Chinas Beitritt zur WTO


Seminararbeit, 2001

13 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Etappen der Beitrittsverhandlungen
1.2. WTO: Chancen und Risiken
1.3. Fragestellung und Zielsetzung

2. Spieltheoretischer Ansatz

3. Verhandlungstheoretischer Ansatz

4. Schlussfolgerungen

5. Literatur

1. Einleitung

Welthandel ist in den letzten Jahrzehnten zu einer bestimmenden Grösse in den internationalen Beziehungen geworden. Dabei hat es sich als notwendig erwiesen, den Welthandel zu regulieren. Diese Aufgabe übernimmt die WTO (World Trade Organization), die als Nachfolger des GATT-Abkommens internationale Handelsbeziehungen organisieren, Handelspraktiken überprüfen und bei Handelskonflikten Streit schlichten soll. Dabei sollen die GATT-Prinzipien - Gegenseitigkeit der handelspolitischen Leistungen, Liberalisierung (Abbau von Zöllen und weiteren Handelshemmnissen) und Meistbegünstigung (Zoll- und Handelsvorteile für GATT-Mitglieder) - weiterverfolgt werden.

Die tragenden Akteure innerhalb der WTO sind die Mitglieder selber. Wichtige Beschlüsse werden gemeinsam gefällt, und zwar auf Ministerebene. Entscheide werden üblicherweise im Konsens getroffen. Wo eine Anpassung eines WTO-Abkommens erforderlich wird, müssen die Beschlüsse erst von den Mitgliederländern gemäss ihren landeseigenen, von der Verfassung vorgeschriebenen Verfahren ratifiziert werden. (SECO o.J.: 2)

Die Bedeutung der WTO steigt mit dem zunehmenden Stellenwert des Welthandels. Länder, die davon ausgeschlossen sind oder nicht mithalten können, laufen Gefahr, längerfristig ins Hintertreffen zu geraten. So hat sich auch China entschlossen, sich mehr für den Welthandel zu öffnen.

1.1. Etappen der Beitrittsverhandlungen

Nach dem Tod Maos und mit der Machtübernahme Deng Xiaopings wurde 1978 mit der 3. Plenartagung der KP China eine Modernisierung eingeleitet, die aber weniger auf politische als auf ökonomische Neuerungen abzielte. Entscheidend war vor allem die wirtschaftliche Öffnung gegenüber dem Westen, der eine stärkere Partizipation des kapitalistischen Auslands beabsichtigte. Der wichtigste Schritt dazu erfolgte im Jahr 1986 mit dem Beitrittsgesuch zum GATT-Abkommen (General Agreement on Tariffs and Trade), bei dem China 1948 zwar Mitbegründer gewesen, allerdings ein Jahr nach der Ausrufung der Volksrepublik wieder ausgetreten war. Anfängliche Erfolge in den Verhandlungen wurden durch das Tiananmen- Massaker 1989 jäh unterbrochen. Mit dieser Blutbad katapultierte sich China vorübergehend ins aussenpolitische Abseits. (Fan 2000: 5)

1995 ersetzte die WTO das GATT-Abkommen. Noch vor ihrem Inkrafttreten hatte sich China bemüht, die Gespräche wieder aufzunehmen. Die USA stellten aber hohe Forderungen an China, das seinen Markt für US-Waren komplett öffnen sollte. Dies stiess in China auf heftigen Widerstand. Die Uneinigkeiten über den Marktzugang, intellektuelle Eigentumsrechte und andere Angelegenheiten vereitelten das Zustandekommen eines Abkommens. Zwischen 1994 und 1997 wurden die Verhandlungen unterbrochen. Dies nicht zuletzt, weil das Säbelrasseln mit Taiwan in den Jahren 1995/96 die Verhältnisse zwischen China und den WTO-Ländern, namentlich den USA, trübten. (Fewsmith 1999: 3)

Ein Gipfeltreffen zwischen den USA und China belebte die Verhandlungen 1998 wieder. China versprach die Senkung von Zöllen. Die USA insistierten allerdings, dass China mehr Importe ausländischer Produkte und Dienstleistungen zulässt. Zudem blieben Unstimmigkeiten bezüglich Landwirtschaft und Dienstleistungen bestehen. (Fan 2000: 5) Im Januar 1999 signalisierte China dann doch, substanzielle Konzessionen machen zu wollen. Es blieben aber nach wie vor viele Uneinigkeiten, vor allem im Telekommunikations-, Banken-, Sicherheits- und Textilbereich, welche die Verhandlungen im April scheitern liessen. Und im Mai verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern durch die (von der NATO anschliessend als versehentlich erklärte) Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad im Rahmen eines Militärschlags gegen Slobodan Milosevic. Dies liess die Verhandlungen erneut fast scheitern.

Schliesslich konnten sich die USA und China im November 1999 dennoch über die bilateralen Bedingungen für den Beitritt Chinas zur WTO einigen. Der grösste Stolperstein für Chinas Beitritt war damit überwunden. Allerdings musste China weitgehende Konzessionen machen. In zahlreichen Bereichen, auch auf dem Sektor der Finanzdienstleistungen, muss China seine Märkte radikal öffnen, Exportssubventionen streichen und Zolltarife senken. (Fan 2000: 4f.)

Da es sich beim Beitritt in die WTO um einen multilateralen Prozess handelt, bei dem Verhandlungen mit allen WTO-Mitgliedern nötig sind, musste sich China nun den Verhandlungen mit der EU zuwenden. Da die EU grösstenteils die Abmachungen der Chinesen mit den USA übernahmen, konnte man sich schliesslich im Mai 2000 auch hier einigen. Gleichzeitig billigte das US-Repräsentantenhaus die Vereinbarungen zwischen den USA und China. Weitere Verhandlungen im Juni 2001 erzielten zudem Fortschritte bezüglich der Höhe der chinesischen Agrarsubventionen.

Der WTO-Beitritt Chinas wird somit für die zweite Jahreshälfte 2001 erwartet. Wie stabil die Beziehungen zwischen den USA und China aber sind, ist - nicht zuletzt nach dem Regierungswechsel in den USA und dem Spionageflugzeug-Zwischenfall - ungewiss. Auch wird erwartet, dass China nach seinem WTO-Beitritt nichts unversucht lassen wird, die von den WTO-Regeln diktierten Marktöffnungen zu unterlaufen. (Strittmatter 2000b: 26, 2001: 29)

1.2. WTO: Chancen und Risiken

Für ein besseres Verständnis der Positionen Chinas und der WTO-Länder ist es von Bedeutung, die Chancen und Risiken für die Beteiligten bei einem Beitritt Chinas zur WTO aufzuzeigen. Dabei wird bei den WTO-Mitgliedern nur auf die USA, der wichtigste Verhandlungspartner, eingegangen.

Chinas Vorteile eines WTO-Beitritts sind zweifellos die damit verbundene Stabilität wirtschaftlicher Beziehungen, eine stärkere und schnellere ökonomische Reform und ein längerfristiges Wirtschaftswachstum aufgrund Effizienz und Innovation. (Cheng 1999: 1ff.) Ein Beitritt zur WTO bedeutete auch ein Prestige-Gewinn, da dies den Status Chinas als Weltmacht würdigen würde. (Barry 2001: 2)

Allerdings wird der WTO-Beitritt auch viele Probleme wie die nicht konkurrenzfähige Landwirtschaft, das von faulen Krediten zerfressene Bankensystem und die schwerfällige Staatsindustrie verschärfen. Ganze Industriezweige sind nicht vorbereitet auf den Ansturm der ausländischen Konkurrenz, so das Banken- und Versicherungswesen, die Petrochemie sowie die Automobil- und Telekommunikationsindustrie. Die Arbeitslosigkeit wird stark ansteigen. (Fan 2000: 1, Strittmatter 2000a: 31)

Die USA ihrerseits profitieren von der Beseitigung der Zollbarrieren für Importe ausländischer Waren und Dienstleistungen. Schätzungen zufolge liegt der daraus resultierende Gewinn bei ca. 13 Milliarden US-Dollar. (Fan 2000: 1) Allerdings gibt es in den USA viele Stimmen, die befürchten, dass das bilaterale Abkommen mit China auch Arbeitsplätze im eigenen Land bedroht. (Barry 2001:9)

1.3. Fragestellung und Zielsetzung

Allein anhand der langwierigen Verhandlungen zwischen den USA und China ist zu erkennen, wie schwierig ein Beitritt Chinas zur WTO ist. Die fast fünfzehnjährigen Verhandlungen waren geprägt durch ein Tauziehen um Handelszugeständnisse.

Der Frage, weshalb sich die Verhandlungen zwischen den USA und Chinas so schleppend gestalteten, soll in diesem Beitrag unter Berücksichtigung der Interessenkonflikte nachgegangen werden. Dabei stehen die Verhandlungen Chinas mit den USA im Mittelpunkt, da sie für Chinas Beitritt zur WTO die entscheidendste Etappe darstellen und sie sich am konfliktreichsten gestalteten.

Um die Ereignisse besser analysieren zu können, drängen sich insbesondere zwei theoretische Ansätze auf, die zur Bearbeitung des Falls herbeigezogen werden. Die Spieltheorie beschäftigt sich mit den Strategien der involvierten Akteure, während sich die Verhandlungstheorie in erster Linie mit innenpolitischen Interessenkonflikten befasst, die Einfluss auf die Verhandlungen nehmen. Abschliessend soll die Erklärungskraft der beiden Ansätze diskutiert und weitere Theorien erläutert werden, die einen Beitrag zur analytischen Betrachtung des Problems leisten können.

2. Spieltheoretischer Ansatz

Die Spieltheorie kann für die Aufarbeitung der Verhandlungen zwischen den USA und China insofern einen Beitrag leisten, weil sie sich vertieft mit den Strategien und dem taktischen Kalkül zwischen zwei Akteuren auseinandersetzt. Sie geht davon aus, dass jedem Akteur zwei gegensätzliche Strategien zur Wahl stehen. Aus diesen beiden Handlungsmöglichkeiten der Akteure lässt sich somit eine 2x2 Matrix mit vier möglichen Ausgängen des „Spiels“ bilden. Diese Ausgänge sind für beide Akteure unterschiedlich günstig. Sie werden deshalb nach den Präferenzen des jeweiligen Akteurs von 4 (bestes Resultat) bis 1 (schlechtestes Resultat) geordnet. (Brams 1985: 6)

Auf den konkreten Untersuchungsgegenstand bezogen ergibt sich folgende Konstellation: Beide Akteure, sowohl China als auch die USA, haben ein Interesse am Zustandekommen einer Einigung. In den Gesprächen haben nun beide die Möglichkeit zu kooperieren oder nicht zu kooperieren. Es macht in diesem Fall Sinn, diese beiden Möglichkeiten als Strategie, möglichst wenig Handelszugeständnisse zu machen, und als (natürlich unsinnige) Strategie, viele Handelszugeständnisse zu machen, zu bezeichnen. Beide Akteure werden selbstverständlich erstere als dominante Strategie verfolgen, und gleichzeitig hoffen, dem anderen möglichst viele Handelszugeständnisse abringen zu können.

Jeder Spieler profitiert also am meisten, wenn er selbst wenige, der andere aber viele Zugeständnisse macht (Präferenzordnung 4, siehe Tabelle 1). Ein Abkommen kommt in diesem Fall zustande, und zwar auf Kosten des schwächeren Verhandlungspartners. Umgekehrt tritt der schlechteste Fall für den Spieler ein, wenn er viele Zugeständnisse macht, der andere aber nur wenige. (Präferenzordnung 1)

Das zweitbeste der möglichen Ergebnisse (Präferenzordnung 3) wäre für beide Spieler dieselbe, nämlich, wenn jeder dem anderen viele Konzessionen machen muss. Zwar entständen dann für beide Nachteile. China beispielsweise müsste den Markt komplett öffnen, während die USA China nicht nur als Absatzmarkt und billigen Produktionsstandort benutzen könnten, sondern mit chinesischen Handelsgütern Konkurrenz auf dem eigenen Markt erhalten würden. Dennoch würden vermutlich beide Akteure in höherem Masse profitieren als Nachteile davon tragen. Würden nämlich beide Spieler darauf beharren, möglichst wenige Konzessionen zu machen, käme vermutlich gar kein Vertrag zustande: China bliebe der Beitritt zur WTO verwehrt. Dies würde den Handel weiterhin beschränken und muss deshalb für beide Länder als zweitschlechtester Ausgang bewertet werden (Präferenzordnung 2). Schlimmer wäre nur noch, vom anderen Spieler ausgenommen zu werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betrachtet man nun in Tabelle 1 diese Konstellation, fällt auf, dass sich beide Spieler der in der Spieltheorie als Gefangenendilemma bezeichneten Situation befinden: Beide Spieler tendieren dazu, die Strategie zu wählen, in der sie möglichst wenige Konzessionen machen müssen, egal, welche Strategie der Gegenspieler wählt. Die Wahl dieser Strategie führt damit zum zweitschlechtesten Ergebnis (2,2) für beide Spieler. Es wird Nash-Equilibrium genannt, weil es aufgrund der dominanten Strategiewahl ein sehr stabiles Gleichgewicht darstellt - obwohl das gegenseitige Einräumen von Konzessionen (3,3) das bessere Ergebnis geben würde. (Brams 1985: 8) Aber gerade weil jeder einen Vertrag zu seinen Gunsten aushandeln will (1,4 bzw. 4,1), enden die Beziehungen in einem ständigen Patt. Und da sowohl China als auch die USA auf ihren Positionen verharrten, zogen sich die Verhandlungen so lange hin.

Aufzeigen lässt sich dies bei verschiedenen Sachfragen in den Verhandlungen zwischen China und den USA. In einem der umstrittensten Bereichen, dem Telekommunikationssektor, ging es darum, wie hoch ausländische Anteile an chinesischen Firmen sein dürfen. China war bereit, ausländische Besitzanteile bis zu 49% zuzulassen, war aber nicht gewillt, diese Prozentzahl zu erhöhen, wie es die USA forderte. (Fewsmith 1999: 9) Da beide Parteien keine Zugeständnisse machten, also ihre oben beschriebenen dominanten Strategien verfolgten, scheiterten die Verhandlungen im April 1999 einmal mehr.

Geht man von diesen Überlegungen aus, fragt sich, weshalb es doch zu einem Vertrag kommen konnte. Diesen Umschwung kann die Spieltheorie mit einer Verschiebung der Präferenzordnung erklären. China kam wirtschaftlich je länger je stärker unter Druck und war auf einen Beitritt aus den verschiedensten Gründen angewiesen: Der wirtschaftliche Wachstum in den 1990er hatte dazu geführt, dass ein grosser Teil der Industrie Interessen für niedrige Zolltarife entwickelt hatte. Da immerhin ca. 40% der chinesischen Wirtschaft mit dem internationalen Markt verknüpft ist, stieg der Druck auf die Regierung, etwas zu unternehmen - vor allem auch im Hinblick auf die Asienkrise. (Fewsmith 1999: 3) Nachteile aus dem Vertrag zu ziehen schien China plötzlich das kleinere Übel zu sein, als jene Nachteile, die aus keinem Abkommen resultieren würden.

Zudem zeigte China ab 1998 auch mehr Flexibilität und Willen für substanzielle Konzessionen, weil das Land die Verhandlungen vor Ende 1999 über die Bühne bringen wollte. Es wurde nämlich befürchtet, dass bei dem Treffen der WTO-Mitgliederländer im November 1999 in Seattle strengere Regeln für den Betritt neuer Länder in die WTO beschlossen werden würden. (Fan 2000: 2)

Die bisherigen Überlegungen suggerierten, dass es sich bei den WTO-Gesprächen zwischen den USA und China um eine einzige kompakte Verhandlung handelt. Dies trifft natürlich nicht zu; tatsächlich bestanden die Gespräche - wie in der Einleitung erläutert - aus mehreren Verhandlungsrunden. Das hat zur Folge, dass nicht ein einziges „Spiel“ um die Verhandlungen gespielt wurde, wie es oben summarisch dargestellt wurde, sondern sich die Gespräche vielmehr aus mehreren einzelnen Spielen mit Teilerfolgen und -niederlagen zusammensetzen. Genau genommen müsste Tabelle 1 für jede einzelne Verhandlungsrunde herbeigezogen werden und der Ausgang jedes Mal neu bestimmt werden. Eine solche Analyse würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es kann aber die Prognose gewagt werden, dass die einzelnen Runden relativ häufig im Patt, also im Nash - Equilibrium (2,2) enden würden, auch wenn es gelegentlich zu Kooperationen und zu Erfolgen beider Seiten (insbesondere wohl aber der USA) kommen dürfte.

3. Verhandlungstheoretischer Ansatz

Weitere Erkenntnisse für die Verhandlungen zwischen China und den USA können durch die Verhandlungstheorie gewonnen werden. Sie kann insbesondere eines der Defizite der Spieltheorie, die in Kapitel 4 ausführlicher dargestellt werden, aufheben. Die Spieltheorie berücksichtigt nämlich nicht, dass beide Parteien nicht unabhängig von ihrer innenpolitischen Lage Verhandlungen führen. Tatsächlich müssen Unterhändler sich mit Interessengruppen im eigenen Land über die laufenden Verhandlungen besprechen und gleichzeitig mit dem anderen Land eine Vertragseinigung finden. Es finden also Verhandlungen sowohl auf einer nationalen als auch auf einer internationalen Ebene statt. Internationalen Verhandlungen kommt somit eine Doppelbedeutung zu. Sie werden deshalb als two-level-game beschrieben. Putnam (1988: 433ff.) unterteilt die Verhandlungen in zwei Phasen:

- Auf der Ebene 1 finden Verhandlungen zwischen den beiden Parteien statt, die einen Vertrag schliessen wollen und
- auf der Ebene 2 debattiert nach einer Einigung jede dieser Parteien innerhalb seiner eigenen Umgebung, ob der ausgehandelte Vertrag ratifiziert werden soll.

Es wird also unterschieden zwischen einer Verhandlungs- und einer Ratifizierungsphase, die allerdings einander übergreifen: Wird eine in der Verhandlungsphase erreichte Einigung in der Ratifizierungsphase nicht genehmigt, werden die dort beschlossenen Gegenvorschläge der anderen Partei in einer neuen Verhandlungsphase unterbreitet. Werden hier wiederum Änderungen bezüglich des Vertrags beschlossen, geht es erneut in die Ratifizierungsphase. Verhandlungen können sich somit in einem Kreislauf über mehrere Runden hinweg ziehen.

Bei diesem two-level-game kommen sogenannte win-sets ins Spiel, die als ein Set möglicher Einigungen, die in der (internationalen) Verhandlungsphase erreicht wurden, den zuständigen (nationalen) Instanzen zur Ratifizierung vorgelegt werden. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass eine Annahme der Verhandlungsergebnisse auf nationaler Ebene wahrscheinlicher ist, je grösser diese win-sets sind. Umgekehrt muss angenommen werden, dass kleine win-sets das Risiko des Scheiterns der Verhandlungen erhöhen. (Putnam 1988:437)

Für unser Beispiel ist es nun von besonderem Interesse, die konfligierenden Kräfte auf der zweiten, also nationalen, Ebene zu betrachten und ihre Interaktion mit der ersten, der internationalen, Ebene zu analysieren. Das Zusammenspiel dieser beiden Ebenen hat nämlich sehr viel zur Verzögerung des bilateralen Abkommens beigetragen. Weder die USA noch China traten nämlich in den Verhandlungen als in sich geschlossen auf. Vielmehr versuchten zahlreiche Interessengruppen innerhalb beider Länder, auf ihre Unterhändler Einfluss zu nehmen. Aus den in Kapital 1.2 beschriebenen Vor- und Nachteilen traten sie mit den verschiedensten Argumentationen und Forderungen an die Regierung.

Die Verhandlungen führten in den USA zu heftigen Diskussionen, die nicht zuletzt auch politische Formen annahmen, als der US Kongress über die Ratifizierung des Vertrags abstimmte. Fragwürdig erschien vielen, China permanente normale Handelsbeziehungen zu gewähren. Ausserhalb des Kongress’ umfasste die Opposition Gewerkschaften, Umwelt- organisationen, Anti-Freihandelsgruppen und Menschenrechtsaktivisten auf der progressiven Seite, Sozialkonservative und Antikommunisten auf der rechten Seite. Opposition kam sowohl von der republikanischen Rechten, die sich um religiöse Rechte sorgte sowie die Ausbreitung des Kommunismus und die militärische Bedrohung durch China fürchtete, als auch von der Linken der Demokraten, die um Arbeitsplätze, Menschenrechte sowie Umwelt- und Gewerkschaftsstandards besorgt waren. (Barry 2001: 1) Diesen höchst unterschiedlich argumentierenden Gruppen ein win-set aufzutischen, mit dem sich alle einverstanden erklären konnten, war für die amerikanische Regierung sehr schwierig. Paradoxerweise stärkte diese Situation die Verhandlungsposition der USA mehr, als sie sie schwächte: Sie konnten darauf verweisen, dass die Kooperation von ihrer Seite begrenzt war, da die Entscheide zu Hause durch all diese Gruppen demokratisch legitimiert werden mussten.

Zudem werden die Schwierigkeiten, die Ratifizierung im Kongress durchzubringen, von den Amerikanern häufig ausgenutzt: Für eine Ratifizierung im US-Kongress ist nämlich eine Zweidrittelmehrheit nötig. (Putnam 1988: 440; 448) Die USA konnten also argumentieren, dass es nur Sinn mache, ein Abkommen auszuhandeln, dass auch tatsächlich eine Chance hatte, daheim akzeptiert zu werden. Zwar wurde die Verhandlungsposition dadurch gestärkt, gleichzeitig reduzierte sich aber die Spannweite für eine Kooperation mit China.

In China selbst präsentierte sich die innenpolitische Lage nicht anders. Auch wenn China ein Einparteienstaat ist, bedeutet dies nicht, dass es auch eine Einheitsmeinung gibt. Vielmehr widerspiegelt die öffentliche Meinung konkurrierende Kräfte, die sich nicht zuletzt auch in Machtkämpfen äussern. Jiang Zemin kam unter Beschuss von der nationalistischen Opposition, die ihm vorwarf, das Land „zu verkaufen“. Und die Konservativen forderten nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft, den Kontakt mit den „imperialistischen und kriegslüsternen“ USA gänzlich abzubrechen. (Fewsmith 1999: 5f.) Nicht zuletzt gab es neben jenen Stimmen, die eine anti-chinesische Verschwörung der USA witterten auch jene oligarchisch organisierten Gruppen des Staatsapparats, die den Verlust ihrer Pfründen befürchteten. (Strittmatter 2000a: 31) Auch für China war es somit schwierig, ein win-set aus den Verhandlungen herauszuschlagen, das innenpolitisch akzeptiert werden würde.

Nebst diesen innenpolitischen Lagen, die sich hemmend auf einen Vertragsschluss auswirkten, war der Anreiz für beide Länder gross, ihre eigenen win-sets zu untertreiben. Sind die win-sets aus der Verhandlungsphase nämlich klein und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie innenpolitisch akzeptiert werden, besteht die Hoffnung, den Gegenspieler aus Angst vor dem Scheitern der Verhandlungen zur Kooperation zu bewegen. Da sich aber sowohl China als auch die USA auf diese Hoffnung versteiften, dauerte es so lange, bis eine Einigung gelang. Die Ursache für den Strategiewechsel Chinas lag in der bereits diskutierten Dringlichkeit Chinas, den Beitritt zur WTO so bald wie möglich zu schaffen.

4. Schlussfolgerungen

Sowohl die Spieltheorie als auch die Verhandlungstheorie gibt einen möglichen Ansatz zur Erklärung der Verzögerungen der bilateralen Gespräche zwischen den USA und China. Die Spieltheorie bindet die Verzögerungen an den gegenläufigen Strategien der Akteure und der daraus resultierenden Patt-Situation fest, während die Verhandlungstheorie argumentiert, dass die win - sets beider Parteien aufgrund innenpolitischer Uneinigkeit klein und deshalb nicht miteinander kompatibel sind. Beide Theorien sind in der Lage - wenn auch mit erheblichem analytischen Aufwand - die Gespräche in ihren einzelnen Spielzügen zu betrachten, wenn das jeweilige theoretische Denkmuster für jedes Ereignis neu herbeigezogen wird.

Die beiden Theorien ergänzen sich gegenseitig, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass die Verhandlungstheorie spieltheoretische Elemente aufweist. Auch hier hängt nämlich der Ausgang der Handlungen oder Entscheidungen einer Partei davon ab, wie die Gegenpartei reagiert. (Young 1991: 2) Der Unterschied besteht im wesentlichen darin, dass die Verhandlungstheorie die Spieler nicht als ein Kollektiv mit zugrundeliegendem Konsens oder als von äusseren Einflüssen unabhängige Einzelakteure versteht, sondern mit der Dimension des two-level-games die Defizite der Spieltheorie teilweise auszugleichen vermag. Damit wird der innenpolitische Kontext nicht ausgeklammert. Die Spieltheorie wiederum kann der Verhandlungstheorie aushelfen, indem sie die Strategien und das damit verbundene Dilemma aufschlüsselt.

Dennoch weisen sowohl die Spiel- als auch die Verhandlungstheorie erhebliche Mängel auf. So kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich die Strategien der Akteure beziehungsweise deren win-sets genau erfassen lassen. Vielmehr dürften sich die Akteure selbst darüber im Unklaren sein und noch weniger dürften sie die Strategien des Gegenspielers durchschauen oder dessen win-set genau beziffern können. (Young 1991:2f.) Vor allem sind Verhandlungen häufig nicht auf zwei Akteure begrenzt. Vielmehr lassen sie eine Vielzahl von Akteuren zu, die meistens auch mehr als eine Strategie zur Wahl und mehrere Themen zu behandeln haben. Die Theorien sind deshalb verglichen mit den meisten realen Verhandlungen übersimplifiziert. (Young 1991: 18)

Zudem ist fraglich, ob die bilateralen Gespräche zwischen China und den USA lediglich unter rationalem Aspekt betrachtet werden dürfen. Beide Ansätze gehen von der Prämisse aus, dass jeder Akteur rational handelt und seine Berechnungen auf dem Glauben gründen, dass sich der Gegner ebenso verhält. (Young 1991:16) Gerade die Reaktion Chinas auf die Bombardierung der Botschaft in Belgrad zeigt aber, dass emotionale Komponenten eine starke Rolle spielen. Wird der Nationalstolz verletzt oder droht einer Partei, ihr Gesicht zu verlieren, geraten rationale Überlegungen wohl eher in den Hintergrund.

Gerade aus dieser Sicht wäre es interessant, weitere Ansätze herbeizuziehen. Entscheidungstheorien könnten diesbezüglich die subjektiven Einstellungen und Entscheidungskriterien der individuellen Entscheidungsträger aufdecken. In der Politikwissenschaft lassen sich zudem weitere Theorien finden, welche die bilateralen Gespräche zwischen China und den USA aus einem anderen Blickwinkel beleuchten könnten. Globalisierungs- oder Entwicklungstheorien beispielsweise könnten besonders die Risiken Chinas bei (k)einem WTO-Beitritt hervorheben und herausarbeiten, inwiefern dieses Risikopotenzial die Verhandlungen bremste. Integrationstheorien könnten einen Beitrag zum Konflikt zwischen der ökonomischen und politischen Integration Chinas und dem daraus resultierenden Zickzackkurs der Gespräche leisten. Interdependenztheorien gelänge es wiederum, die schleppenden Verhandlungen aufgrund der Verfügungsmöglichkeit über Ressourcen, welche als Machtfaktor eingesetzt werden kann, zu erklären.

Würde das Potenzial an (politikwissenschaftlichen) Theorien ausgeschöpft, könnten die Verhandlungen zwischen China und den USA auf die verschiedenste Weise diskutiert werden.

5. Literatur

Barry, Tom (2001): What’s This Organization (WTO): An Annotated Glossary of Terms and Concepts About the World Trade Organization. In: http://www.foreignpolicy- infocus.org/wto/china_body.html (4.6.2001)

Brams, Steven (1985): Superpower Games.: Applying Game Theory to Superpower Conflict. New Heaven, London.

Cheng, Leonard K. (1999): China’s Economic Benefits From Its WTO Membership. In: http://www.bm.ust.hk/~ced/wto.htm (31.5.2001)

Fan, Xiang (2000): China’s WTO Accession and Telecom Liberalization. In: http://www.chinaonline.com/commentary_analysis/wtocom/currentnews/secure/c0003 21wtocom-S.asp (5.6.2001)

Fewsmith, Joseph (1999): China and the WTO. The Politics Behind The Agreement. In: http://www.nbr.org/publications/report.html (31.5.2001)

Putnam, Robert D. (1988): Diplomacy and domestic politics: the logic of two-level games. In: International Organization 42, Nr.3, S.427-460.

SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) (o.J.): Die Welthandelsorganisation WTO. In: http://www.seco-admin.ch/seco/seco2.nsf/dieSeite/AWP_Welthandel_WTO?Open Document&l=de&HauptRessort=1 (31.5.2001)

Strittmatter, Kai (2000a): Hoffen auf ein wenig mehr Wachstum. In: Tages-Anzeiger vom 22.2.2000, S.31.

Strittmatter, Kai (2000b): China ist fast am Ziel. In: Tages-Anzeiger vom 20.5.2000, S.26.

Strittmatter, Kai (2001): Das Vermächtnis des Zhu Rongji. In: Tages-Anzeiger vom 12.3.2001, S.29.

Young, Peyton H. (1991): Negotiation Analysis. In: Young, Peyton (Hg.): Negotiation Analysis. Ann Arbor, S. 1-23.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Chinas Beitritt zur WTO
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Proseminar: Theorien der internationalen Beziehungen, Prof. Ruloff
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V105514
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die langwierigen WTO-Beitrittsverhandlungen zwischen China und den USA. Spiel- und verhandlungstheoretische Analyse.
Schlagworte
Chinas, Beitritt, Proseminar, Theorien, Beziehungen, Prof, Ruloff
Arbeit zitieren
Michel Wenzler (Autor), 2001, Chinas Beitritt zur WTO, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105514

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