Parteiaffinität der Bürger


Hausarbeit, 2001

12 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Politische Parteien in der Schweiz am Ende?

2. Parteiaffinität unter sozialisationstheoretischer Perspektive
2.1 Strukturfunktionalistische Sozialisationstheorie
2.2. Relevanz für die Fragestellung

3. Parteiaffinität unter Rational Choice - Perspektive
3.1 Motivation des Parteihandelns, Medianwählertheorem und Trittbrettfahrerei
3.2. Relevanz für die Fragestellung

4. Grundthese und Hypothesen

5. Gesamtbeurteilung und Ausblick

6. Literatur

1. Politische Parteien in der Schweiz am Ende?

Eine aktive Teilnahme der Bürger am politischen Geschehen eines Staates ist für die Aufrechterhaltung einer Demokratie nicht nur ein normatives Postulat, sondern eine Notwendigkeit, die tatsächlich einzulösen ist, da aus der Gesellschaft immer wieder politische Amtsträger rekrutiert werden müssen, um das politische System überhaupt aufrecht erhalten zu können. Als Mitglieder von Parteien, Verbänden oder Interessengruppen formen diese Akteure die Politik mit.

Es zeigt sich allerdings seit längerem eine Politikverdrossenheit sowie eine Entfremdung von Politik, die es ungemein erschwert, Bürger für Politik zu begeistern und zu mobilisieren. Offenbar ist der Mensch doch nicht ein politisches Lebewesen, wie Hannah Arendt (1981: 33ff.) aus ihren Überlegungen über das Zusammenleben in Gesellschaften schliesst. Zumindest befinden sich politische Parteien in der Schweiz in einer Phase der Stagnation, was schwindende Mitgliederzahlen oder das Wechselwähler-Phänomen verdeutlichen und Zuspitzung in der mangelnden Durchschlagskraft in der politischen Agenda findet.

Um diese Problemlage zu erfassen und Empfehlungen zu Gegenmassnahmen zu finden, hat das Bundesamt für Kultur in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) einenForschungswettbewerbmit dem Titel „Politische Parteien in der Schweiz am Ende?“ ausgeschrieben. Die vorliegende Skizze stellt eine Projekteingabe für dieses Forschungsprogramm dar. Der Beitrag schlägt vor, die Motive und Beweggründe von Bürgern für aktives Engagement in Parteien zu erforschen. Dies soll mit Hilfe einer Befragungvon Partei- und Nicht- Parteimitgliedern erfolgen. Erfasst werden sollen die politische Tätigkeit, die individuellen Einstellungen zur Politik, die politische Sozialisation und das Interesse an Politik, die Akzeptanz des mit dem politischen Engagement verbundenen Arbeits- und Informationsaufwandes sowie die Einschätzung und Beurteilung der Wirksamkeit politischen Engagements.Zielist es, aus dem Vergleich von Partei- und Nicht- Parteimitgliedern einen Schluss bezüglich der Motivation für politisches Engagement zu ziehen. DieFragestellung ist diesbezüglich, ob politisch aktive Bürger einen unterschiedlichen Sozialisationsprozess durchlaufen haben und ob ein Zusammenhang mit einer unterschiedlichen Einschätzung von Politik aufgezeigt werden kann.

Austheoretischer Perspektivemacht es Sinn, die Fragestellung aus sozialisationstheoretischer Sicht und mit Hilfe des Rational-Choice-Ansatzes anzugehen. Die Sozialisationstheorie kann insbesondere politische Werte, Normen und Einstellungen von Bürgern erklären, während Rational Choice die Rationalität und Ökonomie des menschlichen Handelns durchleuchtet.

Die Sozialisationstheorie erfasst somit dieGrundhaltungbzw. Einstellungzur Politik als Produkt des Sozialisationsprozesses, während Rational Choice auf individuellen Entscheidungssituationenaufbaut. Zu vermuten ist, dass diese beiden Elemente miteinander interagieren.

Deshalb werden in einem ersten Schritt die beiden Ansätze und ihre Erklärungskraft für die dargestellte Forschungsfrage vorgestellt (Kapitel 2 und 3). In einem zweiten Schritt wird aufzuzeigen versucht, wie sie sich in einer empirischen Studie ergänzen können. Dieser Versuch endet in der Formulierung dreier forschungsleitender Hypothesen (Kapitel 4). Ein abschliessender Ausblick (Kapitel 5) diskutiert die erwartbaren Resultate der empirischen Untersuchung sowie deren begrenzte Aussagekraft, die in der ihr zugrunde liegenden Theorien inhärent ist.

2. Parteiaffinität unter sozialisationstheoretischer Perspektive

Sozialisation beschreibt den Prozess der Anpassung und des Hineinwachsens eines Individuums oder Gruppen in soziokulturelle Normen. Dabei werden offene und verdeckte Werte, Rollen, Ideologien, Verhaltensweisen und Überzeugungen der Gesellschaft oder eines ihrer sozialen Subsysteme einerseits gelernt und übernommen, andererseits auf andere übertragen und zwischen Gruppen, Institutionen und Organisationen ausgetauscht. Oft wird auch der BegriffInternalisierungverwendet, wenn Normen nach dem Erwerb als „eigen“ erlebt werden, also internalisiert sind. (Süss 1998: 284f) Sie werden dann zu „selbstwirksamen Motivierungskräften und Zielen für das eigene Handeln eines Menschen.“ (Hurrelmann 2001: 42) Die Wertorientierungen sind also Antrieb des individuellen Handelns. Nachfolgend soll hauptsächlich die systemtheoretische Perspektive der Sozialisation zum Zuge kommen, wie sie bei Talcott Parsons Anwendung gefunden hat. In einem Zweischritt wird erst die strukturfunktionalistische Sozialisationstheorie vorgestellt und dann erörtert, wie sie sich auf die konkrete Problemstellung anwenden lässt.

2.1 Strukturfunktionalistische Sozialisationstheorie

Die strukturfunktionalistische Richtung der Sozialisationsforschung eignet sich besonders für die Fragestellung, weil sie Beziehungen zwischen Individuen und Gesellschaft bzw. ihrer Systeme aufzeichnet und berücksichtigt, dass zahlreiche Systeme - darunter das politische System selbst - als Sozialisatoren auf Individuen einwirken. Die Stärke der funktionalistischen Systemtheorie liegt also darin, „die Mikroperspektive der individuellpsychischen Dynamik und die Makroperspektive gesellschaftlicher Sozialstrukturen in eine Synthese zu bringen.“ (Hurrelmann 2001: 41)

Für Parsons muss Sozialisation die Fähigkeit und Bereitschaft zum Handeln inRollen vermitteln. (Baumgart et al. 2000: 83) Dieses Konzept der Rollen ist für Parsons von grosser Bedeutung. Zum einen, weil nach seiner Meinung ein Individuum in seiner Sozialisationsgeschichte „eine Hierarchie unterschiedlich strukturierter und sich zunehmend differenzierter Rollenbeziehungen“ durchläuft. (Hurrelmann 2001: 43) Noch wichtiger ist der Begriff aber, weil das Rollenhandeln das psychische System mit der sozialen Struktur verknüpft, gewissermassen einen Schnittpunkt zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft herstellt. Denn der Handelnde ist immer in verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen eingebunden, in denen die Rolle in systemischer Perspektive ein erstes ordnendes Element der sozialen Struktur darstellt, in der Perspektive des Handelnden normative Erwartungen an andere Personen beinhaltet. (Baumgart et al. 2000: 91)

Die Einbettung der Sozialisation in die strukturfunktionalistische Theorie hat noch eine weitere Konsequenz: Der Fortbestand eines Systems hängt nach Parsons vor allem davon ab, wie gut die Handlungen einzelner Gesellschaftsmitglieder mit den funktionalen Anforderungen der gesellschaftlichen (Teil-)Systeme harmonieren. Sozialisation wird damit zu einem gleichgewichtsstabilisierenden Mechanismus. Parsons konzentriert sich nämlich vor allem auf die internen Voraussetzungen für die Stabilität von Gesellschaftssystemen und macht den Selbsterhaltungstrieb von Gesellschaften zum Ausgangspunkt. Die Frage nach der Stabilität in sozialen Systemen führt Parsons Ansatz somit in eine Theorie der Integration über, in der Sozialisationsprozesse konsequenterweise eine entscheidende Rolle spielen müssen. (Baumgart et al. 2000: 81ff; Hurrelmann 2001: 43) Somit ist nach der systemtheoretischen Perspektive „politische Sozialisation ein Erfordernis für die Systemerhaltung, den Systemwandel und die Anpassung des Systems an (veränderte) Umwelten“. (Schulz 1997: 108) Politische Sozialisation spielt also eine entscheidende Rolle in der Erhaltung der Parteien, welche wiederum ihren Beitrag zum Erhalt des politischen Systems leisten.

2.2. Relevanz für die Fragestellung

Es lässt sich also schliessen, dass Parteien als politische Institutionen stabile Beziehungsmuster herstellen und stützen (vgl. (Baumgart et al. 2000: 91), und selbst wiederum nur bei einem Mindestmass bürgerlicher Beteiligung stabil sind. Gerade letztere Erkenntnis ist für die Erforschung von Motiven und Beweggründen für ein Engagement in Parteien relevant.

In einer Befragung von Partei- und Nicht-Parteimitgliedern lohnt es sich deshalb, Wertorientierungen, Motivierungskräfte, Normen und Handlungsmodelle zu erfassen. Speziell von Interesse sind die Rollenbeziehungen, die sich zwischen den Sozialisanden und den Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule, Peer Groups und Arbeitsplatz, aber auch nicht-interpersonellen Instanzen wie den Massenmedien oder dem politischen und wirtschaftlichen System, ergeben (haben). Hier werden spezifische Erwartungen und Normen aufgebaut, die das Wissen über politische Institutionen, politische Überzeugungen, Verhaltensnormen, politisches Lernen, Entwicklung der Systemunterstützung, Herausbildung von Parteiorientierungen usw. mitformen. (vgl. Schulz 1997: 35; 107ff.) Von grosser Tragweite werden auch sozioökonomische Variablen wie Bildungsgrad, Einkommen oder Wohlstand sein. Selbst soziodemographische Variablen (Geschlecht, Alter, Herkunft etc.) werden eine Rolle spielen, auch wenn der Effekt des politischen Interesses von grösserer Bedeutung sein dürfte. (Schulz 1997: 122)

3. Parteiaffinität unter Rational Choice - Perspektive

Ein weiterer - wie sich später zeigen wird, ergänzender - Ansatz ist die Politische Ökonomie, die auch mit dem Begriff Rational Choice gleichgesetzt werden kann. Sie fokussiert zu einem grossen Teil auf das Wahl- und Abstimmverhalten von Bürgern (z.B. Downs 1968; Frey/Kirchgässner 1993; Baurmann/Kliemt 1993), lässt sich aber auch auf die MitgliederRekrutierung von Parteien und weitere Problemstellungen anwenden.

Die Rational Choice - Perspektive ist in der Lage, Entscheidungen von Individuen zu erklären. Der sogenannte methodologische Individualismus begreift das Individuum als kleinste Analyseeinheit und geht davon aus, dass soziale Phänomene das Resultat der Entscheidungen, Handlungen, Einstellungen und des Verhaltens Einzelner sind. (Behrends 2001: 5) Zentral ist die Aussage, dass der Mensch als homo oeconomicus sein Handeln von Zweckmässigkeitsüberlegungen leiten lässt. Aus dieser Sicht wird das Eigennutz-Axiom formuliert, das den Menschen als Nutzenmaximierer sieht. Er zeigt ein „rationales Verhalten, dem primär eigennützige Absichten zugrunde liegen.“ (Downs 1968: 26)

Dieses nutzenmaximierende Denken bestimmt auch die individuellen Präferenzen, aufgrund deren Entscheidungen getroffen werden. Moralische oder ethische Komponenten sind untergeordnet. (Frey/Kirchgässner 1993: 134)

Nach dieser knappen Schilderung der wichtigsten Prämissen der Politischen Ökonomie wird nun auf jene Aspekte eingegangen, die einen Beitrag für die Untersuchung leisten können. Fruchtbar ist vor allem die Argumentation, mit welchen Interessen Parteien bzw. Parteienmitglieder agieren sowie die Erläuterungen zur Stimmenthaltung vieler Bürger, die sich auch als Erklärung für Parteiabstinenz anwenden lässt.

Nach der Darlegung dieser Elemente der Theorie der Politischen Ökonomie wird wie bereits zuvor bei der Sozialisationstheorie auf den praktischen Wert der Erkenntnisse für die Untersuchung eingegangen.

3.1 Motivation des Parteihandelns, Medianwählertheorem und Trittbrettfahrerei

Der Rational-Choice Ansatz ist in der Lage, sowohl die Motivation für politische Beteiligung als auch das Desinteresse an politischem Handeln aufzuzeigen.

DieMotivation, der politische Aktionen entspringen, ergibt sich aus dem Eigennutz-Axiom. Nach Downs (1968: 27ff.) streben Politiker nicht in erster Linie ein öffentliches Amt an, um politische Konzepte zu verwirklichen, sondern um Vorteile zu geniessen, die ihnen dieses Amt eröffnet. Die politischen Konzepte dienen lediglich dazu, die Gunst der Wähler zu gewinnen. Die Wahrnehmung sozialer Aufgaben wird damit zum Nebenprodukt privater Ambitionen.

Ebenso lässt sich der Entscheid, sich nicht politisch zu betätigen, mit der Politischen Ökonomie und ihren Weiterentwicklungen erklären. Von Interesse ist hier das sogenannte Parteidifferential, das Wähler erstellen, wenn sie einen Vergleich des erwarteten Nutzeneinkommens ziehen, welches ihnen die verschiedenen Parteien liefern können. (Downs 1968: 37) Dieses fällt sehr häufig indifferent aus, d.h. ein klarer Unterschied zwischen den Parteien ist nicht einfach zu erkennen. Der Grund dafür liegt darin, dass sich alle Parteien den Wählerpräferenzen des Zentrums annähern, um so ihre Wählerstimmen maximieren zu können. Wenn ihr politisches Programm näher beim Median der Wählerpräferenzen liegt, gewinnen sie nämlich mehr Stimmen, als wenn sie auf Aussenpositionen verharren. (Behrends 2001: 30)

Dieses Phänomen wirdMedianwählertheorem genannt. Aus ihm ergeben sich schwerwiegende Konsequenzen, die in der Literatur unter dem Begriff „paradox’ of voting“ geführt werden. Denn gerade weil das Parteidifferential null ist, also kein tatsächlicher Unterschied zwischen den Parteien ersichtlich ist, kann sich der Wähler nicht in seiner Position festlegen und enthält letztlich seine Stimme. Mit diesem „first paradox of voting“ lässt sich politisches Abseitsstehen erklären, weniger hingegen, weshalb Staatsbürger trotzdem an Entscheidungsfindungsprozessen teilnehmen. (Vatter 1994: 329)

Die zweite Konsequenz betrifft die Kosten (Zeit- und Opportunitätskosten) der Wahlteilnahme, die „grundsätzlich immer höher sind als der Erwartungswert des Nutzens aus der Wahlteilnahme“. (Vatter 1994. 330) Um den geringfügigen Unterschied zu erkennen, der zwischen den Parteien trotz der Annäherung an den Medianwähler bestehen mag, müsste der Wähler vollständig informiert sein. Ungewissheit und Mangel an Informationen dürften aber weit häufiger sein als die Idealsituation der vollständigen Informiertheit. (Downs 1968: 44) Und nicht zuletzt haben die Bürger kaum Anreize, sich zu informieren, weil der rationale Wähler weiss, dass seine einzelne Stimme keinen Einfluss auf den Ausgang einer Entscheidung haben kann. (Frey/Kirchgässner 1993: 143) Dieses „second paradox of voting“, von Baurmann/Kliemt (1993: 163) auch als „Schleier der individuellen Insignifikanz“ bezeichnet, verdeutlicht also, dass der Wahlakt eine irrationale Handlung verkörpert. Downs (1968: 240) selbst weist darauf hin, dass gutes Informieren zwar rational aus kollektiver Sicht, vom individuellen Standpunkt jedoch sehr irrational ist. Auch hier liegt das Paradox in der Tatsache begründet, dass trotz diesen Umständen bestimmte Bürgersegmente die Kosten auf sich nehmen. (Vatter 1994: 330)

Letztlich gilt es auch noch auf den Begriff des „Trittbrettfahrens“ hinzuweisen, der von Olson geprägt worden ist. Da die in der Politik hergestellten und verwalteten kollektiven bzw. öffentlichen Güter ohnehin jedem zukommen, ist es für den einzelnen Bürger nicht ersichtlich, weshalb gerade er einen Beitrag dazu leisten soll. Schliesslich ist es für ihn rationaler, passiv als Trittbrettfahrer von solchen Gütern zu profitieren als einen aktiven Beitrag zu deren Erstellung zu leisten. (Behrends 2001: 53f.)

3.2. Relevanz für die Fragestellung

Die Überlegungen des Rational Choice-Ansatzes bezüglich des Wahlverhaltens werden sich ohne weiteres auf die Bürgerbeteiligung in Parteien übertragen lassen. So können sie eine Aussage machen über Gratifikationen, die sich ein Parteimitglied von einem Amt verspricht, über sein Interesse an der Politik selbst und an der Verwirklichung politischer Konzepte. Auch lassen sich Schlüsse für die politische Passivität ziehen. Die Informationskosten, die bei einer aktiven Parteimitgliedschaft erbracht werden müssten, um in der Politik mitgestalten zu können, sind zu gross. Und weil nach Downs Argumentation die meisten Parteien ihre Anhänger in der Mitte des Präferenzenspektrums abholen, ist es kaum möglich, sich mit einer Partei zu identifizieren, geschweige denn, einer beizutreten. Interessant wäre hier zu wissen, ob bzw. wie unterschiedlich Parteimitglieder und Nicht-Parteimitglieder die Parteienlandschaft und die verschiedenen politischen Positionen wahrnehmen und wie hoch die Akzeptanz zur Informationsbeschaffung ist. Genau so aufschlussreich wäre es, bei beiden Gruppen die Bereitschaft zu untersuchen, sich für ein kollektives Gut einzusetzen oder die Beurteilung der Wirksamkeit politischen Engagements zu erfassen.

4. Grundthese und Hypothesen

Sowohl der Rational Choice-Ansatz als auch die Sozialisationstheorie können also Aussagen über die politische Aktivität der Bürger machen. Es kann sogar verdeutlicht werden, dass eine kombinierte Anwendung der Theorien Sinn macht. So kann insbesondere die Sozialisationstheorie einige Mängel des Rational Choice-Ansatzes beheben. Letzterer vermag nämlich nur schwer zu erklären, weshalb sich in der Schweiz trotz der Irrationalität des Wählens dennoch viele Bürger politisch informieren und regelmässig 30-40% ihre Stimme abgeben - geschweige denn, wodurch sich jene Bürger auszeichnen, die sich dennoch in Parteien betätigen (paradox of voting). Die Sozialisationstheorie vermag hier den Sozialisation-Begriff als mitentscheidende Variable für ökonomisches Verhalten einführen. MeineTheseist, dass rationales Verhalten nicht jeden mit derselben Intensität antreibt, sondern je nach politischer Sozialisation unterschiedlich ausgeprägt ist. Dies soll in der nachfolgenden Formulierung der Hypothesen zum Ausdruck kommen. Dabei beziehen sich die ersten beiden Hypothesen auf je einen der vorgestellten Ansätze, während die dritte Hypothese den Zusammenhang zwischen den beiden Theoriesträngen aufzeigt und die These zu stützen versucht. Hypothese 1 (H1):Nicht-Parteimitglieder sind weniger politisch sozialisiert alsParteimitglieder.

Sollte sich der Wahrheitsgehalt dieser Hypothese erhärten, gilt es anschliessend, das rationale Verhalten von Partei- bzw. Nicht-Parteimitgliedern zu überprüfen.

Hypothese 2 (H2):Parteimitglieder sind eher bereit, sich politisch zu informieren und zuengagieren als Nicht-Parteimitglieder.

Sollte auch hier eine positive Korrelation erkennbar sein, wären in einem letzen Schritt die ersten beiden Hypothesen - und damit die vorgestellten Theorien - folgendermassen zusammenzuführen:

Hypothese 3 (H3):Eine politisch stark sozialisiere Person ist eher bereit, sich politisch zuinformieren/engagieren und zeigt stärkeres Interesse an (persönlichen) Gratifikationen, dieaus einem politischen Amt resultieren.

Diese Hypothese verdeutlicht, dass der Grad der politischen Sozialisation ausschlaggebend für individuelle Entscheidungsfindungen sind.

5. Gesamtbeurteilung und Ausblick

Die Kombination der beiden Theorien vermag - wie bereits erwähnt - zumindest teilweise die Kritik am methodologischen Individualismus aufzuheben. Die Sozialisationstheorie fügt der individuenzentrierten eine soziale Komponente hinzu. So formen Sozialisationsprozesse beispielsweise individuelle Präferenzen mit. Dieser Verdienst der Parsons’schen Theorie, die eine Brücke zwischen Mikro- und Makro-Perspektive schlägt, ist bereits gewürdigt worden. Obendrein kann die Sozialisationsperspektive das strikt auf Nutzenmaximierung orientierte Handeln relativieren, auch altruistisches Verhalten erklären und die paradox of voting zumindest ansatzweise auflösen.

Trotzdem bleiben bezüglich der Forschungsfrage einige Punkte unklar. Insbesondere die

strukturfunktionalistische Sozialisationstheorie argumentiert mit einer statischen Gesellschaft und passiven Individuen. Sozialisation sieht Parsons als Vergesellschaftung, bei der sich die fertige Persönlichkeit als Spiegelbild der Sozialstruktur präsentiert. Sozialisation wird somit unter einer Stimulus-Response-Prämisse als einseitiger Prozess der Rollenaneignung verstanden. Der Mensch wird nicht als (inter)aktiver und kreativer Erschliesser und Gestalter seiner Umwelt verstanden wie z.B. bei Mead. (Hurrelmann 2001: 44) Und Parsons Beschreibung der sozialen Struktur als statisch ermöglicht lediglich eine Momentaufnahme der Gesellschaft, die dem Prozesscharakter der Sozialisation nicht gerecht wird. (Baumgart et al. 2000: 90) Das Erfassen der ohnehin schon flüchtigen Sozialisationsprozesse und -effekte wird dadurch nicht vereinfacht.

Trotz diesen Restriktionen sind aber brauchbare Forschungsresultate zu erwarten. Die möglichen Ergebnisse zu Hypothese 1 und 2 lassen sich idealtypisch festlegen und in einer Matrix aufzeichnen. (Tabelle 1)

Tabelle 1: Parteimitgliedschaft und Parteimitgliedschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu vermuten ist, dass bei den ersten beiden Hypothesen vor allem die Zellen (1) und (4) überproportionale Werte aufweisen. Ähnlich dürfte die Verteilung bei den idealtypischen Ausprägungen der Hypothese 3 sein (Tabelle 2). Erstaunen mag dies wenig, denn wenn die Hypothesen 1 und 2 gestärkt werden können, hat dies auch wesentliche Auswirkungen auf Hypothese 3.

Die tendenzielle Voraussehbarkeit der Ergebnisse soll indessen nicht über die Notwendigkeit dieser Untersuchung hinwegtäuschen. Insbesondere die Detailauswertungen bezüglich Motivationen und Beweggründe für aktives Parteihandeln dürften sehr aufschlussreich sein.

Tabelle 2: Korrelation zw. politischer Politische Sozialisation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sie können beispielsweise aufzeigen, wo Mängel in der politischen Sozialisation vorhanden, welche Sozialisationsinstanzen besonders wichtig für die politische Bildung und welche in Zukunft vermehrt zu berücksichtigen sind. Unter anderem kann auch aufgezeigt werden, wie stark die Bürger gewillt sind, sich politisch zu informieren und welche Informationsstrategien Parteien (wie auch andere politische Institutionen) anwenden können, um die Beschaffungskosten möglichst gering zu halten.

6. Literatur

Arendt, Hannah (1981): Vita activa oder vom tätigen Leben. München / Zürich.

Baumgart, Franzjörg et al. (2000): Talcott Parsons - Handeln in gesellschaftlichen Systemen. In: Baumgart, Franzjörg (Hg.): Theorien der Sozialisation. Bad Heilbrunn, S. 81-116.

Baurmann, Michael / Kliemt, Hartmut (1993): Volksabstimmungen, Verhandlungen und der Schleier der Insignifikanz. In: Analyse&Kritik 15, S. 150-167.

Behrends, Sylke (2001): Neue Politische Ökonomie. München.

Downs, Anthony (1968): Ökonomische Theorie der Demokratie. Tübingen.

Frey, Bruno S. / Kirchgässner, Gebhard (1993): Diskursethik, Politische Ökonomie und Volksabstimmungen. In: Analyse&Kritik 15, S. 129-149.

Hurrelmann, Klaus (2001): Psychologische und soziologische Theorien der Sozialisation. In: Hurrelmann, Klaus (Hg.): Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim / Basel, S. 13-61.

Schulz, Winfried (1997): Politische Kommunikation. Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer

Forschung. Opladen / Wiesbaden.

Süss, Daniel (1998): Sozialisation durch Medien-Kulturkommunikation. In: Publizistik 43, Nr.2, S.284-298. Vatter, Adrian (1994): Eigennutz als Grundmaxime in der Politik? Bern / Stuttgart / Wien.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Parteiaffinität der Bürger
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Proseminar: Theorien der Innenpolitik / Vergleichenden Politik, Prof. S. Hardmeier
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V105834
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Motive und Beweggründe für / gegen ein Engagement in Parteien - erklärt mit Hilfe der strukturfunktionalistischen Sozialisationstheorie (Parsons) und dem Rational Choice Ansatz (Downs)
Schlagworte
Parteiaffinität, Bürger, Proseminar, Theorien, Innenpolitik, Vergleichenden, Politik, Prof, Hardmeier
Arbeit zitieren
Michel Wenzler (Autor), 2001, Parteiaffinität der Bürger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105834

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