Meister Eckhart


Seminararbeit, 2001

19 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Leben des Meister Eckhart
2.1 Allgemeine Geschichte
2.2 Lebensdaten des Meister Eckhart

3. Die Mystik Meister Eckharts

4. Der Prozess
4.1 Nikolaus von Straßburg - der erste Ankläger
4.2 Heinrich II. von Virneburg
4.3 Avignon

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit versucht, das Leben Meister Eckharts und seine theologischen Aussagen, die zu seiner Anklage als Häretiker führten, darzustellen. Als Theologiestudent in einem historischen Seminar versuche ich, beiden Ansprüchen an eine Hausarbeit gerecht zu werden und eine gewisse Ausgewogenheit zwischen theologischer Betrachtung und historischem Kontext zu finden. Da die Arbeit aber als Biographie mit der Betonung auf den Prozess Meister Eckharts als Häretiker ausgerichtet ist, wird die historische Betrachtungsweise quantitativ vor der Theologie Eckharts stehen. Auf Originalschriften und -zitate werden allerdings aus Mangel an Verständlichkeit des Mittelhochdeutschen in dieser Arbeit verzichtet und lediglich mit Übersetzungen gearbeitet. Ich denke trotzdem, dass die ursprünglichen Aussagen Eckharts dadurch nicht verfälscht oder beeinträchtigt wurden.

2. Zum Leben des Meister Eckharts

2.1 Allgemeine Geschichte

Anfang des 14. Jahrhunderts sah man sich einer tiefgreifenden Krise gegenübergestellt, die vier Momente umfasste: Zum einen war es

1. zu einem Stillstand wirtschaftlicher Expansion gekommen, die im 11. Jahrhundert eingesetzt hatte. Durch das Wachstum der Städte waren sozioökonomische Veränderungen aufgetreten: So hatte die Umstellung auf Geldwirtschaft eine Verschärfung sozialer Spannungen zur Folge, die den Nährboden für Unmut und Unruhen bildeten. Die Hungersnöte von 1315 - 17 taten ihr Übriges hinzu.

2. Krise der Feudalinstitutionen

Seit dem Tod Friedrichs II. war das Kaisertum im Niedergang begriffen. Partikulare Interessen wurden immer stärker bemerkbar, zudem die Epoche der Kreuzzüge 1291 mit dem Fall von Akko zu Ende gegangen war. Somit fanden Unmut und Aggression kein Ventil mehr durch außenpolitische Aktionsfelder.

Kaiser und Papst rieben ihre Kräfte im Investiturstreit auf. Dieser Streit um die Macht und Autorität fand mit Bonifatius VIII. seinen Höhepunkt. Das Streben nach einer theokratischen Ordnung gipfelte in der berühmt-berüchtigten Bulle Una Sanctam (1302), in der Bonifatius versuchte, den Anspruch des Papsttums von der geistlichen auf die weltliche Machtbefugnis auszudehnen. Anmaßend hieß es in der Bulle:

„Für die Erlösung der Menschheit ist es unerlässlich, dass jedes menschliche Geschöpf dem römischen Pontifex untertan ist.“1

Dieses Vorhaben scheiterte aber am Widerstand des erstarkten französischen Königs Philipp. Zum ersten Mal berief er eine Reichsversammlung in Notre Dame zu Paris ein, die er dazu instrumentalisierte, ihn zu bestärken und ihm Rückendeckung zu geben. Als Bonifatius die Absicht äußerte, Philipp zu exkommunizieren, antwortete dieser mit der Gefangennahme des greisen Papstes, welche die päpstliche Universalmacht beendete. Die nächsten sieben Päpste waren Franzosen und Clemens V. sah sich auf französischen Druck hin gezwungen, seine Residenz von Rom nach Avignon zu verlegen. Somit geriet das Papsttum mehr und mehr unter den Einfluss französischer Interessen, was nicht nur die Feindschaft der englischen Könige und die Skepsis der deutschen Fürsten hervorrief, sondern auch Unmut der Gläubigen erzeugte. Die Kirche versuchte dieser Krise mit einer Straffung der Kirchenbürokratie durch Rationalisierung, Fiskalisierung und Juridifizierung entgegenzutreten. In der Theologie trat eine Disziplin hervor, die Ekklesiologie, die den Platz der Kirche in der Welt zu interpretieren und ihren Machtanspruch dogmatisch festzulegen versuchte. Abweichende Theorien wurden aufs Schärfste bekämpft, wie wir am Beispiel Eckharts noch sehen werden.

Allerdings führte die institutionelle Stärkung der Kirchenorganisation, zusammen mit dem kirchlich-weltlichen Machtstreit, auch zum Verlust des Vertrauens in die Glaubensinstitutionen.

3. Der Fundamentalstreit über die Armut war ein sichtbares Zeichen für die Verwerfungen im religiösen Leben der Zeit. Schon seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts hatten sich Bettelorden gegründet, die ihr Heil in der unbedingten Christusnachfolge suchten und das Armutsideal in den Mittelpunkt rückten. Der Erfolg der Bettelorden war auf dem Versuch gegründet, die sozialen Spannungen unter Rückgriff auf das gelebte Armutsgebot zu entschärfen. Dem stand nicht nur die Modernität der päpstlichen Kirchenverwaltung entgegen, wie es N. Winkler erwähnt, sondern auch der absolute Machtanspruch der Kirche.2 Äußerte sich also die radikale Christusnachfolge zum einen in der Gründung neuer Orden innerhalb der Kirche oder zum anderen in der Bildung religiöser Laienbewegungen außerhalb der Kirche, so reagierte die Kirche entweder inkorporativ oder vernichtend. Konnten manche Reform- oder Bettelorden (wie z.B. die Dominikaner und die Franziskaner) in die herkömmlichen Strukturen und Institutionen eingefangen werden, wurden andere Bewegungen, wie die der Waldenser oder Katharer, als häretisch ausgeschieden und vernichtet. Vom 12. Jahrhundert an bildeten sich auch mehr und mehr spirituelle Frauengemeinschaften, meistens innerhalb von Klöstern und insofern Nonnenmystik genannt (Hildegard von Bingen, Suster Hadewich, Mechthild von Magdeburg), aber auch ohne kirchliche Aufsicht in geregeltem Ordensleben, wie die Beginen. Gründe hierfür sind in dem starken Bevölkerungswachstum seit dem 12. Jahrhundert, dem hohen Frauenüberschuss und der gestiegenen sozialen wie intellektuellen Mobilität der Frauen innerhalb der sich ausbreitenden städtischen Gesellschaft und Kultur zu suchen.3

Gegen diese außerkirchlichen Gemeinschaften und ihrem individualistischen Ideengut, das letztlich die auf dem festgefügten Aufbau von Pfarrei, Dekanat und Bistum beruhende Kirchen- und Seelsorgeorganisation zerstörte, setzte die Kirche immer stärker auf härtere Maßnahmen, die zunehmend systematischere Züge hatten. Ab 1250 entstanden Inquisitionstribunale, denen Dominikaner vorsaßen. 1217 als Predigerorden gegründet und straff zentralistisch geführt, wurden sie nach ihrer „Bewährungsprobe“ während des Kreuzzugs gegen die Albingenser zur Abwehr häretischen Gedankengutes eingesetzt.

1274 verbot der Papst alle nichtklösterlichen Laiengruppen, die ihre Heilserwartungen über den direkten Kontakt mit Gott zu erfüllen suchten wie etwa die Beginen und Begarden, um die beiden Großorden vor Konkurrenz zu schützen. Als einen Höhepunkt kann man die KonstitutionCum inter nonnullus(1323) von Johannes XXII. sehen, in der er den radikalen Armutsgedanken für häretisch erklärt.

Meister Eckhart lebte somit in einer Zeit und Welt, in der sich das Christentum in einer schweren Krise befand und sich das religiöse Leben somit stärker als bisher individualisierte und emotionalisierte. Kleinste Abweichungen in Lehre und Verkündigung wurden durch eine verunsicherte Amtskirche kleinlichst beäugt. Universitäten wie die Sorbonne, einst Zentrum freien intellektuellen Denkens, gerieten mehr und mehr unter den Einfluss der Kurie.

2.2 Lebensdaten des Meister Eckhart

Schon allein die Tatsache, dass es eine belegbare und rekonstruierbare Biographie Eckharts gibt, zeigt, dass Meister Eckhart - im Unterschied zu den berühmten Dichtern des deutschen Mittelalters - „im vollen Rampenlicht der Geschichte steht“4. Allerdings gibt es - was aber auch für die meisten anderen Gelehrten des Mittelalters gilt - kaum Informationen über Eckharts Lebensstationen vor seinem 30. Lebensjahr. Mit Hilfe von Rückschlüssen aus diversen Quellen und vergleichbaren generellen Ausbildungswegen und Laufbahnen kann man dennoch einige Eckpfeiler datieren:

Eckhart von Hochheim, später Meister Eckhart genannt (Meister = Magister, welches die Bezeichnung für einen Professor im Mittelalter war), ist ca. 1260 in Tambach (entweder bei Gotha oder bei Erfurt) geboren. Es ist ziemlich gesichert, dass er das Dominikanerkloster in Erfurt besuchte und in Köln für sein Studium war.5

Urkundlich bestätigt begegnet uns Meister Eckhart erst 1293 als Lector Sententiarum in Paris, welches bereits einer gehobenen Stellung an der damals 100 Jahre alten Sorbonne, der berühmtesten Universität des Abendlandes, entsprach. Seine Aufgabe war es, die Sentenzen des Petrus Lombardus zu „lesen“ und zu interpretieren.6

Von 1294 bis 1298 war er Prior des Dominikanerklosters in Erfurt und Ordensvikar von Thüringen und später zusätzlich in Böhmen. In den Jahren 1302/03 unterrichtete er alsmagister acut regens(amtlich beauftragter Professor, „Ordinarius“) in Paris, wo er neben der Teilnahme an den Disputationen die Aufgabe hatte, die Bibel zu erklären (Aus dieser Zeit sind Bibelkommentare Eckharts überliefert.).

1303 sieht sich der Dominikanerorden gezwungen, seine zu groß gewordene deutsche Ordensprovinz in die Provinzen Teutonia und Saxonia zu teilen. Eckhart wird als neuer Provinzial der Saxonia eingesetzt, die von Thüringen bis in die Niederlande und bis nach Mecklenburg reicht.

Das Amt des Provinzials der Saxonia, welches er von Erfurt ausübte, gestattete Eckhart zahlreiche und lange Reisen durch die Provinz und zu den Generalkapiteln des Ordens. Dieser Tätigkeit schließt sich erneut eine Professur in Paris an (1311-1313). Dieses zweite Magisterium war eine Auszeichnung, die vor ihm nur Thomas von Aquin zuteil wurde.7 Von 1313 an übernimmt Eckhart das Amt des Generalvikars seines Ordens mit Sitz in Straßburg. Er wird mit der Seelsorge der Frauenklöster des Ordens im alemannischen Raum betraut, was in Zahlen ausgedrückt 65 Klöster sind, somit also ca. die Hälfte aller Frauenklöster des Dominikanerordens darstellte.8In dieser Zeit wird Eckhart wie vielleicht auch schon zu seiner Zeit als Provinzial mehr und mehr zum „Prediger Ungelehrter“, wie es L. Schmitz formuliert.9

Hier in Straßburg wird Eckhart zum ersten Mal angegriffen, vielleicht im Zusammenhang mit seiner Beginenseelsorge, die in Straßburg erst 1319 verboten wurde.10

Eckharts Abberufung aus Straßburg und Ernennung zum Leiter des Kölner Generalstudiums seines Ordens 1323 könnte mit den Straßburger Anfeindungen zusammenhängen.11In Köln tritt Eckhart in die Fußstapfen Albertus Magnus` und ist zweifellos verpflichtet, in der Tradition des vom neuplatonistischen und auch aristotelischen Denken beeinflussten Albertus Magnus zu unterrichten.

Nach drei Jahren in Köln eröffnet der Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg 1326 aufgrund von Denunzianten einen Inquisitionsprozess gegen Eckhart.121327 appelliert Eckhart an die für ihn als Dominikaner zuständige päpstliche Kurie in Avignon und begibt sich dorthin, um sich zu verteidigen. Entweder hier oder in Köln endet das Leben Eckharts.

3. Die Mystik Meister Eckharts

Generell sei erwähnt, dass es außerordentlich schwer ist, von der Mystik zu reden. Vielmehr umfasst die Mystik eine Vielfalt von unterschiedlichen mystischen Erscheinungsformen: so unterscheidet man grob monotheistische und polytheistische Mystik und Mystik, die nicht auf eine Gottheit gerichtet ist, wie im Buddhismus. Auch das Lexikon für Theologie und Kirche betont die schwere Fixierbarkeit des Begriffs Mystik:

Dieser „meint im strengen religionswissenschaftlichen Sinn die das gewöhnliche Bewusstsein und die verstandesmäßige Erkenntnis übersteigende, unmittelbare Erfahrung der göttlichen oder transzendenten Realität.“13

Auf Eckhart bezogen bedeutet Mystik eine Theologie des geistlichen Lebens, in der es um das <Erspüren> (bevinden) der göttlichen Gegenwart geht.14Mieth, dem es generell schwer fällt, Eckhart in die Tradition der deutschen Mystiker zu stellen, schreibt, „...dass das Erleben von Ekstasen, Sondererfahrungen, Visionen, Erscheinungen usw. bei Eckhart keine Rolle spielt.“15

Dennoch betont Bock, dass Eckhart den Zustand tiefster innerer Freude, der von vielen Mystikern beschrieben wird, kennengelernt hat:

„Geschieht´s, dass das Kind in dir geboren wird, so hast du so große Freude durch jedes der guten Werke, die in dieser Welt geschehen, dass deine Freude die allergrößte Beständigkeit erlangt, so dass sie sich nicht ändert.“16

Auch die mystische Einigung mit dem Göttlichen beschreibt Eckhart, so dass man davon ausgehen kann, dass er Zustände tiefster Versenkung erfahren hat:

„...so wird auf alle Weise das Fünklein in der Seele emporgetragen in dem Lichte und in dem heiligen Geiste und auf solche Weise hinaufgetragen in den ersten Ursprung und wird ganz so eins mit Gott und strebt so ganz ins Eine und ist in eigentlicherem Sinne eins mit Gott, als die Speise mit meinem Leibe ist.“

„Denn mir wird in diesem Durchbrechen zuteil, dass ich und Gott eins sind.“17

Auch Eckharts Aussagen über seine eigenen Verkündigungen zeugen davon, dass seine mystischen Erfahrungen von solch einem unschätzbaren Wert sind, dass er nicht aufhören kann, darüber zu sprechen:

„Wer diese Predigt verstanden hat, dem vergönne ich sie wohl. Wäre niemand hier gewesen, ich hätte sie diesem Opferstock predigen müssen.“18

Die Theologie Eckharts ist nicht einfach darzustellen, da er kein zusammenhängendes System in Form einer Systematik entworfen hat. Vielmehr muss man daher versuchen, seine Themen und Thesen aus lateinisch geschriebenen Abhandlungen und Predigten und belehrenden Schriften in deutscher Sprache zusammenzustellen. In seinen Predigten und Traktaten in deutscher Sprache wie dieReden der Unterweisung, dasBuch der göttlichen Tröstungund die Predigt vom edlen Menschenfinden sich hauptsächlich die mystischen Aussprüche und Lehren Eckharts. Seine engagierte Sprache ist reich an Bildern und Vergleichen und an überraschenden Paradoxien. Viele seiner Äußerungen über Gott und Göttliches erscheinen recht gewagt und können, so argumentieren viele Historiker, besonders, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen sind, Anlass zu Kritik und Missdeutungen geben.19So kann ein Ausspruch Eckharts „Wer immer seinen Willen Gott gänzlich aufgibt, der fängt Gott und bindet Gott, so dass Gott nichts vermag, als was der Mensch will.“20

durchaus so verstanden werden, dass der Menschenwille größer ist als der Wille Gottes. Vielleicht war Eckhart angesichts der Unfasslichkeit Gottes nicht in der Lage, seine Gedanken und Empfindungen verständlicher auszudrücken, vielleicht war er auch seiner Zeit (und auch unserer) voraus, wie es sein Schüler Heinrich von Seuse formulierte. Festzuhalten sei hier aber, dass solche Aussagen sicherlich schwer von den ungebildeten Kreisen zu verstehen waren und auch in gebildeten Kreisen misstrauische Aufmerksamkeit zu erregen vermochten.

Der Gottesbegriff bei Eckhart

In seinen Schriften finden sich zwei Gottesbegriffe gleichzeitig. Zum einen spricht er von dem vorstellbaren Schöpfergott (Gottvater), der sich in der Trinität zeigt (Gottvater, Sohn, Heiliger Geist), zum anderen kann er Gott nur als den unvorstellbaren, eigenschaftslosen und transzendenten Gott „charakterisieren“, wie ihn die Antike oder Pseudo-Dionysios sahen. Eckhart ist sich der Gegensätzlichkeit der beiden Begriffe durchaus bewusst und versucht zu erklären:

„Ehe die Kreaturen waren, war Gott noch nicht >Gott<: er war vielmehr, was er war. Als die Kreaturen wurden und sie ihr geschaffenes Sein empfingen, da war Gott nicht in sich selber Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott.“ „Wieder will ich sagen, was ich (noch) nie gesagt habe: Gott und Gottheit sind so weit voneinander verschieden wie Himmel und Erde.“21

Der Unterschied besteht also darin, dass sich die Menschen aufgrund ihrer engen Fassungskraft ein Bild von Gott machen mussten, wodurch das „Bild“ von der Trinität Gottes entstand, das aber nicht dem eigentlichen Gott entspricht.

Der Mensch Jesus ist für Eckhart weniger wichtig. Jesu Predigten und Wundertaten beschäftigen ihn nicht so sehr als der soterologische Gehalt seiner Menschwerdung. Gott wurde Mensch, damit wir ihm näher kommen und uns damit von der Welt befreien können:

„Darum ist Gott gestorben, damit ich in der Welt und allen geschaffenen Dingen absterbe.“22

„Absterben“ bedeutet nicht im wahrsten Sinne des Wortes „sterben“, sondern bezieht sich auf die Selbstaufgabe des eigenen „Ichs“ - hierzu aber später mehr.

Jesus Kreuzestod und die dadurch bewirkte Vergebung der Sünden haben in Eckharts Gedankenwelt nur einen verhältnismäßig kleinen Platz, denn die Sünde existiert in der Welt, weil der Mensch noch einen zu großen Eigenwillen besitzt. Erst die völlige Hingabe in Gottes Willen ergibt das wahre Gute und erstickt die Sünde. Das Ziel des Gläubigen muss die Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen sein, wobei Gott der suchenden Seele durch die Inkarnation Jesu einen Schritt entgegen gegangen ist. Diese Idee, durch Pseudo-Dionysios im Christentum bekannt geworden, stammte von den Stoikern und den späteren Vertretern des Neuplatonismus wie Proklos. Zuletzt genannter bezeichnete den obersten Teil der Seele als „Seelenfunken“, ein Ausdruck, der auch von Eckhart verwendet wurde. Nach dem Motto <Ähnliches wird nur von Ähnlichem erkannt> ist dieser Seelenfunken göttlichen Ursprungs, ist in den Menschen eingehaucht. Die Seele kann nun über diesen göttlichen Teil zur Erkenntnis Gottes gelangen, wenn Gott ihr entgegen kommt, sich ihr offenbart. Das geschieht in tiefer Abgeschiedenheit und in Hinwendung zum eigenen Inneren. Diese Lehre von der Gottesgeburt wird auf Paulus zurückgeführt, wo es in Gal 4, 19 heißt:

„...bis dass Christus in euch Gestalt gewinne.“

Die Idee, die dahinter steckt, ist, dass Gott permanent und zeitlich unbegrenzt seinen Sohn „gebiert“.

„Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass Eckhart prozessual denkt (...), dass z.B. Schöpfung und Erlösung bei ihm unaufhörliche Vorgänge sind.“23

Seinen Sohn gebiert Gott in die Seele der Menschen, in deren Seelenfunken, womit der Mensch ein Teil vom göttlichen Wesen erfährt. Weiterhin sagt Eckhart und geht damit deutlich weiter als seine Zeit, dass durch die Gottesgeburt die Seele, ja der ganze Mensch, Gott gleich wird.

Der Weg zur Vereinigung führt über die völlige Selbstaufgabe. Diese besteht in der Abkehr von materiellen Gütern, von jeglicher Bindung an Irdisches und in der Beseitigung jeden Eigenwillens. Einen möglichen Weg zum Erreichen dieses Ziels, wie Ignatius von Loyola diesen drei Jahrhunderte später in seinenGeistlichenÜbungen24beschrieb, hat Meister Eckhart nicht entworfen oder er ist der Nachwelt nicht überliefert.

Am Ende der kurzen Darstellung eckhartscher Theologie soll auf seine Haltung zur Sündentheologie näher eingegangen werden, stand sie doch in offenem Widerspruch zu der von der Amtskirche vertretenen. Eckhart, durch langjährige Seelsorgearbeit für die Nöte und Ängste seiner Mitmenschen sensibilisiert, wusste um die zerstörerische Kraft der Schuldgefühle und versuchte diesen durch eine „Spiritualität des Trostes“25entgegenzuwirken. Hatte Gott die Welt aus sich heraus erschaffen, so war die Sünde ein Teil der Schöpfung, so Eckhart. Die Neigung zur Sünde sei aber nicht allein Sünde - gehöre sie doch zur menschlichen Natur - aber sündigen wollen, das ist Sünde. Erkennt der Mensch aber die begangene Schuld und lässt sie hinter sich, „...so dürfte er nicht wünschen, sie nicht begangen zu haben.“26

Die Kirche war für Sätze dieser Art hellhörig geworden, weil gerade die Sündentheologie zu den neuralgischen Punkten der zeitgenössischen häretischen Bewegungen gehörte, da sie das kirchliche Privileg der Sündenvergebung als Stellvertreter Gottes auf Erden - mit dem Macht und Geld verbunden war -unterminierten.

4. Der Prozess

4.1 Nikolaus von Straßburg - der erste Ankläger

Nikolaus von Straßburg wurde am 1. August 1325 zum päpstlichen Visitator der Teutonia berufen. Köln, wo Eckhart zu jener Zeit wahrscheinlich die Stelle des „Magister regens“ des Generalstudiums bekleidete, gehörte zur Teutonia. War Nikolaus von Straßburg als Lektor Eckhart unterstellt, so war er als Visitator der Überprüfer von dessen Lehre.27 Ohne besonderen Auftrag führte Nikolaus von Straßburg 1325/26 ein Verfahren gegen Eckhart, mit dem Ziel, Eckharts Lehren auf ihre Rechtgläubigkeit zu überprüfen. Im Vordergrund der Anklage stand derLiber Benedictus, eine deutsche Schrift Eckharts. Über die Gründe, die Nikolaus von Straßburg bewegten, Anklage zu erheben, herrscht geteilte Meinung: Kurt Ruh vermutet, dass Nikolaus einer Anklage des Kölner Erzbischofs zuvor kommen wollte.

„Das geschah im Interesse Eckharts, der das Vorgehen Nikolaus` gebilligt, vielleicht sogar angeregt haben dürfte, und es geschah im Interesse des Ordens, der ja in der Person eines seiner höchsten Vertreter mitangeklagt war.“28

Klagte er also an, um mit einem Freispruch das erzbischöfliche Inquisitionsverfahren zu verhindern, so muss man annehmen, dass bereits schwerwiegende Vorwürfe gegen Eckhart vorlagen. Winfried Trusen argumentiert, dass möglicherweise Beschuldigungen gegen Eckhart von einigen seiner eigenen Ordensbrüder erhoben worden seien. Als Visitator war Nikolaus verpflichtet, diesen nachzugehen.29

Die Beschuldigungen bezogen sich auf Eckharts Predigtweise. Offenbar haben Mitbrüder, die seine Mystik nicht nachvollziehen konnten, ihn in seinen Predigten nicht verstanden. Das dies nicht wenige waren, beweisen seine eigenen Äußerungen imBuch der göttlichen Tröstung:

„Was kann ich dafür, wenn jemand das nicht versteht.“

„Ist aber jemand, der dieses Wort unrecht versteht, was kann der Mensch (d.h. wohl er selbst) dafür, der dieses Wort, das recht ist, äußert?“30

Welche Umstände nun auch verantwortlich dafür waren, dass es zu einer solchen Anklage durch Nikolaus von Straßburg kam, das Verfahren endete mit einem Freispruch, der allerdings nicht mehr Rechtswirksamkeit besaß als eine gutachterliche Stellungnahme.31

4.2 Heinrich II. von Virneburg

Entspräche es der Vermutung, dass Nikolaus von Straßburg einem möglichen Inquisitionsverfahren durch seine Anklage zuvorkommen wollte, so darf man sein Vorhaben als gescheitert betrachten. Denn noch im Jahr des ersten Prozesses, 1326, eröffnete der Erzbischof von Köln, Heinrich II. von Virneburg, einen Inquisitionsprozess gegen Meister Eckhart. Die Kommissare waren Reinerius Friso, Doktor der Theologie, und der Franziskanertheologe Petrus de Estate und als dessen Nachfolger Albert von Mailand. Heinrich von Virneburg war während seiner gesamten Amtszeit (1304-1332) ein gefürchteter Inquisitor. Zahlreiche Verurteilungen wegen Ketzerei, vor allem gegen Beginen und die Brüder und Schwester vom Freien Geiste, die verbrannt oder im Rhein ertränkt wurden, gehen auf sein Konto. Ruh vermutet, dass er ein starkes, persönliches Interesse an der Verurteilung Eckharts gehabt haben muss.32Als Indiz benennt er ein Schreiben von Heinrich an den Papst Johannes XXII. vom Frühjahr 1329 - also nach dem Tod Eckharts - (das sich allerdings nur aus der Antwort erschließt), in dem er seiner Sorge Ausdruck verleiht, dass die Kurie nunmehr das Verfahren gegen Eckhart ohne Urteilsspruch einstellen werde. Während Ruh keine Gründe für dieses persönliche Interesse Heinrichs an einer Verurteilung kennt, mutmaßt Wilhelm Janssen über Heinrich:

„...fühlte er sich doch durch die 1301 erfolgte Trennung der deutschen Ordensprovinz der Dominikaner in die Teutonia und die Saxonia, die mitten durch das Kölner Erzstift ging, in seinen landesherrlichen und bischöflichen Interessen verletzt, worüber er sich beim Papst zuvor wortreich beklagt hatte. Seine Gefühle für den Orden können nicht sehr freundlich gewesen sein.“33

Trusen gibt zu Bedenken, dass es Bischöfen allerdings auch vorgeschrieben war, streng gegen vermeintliche Ketzer vorzugehen. Der Bischof von Köln wurde aus dieser Sichtweise gleichsam von der kirchlichen Gesetzgebung dazu gezwungen, gegen Eckhart vorzugehen.34Aus seinem eigenen Orden stellten sich seine Kölner Mitbrüder Hermann de Summo und Wilhelm von Nidecken als Ankläger und Zeugen zur Verfügung. Laut einer Anklageschrift des päpstlichen Generalprokurators des Dominikanerordens waren die beiden jedoch als „notorische Intriganten, Zuträger, Falschzeugen, Verleumder“35bekannt.

Bezeichnenderweise entzog sich Hermann, dem disziplinarische Maßnahmen des Visitators drohten, diesem durch eine Reise nach Avignon, wo ihn ein Haftbefehl erwartete, da er das Kölner Predigerkloster ohne Erlaubnis verlassen hatte, und auch Wilhelm versuchte, sich einer Zeugenaussage zu entziehen, was aber durch seine sofortige Verhaftung verhindert werden konnte.

Im Herbst des Jahres 1326 kam es zu mehreren Untersuchungsverhandlungen, in denen sich Eckhart über 49 seitens der Inquisitioren vorgelegten Sätze äußern sollte. Die Sätze stammten aus seinen lateinischen Werken, u.a. demLiber Benedictus, aus demBuch der göttlichenTröstungsowie aus seinen deutschen Predigten.

In der Literatur findet sich keine vollständige Liste der verurteilten Sätze. Eleonore Bock stellt zumindest ein paar der später auch von der päpstlichen Kurie verurteilten Aussagen Eckharts vor und ordnet sie nach verschiedenen Themenbereichen. Einer umfasst Aussagen Eckharts, die sich mit dem Schöpfergott und der Schöpfung befassen:

„Desgleichen kann zugegeben werden, dass die Welt von Ewigkeit her gewesen ist.“36

Ein zweiter Bereich beinhaltet Sätze, in denen Eckhart Gebet und gute Werke ablehnt und jedes Streben nach Belohnung verurteilt, wenn Eigennutz ihr Motor und somit das selbstsüchtige „Ich“ ihr Ursprung ist:

„Wer um dieses oder jenes bittet, der bittet um Übles und in übler Weise, weil er um die Verneinung des Guten und um die Verneinung Gottes bittet, und er betet darum, dass Gott sich ihm versage.“

„Die nach nichts trachten, weder nach Ehren noch nach Nutzen noch nach innerer Hingabe noch nach Heiligkeit noch nach Belohnung noch nach dem Himmelreich, sondern auf dieses alles verzichtet haben, auch auf das, was das ihrige ist, - in solchen Menschen wird Gott geehrt.“

„Gott befiehlt nicht ausdrücklich das äußere Werk.“37

Man kann sich vorstellen, dass diese Sätze durchaus den Unmut der Amtskirche hervorrufen mussten. Waren seine Aussagen über die Schöpfung völlig konträr zur Lehrmeinung der Kirche, dass die Welt ca. 4000 v. Chr. in einer Woche erschaffen wurde, so griffen seine Aussprüche über die guten Werke, d.h. auch Spenden, sogar die Existenz der Kirche an. Auch die Autorität des damaligen Papstes Johannes XXII., der als „überaus prachtliebend“38bekannt war, wurde durch solche Äußerungen, gerade nach den Streitigkeiten mit den das Armutsideal nacheifernden Franziskanern39, untergraben.

Weiterhin wurden Sätze Eckharts verurteilt, die sich mit seiner Sündentheologie befassten. Da diese bereits im Zusammenhang mit der Theologie Eckharts angesprochen wurde, soll nun noch der letzte Themenbereich seiner für häretisch gehaltenen Aussagen angeschnitten werden. Dabei handelt es sich um Äußerungen, die auf seine mystischen Erlebnisse zurückzuführen sind und sich um die Vereinigung mit Gott drehen:

„Wir werden völlig in Gott umgeformt und in ihn verwandelt; auf gleiche Weise, wie im Sakrament das Brot verwandelt wird in den Leib Christi; so werde ich in ihn verwandelt, dass er selbst mich hervorbringt als ein Sein als eines, nicht (etwa nur) als gleiches; beim lebendigen Gott ist es wahr, dass da kein Unterschied besteht.40

Die Vereinigung mit Gott, insbesondere die Betonung der Gleichheit mit Gott, war sicherlich nicht nur in den Augen der damaligen Amtskirche eine häretische Anmaßung sondersgleichen.

Diesen Themen hatte sich Eckhart zu stellen und sich gegenüber den Anfeindungen der Inquisitionskommission zu rechtfertigen.

In der Verhandlung am 26. September 1326 bestritt er, gestützt auf die Freiheit und die Privilegien seines Ordens und auf seine Magisterwürde, die Zuständigkeit des Gerichts. Auch erwähnte er, dass nur Neider solche verleumderischen Beschuldigungen gegen ihn vorbringen könnten, ist er doch von seiner Rechtgläubigkeit felsenfest überzeugt. Seine Erklärung endet mit den Sätzen:

„Irren kann ich, aber nicht ein Häretiker sein. Denn das erste betrifft den Verstand, das zweite aber den Willen“41

Obwohl er die Zuständigkeit des Gerichts bestritt, bekennt er sich zu den zusammengestellten Sätzen und rechtfertigt sie gegenüber seinen Gegnern und geht mit seinen Verleumdern und Kritikern hart ins Gericht.

„Wie in jedem einzelnen der Sätze, die ich gepredigt, gelehrt und geschrieben habe, die Unwissenheit und Beschränktheit derer zum Vorschein kommt, die solches zu entstellen trachten, so erhellt auch aus den obigen Erklärungen die Wahrheit dessen, was ich gesagt und geschrieben habe.“42

Damit ist aber der Prozess vor den erzbischöflichen Inquisitoren nicht zuende. Trusen vermutet, dass der Inquisitionsprozess von Anfang an darauf angelegt war, Eckhart als Häretiker zu überführen.43Im Rahmen einer weiteren Beweisaufnahme bekommt Eckhart

eine weitere Liste mit verdächtigen Sätzen, zu der er in der nächsten Sitzung Stellung zu nehmen hat. Weitere Listen folgten - insgesamt waren es wohl drei oder vier.

4.3 Avignon

Eckhart, wohl genervt von den ständigen Vorladungen und Wiederholungen seiner Rechtfertigungen, beschließt, dem ein Ende zu bereiten und in die Offensive zu gehen. Am 24. Januar 1327 lässt er vor den Untersuchungsrichtern eine Appellation verlesen, in der er eine Entscheidung des Papstes Johannes` XXII. fordert.

Kurze Zeit später wendet sich Eckhart mit einer öffentlichen Erklärung in der Predigerkirche in Köln an das Volk, beteuert seine Rechtgläubigkeit und erklärt sich zum Widerruf bereit, wenn ihm in seinen Schriften oder Predigten häretische Äußerungen nachgewiesen werden könnten. Am 22. Februar wird ihm mitgeteilt, dass seine Appellation abgelehnt wurde, jedoch stände es ihm frei, selbst beim Papst in Avignon vorzusprechen.

Also begibt sich Eckhart nach Avignon und verteidigt sich noch einmal vor einer vom Papst bestellten Untersuchungkommission, der das von Köln angeforderte Untersuchungsmaterial zur nochmaligen Überprüfung vorlag. Da es über den Verlauf des Prozesses in Avignon nur wenige Quellen gibt, bleibt der Rest Mutmaßung. Bekannt ist lediglich, dass von den über hundert Sätzen, die auf den Listen der erzbischöflichen Inquisitoren standen, lediglich 29 von der päpstlichen Kommission übernommen wurden. In diesem Verfahren, nunmehr lediglich ein Zensurverfahren, ging es nur noch um die Formulierung der einzelnen Sätze. „[H]ereticus, pruot sonat“44lautete schließlich das Urteil: In der BulleIn agro dominicovom 27. März 1329 wurden 17 seiner Sätze als „häretisch“, 11 weitere als „übelriechend“ bezeichnet.

Die endgültige Verurteilung seiner Aussagen erlebte Eckhart nicht mehr. Wahrscheinlich starb Eckhart 1328. Über seinen Tod ist nichts bekannt, auch nicht über sein Begräbnis, was bei einem Theologen und Ordensoberen seines Ranges absolut ungewöhnlich ist. Ob Eckhart ein Opfer der Inquisition geworden ist, ist aber reine Spekulation. Vielmehr erscheint es logischer, dass ihn als 68-Jähriger die beschwerliche 900 km lange Anreise nach Avignon geschwächt hatte und er eines natürlichen Todes gestorben ist.

5. Schlussbetrachtungen

Meister Eckhart hat sich als ein überaus engagierter Mann erwiesen, der streng den Geboten seines Ordens und der Kirchenspitze folgte, wenngleich er mit seinen Aussagen diese auch provozierte. Vielleicht nur, weil er seine Gedanken und Gefühle über Gott und den Glauben nicht in einer verständlichen Sprache wiedergeben konnte, vielleicht weil er seiner Zeit einfach voraus war. Nie aber trachtete er sich gegen die Kirche und den von ihr vertretenen Glauben aufzulehnen, jedenfalls nicht öffentlich. Das Verfahren gegen ihn muss man daher auch im Kontext der kirchlichen Unsicherheit sehen, die ich in 2.1 dargestellt habe. Mieth meint dazu:

„Das Exempel, das mit seiner Verurteilung im niederrheinischen Raum statuiert wurde, galt schon nach der Ansicht seiner Zeitgenossen weniger dem Meister selbst (...), als diesen Laienbewegungen, die sich mit Eckharts Autorität zu stützen versuchten.“45

Allerdings darf die Frage erlaubt sein, warum ein Gebildeter des Formats Eckharts die Auswirkungen seiner Aussagen nicht voraussehen konnte. Mögen viele Sätze Eckharts auch in der Verzückung mystischen Empfindens gesprochen oder niedergeschrieben worden sein, so fällt es doch schwer, Eckhart nur in der Rolle des Opfers zu sehen, denn ihm musste bewusst gewesen sein, dass er den Machtanspruch der Amtskirche, so verwerflich dieser und die Methoden seiner Aufrechterhaltung auch waren, durch seine Theologie unterwanderte. Warum er dies dennoch tat (aber diesen Weg nicht bis zur bittersten Konsequenz ging) bleibt hinter dem Vorhang der Geschichte verborgen.

Soviel bleibt noch zu sagen: Eckharts Wirken auf die Nachwelt hat bis heute nichts von ihrer Stärke eingebüßt. Obwohl sein eigener Orden sich aus politischen Gründen „nach dem Urteil von einem ihrer größten Söhne“46 distanzierte und seine Schriften nicht in den Schriftstellerkatalog des Ordens aufgenommen wurden, sind viele seiner Werke der Nachwelt überliefert worden.

In Zeiten wieder stärker werdenden Spiritualität und einer Esoterikwelle, die vermehrt einen mystischen und persönlich erfahrbaren Glauben sucht, besinnt sich auch die Kirche wieder auf ihre Mystiker und bietet Kurse und Seminare über diesen großen Denker an.47Auch die auf Versöhnung und Kommunikation mit anderen Religionen bemühte Ökumene sieht in Eckhart eine Mittlerfigur zwischen dem Christentum und den mystischen Strömungen in den diversen Weltreligionen, insbesondere dem Buddhismus.

6. Literaturverzeichnis

Bock, Eleonore,Die Mystik in den Religionen der Welt, Zürich 1991

Ignatius von Loyola,Die Exerzitien, übertragen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedel 6, 1979

Janssen, Wilhelm,Zeit und Umwelt Meister Eckharts, in: Wort an Wort, 38. Jahrgang, 1997 Heft 2

Karrer, Otto/Piesch, Herma,Meister Eckharts Rechtfertigungsschrift vom Jahre 1326, Erfurt 1927

Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg, 1962, Band 7

Linnewedel, Jürgen,Meister Eckharts Mystik, Stuttgart 1983

Mieth, Dietmar,Meister Eckhart, Olten 1979

Quint, J.,Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, München 1955

Ruh, Kurt,Meister Eckhart - Theologe, Prediger, Mystiker, München 1985

Schmitz, Lambert,Meister Eckhart - Glanz und Elend einer großen Berufung, in: Wort an Wort, 38.Jahrgang, 1997 Heft 2

Stachel, Günter,Meister Eckhart: Beiträge zur Diskussion seiner Mystik, Stuttgart 1998

Trusen, Winfried,Der Prozeßgegen Meister Eckhart, Paderborn 1988

Winkler, Norbert,Meister Eckhart zur Einführung, Hamburg 1997

[...]


1Ruh, S. 18

2Winkler, S. 22

3Janssen, S. 58

4vgl. Ruh, S. 19

5Bei diesen Punkten gibt es einige Streitigkeiten, auf die ich hier nur am Rande eingehen möchte, da sie für die Arbeit von keiner Relevanz sind: Bei dem erwähnten Hochheim nimmt der Großteil der herangezogenen Literatur an, dass es sich dabei um das Hochheim bei Erfurt handelt und nicht das bei Gotha. Strittig ist auch, ob Eckhart seine fünfjährige theologische Grundausbildung in Köln oder in Straßburg erhalten hat. Einiges spricht jedoch für Köln, da es die Regel war, dass die deutschen Nachwuchstheologen des Ordens an das Generalstudium geschickt wurden. Josef Koch stellte die These auf, dass Eckhart in Paris sein Artes-Studium absolvierte (vgl. hierzu Ruh, S. 20).

6vgl. Stachel, S. 7

7L. Schmitz vermutet, dass Eckhart hier auch das Werk der später exekutierten Begine Marguerite Porète kennenlernte. In ihren Schriften finden sich viele Parallelen zu den Aussagen Eckharts. Z.B. Die Seele muss zum „Nichts“ werden und hat alsdann alles. (vgl. Schmitz, S. 52)

8Seit 1267 war dem Dominikanerorden vom Papst auch die Nonnenseelsorge auferlegt. Da die Nonnen vielmals keine Lateinkenntnisse besaßen, war der Prediger gezwungen, das scholastische Latein zugunsten der Volkssprache aufzugeben. N. Winkler bemerkt, dass hier Deutsch in den Rang einer philosophischen Sprache tritt. (vgl. Winkler, S.23)

9Schmitz, S. 52

10Der Papst verbot 1274 alle nichtregulierten Laiengruppen, die einem individuellen Frömmigkeitsideal nachfolgten, wie etwa Beginen und Begarden, um die beiden Großorden (Dominikaner und Franziskaner) vor Konkurrenz zu schützen. (vgl. oben S. 5)

11vgl. Stachel, S. 7

12Anbei sei erwähnt, dass die Akten des Prozesses für die Eckhartforschung von größtem Wert sind, da sie die Echtheit von dort zitierten Eckhartpredigten und -traktaten beweisen.

13Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 7, S. 732

14vgl. Mieth, S. 65

15Mieth, S. 65

16Bock, S. 414

17Bock, S. 414-415

18Bock, S. 408

19Vgl. hierzu Linnewedel, S. 24f und Bock, S. 409f

20Bock, S. 410

21Bock, S. 410

22Bock, S. 411

23Mieth, S. 22

24siehe: Ignatius von Loyola

25Ruh, S. 38

26Ruh, S. 37

27Ruh, S. 168

28Ruh, S. 169

29Trusen, S. 66

30Bock, 408

31Trusen, 71

32Ruh, S. 169

33Janssen, S. 57

34Trusen, S. 71

35Ruh, S. 170

36Bock, S. 417

37Bock, S. 417

38Bock, S. 418

39vgl. oben, S. 4/5

40Bock, S. 417

41Karrer/Piesch, S. 79

42Karrer/Piesch, S. 99/100

43vgl. Trusen, S. 78

44Trusen, S. 118

45Mieth, S. 32/33

46Ruh, S. 171

47Sucht man im Internet unter dem Stichwort „Meister Eckhart Seminare“, so begegnet einem eine Vielzahl von Seminaren zu Eckhart an Hochschulen, Universitäten und Volkshochschulen im gesamten Bundesgebiet.

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Meister Eckhart
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V105505
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
gute Hausarbeit
Schlagworte
Meister, Eckhart
Arbeit zitieren
Petra Schulz (Autor), 2001, Meister Eckhart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105505

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