Die Große Pest in England


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

22 Seiten, Note: Keine Note


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursprung und Verlauf der Großen Pest

3. „The Black Death“: Die Große Pest in England
3.1. Ankunft und Verlauf im Westen
3.2. Die Pest im Süden
3.3. London
3.4. Der Schwarze Tod im Osten Englands
3.5. Mittel-und Nordengland

4. Auswirkungen der Pest
4.1. Die Lage Englands vor der Großen Pest
4.2. Soziale und wirtschaftliche Veränderungen
4.3. Veränderungen im Bildungswesen
4.4. Moral und Religiosität nach dem Schwarzen Tod

5. Schluss

6. Literaturliste
6.1. Quellen
6.2. Sekundärliteratur

„So great a pestilence had not been seen, or heard, or written about, before this time.“1

1. Einleitung

Der „Schwarze Tod“, die Große Pest von 1347/51, zählt zu den größten Katastrophen des Mittelalters. Im Verlauf von etwa vier Jahren verlor Europa rund ein Drittel seiner Gesamtbevölkerung. Die Wahllosigkeit, mir der die Krankheit die Menschen dahinraffte, die abstoßenden Krankheitssysmptome und nicht zuletzt das mangelnde Wissen von den Übertragungswegen zeichneten ein Bild der Hoffnungslosigkeit und veranlassten die Zeitgenossen zu panischen Reaktionen. Eltern ließen ihre Kinder im Stich, Männer ihre Frauen und Geistliche ihre Gemeinden. Extremreaktionen wie die vermehrten Judenverfolgungen oder die Geißlerzüge trugen darüber hinaus zum apokalytischen Bild der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bei. Der mittelalterliche Mensch, der die Pest als Strafe Gottes deutete, muss das Ende der Welt nahen gesehen haben.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Teilaspekt der Katastrophe : der Pest in England. Dieser ist zunächst ein knapper Überblick über den Ursprung und den Verlauf der Großen Pest vorangestellt. Das erste große Kapitel der Arbeit behandelt den Verlauf der Pest in England. Hier werden mit Hinblick auf die gängigen Forschungsthesen die Verlaufswege und Ausmaße der Seuche beleuchtet. Daraufhin sollen in einem zweiten Schritt ausgewählte Aspekte der Auswirkungen der Pest behandelt werden. Dies umfasst zunächst die sozialen und wirtschaftlichen Folgen wie beispielsweise die Verknappung der menschlichen Arbeitskraft und die daraus resultierende Mobilität der Lohnarbeiter. Daraufhin wird in einem kurzen Abschnitt die Rolle der Seuche für die Veränderungen im englischen Bildungswesen erörtert. Im abschließenden Teil sind die Folgen der Großen Pest für Moral und Religiosität (auch außerhalb Englands!) dargestellt.

Die Große Pest von 1347/51 zählt sicherlich zu den am häufigsten und besten untersuchten Pestwellen des Mittelalters. Besonders zur Pest in England existiert eine Menge Sekundärliteratur - eine Vielzahl von Chroniken eröffnen ein breites Forschungsspektrum. Für diese Arbeit wurde meist die sehr nützliche Quellensammlung von Rosemary Horrox2 verwendet, in der bedeutende Quellenauszüge nach verschiedenen Gesichtspunkten zusammengestellt worden sind. Im Bereich der Sekundärliteratur ist aus der Masse der bisher erschienenen Arbeiten immer noch Philip Zieglers Monographie „The Black Death“3 von 1969 als Standardwerk zu nennen. Der neuere Forschungsstand ist in Herbert Eidens Studie über den englischen Bauernaufstand von 13814 zusammengefasst. Weitere nützliche allgemeinere Arbeiten zur Großen Pest sind die Bücher von Klaus Bergdolt und Robert Gottfried5. Zum besseren Verständnis des 14. Jahrhunderts wurde vor allem auf die Überblicksdarstellungen von May McKisack und Karl-Friedrich Krieger6 zurückgegriffen. Unter den zahlreichen spezielleren Studien sind darüber hinaus besonders hervorzuheben: J.L. Boltons Monographie über die Wirtschaft Englands im Mittelalter7, John Hatchers demographisch -ökonomische Analysen der Zeit nach dem schwarzen Tod8 sowie William Courtenays Aufsatz zu den Veränderungen im Bildungswesen9.

2. Die Große Pest von 1347/51

Die Große Pest von 1347/51 war keine auf den europäischen Raum begrenzte Epidemie. In den Erklärungsmodellen der Forschungsliteratur werden außereuropäische, wenn auch unterschiedliche Gebiete als Ursprungsherd der Pest genannt10. Einig sind sich die meisten Arbeiten darin, dass sie aus dem Fernen Osten kam. Sie bahnte sich ihren Weg nach Westen, wobei die Seidenstraße wesentlich zu ihrer Verbreitung beigetragen haben muss. Weitere Gebiete folgten: vom Aralsee über das Ust-Jurt-Plateau bis zum Nordrand des Kaspischen Meeres und, schließlich des Schwarzen Meeres.

Im Frühjahr 1347 rückte die Pest in bedrohliche Nähe zu Europa: die genuesische Handelsniederlassung Caffa auf der Krim wurde von der Pest heimgesucht. Zu jener Zeit belagerten die Tataren Caffa. Ein Chronist aus Piacenza schrieb über die Belagerung:

„ ... Zu diesem Zeitpunkt befiel die Seuche die Tartaren. Deren ganzes Heer geriet in Panik, und täglich starben Tausende. Es schien den Belagerten, als ob Pfeile vom Himmel flögen, um den Übermut der Tartaren zu zügeln ...“11.

1347 verbreitete sich die Pest kontinuierlich nach Westen; größtenteils über den regen Schiffhandelsverkehr bahnte sich die Epidemie ihren Weg nach Zentraleuropa12. Mitte 1347 erreichte die Pest Konstantinopel, um von dort aus über das Mittelmeer auch nach Sizilien und Messina vorzudringen, welches das „Einfallstor der Pest nach Europa bildete...“13. In den nächsten Monaten sollten Italien und teilweise auch schon Frankreich der

Epidemie anheimfallen. Hier ist auch das sich auffällig wiederholende Muster zu erkennen, das die Ausbreitung der Pest charakterisierte: Sie gelangte meist über den Seeweg in eine Hafenstadt, um von dort aus über Handelsstraßen in das Landesinnere vorzudringen14. Im Laufe des Jahres 1348 erreichte die Epidemie weitere europäische Länder wie Spanien, Dänemark und auch die Britischen Inseln. Deutschland wurde größtenteils erst in den Jahren 1349 und 1350 von ihr erfasst. Merkwürdigerweise blieben gewisse Gebiete von der Pest verschont: Böhmen und Mähren beispielsweise erlitten fast keine Verluste, während andere Städte und Gebiete wie Avignon oder die Toscana besonders stark betroffen waren15.

In den letzten Jahren der großen Pestwelle wurde die Epidemie schließlich auch nach den Niederlanden, Skandinavien, Schweden und auch Rußland (1352/53) getragen. Insgesamt fiel der Großen Pest ungefähr ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer .

3. „The Black Death“: Die Große Pest in England

3.1. Ankunft und Verlauf im Westen

Man ist versucht, aufgrund der isoliert erscheinenden Lage der Britischen Inseln eine verspätete Ankunft der Großen Pest in England und seinen Nachbarländern zu vermuten. Doch im Gegenteil: der Schwarze Tod16 erreichte England bereits im Juni 1348. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Südosten Englands ein bedeutender Berührpunkt der zentralen Schiffshandelsrouten war17. Wie auch nach Osteuropa, gelangte die Pest über die Handelswege nach England.

Es ist wahrscheinlich, dass die Pest bereits vor ihrer Ankunft in England auf den Kanalinseln erhebliche Opfer forderte. So schrieb Edward III an den Gouverneur von Jersey, dass er auf die ihm jährlich zustehende Fischereipacht verzichtet, da bei einem Eintreiben des Geldes eine „Verarmung und übermäßige Not“18 unter den übriggebliebenen Fischern zu befürchten wäre. Bei der Identifikation des ersten in England betroffenen Hafens vermitteln die Quellen ein uneinheitliches Bild. In einer heißt es: „Im Jahr 1348, kurz vor dem Tag des heiligen Johannes, legten zwei Schiffe, eines aus Bristol, in Melcombe in Dorset an. Mit ihnen kamen Matrosen aus der Gascogne, welche mit einer beispiellos epidemischen Krankheit namens Pest infiziert waren. Sie infizierten die Menschen in Melcombe, welche die ersten in England waren, die mit der Krankheit angesteckt wurden“19. Andere Chronisten nennen Bristol oder Southhampton als erste Ankunftsplätze der Pest20. Unbestritten ist, dass alle diese Orte zu den frühen Stationen der Pest gehören und die Verbindung zur Gascogne (welche zum damaligen Zeitpunkt zum englischen Besitz zählte) nicht den einzigen Faktor zur Verbreitung der Pest darstellt21. Der Großteil der Literatur nennt jedoch Melcombe Regis (heute ein Teil von Weymouth) als wahrscheinlichsten Ausgangspunkt22, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, da er in mehreren Chroniken erwähnt wird. Wie auch immer der wahre Ankunftsort der Pest in England geheißen haben mag: die Diskussion hierum zeigt einmal mehr, wie schwierig es ist, anhand der vorliegenden Quellen ein möglichst objektives Bild der Großen Pest zu vermitteln.

Bristol sollte die erste große englische Stadt sein, die die verheerenden Folgen der Pest zu spüren bekam. Sie war mit 10000 bis20000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Englands und verlor durch die Pest mindestens ein Drittel der Bevölkerung23. Währenddessen war auch Exeter von der Seuche betroffen, wo beinahe die Hälfte aller Einwohner umkam24. Monate lang wütete der Schwarze Tod daraufhin in den westlichen Grafschaften Devon und Cornwall. Bereits bei diesen ersten Stationen des Schwarzen Todes in England fällt auf, dass der Klerus in besonderem Maße von der Pest dahingerafft wurde. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass der hohe Klerus in weit geringerem Maße dem Schwarzen Tod zum Opfer fiel als der niedere. Ob dies wirklich auf gesündere Lebensumstände zurückzuführen ist25, bleibt fraglich. Die Todesraten waren jedenfalls erschreckend hoch: So starben in der Diözese Bath fast 50 Prozent der Geistlichen26. Der enge Kontakt zu den Sterbenden gefährdete diesen Stand besonders. Die hohe Zahl der Opfer lässt darauf schließen, dass viele Kleriker ihren Amtsaufgaben trotz der Gefahr bewusst oder unbewusst nachgingen.

3.2. Die Pest im Süden

Das Jahr 1349 stellte einen traurigen Höhepunkt der Großen Pest in England dar. Ziegler stellt fest, dass ab dem März dieses Jahres der Verlauf der Seuche nach Osten nicht hin mehr von Ort zu Ort verfolgbar ist27. Dennoch können wir, um den Verlauf klarer zu strukturieren, eine nördliche und eine südliche Hauptlinie des Schwarzen Todes unterscheiden. Auf der nördlichen Linie war die erste größere betroffene Stadt Gloucester, in der man bereits von der todbringenden Krankheit gehört hatte: „... die Menschen aus Gloucester verweigerten denjenigen aus Bristol den Zutritt ...“28. Doch die Gegenmaßnahmen waren nicht sonderlich erfolgreich: Gloucester blieb wie Bristol nicht von der Pest verschont. In den folgenden Monaten wurden die Grafschaften Oxfordshire, Berkshire und Buckinghamshire heimgesucht. Mit der Universitätsstadt Oxford war ein bedeutendes Bildungszentrum betroffen; es starben mehr als 40 Prozent der Einwohner29. Die Universität selbst hatte jedoch wesentlich weniger Opfer zu beklagen30. Berkshire hatte trotz seines bereits vor der Pest kläglichen Zustandes eine nicht so hohe Verlustziffer zu verzeichnen wie seine Nachbarn in Buckinghamshire: hier scheint mindestens die Hälfte aller Einwohner dahingerafft worden zu sein31. Entlang der südlichen Hauptlinie gen Osten lassen sich ähnlich erschreckende Szenarien nachzeichnen. Wiltshire und Hampshire erfuhren die schlimmsten Verluste in den ersten Monaten von 1349. Hier sollte angemerkt werden, dass, obwohl es den Anschein hat, nur sehr wenige Siedlungen oder Dörfer in England allein durch die Große Pest vollständig ausgelöscht wurden32. Ein für die Zeit charakteristisches Bild ist uns aus Winchester erhalten: Im Januar 1349 starben so viele Menschen dort durch den Schwarzen Tod, dass Teile der Hauptstraße als Beerdigungsfeld verwendet wurden33. Einige Wochen später hatte die Pest auch Surrey erreicht.

3.3. London

Welcher Weg die Pest als erster nach London führte, ist äußerst schwer zu bestimmen. Nicht nur die vielen Wege vom Landesinneren her, auch der rege Schiffsverkehr verhindert das Nachzeichnen einer klaren Ankunftslinie. Etwas sicherer lässt sich jedoch festhalten, dass der Schwarze Tod London im November 1348 erreichte34.

London war mit etwa 50000 die größte Stadt Englands. Obwohl eine bedeutende Großstadt Mitteleuropas, sollte das Bild der blühenden kommerziellen Metropolis mit kritischen Augen betrachtet werden: viele Teile Londons hatten noch einiges mit der ländlichen Region gemeinsam35. Dennoch war London in der Mitte des 14. Jahrhunderts von Überbevölkerung gekennzeichnet , die in den meisten Teilen der Stadt zu katastrophalen hygienischen Zuständen führte36. Trotz Anordnungen und Verboten, die Stadt nicht zu einem Müllplatz verkommen zu lassen, häuften sich Abfälle und Schutt in äußerst hohem Maße37. Überbevölkerung und unhygienische Verhältnisse boten den den Pesterreger mit sich tragenden Ratten und Flöhen einen geeigneten Lebensraum38. Es konnte also nicht allzu lange dauern, bis die Pest nun auch in der Hauptstadt in vollen Zügen wütete. Die Begräbnisse der Toten stellten auch hier wieder ein großes Problem dar. „Die Friedhöfe boten nicht mehr genügend Platz, um die Toten aufzunehmen“39.

Die verheerendste Phase in London ist zwischen Januar und März 1349 anzusetzen40. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in diesem Zeitraum die beiden Verbreitungsstränge aus dem Westen die Stadt erreicht haben mussten. Wie auch in den vorherigen Regionen, sollte die Pest neben der ‘gemeinen’ Bevölkerung wie in den meisten anderen englischen Städten eine hohe Anzahl an Opfern des Klerus fordern41. Während jedoch viele Geistliche an der Pest starben, so überlebte der König und seine Familie. Die einzige Ausnahme war Joan, die Tochter Edwards. III., welche allerdings in Bordeaux auf dem Weg nach Portugal zu ihrer Hochzeit starb42.

Die Pest blieb bis Anfang 1350 in London. Insgesamt sollen dort 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung an ihr gestorben sein43.

3.4. Der Schwarze Tod im Osten Englands

Die östlichen Regionen Englands wurden in besonderem Maße vom Schwarzen Tod heimgesucht44. Vergleichbar hohe Opferzahlen waren nur in wenigen anderen europäischen Gegenden wie der Toscana oder Teilen Skandinaviens zu verzeichnen45. Wenn wir uns die Lage der östlichen Gebiete vor Augen halten, erscheint dies zunächst etwas verwunderlich. Der Osten Englands befand sich in einer einigermaßen isolierten geographischen Lage. Vom Westen war man durch die Niederungen und Sumpflandschaften relativ abgeschnitten, während im Norden die See lag. Was die enormen Verluste im Osten betrifft, führt Gottfried zwei Erklärungen an. Zum einen seien die Verbreitungswege der Pest zu diesem Zeitpunkt derart zahlreich, dass der Osten zwangsläufig stark betroffen sein musste; zum anderen verweist er auf das besonders feuchte und kalte Klima, welches die Verbreitung der Lungenpest begünstigt hätte46. Gottfrieds Begründungen sind so nicht haltbar: Eine hohe Anzahl von Verbreitungswegen existierten auch in anderen Gegenden Englands, wo die Sterberate nicht so hoch ist wie im Osten47. Hier ist als Erklärung auf die vielen Seeverbindungen hinzuweisen, die die östlichen Grafschaften einer besonders hohen Infektionsgefahr aussetzen mussten. Auch Gottfrieds Klimathese ist anzuzweifeln. Der Schwarze Tod wütete ohne besondere Rücksicht auf die Klimaverhältnisse der jeweiligen Regionen48.

Ungeachtet dessen, welche Faktoren dazu beitrugen, dass der Osten besonders viele Opfer zu verzeichnen hatte; die Pest war angekommen und ist uns durch vertraute (und erschreckende) Schilderungen wie diese eines Mönchs aus Rochester erhalten geblieben: „ ...die Pest raffte eine derart hohe Anzahl Menschen beider Geschlechter dahin, dass niemand mehr da war, um die Toten zum Grabe zu tragen. Männer und Frauen trugen ihre eigenen Kinder auf ihren Schultern zur Kirche und warfen sie in eine Grube. Aus diesen Gruben stieg ein derart entsetzlicher Gestank hervor, dass kaum jemand wagte, an den Friedhöfen auch nur vorbeizugehen“49. Während die Bevölkerung solche Szenarien miterleben musste, hielt sich der Bischof außerhalb der Stadt auf. Viele seiner Amtsbrüder taten es ihm gleich50.

Canterbury -berühmter Pilgerort- verlor trotz der Seuche nur wenige seiner Besucher. Selbst während der schlimmsten Pestphasen reisten Menschen dorthin; die einen wahrscheinlich, um Gott den Dank für ihr Überleben auszusprechen, die anderen, um eben dies auch für die Zukunft zu sichern51. Ob der nicht schwindende Fluss von Pilgern jedoch ausschließlich einen Segen für die Stadt darstellte, ist aufgrund der hohen Infektionsgefahr anzuzweifeln.

In Norwich, mit mehr als 10000 Einwohnern die zweit- oder drittgrößte Stadt Englands, hielt sich die Pest von Januar 1349 bis etwa Frühling 1350 auf. Wieder kam ungefähr die Hälfte der Geistlichen um; von der weltlichen Bevölkerung starben 40 bis 45 Prozent52. Der Verlust der Kleriker war so hoch, dass Bischof Bateman das Trinite Hall College an der Universität in Cambridge mit der Intention gründete, wieder „mehr Priester auszubilden“53.

3.5. Mittel-und Nordengland

Während dem Schwarzen Tod in Ostengland seitens der Forschung viel Beachtung geschenkt wird, sind detaillierte Untersuchungen der mittleren und nördlichen Regionen selten54. Dies ist überraschend, da es gerade hier von Region zu Region erhebliche Differenzen bei der Opferanzahl gab. So wurden beispielsweise in Nottinghamshire auffallend wenige Geistliche von der Pest getötet; die Sterberate beim Klerikerstand lag hier unter 37 Prozent55. Im Norden dagegen wütete die Pest wieder besonders heftig: in Newark, Nottinghamshire, Stow, Lincolnshire und der Stadt Lincoln selber starben knapp 60 Prozent der Geistlichen, die Pfründe besaßen56. Wenigstens für Lincolnshire ließe sich anführen, dass es durch seine geographische Lage am Meer für Pestinfektionen besonders empfänglich war. Doch wie bei so vielen anderen Erklärungsmodellen zeigen sich auch hier Lücken: Grimsby, die bedeutende und blühende Hafenstadt, verlor durch den Schwarzen Tod unerwarteterweise ‘nur’ 35 Prozent der Bevölkerung57.

Die nördlichen Regionen hatten bereits vor der Pest mit einem gänzlich anderen Problem zu kämpfen; den Schotten, welche ihre Nachbarn regelmäßig überfielen58. Als man im Sommer 1349 die missliche Lage der Engländer erkannte, gab es bereits Anstrengungen, mit einem Heer den Gegner zu schlagen59. Dieser Plan konnte jedoch nicht mehr in die Tat umgesetzt werden: im Juli 1349 hatte der Schwarze Tod auch Schottland erreicht.

4. Auswirkungen der Pest

4.1. Die Lage Englands vor der Großen Pest

Ein Verlust von mehr als 40 Prozent der englischen Bevölkerung60 musste soziale und wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Ein Konsens über die konkreten Folgen und ihre Ausmaße ist jedoch in der Forschung bis heute nicht gefunden worden. Ziegler stellte bereits 1969 mit weiser Vorraussicht fest: „The subject is far from being closed to-day.“61 Zahlreiche Quellen aus den unterschiedlichsten Bereichen bieten dem Wirtschaftshistoriker eine Grundlage für unterschiedlichste Thesen. So reichen die Meinungen zur wirtschaftlichen Entwicklung Englands in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von wirtschaftlicher Depression, die als unausweichliche Konsequenz auf frühere Entwicklungen folgen musste bis zur Darstellung einer aufblühenden englischen Wirtschaft, welche durch die Pest sogar noch begünstigt worden sei62. Trotz diesen recht unbefriedigenden (und widersprüchlichen) Ergebnissen der Forschung können wir im Rahmen dieser Arbeit einige konkrete soziale und wirtschaftliche Folgen der Großen Pest nennen. An dieser Stelle erscheint es zunächst jedoch sinnvoll, einen kurzen Blick auf Englands Situation vor der Pest zu werfen.

Bis zum Beginn des 14. bzw. Ende des 13. Jahrhunderts war das spätmittelalterliche England von Aufschwung und Wachstum gekennzeichnet: Neue Städte wurden gegründet, alte blühten auf, Ackerbauflächen wurden erweitert und verstärkt genutzt, und nicht zuletzt hatte man vermehrt wirtschaftliche Kontakte mit dem restlichen Europa geknüpft63. Doch gegen Ende 13. Jahrhunderts begann eine erste politische Krise: der Krieg gegen Schottland. Bereits 1294 musste die Bevölkerung zur Finanzierung des Krieges Steuern von bis dato unbekannten Höhen zahlen, was besonders die ärmeren Schichten hart traf64. Neben den Auseinandersetzungen mit Schottland wurde die Situation zusätzlich noch durch den Krieg mit Frankreich (1337-1453) verschärft.

Die politischen Krisen zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren begleitet von wirtschaftlichen Katastrophen. Zwei Missernten (1315 und 1317) stürzten Europa in eine Hungersnot von verheerenden Ausmaßen. England wurde darüber hinaus in den Jahren von 1315 bis 1325 von Viehseuchen heimgesucht. Ein drastischer Preisrückgang, vor allem für Getreide, Schafe und Wolle war die Folge; die demesne-Wirtschaft schien vor ihrem Ende zu stehen. Immer mehr Gutsherren gaben die Eigenbewirtschaftung ihrer Güter auf und verpachteten diese künftig gegen feste Geldrenten65. So drastisch diese Krisen der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts jedoch erscheinen, es bedurfte einer noch größeren Katastrophe, um den sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Aufwärtstrend der letzten zwei Jahrhunderte zu bremsen.

4.2. Soziale und wirtschaftliche Veränderungen

Erste Arbeiten, die die Bedeutung der Pest für die Entwicklung des spätmittelalterlichen Englands analysieren, lassen sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen66. Die Mehrheit der dort vertretenen Thesen war jedoch von einer recht eingegrenzten Sichtweise gekennzeichnet. Die Rolle der Pest für die Entwicklungen des Sozial-und Wirtschaftsgefüges wurden deutlich überschätzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mahnte der Historiker Vinogradoff: „Wir dürfen der Pest keinesfalls die Bedeutung einer konstanten ökonomischen Kraft zuschreiben“67. Es kam zu einer Abkehr von den relativ einfachen Erklärungsmodellen der ersten Arbeiten, die sich mit der Großen Pest beschäftigt hatten.

Einige der dort beschriebenen wirtschaftlichen und sozialen Folgen sind unbestritten. So befasste sich beispielsweise Thorold Rogers mit der (offensichtlichen) Verknappung der menschlichen Arbeitskraft und behauptete, dass Lohnarbeiter nun in der Lage waren, höhere Löhne zu fordern oder ihren Arbeitsort gegebenenfalls zu wechseln68. Diese vorher nicht vorhandene Mobilität der Lohnarbeiter ging an erster Stelle zu Lasten der großen Grundbesitzer. Die Angst vor allzu hohen Lohnforderungen oder Verlust der Arbeitskräfte saß tief. Um ihre Herrschaftsposition zu bewahren, belasteten die Lords die „Unfreien“ höher als bisher oder bemühten sich darum, die Arbeiter anderer Grundherren abzuwerben69. Die Regierung reagierte auf die zunächst sicherlich erschreckend wirkende Situation mit administrativen Gegenmaßnahmen. Im Juni 1349 -die Pest hatte ihren Höhepunkt in London erreicht- wurde die erste von zwei königlichen Verordnungen der folgenden Jahre verabschiedet, um der bevorstehenden Entwicklung Einhalt zu gebieten. Die sogenannte „Ordinance of Labourers“ fror mit zentraler Gültigkeit die Löhne auf dem Stand von 1340-1346 ein70. Die Lords erhielten ein ‘Erstrecht’auf ihre Arbeiter, durften allerdings Hörige anderer Grundherren nicht aufnehmen. Desweiteren wurde durch eine Lohnklausel untersagt, einen höheren Lohn zu nehmen oder geben als den, der durch die neue Verordnung festgelegt war71. Im Jahre 1351 folgte mit dem „Statute of Labourers“ ein Arbeitsgesetz, das in den meisten Punkten mit der Ordinance übereinstimmte. Der Unterschied bestand darin, dass es sie „in den Rang eines beurkundeten Rechtssatzes“ erhob72. Doch hatte man mit den genannten Maßnahmen wirklich die Mobilität der Lohnarbeiter eingedämmt?

Zunächst einmal sollte festgehalten werden, dass die Durchsetzung der Arbeitsgesetze -vor allem in den ersten zehn Jahren nach der Pest- tatsächlich äußerst rigoros verfolgt wurde. Die Einhaltung des Statuts wurde von speziellen Kommissionen mit Sorgfalt beobachtet, so dass aus den ersten Jahren nach dem Statut eine hohe Anzahl von Anklagevermerken erhalten sind73. Doch so sehr man darum bemüht war, die Einhaltung der Gesetze zu wahren, hatten die Maßnahmen auf Dauer keine Wirkung. Bis heute liegen keine eindeutigen Fakten vor, die eine steigende Mobilität der Landbevölkerung widerlegen könnten74. Darüber hinaus mussten auch die Lords nach einiger Zeit erkennen, dass die Zielsetzungen des Statuts sie vom ursprünglichen Arbeitswettbewerb abhielten75. Trotz des anfänglichen Durcheinanders hatte sich das Wirtschafts- und Sozialgefüge Ende der 1350er Jahre jedoch erstaunlich schnell von der Großen Pest erholt: Nicht nur hatten sich die Löhne und Preise wieder einigermaßen stabilisiert. Die meisten Grundherren vermochten trotz der zunächst erschreckenden Aussichten die alte Form der demesne-Wirtschaft zu bewahren76.

Doch die gerade wieder erreichte Balance sollte nicht von Dauer sein. Weitere Pestwellen (1361/62, 1368-69, 1371, 1375, 1390), bessere Ernten und eine deutliche Geldverknappung hatten einen maßgeblichen Lohn- Preisunterschied zur Folge. So waren am Ende des 14. Jahrhunderts die Lohnpreise (vor allem die der Landarbeiter) um ein Mehrfaches angestiegen, neben der erwähnten Mobilität der Landbevölkerung ein weiteres Zeichen für die langfristige Erfolglosigkeit der Arbeitsgesetze77.

4.3. Veränderungen im Bildungswesen

Die Auswirkungen der Großen Pest auf die Bildung und die Universitäten Englands sind, wenn auch kein vernachlässigtes, so doch ein recht wenig beachtetes Forschungsgebiet. Abgesehen von einigen frühen Beschäftigungen78 und einer kurzen Passage in Zieglers Monographie spiegelt Courtenays Aufsatz den neueren Stand der Forschung wider.

„Wie kommt es, dass von der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bis zum Wiederaufblühen des klassischen Lernens ... das geistige Leben von Oxford und Cambridge eine derartige Ruhepause einlegt ...?“, fragte sich der Historiker Mullinger bereits 1873.

Man ist versucht, diese Frage mit der Dezimierung der Gelehrten und Schüler Oxfords durch die Große Pest zu erklären. Neuere statistische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die wirkliche Erklärung wesentlich komplexer ausfallen muss. Durch die Auswertung von biographischen Registern der theologischen Fakultät der Universität Oxford hat Courtenay festgestellt, dass im Gegensatz zur Stadt Oxford die Todesrate unter den Gelehrten erstaunlich gering war. Die Zahl der Studenten vor der Großen Pest belief sich -einigen abenteuerlichen spätmittelalterlichen Angaben zum Trotz- auf ungefähr 1500. Es waren 87 Theologen vor dem Schwarzen Tod in Oxford tätig - 1350 waren es immerhin noch 61. Daraus ergibt sich eine Steigerung der Mortalitätsrate von fünf bis zehn Prozent79. Courtenay bietet verschiedene Gründe für dieses ungewöhnliche Ergebnis an: Zum einen könnten die an der Universität vorherrschenden Altersgruppen (15 - 35 Jahre) der Pest gegenüber resistenter gewesen sein; zum anderen waren die meisten Lehrenden und Lernenden keine direkten Einwohner Oxfords, somit vielleicht in der Lage, das Gebiet bei Gefahr zügiger zu verlassen als andere80. Diese Erklärungsmodelle sollten wir jedoch als nicht besonders fest gegründet und daher spekulativ betrachten. Auch der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen den freien Tage der Studenten im Sommer und dem angeblich heftigen Wüten der Pest im Winter ist so nicht haltbar81.

Was auch immer die genauen Gründe für die geringe Sterberate unter den Universitätsangehörigen war, sie bietet keine Erklärung für das eingangs erwähnte gesunkene Bildungsniveau nach der Großen Pest. Courtenay verweist hier auf die hohen Opferzahlen des Klerus in Oxford selbst. Ein Verlust von (kirchlichen) Gelehrten in der Stadt musste sich negativ auf die Vorbildung der folgenden Studentengenerationen auswirken82. Weiterhin hatte die Universität durch die Pest zukünftige Studenten verloren. Sie war somit angewiesen auf Studenten, welche vorher möglicherweise den Weg einer elitären Ausbildung gar nicht erst in betracht gezogen hätten83. Es wäre an dieser Stelle möglich, weitere Gründe für das sinkende Bildungsniveau zu erdenken. Es soll jedoch hier ausreichen, festzuhalten, dass die Veränderungen im Bildungswesen nicht allein durch die Pest, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen Faktoren zu erklären sind.

4.4. Moral und Religiosität nach dem Schwarzen Tod

Der Schwarze Tod brach auf den mittelalterlichen Menschen als etwas völlig Neues ein.

Einerseits war die Erinnerung an vergangene Pestwellen nicht mehr vorhanden. Die Pest Justinians aus dem frühen Mittelalter war vergessen84. Zum anderen stellte der Schwarze Tod ein medizinisch unerklärbares Phänomen für die damalige Fachwelt dar85. Dass die Pest als eine Strafe Gottes angesehen wurde, überrascht somit nicht. Wenn allerdings Gott die Menschen bestrafte, mussten sie etwas Sündiges getan haben. Die daraus resultierenden Geißlerzüge wurden bereits erwähnt. Doch welcher Art war nun das Verhältnis der Bevölkerung zur Kirche? Hätte diese sie nicht beschützen sollen? Hatte Gott sie verlassen? Tatsächlich lässt sich ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine gewisse Abkehr von der Kirche und ihren Werten feststellen86. In England musste dieser religiöse Verdruss umso heftiger ausfallen, als gerade die Repräsentanten des Glaubens -die Kleriker- besonders hohe Opferzahlen zu beklagen hatten87. Kritik an der Kirche wurde lebendig. So verurteilte der Theologe Wycliffe scharf die Besitzansprüche der Kirche und plädierte für die Rückbesinnung auf das urchristliche Armutsideal88. Urteile, die in dieser Zeit ohne die Pest möglicherweise nicht ausgesprochen worden wären.

Einher mit der sinkenden Bereitschaft zum Glauben ist eine Tendenz zu freizügigerem und unbedachtem Leben festzustellen. In der Literatur wird an dieser Stelle betont, dass bereits vor 1348 eine gewisse Verwilderung der Moral vorhanden war, als dessen Strafe der Schwarze Tod betrachtet wurde89. Wie hoch jedoch auch immer die Bereitschaft zu zügellosem Handeln vor der Pest gewesen war, nach ihrem Auftreten : „ ...da die Menschen nun so wenig waren, ...besaßen sie ein Übermaß an irdischen Gütern, sie vergaßen die Vergangenheit, als wenn sie nie gewesen und gaben sich einem schändlichen und schlampigen Leben hin ...“90. Schenken wir diesen Quellen Glauben, dann beförderte die Pest Europa in einen grausamen, schmutzigen, von Hedonismus geprägten Alltag. So sehr die Chronisten den Sittenverfall aber beklagen, so kritisch müssen wir diesen Schriften gegenüberstehen. Es handelt sich bei den Berichten vom lasterhaften Leben nach der Pest sicherlich nicht um bloße Erfindungen der Verfasser. Dafür existieren zu viele Quellen dieser Art91. Doch ist zu bedenken, dass ein Chronist das aufschreibt, was am augenfälligsten wahrzunehmen ist; dies waren zu jener Zeit eben die zügellosen Ausschreitungen und es ist nicht verwunderlich, wenn viele Chronisten sich auf diese konzentrieren. Dies ist allerdings kein Beleg dafür, dass es nicht ebenso viele Menschen gab, die den Versuchungen zu widerstehen mochten..

Dass die Berichte von Hedonismus und Sittenverfall nur eine Teilwahrheit darstellen, schrieb Boccaccio bereits in seinem Dekameron: „Einige waren der Meinung, ein mäßiges Leben, frei von jeder Üppigkeit, vermöge die Widerstandskraft besonders zu stärken ... Andere aber waren der entgegengesetzten Meinung zugetan und versicherten, viel zu trinken, gut zu leben, mit Gesang und Scherz umherzugehen, in allen Dingen, soweit es sich tun ließe, seine Lust zu befriedigen ...“92 Das „mäßige Leben“, wie Boccaccio es nennt, ist auch in der Forschung untersucht worden. So kam man beispielsweise zu dem Ergebnis, dass besonders nach 1348 eine hohe Religiosität in Teilen der Bevölkerung vorhanden war93. Gerade in der Bestrafung Gottes sah man einen Ansporn, seinem Glauben durch religiöse Dienste wie beten etc. nun noch gerechter zu werden. Viele bemühten sich darüber hinaus, ihre bisherige scheinbar zu geringe religiöse Hingebung durch Spenden an die Kirche zu kompensieren. So entstanden zwischen 1350 und 1390 in England siebzig Institutionen, die die Kirche mit Stiftungen bedachten. Erblasser waren mehr als je zuvor um ihr Seelenheil besorgt. Ein Viertel aller Testamente kurz nach der Pest vermachte sein Hab und Gut kirchlichen Einrichtungen.94

Als eine weitere Möglichkeit, die religiösen Dienste zu verbessern, sah man die Pilgerfahrten an. Menschen unterschiedlichster Klasse nahmen die oft sehr mühsame und gefährliche Reise zu den großen Pilgerstätten wie Rom oder Jerusalem auf sich, um der Erlösung näher zu sein95. Die Zahl derer, die nach Rom pilgerten, stieg dabei sogar trotz des enormen Bevölkerungsverlustes nach 1349 und 1350 noch an.96

4. Schluss

Fassen wir den Verlauf der Großen Pest in England zusammen, lässt sich folgendes festhalten:

Trotz seiner vom Festland entfernten geographischen Lage brach die Pest -verbreitet über die Schiffshandelswege- im Juni 1348 in Melcombe Regis in Dorset aus. Nachdem mit Bristol die erste große Stadt heimgesucht worden war, bahnte sie sich ihren Weg in den Südwesten des Landes. Bereits hier wurde ein Charakteristikum der Seuche in England erkennbar: besonders der Klerikerstand hatte erschreckend viele Opfer zu beklagen.

Im Jahr 1349 ließen sich ein nördlicher und ein südlicher Hauptstrang der Pest unterscheiden, welche bei ihrer Verbreitung gen Osten ähnlich hohe Sterbensraten aufzeigten. London war schon im November 1348 durch den regen Schiffshandel von der Pest infiziert worden. Überbevölkerung und die daraus resultierenden unhygienischen Lebensumstände trugen viel zur Verschlechterung der Lage. Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die Katastrophe hier im Frühjahr 1349, nachdem die auch die beiden Verbreitungslinien aus dem Westen angekommen waren. Die Sterberate lag in London über einem Drittel.

Besonders hart getroffen wurde der Osten Englands, was auf die enge Verbindung vieler Städte zum Seehandel zurückgeführt werden kann. Mittel-und Nordengland wiesen ein gänzlich unklares Bild auf, sowohl bei den Verbreitungswegen als auch den Ausmaßen der Seuche.

Es wurde darauf hingewiesen, dass England sich bereits vor der Pest in einer politischen und wirtschaftlichen Krisensituation befand. Als unmittelbare Folgeerscheinungen der Großen Pest wurden die gesteigerte Mobilität der Lohnarbeiter sowie die Unterdrückungsversuche der Lords genannt, welche allzu hohe Lohnforderungen befürchteten. Die Arbeitsverordnungen der Regierung von 1349 und 1351 sollten nicht von nachhaltiger Wirkung sein. Langfristige wirtschaftliche Folgen der Pestkatastrophe konnten nicht detailliert besprochen werden. Zum einen, da diese Arbeit sich lediglich auf den unmittelbaren Zeitraum nach der Großen Pest konzentriert und somit spätere Pestwellen größtenteils außer acht ließ, welche bei einer angemessenen Analyse dieses Aspektes stärker berücksichtigt werden müssten. Zum anderen ist der Rahmen dieser Arbeit zu knapp bemessen, um die entgegengesetzten Thesen von Postan und Bridbury zur spätmittelalterlichen Wirtschaft Englands zu einem überzeugenden Ganzen zusammenzufügen.

Im Bereich des Bildungswesens ist die Rolle der Pest nicht überzubewerten. Sie ist nur einer von mehreren Faktoren, die zu den erwähnten Veränderungen beitrugen.

Bei der durch die Große Pest hervorgerufenen moralischen und religiösen Folgen hat sich gezeigt, dass viele zeitgenössische Quellen ein überzogenes Bild des ‘Sittenverfalls’ zeichnen. Die Reaktionen auf das Pestunglück verliefen keineswegs nur in eine Richtung. Lebensfreude und Luxusdenken gehörten ebenso zum Alltagsbild wie Demut und religiöse Hingabe.

6. Literaturliste

6.1. Quellen(sammlungen)

1. BERGDOLT, Klaus: Die Pest 1348 in Italien. 50 zeitgenössische Quellen, Heidelberg 1989. [BERGDOLT, Quellen]
2. BOCCACCIO, Giovanni: Das Dekameron, München 1979. [BOCCACIO]
3. CHAUCER, Geoffrey: The Canterbury Tales, Stuttgart 1982. [CHAUCER]
4. HORROX, Rosemary: The Black Death, Manchester [u.a] 1994; (Manchester medieval source series). [HORROX]

6.2. Sekundärliteratur

1. BERGDOLT, Klaus: Der Schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters, München 1994. [BERGDOLT, Tod]
2. BOLTON, J.L.:The Medieval English Economy 1150-1500, London 1988. [BOLTON]
3. BRIDBURY, A.R.: The Black Death, in: The Economic History Review XXVI (1973), S. 577-92. [BRIDBURY]
4. BULST, Neithard: „Der Schwarze Tod. Demographische, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Aspekte der Pestkatastrophe von 1347-1352. Bilanz der neueren Forschung“, in: Saeculum 30 (1979), S. 45-67. [BULST]
5. COURTENAY, William: „The Effect of the Black Death on English Higher Education“, in: Speculum 55, 4 (1980), S. 696-714. [COURTENAY]
6. EIDEN, Herbert: „In der Knechtschaft werdet ihr verharren“: Ursachen und Verlauf des englischen Bauernaufstandes von 1381, Trier 1995. [EIDEN]
7. GOTTFRIED, Robert S.: The Black Death. Natural and Human Disaster in Medieval Europe, London 1984. [GOTTFRIED]
8. HATCHER, John: „England in the aftermath of the Black Death“, in: Oxford History Past and Present 4 (1994), S. 3-35. [HATCHER, Aftermath]
9. HATCHER, John: Plague, Population and the English Economy 1348-1530, London 1977. [HATCHER, Plague]
10. HERLIHY, David: Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas, Berlin 1998. [HERLIHY]
11. KRIEGER, Karl-Friedrich: Geschichte Englands von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert, München 1990; (Geschichte Englands in 3 Bänden, Bd. I). [KRIEGER]
12. MCKISACK, May: The Fourteenth Century 1307-1399, Oxford 1971. [MCKISACK]
13. POSTAN, Michael M.: Medieval Economy and Society. An Economic History of Britain in the Middle Ages, London 1972. [POSTAN]
14. TWIGG, Graham I.: „The Black Death in England: An epidemological Dilemma“, in:
Maladies et société (XII e -XVIII e siécles). Actes du colloque de Bielefeld, Paris 1989, S. 75- 98. [TWIGG]
15. ZIEGLER, Philip: The Black Death, Phoenix Mill 1997. [ZIEGLER]
16. ZINN, Karl Georg: Kanonen und Pest. Über die Ursprünge der Neuzeit im 14. und 15. Jahrhundert, Opladen 1989. [ZINN]

[...]


1 In: „Chronicon Abbatiae de Parco Ludae: The Chronicle of Louth Park Abbey“, zit. n.: HORROX, S. 66.

2 HORROX; Neben diesen mussten einige Quellen aus der Sekundärliteratur zitiert werden.

3 ZIEGLER.

4 EIDEN.

5 BERGDOLT, Tod; GOTTFRIED.

6 MCKISACK; KRIEGER.

7 BOLTON.

8 HATCHER, Plague; HATCHER, Aftermath.

9 COURTENAY.

10 Zur Kontroverse um den genauen Ursprung der Großen Pest vgl. GOTTFRIED; BERGDOLT, Tod; ZINN.

11 BERGDOLT, Quellen, S. 20.

12 Vgl. ZIEGLER, S. 5f.; BERGDOLT, Tod, S. 37: Die Pest wird übertragen durch mit dem Pestbazillus infizierte Flöhe, welche vornehmlich wilde Nager, aber auch Ratten und Menschen aufsuchen. Generell wird zwischen drei Arten von Pest unterschieden: Beulen- und Lungenpest sowie Pestsepsis. Letztere findet allerdings in bezug auf die Große Pest 1347/51 keine größere Beachtung in der Literatur, vgl. TWIGG, S. 75-98. ; HERLIHY,

S. 12ff.; BULST, S. 48f.

13 ZINN, S. 158.

14 Vgl. HERLIHY, S. 16.

15 Diese Vorgänge stellen weiterhin ein Rätsel für die Forschung dar, das bisher mit einleuchtenden, wenn auch sehr pauschalen Lösungsansätzen zu erklärt worden versucht ist; vgl. GOTTFRIED, S. 68f., BULST; S. 49f.

16 Die Bezeichnung des „Schwarzen Todes“ wurde im 14. Jahrhundert noch nicht für die Große Pest verwendet. Gebräuchlich wurde sie erst im 16. bzw. 17. Jahrhundert. Zur Etymologie des Begriffs vgl. ZIEGLER, S. 7; TWIGG, S. 75.

17 Vgl. ZIEGLER, S. 94.

18 Zit. n. ZIEGLER, S. 93. (Übers. d. Vf.)

19 In: „A Fourteenth-Century Chronicle from the Grey Friars at Lynn“; zit. n. HORROX, S. 63. (Übers. d. Vf.)

20 Henry Knighton stellt Southhampton, ein Chronist aus Yorkshire Bristol als Ausgangspunkt der Seuche in England dar, vgl. ZIEGLER, S.92.

21 Vgl. BERGDOLT, Tod, S. 87.

22 So GOTTFRIED, S. 58; ZIEGLER, S. 92ff.; EIDEN, S. 71.

23 Vgl. BERGDOLT, Tod, S. 88.

24 Vgl. MCKISACK, S. 332.

25 Vgl. COURTENAY, S. 703.

26 Andere englische Städte wie Oxford oder Bicester haben ähnlich hohe Zahlen vorzuweisen. In Wycombe, Buckinghshamshire betrug die Mortalitätsrate sogar über 60 Prozent; vgl. HATCHER, Plague, S. 21ff.; GOTTFRIED, S.62.

27 Vgl. ZIEGLER, S. 106.

28 In: „Chronicon Galfridi le Baker de Swynebroke“; zit. n. HORROX, S. 80. (Übers. d. Vf.)

29 Vgl. BERGDOLT, Tod, S. 90.

30 Vgl. COURTENAY, S. 701ff. und Kap. 4.3., S. 14.

31 Vgl. ZIEGLER, S. 110.

32 Vgl. MCKISACK, S. 332f.

33 Vgl. GOTTFRIED, S. 63.

34 Vgl. TWIGG, S. 77.

35 Vgl. MCKISACK, S. 378ff.

36 Vgl. ZIEGLER, S. 118ff.

37 Vgl. GOTTFRIED, S. 64.

38 Vgl TWIGG, S. 77ff.; ZIEGLER, S. 119.

39 In: „John Stow: A Survey of London“; zit. n. HORROX, S. 266ff. (Übers. d Verf.)

40 Vgl. TWIGG, S. 77.

41 Vgl. ZIEGLER, S. 125.

42 Vgl. HORROX, S. 250.

43 Vgl. GOTTFRIED, S. 65.

44 Im Osten Englands soll die Hälfte der Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen sein, vgl. GOTTFRIED, S. 66.

45 Vgl. BERGDOLT, Tod, S. 95f.

46 Ebd., S. 66.

47 Wie bereits erwähnt, ist der Verlauf der Pest ab März 1349 nicht mehr exakt zu verfolgen; die Verbreitungswege werden unüberschaubar. Dennoch ist beispielsweise in Mittelengland kein derart extremes Sterben wie in den östlichen Gebieten nachzuweisen.

48 Vgl. TWIGG, S. 77f.

49 Zit. n. ZIEGLER, S. 127. (Übers. d. Vf.)

50 Vgl. BERGDOLT, Tod, S. 94.

51 Vgl. ZIEGLER, S. 129.

52 Vgl. GOTTFRIED, S. 65f.

53 Ebd., S. 66. (Übers. d. Vf.)

54 ZIEGLER widmet als einziger diesen Teilen Englands ein ganzes Kapitel; GOTTFRIED listet lediglich einige Mortalitätsraten auf, während BERGDOLT diese Episode der Pest in England völlig unbeachtet lässt.

55 Vgl. ZIEGLER, S. 138.

56 Vgl. GOTTFRIED, S. 66.

57 Vgl. ZIEGLER, S. 143.

58 Ebd., S. 149.

59 Vgl. GOTTFRIED, S. 66.

60 Eine ausführliche Analyse des Bevölkerungsrückgangs bietet HATCHER, Plague, S. 21ff.

61 ZIEGLER, S. 187.

62 Die erstgenannte These vertritt POSTAN. Er bewertet die Pest als Beschleuniger eines unausweichlichen Tiefs der englischen Wirtschaft. BRIDBURY vertritt zweitgenannte Meinung; nach ihm hatte die Pest einen gar „reinigenden“ Effekt ( „... the mid-century pestilences were more purgative than toxic“, BRIDBURY, S. 591).

63 Vgl. KRIEGER, S. 109ff.

64 Vgl. BOLTON, S. 183ff.

65 Ebd., S. 180ff.

66 Vgl. ZIEGLER, S. 187ff.; HATCHER, Aftermath, S. 3f.

67 Zit. n. ZIEGLER, S. 202. (Übers. d. Vf.)

68 Ebd., S. 187f; Hier sei angemerkt, dass in der älteren Forschung behauptet wurde, durch die erstmals so offen liegenden Bewegungsmöglichkeiten hätten die unteren Klassen ein individuelles Bewusstsein bzw. einen Freiheitsdrang entwickelt, der als entscheidende Verbindung zum Bauernaufstand von 1381 zu werten sei. Die neuere Forschung hat sich zurecht von dieser Sichtweise distanziert, vgl. EIDEN, S. 72f., HATCHER, Aftermath, S.3ff.

69 Vgl. BOLTON, S. 208f.; KRIEGER, S. 185; HATCHER, Aftermath, S. 10.

70 In diesem Zeitraum waren die Löhne, bedingt durch den Beginn des Krieges mit Frankreich besonders gering gewesen, vgl. EIDEN, S. 75.

71 Vgl. BOLTON, S. 209.

72 EIDEN, S. 75.

73 Aus Essex beispielsweise ist eine Geldbußenliste von 1352 mit 7556 Personen erhalten, vgl. EIDEN, S. 79.

74 Vgl. KRIEGER, S. 186.

75 Vgl. MCKISACK, S. 335.

76 Vgl. BOLTON, S. 209ff.

77 Vgl. HATCHER, Plague, S. 47ff. und seine sehr nützliche Analyse der Lohnpreisentwicklung.

78 Siehe die erwähnten Arbeiten bei COURTENAY, S. 696f.

79 Vgl. COURTENAY, S. 701.

80 Ebd., S. 703.

81 Vgl. TWIGG, S. 77 und Kap. 3.4., S. 9.

82 Vgl. COURTENAY, S. 705ff.

83 Ebd., S. 710ff.

84 Vgl. ZINN, S. 150, 169.

85 Dies führte zu aus heutiger Sicht oft äußerst abstrusen Erklärungsmodellen und ‘Heilmethoden’. Zum Stand der mittelalterlichen Medizin vgl. GOTTFRIED, 104ff; BERGDOLT, Tod, S. 21ff.

86 Vgl. ZIEGLER, S. 210ff.

87 Vgl. Kap. 3.1., S. 5.

88 Vgl. ZIEGLER, S. 218.

89 Vgl. GOTTFRIED, S. 80; BERGDOLT, Tod, S. 151ff.

90 Zit. n. ZIEGLER, S. 221. (Übers. d. Vf.)

91 Hier ist nicht auf die zahlreichen Chroniken, sondern auch fiktionale Werke der Zeit zu verweisen, vgl. BOCCACCIO; CHAUCER.

92 Vgl. BOCCACCIO, S. 16.

93 Vgl. ZIEGLER, S. 217f.; BERGDOLT, Tod, S. 158.

94 Vgl. GOTTFRIED, S. 85.

95 Ebd., S. 86.

96 Vgl. ZIEGLER, S. 217.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Die Große Pest in England
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Pest und Seuchen in Mittelalter und früher Neuzeit
Note
Keine Note
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V105809
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Siehe Einleitung
Schlagworte
Große, Pest, England, Seuchen, Mittelalter, Neuzeit
Arbeit zitieren
Achim Zeuch (Autor), 2001, Die Große Pest in England, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105809

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