiger wurde Charaktereigenschaften auszubilden, die für Familie und Heim relevant waren, musste der Mann das Bild eines risikofreudigen Erwerbers prägen. Dieser verbrachte den Arbeitstag also nicht mehr in häuslicher Gemeinschaft, sondern an Orten, die für die Frau uneinsichtig waren. Das Bedürfnis nach kultivierter Kommunikation der Ehepartner war Ausdruck dieser Entzweiung und wurde immer stärker geprägt. Liebe wurde zur Vorbedingung von Ehe oder wenigstens zum erhofften Resultat. Andere geistige Gemeinsamkeiten wurden ebenfalls von Interesse, wie im hannöverischen Magazin von 1786 beschrieben: „gegenseitige Rücksichtnahme, Anstand, Interesse füreinander, Teilnahme, Duldsamkeit, Selbstbeherrschung..., sich gemeinschaftlich und wechselseitig beständig zu veredeln und vervollkommnen“ (Rosenbaum, 265, in: Sieder: 1987, Seite 131).

Eigenschaften geistiger und seelischer Art rückten in den Vordergrund und durch die aufgewertete Kommunikation wurde die Unverwechselbarkeit und „Individualität“ der Ehepartner wahrgenommen und geschätzt. Das Heiratsalter des Mannes lag ausbildungsbedingt häufig bis zu zehn Jahre über dem der Frau. Dies hatte zur Folge, dass der Mann die Familie in der Öffentlichkeit repräsentierte. Die Frau dagegen repräsentierte durch ihre Fähigkeit zur Kommunikation, ihre Schönheit und ihren Körper den Erfolg ihres Mannes.

1.5 Kinder

Bei der Erziehung ihrer Kinder wurde vermehrt darauf geachtet die Motive der Taten von Kindern zu erkennen und diese zum Gegenstand ihrer Sanktionen zu machen. Was vorher oft nur zu körperlicher Züchtigung oder Verwöhnung führte, wurde pädagogisch hinterfragt. Sie wurden zunehmend als Individuen angesehen und behandelt.

Ausbildungswege für Mädchen und Jungen trennten sich nach der Vermittlung von schulischen Grundkenntnissen schnell. Knaben bekamen eine spezielle Ausbildung, die mitunter einige Jahre dauerte. Mädchen wurden Fertigkeiten wie Tanzen, Klavier spielen und Handarbeiten beigebracht bevor sie unberührt in die Ehe entlassen wurden, Knaben sollten diese allerdings mit einiger Erfahrung eingehen.

Dieses Konstrukt des Gesellschaftscharakters, welches Mann und Frau spezifische Attribute zuschreibt, sollte sich jedoch bis in unsere Zeit fortsetzen und plausibel erscheinen.

2. Die Familie der industriellen Lohnarbeit

Die Familie der industriellen Lohnarbeit entwickelte sich in Mittel- und Westeuropa ca. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und reicht weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein.

2.1 Wer gehört zur Familie der industriellen Lohnarbeit ?

Die Menschen, welche diese Form der Familie bildeten, kamen nicht wie bei dem bürgerlichen Familientyp aus „gutem Hause“, sondern waren Teil des proletarischen Lebenszusammenhangs. Sie waren meist vorher schon in unselbstständiger Arbeit, das heisst in der Heimindustrie, Landwirtschaft oder im Handwerk beschäftigt (vgl. Sieder: 1987, Seite 146).

2.2 Äußerliche Erscheinungsform

Die Arbeiterfamilien wohnten meist in sehr eng bemessenen Räumlichkeiten. Eltern und Kinder mussten in ein und demselben Zimmern schlafen und diese eventuell noch mit „familienfremden Personen (Schlafburschen beziehungsweise Bettgeher und Aftermieter)“ (vgl. Sieder: 1987, Seite 183) teilen. Dies ergab sich daraus, dass die Städte, in denen sie lebten immer weniger Wohnraum für die vielen Arbeiter zur Verfügung stellen konnten, und dieser auch sehr oft unerschwinglich für die industriellen Arbeiter wurde.

2.3 Erwerbstätigkeit

Auch hier gab es eine Trennung von Familie und Erwerbstätigkeit. Frauen wie Männer wurden früh in ihrer Jugend zur Arbeit herangezogen, um die Familie zu ernähren. Für die Frau allerdings gab es eine Doppelbelastung, nicht nur die tägliche harte Arbeit in der Industrie sondern auch der Haushalt war Ihr Territorium. Diese Doppelbelastung bewertet Ulrich Beck als unbezahlte Familienarbeit, die als natürliche Mitgift qua Ehe zugewiesen wird (vgl. Beck/Beck-Gernsheim: 1990, Seite 40).

2.4 Familienglück

Eine junge Familie des Arbeiterstandes hatte oftmals keine finanziellen Mittel. Sie mussten daher meistens viele Jahre eisern sparen, um sich eine Wohnung und Mobiliar leisten zu können. In dieser Zeit lebten sie oft noch bei den Eltern oder ihrem Arbeitgeber. Für die Frau war eine Familiengründung und die Geburt eines Kindes oft gleichbedeutend mit Arbeitsniederlegung und damit auch der Verringerung ihrer Autonomie und ihrer finanziellen Mittel. Sie musste dann auf jeden Fall die Hausarbeit und die Erziehung des Kindes übernehmen, da der Mann über das höhere Einkommen verfügte, und Hausarbeit für Männer nicht in Frage kam. Das Kind war oft schon vor der Eheschließung „unterwegs“, eine baldige Heirat lies jedoch der sogenannte „politische Ehekonsenz“ nicht zu, der bis circa 1870 ein Mindestvermögen bei Vermählungen vorsah. So lebten die Eltern ohne Trauschein im „Konkubinat“ und die Kinder galten als „illegitim“ (vgl. Sieder: 1987, Seite 205). Da es aber ansonsten keine hinreichende Alternative für Frauen gab und sexuelle Bedürfnisse auch nur in der Familie Erfüllung finden konnten (Frauen mit sexueller Erfahrung galten als Hure), ergaben sich zu jener Zeit die meisten Frauen dieser Zukunft.

Darüber hinaus hatten die Arbeiterfamilien damit zu kämpfen, dass die Männer oft alkoholisiert nach Hause kamen. H. Ludwig schrieb 1896 über die Ehe im vierten Stande: „Es gibt unregelmäßige Trinker, Monatstrinker, Sonnabendstrinker und solche, die fast Tag für Tag ihrer Sinne nicht mächtig die Familie aufsuchen“ (Ludwig, H., 1896, Seite 45ff in: Sieder: 1987 Seite 210).

2.5 Kinder

Den Kindern der Arbeiterfamilien war meistens nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteil, wie denen in der bürgerlichen Familie. Die Kleinsten wurden zu Pflegefrauen gegeben, oder die älteren Geschwister betreuten sie, falls die Mutter arbeiten musste. Mädchen wurden schon früh mit Hausarbeiten betraut, und Jungs waren damit beschäftigt Lebensmittel zusammenzuklauben oder lungerten auf der Straße herum.

III Veränderungen bis Heute

In diesem Zusammenhang fallen zwei Punkte besonders ins Gewicht. Erstens wäre da die Emanzipation der Frauen in den letzten Jahrzehnten, sowie die rechtlichen Hintergründe des Wandels. Die Errungenschaften der Frauen sind wohl einer der wichtigsten Wandelfaktoren dieser Diskussion. Als zweiter Punkt sind außerdem rechtliche Novellierungen zu nennen, die dem Rechnung tragen müssen, was sich in der Gesellschaft verändert. Diesen beiden Punkten will ich im folgenden nachgehen. Des weiteren geht es um Freisetzung, Individualisierung und Pluralisierung von Lebensläufen der Individuen im weitesten Sinne. Wörter also, die in aller Munde sind und unser Leben und unsere Beziehungen schwieriger machen. Sie reißen uns aus Traditionalität und alten Bindungen heraus, und entlassen uns in eine Zukunft voller Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Auf Theorien und Definitionen dieser Begrifflichkeiten, werde ich allerdings nicht eingehen.

1. Rechtliche Veränderungen

Der Wandel familiärer Lebensformen hat Reformen des deutschen Familien- und Jugendrechts nach sich gezogen. Dies bedeutet, dass der Gesetzgeber sich dazu verpflichtet sah den Veränderungen, welche die Familie durchgemacht hat, in einem gewissen Rahmen Rechnung zu tragen. Denn der Rückgang der Eheschließungen, die Zunahme von Scheidungen, kinderlosen Ehen sowie Alleinerziehenden und nichtehelichen Lebensgemeinschaften machten eine solche Novellierung dringend notwendig. „So wurde unter anderem das gesetzliche Leitbild der Hausfrauenehe abgelöst, das Namensrecht geändert, das Nichtehelichenrecht teilweise reformiert, das allgemeine väterliche Vertretungsrecht abgeschafft und die elterliche Gewalt zur elterlichen Sorge umgewandelt. Im Scheidungsrecht wurde das Schuld- durch das Zerrüttungsprinzip abgelöst und ein gemeinsames Sorgerecht beider Elternteile für die Kinder nach der Scheidung ermöglicht. Ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) gilt seit dem 1.1.1991“ (Barabas/Erler: 1994, Seite 11).

2. Frauen und Männer / Ungleichverteilungen

„Wer über Familie redet, muß auch über Arbeit und Geld reden, wer über Ehe redet, muß über Ausbildung, Beruf, Mobilität reden, und zwar über Ungleichverteilungen bei inzwischen (weitgehend) gleichen Bildungsvoraussetzungen“ (Beck/Beck- Gernsheim: 1990, Seite 23).

Im weiteren, will ich versuchen diese Ungleichverteilung aufzuzeigen, die in unserer ach so modernen Gesellschaft leider immer noch vorherrschen. Wobei positive Veränderungen der Frauenrolle zuerst genannt werden sollen.

Die Frau hat sich aus der Rollenverteilung, die ihr zugedacht war, gelöst. Durch die Bildungsreform und Emanzipation hat sie sich ihr Recht erkämpft, eigene Vorstellungen durchzusetzen. Dazu gehört auch, die Verwirklichung ihres Berufswunsches an die erste Stelle zu setzen, wenn sich die Frau zwischen Karriere und traditioneller Familienrolle entscheiden soll (Seidenspinner/Burger: 1982, Seite 9 in: Beck/Beck-Gernsheim: 1990, Seite 31). „Damit verlieren die traditionellen Besonderheiten des Frauenlebens an Bedeutung; es erfüllt sich heute nicht mehr durch `Küche und Kinder´“ (Burkart/Kohli: 1992, Seite 26). Wesendliche Ungleichheiten gegenüber Männern wurden allerdings erst 1977 mit dem neuen Ehe und Familienrecht abgebaut (vgl. Beck/Beck-Gernsheim: 1990, Seite 27).

Trotz dieser guten Ausgangsvoraussetzungen klafft eine große Lücke zwischen „weiblicher Gleichheitserwartung“ und „Gleichheitswirklichkeit“. Es ist ein Wiederspruch entstanden, der in der „rhetorischen Gleichbehandlung“ der Männer gegenüber Frauen liegt. Denn dieser „rhetorischen Gleichbehandlung“ werden, von Seiten der Männer, keinerlei Taten folgen gelassen. In sofern ist das Bewusstsein der Frau der Entwicklung vorausgeeilt, die sie aus den „ständischen“ Zuweisungen des Geschlechts freisetzt. Diese Entwicklung ist laut U. Beck erst am Anfang eines „langen Konfliktes“ (vgl. Beck/Beck-Gernsheim: 1990, Seite 31ff).

Dies belegt er auch an Hand einiger Beispiele:

- früher erklärten Männer, dass die Benachteiligung der Frau im Berufsleben mit mangelnder Qualifikation zusammen hing. Heute ist das Argument die „Mutterrolle“, die Frauen benachteiligt. Die Frauenfrage wird zur Kinderfrage, denn das Modell: Frau bleibt zu Hause, der Mann ist berufstätig, wird von 80% der Männer bevorzugt (vgl. Statistisches Bundesamt: 1989, Seite 64ff in: Beck/Beck-Gernsheim: 1990, Seite 32).
- des weiteren, geht U. Beck davon aus, dass die Integration der Frauen in den Beruf immer noch „geschlechtsständischen Gesetzmäßigkeiten“ folgt. Dies bedeutet, dass Frauen für sich Felder der Beschäftigung gesucht haben, die nicht von großer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Diese sind meist „randständig“ und nicht einflussreich. Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Medienbereich werden nicht oder nur selten von Frauen besetzt. Die eroberten Beschäftigungen sind außerdem durch „beträchtliche Rationalisierungsreserven“ gekennzeichnet. Diese werden also wahrscheinlich laut U. Beck in nächster Zukunft abgebaut werden (vgl. Beck/Beck- Gernsheim: 1990, Seite 28).

U. Beck zeigt also einen langen Weg auf, der zu gehen ist, um absolute Gleichbehandlung zwischen Männern und Frauen zu verwirklichen. E. Beck- Gernsheim geht noch weiter und sagt, dass „zu Beginn der Moderne die Individualisierung ganz auf Männer beschränkt ist“ (Beck/Beck-Gernsheim: 1990, Seite 79).

Trotz guter Tendenzen ist also in dieser Frage noch einiges an Nachholbedarf vorhanden. Es bleibt zu hoffen, dass auch diese teils traditionellen Barrikaden in den Köpfen der Männer mit der Zeit einreißen werden.

IV Alternative Beziehungsstrukturen

In den letzten Jahrzehnten haben sich einige Beziehungsstrukturen herausgebildet, die sich gänzlich oder doch zumindest zum Teil von traditionellen Kleinfamilien unterscheiden. Diese sind zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden, haben sich durchgesetzt und Veränderungen mitgestaltet. Diese Strukturen tragen teilweise den Veränderungen der Individuen Rechnung, die sie durch pluralisierte Lebensläufe und Freisetzung erfahren haben.

„Die `Normalfamilie´, so wird gesagt, weiche einer zunehmenden `Pluralität von Lebensformen´. Es gibt immer mehr verschiedenartige Haushalts-, Familien- und Lebensformen: kinderlose Paare, unverheiratete Paare, Sieffamilien, Alleinlebende, Alleinerziehende, Wohngemeinschaften“ (Burkart/Kohli: 1992, Seite 20)

1 Nichteheliche Lebensgemeinschaften

Das Zusammenleben ohne einen Trauschein, also nichteheliche Lebensgemeinschaften, sind in den letzten Jahrzehnten kräftig angestiegen. So hatten sich diese allein im Bundesgebiet seit 1972 verzehnfacht. 1996 lebten rund 1,85 Millionen Paare unverheiratet in einem gemeinsamen Haushalt, davon 27 Prozent mit Kindern zusammen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): 1997, Seite 58). Die Gründung eines gemeinsamen Haushalts ist also längst nicht mehr von einer Vermählung abhängig. Es ist zur Norm geworden, den Partner vor einer eventuellen Heirat „auszutesten“. Des weiteren hat die Ehe an Reiz verloren und stellt nicht mehr den einzigen Weg dar, den Paare gehen können, um auch von der Gesellschaft als ein solches angesehen und akzeptiert zu werden. Selbst der Gesetzgeber hat das erkannt und nichteheliche Lebensgemeinschaften anerkannt und mit Ansprüchen untereinander untermauert. Seit neuestem können sich aber nicht nur Männer und Frauen für eine eventuelle Ehe entscheiden, falls sie sich (meist nach einer „Testphase“) dazu entschliessen sollten, sondern auch homosexuelle Paare haben seit kurzem die Möglichkeit sich ehelichen zu lassen. Sie haben allerdings in der BRD dardurch nicht die gleichen Rechte, wie heterosexuelle Ehepaare, sondern nur das Recht zu Heiraten.

2 Einpersonenhaushalte/Singles

Eine weitere relativ neue Entwicklung sind Alleinbleibende, auch Einpersonenhaushalte oder Singles genannt. 1996 lebten 13 Millionen Menschen in diesen sogenannten Einpersonenhaushalte. Dies hat mehrere Gründe :

- erstens die zeitliche Entkopplung zwischen dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Zusammenziehen mit einem Partner
- zweitens die Alterung der Gesellschaft. Frauen haben oft eine höhere Lebenserwartung als Männer und bleiben dann oft allein im Alter
- drittens gibt es immer mehr Menschen (meist Männer) die alleine bleiben (Singles)
- viertens wächst der Anteil der Paare mit getrennten Haushalten

Der Anteil dieser Gruppe hat im Vergleich nicht so stark zugenommen. Er ist von 14 Prozent 1972 auf 21 Prozent aller Volljährigen gestiegen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): 1997, Seite 65). Durch verlängerte Ausbildungszeiten und hoher Studierendenzahl (im Vergl. 1972 und 1996) aber auch hohe Mobilitätsanforderungen hat sich ein Aufschub der Familiengründung ergeben. Die auch von Beziehungswilligen Menschen in Kauf genommen werden muss, falls sie eine gute Ausbildung in den Vordergrund ihres Lebens stellen wollen.

3 Pluralisierte Familien

Als dritte Form des Zusammenlebens beziehungsweise Alleinlebens, will ich die Familie vorstellen, die von den Menschen selbst nur noch schwer zu erklären ist. Dabei handelt es sich um Menschen die in „Stieffamilien“ leben, oder solche gegründet haben. Männer und Frauen, die öfter als einmal eine Familie gründen und Kinder bekommen. Dieser Familientyp ist Statistisch nur schwer zu erfassen. Worauf es aber ankommt ist, dass durch den Individualismus des einzelnen, nicht mehr die Gemeinschaft der Familie im Vordergrund steht, sondern die Interessen und Lebensziele der Einzelperson. „Die Ehe ist nicht mehr in erster Linie ein Zweckverband, Schutzgemeinschaft und Versorgungsbündnis“ (Burkard/Kohli: 1992 Seite 24). Scheidung und Wiederheirat sind zur Normalität geworden, an die sich die Kinder dieser Familien längst gewöhnt haben.

V Zukunftsaussichten für Frauen und Männer

Burkhart und Kohli gehen davon aus, dass es auch in Zukunft zwei Lager von Familien gibt. Das eine ist in der Grosstadt und in Regionen mit hohem Akademikeranteil, das andere eher in Ländlichen Gegenden. Des weiteren meinen sie, das es eine Kluft zwischen diesen beiden Lagern gibt, und diese sich vergrößern wird. „Während die erforderliche berufliche und regionale `Mobilität´ auf der einen Seite dazu führt, den Anspruch auf Dauerhaftigkeit mehr oder weniger resigniert aufzugeben, bleibt auf der anderen Seite, in der Welt der Familie, die Hoffnung auf lebenslange Bindung bestehen. Und diese Kluft wird eher stärker“ (Burkhard/Kohli: 1992, Seite 262). Sieder schreibt zum Thema Zukunft, dass es keine echte Alternative zur traditionellen Ehe- und Familienform gibt. „Die Mehrzahl der Menschen lebt in traditionellen Ehe- und Familienformen. Dennoch beeinflussen die erhöhten Möglichkeiten der Ehescheidung und die bislang entwickelten Alternativen auch jene, die in traditionellen Ehen und Familien leben: Ihre Lebensform scheint weniger festgefügt, weniger alternativlos und weniger selbstverständlich als bisher. Die Toleranz gegenüber Minderheiten, die nicht in Ehe und Familie leben nimmt deutlich zu“(Sieder: 1987, Seite 277). Indes geht U. Beck in seinen Zukunftsaussichten noch einmal auf die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ein. Er meint, dass dieses Problem nicht durch eine Begünstigung von Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf aus der Welt geschafft werden kann, sondern: „Erst in dem Maße, in dem das gesamte institutionelle Gefüge der entwickelten Industriegesellschaft auf die Lebensvoraussetzungen von Familie und Partnerschaft hin durchdacht und verändert wird, kann eine neue Art der Gleichstellung jenseits von Frauen- und Männerrolle Schritt für Schritt erreicht werden“ (Beck/Beck- Gernsheim: 1990, Seite 215).

VI Resümee

Abschließend ist für mich zu sagen, dass dieses Thema höchste Aktualität besitzt, und mich in meiner jetzigen Lebenssituation selbst beschäftigt. Diesbezüglich bin ich darauf gespannt, ob es mir, beziehungsweise uns gelingen wird, die Gleichverteilung aller anstehenden Aufgaben zu gewährleisten und zu entscheiden welche Beziehungsstrukturen die richtigen sind. Allgemein denke ich, dass es zukünftig für fast jeden eine Fülle von Wahlmöglichkeiten geben wird, die das Leben nicht gerade einfacher aber dafür freier machen. Ferner wäre es zu wünschen, dass mehr Emanzipation in vielen Teilen der Gesellschaft Einzug hält und die Diskussion über Ungleichheit zwischen Mann und Frau damit ihre Notwendigkeit verliert.

Robin Schiel

Literaturliste

Barabas, Friedrich K. / Erler, Michael: 1994, Die Familie Einführung in Soziologie und Recht, München

Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth: 1990, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt/M

Burkart, Günter / Kohli, Martin: 1992, Ehe Liebe Elternschaft, Die Zukunft der Familie, Seite 9 bis 45 und 235 bis 263, München

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: 1999, Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik, Bonn

Sieder, Reinhard: 1987, Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt/M

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Neuorientierung der Geschlechter in veränderten Beziehungsstrukturen der Familie
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V105379
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuorientierung, Geschlechter, Beziehungsstrukturen, Familie
Arbeit zitieren
Robin Schiel (Autor), 2001, Neuorientierung der Geschlechter in veränderten Beziehungsstrukturen der Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105379

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