Um das eigene Verhalten und das seiner Mitmenschen verstehen, vorhersagen und kontrollieren zu können, verwenden Menschen unterschiedliche Erklärungsmuster, kognitive Schemata. Kognitive Schemata sind generalisierte Muster von Zusammenhängen zwischen Merkmalen und Eigenschaften z.B. unserer (sozialen) Umwelt oder auch unserer Person. Ein wesentliches Grundmuster, das sich auf soziales Verhalten bezieht, ist die Art und Weise, wie ein Individuum bestimmten sozialen Ereignissen Ursachen zuschreibt, die Kausalattribution von Verhalten.
Kelley beschäftigte sich mit der Frage, welche Informationen zur Kausalattribution verwendet werden können. Er geht davon aus, "daß der Alltagsmensch sich hier auf einer wenig bewußten und intuitiven Ebene prinzipiell derselben Verfahren bedient, wie es Wissenschaftler tun." (Sämmer, 1999, online im Internet) "It is proposed that our theory of attribution must be grounded in view of the layman as an "applied scientist (…)." (Kelley zitiert in Pruitt & Insko, 1980, S.53)
Dabei unterscheidet er zwei Prinzipien, die in unterschiedlichen Modellen berücksichtigt werden:
1. Die Kovariation zwischen einem beobachteten Effekt und seinen möglichen Ursachen bei Vorliegen und tatsächlicher Nutzung umfassender Informationen (datengeleitete Attribution);
2. Die Konfiguration, bei der der Beobachter nur wenige Informationen besitzt, nicht motivier ist oder über zu wenig Zeit verfügt (theoriegeleitete Attribution).
Das Kovarianzmodell geht davon aus, dass die Attribution eines gegebenen Verhaltens von drei Informationsitems abhängig ist:
1. Konsensus (consesus): Löst ein bestimmter Stimulus das gleiche Verhalten in jeder Person, die mit ihm in Berührung kommt, aus? (Generalisierung über Personen)
2. Distinktheit (distinctiveness): Tritt das Verhalten nur auf, wenn ein bestimmter Reiz gegeben ist? (Generalsierung über Stimulus)
3. Konsistenz (consistency): Tritt das selbe Verhalten egal wann und wie der Stimulus dargeboten wird? (Generalsierung über Zeit und Umstand)
(vgl. Zuckermann, 1978, S.648)
Die Kovarianzanalyse der Handlungsursachen setzt also vielfältige Informationen voraus. In vielen Alltagssituationen liegen diese aber nicht vor, oder man hat keine Muße, sie zusammenzuholen und zu analysieren. Bei unvollständigen Informationen hilft man sich, wie Kelley dargelegt hat, mit Konfigurationskonzepten über das Zusammenwirken verschiedener Ursachen, den sog. kausalen Schemata. (vgl. Heckhausen, 1989, S.406/407)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kausale Schemata
2.1 Schema multipler notwendiger Ursachen
2.2 Schema multipler hinreichender Ursachen
2.3 Anwendung
3. Attributionsprinzipien
3.1. Abwertungsprinzip (discounting principle)
3.2. Aufwertungsprinzip (augmentation principle)
4. Transfer zur Praxis
5. Kritik
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit befasst sich mit der Theorie der kausalen Schemata nach Harold H. Kelley und untersucht, wie Menschen bei unvollständigen Informationen intuitive Erklärungen für soziales Verhalten finden und nutzen. Das zentrale Ziel ist es, die Funktionsweise dieser Schemata sowie die damit verknüpften Attributionsprinzipien zu erläutern und ihre Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis aufzuzeigen.
- Grundlagen der Kausalattribution und kognitive Schemata
- Differenzierung zwischen notwendigen und hinreichenden Ursachen
- Die Wirkungsweise von Abwertungs- und Aufwertungsprinzipien
- Praktische Anwendungsfelder, insbesondere in der Personalauswahl und Werbung
- Kritische Reflexion der empirischen Fundierung des Modells
Auszug aus dem Buch
2. Kausale Schemata
Kausale Schemata sind „aus Erfahrungen entwickelte, vorgefertigte Meinungen, Vorannahmen und vielleicht sogar Theorien darüber, wie bestimmte Ursachen miteinander interagieren, um den jeweiligen Effekt zu erzielen“. (Hewstone & Fincham in: Stroebe, Hewstone, Stephenson, 1996, S.184) Sie sind also „allgemeine Regeln, welche Ursachen und Wirkungen zueinander in Beziehung setzen“. (Weiner, 1994, S.229)
Diese Regeln werden aus frühen Erfahrungen abstrahiert und dann von geeigneten Umweltreizen aktiviert und ermöglichen so der Person, kausale Schlussfolgerungen auch in solchen Situationen zu tätigen, in denen die verfügbare Information begrenzt ist, bzw. die Person zu einer ausführlichen Analyse nicht bereit ist. (vgl. Fischer, Wiswede, 2002, S.294)
Es wird angenommen, dass Urteiler, sobald sich die Frage nach den Ursachen eines Ereignisses stellt, aus den ihnen verfügbaren problem- und situationsspezifischen Schemata Kausalhypothesen – jede mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit – ableiten. Diese Hypothesen lenken die Informationssuche und ersetzen gegebenenfalls fehlende Beobachtungen aktueller Kovariation. (vgl. Liebhart in Görlitz, Meyer & Weiner, 1978, S.125f)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Grundlagen der Kausalattribution ein und erläutert Kelleys Ansatz, den Alltagsmenschen als intuitiven Wissenschaftler zu betrachten.
2. Kausale Schemata: Es werden die theoretischen Hintergründe von kausalen Schemata sowie deren Bedeutung für die Informationsverarbeitung bei unvollständiger Datenlage beschrieben.
2.1 Schema multipler notwendiger Ursachen: Das Kapitel definiert Schemata, bei denen alle förderlichen Faktoren gleichzeitig vorhanden sein müssen, um eine Wirkung zu erzielen.
2.2 Schema multipler hinreichender Ursachen: Hier wird erklärt, wie bei diesem Schematyp eine einzelne Ursache bereits ausreicht, um ein bestimmtes Ergebnis zu produzieren.
2.3 Anwendung: Dieser Abschnitt thematisiert, unter welchen Bedingungen (extreme vs. typische Ereignisse) Menschen zu welcher Art der kausalen Schlussfolgerung neigen.
3. Attributionsprinzipien: Es wird die Verbindung zwischen kausalen Schemata und der Entstehung systematischer Attributionsfehler hergestellt.
3.1. Abwertungsprinzip (discounting principle): Dieses Kapitel erläutert, warum die Bedeutung einzelner Ursachen gemindert wird, wenn weitere plausible Erklärungen vorliegen.
3.2. Aufwertungsprinzip (augmentation principle): Es wird dargelegt, warum eine Ursache höher bewertet wird, wenn ihr hinderliche Umstände entgegenstehen.
4. Transfer zur Praxis: Dieser Teil beleuchtet die praktische Relevanz des Modells in Bereichen wie der Personalauswahl und der Werbepsychologie.
5. Kritik: Das abschließende Kapitel setzt sich kritisch mit der empirischen Belegbarkeit und der Künstlichkeit der bisherigen Laborforschung zu diesem Thema auseinander.
Schlüsselwörter
Attributionstheorie, Kausale Schemata, Kausalattribution, Harold Kelley, Kovarianzmodell, Abwertungsprinzip, Aufwertungsprinzip, Sozialpsychologie, Handlungsursachen, Personalauswahl, Kognitive Schemata, Wahrnehmungspsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Attributionstheorien von Harold H. Kelley, insbesondere mit der Funktionsweise kausaler Schemata, die Menschen dazu dienen, Ursachen für soziales Verhalten zu identifizieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Kovarianzmodells, die Typologie kausaler Schemata sowie die Attributionsprinzipien (Abwertung und Aufwertung), ergänzt durch deren praktische Anwendung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Individuen durch vorgefertigte Schemata komplexe Schlussfolgerungen ziehen können, auch wenn ihnen nur unvollständige Informationen zur Verfügung stehen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse basiert und die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Attributionsforschung zusammenfasst und strukturiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition kausaler Schemata, die Erklärung der spezifischen Attributionsprinzipien und die Analyse von Anwendungsbeispielen aus dem Berufsleben und der Werbung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kausale Schemata, Abwertungsprinzip, Aufwertungsprinzip, Kausalattribution und Sozialpsychologie.
Wie unterscheidet sich das Schema multipler notwendiger Ursachen vom Schema multipler hinreichender Ursachen?
Bei notwendigen Ursachen müssen alle Faktoren gemeinsam vorliegen, um einen Effekt zu erzielen, während bei hinreichenden Ursachen bereits ein einzelner Faktor ausreicht, um die Wirkung zu verursachen.
Warum ist die Anwendung der Attributionsprinzipien in einem Assessment Center problematisch?
Die Anwendung kann zu unobjektiven Beurteilungen führen, da Beobachter dazu neigen, Leistungen aufgrund von Vorannahmen (Ab- oder Aufwertung) falsch zu attribuieren, anstatt die tatsächliche Leistung objektiv zu bewerten.
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- Christina Boese (Author), 2002, Kausale Schemata, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10583