Theorien der Dienstleistungsgesellschaft


Seminararbeit, 2001

24 Seiten


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Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Der Begriff der Dienstleistung
2.1.1 Sektorale Gliederung
2.1.2 Funktionale Gliederung
2.2. Der Begriff der DLG Seite

3. Geschichte und Ansätze der DGL Seite
3.1. Die sektorale Abgrenzung der 3-Sek- toren bei Fisher, Clark und Fourastié Seite
3.2. „Die Große Hoffnung des 20. Jh.“ von Jean Fourastié Seite
3.3. Daniel Bells „Nachindustrielle Gesellschaft“ Seite
3.4. Vergleich Fourastié - Bell Seite
3.4.1. Gemeinsamkeiten Seite
3.4.2. Unterschiede Seite

4. Schlusswort Seite

5. Literatur Seite

1. Einleitung

Deutschland , Europa, die USA - alle mehr oder weniger modernen

Industrieländer und Industrieregionen sind es bzw. befinden sich oder auf dem Weg dazu.

Die Rede ist von der Dienstleistungsgesellschaft (im folgenden als DLG abgekürzt).

Dieser Begriff ist derzeit in aller Munde. Begriffe und Thesen wie „Dienstleistungswüste/Servicewüste“, „Expansion des Dienstleistungssektors zur Senkung der Arbeitslosenzahlen“ uvm. prägen unseren Alltag.

Der Dienstleistungsbereich wurde (nach dem positiven Beispiel USA) noch vor nicht einmal 5 Jahren als eine Möglichkeit gesehen, die hohen Arbeitslosigkeit zu reduzieren.1

Modernere Sichtweisen gehen heutzutage allerdings davon aus, dass der enorme Anstieg im tertiären Sektor bereits seinen Höhepunkt erreicht hat.

Aus soziologischer Sicht gibt es „Dienstleistungen“ jedoch schon weitaus länger, der Begriff der DLG wurde allerdings erst im 19. Jahrhundert vor allem durch Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen wie z.B. Fisher (1939), Clark (1952), Fourastié (1954), Bell (1975) und Gershuny (1981) geprägt.

All diese Wissenschaftler versuchten unter anderem das Phänomen der DLG zu erklären bzw. Tendenzen in modernen Gesellschaften zu entdecken, die mit der DLG in Zusammenhang stehen.

In diesem Zusammenhang soll zunächst einmal versucht werden zu klären, was man überhaupt unter einer Dienstleistung, bzw. als Folge daraus unter einer DLG verstehen kann bzw. verstehen muss.

Anschließend sollen die oben genannten Theoretiker vorgestellt und deren Modelle aufgezeigt werden. Dabei stellt sich in erster Linie die Frage nach der Aufteilung der Wirtschaft in einzelne Wirtschaftssektoren, und die gesellschaftlichen Folgen, wenn sich die Anteile dieser Sektoren im Laufe der Zeit nachhaltig verändern

2. Begriffsklärung

2.1. Der Begriff der Dienstleistung

Auch wenn vermutlich jeder den Begriff „Dienstleistung“ bereits gehört hat ist eine wissenschaftliche Definition nicht einfach zu finden:

- Manche Autoren behaupten, dass es offenbar keine unumstrittene Definition dessen gebe, was man unter Dienstleistung verstehen kann.2

- Zunächst muss geklärt werden, wie man Dienstleistung von den anderen Tätigkeiten im Wirtschaftsleben abzugrenzen sind. Oft werden Dienstleistungen negativ definiert, d.h. man beschreibt sie als das was sie nicht sind:

„Dienstleistungen gehören nicht zum primären und sekundären Sektor, sie stellen keine Produkte her und sind nicht für die Gewinnung von Rohstoffen bedeutend.“3

Folgt man einer solchen negativen Definition, so definiert man den

Dienstleistungsbereich als „Rest“, „Abladeplatz“ oder „Müllhalde“4der Arbeitswelt, d.h. den Bereich, der weder dem primären, noch dem sekundären Sektor zugerechnet werden kann.

2.1.1. Sektorale Gliederung:

Die sektorale Gliederung spaltet sich also (nach der Einteilung von Fisher, Clark und Fourastié) in drei Sektoren auf:

- den primären Sektor, der die Landwirtschaft und die Fischerei beinhaltet

- den gesamten Bereich der Industrieproduktion im sekundären Sektor

- sowie eben die Dienstleistungen im tertiären Sektor.

Als problematisch erweist sich dabei, dass man bei der sektoralen Gliederung dem Endprodukt des jeweiligen Betriebes folgt.

Bsp.: So stellt sich die Frage, inwiefern ein Sachbearbeiter in der Personalabteilung eines produktionsorientierten Betriebes zum tertiären Bereich gezählt werden kann.

Er ist einerseits in einem Produktionsunternehmen angestellt, also indirekt auch am Produktionsprozess beteiligt. (Æ sekundärer Sektor).

Seine eigentliche Tätigkeit erfüllt aber eher dienstleistungsbezogene Arbeiten. (Æ tertiärer Sektor).

Der Sachbearbeiter würde also gemäß der Produktionsform seines Betriebes (Produktion) eigentlich im sekundären Sektor arbeiten, obwohl er zweifelsohne dienstleistende Aufgaben innehat.

Bleibt man bei diesem Schema, so lässt sich in den letzten Jahrzehnten eine Verschiebung des Schwerpunktes vom sekundären Sektor zum tertiären erkennen, weil viele Arbeiter wie der Personalsachbearbeiter aus dem Beispiel dadurch zu den Dienstleistern gezählt werden können.

Dies hat laut Häußermann und Siebel seine Gründe in der zunehmenden Rationalisierung im sekundären Bereich, der permanent Arbeitskräfte freisetzt, die im tertiären Sektor neue Arbeit finden.

Dienstleistungen sind nämlich nach Meinung dieser Autoren - im Gegensatz zur Produktion - rationalisierungsresistent.

Erst die von Daniel Bell betriebene Aufteilung des tertiären Bereichs ermöglicht die Rationalisierung innerhalb des ursprünglichen Dienstleistungsbereichs.

Es ist (bis jetzt) nicht möglich, den Dienstleister (Mensch) durch Prozess- oder Produktinnovationen bzw. durch maschinelle Vorgänge zu ersetzen, da tertiäre Elemente in erster Linie durch den direkten Kontakt von Dienstleister und Kunde gekennzeichnet sind. So ist die Tätigkeit des Friseurs wie die vieler anderer Dienstleister noch nicht adäquat durch Maschinen ersetzbar.

Diese Art der Dienstleistungen kann man als konsum- oder personenorientierte Dienstleistungen definieren.

2.1.2. Funktionale Gliederung

Durch die funktionale Gliederung werden die Betriebe nicht nach ihrem Endprodukt bewertet, sondern nach den vorherrschenden Tätigkeiten der Beschäftigten. In diesem Fall wird unser Personalsachbearbeiter also in der Statistik im tertiären Bereich geführt, während der Facharbeiter aus dem gleichen Unternehmen als an der Produktion direkt beteiligt und somit im sekundären Sektor angesiedelt wird. Dieses Beispiel macht auch einen weiteren Aspekt der Dienstleistungsgesellschaft deutlich. Es nimmt nicht nur die Zahl der Dienstleistungsunternehmen zu, auch innerhalb der Unternehmensstrukturen vermehrt sich die Zahl derer, die nicht mehr direkt am Produktionsprozess beteiligt sind. Forschung und Entwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und nicht zuletzt das Human Ressource Management binden immer mehr Arbeitskräfte, während im Produktionsbereich die schon beschriebenen Rationalisierungen zu einem Sinken der Beschäftigtenzahlen führten und führen. Die Tätigkeiten, die diesem Rationalisierungsprozess nicht unterliegen, sondern im Gegenteil immer mehr an Bedeutung gewinnen, werden auch als produktions-orientierte Dienstleistungen beschrieben. Herder- Dorneich sieht den großen Unterschied zu anderen Tätigkeiten darin, dass Dienstleistungen im Wesentlichen durch das ,,uno-actu-Prinzip"5gekennzeichnet sind, der gleichzeitigen Herstellung und Konsumption des Produktes. Es besteht also immer auch ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Dienstleister und seinem Kunden, da dieser nur durch seine - teilweise stillschweigende - Zustimmung zum Gelingen der Handlung beiträgt. Man trennt aus diesem Grund die direkten Dienstleistungen von anderen Beschäftigungen durch mehrere Attribute, die gleichzeitig zu einer Art Definitionsversuch zusammengefasst Dienstleistungen wie folgt beschreiben:

,,Unter Dienstleistungen werden hier also jene Problemlöse-Tätigkeiten verstanden, die es erfordern, dass Dienstleister in face-to-face Interaktionen zu Bedienten treten, mit denen sie nichts weiter verbindet als der Tausch ,,Leistung gegen Geld".6

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dienstleistung ein sehr heterogener Begriff ist, den zu fassen sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist.

Allein durch den Fakt, dass er sich von der reinen Produktion unterscheidet, macht ihn - ökonomisch gesehen - zu einer eigenständigen Tätigkeit.

Dienstleistungen sind in der heutigen Zeit in den fortschrittlichen

Industriestaaten immer mehr auf dem Vormarsch, sei es durch

Auslagerung oder Neugründung von Dienstleistungsunternehmen oder durch Wandel der Beschäftigungsstruktur innerhalb traditioneller Betriebe. Beispiele hierfür gibt es genügend, vor allem das Internet war und ist eine ideale Plattform für Dienstleister. (Suchmaschinen, Auktionsplattformen usw..

Im Zuge dieser Unterscheidung der Ausbreitung spricht man von personen- oder konsumorientierten und produktionsorientierten Dienstleistungen.

2.2. Der Begriff der Dienstleistungsgesellschaft

Nachdem der Begriff der Dienstleistung geklärt ist, kann nun der Begriff der DLG besser zusammengefasst werden.

Als Dienstleistungsgesellschaft werden jene Gesellschaften betitelt, „deren Beschäftigungsstruktur durch einÜbergewicht vonDienstleistungen gekennzeichnet ist."7 Bei der noch etwas vagen Beschreibung eines „Übergewichts“ meinen Häußermann und Siebel dabei, dass mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen ihren Lebensunterhalt mit Dienstleistungen verdienen.

Legt man diese Definition als Maßstab für die Kategorisierung moderner Gesellschaften, so stellt man fest, dass so gut wie alle modernen Gesellschaften auch Dienstleistungsgesellschaften sind.

Bells Ausweitung des tertiären Bereichs wie ihn Fourastié definierte relativiert diese These. Demnach beträgt der Dienstleistungssektor nur einen kleinen Teil des Arbeitsmarktes (s. Punkt 3.3.).

3. Geschichte und Ansätze der DLG

3.1. Die sektorale Abgrenzung der 3-Sektoren bei Fisher, Clark und Fourastié

Grundlegend für die Beschäftigung mit dem Phänomen der Dienstleistungen war die sogenannte Drei-Sektoren-Theorie von Colin Clark im Jahre 1940. Er bezeichnete die Agrarwirtschaft als den ersten Sektor, die Industrieproduktion als zweiten und den tertiären Bereich der Wirtschaft als den dritten Sektor.

Seine Aufteilung folgte der Fishers (1939) und unterschied im Wesentlichen die Sektoren nach dem Grad ihrer Notwendigkeit in der Bevölkerung.

- Die Güter der landwirtschaftlichen Produktion sah er als lebensnotwendig an Æ Die Güter der Industrieproduktion als relativ notwendig Æ Dementsprechend handelte es sich beim dritten, dem tertiären Sektor um den Konsum von nicht unbedingt notwendigen Luxusgütern.

Fourastié dagegen unterschied in seiner „Großen Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ die drei Sektoren nicht nach ihrer konsumptiven Notwendigkeit, sondern nach der Höhe ihrer Produktivitätspotentiale und dem technischen Fortschritt.

- Dem ersten Sektor, der Landwirtschaft, diagnostizierte er eine normale Produktivitätsneigung

- Der Industrieproduktion als zweitem Sektor schrieb er eine sehr hohe Produktivität zu

- Dem dritten Sektor beschrieb er als überhaupt nicht oder nur tangential produktivitätssteigernd.

Folgende Abbildung 1. soll die Entwicklung der Sektoreneinteilung von Fisher bis Fourastié verdeutlichen:

Abb. 1:

Sektoren Abgrenzung der Drei-Sektoren nach Fisher, Clark, und Fourastié

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

( Quelle: http://www.geographie.net/humgeo/sektoren.htm )

3.2. Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts von Jean Fourastié

Der französische Ökonom Jean Fourastié ist es auch, der als ,,Vater der Debatte"8um die Dienstleistungsgesellschaft gilt. Er prognostizierte, dass die Konsumneigung der Menschen sich durch Übersättigung und Wohlstand zum tertiären Sektor hin verändern wird. Genau wie die Menschen vom Land in die Stadt wanderten, weil der Markt für Nahrungsmittel übersättigt war, so werden sie an einem Punkt der Überproduktion der Industrie aufgrund von Produktivitätssteigerungen nach anderen Mitteln suchen, ihre veränderten Bedürfnisse zu befriedigen.

Dadurch steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen, also nach Gütern und Produkten des tertiären Sektors, so dass hier die in der Produktion durch Rationalisierung freigesetzten Arbeitskräfte neue Arbeitspotentiale finden werden.

Dieser ,,Hunger nach Tertiärem"9 fußt auf zwei Annahmen. Erstens sind Dienstleistungen zeitsparend, d.h. sie schaffen eine höhere Effektivität. Der Mensch wird nun nicht mehr seine täglichen Aufgaben selbst erledigen, sondern sie durch Dienstleistungen erbracht wissen. Zweitens folgt aus der allgemeinen Sättigung des Konsums eine Verfeinerung des individuellen Geschmacks, der dazu dient, insbesondere die,,...Differenz zu anderenzu betonen."10

Eine andere Erklärung für die Ausbreitung tertiärer Elemente, insbesondere in den industriellen Einrichtungen, sieht Fourastié in der steigenden Vergeistigung der Arbeit, die durch technischen Fortschritt in der Industrie unverzichtbar wird. Konsequenz wird eine Anhebung des allgemeinen Bildungsgrades und eine Wohlstandssteigerung in der Gesellschaft sein.

„Wenn man nun (zuerst) Fourastiés„Große Hoffnung“auf die Frage hin liest, ob und in welcher Form er sich mit der Dienstleistung befasst hat, so scheint diese für Fourastiéüberraschenderweise völlig nebensächlich und unwichtig zu sein. Fourastiéspricht nur gelegentlich von tertiären Diensten und von einem Dienstleistungsbereich, in der Regel aber von einem„tertiären Sektor.“11

Typische Dienstleistungsbereiche sind nach Fourastié:12

- Handel; Verwaltung; Unterrichtswesen; freie Berufe; viele Handwerksberufe (Friseur...)

- 1951: Transport; Funk- und Fernmeldewesen; Hygiene; Körperpflege;

Gesundheitswesen; Hotels und Gaststätten; priv. Unterricht und Kulturwesen; Autohandel; andere Dienstleistungen; Banken / Versicherungen; Handel; öff. Schulwesen; öff. Verwaltung; häusl. Dienstleistungen

- 1959: öff. Unterricht; Privatunterricht; Kulturwesen; Mediziner und Krankenschwestern; Friseure; Radio, Fernsehen, Film und Sport; häusliche Dienstleistungen.

Dabei fällt auf, dass es sich hierbei hauptsächlich um personenbezogene Dienstleistungen handelt.

Aufgrund seiner Sektoralen Einteilung entwickelte Fourastié folgende Theorie für die Änderung der Beschäftigungsstruktur:13

- Am Anfang der Industrialisierung (Fourastié bezifferte ihn ca. um das Jahr 1800) arbeitet die Masse der Bevölkerung, etwa 80%, im primären Sektor. Der sekundäre und der tertiäre Bereich sind mit jeweils etwa 10% vergleichsweise gering.

- Im Laufe des 19. Jahrhunderts wächst nun der sekundäre Sektor auf Kosten des primären.

- Etwa um das Jahr 1900 erreicht der sekundäre Sektor seinen Höhepunkt mit ca. 40-45% aller Beschäftigten. Danach schrumpft dieser Sektor bis zum Ende des 20 Jahrhunderts wieder auf sein Ausgangsniveau zurück.

- Die dabei verschwindenden Arbeitsplätze werden im tertiären Sektor aufgefangen.

- Zum Abschluss dieses Transformationsprozesses der etwa um das Jahr 1980 taxiert wird sind nach Fourastié 80% der Erwerbstätigen im tertiärem, sowie jeweils 10% im primären und sekundären Sektor tätig.

Diese beschriebene Entwicklung ist in folgendem Diagramm (Abb. 2.) aus Fourastiés „Die große Hoffnung des 20. Jh.“ 1969, S.120f. dargestellt:

3.3. Daniel Bells „Nachindustrielle Gesellschaft“

Etwa 20 Jahre nach Fourastié nimmt sich der amerikanische Soziologe Daniel Bell der Thematik der Dienstleistungsgesellschaft (oder bei ihm Postindustriellen Gesellschaft) an. In seinem 1973 erschienenem Werk: “The Coming of Post-Industrial Society“ geht er auch auf mögliche Zukunftsszenarien ein.

Im Zentrum der Bell´schen Theorie steht auf der einen Seite die

zentrale Stellung des theoretischen Wissens und auf der anderen Seite die schon von Fourastié bekannte Verschiebung von der Produktionsindustrie zur Dienstleistungswirtschaft.14

Für Bell stellt die Dienstleistungsgesellschaft ein „Spiel zwischen Personen“ aufbauend auf „zwischenmenschlichen Beziehungen“15dar. Für Bell stehen also vor allem die personenbezogenen Dienstleistungen im Vordergrund.

Da der Dienstleistungsbereich die herausragende Rolle spielt, er sich jedoch von den Dienstleistungsbereichen der vorindustriellen und der industriellen Gesellschaft unterscheidet, wird er in der nachindustriellen Gesellschaft weiter differenziert, indem BELL ihn in drei einzelne Sektoren unterteilt.16

- Der (neue) tertiäre Sektor wird von den Bereichen Verkehr und Erholung besetzt.

- Den quartären machen die Banken und Versicherungen aus.

- Der quintäre Sektor schließlich bildet sich aus den Bereichen

Gesundheit, Ausbildung, Forschung und Regierung.

Die Idee der post- oder nachindustriellen Gesellschaft stellt die sich wandelnden technologisch - ökonomischen Faktoren der Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen.

Dabei betont DANIEL BELL fünf Komponenten der nachindustriellen Gesellschaft:17

1. Im Bereich der Wirtschaft vollzieht sich ein Übergang von der güterproduzierenden Gesellschaft zur

Dienstleistungsgesellschaft. Mit wachsender Industrialisierung verschiebt sich das Verhältnis der Beschäftigtenzahlen in den Wirtschaftssektoren erst zugunsten des industriellen Sektors und mit weitergehender Entwicklung dann des

Dienstleistungssektors. In der nachindustriellen Gesellschaft ist also die Mehrzahl der Beschäftigten in Dienstleistungsberufen tätig, wobei innerhalb dieses Sektors die Bereiche Gesundheit, Erziehung, Bildung, Forschung und Verwaltung eine besondere Rolle spielen, in denen sich eine neue Intelligenzia ausbildet.

2. Technisch qualifizierte und wissenschaftliche Berufe nehmen eine Vorrangstellung in der Berufsstruktur ein. Zum einen übertrifft die Zahl der Angestellten die der Arbeiter in der nachindustriellen Gesellschaft, zum anderen steigt die Zahl der hochqualifizierten Arbeitskräfte stark an. Eine auch zahlenmäßig besondere Bedeutung kommt den Angestellten mit einer Hochschulausbildung zu, wobei wiederum die Naturwissenschaftler und Ingenieure die größte Rolle spielen.

3. Theoretisches Wissen ist die Quelle18 von Innovationen und der Ausgangspunkt gesellschaftlich - politischer Programmatik. Dieses bildet einaxiales Prinzipder nachindustriellen Gesellschaft. Die Universitäten und Forschungsinstitute entwickeln die Theorien, die, im Gegensatz zu vorangehenden Perioden, in der nachindustriellen Gesellschaft die Grundlage für Entwicklung und Fortschritt bilden.

4. Durch die Planung von technischem Fortschritt soll die

Zukunft bewusst gestaltbar sein. Ausgangspunkt ist dabei das Ziel, ein permanentes Wirtschaftswachstum zu erhalten, um den Lebensstandard zu steigern. Dazu ist eine technologische Weiterentwicklung notwendig, die durch den geplanten Fortschritt garantiert werden soll, wodurch die Beeinflussungsmöglichkeiten auf die wirtschaftliche Entwicklung möglicherweise gesteigert werden. Auch soll die Gefahr, die von Nebenwirkungen des Fortschritts, Folgen zweiter und dritter Ordnung, der Umweltzerstörung, ausgeht, durch vorausschauende Planung gebannt werden.

5. Eine neue intellektuelle Technologie soll geschaffen werden,

die eine Methode darstellt, Systeme von großer Komplexität zu handhaben, indem Probleme mit Hilfe von Regeln anstelle intuitiver Urteile gelöst werden.

Die intellektuelle Technologie definiert rationales Handeln und sucht Mittel zu dessen Umsetzung, wobei gegenintuitive Maßnahmen einfachen Kausalitäten vorgezogen werden. Die nachindustrielle Gesellschaft ist gekennzeichnet von einer gestärkten Rolle der wissenschaftlichen Erkenntnis, was dazu beiträgt, dass Wissenschaftler in den politischen Prozess einbezogen werden. Es entwickelt sich eine bürokratisierte Intelligenz, die in Konflikt geraten kann mit traditionellen geisteswissenschaftlichen Zielen und Werten.

3.4. Vergleich Fourastié - Bell

Setzt man sich mit dem Phänomen Dienstleistung und DLG

auseinander, so tauchen zunächst einmal zwei Namen in diesem

Zusammenhang auf, die bereits Angeführten Jean Fourastié und Daniel Bell. Auch wenn sich viele weitere Wissenschaftler mit diesem Thema beschäftigt haben, stellen die Theorien Fourastiés und Bells die Grundlagen der DLG-Forschung dar.

Es gibt eine Reihe von Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in den Ansätzen dieser beiden Theoretiker:

3.4.1. Gemeinsamkeiten

- Beide Autoren entwerfen19 das Bild einer zukünftigen

Gesellschaft in der der tertiäre Bereich bzw. die

Dienstleistungsproduktion von entscheidender Bedeutung sind.

- Beide interpretieren diese Entwicklung positiv wegen der neuen Qualität der Arbeit in der DLG beim Umgang mit Menschen

-Beide stützen diese qualitativen Aussagen auf quantitative

Prognosen20

3.4.2. Unterschiede

- Bell nutzt den Vorteil, dass er seine Theorie um einige Jahre

später verfasste als Fourastié. Dadurch konnte er auf

Tendenzen eingehen, die für Fourastié noch nicht abzusehen waren.

- Bell teilte den tertiären Sektor (wie Fourastié ihn beschrieb) in drei neue Sektoren auf, wie in Abschnitt 3.3. beschrieben.

- Für Bell übernahm ein anderer Bereich der nichtproduzierenden Abeirtskräfte die Vormachtstellung. Das Theoretische Wissen nimmt in Bells post- oder nachindustriellen Gesellschaft den größten Bereich des Arbeitsmarktes ein.

- Diese (wie Bell sie nennt) „Kopfarbeiter“ wie Z.B. Lehrer, Wissenschaftler Techniker usw. sind die zentralen Personen in Bells Gesellschaft ber der Informationen eine entscheidende Rolle spielen.

4. Schlusswort

Nicht alles, was von den ,,Klassikern" (Fisher / Clark / Fourastié und Bell) der Theorie der DLG prophezeit wurde, bewahrheitete sich. Doch wurde durch diese - positiven wie negativen - Überlegungen eine Diskussion vom Zaun gebrochen, der sich in heutiger Zeit viele Wissenschaftler weder entziehen können noch wollen.

Zweifellos stellt die Dienstleistungsgesellschaft einen wesentlichen Bestandteil moderner Gesellschaften dar. Neben ihr gibt es aber auch noch eine Reihe weiterer Gesellschaftstypen (Risikogesellschaft, Informationsgesellschaft, Spaßgesellschaft usw.). Keine moderne Gesellschaft kann von sich behaupten, eine reine DLG zu sein, weil sich z.B. der Begriff DLG vorwiegend auf die Erwerbstätigkeit bezieht.

Insofern muss man trotzdem bilanzieren, dass alle „modernen“

Gesellschaften in nicht unerheblichen Umfang durch die Expansion des tertiären Sektors beeinflusst wurden und noch immer werden.

Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich im neuen Jahrtausend die Rolle der Dienstleistung in unserer Gesellschaft entwickeln wird. Sicherlich wird sie unser Leben noch lange beeinflussen, auch wenn das Problem der Finanzierung der von uns geschätzten Dienstleistungen wie ein Damoklesschwert über uns schwebt.

5. Literatur

Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg 1979 Daniel Bell: Die nachindustrielle Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg 1979

Der Spiegel, Ausgabe 1/98

Fourastié, Jean (1954): Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts. Köln 1969

Gross Peter (1983): Die Verheißungen der Dienstleistungsgesellschaft, Westdeutscher Verlag

Häußermann/Siebel (1995): Dienstleistungsgesellschaften; Frankfurt; Suhrkamp

Internet: http://www.geographie.net/humgeo/sektoren.htm

Nerdinger, Friedemann W. (1994): Zur Psychologie der

Dienstleistung: theoretische und empirische Studien zu einem

wirtschaftspsychologischen Forschungsfeld. Stuttgart: SchäfferPoeschel

[...]


1 Jürgen Rüttgers (1998) in: Der Spiegel, Ausgabe 1/98 s. 54 f.

2vgl. Gross, Peter, 1983, S.13.

3Häußermann/Siebel, 1995.

4vgl. Gross, Peter, 1983 S.7.

5vgl. Gross, Peter (1983) S.15.

6 Nerdinger, Friedemann W. (1994), S.54.

7Häußermann/Siebel (1995), S. 21.

8Häußermann/Siebel (1995), S.29

9Jean Fourastié, 1954

10ebd. S.32.

11Gross, Peter (1983) S.19f

12ebd. S. 22.

13Vgl. Gross, Peter (1983) S. 20

14vgl. Gross, Peter (1983), S. 24.

15Ebd. S. 24.

16Bell, Daniel (1979) S.114.

17 Bell, Daniel (1979), S. 29f.

18 Bell, Daniel (1979) S. 145

19vgl. Gross, Peter (1983) S. 26

20vgl. Fourastié, Jean (1969), S.124, Tab.23

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Theorien der Dienstleistungsgesellschaft
Hochschule
Universität Passau
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V105826
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien, Dienstleistungsgesellschaft
Arbeit zitieren
Thomas Janotta (Autor), 2001, Theorien der Dienstleistungsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105826

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