Schiller, Friedrich - Kabale und Liebe - Literarische Erörterung


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

9 Seiten, Note: 1


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Gliederung:

A: „Kabale und Liebe“, ein bürgerliches Trauerspiel

B: Läßt sich die Tugend eindeutig der Luise Miller und das Laster der Lady Milford zuordnen?

1. Tugend- und lasterhaftes Verhalten der Luise Miller
a) in der Liebe zu Ferdinand
b) im Verhältnis zu ihrem Vater
c) gegenüber Lady Milford

2. Tugend- und lasterhaftes Verhalten der Lady Milford
a) in der Liebe zu Ferdinand
b) gegenüber Luise
c) in ihrer Position am Fürstenhof

C: Allgemeine Wertung der beiden weiblichen Hauptpersonen

A: Das Bürgerliche Trauerspiel entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts und fand in Friedrich Schiller einen wichtigen Vertreter. Sein 1782 entstandenes Werk „Kabale und Liebe“ gehört dieser literarischen Gattung an und beinhaltet die wesentlichen Grundzüge dieser neu auftretenden Denkweise. Bisher war es auf Grund der Ständeklausel nur Personen von hohem Stande gestattet in Tragödien mitzuwirken, dem Bürgertum war es lediglich erlaubt, sich in Komödien darzustellen. Durch das neu erlangte Selbstbewusstsein der Bürger in Folge der Aufklärung und dem zunehmendem Wohlstand auf Grund des Merkantilismus entwickelte sich eine neue bürgerliche Welt mit eigenen moralischen Grundsätzen und Wertvorstellungen. Das Bürgertum repräsentierte eine neuartige aufklärerisch - gefühlsbetonte Lehre, die sich von der des absolutistischen Adels abhob. Hohe Standespersonen und prunkvolle Schauplätze verschiedener Königshöfe wurden von nun an durch einfache Bürger, sowie bürgerlich-private Kulissen ersetzt. Thema des Trauerspiels war vor allem der Konflikt zwischen bürgerlicher und adeliger Gesellschaft in Verbindung mit dem tugendhaften menschlichen Verhalten, geprägt von moralischen Vorstellungen. Begriffe wie Tugend und Laster bekamen neue Bedeutung und Wichtigkeit. „Tugend“, schon von Sokrates definiert als „Gesinnung, die auf die Verwirklichung moralischer Werte ausgerichtet ist“, wurde zum Aushängeschild der bürgerlichen Welt. Ob man in Schillers „Kabale und Liebe“ jedoch das tugendhafte Verhalten eindeutig der bürgerlichen Luise und im Gegenzug dazu der adeligen Lady Milford ein lasterhaftes Verhalten zuordnen kann, soll im Folgenden nach einzelnen Charakterzügen und Handlungsereignissen im Stück erörtert werden.

B: 1.a) Schon im ersten Auftreten der weiblichen Hauptperson Luise Miller im 1.Akt, 3.Szene, zeigt sich dem Leser ihr überaus emotionaler Charakter und die grenzenlose Liebe zum adeligen Ferdinand auf. Durch Aussagen wie „ Ah! Ich vergaß, daß es noch außer ihm Menschen gibt...“ (S.12, Z.7) wird klar, wie stark die Gefühle Luises für den Major Ferdinand sind. Jedoch treiben diese Gefühle sie in einen Zwiespalt zwischen die Liebe und den Glauben an Gott: „(...)- der Himmel und Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele(...)“ (S.12, Z.14). Sie denkt, sie wäre eine „schwere Sünderin“ (S.12, Z.3), da sie Ferdinands wegen alles andere um sie herum nicht mehr wahrnimmt und er ihr sogar wichtiger als Gott ist.( Müller, Hans Georg: Lektürehilfen, Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“, Stuttgart: Ernst Klett Verlag 2000 S.8-9). Als tugendhaft kann man es in dieser Situation erachten, dass sie die Schwierigkeiten, die diese Liebe mit sich bringen, nicht auf die Standesunterschiede zwischen ihr und dem Major zurückführt (ebd.). Sie ist sich ihres Standes bewußt und akzeptiert es, dass ihr diese Begebenheit die Liebe zu Ferdinand unmöglich macht, da ihr Stand ihr eine solche Liebe, die gegen die bürgerliche Ordnung sprechen würde, verbietet. Luise „ bewein[t]“ ihr „ Schicksal nicht“(S.12, Z.27) und stellt ihre starke Liebe über alles andere, und somit ist es für das Mädchen völlig klar, daß sie ihr Leben für ihn opfern muß, da nur im Himmel alle Menschen gleich sind und sie nur im Jenseits miteinander glücklich werden können: „Ich entsag ihm für dieses Leben.(...)dann wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen - wenn von uns abspringen all die verhaßten Hülsen des Standes - Menschen nur Menschen sind.(...) Wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen. Ich werde dann reich sein.“ (S.13, Z.22- 29). Sie glaubt an ein Leben nach dem Tod, welches für sie die Erlösung darstellt. Luise besitzt große moralische Wertvorstellungen, vor allem auch religiöser Art, was ihren Charakter diesbezüglich auf jeden Fall tugendhaft erscheinen lässt. Auch als sie begreift, dass das Liebesverhältniss große Probleme zwischen Ferdinand und seinem Vater hervorruft (2.Akt, 6.Szene. S.43-46), verhält sie sich im Folgenden vortrefflich. Am Anfang der Szene versucht sie noch ihre gemeinsame Liebe zu verteidigen, indem sie ehrlich auf die Fragen des Präsidenten antwortet (S.43, Z.34- S.44, Z.7). Als ihr aber klar wird, dass sie der Grund für einen Streit zwischen Vater und Sohn werden könnte, und sie sich auch in ihrer eigenen Ehre verletzt fühlt (S.44, Z.13-20), beschließt sie Ferdinand von ihren Gefühlen freizusprechen, um somit ihm und ihr selbst das Leben leichter zu machen: „Herr von Walter, jetzt sind sie frei.“ (S.44, Z.19-20). Luise kann zwar so ihre eigenen, starken Gefühle nicht aus der Welt schaffen, doch trotzdem handelt sie mit Tugend, indem sie die Vernunft im nötigen Augenblick den Gefühlen vorzieht.

Jedoch kann man das Verhalten Luises in der Liebe zu Ferdinand auch teilweise kritisieren, da sie vereinzelt ihr Gefühl überbewertet. So handelt sie zeitweise überstürzt, beispielsweise im 1.Akt, 4.Szene („Ich seh in die Zukunft - die Stimme des Ruhms - deine Entwürfe - dein Vater - mein Nichts. Ferdinand! Ein Dolch über dir und mir! - man trennt uns!“ S.15, Z.1-4 ), als sie Ferdinand gegenüber plötzlich misstrauisch ist, ihn nicht mehr an ihr teilhaben lässt, und alles als völlig aussichtslos bewertet. Auch würdigt sie ihre eigene Person des öfteren für ihn so sehr herab, dass sie sterben möchte und es ihr genüge als „ein leises schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen“ (S.12, Z.30). Dieses Verhalten ließe sich jedoch auch wiederum auf ihr ausgeprägtes Bedürfnis den moralischen Grundsätzen zu entsprechen zurückführen. Sie verschmäht es im „Frevel“ (S.59, Z.29) mit ihrem Geliebten zusammenzuleben, da das die „Fugen der Bürgerwelt auseinandertreiben, und die allgemeine ewige Ordnung zugrunde stürzen würde.“ also „überwindet[sie] ihre Gefühle, um der Notwendigkeit gerecht zu werden.“( Müller, Hans Georg: Lektürehilfen, Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“, Stuttgart: Ernst Klett Verlag 2000 S.26-27). Sogar als sie im Sterben liegt, verspürt sie das starke Bedürfnis zu schlichten. Sie will rein und unversehrt aus dem Leben gehen, und deckt das einzige was sie in ihrem Leben bedrückt auf, den Eid den sie gegeben hat um ihren Vater zu retten, womit sie aber ihren Geliebten verstieß. Sie möchte, dass Ferdinand sie als rein im Gewissen behält, dass keine Schande über ihr liegt. So beichtet sie ihm ihre Lüge und bittet um Vergebung: „Man zwang mich - vergib - deine Luise hätte den Tod vorgezogen - aber mein Vater - die Gefahr - sie machten es listig.“(S. 107, Z.18-21). Darauf scheidet sie von ihm mit den Worten „Sterbend vergab mein Erlöser - Heil über dich und ihn.“(S.107, Z.30-31)

1.b) Luise hat ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Vater. Der Musiker Miller ist zugleich Vorbild als auch wichtige Bezugsperson für sie. Daraus folgt, dass sie sich nicht nur einen Zwiespalt zwischen der Liebe und Gott, sondern auch einen Zwiespalt zwischen der Liebe zu Ferdinand und der Liebe zu ihrem Vater befindet. Jedoch entscheidet sie sich gleich zweimal im Stück für ihren Vater, und somit gegen Ferdinand. Zum einen als sie im 3.Akt, 6.Szene, sich dazu entschließt den besagten Brief zu schreiben, mit welchem sie ihren Vater aus dem Gefängnis retten kann, ihren Major jedoch für immer von sich weg treibt. Als der Sekretär des Präsidenten Luise aufsucht und ihr von der Verhaftung ihres Vaters berichtet, ist sie restlos verzweifelt, und ist im Stande alles für ihren Vater zu tun, um ihn nur lebendig wiederzuhaben. S.65, Z.13-19: Luise: „Was muß ich tun?“, Wurm: „Es ist nur ein Mittel.“, Luise: „Dieses einzige Mittel?(...)Ich kenne nichts Schwereres als die Schande.“ Der Sekretär eröffnet ihr, dass sie somit allerdings ihren Ferdinand verlieren wird, doch die Liebe zum Vater ist stärker also gibt sie all ihre Liebe für ihren Vater auf, und schreibt den Brief, was natürlich als sehr tugendhaft erachtet werden muß. „Die Wonne (meines)[ihres] Lebens“(S.67, Z.18), wie sie sagt, gibt sie durch diesen Brief hin, sie opfert sich voll und ganz für ihren Vater auf.

Doch noch ein zweites Mal zieht sie ein friedvolles Leben mit ihrem Vater, dem Leben mit Ferdinand vor. Als sie im 5.Akt, 1.Szene Miller über ihren Beschluß unterrichtet, sich das Leben zu nehmen, um für Ferdinand und sie die Möglichkeit für ein glückliches Leben an einem „dritte[n] Ort“ (S.88, Z.10), dem Grab, zu schaffen, scheint dieser sehr erschüttert und versucht es ihr auszureden. Zuerst apelliert er an ihren Verstand, und dass es eine Schande sein „eigenmächtig Hand an (dich) [sich zu] legen“(S.88, Z.36). Luise jedoch empfindet den Tod als einen „holden niedlichen Knaben“(ebd., Z.28-29), und auch auf die Worte Millers, dass man Gott spotten würde, beginge man Selbstmord, widerlegte Luise. Als er ihr nun verdeutlicht, dass sie sein einzig Hab und Gut sei (S.89, Z.29) und er seines Leben nicht mehr glücklich werden würde ohne sie, gibt sie nach, hat Mitleid mit ihrem Vater, und verzichtet nur seinetwegen auf ihr Vorhaben. Ein weiteres Mal opfert sie sich also für ihren geliebten Vater auf und handelt somit erneut tugendhaft, indem sie wiederum die Vernunft über den Gefühlswunsch stellt.

1.c) Gegenüber der adeligen Lady Milford verhält sich das Bürgermädchen ebenso weitestgehend moralisch rein und korrekt. Sie verteidigt sich aufs Neue in ihrem Stand als Bürgerin und somit als Stellvertreterin des ganzen Bürgertums. Lady Milford und Luise begegnen sich im 4.Akt, 7.Szene zum ersten Mal. Milford bietet Luise eine Stelle als Dienerin bei ihr an, doch Luise lehnt das Angebot ab, was die Lady natürlich verärgert. Das Bürgermädchen lässt sich in ihrer Position nicht einschüchtern, sie antwortet geschickt und überlegen, z.B. : Lady: „Ich glaube du fürchtest mich?“, Luise: „Nein, Mylady. Ich verachte das Urteil der Menge.“ (S.76, Z.26-28). Die Gemeinheiten der Adeligen übergeht sie und schüchtert die Milford durch Redegewandtheit und Selbstbewußtsein ein, z.B.: „Ich fürchte ihre Rache nicht, Lady - die arme Sünderin auf dem berüchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang.“ (S.79, Z.15-17). Sie weiß, worauf die Lady hinaus will, und stößt sie immer wieder aufs Neue vor den Kopf, indem sie die Rollen tauscht, sie kritisiert (S 80, Z.16-19) und letztendlich als Schuldige für das Scheitern der Liebe zwischen ihr und Ferdinand hinstellt: „(...) sie haben den Himmel zweier Liebenden geschleift, voneinandergezerrt zwei Herzen, die Gott aneinanderband.“(S.81, Z.29-31).

Schließlich kommt Luise dem Wunsch der Lady nach und überlässt ihr ihren Geliebten, „Nehmen sie ihn denn hin, Mylady!- Freiwillig tret ich Ihnen ab den Mann, den man mit Haken der Hölle von meinem blutenden Herzen riss.“(S.81, Z.25-28). Jedoch formuliert sie das so geschickt, dass die Lady sich nun schuldig und schlecht fühlen muß, und so niemals das Gefühl haben wird, als hätte sie erreicht, was sie erreichen wollte. Schiller veranschaulicht in dieser Szene noch einmal die Thematik der Konfrontation zwischen bürgerlicher und adeliger Lebensweise und den unterschiedlichen Moralauffassung. Er stellt klar heraus, dass die bürgerliche Luise der höher stehenden Lady durchaus überlegen sein kann, indem sie mit Tugend und Vernunft handelt (Müller, Hans Georg: Lektürehilfen, Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“, Stuttgart: Ernst Klett Verlag 2000 S.30-31).

2.a) Die zweite weibliche Hauptperson, Lady Milford, tritt zum ersten Mal im 2.Akt, 1.Szene auf. Die Lady offenbart ihrer Kammerdienerin Sophie ihre Gefühle. Nach so vielen Jahren am Fürstenhof ist die Lady in ihrer Position nicht mehr zufrieden. Sie fühlt sich unverstanden und im Umfeld ihrer Mitmenschen am Hofe kann sie nur oberflächliche Menschen finden, die sich wie „Marionetten“ nach den Befehlen des Fürsten richten (Müller, Hans Georg: Lektürehilfen, Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“, Stuttgart: Ernst Klett Verlag 2000 S.14-15). Diese will sie nicht länger ertragen müssen und sehnt sich nach echten Menschen, mit einem eigenen Willen, und eigenen Interessen.

Nun hat sie sich in Ferdinand von Walter verliebt und sieht in ihm die Erfüllung ihres bisher „frei behalten[en]“ (S.27, Z.30) Herzens. Sie denkt, dass er ihr Bedürfnis als Mensch gebraucht zu werden, ebenbürtig erfüllen kann. Als lasterhaft kann man es ihr nicht anrechnen, dass sie sich verliebt hat, und nun alles in diese Liebe setzt, jedoch handelt sie reichlich naiv, wenn sie so sicher auf die gemeinsame Zukunft mit ihm baut, aus ihrer Machtposition heraus denkt, sie kann in allen Bereichen ihren Kopf durchsetzen. Sie geht davon aus, dass mit ihm ein neues Leben beginnen würde, weiß aber gar nicht ob der Major sie denn auch liebt. Auch kann man nicht davon ausgehen, dass sie Ferdinand so gut kennt, um ihre Gefühle sicher als Liebe bezeichnen zu können, wohl eher entsteht der Eindruck dass Milford Ferdinand nur benutzen möchte um aus ihrer Position auf dem Hofe des Herzogs zu entkommen. Dieses Laster bestätigt sich schon darin, dass sie den Präsidenten und anderen Beteiligte fälschlich davon überzeugte, dass die Heirat mit Ferdinand ein gutes Mittel sei Positionen, Machtstellungen und ähnliches zu festigen, was sie selbst gegenüber ihrer Dienerin verrät (S.28-29, Z.37-7). Als sie nun in der 3.Szene des 2.Aktes von Ferdinand aufgesucht wird, und ihr zum ersten mal klar wird, dass wohl doch nicht alles so unproblematisch vor sich gehen wird, wie sie sich es erhofft hat, scheint sie verzweifelt, und hilflos. Der Ausruf der Lady „Das hab ich nicht verdient!“ (S.33, Z.26) verdeutlicht ihre missliche Lage und Schwäche, was nicht gerade auf ein tugendhaftes Verhalten schließen lässt. Statt mit Tugend zu Handeln, geht sie nun auf Konfrontation, da sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlt und sich nicht anders zu helfen weiß, als Ferdinand zu drohen, z.B.: „Wer sich herausnimmt, Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine Nacht braucht, ihn ganz zu verderben,(...)“ (S.34, Z.21-23). Letztendlich eröffnet sie ihm die schlimmen Ereignisse ihrer Kindheit, um bei Ferdinand Mitleid zu erwecken. Jedoch ist es nicht eindeutig zu erkennen, ob sie diese Erzählung nur benutzt, um den Major dazu bewegen sie zu bemitleiden, und ihn ihr dadurch näher zu bringen, oder ob sie die Gefühle tatsächlich derart überkommen, und das ohne böse Absicht.

Als sie im weiteren erfährt, dass der Major ein bürgerliches Mädchen liebt, scheint ihr klar zu werden, daß sie sein Herz nur erzwingen könnte, und nimmt deshalb Abstand von ihm („Nimmermehr wird ich das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab.“ S.38., Z.27-28), das aber nur im Bezug auf ihre Liebesgefühle. Da sie denkt, das ganze Land würde darüber lachen, dass ein Untertan des Fürsten sie zurückwies, fühlt sie sich in ihrer Ehre stark verletzt (S.38-39, Z.38-1). Lady Milford kann es nicht ertragen, dass eine andere Person mit ihrem Geliebten glücklich wird und will deshalb „alle Minen sprengen“ (S.39, Z.3), die Liebe zwischen Luise und Ferdinand restlos zerstören. Diese starke Eifersucht und der große Neid, der sich in Milfords Handeln zeigt, kann durchaus als lasterhafter Charakterzug bezeichnet werden.

2.b) Ähnliches Verhalten weist Lady Milford gegenüber Luise Miller im 4.Akt, 7.Szene auf.

Schon in der vorherigen Szene, als sie sich mit ihrer Dienerin über das bevorstehende Treffen mit Luise unterhält, wird klar, dass Milford sich in ihrer Situation unwohl fühlt und nicht so recht weiß, wie sie sich verhalten soll. Sie ist einerseits eifersüchtig auf Luise, weil Ferdinand ihr die Liebe schenkt, die sie sich von ihm wünscht, hat aber andererseits auch Angst, dass ein bürgerliches Mädchen sie in den Schatten stellen könnte: „Ich muß erröten, wenn sie nur das gewöhnlich Weib ist, und, wenn sie mehr ist, verzagen.“ (S.75, Z.18-19). Daher geht sie schon von vornherein mit der Überzeugung, etwas Besseres zu sein, auf das Gespräch zu, und begegnet Luise recht arrogant. Um ihre Machtposition klar zu machen, bietet ihr Lady die Stelle als Dienerin an und macht noch einige beleidigende Bemerkungen über ihre Machtlosigkeit auf Grund ihres niederen Standes, wie z.B.: „ Man sehe die große Dame!- Sonst wissen sich Jungfern ihrer Herkunft noch glücklich, wenn sie Herrschaften finden - wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es ihr bisschen Gesicht, worauf sie trotzig tut?“ (S.77, Z.18-24). Im Grunde jedoch ist sie unsicher, und nutzt ihre Machtposition um diese Unsicherheit zu überspielen, was keine große Charakterstärke aufweist. Als sie bemerkt, dass Luise sich nicht von ihren Worten einschüchtern lässt, sie, ganz im Gegenteil, lächerlich machen will, weiß Milford sich nicht mehr zu helfen. „Unerträglich, dass sie mir das sagt! Unerträglich, daß sie recht hat!“ (S.79, Z.4-6). Sie erniedrigt sich schon darin, dass sie ihren Standpunkt

nicht mehr halten kann, die Wut sie überfällt: „Es ist nicht auszuhalten! Ja denn, weil ich dir doch nicht entwischen kann. Ich kenn ihn, weiß alles (...) wag es ihn jetzt noch zu lieben oder von ihm geliebt zu werden (...) Ich bin mächtig(...) so wahr Gott lebt! Du bist verloren!“ Wiederum versucht sie, Luise durch ihre Macht einzuschüchtern. Da sie wieder nicht weiter weiß, legt sie erneut ein lasterhaftes Handeln an den Tag. Statt mit Vernunft handelt Milford mit Gewalt. Sie droht Luise, ihr Herz zu „zermalmen“(S.80, Z.34) und „Felsen und Abgründe“ (ebd., Z.35) zwischen sie und Ferdinand zu werfen. Mit den Worten „Ich kann mit ihm nicht glücklich werden - aber du sollst es auch nicht werden!“, wird noch einmal deutlich, wie schwach Milfords Charakter ist, da sie keinem anderes etwas gönnen kann, was sie selbst nicht haben kann. Restlos erniedrigt sich die Adelige der Bürgerlichen gegenüber aber, als sie nun plötzlich um gute Gesinnung Luises bettelt, ihr Herz mit ihren Reichtümern zu kaufen versucht, und ihr nicht einmal das gelingt. Schließlich wieder allein mit sich, schämt sich die Lady für ihr Verhalten, aber auch dafür, dass sie sich so erniedrigen lassen musste, und das Bürgermädchen sie an Tugend weit übertroffen hat (S.82, Z.10-24). Das gibt ihr zu Denken und schließlich entscheidet sie sich, das Land, den Herzog, und Ferdinand , hinter sich zu lassen. Die Lady beschließt abzureisen. Dieses Verhalten erscheint nun als sehr vernünftig und einsichtig und beweist dass Lady Milford doch Charakter hat, und auch mit Vernunft, also tugendhaft handeln kann.

2.c) Lady Milford durchlebte eine schlimme Kindheit, über welche sie im 2.Akt, 3.Szene (S.34, Z.32- S.35, Z.32) Ferdinand berichtet. Ihr Vater war wegen des Verdachts auf Landesverrats verurteilt und ermordet worden, woraufhin die Familie all ihre Güter verlor und aus Großbritannien fliehen musste. Ihre Mutter starb am Tage der Hinrichtung, und das junge Mädchen, floh mit ihrer Wärterin nach Deutschland. Verwahrlost und ohne Bildung traf sie in Hamburg auf den Herzog, welcher sie zu lieben geschworen hat und sie zu seiner Konkubine machte. Da das ihre einzige Chance war ihre Misere zu beenden, blieb sie ihm eine treue Maitresse, und nutzte ihre so erlangte Machtposition für das Ausführen ihrer stillen Tugend (S.36, Z.30), dem Zuhilfekommen ihres Volkes. Die Lady beweist ein wahrhaft gutes Verhalten, indem sie „Kerker (ge)sprengt,... Todesurteile zerrissen,...Manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt,...mächtige Frevler in Staub gelegt und die verlorene Sache der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Träne gerettet.“(S.36, Z.31-37). Sie nutzte ihren Einfluß um anderen zu helfen, obwohl sie selbst soviel ungerechtes Leid in ihrer Vergangenheit erfahren mußte.

In der damaligen Zeit war es allerdings, in den Augen der Bürgerschaft, ein sehr großes Laster, eine Maitresse zu sein, worunter Milford auch gewaltig litt. Dieser Umstand machte es der Lady nie möglich in ihrer Gesellschaft tugendhaft zu wirken. Durch die Liebe zu Ferdinand verspürt sie Hoffnung, ihrer misslichen Situation ein Ende zu setzten. Denn, wie schon erwähnt, war sie auch mit ihren gesamten Lebensumständen und vor allem auch dem menschlichen Umfeld höchst unzufrieden z.B.: „Du sagst man beneide mich. Armes Ding! Beklagen muß man mich vielmehr.“ (S.27, Z.9-10) Auch fühlt sie sich ihres Herzens nicht befriedigt, „Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne, und was helfen mir tausend bessre Empfindungen, wo ich nur Wallungen löschen darf?“ (S.27, Z.23-25) und fühlt sich ungerecht behandelt, „Wir Frauenzimmer können nur zwischen Herrschen und Dienen wählen, aber die höchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird, Sklavinnen eines Manns zu sein, den wir lieben.“ (S.28, Z. 3-7).

Die ihr so sehr verhaßte Situation, lässt Lady Milford jedoch niemals an ihren Untertanen aus. Sie ist sehr großzügig, was sich an mehreren Beispielen im Stück beweisen lässt. Als beispielsweise ein alter Kammerdiener des Fürsten im 2.Akt, 2.Szene zu ihr kommt, um ihr Brillanten vom Herzog, als Gabe zur Hochzeit zu bringen, und sie schließlich erfährt, dass der Fürst für dieses Geschenk mit Menschenleben bezahlt hat, verhält sie sich außerordentlich korrekt. Sie erfährt, dass der Diener selbst einige seiner Söhne dafür wegziehen lassen mußte und ist derart empört über diese Begebenheit , dass sie die, ihr nun schändlich gewordenen Brillanten verschmäht („Weg mit diesen Steinen - sie blitzen Höllenflammen in mein Herz“ S.30,Z.21-22), und dem Kammerdiener verspricht, ihm seine Söhne wiederzubringen. Die Brillanten lässt sie in Geld wechseln und Familien zugute kommen, die durch ein Feuer ihr Hab und Gut verloren haben. Dieses Handeln entspricht sehr hohen moralischen Werten und spricht für das gute, große Herz der Lady. Auch als sie beschließt abzureisen, teilt sie ihren gesamten Besitz unter der Dienerschaft auf („Mein Schatzmeister stürze meine Schatulle unter euch... Der Ärmste von euch wird reicher von hinnen gehen als seine Gebieterin.“ S.85, Z.21- 24) und erweist sich somit ein weiteres Mal als großzügig und warmherzig. Die Lady ist eine gütige Herrin und weist im Umgang mit ihren Bediensteten durchaus tugendhaftes Verhalten auf.

C: Luise Miller und Lady Milford lassen sich beide weder eindeutig dem Begriff Tugend noch dem Begriff Laster zuordnen. Beide weisen positives, aber auch negatives Handeln auf, jedoch sollte das für die durchaus tragischen Begebenheiten denen beide ausgesetzt werden nicht ungewöhnlich sein. Noch einmal im einzelnen betrachtet, unter Berücksichtigung der Vorstellung von Tugend zur damaligen Zeit, kann man doch eher Luise der Verwirklichung einer typisch tugendhaften Person im bürgerlichen Trauerspiel zuordnen, da sie genau jenen Moralvorstellungen entspricht, bei welchen Lady Milford teilweise kläglich versagt, somit dem Laster zugesprochen werden könnte. Luise handelt nach Gefühl, jedoch zum nötigen Zeitpunkt stellt sie Vernunft über ihr Gefühl. Sie vertritt ihren Stand, steht zu ihrer Herkunft, und akzeptiert den Standesunterschied zwischen ihr und Ferdinand, welcher allerdings an ihrer Handlungsweise nichts verändern kann. Luise ist sehr religiös, was auch zu den neuen Wertvorstellungen des Bürgertums zu damaligen Zeit zählte. Lady Milford dagegen verhält sich in der direkten Konfrontation mit dieser Moral wenig tugendhaft. Sie ist teilweise arrogant und der bürgerlichen Luise weit unterlegen. Doch auch Milford weist im Gegenzug dazu große charakterliche Stärken auf, so beispielsweise das Verhalten gegenüber ihrer Dienerschaft.

Schiller hat es geschafft allein in diesen zwei weiblichen Hauptcharaktären das große Thema seines Werkes hervorzuheben, den Konflikt und die Problematik zwischen Adel und Bürgertum. Er hat mit „Kabale und Liebe“ einen neuen Denkanstoß für alle Schichten und Gesellschaften der damaligen Zeit gegeben, und ermöglicht der heutigen Zeit einen Einblick in die damals währenden Moral- und Wertvorstellungen, die sich von den heutigen wohl stark differenzieren.

Katharina Boiger, 11B

Textausgabe: Reclam Verlag

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Schiller, Friedrich - Kabale und Liebe - Literarische Erörterung
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
9
Katalognummer
V105722
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Friedrich, Kabale, Liebe, Literarische, Erörterung
Arbeit zitieren
Katharina Boiger (Autor), 2001, Schiller, Friedrich - Kabale und Liebe - Literarische Erörterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105722

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