Lessing, G. E. - Emilia Galotti


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

6 Seiten, Note: 15 Punkte


Gratis online lesen

Thema:

Lessing, Emilia Galotti

Aufgaben:

1. Beschreiben Sie den Aufbau des Dramas „Emilia Galotti“.

2. Inwiefern ist es gerechtfertigt, Lessings Drama ein „bürgerliches Trauerspiel“ (Tragödie) zu nennen?

3. Führen Sie für die folgenden Positionen mögliche Begründungen an und bewerten Sie die beiden hier getroffenen Urteile über Lessings Drama:

„’Emilia Galotti’ist die radikale Kampfschrift gegen Fürstenwillkür und für Menschenwürde im Sinne der Aufklärung.“(F. J. Raddatz)

„’Emilia Galotti’ist kein politisches Stück. Die Sätze, die sich mit Politischem befassen (etwa die Unterzeichnung des Todesurteils im ersten Akt), gehen in der Ausgabe, in der ich gezählt habe, auf 2 von 52 Seiten.“(S. Melchinger)

Inhalt:

Die Tragödie “Emilia Galotti“ wurde von Gotthold Ephraim Lessing verfasst und handelt von der bürgerlichen Emilia Galotti, deren Verlobter durch die Willkür eines in sie verliebten Prinzen getötet und die darauf von ihrem Vater erstochen wird um ihre Tugend und Ehre zu retten.

Der Prinz Hettore Gonzaga traf die bürgerliche Emilia Galotti im Hause eines Kanzlers und verliebte sich in sie. Nun erfährt er von seinem Kammerherren Marinelli, dass diese noch am selben Tag den Grafen Appiani heiraten solle. Daraufhin erteilt er Marinelli die Vollmacht alles zu tun, was die Hochzeit verhindere. Nachdem Marinellis erster Plan, den Grafen noch am selben Tag im Auftrag des Prinzen zu dessen Verlobten nach Massa zu schicken, fehlschlägt, überfallen Gehilfen Marinellis eine Kutsche auf dem Weg zum Gut des Grafen mit Emilia, dem Grafen und Claudia, Emilias Mutter, darin, wobei der Graf getötet und Emilia auf das Lustschloss des Prinzen verschleppt wird, wohin ihre Mutter ihr flogt. Dorthin kommt auch die Gräfin Orsina, eine ehemalige Geliebte des Prinzen und erkennt die Intrige. Sie erzählt sie Odoardo, Emilias Vater, und steckt ihm einen Dolch zu. Als dieser dann auf Emilia trifft und sie vom Tod des Grafen hört und erfährt, dass sie - auf Anraten des Prinzen - zu ihrem Schutz ins Haus des Kanzlers Grimaldi soll, will sie sich mit dem Dolch erstechen, doch ihr Vater übernimmt dies schließlich selbst um ihre Tugend und Reinheit zu schützen. Dann will er sich der weltlichen Gerichtsbarkeit ausliefern und droht dem Prinzen, der nun den Teufel in Marinelli erkennt, mit der Strafe Gottes.

Zu Aufgabe 1:

Lessing hat sein Trauerspiel im klassischen Dramenaufbau nach dem Verständnis von Gustav Freytag geschrieben: Es ist in fünf Akte, die er Aufzüge nennt, unterteilt. Der erste Auszug ist die Exposition und in acht Auftritte, also Szenen, unterteilt. In der Exposition werden nach Freytag die Hauptpersonen vorgestellt und der Konflikt bereits angedeutet. Bei Lessing werden im „Ersten Aufzug“ die Hauptpersonen Marinelli und der Prinz von Guastalla vorgestellt. Auch die Existenz der Figur Emilia Galotti wird indirekt aufgezeigt durch das Bild von ihr, das der Maler Conti dem Prinzen bringt (I, 4), sowie auch die Gräfin Orsina durch einen Brief und ebenfalls ein Bild Contis (I, 2). Im sechsten Auftritt wird der Konflikt skizziert, der durch die Verlobung Emilias mit dem Grafen Appiani und der Liebe des Prinzen zu derselben entsteht. Im selben Auftritt erteilt der Prinz Marinelli außerdem die Vollmacht, die Hochzeit auf jeden Fall zu verhindern; die Intrige wird also angedeutet. Zudem wird die Willkür des Prinzen dargestellt, der einer Frau, nur weil sie ebenfalls Emilia heißt, eine Bittschrift gewährt (I,

1). Laut Freytags Verständnis vom Dramenaufbau folgt auf die Exposition im ersten Akt, der zweite Akt mit steigender Handlung und erregendem, also spannungsaufbauendem, Moment. Dieser Anforderung entspricht Lessing, indem er die Hochzeitsvorbereitungen im Hause Galotti beschreibt und weitere Personen, Odoardo und Claudia, vorstellt. Außerdem wird Spannung aufgebaut, indem Emilia ihrer Mutter von einer Begegnung mit dem Prinzen in der Kirche erzählt, bei der dieser versucht hat sie von der Hochzeit abzubringen. Außerdem versucht Marinelli seinen ersten Plan durchzubringen, den Grafen im Auftrag des Prinzen am selben Tag zu dessen Verlobten nach Massa zu schicken, und scheitert am Widerstand des Grafen Appiani, wodurch ebenfalls Spannung aufgebaut wird.

Der dritte Akt des klassischen Dramas soll den Höhepunkt und gegebenenfalls auch den Wendepunkt (Peripetie) bringen. Dies ist bei Lessing ebenfalls gegeben, denn hier kommt der zweite Plan Marinellis zur Geltung, der durchgeführt wird, noch während Marinelli den Prinzen davon in Kenntnis setzt: Helfer Marinellis überfallen die Kutsche mit Emilia, Claudia und dem Grafen und töten den Letzteren. Emilia wird „gerettet“ und zum Lustschloss des Prinzen gebracht, in dem sich derselbe auch aufhält. Claudia kommt ebenfalls zum Schloss um ihre Tochter zu suchen.

Nun folgt der vierte Akt, in dem die Handlung wieder fällt und einen retardierenden, also verzögernden, Moment enthält. Diesen verzögernden und auch spannungsaufbauenden Moment schafft Lessing durch das Auftreten und Treffen Odoardos und der Gräfin Orsina. Orsina, die eine ehemalige Geliebte des Prinzen ist, durchschaut während eines Gespräches mit Marinelli die Intrige und teilt sie später Odoardo mit und gibt ihm einen Dolch.

Im fünften Auftritt kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Prinz will die Familie trennen, angeblich um den Mord aufklären zu können, und schlägt Odoardo vor, Emilia ins Haus seines Kanzlers bringen zu lassen. Als dieser dies Emilia in einem Gespräch eröffnet, will sie sich umbringen, da sie das Haus Grimaldi für ein Haus der Freude hält und weiß, dass sie schwach ist. Doch ein Selbstmord verstößt gegen ihre christlichen Grundsätze, daher tötet ihr Vater sie selbst.

Damit entspricht also Lessings Werk genau dem klassischen Dramenaufbau, wie er von Gustav Freytag definiert wurde: Exposition im ersten Akt, steigende Handlung mit erregendem Moment im Zweiten, Höhepunkt im Dritten, fallende Handlung mit retardierendem Moment im vierten Akt und im fünften Akt schließlich die tragische Katastrophe.

Zu Aufgabe 2:

Nach dem äußerlichen Aufbau stellt sich nun die Frage nach dem Inhalt: Lessings Drama wird meistens „bürgerliches Trauerspiel“ bezeichnet, also als eine bürgerliche Tragödie. Dies ist insofern gerechtfertigt, als dass Emilia und ihre Familie aus dem Bürgertum stammen und nicht adelig sind. Doch nicht nur ihre gesellschaftliche Stellung ist hier maßgebend, sondern die Werte, die sie in diesem Stand verkörpern und die zur Entstehungszeit des Stückes, der Aufklärung, dem Bürgertum zugeordnet wurden. Diese Werte sind vor allem Fleiß, Tugend und Frömmigkeit und sie alle sind in der bürgerlichen Emilia verkörpert: Am Tage ihrer Hochzeit geht Emilia früh morgens zur Messe um sich von Gott Gnade zu erflehen (II, 2). Als Odoardo hört, dass seine Tochter alleine dorthin gegangen ist, macht er sich Sorgen, auf dem Weg zur Kirche könne seiner Tochter noch ein Fehltritt passieren (II, 2). Diese Sorge um ihre Tugend macht ihn ganz zum bürgerlichen Vater, der die Werte, die er seinem Kind anerzogen hat, schützen will. Später sagt er im Lustschloss des Prinzen sogar, er wolle seine Tochter ins Kloster bringen (V, 5). Ebenfalls typisch bürgerlich ist diese patriarchalische Verfügungsgewalt des Vaters über seine Familie, ähnlich der Stellung des Prinzen über sein Volk.

Besonders deutlich wird Emilia Wille tugendhaft zu sein, wenn sie nach dem Gespräch mit dem Prinzen in der Kirche zurückkommt und ihrer Mutter ihr Leid klagt: „Aber dass fremde Laster uns , wider unsern Willen, zu Mitschuldigen machen kann.“ (II, 6) Sie hat demnach sogar Angst, dass fremder Leute Sünden sie ebenfalls sündig machen. Gleichzeitig wird allerdings deutlich, wie naiv sie dabei ist. Statt sich dem Prinzen zu stellen läuft sie weg, wodurch er sich nicht klar werden kann, dass er keine Chancen hat. Vielmehr zeigt sie ihm durch das Weglaufen, dass ihr Fleisch schwach ist, was dieser dann auch so erkennt: „Sie kam meinem Verlangen, mehr als halbes Weges, entgegen. Ich hätte sie nur gleich mitnehmen dürfen“ (III, 1). Dadurch wird er angestachelt, seine Unternehmung fortzusetzen.

Ihre Frömmigkeit und Tugend bringt ihr zum Schluss schließlich auch den Tod: Weil sie ihre Tugend nicht verlieren will und das Haus Grimaldi, in das sie gehen soll, wie sie selbst weiß, eine Haus der Freude, ihre Tugend dort also bedroht ist, will sie sterben. Um aber nicht gegen den christlichen Glauben zu verstoßen, muss ihr Vater den Tod herbeiführen, denn Selbstmord ist eine Sünde (vgl. V, 7/8)

Dennoch bleibt die Frage, warum es in dem Stück „Emilia Galotti“ überhaupt so weit kommen konnte, wie überhaupt die Tragik entstehen konnte und warum gerade Emilia die tragische Person ist und nicht vielleicht Hettore, der Prinz.

Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst etwas Grundwissen zur Tragik aufgeführt werden. Nach der Definition der Tragödie soll die Handlung Geschichte oder Mythos sein, die Charaktere müssen hohen Standes sein, die Sprache feierlich. Zum ersten Punkt (der Handlung) kann gesagt werden, dass es tatsächlich eine Familie Gonzaga gegeben haben soll und die Handlung nach dem Vorbild der vom römischen Historiker Livius überlieferten Virginia - Geschichte verfasst wurde. Die Sprache ist feierlich, wie es die Definition erwartet, und auf gar keinen Fall umgangssprachlich. Probleme kann es aber bei der Wahl der Charaktere geben: Der tragische Charakter

muss hohen Standes sein, da er tief fallen muss (Fallhöhe), damit das Publikum Mitleid mit ihm hat (was schließlich das ziel der Tragödie ist). Den höchsten Stand hat aber in Lessings Drama der Prinz inne. Emilias Größe besteht daher eher aus der Höhe ihres Charakters, der, wie vorher schon angesprochen, sehr tugendhaft ist. Um jedoch einwandfrei bestimmen zu können, dass es sich um ein bürgerliches Trauerspiel handelt und dass es sich nur zu demselben entwickeln konnte, muss der Begriff „Tragik“ noch näher definiert werden: Tragik ist nicht in einem Extrem möglich, sondern es muss immer einen Konflikt geben zwischen Freiheit und Notwendigkeit und zwischen Sinn und Sinnlosigkeit. Wäre der Charakter absolut frei in seinem Handeln, gäbe es für ich immer einen Ausweg aus der Situation, wäre im Gegensatz dazu alles von außen vorherbestimmt, kann kein Tragik entstehen, da die Person kein handelndes Individuum ist, mit dem man Mitleid haben kann. Hätte das Ende der Person einen Sinn, kann man ebenfalls kein Mitleid haben, ist es sinnlos, kann keine Tragik entstehen, da eine Sinn dagewesen sein muss, für den es sich überhaupt lohnte zu sterben. Der Prinz kann von daher kein tragischer Charakter sein, denn für ihn besteht kein Konflikt: Er ist ein absoluter Herrscher, das bedeutet, er ist frei zu handeln und nicht eingeschränkt von außen. Die einzige Einschränkung in seinem Handeln hat er selbst zu verantworten: die Vollmacht an Marinelli. Außerdem fehlt der edle Charakter, den eine tragische Figur besitzen muss um beim Publikum Mitleid zu erzeugen. Für einen edlen Charakter springt er zu willkürlich mit seinen Untergebenen um (vgl. Bittschriften I,

1 und Todesurteil I, 8) und er ist zu selbstsüchtig (er will Emilia unter allen Umständen haben).

Emilia jedoch besitzt genau den richtigen Charakter: Sie ist fromm und tugendhaft, hat zwar Schwächen, die sie sich aber eingesteht. Mit ihr kann man Mitleid haben. Zudem steht sie in einem Konflikt: Sie ist in ihrem Handeln eingeschränkt durch die Intrigen Marinellis und des Prinzen, außerdem aber durch ihre werte: Ihre bürgerlichen Ideale verbieten ihr weiterzuleben (im Hause der Grimaldi), sie verbieten ihr aber auch sich umzubringen, Ihr Leben hat zudem einen Sinn: diese Ideale, doch die Einschränkung durch eben dieselben und der Tod ihres Verlobten machen das Leben auf gewisse Weise sinnlos. Emilias Tod beschwört Leid herauf, doch es gibt Trost, weil sie für ihre ideale gestorben ist.

Demnach musste es zu einem tragischen Ende kommen, da Emilia ständig in einem Konflikt zwischen ihren bürgerlichen Idealen und ihrer Schwäche gegenüber den Versuchungen des Lebens stand und sie als einzige den Charakter hatte, der beim Publikum Mitleid hervorruft.

Außerdem muss man Lessings Absicht in die Betrachtung mit einbeziehen: Er wollte bei den Zuschauern Mitleid erregen, was nur mit einem guten Charakter mit kleinen Schwächen möglich ist. Er wollte aber auch das Publikum besser und tugendhafter machen und das beste Mittel schien ihm, Schrecken hervorzurufen. Dieser bestand darin, dem bürgerlichen Publikum das Schicksal einer Person vor Augen zu halten, mit dem es sich identifizieren konnte, also mit einer Person, die selbst bürgerlich ist. Er wollte zeigen, dass die dargestellte Fürstenwillkür jeden treffen konnte, also auch jeden aus dem Publikum.

Zu Aufgabe 3:

Diese Absicht Lessings wirft selbstverständlich eine andere Frage auf, nämlich inwieweit „Emilia Galotti“ eine politische Kampfschrift im Sinne der Aufklärung, eine bloße

Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse oder vielleicht nicht einmal das, sondern nur ein Unterhaltungsstück ist. Über diese Frage gibt es sehr verschiedene Meinungen, so ist z. B. F. J. Raddatz der Ansicht, das Drama sei ersteres, also eine Kampfschrift gegen Fürstenwillkür und für die Menschenwürde im Sinne der Aufklärung, während S. Melchinger die Meinung vertritt, „Emilia Galotti“ sei in keinster Weise politische, da es so gut wie gar keine politischen Handlungen der Charaktere gebe.

Für beide Ansichten gibt es wohl Begründungen, die sich aus der Tragödie selbst ableiten lassen. Zunächst soll dabei Raddatz’ Deutung diskutiert werden. Für diesen Ansatz spricht sicherlich, dass Lessing die Willkür, mit der Hettore Gonzaga seine Untertanen beherrscht, stark hervorhebt: Zunächst gewährt er einer Frau eine Bittschrift, in der viel gefordert wird, nur weil sie Emilia heißt (vgl. I, 1), ebenso wie die Emilia, die er im Hause seines Kanzlers Grimaldi kennengelernt hat. In diesem Zusammenhang wird auch seine Unbeständigkeit gegenüber Frauen deutlich, denn von der Gräfin Orsina, die bis vor kurzem noch seine Geliebte war, will er nichts mehr wissen. Wenig später, nachdem Marinelli Gonzaga von der anstehenden Hochzeit zwischen Emilia Galotti und dem Grafen Appiani erzählt hat, soll er einem seiner Räte, Camillo Rota, ein Todesurteil unterschreiben. Seine Reaktion zeigt wiederum Willkür: „Recht gern. - Nur her! geschwind“ (I, 8). Obwohl es sich um ein Todesurteil handelt, interessiert er sich nur für sich selbst. Dieser Egoismus zeigt sich überhaupt in der Behandlung gegenüber Emilia: Der Prinz handelt nur nach seinem eigenen Interesse, ohne Rücksicht auf Interessen der Galottis und besonders derjenigen Emilias. Die Darstellung diesen Verhaltens lässt auf eine Kampfansage gegen dasselbe vermuten, auf jeden Fall aber eine Verurteilung der Fürstenwillkür erahnen. Im Zusammenhang mit dieser Verurteilung dieser Willkür steht dann eine Forderung Menschenwürde, denn durch das Handeln des Prinzen (und Marinellis) wird Emilias Würde verletzt, so dass es letztendlich zur Katastrophe kommt. Sie wird so in die Enge getrieben und ihre eigenen Interessen werden so vernachlässigt, dass sie den Wunsch hat zu sterben.

Man könnte also sagen, dass es durchaus gerechtfertigt wäre, das Drama „Emilia Galotti“ als Kampfschrift gegen Fürstenwillkür und für Menschenwürde zu sehen. Dennoch muss man die Gültigkeit dieser Aussage einengen: Eine Kampfschrift soll die Leser zur Revolte anstiften, doch das soll diese Tragödie nicht. Denn hätte Lessing diese Absicht gehabt, hätte er den Respekt, den das Bürgertum dem Adel hier noch entgegenbringt, durchbrochen, und zwar wäre das auf zweierlei Weise möglich gewesen: Einmal hätten die Stände durch eine Hochzeit Emilias mit dem Grafen gemischt werden können. Revolutionärer jedoch wäre es gewesen, wenn Odoardo Galotti nicht seine Tochter getötet hätte, sondern den Prinzen und Marinelli. Dieses Ende hätte wirklich als Kampfschrift gelten können, da es ein offener Aufruf zur Revolte gewesen wäre, doch das tatsächliche Ende schränkt Raddatz’ Aussage ein und muss in die Deutung des Stückes einfließen.

Nun soll im Gegensatz dazu Melchingers Ansicht diskutiert werden: Er geht davon aus, dass ein politisches Stück nur durch politische Handlungen der Charaktere entstehen kann.

Politische Handlungen sind im Stück rar: Die einzigen politischen Handlungen, die der Prinz ausführt, sind die Beantwortungen der Bittschriften und die Unterzeichnung des Todesurteils. Von diesem Standpunkt aus kann daher das Drama selbstverständlich nicht als politisch verstanden werden. In Melchingers Augen wäre dieses Stück

wahrscheinlich nur dann politische, wenn der Prinz ermordet würde, also der Mord an einem „Politiker“ vorkommen würde. Doch auch diese Einstellung sollte man kritisch sehen, denn Kritik an politischen und gesellschaftlichen Zuständen muss ja nicht durch bestimmte politische Handlungen geäußert werden, sondern auch die Darstellung bzw. Bloßstellung der Zustände kann Kritik sein und den Ruf nach Veränderung beim Leser laut werden lassen.

Insgesamt würde ich daher sagen, dass beide Ansichten zu extrem sind: Man sollte die politische Absicht des Stückes nicht überhöhen, wie Raddatz, sie aber auch nicht ins nichts abwerten, wie das Melchinger tut. Lessing stellt in seiner Tragödie, „Emilia Galotti“, die damaligen politischen und gesellschaftlichen Zustände bloß, was durchaus mit Kritik gleichzusetzen ist, doch er hat damit weder eine Kampfschrift, die zur Revolution aufruft, verfasst, noch wollte er, dass sein Stück ohne Wirkung bleibt.

Zudem ist das Drama, wie Raddatz es nennt, durchaus „im Sinne der Aufklärung“. Aufklärung meint jedoch nicht vorrangig Revolution, wie Raddatz fälschlicherweise vermutet, sondern den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). „Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Demnach wollte Lessing nicht vorrangig zur Revolte aufrufen, sondern er wollte zunächst, dass sein Publikum die Zustände überhaupt erkennt um dass selbstständig zu überlegen, wie es diese verändern kann. Von daher ist auch Emilia selbst aufgeklärt: Anfangs ist sie unmündig, ihr wird gesagt, was sie tun muss, sowohl von ihrem Vater als auch von ihrer Mutter, doch zum Schluss erkennt sie ihre Schwäche und weiß schließlich, was sie tun muss.

Ich denke, Lessing wollte, dass auch sein Publikum diesen Prozess des „mündigwerdens“ durchläuft um zum Schluss zu erkennen, dass man ihm immer vorgeschrieben hat, was es tun solle (und zwar von den Fürsten) anstatt selbst nachzudenken und zu handeln.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Emilia Galotti
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V105439
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Emilia, Galotti, Thema Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Janina Diemann (Autor), 2001, Lessing, G. E. - Emilia Galotti, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105439

Kommentare

  • Gast am 26.2.2002

    15 Punkte?.

    Das sollen 15 Punkte sein? Wem willst du denn das weiß machen?

  • Gast am 9.4.2008

    sehr gute arbeit.

    natürlich waren das 15 punkte, das war eine sehr gute arbeit.

Im eBook lesen
Titel: Lessing, G. E. - Emilia Galotti



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden