Die Josephgeschichte im Koran und in der Bibel. Ein Vergleich


Seminararbeit, 2001

21 Seiten


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Die Josephgeschichte im Koran und in der Bibel. Ein Vergleich

1. Einleitung

Sowohl in der Bibel (Genesis 37-50) als auch im Koran (Sure 12) findet sich die Geschichte des Joseph/Yýsuf, dem Sohn des Propheten Jacob. Die darin vorkommenden Figuren sind die gleichen, ebenso die Rahmenhandlungen und deren Konsequenzen. Der junge Joseph, der von seinem Vater bevorzugt wird und daher seine Brüder Mißgunst empfinden läßt, hat einen Traum von der Sonne, dem Mond und elf Sternen. Diese Mißgunst bringt die Brüder dazu, Joseph verschwinden zu lassen. Er wird in dem Brunnen gefunden, in den die Brüder ihn gestoßen haben, nach Ägypten gebracht und dort an den Offizier des Pharaos verkauft, der fortan sein Herr ist. Joseph wächst in dessen Haus zu einem wunderschönen Jüngling heran und die Frau seines Herren versucht ihn zu verführen, allerdings erfolglos. Verärgert über Josephs Abweisung, kehrt sie die Geschichte um und behauptet, Joseph hätte sie verführen wollen. Dieser listige Schachzug bringt Joseph für eine Weile ins Gefängnis. Dort erhält er die Möglichkeit, den Traum des Pharaos zu deuten, was diesen derart beeindruckt, daß Joseph entlassen und zu seinem Stellvertreter ernannt wird. Letztlich verzeiht Joseph seinen Brüdern ihren damaligen Haß gegen ihn und läßt diese mit dem Vater und der Familie nach Ägypten kommen.

Aber es gibt auch erhebliche Unterschiede in und zwischen den beiden Geschichten. Dies beginnt mit dem Korpus der Erzählung, der sich in der Bibel über 383 Verse erstreckt, während die koranische Erzählung 111 Verse umfaßt, wobei die eigentliche Geschichte in Vers 4 beginnt und mit Vers 101 endet. Des weiteren differiert die erzählte Zeit erheblich. Im Koran endet die Geschichte mit dem Einzug in Ägypten, in der Genesis endet sie mit Josephs Tod, der 110 Jahre alt wird. Die Geschichte geht also mindestens 80 Jahre über die koranische hinaus. Neben der erzählten Zeit sind auch Technik und Struktur der Erzählung mit ihrem Charakter, Klang, Ausdrucksweisen und künstlerischen Formen unterschiedlich. Die koranische Erzählung wird von Dialogen dominiert, einem Theaterstück gleichend mit Akten und Szenen1. In einigen Sequenzen wechselt die Dialogform zur Erzählperspektive, der Erzähler ist Gott. Die biblische Geschichte wird narrativ aus der Sicht einer unbekannten Person geschildert, Dialoge kommen sehr vereinzelt vor. Es finden sich hier, im Gegensatz zur Sure 12, genaue Orts-, Zeit- und Namenangaben. Lediglich die Namen der vier Propheten Ibræhñm (Abraham), Is…æq (Isaac), Ya<qýb (Jacob) und Yýsuf (Joseph) und die Orte Kana'an und Ägypten werden erwähnt. Der Käufer Josephs wird in der Genesis als Potiphar, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache, identifiziert. Im Koran hingegen ist er ein Mann aus Ägypten. In der Bibel erfahren wir auch Josephs Alter (Gen. 37:2) und die Anzahl der Brüder (Gen. 42:3,4).

Um zu klären, weshalb die Josephgeschichten der Bibel und des Korans so gravierende Unterschiede haben, muß nicht nur ein Vergleich angestrebt, sondern auch der Kontext gesehen werden, in dem die Geschichten entstanden sind. Daran anknüpfend kann vielleicht geklärt werden, weshalb z.B. die Schilderungen verschieden ausführlich sind oder weshalb im Koran auf Gefühlsäußerungen nahezu gänzlich verzichtet wird, während die biblische Fassung darauf bedacht ist, bestimmte Charaktereigenschaften einiger Figuren zu betonen.

Die Josephgeschichte in der Genesis ist eine Fortsetzung. Sie führt nicht nur Genesis 38 inhaltlich fort, sondern auch die Geschichte der Familie Abrahams, folgt der Geschichte Esaus sowie der frühen Geschichte Jacobs. Diese findet in einer Verkettung von Ereignissen statt, welche wiederum die Migration der Israeliten nach Ägypten, ihrer Befreiung aus der Gefangenschaft und Errettung zur Folge haben. Diese chronikalischen Aspekte prägen die Genesisgeschichte und unterscheiden sie maßgeblich von der koranischen. Diese ist weder eine inhaltliche Fortsetzung der Sure 11, noch ein Auszug aus einer weiterführenden Geschichte, noch zur Sure 13 überleitend.

Die Sýrat Yýsuf ist wie andere Geschichten im Koran eine min anbæ> ar-rasýl, die dem Gläubigen Kraft verleihen soll, um ihn in seinem Glauben zu bestärken. Gott hat sie ursprünglich übermittelt, da sämtliche andere Geschichten, die Mu…ammad bis dahin - durch ihn offenbart - seinen Anhängern erzählte, immer als Warnung und Belehrung dienten. Nun wünschten sich die Gläubigen zur Abwechslung eine schöne Geschichte, die nicht ausschließlich warnende Elemente enthielt, sondern auch erheiternd sein sollte2. Gleichzeitig soll Mu…ammad in Konkurrenz gestanden haben zu einem Stammesgenossen, der im Irak, welches damals zum sassanidisch-persischen Einflußbereich gehörte, gereist ist und persisches Erzählgut mit nach Mekka brachte. Diese persischen Erzählungen waren zu der Zeit sehr beliebt, und als Trost soll Gabriel Mu…ammad die Sure 12 gebracht haben. Es wird sehr viel Wert darauf gelegt, daß dies eine wahre Geschichte ist und außerdem die schönste von allen.

1.1 Parallelen zu anderen historischen Erzählungen

Die Josephgeschichte der Genesis hat Ähnlichkeiten mit der ägyptischen Geschichte Die zwei Brüder des Amarna-Zeitalters (ca. 1200 v.Chr.) und der griechischen Geschichte des Bellerophon aus dem Zeitalter Homers (ca. 900 v.Chr.), wobei eine Beziehung zwischen der Genesisgeschichte und der der zwei Brüder lange debattiert wurde. Zentrale Elemente der Erzählungen sind Intrige, Romanze, Revanche und Rechtfertigung bzw. Beweis der Unschuld. Jede Version muß trotz ihrer Ähnlichkeiten im Kontext der Kultur, in die sie eingebettet ist, betrachtet werden. Und jede Kultur 'produzierte' eine Version dieser Geschichte durch Legenden und Kommentare, die einmalig ihre eigene war3. In all diesen Geschichten wird der junge 'Held' als mythologische Gestalt beschrieben, ausgezeichnet mit weissagenden Charakteristika und von einer Frau begehrt und umworben. Außerdem ist der Held all dieser Geschichten mit Schönheit und Stärke ausgestattet In der ägyptischen Erzählung kann Bata den Verführungen durch die Gattin seines älteren Bruders Anubis widerstehen. In der Iliasgeschichte kann Bellerophon, ein Kind des Gottes Poseidon, der schönen Antéia widerstehen und Ungeheuer überwältigen. So wie Joseph in der Bibel der theophorische Name Jehosaph (Psalm 81:6) gegeben ist, tragen auch Anubis, Bata und Bellerophon theophorische Namen.

Die meisten Ähnlichkeiten in den verschiedenen Geschichten sind also in der Heldenfigur selbst zu finden:

1. Der Held erreicht einen halbgöttlichen Status
2. Er ist stark und schön
3. Die Gattin seines Herrn bzw. engen Vertrauten versucht ihn zu verführen und dieser Versuch ist plötzlich und direkt
4. Er lehnt eine amouröse Begegnung mit ihr ab und wird bestraft
5. Er wird letztlich befreit und belohnt.

Für die folgende Arbeit möchte ich den Vergleich der Josephgeschichte mit seinen Motiven und der Funktion auf die Genesis und den Koran beschränken.

2. Allgemeine Unterschiede der biblischen und koranischen Version

Beide Geschichten beginnen mit Josephs Traum von der Sonne, dem Mond und elf Sternen. In der Genesis geht diesem Traum noch einer von zehn Garben voraus, die sich, ebenso wie Sonne, Mond und Sterne, vor Joseph verneigen. Sein Vater Jacob erfährt in beiden Geschichten von diesem Traum (in der Genesis auch zusätzlich die Brüder) und reagiert sehr unterschiedlich: Während er sich in der Genesis darüber ärgert, daß Joseph meint, seine Eltern (Sonne und Mond) und seine Brüder (elf Sterne) würden sich vor ihm verneigen (37:10), ist der koranische Jacob sehr besorgt über diesen Traum. Dies läßt sich dadurch erklären, daß er ein Prophet ist mit der Fähigkeit, Träume deuten zu können. Durch diesen Traum ahnt er, daß die von Neid und Haß erfüllten Brüder Joseph etwas antun könnten, was folgenschwere Konsequenzen hätte. Daher ermahnt er Joseph auch, seinen Brüdern nichts über diesen Traum zu erzählen (Sure 12:5) und ist auch nicht damit einverstanden, daß er seine Brüder begleitet. Anderseits sieht Jacob auch die Anzeichen, daß Joseph ein Prophet wird und freut sich, daß das Prophetentum in seiner Familie weiterhin bestehen wird.

Diese gänzlich unterschiedliche Reaktion Jacobs zeigt sich auch beim Verschwinden Josephs. Im Koran läßt er sich nur schwer von seinen Söhnen überzeugen, daß Joseph von einem Wolf gefressen wurde. Selbst das blutige Hemd überzeugt ihn nicht vollkommen. Als Prophet verliert er einerseits nicht den Glauben und die Treue an Gott. Zum anderen ist er dem biblischen Jacob im Vorteil, da seine Fähigkeit, die Dinge im Voraus zu ahnen, ihn seinen Sohn Joseph nicht aufgeben läßt. In der Genesis müssen die Brüder keine große Arbeit leisten, um Jacob glauben zu lassen, daß Joseph offenbar tot ist. Es genügt, ihm das blutige Hemd zu zeigen und er schlußfolgert selbst, daß ihn ein Tier gefressen hat.

Bei dem Versuch, jemanden verführen zu wollen, scheint die Aufforderung "Leg dich zu mir!" (Gen. 39:7) wesentlich eindeutiger als "Komm her!" (Sure 12:23). Joseph wird in beiden Geschichten von der Frau seines Herren begehrt, allerdings versucht sie in verschiedenen Weise, diese Begierde zu befriedigen. So 'unverfänglich' wie sie im Koran die Verführung mit der Aufforderung "Komm her!" beginnt, so dramatischer wirkt Josephs Fluchtversuch. Denn sie versucht ihn beim Weglaufen am Hemd festzuhalten, das dann hinten zerreißt. In der Genesis hat sie bei seinem Fluchtversuch sein Hemd in der Hand, wobei unklar ist, ob er es auszieht, um loszukommen, oder sie es ihm ausgezogen hat. Ihre Handgreiflichkeit ist im Koran sehr eindeutig, in der Genesis bleibt diese offen. Aber in beiden Versionen benutzt sie anschließend dieses Hemd als Beweis dafür, daß Joseph sie verführen wollte und nicht umgekehrt. Da das Hemd in der Genesis unbeschädigt bleibt, wäre es hier wesentlich schwieriger, Josephs Unschuld zu beweisen. Darin liegt der nächste Unterschied zwischen den beiden Geschichten. Der biblische Joseph wird nach der Denunzierung der Frau sofort inhaftiert, und es gibt keine Schilderung wie im Koran, daß Joseph versucht, sich zu rechtfertigen und seine Unschuld zu beteuern bzw. daß die Frau ihn vor die Wahl stellt, entweder ihr Verlangen zu befriedigen oder in das Gefängnis zu gehen. Im Koran versucht nicht nur Joseph seine Unschuld zu beteuern, es werden auch Zeugen herangezogen, die anhand des Hemds entscheiden sollen, wer wen verführen wollte (Sure 12:26,27). Trotz seiner Unschuld - bewiesen oder nicht - endet er in beiden Geschichten im Gefängnis.

Zwei von Josephs Mitinsassen werden in der Genesis als der oberste Bäcker und der Mundschenk des Königs charakterisiert (Gen. 40:1-6), im Koran sind es einfach zwei Sklaven (Sure 12:36). Diese fordern ihn direkt auf, ihre Träume zu deuten, da er ein Rechtschaffener ist (Sure 12:36). In der Genesis lamentieren sie, daß es niemanden gibt, der ihre Träume deuten könnte, und Joseph bietet sich selbst dazu an, obwohl das Auslegen Gott allein zugehört (Gen. 40:8).

Für die Beschreibung des Traums vom Pharao, den Joseph später in beiden Geschichten deuten wird, werden im Koran ca. drei Zeilen verwendet (Sure 12:43), in der Genesis sind es ganze 32 Verse (Gen. 41:1-32). Dies zeigt die bemerkenswerte Kürze der Schilderung von Ereignissen im Koran. Der Traum und die Deutung Josephs sind dieselben, allerdings sind die Zeitpunkte des Deutens unterschiedlich. Im Koran deutet ihn Joseph noch im Gefängnis und wird bald darauf zum König bestellt. Bevor er zu ihm geht, besteht Joseph erst darauf, daß seine Unschuld bewiesen wird. Nicht nur die Frau Potiphars, sondern auch die Frauen der Stadt, die sich in die Hände schnitten, weil sie von seiner Schönheit so angetan waren (Sure 12:31), sollen gestehen, daß sie ihn begehrten (Sure 12:50). In der Genesis stellt Joseph keine Bedingungen, die seinem Ruf von Vorteil sein könnten, sondern kümmert sich um sein äußeres Erscheinen. Er läßt sich rasieren, zieht andere Kleider an und geht daraufhin zum Pharao, um ihm seinen Traum zu deuten (Gen. 41:14). Der Lohn dieses Deutens ist, daß Joseph der Stellvertreter des Pharaos bzw. Königs wird. Allerdings mit dem bedeutenden Unterschied, daß er in der Genesis vom Pharao selbst erhoben wird, im Koran von Gott. Hier zeigt sich, wie im Koran Gott immer wiederkehrt, eigentlich allgegenwärtig ist, und Joseph seine Hilfe und Unterstützung gibt. In der Genesis gibt es ein kontinuierliches Muster dafür, daß Joseph zwar nicht ganz allein auf sich gestellt ist (es gibt Momente, in denen Gott einlenkt), aber daß sich mehr Dinge scheinbar durch die Gunst oder das Wirken anderer Menschen lenken lassen. Was nicht bedeutet, daß Gott hier untätig ist; vielleicht lenkt er die Menschen, die Joseph begegnen, aber es ist nicht explizit wie im Koran. Ein Beispiel für das Verspüren der Allgegenwart Gottes ist Jacob. Seine Zuwendung zu Gott ist bemerkenswert, denn es geschieht in der gesamten Genesisgeschichte lediglich einmal, daß er über Gott spricht und sich an ihn wendet (Gen. 43:14), als er Bedenken hat, seinen jüngsten Sohn Benjamin mit nach Ägypten gehen zu lassen. Jacob im Koran spricht ständig über und zu Gott. Er ist ein Prophet, ein Nachkomme Abrahams/ Ibræhñms, für den aller Glaube und alle Hoffnung in Gott liegt.

Was das Zusammentreffen Josephs mit seinen Brüdern betrifft, so stimmen beide Geschichten in dem Punkt überein, daß er sie erkennt, sich ihnen jedoch nicht zu erkennen gibt. Allerdings wird er in Genesis als hart und kühl dargestellt, während im Koran auch in dieser Episode sein Bild als barmherziger Mann weiterverfolgt wird, ein Mann min al- mu…sinñn (von den Wohltätern) eben. Der Zeitpunkt, an dem Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, wirkt in Genesis leicht theatralisch, da er jetzt anfängt zu weinen und all seinen Brüdern um den Hals fällt, obwohl er vorher gefühlskalt wirkte (Gen. 45:14,15):

Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte auch an seinem Halse, und er k üß te alle seine Brüder und weinte an ihrer Brust. Danach redeten seine Brüder mit ihm.

Solche Gefühle und Gemütsregungen werden in der biblischen Geschichte immer wieder beschrieben, im Koran wird darauf verzichtet. Ein weiterer markanter Unterschied der Geschichten ist Josephs Hemd, das im Koran dreimal vorkommt und somit eine nicht unwichtige Bedeutung erhält: Erst soll es blutverschmiert Josephs Tod beweisen, dann soll es zerrissen Josephs Unschuld beweisen und am Ende noch einmal den erblindeten Jacob wieder sehend machen. Die Erblindung Jacobs kommt in der Genesis nicht vor.

Den Impuls, mit samt seiner Familie nach Ägypten zu gehen, erhält Jacob in der Genesis von Gott in einem Traum (Gen. 46:4), und zusätzlich befiehlt der Pharao, die gesamte Familie seines neuen Stellvertreters kommen zu lassen (Gen. 45:17-20). Im Koran folgen sie dem Aufruf Josephs (Sure 12:93).

Die Ankunft in Ägypten zeigt in beiden Geschichten, daß der Traum Josephs, mit dem die Geschichten jeweils begannen, wahr wurde: Der Traum des biblischen Josephs wird in sofern wahr, als sich seine zehn Brüder vor ihm verneigen, wie einst die zehn Garben in seinem ersten Traum (Gen. 44:14). Im Koran verneigen sich Josephs Eltern und seine Brüder vor ihm, wie einst die Sonne, der Mond und die elf Sterne (Sure 12:100).

2.1 Funktionen der biblischen und koranischen Geschichte

Die Geschichte im Koran ist eindeutig die eines Propheten, der im Gefängnis die Kraft des wahren Glaubens erhält. Daher soll Gott sie auch jedem Propheten verkündet haben. Dies erklärt unter anderem, weshalb nur die Namen der Propheten Abraham, Isaac, Jacob und Joseph erwähnt werden. Da die Geschichte keine Chronik sein soll, sondern der Kern darin liegt, niemals den Glauben an Gott zu verlieren, denn seine Hilfe ist immer gewiss, sind Orts- und Namenangaben irrelevant. In der Genesis ist die Erzählung ein Teil der jüdischen Geschichte. Allein in Kapitel 46 werden 70 Namen aufgezählt, die nach Ägypten migrieren. Abdel Haleem begründet es damit, daß es für die Juden von großer Bedeutung ist, die Namen ihrer Vorfahren zu kennen. Nicht zuletzt, um anhand von ihnen Ereignisse datieren und lückenlos zurückverfolgen zu können4. Die einzigen Namen, die für einen Muslim von Bedeutung sind, sind die der vier Propheten, denn ein Muslim sein, heißt unter anderem an sie zu glauben5. Ebenso mag das Fehlen von Namen in Sure 12 ein Hinweis auf eine Kodierung sein, um eine Arabisierung sicherzustellen. Es soll verhindert werden, daß Namen mit Personen anderer Religionen und nichtarabischen Regionen oder Kulturen verwechselt werden und daß keine ethnischen Assoziationen auftreten. Für die Juden ist die Geschichte nicht nur aus genealogischer Sicht sehr wichtig, sie ist ein wesentlicher Teil ihrer Religion.

Der †ýrat Yýsuf wurden im Laufe der Zeit viele Kommentare (tafæsñr) und Legenden (qi‡a‡ al-anbiyæ>6 ) gewidmet, die versuchen , das Unbegründete zu begründen7. Demnach finden sich in ihnen auch Namen und Motivationen. Warum leidet Joseph? Wegen seiner Eitelkeit, später weil er sich statt an Gott, an einen Mundschenk wendet und Hoffnung in ihn statt in Gott legt. Wenn Joseph gewarnt wird, seinen Traum nicht mitzuteilen, wie erfahren ihn die Brüder dennoch? Durch seine Tante.

Glassen hat die These aufgestellt, daß die Josephgeschichte ein Gleichnis zu Mu…ammad sei8: So wie Joseph zunächst mit allem was er tut, nur Haß und Mißgunst erntet, stieß auch Mu…ammad mit seinen Offenbarungen zunächst auf Spott und Feindschaft seiner mekkanischen Stammesbrüder. Der versöhnliche Ausgang in der Sure gleicht der Versöhnung Mu…ammads mit den Mekkanern. Doch die Sure kann nicht nur als Gleichnis zum Propheten Mu…ammad gelesen werden, sondern auch als Belehrung bzw. Moralgeschichte. Josephs Schicksal ist nicht nur sein eigenes oder das Mu…ammads, sondern das Schicksal aller Muslime, die den Glauben an Gott nicht verlieren. Sein Weg führt immer aus der Finsternis (Brunnen, Gefängnis) ans Licht in eine gute Zukunft. Gottes Taten haben immer einen guten Grund, auch wenn sich dieser dem menschlichen Verstand nicht erschließen läßt. Deshalb hat der Mensch seine Taten nicht zu hinterfragen oder gar zu bezweifeln, sondern soll ihm auch in schlechten Zeiten treu bleiben und nicht eigenständig nach einer Lösung suchen wie Joseph, der sein Vertrauen kurzzeitig in den Mundschenk gelegt hat. Diese Geduld, den Glauben nicht zu verlieren und nichts zu hinterfragen, wird in der Sure 12 von Anfang an durch Jacob gezeigt. Er bewahrt die schöne Geduld (al-‡abr ™amñl, ein Terminus aus der Mystik), durch die man den Weg zu Gott findet.

2.1.1 Die besondere Rolle der Verführungsgeschichte

Im Rahmen des Familienschicksals der Baný Isra>ñls wird der Versuch y¾as, Joseph zu verführen, zum Mittelpunkt. Auch wenn dieser Versuch sowohl in der Bibel als auch im Koran scheitert, wird in der Sure 12 sehr deutlich gemacht, daß Joseph das Widerstehen nicht leicht fiel, was in der Genesis wiederum nicht ersichtlich wird (Sure 12:24):

Sie begehrte ihn und er begehrte sie, wenn er nicht die Erleuchtung seines Herrn gesehen hätte. So aber griffen wir ein um Böses und Abscheuliches von ihm abzuwenden. Er ist von unseren auserlesenen Dienern. 9 Gott konnte also rechtzeitig eingreifen und Joseph seine Keuschheit bewahren. In diesem Vers liegt wohl der Keim für eine mögliche Liebesbeziehung, wie sie später in persischen Epen breit ausgeführt wird. Joseph wird nach Zulay¾as Verschwörung nicht sofort inhaftiert, sondern Potiphar denkt über die List der Weiber nach, ermahnt seine Frau zur Zurückhaltung und fordert Joseph zur Verschwiegenheit auf. Hier findet sich ein weiteres Phänomen, mit dem sich die Kommentare und Legenden später viel beschäftigten: die List der Weiber und ihre Wollust, vor denen der Mann nur schwerlich bewahrt werden kann10. Kurz: Der Mann als wehrloses Opfer der weiblichen Sexualität. Belegend dafür sind auch Vers 33/34, in dem Joseph zugibt, daß er wohl ohne Gottes Hilfe der Verführung nicht hätte widerstehen können (Sure 12:33):

(...) Und wenn du die List der Weiber nicht von mir abwendest, bekomme ich Verlangen nach ihnen und bin ein Tor. 11

Viele der Legenden und Kommentare haben sich speziell mit dieser Verführungsszene beschäftigt und eine Liebeslegende etabliert. Joseph und Zulay¾a gehören seit langem zu den klassischen Liebespaaren der arabischen und persischen Epen.

2.2 Beispiele aus christlichen und islamischen Kommentaren

Eine der Legenden über Y ý suf wa Zulay … a stammt von a½--a<labñ (gest.427/ 1035-36) aus dem 11. Jahrhundert. Damit die Geschichte der beiden einen glücklichen Ausgang findet, vermählt a½--a<labñ die beiden in seiner Prophetenlegende Qi ‡ a ‡ al-anbiy æ >12, in der Zulay¾a allerdings noch Ra<ñl, die Frau des Qitfñr heißt. Als Joseph durch seine Gabe als Traumdeuter und seine klugen wirtschaftspolitischen Maßnahmen in hoher Gunst des Pharaos steht, entläßt dieser kurzerhand Potiphar und übergibt Joseph dessen Ämter. Nachdem Potiphar einige Zeit später stirbt, verheiratet der Pharao Joseph mit Zulay¾a und es stellt sich heraus, daß diese noch Jungfrau ist, da Potiphar impotent gewesen ist. Mit dieser Jungfrau- und Impotenzversion bröckelt Zulay¾as Stigma, ein wollüstiges Weib gewesen zu sein.

Der persische Dichter ‰æmñ (gest. 1492) geht noch weiter und überträgt die Geduld Jacobs auf Zulay¾a, indem er der glücklich endenden Liebesgeschichte eine Vorgeschichte hinzufügt, die deutlich macht, daß Zulay¾a durch eine Verkettung von Mißverständnissen Potiphars Frau wird. Ihr, der jungen, hübschen, viel umworbenen maghribinischen Prinzessin, erscheint Joseph mehrmals im Traum und sie verliebt sich in ihn. Bei seinem dritten Erscheinen eröffnet er ihr, daß er der <azñz Ägyptens ist, und sie verloben sich im Traum. Durch ihre Liebe zu dieser Traumgestalt wird Zulay¾a in der Wirklichkeit verrückt (ma™nýn), woraufhin sie ihr Vater in Ketten legen läßt. Eine Amme klärt ihn schließlich auf, indem sie ihm berichtet, daß seine Tochter den <azñz Ägyptens liebt. Um seine Tochter von ihren "Qualen" zu befreien, sendet er einen Boten nach Ägypten, der den <azñz dazu bringen soll, um Zulay¾as Hand anzuhalten. Wer daraufhin erscheint, ist nicht Joseph sondern Potiphar. Zulay¾a erkennt bald diesen Trug und verzweifelt endgültig, doch Gabriel erscheint und versichert ihr, daß diese Heirat eine notwendige Vorstufe ist zur Vereinigung mit dem Traumgeliebten Joseph. So übt sie sich einige Jahre in Geduld, bis der Knabe Joseph zu einem mannhaften Jüngling heranwächst. Nach vielen Jahren des Wartens ist sie von seiner Schönheit so angetan, daß ihr Verführungsversuch legitim wird.

Während die Legenden und Epen über Joseph und sein Schicksal zuvor in erster Linie die Familiengeschichte mit dem Leid und der Geduld Jacobs und der Versöhnung mit den Brüdern im Zentrum stand, vollendete ‰æmñ den Stoff dieser Geschichte zu einem reinen Liebesepos Ende des 15. Jahrhunderts13. Die Josephgeschichte wurde in der vom mystischen Denken geprägten persischen Literatur zu einem Seelenmythos umgeformt. Josephs äußerer Schicksalsweg läßt sich auch immer als Metapher für innere Vorgänge lesen. Er wird zu einem Prototyp der Schönheit (Gott hat ihm zwei Drittel des Schönheitsvorrates zugesprochen)14, durch die er sich selbst genügt und die ihm entgegengebrachte Liebe verschmäht. Dieses Verschmähen ist allerdings dann verständlich, wenn man bedenkt, daß diese Liebe ihn immer wieder in dunkle Schächte bringt: Die Liebe seines Vaters sät den Neid der Brüder, die ihn deshalb in den Brunnen werfen, Zulay¾as Leidenschaft bringt ihn ins Gefängnis. An diesen Stellen griff Gott mit seinen Taten ein, die Joseph nicht von vornherein erkennbar waren, doch wie bereits erwähnt, sind seine Taten nicht für die Ratio bestimmt. Letztlich gelingt es Joseph, die Liebe, die seiner vollkommenen äußeren Schönheit gilt, in die Liebe zum Schöpfergott zu wandeln, denn Schönheit ist vergänglich, nicht aber das Göttliche. Dazu ein Auszug aus a½--a<labñs Version15, wie sehr Zulay¾a von seiner Schönheit angetan ist, er aber die Komplimente fast emotionslos entkräftet:

Zulay ¾ a sagte: "Oh Joseph, wie schön ist dein Haar." Joseph erwiderte: "Es wird das Erste sein, was von meinem Körper abfällt, wenn ich tot bin." Zulay ¾ a sagte: "Oh Joseph, wie schön sind deine Augen." Er erwiderte: "Sie werden das Erste sein, was schmilzt und zunichte von meinem Körper fließt." Zulay ¾ a sagte: "Oh Joseph, wie schön ist dein Gesicht." Joseph sagte: "Gott formte mich in der Gebärmutter. Der Staub wird es essen." So unterschiedlich die Dichter und Kommentatoren ihre Phantasie walten ließen, kehrt neben Josephs Schönheit auch das Phänomen der asexuellen Beziehung Zulay¾as und Potiphars immer wieder, entweder ist er impotent oder ein Eunuch. Dadurch wird Zulay¾a von einer Sünderin zu einer Unschuldigen transformiert, und die Frage ist, aufgrund welcher Absicht die Kommentatoren und Legendenschreiber darauf bedacht waren, ein wollüstiges Weib zu einer Unschuldigen zu machen. Wie konnte sich das Bild von der intriganten, rachsüchtigen Frau umkehren zu einer gläubigen, bereuenden und treuen Frau? Was geschieht dann mit der omnipräsenten Warnung und Moral vor der weiblichen Sexualität, die dem Mann heimtückisch zum Verhängnis werden kann?

Im Christentum ist die Josephgeschichte durch Kommentare und Legenden weniger zu einer Liebesgeschichte transformiert worden als mehr zu einer immerwährenden Erfolgsgeschichte16. Joseph steht immer im Zentrum des Geschehens, sei es daß er ein bunteres Kleid trägt als seine Brüder, vom Vater bevorzugt wird, Träume deuten kann, des Pharaos rechte Hand wird und letztlich den Respekt der Brüder erntet. Der 'Zwischenfall' mit Zulay¾a ist innerhalb der Handlung ein Nebenstrang, um vielleicht eine Spannung zu erzeugen, sofern die Bibel es sich zur Aufgabe macht, Spannungsbögen in die Geschichten einzuarbeiten. Ein wichtiger Abschnitt in Genesis 39 sind die Verse 1-23, denn hier ist der Kern der Geschichte: Joseph, als Sklave nach Ägypten gebracht, wird an Potiphar verkauft. Gott lenkt die Dinge so, daß Joseph gute Arbeit leistet und das Vertrauen seines Herrn genießt. Doch dessen Frau verführt ihn und obwohl er nicht auf die Verführung eingeht, da er vor Gott keine Sünde begehen kann, verrät sie ihn an ihren Mann, der ihn umgehend einsperren läßt. Aber auch hier lenkt Gott wieder ein und Joseph wird des Pharao Stellvertreter. Diese Ereignisse reflektieren eine jüdische Idee: Der gläubige Mensch wird siegen und durch seinen Glauben erfolgreich sein. Demjenigen, der Gutes tut, wird Gutes widerfahren17. Dieser Glaubensgrundsatz gilt aber auch mindestens für den Islam (Mu<tazila).

Joseph ist attraktiv, vertrauenswürdig, geschäftstüchtig und keusch. Die Frau hingegen ist lustvoll und listig. Obwohl die Begegnung der beiden in der Bibel mit Details ausgeschmückt wird, schreitet die Erzählung rasch voran, so daß sie zum Kernpunkt kommen kann: dem materiellen Erfolg Josephs. Potiphars Frau fungiert in einer Nebenrolle, die zwei wichtige Punkte aufzeigt: erstens Josephs Gehorsam gegenüber Gott und zweitens die Frau als Werkzeug des Teufels. Dieses Element "Frau als Teufel" wird ohne Gefühl und Erotik dargestellt, obwohl sie die deutliche Aufforderung macht "Leg dich zu mir". Der Mythos der keuschen Jugend, die der lustvollen Mutterfigur gegenübersteht, wird hier reflektiert. Die Kommentatoren und Legendenschreiber der biblischen Geschichte haben es sich nicht zur Aufgabe gemacht, Zulay¾as schlechten Ruf zu revidieren, sondern den Schwerpunkt auf Josephs Erfolge gelegt, die teilweise einen beschwerlichen Weg hinter sich haben. Zulay¾a bleibt dabei ein listiges Weib, das zum Teil sogar hysterisch erscheinende Eigenschaften aufweist. So erzählt Ranelagh18 beispielsweise von Versionen, in denen Potiphar ein Eunuch ist und seine unbefriedigte Frau Joseph ständig umwirbt, ihm mit dem Tod droht und ihm verspricht, ihr Meister zu werden. Sie schlägt ihm auch vor, Potiphar zu töten und dann zu konvertieren. An einer anderen Stelle simuliert sie eine schwere Krankheit und droht Joseph mit Selbstmord. Dieser warnt sie allerdings vor dem blasphemischen Freitod, da dies einer Nebenbuhlerin erlauben würde, ihre Kinder zu mißbrauchen.

Durch diese unterschiedlichen Darstellungen Zulay¾as, mag man zu der Ansicht kommen, daß die islamischen eine 'loyalere' Einstellung zu den Frauen haben. Diese Ansicht könnte auch unterstützt werden durch die Tatsache, daß Zulay¾a im Koran eine außergewöhnliche Behandlung genießt. In Vers 28 wird sie eindeutig als Schuldige entlarvt, da das Hemd hinten und nicht vorn zerrissen ist, trotzdem wird nicht sie sondern Joseph inhaftiert. Um zu beweisen, daß sie keine Sünderin ist, präsentiert sie einigen Frauen aus der Stadt Joseph. Tatsächlich sind auch diese von seiner Erscheinung derart hingerissen, daß sie sich mit dem Messer in die Hand schneiden (Sure 12:31). Zulay¾as Verhalten gegenüber Joseph ist jetzt ansatzweise entschuldbar, da sie zeigen konnte, daß offensichtlich die meisten Frauen ihren Anstand verlieren, wenn sie Joseph sehen. Sündern im Koran wird ausgesprochen selten - wenn überhaupt - eine zweite Chance gewährt. Doch Zulay¾a erhält diese, indem sie einige Jahre später dem Pharao ihr Verlangen gesteht und die Chance hat, Reue zu zeigen (Sure 12:51):

(...) Jetzt ist die Wahrheit an den Tag gekommen. Ich wollte, daßer sich mir hingebe. Und er ist einer von denen, die die Wahrheit sagen. 19

In der Geschichte der Genesis wird kein Versuch unternommen, einen Schuldigen für den Verführungsversuch ausfindig zu finden. Der Leser weiß, daß Zulay¾a diejenige ist und durch ihre List wird Joseph unschuldig inhaftiert. Damit entsteht und bleibt das Bild einer wollüstigen und listigen Frau.

2.3 Josephs Schönheit

Genesis 39:6 erzählt, daß er schön an Gestalt und hübsch von Angesicht war. Seine Attraktivität gegenüber Frauen ist sowohl in der Genesis als auch in der Sure 12 der Dreh- und Angelpunkt der weiterführenden Erzählung. Die Legenden beider Traditionen schmücken die Schönheit Josephs aus, rühmen die Einzigartigkeit seiner Erscheinung und deren unwiderstehliche Wirkung. Obwohl die Legenden auch andere Charakteristika betonen, wie z.B. seine Intelligenz, Frömmigkeit und Keuschheit, wird seine Schönheit immer wieder hervorgehoben. Im Heldenzeitalter wurden die Helden, Männer wie Frauen, häufig als besonders schön dargestellt20. Wie bereits angemerkt, soll Gott Joseph zwei Drittel der irdischen Schönheit gegeben haben21. Bei a½--a<labñ sogar neun Zehntel. An diese Bemerkung anknüpfend stellt Goldman22 die Frage (die sich auch Kommentatoren und Legendenschreiber stellten), auf welche Weise Joseph gut gebaut und schön war und woher er diese Schönheit hätte. Ist sie plötzlich gekommen oder hat er sie vererbt? In Genesis 29:17 gibt es den Hinweis, daß auch seine Mutter Rachel sehr schön war. Darauf führt A½--a<labñ seine Schönheit zurück. Andere verbinden sie mit seinem Vater Jacob. Doch ist es notwendig, sich diese Frage zu stellen unter Berücksichtigung der Tatsache, daß es sich um einen Halbgöttlichen (Bibel) und Propheten (Koran) handelt, der Träume deuten kann? Helden heben sich ab mit ihren besonderen und außergewöhnlichen Fähigkeiten, auch äußerlich.

Jüdische Quellen betonen besonders die Kraft und Tiefe Josephs Augen. Obwohl sie natürlich schön waren, soll Joseph sie noch mit Make-up hervorgehoben und sein Haar frisiert haben23. In islamischen Quellen hingegen wird sein schönes Gesicht gerühmt, das mit dem Mond verglichen wird24. Selbst der Prophet Mu…ammad, der auf seiner Reise durch die sieben Himmel Yýsuf begegnet (in seiner sñra im dritten, bei a½--a<labñ im siebten Himmel), soll von seiner Schönheit fasziniert gewesen sein.

Wie wirkt Josephs Schönheit nun auf seine Betrachter und Bewunderer? Da er sowohl auf Männer als auch auf Frauen anziehend wirkt, könnte er etwas Androgynes an sich haben. Den femininen Teil würde auch das Benutzen von Make-up und seine wohl gewählte Kleidung unterstreichen. Wie auch immer seine Mitmenschen auf seine physische Schönheit reagieren - sei es, daß Potiphar einen extra hohen Preis für ihn gezahlt hat, da er ihn besonders attraktiv fand, die Frauen der Stadt in Ohnmacht fallen und sich in die Hände schneiden oder Zulay¾a ihn leichtsinnig verführt, obwohl sie die Gattin seines Herrn ist - spielt diese Schönheit eine zentrale Rolle in den Josepherzählungen. Josephs Portrait schwebt in den ägyptischen, biblischen und koranischen Darstellungen immer zwischen menschlich und engelhaft, und viele Konsequenzen resultieren aus ihren Aktionen oder Reaktionen bezüglich seiner Ausstrahlung. Allerdings übertreffen die Reaktionen der Frauen in der biblischen und koranischen Erzählung sowohl an Heftigkeit als auch an Häufigkeit.

Frauen spielen in beiden Geschichten eine große Rolle, wobei Zulay¾a die wichtigste einnimmt. In der Genesis kommen die Frauen aus der Stadt nicht vor und somit taucht die Szene, in welcher auch andere Frauen von Josephs Anblick fasziniert sind, nicht auf. Dabei haben diese einen großen Stellenwert für den Verlauf der Geschichte und für den Beleg, daß Frauen listig sind. Ihre Reaktion auf Joseph dramatisiert noch einmal seinen unwiderstehlichen sexuellen Charme und die damit zusammenhängende Bereitschaft zur Intrige. Jede einzelne von ihnen würde nun selbst gern Joseph verführen. Daß Zulay¾a diese Frauen mit einbezogen hat, soll ein Beleg für ihre List (kayd) und Berechnung sein. Die Leidenschaft zwischen Joseph und ihr war zunächst privat und intim, wurde aber mit dem Involvieren der anderen Frauen zu einer sozialen Angelegenheit, da es nun kein individuelles, sondern ein kollektives Phänomen ist.

3. Schluß

So viele Gemeinsamkeiten sich die biblische und koranische Josephgeschichte auch teilen mögen, liegen ihre jeweiligen Funktion weit auseinander. In der Bibel liegt der Schwerpunkt auf narrativen Elementen. Aus einer spannungsreichen Erzählung mit vielen Darstellern, deren Handlungen unter anderem durch Gefühle deutlich hervorgehoben werden, geht ein Held hervor, der auf dem Weg zu seinem Erfolg die klassischen zwischenmenschlichen Hürden (Bruderzwist, Annäherungsversuche einer Frau und Verleumdungen) überwinden muß. Die Geschichte erzählt nicht nur die alte jüdische Idee, daß jemandem am Ende Gutes widerfährt, wenn er selbst die ganze Zeit gut bleibt und das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verliert, sondern sie reflektiert auch die Gebote sechs bis zehn (2.Moses 20:1-17). Das sechste Gebot Du sollst nicht töten verbirgt sich hinter der Überzeugung einiger Brüder, bei der Planung, Joseph verschwinden zu lassen, daß es das beste wäre, ihn zu töten. Der Bruder Juda kann sie davon abbringen. Die Ehefrau Potiphars ist willig, gegen das siebte Gebot Du sollst nicht ehebrechen zu verstoßen, indem sie versucht, Joseph zu verführen. Joseph suggeriert, daß sein Bruder Benjamin das achte Gebot Du sollst nicht stehlen gebrochen hat, da er den silbernen Becher in dessen Sack versteckt, um einen Diebstahl vorzutäuschen. Nicht um jemanden zu denunzieren, sondern um die Brüder zu ängstigen und Benjamin in Ägypten zu behalten.

Gegen das neunte Gebot Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deiner Nächsten verstößt Potiphars Frau eindeutig, indem sie behauptet, Joseph wollte sie verführen. Eine falsche Aussage, für die er ins Gefängnis kommt.

Der Anfang des zehnten Gebots lautet Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Joseph hätte die Möglichkeit, dieses Gebot zu brechen, wenn er auf das Angebot von Potiphars Frau eingegangen wäre. Bei der Aufstellung dieser Reflexion fällt auf, daß hinter den Geboten, die mit voller Absicht gebrochen wurden, eine Frau steckt. Provokativ kann man behaupten, daß die biblische Josephgeschichte feindlich oder voreingenommen der weiblichen Moral gegenübersteht. Zwar hatten einige Brüder ebenfalls Böses im Sinn, zunächst aber konnte ein anderer Bruder sie von den Mordgelüsten abhalten, später bekommen sie die Gelegenheit, in vollem Maße zu bereuen. Joseph ist damit entschuldigt, daß er mit seiner List, den Becher zu verstecken, das Ziel vor Augen hatte, sich mit seinen Brüdern zu versöhnen und Jacob wiederzusehen. Die Frau Potiphars hatte die Gelegenheit des Bereuens wahrscheinlich nicht, zumindest wird es nicht geschildert, ob sie es überhaupt in Erwägung gezogen hat. Das Gebot Du sollst nicht ehebrechen konnte sie nur deshalb nicht brechen, weil es dafür zwei Personen braucht, und die zweite Person, der Held Joseph, hat sich verweigert.

Die Josephgeschichte im Koran ist die eines Propheten, der sich einigen Prüfungen Gottes stellen muß. Diese Prüfungen sind im Prinzip die klassischen zwischenmenschlichen Hürden, die auch in der biblischen Darstellung zu finden sind. Da es aber um den künftigen Propheten Joseph geht, sind theologische Elemente zentral. Außerdem lehrt Gott dem Gläubigen mit dieser Geschichte die Geduld und ermahnt, niemals den Glauben an ihn zu verlieren. Narratives Ausschmücken ist für eine göttliche Moral- und Lehrgeschichte nicht notwendig.

Bis zum heutigen Tag ist die Josephgeschichte eine der bedeutendsten Erzählungen in der islamischen Kultur. Zum einen wegen des Konstrukts, daß Sünde, List und Tücke als ein essentieller femininer Charakterzug gesehen wird. Zum anderen wegen der Vorstellung, daß die Omnipotenz und Unkontrollierbarkeit des weiblichen heterosexuellen Verlangens die Männer zum Objekt und zur Zielscheibe der Intrigen macht. Die Josephgeschichte wurde zu einer Moralgeschichte über die List der Frauen (kayd an-nisæ>), die durch Zulay¾a charakterisiert wird. Die weibliche Sexualität verfügt über eine Macht, vor der die Männer wachsam sein müssen und die kontrolliert werden muß, um die soziale Ordnung in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu gewährleisten. Die Antwort auf die Frage, weshalb Zulay¾a von einer Sünderin zu einer Heiligen transformiert wurde, liegt für Merguerian und Najmabadi genau hier25: Joseph und Zulay¾a wurden vermählt, damit ihr sexuelles Verlangen kontrolliert werden konnte.

Wenn Potiphar im Koran den Plural min kaydikunna benutzt (Sure 12:28), dann meint er nicht nur die List seiner Frau Zulay¾a, sondern kollektiv die List aller Frauen. Durch ihn wird das Konzept von kayd generalisiert und allen Frauen zugesprochen.

List und Täuschung ist jedoch ein Attribut, auf das Männer wie Frauen zurückgreifen können. Der Koran zeigt an verschiedensten Stellen Beispiele dafür. In Sure 12 wenden die Brüder grausame List an, um Jacob glauben zu lassen, Joseph sei tot. Vorher erschleichen sie sich das Vertrauen Jacobs, um Joseph mitnehmen zu können; natürlich nicht aus gut gemeinten Gründen, wie sie vorgeben, sondern um Joseph verschwinden zu lassen. Und selbst Gott wendet immer wieder eine List gegen die Ungläubigen an. In Sure 12:76 bekennt Gott sich zu seiner angewandten List:

So wandten wir für Joseph eine List an. 26

In Sure 7:182, 183 gibt es ebenfalls einen Hinweis darauf, daß Gott eine List anwendet: Diejenigen aber, die unsere Zeichen für Lügen erklären, werden wir Stufe um Stufe gehen lassen, ohne daßsie wissen. (...) Meine List ist mit Bedacht angelegt. 27

Die Fähigkeit, listig sein zu können, muss also nicht von vornherein ein negatives Charakteristikum sein, es kann für Gutes wie für Schlechtes angewandt werden. Bewunderungen dieser Qualität sind typisch für die Literatur des Heldenzeitalters einer Kultur. Die Ehefrauenfigur der Bibel ist jenem Alter noch nah verpflichtet, während der Joseph der Legenden, dessen Charakter in den eines heiligen Mannes transformiert worden ist, mehr eine Figur von einem pietistischen Alter ist. Für Zulay¾a ist kayd mehr zweckdienliches Charakteristikum als für den Propheten Joseph, obwohl auch er sich dessen bedient, indem er den silbernen Becher verstecken und seinen jüngeren Bruder Benjamin wie einen Dieb dastehen läßt. Wenn es also einen roten Faden in der biblischen und koranischen Geschichte Josephs gibt, dann ist es die List, die von Männern und Frauen angewandt wird: von den Brüdern, um Joseph verschwinden zu lassen und ihn für tot zu erklären. Von Joseph die eben genannte List mit dem Becher und von Zulay¾a, um nicht als treulose Ehefrau dazustehen. Letztlich auch von Gott selbst, um die Dinge in die Richtung zu lenken, wie sie für Joseph vorbestimmt sind. Für einen gläubigen Menschen, der eine List anwendet, gehört die Reue, so gehandelt zu haben, aber unweigerlich dazu. Zulay¾as Leben wurde in den islamischen und persischen Legenden zu einem Paradigma für die Kraft und Macht der Reue.

Neben diesen trennenden Elementen zwischen Bibel und Koran, zeigen doch beide Geschichten, daß Gott Joseph, und stellvertretend für ihn allen Gläubigen, immer beisteht, ob die Schicksalsschläge nun eine Glaubensprüfung Gottes waren oder nicht.

Literaturhinweise

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Glassen, Erika: Die Josephgeschichte im Koran und in der persischen und türkischen Literatur. In: Link, F. (Hg.): Paradeigmata. Literarische Typologien des Alten Testaments. Berlin 1989. S. 169-179.

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Merguerian, G.K./ Najmabadi, A.: Zulaykha and Yusuf: Wohse "Best Story"?. IJMES 29/ 1997/ S. 485-503.

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Ranelagh, E.L.: The Past We Share. New York 1979.

-a<labñ, al: <Ar æ >is al-ma ™æ lis f ñ qi ‡ a ‡ al-anbiy æ >. Kairo 1897/8.

[...]


1 Vergleiche hierzu Johns, A.H.: The Quranic presentation of the Joseph story (1993), in dem er ausführlich einzelne Verse in Akte und Szenen unterteilt.

2 Glassen, Erika: Die Josephgeschichte im Koran und in der persischen und türkischen Literatur, S. 169.

3 Goldman, Shalom: The Wiles of Women/ The Wiles of men (1995), S. 32.

4 Abdel Haleem, M.A.S.: The Story of Joseph in the Quran and the Old Testament, S. 184.

5 Dieser Vermutung widerspricht allerdings der <ilm al-Ansæb (Die Lehre der Geneaolgie bei den Arabern, für die die Herkunft und Abstammung nicht minder wichtig ist).

6 "Legenden der vorislamischen Propheten", ist der Titel verschiedener Werke, die sich mit dem Leben der Propheten des AT's beschäftigen. Eine der berühmtesten ist von a½- -a<labñ. Auch der Dichter Umayya b. Abi a‡-†alt, Dichter aus ³æ>if und ein Zeitgenosse Mu…ammads, hat Ereignisse wie die Sintflut oder Personen wie Abraham und Isaac in seinen Werken aufgenommen. Der Prophet Mu…ammad hat diesen Legenden eine neue Bedeutung gegeben, indem er Ereignisse seines eigenen Lebens auf sie reflektierte. Aus muslimischer Sicht sind die Schicksale der vorislamischen Propheten warnende Beispiele (<ibar).

7 EI', Bd.???, S. 1276a.

8 Glassen, Erika:Die Josephgeschichte im Koran, S.171.

9 Paret, Rudi: Der Koran, S. 166.

10 Vergleiche hierzu die Figur der Dalñla aus 1001 Nacht, die gegen die Kaufleute von Bagdad immer wieder eine List anwendet.

11 Ibid.: S. 167.

12 Glassen, Erika: Die Josephgeschichte im Koran, S. 174f.

13 Ibid.: S. 175.

14 Ibid.: S.176.

15 a½--a<labñ: <Aræ>is al-ma™ælis, S. 61f.

16 Ranelagh, E.L.: The Past We Share, S.1.

17 Ibid.: S. 5.

18 Ders.: The Past We Share, S.7ff.

19 Paret, Rudi: Der Koran, S. 167.

20 Goldman, Shalom: The Wiles of Women/ The Wiles of Men, S. 79.21 Siehe hier, S. 11.

22 ders.: S. 81.

23 Goldman, Shalom: The Wiles of Women/ The Wiles of Men, S. 82.

24 Während es in unserem Kulturkreis eher einer Beleidigung gleichkäme, das Gesicht mit einem Mond verglichen zu bekommen, ist es in der arabischen und persischen Tradition seit jeher ein Kompliment.

25 Merguerian, G.K. & Najmabade, A.: Zulaykha and Yusuf: Whose "Best Story"?, S. 487.

26 Paret, Rudi: Der Koran, S. 171.

27 Paret, Rudi: Der Koran, S. 123.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Die Josephgeschichte im Koran und in der Bibel. Ein Vergleich
Hochschule
Freie Universität Berlin
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V105684
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Josephgeschichte, Koran, Bibel, Vergleich
Arbeit zitieren
M. Moeller (Autor), 2001, Die Josephgeschichte im Koran und in der Bibel. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105684

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