Die Ausweitung des Weinbaus als Reaktion auf die Agrarkrise des späten Mittelalters


Seminararbeit, 1999

11 Seiten, Note: sehr gut


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INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1) Quantitative und qualitative Aspekte der Ausweitung des Weinbaus
1.1. Die Ausgangssituation
1.2. Der Umfang der Ausweitung des Weinbaus
1.3. Die Form der Ausweitung des Weinbaus

2) Die Veränderung der Arbeitsweise durch den Weinbau
2.1. Art und Umfang der notwendigen Arbeiten
2.2. Mögliche Folgen

Schlussbemerkungen

Bibliographie

Einleitung

„Der Weinbau erfuhr seine größte Ausdehnung, die er je in Deutschland gehabt hat in der Zeit des ärgsten Rückgang des Getreidebaues“1, schreibt Wilhelm Abel und stellt damit einen Zusammenhang her zwischen der von ihm konstatierten spätmittelalterlichen Agrarkrise und dem gleichzeitigen Aufschwung, den landwirtschaftliche Sonderkulturen, wie z.B. der Wein, in diesem Zeitraum erfuhren.

Ich möchte versuchen, an Hand zweier regionalgeschichtlicher Studien diesen Zusammen- hang näher zu beleuchten. Dabei handelt es sich zum einen um eine Studie von Lothar Menk über „Landwirtschaftliche Sonderkulturen im unteren Werratal“ und zum anderen um einen Beitrag von Christa Köppel, der sich mit der wirtschaftlichen Reorganisation der Grundherr- schaft des Fraumünsters in Zürich beschäftigt. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Arbeiten besteht darin, dass Menk allgemeine und wesentliche wirtschaftliche Entwicklungen für die gesamte, von ihm untersuchte Region darstellt, während sich Köppel auf eine einzelne ökonomische Struktur konzentriert.

Daneben gibt es jedoch auch Gemeinsamkeiten: Beide Autoren gehen von der Existenz ei- ner Krisensituation aus. Menk bezieht sich dabei ausdrücklich auf Abels Agrarkrisentheorie, während Köppel von einer speziellen Krise (die aber wahrscheinlich als Teil der umfassende- ren Agrarkrise aufgefasst werden kann) ausgeht - dem sogenannten Alten Zürichkrieg von 1440 bis 1444, der die Region um Zürich stark in Mitleidenschaft gezogen hatte. Beide Auto- ren zeigen, wie der Versuch der Krisenbewältigung zum Ausgangspunkt für eine „tiefgreifen- de Umstrukturierung, ja ausgeprägte Verlagerung des wirtschaftlichen Engagements“2wurde.

Die vorliegende Arbeit soll ein Einstieg in die Problematik von Umstrukturierungsprozes- sen am Ende des Mittelalters sein. Die gewählte Gliederung entspricht diesem Anliegen. Im ersten Kapitel versuche ich den Umfang und die Art und Weise der Umstellung der agrari- schen Produktion von Getreideanbau auf Weinbau darzustellen. Das zweite Kapitel widmet sich den Auswirkungen dieser Produktionsumstellung auf den konkreten Arbeitsprozess der betroffenen Menschen. Außerdem sollen in diesem Kapitel, zumindest ansatzweise, mögliche Veränderungen im Bewusstsein dieser Menschen dargestellt werden, wobei das Thema den Rahmen dieser Arbeit natürlich sprengen würde und auf die Notwendigkeit einer tiefergehen- den Beschäftigung mit den Folgen der Umstrukturierung im späten Mittelalter für die weitere Geschichte verweist.

1) Quantitative und qualitative Aspekte der Ausweitung des Weinbaus

1.1. Die Ausgangssituation

In beiden untersuchten Regionen lassen sich deutliche Merkmale einer Krisensituation erken- nen. So waren um 1466 im zum unteren Werratal gehörenden Amt Ziegenberg 5 von insge- samt 8 Ortschaften wüst. Zur selben Zeit wurden in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadt Witzenhausen 6 Wüstungen gezählt. Ähnliches lässt sich über die benachbarten Gebiete die- ser Region berichten.3

Im Züricher Land war der Tiefpunkt der Krise bereits um 1444 erreicht worden. In den vier Jahren davor hatten Kriegs- und Plünderzüge der miteinander verfeindeten Kantone Zürich, Schwyz und Glarus das Land verwüstet. In den Quellen, wie z.B. Zinsbüchern geistlicher Grundherrschaften, Urkunden und (Bilder-)Chroniken, widerspiegelt sich der, in einigen Gegenden vollständige, Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Produktion, das Brachliegen von Gütern und die Flucht vieler Bauern.4

Diese katastrophale Situation führte, wenn nicht zur Existenzbedrohung für die Grundherrschaften, so doch zu empfindlichen Einkommenseinbußen. Eine Umkehr des Niedergangs erforderte neue Wege in der Wirtschaftspolitik.

Christa Köppel schreibt dazu: „Unter dem Druck der krisenbedingten Verminderung der Einkünfte wird das wirtschaftliche Handeln offensichtlich konsequenter reflektiert.“5Diese Erkenntnis stützt sich auf eine gute Quellenbasis, hier die praktisch über das ganze 15. Jahr- hundert überlieferten Rechnungsbücher des Züricher Fraumünsters. „Die Verknappung der Ressourcen“, so Köppel weiter, „führt dazu, in bezug auf das Engagement Präferenzen auszu- bilden und vor allem in der Investitionstätigkeit klare Akzente zu setzen.“6In dem hier ge- wählten Beispiel bedeutete das zunächst, dass der Getreidebau auf den Ländereien des Frau- münsters nur noch auf ausgewählten Zentralhöfen gefördert wurde, bspw. durch „Zinserlasse, reduzierte oder gestaffelte Zahlungen und Geldvorschüsse“7an die diese Höfe betreibenden Bauern.

Die im Rahmen meiner Themenstellung interessantere Aktivität ist jedoch die Verlagerung des Schwerpunktes des wirtschaftlichen Engagements in andere Bereiche, namentlich den Weinbau.

1.2. Der Umfang der Ausweitung des Weinbaus

Wie Abel zeigt, wuchs während der spätmittelalterlichen Agrarkrise über lange Zeiträume die Kaufkraft in den Städten, während die Getreidepreise fielen.89Dies führte zu einer wachsenden Nachfrage nach anderen Agrarprodukten außer dem Grundnahrungsmittel Brot, darunter auch nach Wein. Wein wurde in dieser Zeit ohnehin in Mengen genossen, die sich mit heutigen Maßstäben nicht vergleichen lassen. Die große Nachfrage nach Wein und die daraus resultie- renden höheren Preise eröffneten die Möglichkeit eines Auswegs aus der Krise der Getreide- produktion.

Ich möchte die quantitativen Dimensionen dieses Prozesses mit Hilfe der Studie von Lo- thar Menk verdeutlichen. Schon an Hand der Größenordnungen, in denen innerhalb einer rela- tiv kurzen Zeit zum Weinbau übergegangen wurde, lässt sich zeigen, dass darin tatsächlich ein Ausweg aus der vorangegangenen krisenhaften Entwicklung gesehen wurde. Diese Er- kenntnis führte sogar zur anfänglichen Vernachlässigung physisch-geografischer Faktoren, die gerade beim Weinbau von ausschlaggebender Bedeutung für Erfolg oder Misserfolg sind. Für das untere Werratal bedeutete dies, dass sich die Weinanbauflächen keineswegs nur, wie zu erwarten gewesen wäre, auf südlichen Hanglagen befanden. Diese waren zwar tatsächlich mit einem Anteil von 75 Prozent am häufigsten, es waren aber ebenso Standorte an Ost- (13 Prozent) und an Westhängen (10 Prozent) zu finden, und 2 Prozent der Weingärten befanden sich sogar an der Nordseite von Erhebungen. Als Muster lässt sich erkennen, dass in Gemein- den mit wenig Weinbau die Lage der Rebgärten eher nach klimatischen Gesichtspunkten aus- gewählt wurde, während dort, wo umfangreicher Anbau betrieben wurde, jede einigermaßen nutzbare Fläche - selbst frostgefährdete Tallagen - genutzt wurde.

Ob in einer Gemeinde mehr oder weniger Weinbau betrieben wurde, hing also nicht in erster Linie von natürlichen Voraussetzungen ab. Selbstverständlich existieren geografische Grenzen, wie z.B. die Höhenlage, ab der ein Gedeihen der Reben grundsätzlich in Frage ge- stellt ist. Wenn jedoch der Weinbau eine wichtige Rolle in der Wirtschaft der Gemeinde spiel- te, dann wurde das Anbaugebiet bis an diese Grenzen ausgedehnt (im unteren Werratal bis zu einer Höhe von 360 m ü. NN).

Ausschlaggebend für den Umfang des Weinbaus war vielmehr seine Marktnähe, d.h. An- bauflächen konzentrierten sich meist in der Nachbarschaft städtischer Siedlungen10, wobei es wiederum Unterschiede im Konzentrationsgrad zwischen den Städten gab, die von den jewei- ligen Transportbedingungen, der Wirtschaftsstruktur und dem Arbeitskräfteangebot bestimmt wurden.

Das Ausmaß der Ausweitung des Weinbaus lässt sich des weiteren mit der Tatsache bele- gen, dass nicht nur für andere Anbauformen ungünstige Lagen genutzt wurden, sondern dass Reben auch auf Flächen gepflanzt wurden, die ausgesprochen günstig für den Getreideanbau sind. Etwa ein Fünftel des gesamten Rebareals im unteren Werratal bedeckte solche Flächen.

Im folgenden will ich an Hand des von Christa Köppel beschriebenen Beispiels der Frage nachgehen, wie sich der Prozess der Ausweitung des Weinbaus inhaltlich gestaltete.

1.3. Die Form der Ausweitung des Weinbaus

„Zwischen 1460 und 1465 parzelliert das Fraumünster seine bis anhin in Eigenbau betriebe- nen Rebberge am Zürichsee und gibt sie in Teilpacht aus. Die Pächter werden von Anfang an finanziell unterstützt. Darüber hinaus werden Investitionen zur Verbesserung der Transport- möglichkeiten (vorwiegend per Schiff) aber auch der Weinproduktion (Trottenbau) und der Lagerhaltung (Kellerausbau und Fässer) getätigt.“11 Dieses Zitat verdeutlicht zwei Phänome- ne, die offensichtlich mit der Ausweitung des Weinbaus in Zusammenhang stehen:

Erstens: Die Träger des Weinbaus mussten relativ kapitalstark sein, da diese Form der Ag- rarproduktion hohe Anfangsinvestitionen erforderte. Im Spätmittelalter, darauf verweist auch die Studie von Menk, waren das zunächst die Klöster, die oft schon einen kleinen Weinanbau - v.a. wohl auf Grund kultischer Erfordernisse - innerhalb ihrer Wirtschaften betrieben, d.h. sie hatten einen gewissen „Knowhow-Vorsprung“ gegenüber anderen potenziellen Investoren, bei denen es sich vorrangig um Vertreter des Bürgertums und auch des Adels handelte. Diese zogen jedoch relativ bald nach, so dass Menk für sein Untersuchungsgebiet feststellen kann: „Die Städte hatten sich im 16. Jh. zum Hauptträger des Weinbaus entwickelt, sowohl hinsicht- lich des Anbauumfangs als auch in ihrer Funktion als Verbraucher-, Markt- und Handelszent- rum.“12. Bauern dagegen dürften in der Regel nicht genug Finanzen besessen haben, um eine eigene Weinproduktion zu etablieren. Andererseits waren sie aber die Ausführenden der Pro- duktionsumstellung, worauf das zweite Phänomen des Ausweitungsprozesses hindeutet. Zweitens nämlich, ließ sich die Erweiterung der Weinanbauflächen offensichtlich nicht dadurch realisieren, dass die Pflanzungen unter der direkten Verantwortung des Grundherrn bearbeitet wurden. Statt dessen wurde diese Aufgabe an Bauern weitergegeben (z.B. durch Pacht), die auf den grundherrlichen Ländereien wirtschafteten (bis dahin vermutlich vorrangig in der Getreideproduktion). Offensichtlich war es sogar effektiver, zumindest einen Teil der bereits vorhandenen Weinflächen statt von bezahlten Arbeitskräften (wahrscheinlich - bis auf einige Spezialisten - in der Mehrzahl Tagelöhner) von abhängigen Bauern bewirtschaften zu lassen. Wie im nächsten Abschnitt zu sehen sein wird, gab es aber weiterhin einzelne, größere Weingärten, die in direkter Verantwortung der Grundherrschaft bebaut wurden. Der Grund für die Verpachtung des überwiegenden Teils des Rebareals dürfte in der bereits erwähnten gro-ßen Nachfrage und den damit einhergehenden hohen Weinpreisen liegen. Es könnte sein, dass ein Bauer, der seine Weinkultur gut bewirtschaftete, nach den Abgaben an die Grundherr-schaft noch einen akzeptablen Gewinn für sich behalten konnte - eine Motivation, die man bei Lohnarbeitern nicht unbedingt voraussetzen kann. Wenn es so war, dann scheint der zu-mindest partielle Ausweg aus der Agrarkrise, den der Weinanbau bot, auf Grund einer Inte-ressenübereinstimmung zwischen Bauern und Grundherrn zustande gekommen zu sein. Die eigentliche kulturelle Leistung innerhalb dieses Umstrukturierungsprozesses erbrach-ten jedoch die Bauern. Um das zu illustrieren möchte ich im nächsten Kapitel erläutern, wel-che Arbeiten für den Weinbau notwendig waren.

2) Die Veränderung der Arbeitsweise durch den Weinbau

2.1. Art und Umfang der notwendigen Arbeiten

Der Weinbau erforderte wegen des hohen Arbeitsaufwandes eine weitaus intensivere Bewirtschaftung der Anbauflächen als die Getreideproduktion.13

Die Quellen, auf die sich Menk bei der Darstellung der notwendigen Tätigkeiten stützt, stammen größtenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert und beziehen sich hauptsächlich auf einen landgräflichen Rebgarten. Es ist aber davon auszugehen, dass sich diese Arbeiten im späten 15. Jahrhundert, als die Expansion des Weinbaus im unteren Werratal begann, nicht wesentlich von denen unterschieden haben, die aus späterer Zeit überliefert sind und die wahrscheinlich auch heutzutage noch Voraussetzung für einen erfolgreichen Weinbau sind. Außerdem ist anzunehmen, dass die Wirtschaftsweise in bürgerlichen oder klösterlichen Gär- ten nicht grundsätzlich verschieden war, so dass Menks Angaben im allgemeinen übertragbar sein dürften. Unterschiede dürften vor allem bei der Anzahl der eingesetzten Arbeitskräfte bestanden haben, da es sich einen Weingarten überdurchschnittlicher Größe handelte, zu des- sen Bearbeitung Einwohner der zur Grundherrschaft gehörenden Dörfer herangezogen wur- den.

Ein wichtiger Arbeitsgang war die Düngung. Dazu wurde im 16. Jahrhundert, auf Grund der ständig steigenden Zahl der Schafe, vor allem Schafmist verwendet. Ob das auch im 15. Jahrhundert schon der Fall war, ist nicht ersichtlich. Es wurde in etwa zwei- bis dreijährigem Abstand gedüngt. Dabei wurde der Mist nicht oberflächlich ausgebreitet, sondern in eigens gegrabene Gruben und Löcher geschüttet. In dem erwähnten landgräflichen Weinberg waren damit 35 bis 45 „Mistträger und Lochmacher“ drei bis vier Tage im Jahr beschäftigt.14

Bei der Bodenbearbeitung stand das Hacken des Weingartens an erster Stelle der Tätigkeiten. Damit wurde der Boden aufgelockert und das Unkraut beseitigt. In der Regel wurde diese Arbeit zweimal im Jahr ausgeführt und nahm jeweils mehrere Tage in Anspruch; es kam aber auch vor, dass ein drittes Mal gehackt wurde.

Für das richtige Wachstum der Weinpflanzen war es erforderlich, die Reben mit Stroh (sog. „Heftstroh“) an Holzpfähle zu binden. Diese Pfähle wurden nach der Lese entfernt und durch neue ersetzt. Zum Weinbau gehörte also auch das Schlagen des in nicht unerheblicher Menge nötigen Holzes und sein Transport zum Weinberg. Für größere herrschaftliche Gärten wurden dazu Fuhrleute aus untergebenen Dörfern zum Spanndienst herangezogen.

Zwecks Nachzucht der Rebe wurde das Rebende (der sog. „Senker“) vom Weinstock ab- gebogen und in die Erde gesteckt, um Wurzeln zu ziehen. Auch diese Arbeit nahm mindestens einen Tag in Anspruch.

Eine ständige Aufgabe war das „Brechen“ des Weinberges. Dabei wurden die unfruchtba- ren Triebe beseitigt und Blätter abgebrochen, um den Trauben mehr Luft und Sonnenschein zu geben.

Ein großes Problem des Weinbaus war die Erosion an den Berghängen, die insbesondere durch Unwetter beschleunigt wurde. Man versuchte die Erosionsschäden in Grenzen zu hal- ten, indem man hangparallele Gräben, sog. Flutgräben, anlegte, die die Kraft des herabflie- ßenden Wassers brechen sollten. Mit dem Aushub eines Grabens waren beispielsweise in dem großen von Menk als Beispiel gewählten Weinberg 23 Personen einen Tag lang beschäftigt.15

Einen hohen Arbeitsaufwand erforderten schließlich noch die Weinlese und das Keltern der Trauben. Der Zeitpunkt der Lese richtete sich natürlich nach dem Reifegrad der Trauben und lag daher von Jahr zu Jahr verschieden. In dem landgräflichen Weingarten waren 20 bis 25 Personen drei Tage damit beschäftigt, hinzu kamen noch Träger, die die Trauben zum Keltern brachten.

Vor dem Keltern wurden die Trauben in Weidenkörben ausgetreten. Danach presste man in einer Spindelkelter. Das Keltern zog sich über mehrere Tage und Nächte hin. Außer diesen, die Weinkulturen direkt betreffenden Arbeiten war der Bau und die Instand-haltung der Stützmauern sowie der die einzelnen Rebgärten umgebenden Zäune und Ein-gangstore sehr arbeitsintensiv. Hinzu kam die Pflege des erforderlichen Gerätes, wie z.B. der bereits erwähnten Spindelkelter.

2.2. Mögliche Folgen

Im vorherigen Abschnitt habe ich versucht, die hohe Arbeitsintensität des Weinbaus aufzu- zeigen. Die Unterschiede zur bis dahin üblichen Agrarproduktion sind auffallend. So war die Nutzung von tierischer Arbeitskraft hier nur für reine Transportaufgaben möglich, während sie beim Ackerbau auch beim Einsatz des landwirtschaftlichen Geräts (Pflug, Egge usw.) verwendet werden konnte. Deutlich unterscheidet sich auch die Konzentration des Winzers auf die Pflege jeder einzelnen Pflanze vom eher generalisierenden Blick des Getreidebauern auf die gesamte Anbaufläche. Die Arbeitsgänge beim Weinbau waren vielfältiger und in ih- rem Zusammenspiel komplizierter, als im Ackerbau und erforderten ein größeres Spezialwis- sen sowie ein höheres Arbeitszeitvolumen. Um so erstaunlicher ist die schnelle Ausbreitung des Weinbaus im späten Mittelalter. Sie zeugt von einer hohen Flexibilität und Innovationsbereitschaft der Bauern jener Zeit.

Gleichzeitig führte die Ausbreitung des Weinbaus zu einer stärkeren Einbindung der in- volvierten Landbevölkerung in Marktbeziehungen mit den Städten und - wenigstens teilwei- se - zur Verbesserung ihres Einkommens. Infolgedessen konnten einerseits wahrscheinlich neue Erzeugnisse der handwerklichen Produktion erworben werden, d.h. der materielle Le- bensstandard veränderte sich. Andererseits dürfte auch die Bekanntschaft mit neuen immate- riellen Gütern, wie z.B. politischen und religiösen Ideen, gefördert worden sein.

Es ist anzunehmen, dass beides - die Veränderung der Produktionsweise wie der engere Kontakt mit der städtischen Welt - wesentliche Veränderungen im individuellen und gesell- schaftlichen Bewusstsein der bäuerlichen Bevölkerung, die unmittelbar in die Ausweitung des Weinbaus einbezogen war, bewirkte. Möglicherweise lassen sich solche Veränderungen, bei einer Untersuchung der überlieferten gesellschaftlichen Bewegungen dieser Zeit (z.B. Bau- ernaufstände) nachweisen.

Schlussbemerkungen

Die Ausweitung des Weinbaus war, zumindest für Teile des Agrarsektors, ein ökonomischer und sozialer Ausweg aus der Krise der Getreideproduktion im späten Mittelalter, der sich sowohl den daran beteiligten Grundherren als auch der bäuerlichen Bevölkerung eröffnete. Sie war aber auch einer jener tiefgreifenden materiellen und geistigen Umstrukturierungsprozesse, die aus der mittelalterlichen Gesellschaft heraus entstanden und gleichzeitig Voraussetzungen für Entwicklungen schufen, die letztendlich den Rahmen dieser Gesellschaft sprengten. Ohne die Beschäftigung mit diesen Prozessen ist ein Verständnis des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit nicht möglich. Zugleich verweist eine solche Beschäftigung auf die Relativität geschichtswissenschaftlicher Epochengliederungen.

Berlin, 14.3.2000

Bibliographie

Wilhelm Abel, Landwirtschaft 1350 - 1500, in: Hermann Aubin / Wolfgang Zorn (Hrsg.), Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 1, Stuttgart 1971, 300 - 333

Christa Köppel, Wirtschaftliche Reorganisation in einer geistlichen Grundherrschaft als Pro- zess regionaler Integration am Beispiel des Fraumünsters in Zürich (1418 - 1525), in: Ferdinand Seibt / Winfried Eberhard, Europa 1500. Integrations- prozesse im Widerstreit: Staaten, Regionen, Personenverbände, Christen- heit, Stuttgart 1987, 247 - 261

Lothar Menk, Landwirtschaftliche Sonderkulturen im unteren Werratal, Phil. Diss. Mar- burg/Lahn 1972

[...]


1Abel 1971, S. 321.

2Köppel 1987, S. 253.

3Menk 1972, S. 23.

4Köppel 1987, S. 253.

5Köppel 1987, S. 254.

6Ebda.

7Ebda.

8Für diesen Abschnitt Menk 1972, S. 34 f.

9Vgl. Abel 1971, S. 310 ff.

10Menk 1972, S.31.

11Köppel 1987, S. 255.

12Menk 1972, S. 29.

13Menk 1972, S. 38 ff.

14Menk 1972, S. 38.

15Menk 1972, S. 40.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Die Ausweitung des Weinbaus als Reaktion auf die Agrarkrise des späten Mittelalters
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Proseminar
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
11
Katalognummer
V105488
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausweitung, Weinbaus, Reaktion, Agrarkrise, Mittelalters, Proseminar
Arbeit zitieren
Wolfgang Rose (Autor), 1999, Die Ausweitung des Weinbaus als Reaktion auf die Agrarkrise des späten Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105488

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