Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Warum wurde nach 1945 so häufig als erstes Werk auf deutschen Bühnen gespielt?


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

9 Seiten, Note: 2


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Gliederung:

A. Kurze Angabe der behandelten Themen in „Nathan“

B. Untersuchen Sie, warum Lessings „Nathan der Weise“ nach 1945 oftmals als erstes Werk auf deutschen Bühnen gespielt wurde!
1. Behandlung der Judenthematik als Zeichen des Umbruchs
2. Äußerer Zwang durch die Alliierten und die restliche Welt
3. Aufklärung nach 1945 und Hitlers Diktatur wichtiger Aspekt
4. Abbau von Vorurteilen gegenüber Juden durch positive Darstellung
5. Toleranz und Gleichheit als Ideal

C. Toleranz und Gleichheit auch heute wichtiger Aspekt

„Nathan der Weise“, ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen. Geschrieben wurde es 1779 von Gotthold Ephraim Lessing in der Zeit der Aufklärung, des Absolutismus und Hauptthematik des Dramas ist die Suche nach der richtigen Religion. Auf deutschen Bühnen wurde dieses Stücke immer schon gespielt und gehört bis heute zum Repertoire vieler Schauspielhäuser. Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet dieses Stück nach 1945 so häufig bei der Wiedereröffnung der Theater in Deutschland gespielt wurde.

Dass man „Nathan“ als erstes Stück gewählt hat, ist zunächst einmal als Zeichen des Umbruches zu sehen. Vor 1945 war die Literatur stark eingeschränkt, es waren nur Bücher erlaubt, die als deutsch und rein galten. Schriftstücke über oder gar von Juden, wurden verboten und auch Werke mit kritischen Haltungen gegenüber der Regierung wurden vernichtet. Als erster Akt dieser Vernichtung ist die Bücherverbrennung von 1933 zu sehen, bei der auch zahlreiche Klassiker deutscher Literatur verbrannt wurden. Auch „Nathan der Weise“ entging diesem Schicksal nicht und galt bis 1945 als verboten 1. Diese Maßnahmen und die ganze Regierung Hitlers wurde sehr negativ von vielen Literaren und Schriftstellern gesehen, wie man beispielsweise an Max Liebermanns Erklärung erkennt, in der er sein Austreten aus der Preußischen Akademie der Künste bekanntgibt, da diese Kunst mit Politik und Abstammung in Verbindung brächte, was er nicht unterstützen könne 2. Es gibt natürlich weitere Beispiele für den meist stillen Protest der Schriftsteller und Intellektuellen, welcher jedoch keine Änderung der Situation herbeiführte. Als aber 1945 endlich die Regierung gestürzt wurde und diese Einschränkungen und Verbote nicht mehr gültig waren, konnte man sich wider mit Juden als Menschen und nicht als Staatsfeinde beschäftigen und diese Chance wurde u.a. mit der Aufführung „Nathans“ genützt.

Die Aufführung ist aber nicht nur als Chance zu sehen, sondern auch als Zwang. Deutschland stand zu diesem Zeitpunkt unter sehr großem Druck, allein durch die Fremdherrschaft der Alliierten. Amerika, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion hatten die komplette Macht im Land und gebrauchten diese auch. Sie schlossen zum Beispiel die meisten Schulen 3, entzogen den Gerichten die Gerichtsbarkeit 4 und so kann man auch von der Macht über die Literatur ausgehen. Deutschland war unterworfen, besiegt und wurde scharf bewacht. Das diese Bewachung nicht nur von den Alliierten ausging, ist selbstredend, beobachte doch die ganze Welt dieses „kleine“ Deutschland, welches nicht nur einmal zur Großmacht wurde und nicht nur einmal einem Krieg begann. Unter diesem Aspekt blieb ihnen fast gar keine andere Wahl, als ein Stück zu wählen, das den Anforderungen der ganzen Welt gerecht wurde. „Nathan der Weise“ war wie geschaffen für dieses Aufgabe, zeigt es doch im klaren Gegensatz zur Literatur im 3.Reich einen Juden, der „ein Christ [ist...], [e]in bess´rer Christ war nie“ 5 und stellt Lessing doch Nathan als „gute[r], [v]ernünft`ge[r] Mann“ 6 dar. Das Bild der Juden wurde also radikal und im Sinne der Alliierten, sowie der ganzen Welt geändert.

Diese Darstellung Nathans wird auch im Aspekt der Aufklärung wichtig.

Aufklärung ist nicht nur ein wichtiges Thema im 18.Jahrhundert, sondern auch in der Zeit nach 1945. War Hitler doch Diktator, ließ er nur seinen Willen und seine Einstellungen zu. Besonders sichtbar wird dies an der Judenverfolgung- und vernichtung. Es wurde von „jüdischer Infektion“ 7 gesprochen und Ausdrücke wie „Die Juden sind uns so nützlich, wie die Motten in den Kleidern, darum hier unerwünscht!“ 8 standen an der Tagesordnung. Man ließ sich diese Meinung aufzwingen, man ließ sich beeinflussen. Kurz nach Beginn des Naziregimes waren Juden plötzlich Lügner und Betrüger und die besten Freunde gehörten nun zu den Feinden. Man war froh, wenn die Juden nach und nach verschwanden und nach dem wohin fragte niemand. Natürlich ist dies eine überspitze Darstellung und es gab Ausnahmen, die zu bewundern sind, aber es lässt sich nicht leugnen, dass die breite Masse Hitler blind folgte. Dieses Verhalten gab es auch vor der Verfassung „Nathans“ und damals kam die große Welle der Aufklärung, die Lessing in seinem Werk aufgreift. So gilt es die Hauptperson Nathan als sehr aufgeklärt und teilweise auch als Aufklärer zu beschreiben. Der berühmte Ausspruch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ 9 wird von ihm an vielen Stellen in die Tat umgesetzt, so auch bei dem Gespräch mit dem Tempelherr, also einem Christ, in dem er zu ihm sagt: „Wir müssen, müssen Freunde sein!“ 10. So überschreitet er die damaligen Grenzen und freundet sich mit einem Anhänger anderer Religion an, was gesellschaftlich nicht geduldet war. Auch löst er Saladins Aufgabe, ihm den Glauben zu nennen, der ihn am meisten beeindruckt hat 11 so elegant und klug in Form einer Ringparabel, die auf die Unmöglichkeit der Suche nach der richtigen Religion verweist 12, dass man ihn als seiner Zeit weit voraus und aufgeklärt beschreiben darf. Auch seine Rolle als Aufklärer wird bei dieser Ringparabel deutlich, bringt er doch Saladin dazu, sein Freund zu werden und überzeugt ihn von seiner Einstellung, dass alle Religionen als gleich richtig und gleich gut zu bewerten sind. Die Kette der Beispiele ist lang, aber schon die genannten haben die Thematik der Aufklärung und ihre Umsetzung in „Nathan“ belegt. Die Zuschauer des Stückes sollten vom Ideal der Aufklärung überzeugt werden und nach der langen Zeit des blinden Gehorsames erkennen, wie wichtig das Handeln nach dem eigenen Verstand und nach bestem Wissen und Gewissen ist.

Nicht nur Aufklärung als Ideal sollte den Zuschauern vermittelt werden, sondern das Stück sollte auch mit den herrschenden Vorurteilen aufräumen. Wie schon erwähnt, hatten die Deutschen meist ein sehr schlechtes Bild von den Juden, schließlich hatte Hitler es sich zur Aufgabe gemacht, die Juden den Deutschen zum Feinde zu machen, was ihm auch gelang. Folglich konnte man fast nicht erwarten, dass dieser Hass und dieses Trugbild vom einen auf den anderen Tag verschwinden würde. Es bedurfte Zeit und die geeigneten Mittel, eines dieser Mittel war die Aufführung „Nathans“. So wurde die Darstellung Nathans, die im Aspekt des Zwanges des Aufführung durch äußeren Druck schon angeschnitten wurde, auch für die Umorientierung der Bevölkerung genutzt. Nathan zeigt Seiten an sich, die den Zuschauer förmlich dazu zwingen, ihn sympathisch und bemitleidenswert zu finden. Allein sein schmerzhafter Verlust von Frau und Kindern bei einem Brand und sein Harren und Weinen in Schutt und Asche 13, eindrucksvoll und intensiv geschildert, lassen ihn als bemitleidenswert erscheinen und als er danach von der Aufnahme Rechas, einer elternlosen Christin, berichtet 14, also Nächstenliebe im christlichen Sinne verübt, wächst er einem doch sehr ans Herz. Die Krönung dieser Darstellung ist jedoch die Schlussszene. Nathan, der tapfere, gute und hilfsbereite Jude führt den Tempelherrn, Recha, Saladin und Sittah zusammen und klärt sie darüber auf, dass sie verwandt sind 15. Spontan feiern diese ihre Familienzusammenführung und lassen Nathan einsam und verlassen in der Ecke sitzen. So werden wohl auch 1945 und danach einige Menschen nach Sehen dieses Stückes ihre Meinung gegenüber Juden geändert haben und das war wohl auch ein wichtiges Ziel dieser Aufführungen.

Als letzter Aspekt ist zusätzlich zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Juden, Toleranz und Gleichheit als Ideal zu nennen. Im 3.Reich sahen sich die Deutschen, natürlich ebenfalls unter dem Einfluss Hitlers als etwas besonders, als sogenannte Herrenrasse. Ebenso wie das verzerrte Judenbild schärfte Hitler den Deutschen ein, sie seien von Gott auserwählte Herrscher der Welt, sie würden über allen Rassen stehen und das Christentum wäre die einzig wahre und richtige Religion. Auch dieses Propagandamittel ließ sich nicht von dem einen auf den anderen Tag auslöschen und so wurde „Nathan“ auch in diesem Fall als Mittel auserkoren. Man sollte sich jedoch von dem festen Begriff der Religionen in Nathan lösen und sie doch mehr als Rassen und Religionen sehen. Die Ringparabel ist auch in diesem Fall wieder Paradebeispiel, wird doch in dieser Erzählung ein Ring von Generation zu Generation weitervererbt, ein Vater mit drei Söhnen lässt den Ring kopieren, gibt jedem seiner Söhne einen und lässt jedem im Glauben, den richtigen zu haben. Die Brüder streiten sich und Nathan plädiert für Vorurteil freie Liebe zwischen den Brüdern 16 gleich, wer den echten Ring besitzt. Die Ringe stehen natürlich für die Religionen und somit beweist er die Unmöglichkeit der Suche nach der richtigen Religion, da diese Ringe „gleich, vollkommen gleich“17 sind. Ebenso weist er auf die Ursprünge der Religionen hin, die alle auf die selben Gründe basieren 18. Nathan wünscht sich also Toleranz zwischen den Religionsanhängern und den verschiedenen Völkern, ausserdem stellt er alle Völker gleich und zerstört so Hitlers Bild von der Herrenrasse. Nathan beweist diese Toleranz jedoch auch selber, zum Beispiel bei seiner Freundschaft zu Al-Hafi, dem mohammedanischem Bettelmönch. Es sprechen gegen diese Freundschaft die verschieden Religionen, welche die beiden angehören und der soziale Stand. Nathan, dessen kleinstes Gut Reichtum ist 19, der also sehr viel Geld besitzt, ist Freund eines Menschen, der arm wie eine Kirchenmaus ist. Ein besseres Beispiel für Toleranz ist schwer zu finden.

Toleranz und Gleichheit als Ideal, nicht nur 1945 und danach sind diese Werte wichtig. Auch heute, wo Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung von Minderheiten auf der Tagesordnung stehen, wäre „Nathan der Weise“ ein wunderbares Mittel um Abhilfe zu schaffen. Inwieweit ein einziges Stück die Situation eines ganzen Landes ändern kann oder ob „Nathan“ es in der Vergangenheit geschafft hat, steht hier leider nicht zur Debatte.

Quellenangabe:

1. http://www.cityinfonetz.de/LTT/maerz01/nathan.html

2. Scheffler, Wolfgang; Judenverfolgung im Dritten Reich; Berlin-Dahlem, 1960 Colloquium Verlag Berlin S. 69

3. Binder, Gerhart; Deutschland seit 1945; Stuttgart-Degerloch 1969 Seewaldverlag S.19

4. Ebd. S.19

5. Lessing, Gotthold Ephraim; Nathan der Weise; Husum o.J. Hamburger Lesehefte Verlag S.100

6. Ebd. S.59

7. Scheffler, Wolfgang; Judenverfolgung im Dritten Reich; Berlin-Dahlem, 1960 Colloquium Verlag Berlin S.71

8. Ebd. S.70

9. http://www.reschke.de/wirkgilde/kant.htm

10. Lessing, Gotthold Ephraim; Nathan der Weise; Husum o.J. Hamburger Lesehefte Verlag S.44

11. Ebd. S.62

12. Ebd. S.64-66

13. Ebd.S.99

14. Ebd. S.100

15. Ebd. S.124

16. Ebd. S.67

17. Ebd. S.65

18. Ebd. S.66

19. Ebd. S.36

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Warum wurde nach 1945 so häufig als erstes Werk auf deutschen Bühnen gespielt?
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
9
Katalognummer
V105622
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nathan, Lessing, erstes Theaterstück
Arbeit zitieren
Lisa Klein (Autor), 2001, Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Warum wurde nach 1945 so häufig als erstes Werk auf deutschen Bühnen gespielt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105622

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