Hartmann von Aue: Gregorius


Seminararbeit, 2001
19 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Historischer Hintergrund
1.1 Thematische Nähe
1.2 Frage nach Schuld und Schicksal

2. Theologischer Vergleich
2.1 Gattung der Werke
2.2 Buße als alleiniger Weg zur Erlösung?

3. Gregorius Häßlichkeit nach der Buße
3.1 Kritik an der Buße
3.2 Der Arme Heinrich
3.2.1 Exkurs: Zeitgenössische Bußtheologie
3.3 Die Meierstocher
3.3.1 Gregorius und die Meierstochter
3.4 Gegenmodelle für das übermäßige Büßen

4. Kritik an der Zeitgenössischen Dichtung
4.1 Hartmanns soziale Kritik

5. Literaturverzeichnis

Hartmanns von Aue „Gregorius“ und „der Arme Heinrich“

1. Historischer Hintergrund für die Erzählungen

Das 12. Jahrhundert ist Entstehungszeitraum der beiden Werke Hartmann von Aues. Diese Zeit zeichnet sich vor allem durch eine starke Religiosität und einem religiösem Fanatismus in der Bevölkerung aus. Dies zeigt sich in Heerscharen von Wanderpredigern, die sich zum Teil großer Beliebtheit erfreuten und nicht zuletzt in der großen Gefolgschaft der Kreuzzüge. Insofern hat sich Hartmann einer - in den Augen der heutigen Generationen unverständlich - in gewisser Weise populären Thematik zugewandt, zumindest einem Themengebiet dem ein öffentliches Interesse gegenüberstand. Denn die Popularität eines Werkes wird nicht zuletzt auch von dem Interesse an der behandelten Thematik bestimmt. Für den mittelalterlichen Dichter ist aber nicht allein das Interesse des breiten Publikums ausschlaggebend, denn er befindet sich zudem unter dem Diktat der Vorstellungen des Auftraggebers.

„Es ist allerdings zu fragen, inwieweit das implizierte religiöse Ideal vom Publikum wahrgenommen und in der Praxis berücksichtigt wird. Daß es sich hier vom Bedürfnis des Publikums geförderte Aufkommen einer „ selbständigen Laienethik “ handle [...], kann nur insofern bejaht werden, als die Ethik von der Kirche unabhängig ist; sie ist es jedoch nicht von der religiösen Bewegung die das Denken der Zeit prägt. Auch ist die Laienethik in ihrem Fragen nach Gnade und Erlösung sicher nicht als vorwiegend alttestamentarisch zu beschreiben.“ (Dahlgrün 1991, S. 97) .

Ähnliches kann man auch über den Autor sagen. Hartmann hat nicht als theologischer Denker in einem kirchlichen Sinn zu gelten, sondern er ist gleichfalls mit seinem Publikum - zwar ein, dank seiner klösterlichen Erziehung, kirchlich und theologisch gebildeter, aber dennoch -ein Laie. Er ist zwar - dank seiner klösterlichen Bildung - von den Kirchenvätern beeinflußt, sucht aber keine theoretische Auseinandersetzung mit ihnen, sondern behandelt seine Thematik auf literarischer Ebene. Man nimmt zum Teil an, daß dem Entstehen des Gregorius ein persönliches, einschlägiges Erlebnis des Autors voranging, was aber gänzlich der Spekulation überlassen ist. Zudem vermutet man eine Teilnahme Hartmanns an den Kreuzzügen, die man an der Beschreibung der Pilgerfahrt des Vaters des Gregorius und an seinen Kreuzzugsliedern zu erkennen können glaubt. (Dahlgrün 1991, S. 219)

1.1 Die thematische Nähe der Werke

„Allerdings sind sowohlGregoriuswieDer arme Heinrichvon den Artusepen wie auch seiner Lyrik deutlich unterschieden, in der Form wie im Inhalt.“ (Dahlgrün 1991, S.111). Gregorius und der Arme Heinrich sind zwei Werke, die Hartmann von Aue nacheinander verfaßt hat. Die beiden Werke zeichnen sich neben ihrer chronologischen auch durch ihre thematische Nähe zueinander aus. In beiden Fällen stürzt der Held aus einem mehr oder weniger gehobenem Daseinsstatus in die Tiefen sozialer wie religiöser „Schuldigkeit“. Beide Male finden wir den Helden „büßend“. Obwohl die Werke in ganz ähnlicher Weise funktionieren, wird dennoch in beiden Werken jeweils ein Protagonist gezeichnet, der dem anderen nur oberflächlich zu ähneln scheint. Was die beiden letztlich wiederum verbindet, ist der „Erfolg“ ihrer Buße bzw. Umkehr.

Werden lediglich zwei Bußschemata gegeneinander gestellt, oder stellt der Arme Heinrich eine Weiterentwicklung des Bußschemas, das im Gregorius entworfen wird dar?

1.2 Frage nach Schuld und Schicksal

Christoph Cormeau nennt die beiden Werken zugrundegelegte Schuldthematik: „nicht Sünde, nur ein undurchdringliches Dunkel aus Versuchung, Schicksal und unbewußtem Nachgeben an die menschliche Schwäche“ (Cormeau 1966, S. 141). Was Cormeau in meinen Augen so trefflich formuliert, ist in der Forschung keinesfalls in dieser Kürze zu finden. Vielmehr scheint die Frage nach der Schuld des Gregorius und des Armen Heinrich sowie die Verkettung dieser Motive in den Erzählungen ein zentrales Problem darzustellen, was natürlich nicht ohne Folge für die Zahl der veröffentlichten Arbeiten, die sich mit der Frage beschäftigen, bleibt. Eine letztlich befriedigende Deutung gelingt den wenigsten (vgl. Gössmann). Eine Untersuchung dieser Frage soll auch nicht Gegenstand der Arbeit sein.

Interessant ist aber die Frage, weshalb sich beide Werke in dieser Hinsicht so einer Interpretation versperren. Die Frage sollte nicht nach Schuld, sondern nach Schicksal lauten. Denn eine Schuld können wir in beiden Fällen nicht oder nur bedingt konstatieren. Zumindest erscheint es dem laikal gebildeten Leser dieser Tage so, und die „Strafen“ der beiden scheinen maßlos übertrieben. Nennen wir es also Schicksal, und versuchen nun in die Geschichten eine sinnvolle Interpretation zu legen, wieder wird es uns nicht gelingen, darf uns nicht gelingen, wenn der Autor das, was er darstellen wollte, der Wirklichkeit gemäß auf adäquate Weise darzustellen verstand, das vielzitierte Schicksal nämlich; das Leben in seiner ganzen Rätselhaftigkeit. Bleibt nun noch die Frage im Raum bestehen, ob das überhaupt die Absicht des Autors gewesen ist, oder ob man nicht etwas zuviel hineininterpretiert, was aber als Problem für jeden Text in der in der Germanistik und anderen literaturwissenschaftlichen Disziplinen besteht.

2. „Theologischer “ Vergleich

Die Schuldfrage soll also nicht behandelt werden. Was nun vielmehr im Interesse der Untersuchung steht, ist die Frage nach der Buße, die beide Helden auf sich nehmen, und ob dabei Parallelen zu erkennen sind, oder ob nicht gar Hartmann von Aue den Bußgedanken, den er in dem Gregorius faßt, im Armen Heinrich nicht „weiterentwickelt“. Zudem soll die Frage behandelt werden, ob die „heilsgeschichtlichen“ Stationen, die Gregorius und Heinrich durchlaufen vergleichbar sind, und ob nicht Figuren aus den unterschiedlichen Werken ähnliche Funktionen, für den Gedanken der Fortentwicklung des Bußschemas haben. Wie zum Beispiel die Mutter des Gregorius, oder die Meierstochter im Armen Heinrich. Oder sind gar diese Figuren selbst Träger von Bußmodellen?

2.1 Gattung der Werke

Welcher Gattungsbegriff bei den zwei vorliegenden Werken anzulegen ist, wird in der Forschung nicht einheitlich wiedergegeben. Im Falle des Gregorius scheint eine Zuordnung zu der Legende unproblematisch. Zäck nennt sie eine Sünderheiligenlegende. Beim Armen Heinrich hingegen, wegen seines weltlich- höfischen Inhalts, reichen die Zuordnungen von Erzählung, Trostgedicht, mœre, bis zur Novelle oder, mit stärkerer religiöser Ausrichtung als exemplum mit Nähe zur Novelle, höfische Mirakelerzählung oder Predigtmärlein (Dahlgrün 1991, S. 104). Die Termini legendenhafte Beispielerzählung und Heilserzählung sind, denke ich, für beide Texte aber die besten Benennungen, da sie am besten mit den Inhalten korrespondieren, und wie ich denke die Intention des Autors auch gut widerspiegeln. Der Prolog des Armen Heinrich intendiert zwar auch einen gewissen Erbauungsaspekt, „da mite er swere stunde / möchte saenfter machen“ (V10-11) doch setzt er nach, daß es ein Gegenstand sein soll, „ daz gotes ehren töchte, und da mite er sich möchte / geliben den liuten (V:13-15), ein Prinzip, auf das ich im Verlauf der Arbeit noch eingehen werde.

2.2 Buße als alleiniger Weg zur Erlösung?

Lesen wir die Verse 44-45 des Prologs des Gregorius „als uns Gott an einem man / erzeiget und bewäret hat“(V:44-45), so deutet das den exemplarischen Charakter, den die Geschichte haben soll, an. Eine ähnlich explizite Textstelle fehlt im Prolog des Armen Heinrich, aber die thematische Nähe der Erzählungen zueinander legt nahe, daß die Figur des Armen Heinrich in gleicher Weise den Lesern als Beispiel und Vorbild dienen soll. Für Heil steht für beide Erzählungen am Ende das Himmelreich. G:“zwei uz erweltiu gotes kint“(V:3964);H:“do besazen si geliche / daz ewige riche“(V:1515-1516).Doch kehren wir wieder zum Exemplum zurück. Für welchen Bereich hat Gregorius bzw. Heinrich als Exempel zu dienen? Wieder gibt der Prolog einen Hinweis.

G:du bist noch ein junger man aller diner missetat

der wird noch viel guot rat: du gebüesest si in dem alter wol

der gedenket anders denne er soll (V:12-16)

Die Legende von Gregorius soll den Leser zur Buße anhalten. Der in Vers 20 angeführte Tod stellt zudem die drängende Brisanz der Notwendigkeit, das Büßen nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern dem Entschluß die Tat folgen zu lassen1. Die Verse 76 - 78„daz ist diu ware triuwe / die er ze gote solde han: / Buoze nach bihte bestan“sprechen ebenfalls für das verfolgte Konzept der riuwe unde buoze. Gregorius allerdings büßt, als Vorbild mit Feuerseifer. Sein Entschluß, auf dem „wilden steine“(V: 3138)seine Buße abzuleisten gleicht nach normal- menschlichen Vorstellungen dem Freitod. Allein „gotes segen“(V: 3110)bewahrt ihn vor dem sicheren Tot.

3. Gregorius Häßlichkeit nach der Buße

Sicherlich ist die siebzehnjährige Buße des Gregorius erfolgreich, denn er erreicht das Himmelreich und wird zum höchsten Christenmenschen, er wird durch göttlichen Beschluß zum Papst gewählt. Aber als man ihn aufspürt, findet man nicht den strahlenden Helden vor, den man vielleicht erwarten würde. Hartmann setzt dem zusätzlich noch einen Überraschungseffekt voran. einen harte schoenen man dem vil lützel iender an hunger oder vrost schein oder armut derhein von zierlichen graete [...] so si zer werlde beste stat den enfunden si niender da(V:3379-3401) Diese Äußerlichkeit scheint unwichtig; es kann aber für die meisten mittelalterlichen Werke gelten, daß äußere Schönheit innerliche Werte wiedergibt. Der schöne Held ist auch ein guter; oder er hat noch Gottes Gnade inne. Dem entspricht auch der Arme Heinrich. Der zunächst Schöne findet nach seiner Läuterung, nach dem Aussatz, der ihn entstellt, wieder zur äußeren Schönheit zurück; also eigentlich zu seiner inneren Schönheit, symbolisch dargestellt. Die wiedererlangte Schönheit stellt in beiden Fällen die Reintegration in die Gesellschaft dar. Der oben genannte Überraschungseffekt, die Antithese schön / häßlich verstärkt einerseits den Kontrast zu dem Zustand in dem sich der Held in „Wirklichkeit “ befindet, zum anderen soll der Leser auch ganz explizit durch diesen Kunstgriff auf die Tatsache aufmerksam gemacht werden, daß Gregorius völlig verwildert ist und eben häßlich„der arme was zeware [...] haben gesalt durch sine hut“(V: 3423-3465). Zur Schönheit findet er erst wieder, wenn er zu den Menschen zurückgeht und den Papststuhl annimmt.

beständiges Leben zu beginnen, was nun wiederum einen Hinweis auf die Zielgruppe Hartmann von Aues geben würde. (Duby 1987)

3.1 Kritik an der Buße?

Es scheint wie eine Kritik an dem übermäßigem Büßen oder dem Opfer, das im Normalfall mit dem Tot geendet hätte. Zwar erfüllt Gregorius die im Prolog geforderteriuweundbuoze, begibt sich auch nicht „uf den gemächlichern wec“(V:81),der in die ewige Verdammnis führt, sondern geht die „saelden straze“(V:86),die nicht breit und bequem ist, sondern„beideruoch und enge“(V:89),und so wie kein zweiter es vermocht hätte.2

„Ausgangspunkt für Hartmanns Überlegungen ist, daß jemand bereit ist, die Größe seiner Verfehlungen einzusehen, daß er sich somit am Anfang des Umkehrprozesses befindet. Sowohl im objektiven wie auch im subjektiven Sinn verhält er sich aber falsch, wenn er an Gottes Gnade zweifelt. Der Zweifel, der durch die nähere Bestimmung in Vers 71 f. eindeutig als desperatio, als Verzweiflung an der Gnade Gottes, die Sünde wieder den Heiligen Geist ist gekennzeichnet wird, führt auf der einen Seite nämlich zu einem Vergehenwider dem gebote,und auf der anderen Seite zerstört er den positiven Ansatz, den der Sünder in derriuwebereits leistet.“ (Zäck 1989, S. 77 f) Auch ernsthafte Zweifel - von dem Hader mit seinem Schicksal in den Versen 2609-2622 abgesehen - an der Gnade Gottes sind Gregorius fremd und so fehlt auch der Zweifel als mögliches Argument für die Entstellung.

3.2 Der Arme Heinrich

Betrachten wir aber den Armen Heinrich, wenn er sagt „dez muoz ich schäntliche not / tragen unz an min ende / daz mir got schiere sende“(V:456 - 458),so ist aus diesen Worten schon eine gewisse Verzweiflung zu vernehmen, - er läßt alle Hoffnung auf eine Errettung fahren - was vielleicht an seiner mißlichen Lage mitschuldig ist. Selbst wenn er sich seiner Verfehlung, nämlich „ere unde guot / one got mügen han“(V: 398 - 399)bewußt ist.

Es steht also auch Heinrich am Anfang eines Umkehrungsprozesses wie Gregorius.Beide Figuren also, Heinrich sowie Gregorius haben einen ähnlichen Ausgangspunkt. Um so erstaunlicher wird wiederum die Tatsache, daß man Gregorius so entstellt findet, wo er doch so ohne jeden „zwivel“(V: 74)und ohne zu zögern die Buße auf sich nimmt. Es bleibt zu fragen ob nicht etwa in der Buße des Gregorius ein „Fehler“ unterlaufen ist.

3.2.1. Zeitgenössische Bußtheologie

Zäck führt an: „Die zeitgenössische Bußtheologie unterscheidet zwischen einerpoenitentia interior,unter der die contritio cordis zu verstehen ist, und einerpeonitentia exterior, die die äußeren Akte wie z. B. Genugtuung und Beichte meint [...]Modo vivendum est quod penitentia alia est interior, alia exterior que consistit et in confessione oris et in satisfactione operis. [...] Während die äußere Buße Zeichen ist, ist die eigentlicheres diecontritio cordis; [...]Res sacramenti huius est contritio cordis et spiritus humilatus. Nisi enim contritio corde compunctus doleat, nichil [!] vel parum prodest, quicquid forinsecus actu ostenditur.“(Zäck 1989, S. 80)Auch hier stellt sich die Frage nach der Verfehlung des Gregorius, hat er vielleicht nicht mit der rechtencontritio cordisgehandelt, ist er deswegen so häßlich weil die Buße nichts, oder wenig genützt hat, da er nicht mit dem Herzen gebüßt hat? Was man auf Seiten des Gregorius mit nein beantworten kann, ist auf Heinrichs Seite durchaus in Betracht zu ziehen. Cormeau argumentiert gar : „ Im ‘Armen Heinrich‘ steht neben dem Glanz der ritterlichen Idealwelt, die ohne weltflüchtige Abwertung der Ausgangspunkt ist und sogar Endpunkt des glücklich-gnadenhaften Lebens sein kann, die Dürftigkeit des Lebens auf dem Meierhof. Hinter dem erbärmlichen Dasein ist freilich mehr die soziale Realität der Aussätzigen als die freiwillige Entbehrung eines Einsiedlers zu suchen.“ (Cormeau 1966, S. 142).

Heinrich erkennt zwar seine Schuld an, doch scheint ihm die rechte contritio cordis zu fehlen, wenn Cormeau recht hat mit seiner Aussage. Aber Cormeaus Aussage kommt nicht von ungefähr, der Text spricht nicht von einer Umkehr des Armen Heinrich, als ihn der Aussatz befällt. Er erimitiert lediglich, um den Blicken zu entfliehen, und sieht noch nicht die Notwendigkeit der Buße. Solange er das nicht einsieht, besteht für ihn auch nicht die Chance auf Heilung. Erst als er von der Schönheit des Mädchens überwältigt wird und „gewan einen nuiwen muot“(V: 1235), kommt für ihn die wahre Umkehr, er ändert seine Gesinnung. Was für Gregor, der nur eine Schuld welcher Art auch immer abzustreifen hat, also keinen Sinneswandel vollziehen muß, kein Defizit darstellt, ist für den Heinrich Weg zur Heilung und Gegenstand der Heilung. Nämlich die rechte „contritio cordis“(Zäck 1989, S. 80) sozusagen eine Haltungsänderung des Herzens. Heinrichs Verhalten ist nicht im eigentlichem Sinne sündhaft, bedarf aber dennoch der Umkehr. Erst als Heinrich die Allmacht Gottes anerkennt: „du hast einen tumben gedanc / daz du sunder sinen danc / gerst ze lebene einen tac /wieder den nieman niht enmac“(V: 1242 - 121246)kann der Reintegrationsprozeß in die Gesellschaft und die Aufnahme in das Himmelreich erfolgen.3

Scheinbar ist auch kein weiteres Büßen erforderlich, da ihm ohne weitere Probleme der Einstand in seine alte Position gelingt und seine Reichtümer sogar noch größer werden als vor dem Fall. Um so mehr scheint es dann verwunderlich, daß der vorbildliche Gregorius nach seiner siebzehnjährigen Buße so häßlich ist, wo er doch alle Schuld so trefflich abgebüßt hat, daß sogar das Täfelchen, Signum seiner schändlichen Herkunft, als man es unter einem Scherbenhaufen hervorzieht, neu wie am ersten Tage ist.

Es mutet wie eine Kritik an dem übermäßigem Büßen an. Oder Hartmann will einen Zustand zeigen, der jenseits der äußeren Schönheit anzusiedeln ist.

3.3 Die Meierstochter

Für den Kritikgedanken spräche ein Blick auf die Figur der Meierstochter aus dem Armen Heinrich, die auf ähnliche Weise das Himmelreich bzw. Vergebung erreichen möchte; sie opfert sich, sie wirft ihr Leben hin, oder handelt lebensverachtend, wenn sie um die Gewinnung des Jungfernblutes, daß zur Heilung des Heinrich nötig ist, sich zur Schlachtung hingibt, das die Heilung des Aussatzes des Heinrichs bewirken soll, und so das ewige Leben zu erreichen sucht; so kann man nicht umhin, bei ihr einen ähnlichen Radikalismus wie den des Gregorius zu konstatieren. Sie erreicht zwar schließlich doch das ewige Leben, aber nicht auf dem Weg den sie sich selbst zugedacht hatte, sondern einerseits durch die Umkehr des Heinrich, andererseits durch die Gnade Gottes.

“Nicht aus dem Gebot seiner Erfüllung kommt uns die Gabe, das wäre der Weg des Gesetzes, das gesetzliche Mißverständnis der Verheißung; sondern aus Gottes Gnade und Gabe kommt uns Gottes Gebot und dessen Erfüllung, das ist der neue Weg des Evangeliums auf Grund der Verheißung. Der Weg des Evangeliums ist schlechterdings und niemals umkehrbar: Es gibt unter dem Evangelium nicht doch auch einen Weg des Gesetzes, in den der Weg des Evangeliums einmündete. Es gibt immer nur einen Weg des Evangeliums, der nie ein Weg des Gesetzes ist, wohl aber der Weg der Gnade zum Gesetz und dessen Erfüllung.“ (Cormeau 1966, S. 142)

3.3.1 Gregorius und die Meierstochter

In dieser Hinsicht erscheinen die Meierstochter und Gregorius vergleichbar, denn beide versuchen in gewisser Weise das ewige Leben zu erzwingen, obwohl der Autor es im Falle des Gregorius ebenso angebracht wie positiv erscheinen läßt, eine derartige Buße auf sich zu nehmen. Doch mißlingt beiden zunächst der Versuch. Die Meierstochter wird nicht geopfert und kann nicht über die Pforten des Todes in den Himmel aufsteigen, „daz ich den jungen lip mag geben / umbe daz ewige leben“ H: (V: 609 - 610).

Ihr Konzept geht nicht auf. Genauso wie Gregorius völlig entstellt auf dem Stein angetroffen wird4. So kann auch er nicht direkt über die Buße in das Himmelreich eingehen, sondern erst über das Papstamt. Ihrer beider Ziel ist das beste, das man haben kann, aber ihr Weg dorthin ist der falsche, das scheint mir die Aussage zu sein, die Hartmann hier machen will.

Weiterhin scheint er sagen zu wollen, daß auch das diesseitige Leben gottgegeben ist, und nicht einfach wegzuwerfen ist. Denn beide finden auf Grund Gottes Gnade zu hohen gesellschaftlichen Rängen. Das „Vergehen“ das beide begangen haben, nämlich das Himmelreich sozusagen erzwingen zu wollen, relativieren beide, durch ihren selbstlosen Einsatz, deshalb kommt es zur Erlösung beider. Was nun wiederum den Gregorius zum Heiligen macht, ist seine Entschlossenheit mit der er, ohne nach dem Warum und Woher zu fragen, ans Werk geht, die abstrakte Schuld abzuarbeiten. Er handelt nach dem im obigem Zitat angeführtem Gesetz des Evangeliums. „Wo die Zeit der Sünde in die des Heils übergeht, bleibt ungewiß.“ (Cormeau 1985, S. 138), ab welchem Zeitpunkt also die Schuld abgegolten ist, entzieht sich der Kenntnis des Lesers.

3.4 Gegenmodelle für die übermäßige Buße

Als alternative Gegenmodelle für die übermäßige Hinwendung an das Jenseits kann man die Mutter des Gregorius und den Armen Heinrich anführen. Folgt man dem Gedanken Cormeaus, daß die Eremitage auf dem Meierhof keine selbst erwählte Buße ist. Sodann gelingt es ihm nämlich ohnepoenitentia exteriorsein Schicksal abzuwenden. So kann man, legt man die zwei Helden übereinander, ein Bußschema herausarbeiten, daß in etwa so lauten dürfte: für Gregorius: eine strenge Buße ist nur solange sinnvoll wie sie Zeichen einer echten inneren Reue ist. Für Heinrich:

wichtiger als die sogenanntepoenitentia exterioraber ist eben die rechte Ausrichtung des Herzens dabei, wird diese erreicht, bedarf es keiner Abarbeitung des „Sündegroß“. Die Figur des Heinrich zeigt uns, daß seine Umkehr ausreicht, und eine derart harte Buße wie die des Gregorius nicht unbedingt von Nöten ist. Zumal Heinrich ja durch den Aussatz und den sozialem Fall auch schon Buße abgeleistet hat. Durch die Umkehr nimmt er ja das Risiko zu sterben auf sich, es ist also eine Umkehr über den eigenen Vorteil hinaus.

Die Mutter des Gregorius, eine Figur, der menschlichem Ermessen wesentlich mehr oder zumindest genau soviel Schuld zukommt als dem Büßer, ist zwar von „dieriuwe und die arbeit“G:( V: 3848)so ausgezehrt, daß sie ihr eigener Mann nach siebzehn Jahren nicht mehr erkennt, doch trat sie nicht aus ihrer gewohnten Umgebung heraus um ihre Buße zu leisten. Sie bleibt in ihrer bisherigen Funktion der Gesellschaft erhalten. Und so wird auch in ihr eine Alternative für das übermäßige Büßen des Gregorius entworfen.

Bisher war der Hartmanns Kritikgedanke nur im Sinne zeitgenössischer Bußtheologie untersucht worden.

4. Gregorius Häßlichkeit: Kritik an der Zeitgenössischen Dichtung

Ein weiterer Gedanke wäre der einer Kritik an der zeitgenössischen Dichtung, die selten einen Helden mit äußeren Makel versieht. Der Held muß leuchten. Indem Hartmann aber den Gregorius nicht in gewohnter Schönheit erscheinen läßt durchbricht er diese „Ideologie“. Indem er dieses Schema durchbricht, liegt auch der Gedanke an eine Kritik nicht fern, beachtet man zusätzlich die besondere Herausstreichung, die Hartmann tätigt.

Diese Stelle kann man aber auch als ein bewußtes Spiel mit den Normen sehen, als Aufwertung des Unterhaltungswertes, indem der Autor vom Klischee abweicht. Wenn Hartmann schreibt„den envunden sie niender da“G:(V: 3401),kann man Weg in den Himmel zu finden. Was nun wieder die mit dem Gregorius übereinstimmt, der ebenfalls durchaus als Sarkasmus lesen. Es ließe sich auch als Ironie gegen seine Dichterkollegen interpretieren, so als ob er sagen wollte, in jeder anderen Schrift stünde es genau so wie erwartet, aber nicht in meiner. Aber natürlich kann man nicht mit Bestimmtheit sagen, daß hier wirklich eine Ironie vorliegt, dennoch schwingt ein gewisser Unterton in dieser Richtung hin mit.

Zuletzt ließe sich anmerken, daß der Autor diesen Vers bewußt doppeldeutig gehalten hat; vielleicht auch im Hinblick auf eine Vortragssituation, um so dem Vortragendem mehr Spielraum für seinen Rezitation zu geben.

4.1 Hartmanns soziale Kritik

Bisher kamen in dieser Arbeit beinahe nur theologische Aspekte zum Tragen. Man täte Hartmann Unrecht, wollte man Anspruch auf Vollständigkeit erheben, oder wollte man seine Dichtung auf rein religiöse Aspekte reduzieren. Was sicherlich ein Punkt ist, ist die Kritik an der höfisch - ritterlichen Gesellschaft im Armen Heinrich, und eine Kritik an Kirchenpolitischem, im Falle des Gregorius. Für beide Werke gilt, daß sich das groß der Literaturforscher nur ganz am Rande mit diesen Fragen beschäftigt. Selbstverständlich macht auch in der Dichtung die „theologische“ Thematik den Hauptteil aus. Sodann scheint es verständlich, daß die Mehrzahl der Schriften sich mit theologischen Fragen, wie zum Beispiel der der Schuldthematik oder der der Bußtheologie auseinandersetzen.

Obwohl es Hartmann doch sicherlich sehr darauf ankam daß, übte er mit seiner Dichtung wirklich soziale Kritik, diese auch rezipiert zu sehen. Zumal ich den Gedanken, daß eine edle höfische Gesellschaft auch gottgefällig zu sein hat sehr ansprechend finde. Und wie ich finde, ist das durch die Umkehr des armen Heinrich anschaulich dokumentiert. Und daß der arme Heinrich schließlich in seine ursprüngliche Position wieder zurückkehrt, mindert zwar die soziale Kritik, in diesem Fall die Kritik an der Gesellschaftsform, um genau zu sein, streicht dafür aber um so deutlicher hervor, wie wichtig in Hartmanns Augen eine persönliche, und so in der weiteren Konsequenz eine soziale, letztlich dann auch gesellschaftliche Ausrichtung auf Gott hin ist. Was man auch für den Gregorius geltend machen kann, nicht sofort in den Himmel aufsteigt wenn er zur Schönheit erst mit dem Papstamt gelangt und so für die Allgemeinheit wieder nützlich wird, indem er sich gleich dem Heinrich wieder in die Gesellschaft einordnet. Christoph Cormeau formuliert hier sehr treffend: „ Die personale Entscheidung ist auch der thematische Kern, denn sie allein (zusammen mit der göttlichen Gnade) ist Grundlage glückhafter Lösung, ohne etwa die vermittelnde Leistung der Artushelden im Kampf. In dem Erkenntnis- und Wandlungsprozeß des Helden haben „Der arme Heinrich“, Artusromane und der „Gregorius“ ihre Gemeinsamkeit [...] Im Mittelpunkt des Wertproblems steht die Frage, wie Gott in der Welt richtig zu achten, sein Rang als Urheber allen Glücks zu wahren ist. Die Antwort darauf ist [...] ein Hinweis auf [...] den richtigen Umgang mit der „Welt“, vor allem den nächsten Mitmenschen [...] und dessen Leben, was auch eine Relativierung des eigenen Selbst einschließt.“ (Cormeau 1985, S. 157 f)

Dadurch gewinnen die zwei behandelten Werke Hartmanns eine ungeheure Aktualität. Denn was könnte man den Trägern einer Kultur denn Schlimmeres vorwerfen als Gottlosigkeit? So kann man denn auch Hartmanns Forderung an die Menschen, funktionierende und gottesfürchtige Glieder der Gesellschaft zu sein, alle Zeit und an egal welche Gesellschaftsform stellen. Und zwar richtet Hartmann das Wort nicht an die niederen Schichten, sondern an die Führungsschicht, in seinem speziellen Fall an den Adel des Mittelalters.

Um diese Arbeit abzuschließen möchte ich die in Punkt 2.2 gestellte Frage ob Hartmann in der Buße den alleineigen Weg zur Erlösung sieht, mit ja beantworten. Denn auch die modernste Lesart der Werke kann das Faktum, daß alle Figuren des Autors in diesem Kontext mehr oder weniger strenge Buße auf sich nehmen müssen um zur Erlösung zu gelangen, nicht ausschließen. Hartmann bleibt in jedem Falle ein mittelalterlicher Dichter. Er kann und will sich nicht darüber hinwegsetzen, daß der Verfehlung die Buße zu folgen hat, will man nicht in der ewigen Verdammnis enden, um das zeitgenössische credo kurz zu umreißen. Hartmann aber beläßt es nicht dabei, sondern zeigt geradezu Grenzsituationen sowohl der „Sünde“ als auch des Büßens auf. Er zeigt den „bedürftigen“ Rezipienten auf unterhaltsame Weise den Ausweg aus scheinbar ausweglosen Situationen. So erreicht Hartmann das Ideal des delectare et prodesse, und somit das Ideal für höchste Kunst.

Literaturverzeichnis

Cormeau, Christoph, Hartmanns von Aue „der arme Heinrich„ und „Gregorius“

Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns, München 1966.

Cormeau, Christoph u. Störmer, Wilhelm, Hartmann von Aue: Epoche - Werk - Wirkung.

München 1985.

Dahlgrün, Corinna, hoc fac et vives (Lk 10, 28) vor allen dingen minne got,

Theologische Reflexionen eines Laien im „Gregorius„ und in „der Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue.

Frankfurt 1991.

Duby, Georges, Die „Jugend“ in der aristokratischen Gesellschaft. in ders. :

Wirklichkeit und historischer Traum, zur Kultur des Mittelalters. Berlin 1987.

Gössmann, Elisabeth, Typus der Heilsgeschichte oder Opfer morbider Gesellschaftsordnung? Ein Forschungsbericht zum Schuldproblem in Hartmanns Gregorius (1950 - 1971)

In Euph. 68 (1974), S. 42 - 80.

Hallich, Oliver, Poetologisches, Theologisches : Studien zum „Gregorius“

Hartmanns von Aue.

Frankfurt 1995.

Henne, Hermann, Herrschaftsstruktur, historischer Prozeß und epische Handlung. Sozialgeschichtliche Untersuchungen zum „Gregorius“ und

„Armen Heinrich“ Hartmanns von Aue

Göppingen 1982.

Manthey, Jürgen, Die Unsterblichkeit Achills. Vom Ursprung des Erzählens. München 1997.

Zäck, Rainer, Der gute sündaere und der peccator precipuus. Eine Untersuchung zu den Deutungsmodellen des „Gregorius“ Hartmanns von Aue und der “Gesta Gregorii Peccatoris“ Arnolds von Lübeck ausgehend von den Prologen Göppingen 1989.

[...]


1 Der drohende Tod und die sich notwendig ergebende schnelle Buße gewinnt ein sarkastisches Moment, bedenkt man die hohe Sterblichkeit und das niedrige Durchschnittsalter in der mittelalterlichen Gesellschaft. Zudem könnte man diese Stelle als Kritik und Aufruf an die sogenannten jungen lesen, sich möglichst schnell von den aventiuren zurückzuziehen und ein

2 Als typologisches Gegenargument könnte man den Weg des Gregorius in die Häßlichkeit als imitatio Christi anführen; aber es bleibt weiter verwunderlich, daß er derartig entstellt gefunden wird. Die Buße sollte doch nach so langer Zeit abgegolten sein. Demnach müßte also die Kreuzigung Christi mit der Buße auf dem Stein gleichgesetzt werden, denn so finden beide „Figuren“ in die Häßlichkeit.

3 Es fällt auf, daß alle Figuren Hartmanns in diesen beiden Epen zunächst der Reintegration in die Gesellschaft bedürfen, um in das Himmelreich aufgenommen zu werden.

4Eine weitere Parallele zwischen den beiden Figuren der Meierstochter und Gregorius, ist der literarische „Kunstgriff“ den Hartmann tätigt. Einmal ist es die Beschreibung des Gregorius wie man ihn nicht vorfindet ( G: V: 3379 - 3401), und bei der Meierstochter ergibt sich ein ähnliches Moment, nämlich erstens dadurch, daß die völlig ungebildete Bauerntochter quasi mit beredten Zungen spricht, soweit rhetorisch ausgefeilt, daß sie nicht nur ihre fiktiven Eltern von ihrem Vorhaben überzeugt, - was man auch als Resultat eines Formgedanken interpretieren könnte - sondern auch den realen Leser, der durch derartige Wortgewalt überwältigt ebenfalls nicht anders kann als der Bauernmagd zuzustimmen. So daß es zweitens um so erstaunlicher wirkt als sie sich nicht opfern kann und so den

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Details

Titel
Hartmann von Aue: Gregorius
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V105456
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann, Gregorius
Arbeit zitieren
Martin Schindler (Autor), 2001, Hartmann von Aue: Gregorius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105456

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