Kritischer Rationalismus versus Wissenschaftsgeschichte


Seminararbeit, 2001

13 Seiten, Note: 2,7


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Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Wissenschaftstheoretische Ansätze nach Popper und Kuhn
2.1.) Der Kritische Rationalismus nach Karl Raimund Popper
2.2.) Kuhns Paradigmen

3.) Kritischer Rationalismus versus Wissenschaftsgeschichte - Kuhns Kritik an Poppers falsifikationistischer Wissenschafts- Auffassung

4.) Ist Kuhns Kritik an Popper berechtigt? - Ein Fazit

5.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt geht mit einer immer weiter wachsenden Anzahl von Theorien einher. Ständig werden neue Theorien aufgestellt und alte wiederum verworfen. Zur Erklärung eines bestimmten Phänomens existieren teilweise mehrere Theorien, deren Verfechter fest von der Richtigkeit ihrer eigenen Theorie überzeugt sind. Problematisch ist nun die Auswahl einer dieser Theorien oder das Aufstellen einer eigenen Theorie mit dem Ziel, die Wahrheit hinter einem bestimmten Phänomen wiederzugeben. Nach welchen Kriterien treffen die Wissenschaftler die Wahl zwischen jenen Theorien, die sich im Wettstreit miteinander befinden, um im nachhinein mit großer Wahrscheinlichkeit von der Richtigkeit dieser Entscheidung ausgehen zu können? Das 20. Jahrhundert hat bedeutende Philosophen bzw. Wissenschaftstheoretiker hervorgebracht, die einen großen Beitrag zu dieser wissenschaftsphilosophischen Frage geliefert haben.1 Dabei haben sie den Versuch unternommen, die empirisch-wissenschaftliche Forschungsmethode logisch zu analysieren um festzustellen, auf welche Art und Weise sich bestimmte Theorien tatsächlich durchgesetzt haben.

Karl Raimund Popper begründete mit seinem 1934 erschienen Buch „Logik der Forschung“ den kritischen Rationalismus, indem er eine falsifikationistische Methodenlehre der Wissenschaften aufstellte. Das Buch wurde zu einem der wichtigsten Werke der Wissenschaftsphilosophie, der kritische Rationalismus in gewisser Weise die führende Methodologie der Sozialwissenschaften. Zu Beginn der sechziger Jahre erwuchs dem Popperschen Denken jedoch eine neue Gegnerschaft aus dem Lager der Wissenschaftsgeschichte. Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung war Thomas Samuel Kuhn, der in seinem 1962 veröffentlichten Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ eine neue Sichtweise der wissenschaftlichen Forschungsmethode anbot.

In der folgenden Hausarbeit wird auf die Kontroverse zwischen Karl Raimund Popper und Thomas Samuel Kuhn eingegangen. Dabei soll untersucht werden was Kuhn an Popper kritisiert und ob seine Kritik an dessen wissenschafts- philosophischem Ansatz gerechtfertigt ist.2 Zunächst wird daher auf die Ansichten von Popper und Kuhn eingegangen. Es wird aufgezeigt, wie sich die beiden wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt vorstellen und nach welchen Kriterien sich in ihrem jeweiligen Sinne wissenschaftliche Theorien bewähren oder verworfen werden. Darauf aufbauend wird im nachfolgenden Kapitel Kuhns Kritik an Poppers falsifikationistischer Wissenschaftsauffassung dargestellt. Mit den wissenschafts- theoretischen Ansätzen der beiden Protagonisten sowie Kuhns Kritik an Popper im Hinterkopf wird im letzen Kapitel dieser Hausarbeit schließlich der Frage nachgegangen, inwiefern Kuhns Kritik an Poppers falsifikationistischer Wissenschaftsauffassung gerechtfertigt ist.

2.) Wissenschaftstheoretische Ansätze nach Popper und Kuhn

2.1.) Der kritische Rationalismus nach Karl Raimund Popper

Poppers Ausgangspunkt für sein Wissenschaftskonzept basiert auf der Kritik des Induktivismus (vgl. Andersson 1988: 1).3 Nach Popper ist es unmöglich, wissenschaftliche Aussagen aufgrund von Beobachtungen als wahr oder wahrscheinlich wahr zu beweisen. Zur Verifikation einer Hypothese wäre nämlich eine Überprüfung sämtlicher möglicher Fälle notwendig, was ein für Menschen unmögliches Unterfangen darstelle, denn er kann nur eine endliche Anzahl von Fällen testen. Daher entziehen sich zukünftige Fälle immer einer Überprüfung (vgl. Druwe 1995: 36). Außerdem sind Beobachtungen stets subjektiv und theorieabhängig (vgl. Chalmers 1994: 41).

Der wissenschaftliche Erkenntnisprozess beginnt nach Popper mit der Formulierung von Hypothesen. Diese nennt er „kühne Vermutungen“, die ausgehend von einer konkreten wissenschaftlichen bzw. praktischen Problemsituation aufgestellt werden. Woher diese „kühnen Vermutungen“ stammen ist für Popper unerheblich, „weil dies immer ein induktiver Prozess ist und Induktion mit Wissenschaft nichts zu tun hat“ (Druwe 1995: 35).

Der Grundgedanke Poppers besteht darin, dass Wissenschaftler hartnäckig und bewusst versuchen die „kühnen Vermutungen“ durch kritische Betrachtung und Überprüfung zu falsifizieren, also sie als falsch zu beweisen. Als grundlegende Bedingung gilt, dass eine Hypothese die einen Beitrag zur Wissenschaft leisten soll, überhaupt falsifizierbar sein muss.4 Eine Hypothese ist nur deswegen falsifizierbar, weil sie eine definitive Aussage über die Wirklichkeit macht. Je mehr Aussagen über die Wirklichkeit in einer Hypothese enthalten sind, desto falsifizierbarer wird sie. Daher sollten auch hoch falsifizierbare Hypothesen weniger falsifizierbaren vorgezogen werden (vgl. Popper 1994: 77f; Chalmers 1994: 42-46):

„Für den Falsifikationisten bedeutet dies gleichzeitig, dass eine Theorie mit zunehmender Falsifizierbarkeit auch im weitesten Sinne besser wird. Je umfassender die Ansprüche einer Theorie sind, umso größer ist die Zahl möglicher Gelegenheiten, um nachzuweisen, dass sich die Welt in Wirklichkeit nicht so verhält, wie es die Theorie besagt.“ (Chalmers 1994: 45)

Ein weiteres Kriterium ist, dass die Hypothese in empirisch-analytischer Sprache, also präzise formuliert sein muss (vgl. Chalmers 1994: 47; Druwe 1995: 36) und intersubjektiv nachprüfbar ist. Erst dadurch, dass Hypothesen intersubjektiv nachvollziehbar sind, sind sie objektiv (vgl. Popper 1994: 18).

Die konkrete Überprüfung der Hypothesen erfolgt nun mit Hilfe von Basissätzen, „Sätze die behaupten, dass sich in einem individuellen Raum-Zeit-Gebiet ein beobachtbarer Vorgang abspielt“ (Popper 1994: 69). Diese empirischen Existenzaussagen dienen zur Falsifikation der Hypothesen. Dazu genügt ein einziges als Basissatz formuliertes Gegenbeispiel.5 Die Hypothese ist also mittels Deduktion, dem Schluss von einem allgemeinen Gesetz (explanans) auf einen beobachteten Einzelfall (explanandum) falsifiziert worden (vgl. Druwe 1995: 36ff). Die falsifizierte Hypothese ist dann grundsätzlich und sofort zu verwerfen (vgl. Chalmers 1994: 46).

Wenn Hypothesen über längere Zeit nicht falsifiziert werden, dann haben sie sich bewährt und erlangen den Status einer Theorie. Dies schützt dennoch nicht vor einer Falsifizierung, denn auch Theorien, die sich über längere Zeit bewährt haben, können prinzipiell irgendwann durch ein einziges Gegenbeispiel falsifiziert werden. Der Mensch kann somit die absolute Wahrheit nicht erkennen (vgl. Druwe 1995: 37):

„Unsere Wissenschaft ist kein System von gesicherten Sätzen, auch kein System, das in stetem Fortschritt einem Zustand der Endgültigkeit zu- strebt. Unsere Wissenschaft ist kein Wissen [epistēmē]: weder Wahrheit noch Wahrscheinlichkeit kann sie erreichen“ (Popper 1994: 223).

Weiterhin heißt es bei Popper, dass „das alte Wissenschaftsideal, das absolut gesicherte Wissen [epistēmē], sich als Idol erwiesen (hat). Die Forderung der wissenschaftlichen Objektivität führt dazu, dass jeder wissenschaftliche Satz vorläufig ist“ (Popper 1994: 225).

Der wissenschaftliche Fortschritt besteht für Popper in der Falsifikation. Letztendlich ist die wahre Erkenntnis zwar nicht möglich, der Wissenschaftler kann sich jedoch durch die Eliminierung von falschen Hypothesen und dem Aufstellen besserer schrittweise der Wahrheit annähern (vgl. Druwe 1995: 37, 370):

„(...) Falsifikationisten wie ich (...) ziehen diesen Weg vor, weil wir glauben, dass wir so aus unseren Fehlern lernen können; und dass wir viel über die Wahrheit gelernt haben werden, wenn wir herausfinden, dass unsere Vermutung falsch war“ (Popper zit. nach Chalmers 1994: 46).

Die wissenschaftliche Vorgehensweise ist durch Versuch und Irrtum (trial and error) gekennzeichnet. Durch das Falsifizieren von Hypothesen werden verbesserte Vermutungen aufgestellt, die dann wiederum falsifiziert werden usw. Die Wissenschaft hat somit primitive Anfänge und entwickelt sich dann durch Falsifikation zu komplexen Problemen. Popper vergleicht diesen Prozess mit Darwins Evolutionstheorie. Dabei „überleben“ nur Hypothesen, die sich immer wieder vor den kritischen Überprüfungen bewähren (vgl. Druwe 1995: 371).6 Wissenschaftlicher Fortschritt ist daher eine permanente Revolution durch Kritik, die zu einer kumulativen Erkenntnisanhäufung führt.

2.2.) Kuhns Paradigmen

Thomas Samuel Kuhn geht von einem völlig anderen Ansatz von Wissenschaft aus. Er ist der Meinung, dass sich Wissenschaft nicht kumulativ entwickelt, sondern verschiedene Phasen durchläuft, bei denen sich Kontinuität und Diskontinuität abwechseln (vgl. Andersson 1988: 3).7 Dabei unterscheidet Kuhn im Kern zwischen zwei unterschiedlichen Forschungsstrategien, der „normalen Wissenschaft“ und der „außerordentlichen Wissenschaft“ (vgl. Druwe 1995: 374).

Der Bildung der „normalen Wissenschaft“ gehen wenig geordnete und unterschiedliche Aktivitäten voraus. In diesem frühen Stadium, der Vorwissenschaft, arbeiten verschiedene Wissenschaftler an einem gleichen Bereich von Phänomenen. Diese sehen sich jedoch nicht alle den gleichen Phänomenen gegenüber und beschreiben und interpretieren sie deshalb auf unterschiedlichste Art und Weise (vgl. Kuhn 1997: 31f). Aus diesem Grund haben viele Wissenschaftler verschiedene Hypothesen aufgestellt, die jeder für sich verfolgt. Es herrscht eine totale Widersprüchlichkeit und ständige Debatten über Grundannahmen sind die Regel (vgl. Chalmers 1994: 94).

Die ungeordneten und unterschiedlichen Aktivitäten werden jedoch schließlich strukturiert und bekommen eine Richtung, wenn sich mehrere Wissenschaftler zu dem gleichen Paradigma bekennen (vgl. Chalmers 1994: 92). Ein Paradigma besteht aus allgemein theoretischen Annahmen und Gesetzen sowie die Wege ihrer Anwendungen auf unterschiedliche Situationen. Es umfasst weiterhin Instrumente und Techniken, die bestimmen wie die theoretischen Gesetze und Annahmen auf die Realität anzuwenden sind. Ferner bestimmt und koordiniert es die Arbeiten der Wissenschaftler innerhalb eines Paradigmas (vgl. Chalmers 1994: 93).

Das Paradigma bildet die Arbeitsgrundlage der Wissenschaftler, es ist deren Weltanschauung und wird als absolut gültig und geistiger Kollektivbesitz angesehen (vgl. Chalmers 1994: 99):

„Als geistiger Kollektivbesitz der Wissenschaft hat ein Paradigma eine höhere Glaubwürdigkeit als die individuellen Meinungen der einzelnen Wissenschaftler. Das Paradigma wird von der scientific community kollektiv anerkannt und für unanfechtbar gehalten. Dem Paradigma als kollektivem Wissensbesitz kommt eine bemerkenswerte Stabilität zu.“8

Innerhalb der normalen Wissenschaft arbeiten alle Forscher einer wissenschaftlichen Disziplin mit dem gleichen Paradigma und versuchen, das Verhalten einiger relevanter Aspekte der Wirklichkeit, welches das Ergebnis von Experimenten ist, zu erklären. Prinzipiell geht es dabei immer darum, die existierenden Rätsel der Wissenschaft zu lösen, die durch das betroffene Paradigma vorgegeben sind (vgl. Chalmers 1884: 93). Dabei wird davon ausgegangen, dass das Paradigma die Mittel bietet um das Rätsel zu lösen. Wenn ein Wissenschaftler allerdings daran scheitert ein Problem zu lösen, so darf er nicht den Wert des Paradigmas in Zweifel ziehen, sondern muss dies in erster Linie auf sich selbst zurückführen (vgl. Chalmers 1994: 94). Dies bedeutet, dass der Wissenschaftler dem Paradigma mehr oder weniger unkritisch gegenüberstehen muss, denn „wenn er das Paradigma für irgendwelche Misserfolge bei der Problemlösung verantwortlich machen würde, wäre das so, als wenn ein Schreiner seinen Werkzeugen Vorwürfe machen würde“ (Chalmers 1994: 95).

Treten jedoch viele Anomalien, also Fehler in den Experimenten oder Nachforschungen auf der Basis eines Paradigmas auf, so gerät dieses in eine Krise. Es wird mehr und mehr angezweifelt, im besonderen, wenn die Anomalien die Grundsätze des Paradigmas betreffen (vgl. Druwe 1995: 374). Die Normalwissenschaftler versuchen nun durch radikale Vorgehensweisen und mit Hilfe von philosophischen und metaphysischen Debatten das Paradigma zu retten (vgl. Chalmers 1994: 96). Bei einigen Wissenschaftlern ist das alte Paradigma jedoch in Misskredit geraten. Es beginnt die „außerordentliche Wissenschaft“, die Suche nach neuen Konzepten und Strategien (vgl. Druwe 1995: 374). Irgendwann taucht aus diesen neuen Theorien und Ansätzen ein neues Paradigma auf, das bessere Lösungsmöglichkeiten anbietet, sich aber vollständig von dem alten unterscheidet und mit ihm unvereinbar ist (vgl. Chalmers 1994: 96, Druwe 1995: 374).9 Durch diesen sprunghaften Wechsel entsteht eine Revolution, in Folge der mehrere Wissenschaftler das neue Paradigma als neue Arbeitsgrundlage annehmen und sich von dem alten abwenden (vgl. Chalmers 1994: 96f):

„(...), falls das Paradigma dazu bestimmt ist, seinen Kampf zu gewinnen, die Zahl und Stärke der überzeugenden Argumente zu seinen Gunsten wachsen. Mehr und mehr Wissenschaftler werden dann bekehrt werden, und die Erforschung des neuen Paradigmas wird fortschreiten. (...) Überzeugt von der Fruchtbarkeit der neuen Anschauung, werden immer mehr die neue Art der Ausübung der normalen Wissenschaft annehmen, bis schließlich nur einige ältere Starrköpfe übrig bleiben“ (Kuhn 1997: 169).

Das neue Paradigma bestimmt nun die neue normale Wissenschaft. Die Revolution hat demnach die Funktion, Wissenschaftler aus ihrer alten Arbeit herauszubrechen und mit einem neuen Paradigma arbeiten zu lassen (vgl. Chalmers 1994: 99). Dieser Wechsel in der Gefolgschaft eines Paradigmas geschieht nach Kuhn durch den „Glaube an die Entscheidung für etwas Neues; ferner Überredung und Propagada sowie Bekehrungserlebnisse und Erlebnisse eines neuartigen Sehens“ (Stegmüller 1986: 120).10

Zwar werden immer noch Andersdenkende übrigbleiben, doch diese sterben schließlich aus (vgl. Kuhn 1997: 162).

Nachdem sich das neue Paradigma nun endgültig durchgesetzt hat, beginnt die Konsolidierungsphase, die Phase, in der keine Revolution stattfindet. Es wird so lange mit dem Paradigma gearbeitet, bis neue Probleme auftreten und zu einer Krise ausarten, an deren Höhepunkt ein neues Paradigma auftritt. Folglich bauen die Paradigmen nicht aufeinander auf, sondern haben im Gegenteil nichts miteinander zu tun (Inkommensurabilität). Es findet also auch kein kontinuierlicher Erkenntnisfortschritt statt, sondern wissenschaftlicher Wandel (vgl. Druwe 1995: 374f). Daher kann es für Kuhn auch keine Falsifikation geben (vgl. Andersson 1988: 44). Paradigmen werden nämlich nicht aufgrund ihrer Fehler falsifiziert, sondern aufgegeben, weil sich nicht mehr genügend neue Vertreter finden lassen, während die Alten gleichzeitig aussterben. Der wissenschaftliche Wandel kann also nicht rational, sondern nur sozial-psychologisch erklärt werden und ist immer eine Glaubens- und Propagandasache (vgl. Druwe 1995: 375f).

3.) Kritischer Rationalismus versus Wissenschaftsgeschichte - Kuhns Kritik an Poppers falsifikationistischer Wissenschaftsauffassung

Thomas Samuel Kuhn kritisiert auf der Grundlage seines aus einem wissenschaftsgeschichtlichen Ansatz entwickelten Models Poppers falsifikationistische Wissenschaftsauffassung. Für Kuhn ist der Falsifikationismus wissenschaftsgeschichtlich und methodologisch nicht haltbar, denn „kein bisher durch das Studium der wissenschaftlichen Entwicklung aufgedeckter Prozess hat irgendeine Ähnlichkeit mit der methodologischen Schablone der Falsifikation (...)“ (Andersson 1988: 47).

Kuhn kritisiert an Popper, dass Theorien empirisch nicht endgültig falsifiziert werden können, zum einen weil sie durch bessere, neuere Theorien verdrängt werden und die Anhänger der alten Theorien allmählich aussterben (vgl. Kapitel 2.2), zum anderen weil die zur Falsifikation benötigten Basissätze theorieabhängig und somit revidierbar sind. Ein Basissatz, eine durch eine Beobachtung gemachte empirische Existenzaussage, die eine Theorie angeblich zu Fall bringen soll, ist theorieabhängig, weil ohne Theorie keine Beobachtung gemacht werden kann.11 Dies führt dazu, dass verschiedene Beobachtungen zu ein und demselben Phänomen gemacht werden und daher bereits falsifizierte Theorien auch durchaus wieder revidiert werden können (vgl. Andersson 1988: 31ff).12 Dies hat für Kuhn die Konsequenz, dass Theorien nicht endgültig falsifiziert werden können. Er fragt sich daher was Falsifikation, wenn nicht eine zwingende Widerlegung, überhaupt ist und fürchtet, „dass Popper einem Irrlicht nachjagt und findet die Ausdrücke „Falsifikation“ und „Widerlegung“ sonderbar“ (Andersson 1988: 38). Da auch Popper der Meinung ist, dass Basissätze theorieabhängig und revidierbar sind, wundert sich Kuhn, „dass Popper nicht die notwendigen methodologischen Konsequenzen daraus gezogen habe, da die Fallibilität [gemeint ist hier die Revidierung, d. Verf.] der „Basis“ die Grundlagen einer falsifikationistischen Methodenlehre bedrohe“ (Andersson 1988: 39). Kuhn bezeichnet Popper aus diesem Grund als naiven Falsifikationist (vgl. Andersson 1988: 39).

Kuhn kritisiert an Popper weiterhin, dass dieser sein Wissenschaftsmodell so konzipiert hat, dass es nur auf die gelegentlichen revolutionären Phasen der Wissenschaft passt, d.h. Popper totalisiert ein eher seltenes Moment der Wissenschaft (vgl. Kuhn 1974: 6, 12; Andersson 1988: 43). Ein ständiges kritisches Überprüfen und Falsifizieren von Theorien kommt in der Normalwissenschaft jedoch nicht vor, da empirischen Abweichungen, den sogenannten „Anomalien“, durch Modifikation der Theorie begegnet wird ohne sie in ihren Grundzügen zu verändern (vgl. Kuhn 1974: 14; Andersson 1988: 179):

„Die „normale“ Forschung ist nicht kritisch, sondern traditions- und paradigmagesteuert. Sie unternimmt keine Versuche eine grundlegende und paradigmatische Theorie zu falsifizieren“ (Andersson 1988: 44).

Nach Kuhn haben die Wissenschaftler auch gar keinen Grund eine Theorie kritisch zu überprüfen, da sie glauben, dass diese gültig sei. Vielmehr geht es ihnen darum, ein von der Theorie definiertes und garantiertes Rätsel erfolgreich zu lösen (vgl. Kuhn 1974: 5). Ferner wendet Kuhn in diesem Zusammenhang ein, dass Theorien auch schon wieder ersetzt wurden, bevor sie überhaupt kritisch überprüft werden konnten. Dabei wurde jedoch keine von diesen Theorien endgültig eliminiert, „solange man nicht den Eindruck haben konnte, dass sie eine rätsellösende Tradition zu unterstützen vermochte“ (Kuhn 1974: 10):

„Einerlei, ob es zu einer Überprüfung kommt oder nicht, es kann auf diese Weise eine Tradition der Rätsellösung (auf Grund einer wissenschaftlichen Theorie) das Ersetzen der eigenen grundlegenden Theorie vorbereiten. Ver- lässt man sich auf das Überprüfen als auf das Kennzeichen echter Wissen- schaft, so verliert man aus dem Auge, was die Wissenschaftler meistens tun, und damit verkennt man auch die bezeichnendsten Züge dieses Unter- nehmens“ (Kuhn 1974: 11).

Das Charakteristikum der Wissenschaft ist nach Kuhn somit das erfolgreiche Lösen von Rätseln und nicht, wie Popper behauptet, das kritische Überprüfen und Eliminieren von Theorien (vgl. Kuhn 1974: 7f).13

Ein anderer Ansatzpunkt für Kuhns Kritik an Poppers falsifikationistischer Wissenschaftsauffassung ist dessen Idee des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts (vgl. Druwe 1995: 370). Popper besitzt eine teleologische Fortschrittsauffassung, d.h. er behauptet, dass es eine wahre Beschaffenheit der Welt und folglich Wahrheit bzw. Erkenntnis gibt. Wissenschaftlicher Fortschritt besteht nun aus verschiedenen Bemühungen, sich dieser einen wahren Erkenntnis suchend anzunähern (vgl. Stegmüller 1986: 124). Nach Popper geschieht dies durch einen kumulativen bzw. evolutionistischen Prozess. Durch die Falsifikation von Hypothesen werden andere, verbesserte Vermutungen aufgestellt. Die dann wiederum falsifiziert werden. Die Wissenschaft hat somit primitive Anfänge und entwickelt sich durch Falsifikation kontinuierlich zu komplexen Problemen (vgl. Druwe 1995: 370f). Kuhn kritisiert nun, dass sich die Wissenschaft weder gradlinig noch kumulativ entwickelt (vgl. Stegmüller 1986: 112). Für ihn ist der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt durch revolutionären Wandel charakterisiert:

Wo echter Fortschritt vorliegt, sind Faktoren wie Überredung und Propaganda provisorisch bestimmend dafür, dass sich der Glaube an die neue Theorie als eine fortschrittliche verbreitet. Dieser Fortschrittsglaube muss natürlich in der Zukunft eingelöst werden und dies geschieht dadurch, dass der zunächst bloß bruchstückhafte und mehr angekündigte als nachgewiesene Erfolg zu einem wirklichen Erfolg bei der Problembewältigung wird“ (Stegmüller 1986: 121).

Dies hat zur Folge, dass Wissenschaft nicht, wie Popper behauptet, rational kritisch ist, sondern irrational. Wie bereits erwähnt gibt es nämlich keine rationalen Argumente für oder gegen bestimmte Theorien die zu einem wissenschaftlichen Wandel führen sondern ist allein Glaubens- und Propagandasache (vgl. Druwe 1995: 376).14

4.) Ist Kuhns Kritik an Popper berechtigt? - Ein Fazit

Nachdem in den vorausgegangenen Kapiteln die wissenschaftstheoretischen Ansätze Poppers und Kuhns dargestellt wurden sowie Kuhns Kritik an Poppers falsifikationistischer Wissenschaftsauffassung beschrieben wurde, soll nun in diesem abschließenden Kapitel der Frage nachgegangen werden, inwiefern Kuhns Kritik an Popper gerechtfertigt ist.

Die wissenschaftstheoretischen Ansätze von Popper und Kuhn entstammen völlig unterschiedlichen Richtungen. Während Popper sich mit seiner falsifikationistischen Wissenschaftsauffassung auf kritisch-rationale Argumente beruft, stützt sich Kuhns Ansatz auf wissenschaftshistorische Analysen, die die empirisch-wissenschaftliche Forschungsmethode als irrational enthüllen. Popper behauptet, dass er mit seinem Ansatz methodologische Regeln beschreibt, in Wirklichkeit sind dies jedoch nur Maximen des Vorgehens und daher kann seine falsifikationistische Wissenschaftsauffassung eher als Ideologie klassifiziert werden (vgl. Kuhn 1974: 16). Popper beschreibt also, wie Wissenschaft ablaufen sollte, nämlich als eine logische, rational-kritische Konklusion. Kuhn hingegen beschreibt aufgrund historischer Analysen wie Wissenschaft wirklich ist, nämlich irrational. Poppers und Kuhns Ansatz befinden sich daher auf völlig unterschiedlichen Ebenen. Aus diesem Grunde kann Kuhns Kritik den Kern des Popperschen Falsifikationismus, der ja eher als Ideologie angesehen werden sollte, gar nicht treffen und ist deshalb unberechtigt.

Literaturverzeichnis

Andersson, Gunnar

1988 Kritik und Wissenschaftsgeschichte. Kuhns, Lakatos ´ und Feyerabends Kritik des Kritischen Rationalismus. Tübingen.

Chalmers, A. F.

1994 Wege der Wissenschaft. 3. Auflage. Berlin.

Druwe, Ulrich

1995 Politische Theorie. 2. Auflage. Neuried

Kuhn, Thomas Samuel

1974 Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit . In: Kritik und Erkenntnisfortschritt. Hrsg. von Imre Lakatos und Alan Musgrave. S. 1-24. Braunschweig.

1997 Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 14. Auflage. Frankfurt/Main.

Popper, Karl Raimund

1994 Logik der Forschung. 10. Auflage. Tübingen.

Stegmüller, Wolfgang

1986 Normale Wissenschaft und wissenschaftliche Revolutionen. In: ders.: Rationale Rekonstruktion von Wissenschaft und ihrem Wandel. S. 108-130. Stuttgart.

[...]


1 Dazu zählen Karl Raimund Popper, Thomas Samuel Kuhn, Imre Lakatos und Paul Feyerabend. Die Wissenschaftsphilosophie entstand jedoch nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern bereits im frühen 17. Jahrhundert. Zu dieser Zeit unternahm Francis Bacon einen ersten Versuch die For- schungsmethoden der Wissenschaft darzustellen und zu analysieren (vgl. Chalmers 1994: 3f).

2 Da diese Darstellung außerordentlich vielfältig ist, wird die umfangreiche Debatte um den Paradigmabegriff ebenso wie Poppers Antwort auf Kuhns Kritik in dieser Hausarbeit ausgeblendet.

3 Im Induktivismus wird aus einer Reihe von Beobachtungsaussagen eine logische und allgemein gültige Schlussfolgerung (Hypothese oder Theorie) gezogen. Wenn eine Beobachtungsaussage beispielsweise lautet, dass ein Schwan weiß ist und daraus der Schluss gezogen wird, dass alle Schwäne weiß sind, dann ist dies ein induktiver Schluss. Induktivisten ziehen also eine Beobachtung als sichere Grundlage für die Wirklichkeit heran. Daher werden Theorien als wahr oder wahrscheinlich wahr angesehen (vgl. Druwe 1995: 36).

4 Die Hypothese „Mittwochs regnet es nie“ kann dadurch falsifiziert werden, dass es an einem Mittwoch regnet. Die Hypothese „Alle Junggesellen sind unverheiratet“ kann hingegen nicht falsifiziert werden, weil das Wort Junggeselle schon impliziert das die Person nicht verheiratet sein kann (vgl. Chalmers 1994: 42f).

5 Lautet beispielsweise die Hypothese: „Alle Schwäne sind weiß“, so kann daraus gefolgert werden, dass es keine Schwäne gibt, die eine andere Farbe als weiß haben. Wird durch eine empirische Bebachtung ein schwarzer Schwan entdeckt, kann diese Beobachtung in einem Basissatz formuliert werden. Die zuvor aufgestellte Hypothese ist somit falsifiziert (vgl. Druwe 1995: 36).

6 Frei nach Darwin könnte man diesen Prozess auch als „survival of the fittest“ bezeichnen.

7 Es findet also kein ständiges Wissenswachstum und kein kontinuierliches Aufstellen von neuen wissenschaftlichen Hypothesen begleitet von einer ständigen Kritik und Verbesserung der bisherigen statt.

8 Online im Internet: URL: http://archiv.tu-chemnitz.de/pub/1997/oo35/k7.html [Stand 11.11.00]

9 Der Grund für diese Unvereinbarkeit ist, dass die Befürworter konkurrierender Paradigmen eine völlig andere Weltansicht haben, verschiedene Arten von Fragen als bedeutsam betrachten, eine andere Wissenschaftssprache sprechen etc (vgl. Kuhn 1997: 159f). Anhänger rivalisierender Paradigmen erkennen also „die jeweiligen Voraussetzungen gegenseitig nicht an und so sind auch die gegenseitigen Beweise für sie nicht stringent“. Rivalisierende Paradigmen sind inkommensurabel (Chalmers 1994:98).

10 Die Bekehrung ist der Hauptgrund für einen Gefolgschaftswechsel, da es ansonsten nämlich kein logisches Argument gibt, dass die Überlegenheit eines Paradigmas über ein anderes beweist und daher einen Wissenschaftler zwingen könnte die Arbeit an dem einen Paradigma zugunsten eines anderen aufzugeben. Der Grund dafür ist, dass die Art und Weise, wie ein Wissenschaftler die Welt sieht, vom Paradigma bestimmt wird und somit sein Urteil über ein anders Paradigma auch von diesem abhängt (vgl. Chalmers 1994: 97f).

11 Zur Veranschaulichung dieser Behauptung soll das Schwanenbeispiel beitragen: Nach Popper kann die Theorie „Alle Schwäne sind weiß“ durch die Beobachtung eines schwarzen Schwans falsifiziert werden (vgl. Druwe 1995: 36). Die Existenz von schwarzen Schwänen ist jedoch nun insofern wiederum theorieabhängig, als dass man den neu entdeckten Vogel als Schwan klassifiziert. Erst nachdem man dies getan hat, kann die Beobachtung des schwarzen Vogels zur Falsifikation herangezogen werden.

12 Eine bereits falsifizierte Theorie kann beispielsweise dadurch revidiert werden, indem man nachweist, dass jener schwarzer Vogel, den man aufgrund einer Theorie als Schwan klassifiziert hat, gar kein Schwan ist.

13 Kuhn bestreitet nicht, dass ein kritisches Überprüfen in der Wissenschaft nicht vorkomme, jedoch bezieht sich dieses Überprüfen auf die Begabung eines individuellen Wissenschaftlers ein Rätsel erfolgreich zu lösen und nicht auf die Theorie selbst. Ein Wissenschaftler der beim Lösen eines Rätsels scheitert muss sich also selber und nicht die Theorie dafür verantwortlich machen (vgl. Kuhn 1974: 5).

14 An dieser Behauptung Kuhns entzündete sich die „Popper-Kuhn-Kontroverse“. Popper und seine Anhänger argumentierten, dass „in der Wissenschaft und nur in ihr wird doch [mit Rationalität, d. Verf] argumentiert; nur in ihr versucht man, andere allein durch Argumente zu überzeugen!“ (W. Stegmüller zit. nach Druwe 1995: 376).

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Kritischer Rationalismus versus Wissenschaftsgeschichte
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Moderne politische Theorie
Note
2,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V105517
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritischer, Rationalismus, Wissenschaftsgeschichte, Moderne, Theorie
Arbeit zitieren
André Krummacher (Autor), 2001, Kritischer Rationalismus versus Wissenschaftsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105517

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