Ein Verlag im Wandel der Systeme


Seminararbeit, 2001
16 Seiten, Note: 1,7

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1 EINLEITUNG

Vom ehemaligen sozialistischen Staatverlag, der überwiegend marxistische Denker, Exilanten und Klassiker publizierte, entwickelte sich der Aufbau- Verlag zu einem bekannten deutschen Unternehmen, das heute neben der traditionellen Weltliteratur auch zeitgenössische Bestseller-Autoren im Programm hat. Die politische Wende und die Öffnung des Buchmarktes 1990 verursachten zwar erhebliche Umsatzeinbrüche, doch konnten Titel wie die Tagebücher des Victor Klemperer, Erwin Strittmatters „Der Laden“ und „Die Päpstin“ von Donna W. Cross einen sensationellen Aufschwung bewirken und so die wirtschaftliche Zukunft der Verlagsgruppe weitestgehend sichern.

Worin aber liegt das eigentliche Potential des Aufbau-Verlages? Was hat Bernd F. Lunkewitz, den jetzigen Gesellschafter und Geschäftsführer, dazu bewegt, 1991 in dieses Verlagshaus mit DDR-Vergangenheit zu inves- tieren? Inwiefern kann man überhaupt von sozialistischem Hintergrund sprechen? Befand sich der Verlag nicht vielmehr auf einer Gradwanderung zwischen Systemloyalität einerseits und liberalem Denken andererseits?

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Diskussion dieser Fragen anhand aktueller Sekundärliteratur. Dabei werden die Geschichte des Verlags, seiner Autoren und Mitarbeiter sowie die politischen Rahmen- bedingungen skizziert und Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichem Wandel und verlegerischer Tätigkeit dargelegt. Weiterer Schwerpunkt ist das aktuelle Programm und der Versuch, zukünftige Perspektiven aufzuzeigen.

2 STRUKTUREN IM BUCHHANDEL DER DDR

Um die Entwicklung des Aufbau-Verlags zu verstehen, ist es elementar, sich bestimmte Hintergründe und Organisationsformen zu vergegenwärtigen, denn der Buchhandel in der DDR darf nicht lösgelöst von der politisch-ideologischen Zielsetzung der SED-Regierung betrachtet werden. Das folgende Kapitel beinhaltet daher eine kurze Schilderung der Situation nach 1945 und geht auf die Zensur, das sogenannte Druckgenehmigungsverfahren, ein.

Die 4 Besatzungsmächte übernahmen 1945, nach Beendigung des 2. Weltkrieges, die Kontrolle aller Aktivitäten im deutschen Raum. Während die Franzosen, Engländer und Amerikaner das System im westdeutschen Gebiet nach parlamentarisch-demokratischen Grundsätzen entwickelten, ergriff die UdSSR Maßnahmen, um in der Sowjetzone eine Ordnung auf sozialistisch-kommunistischen Prinzipien aufzubauen.

Im Zuge des politischen Strukturwandels erfolgte unvermeidlich auch eine gravierende Veränderung des Buchmarktes, bei der in der DDR vor allem linientreue Emigranten wie Johannes R. Becher eine tragende Rolle spielten. Die Entstehung, Drucklegung und Veröffentlichung der Bücher waren staatlich kontrolliert, ebenso der Vertrieb und die Literaturkritik. Dafür wurde eine undurchlässige Kette von Einrichtungen geschaffen. Im Gegensatz z.B. zur BRD, wo man die Militärzensur nach und nach aufhob, entstand hier ein umfassendes Überwachungssystem der Buchproduktion.

Das Druckgenehmigungsverfahren, das nichts anderes als eine Präventivzensur darstellte, garantierte die Lückenlosigkeit. Der „Kulturelle Beitrag“, später in „Amt für Literatur und Verlagswesen“ umbenannt, entschied über die Veröffentlichung von Manuskripten. Das Gros der Verlage befand sich in staatlicher Hand. Kleinere Privatverlage wurden benachteiligt und somit ausgeschaltet. Die SED besaß Papierfabriken, Verlage sowie Druckereien.

Die Buch- und Literaturpolitik in der DDR wurde nicht durch marktwirtschaftlich - gewinnorientierte Überlegungen bestimmt, sondern war stark ideologisch geprägt und der kulturpolitischen Planwirtschaft untergeordnet. Die Aussage Otto Grotewohls aus dem Jahre 1951 bekräftigte die Haltung, dass Buchinhalte in der DDR immer auch mit dem sozialistischen System abzustimmen waren. „(...) Literatur und Bildende Kunst sind der Politik untergeordnet. (...) Was sich in der Politik als richtig erweist, ist es auch unbedingt in der Kunst. (...)“1.

3 ZWISCHEN ZENSUR UND LIBERALITÄT: PHASEN DER ENTWICKLUNG VON 1945 BIS 1989

Die Geschichte des Aufbau-Verlags gliedert sich in verschiedene Etappen, welche im Folgenden aufgezeigt werden. Buchprogramm und Autoren stehen dabei im Vordergrund. Weiteren Schwerpunkt des Kapitels bilden die Versuche des Verlags, trotz massiver Restriktionen, Zensur und drohender Verfolgung die „geistige Mauer“ der DDR zu durchbrechen.

3.1 1945-1950: Gründung und erste Publikationen

Am 16. August 1945 wurde die Aufbau-Verlag GmbH, initiiert von Johannes R. Becher, im Auftrag des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands2 “ gegründet. Im selben Monat bekam der Verlag die Lizenz der sowjetischen Militäradministration und konnte mit der Herstellung der ersten Bücher beginnen. Sitz der Gesellschaft war Berlin, Französische Straße 32.

Der Aufbau-Verlag veröffentlichte zunächst Werke, die von den Nazis verboten und verbrannt worden sind, darunter linke Schriftsteller, Exilanten und russische Autoren wie Anna Seghers, Georg Lukacs und Maxim Gorki.

Eine Intention des Verlages war, dass das deutsche Volk seine Mitverantwortung am Geschehen im 3. Reich begriff. Theodor Plivier, Verfasser des Romans „Stalingrad“, welcher schon im 1945 zum Bestseller avancierte3, konstatierte: „Die Schuldfrage ist überhaupt das erste, was in vollem Umfang zu erkennen ist.“ (Ausstellung 1111, S. 6). Im gleichen Jahr erschien die kulturpolitische Monatsschrift „Aufbau“ unter Chefredakteur Klaus Gysi. Um der Bevölkerung nach dem gesellschaftlichen und politischen Zusammenbruch geistige Orientierung zu bieten, forcierte man zudem die Herausgabe von Klassikern wie Goethe, Heine und Storm. Werksausgaben von Gottfried Keller und Arnold Zweig, der gerade aus dem Exil in Palästina heimgekehrt war, wurden vorgelegt.

Insgesamt publizierte der Verlag in den ersten fünf Jahren seines Bestehens 236 Erstauflagen in 6,5 Millionen Exemplaren. Frage ist, warum „Aufbau“ einen solch bahnbrechenden Erfolg mit seinem Büchern hatte; weder Kurt Desch noch Rowohlt erreichten in den frühen Nachkriegsjahren diesen Produktionsumfang. Erklärbar ist die Tatsache dadurch, dass der Verlag unter Protektion der sowjetischen Militäradministration stand, vor allem wegen der politisch „korrekten“ Überzeugung Bechers, im übrigen auch Exilant (Lizenz und Papier, S. 12).

3.2 1950-1960: Ausbau des Autorenstamms und wachsende Restriktionen

Das im Jahre 1951 geschaffene „Amt für Literatur und Verlagswesen“ forderte von allen Verlagen die Einreichung sogenannter Themenpläne und stellte selbst Nachauflagen unter Genehmigungspflicht. Neben dem Druck von linken Schriftstellern und Exilautoren, verlangte die SED jetzt auch die Veröffentlichung neuer „Texte zum Lob und Preis der sozialistischen Errungenschaften“ (Zeit der Sammlung, S. 31). Viele Manuskripte fielen jedoch der Zensur zum Opfer, auch Titel des Aufbau-Verlags. So wurde Günter Kunert, der mit seinen Gedichten „Wegschilder und Mauerinschriften“ ein hoffnungsvolles Debüt abgelegt hatte, mit der Sammlung „Echos. Gedichte“, die bereits im Umbruch vorlag, von den Programmüberwachern abgewiesen. Als Begründung hieß es, dass der Band „bei aller formaler Gekonntheit ein vorherrschendes düsteres und pessimistisches Bild“ zeichnete und „in gar keiner Weise entsprechend die aufsteigenden und bereits vorherrschenden Kräfte unserer Epoche, unserer sozialistischen Gesellschaft“ berücksichtigte (Quelle!). Ähnlich erging es Uwe Johnson, Christa Reinig und selbst langjährig etablierten Autoren wie z.B. Bertolt Brecht.

Insgesamt erschienen im Aufbau-Verlag wesentlich weniger sozialistische „Elaborate“ als in anderen DDR-Verlagen. Man schränkte den Gegenwarts- bereich vorerst zugunsten der Werke klassischer deutscher und ausländischer Autoren ein. Durch eine zehnbändige Lessing-Ausgabe wurde 1954 der Typ der großen Lese- und Studienausgaben des Verlags begründet. Später folgten Titel von Balzac, die auf 20 Bände konzipiert waren. Dass Jean-Paul Sartre und Ernest Hemingway 1956 in Lizenz publiziert wurden, war ein bahnbrechendes Ereignis für die Rezeption moderner Weltliteratur in der DDR. Der Pariser Robert Merle entwickelte sich zum meistgelesenen französischen Gegenwartsautor. So wurde der biographische Roman „Der Tod ist mein Beruf“ über Rudolf Höß, den Lager- kommandanten von Auschwitz, ein Bestseller. Das erste Taschenbuch- programm bb etablierte sich 1958. Bis zur Gründung des Aufbau- Taschenbuchverlags 1991 wurden dort sehr erfolgreich 652 Titel in 39,5 Millionen Exemplaren verlegt.

Als das Politbüro des Zentralkomitees der SED den Verlag beauftragte, Thomas Mann und Hermann Hesse in der „Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller“ herauszugeben, wurde es notwendig, eine Brücke zwischen ost- und westdeutschen Buchhandel zu bauen und neue Wege des Austauschs zu etablieren. Bis dahin waren beide Märkte fast hermetisch voneinander getrennt. Walter Ulbricht, der höchstpersönlich an der Aufnahme der beiden Nobelpreisträger interessiert war, ließ dem Verlag jedoch nicht die ausreichende Zeit für Verhandlungen und weigerte sich, Lizenzhonorare in Westmark oder Dollar zu bezahlen. So wurde letztlich ohne Genehmigung von S. Fischer bzw. Suhrkamp gedruckt. Es kam zu einem Rechtsstreit, der mit der Übereinkunft beigelegt wurde, die nicht transferablen Autoren- und Lizenzhonorare durch Druckaufträge an DDR- Firmen abzugelten. Das Geschäft gestaltete sich gewinnbringend. „Aufbau“ schloss weitere Verträge mit S. Fischer, Suhrkamp und anderen großen westdeutschen Verlagen. Nach und nach veröffentlichte man das Gesamtwerk von Erich Maria Remarque, Franz Werfel und Klaus Mann.

Mit diesen Aktivitäten versuchte der Aufbau-Verlag, die engen Grenzen der DDR sowohl geistig und politisch als auch wirtschaftlich zu überschreiten. Walter Janka, der im mexikanischen Exil den Verlag El Libro geleitet hat, spielte dabei eine wichtige Rolle. Seit 1951 Geschäftsführer des Aufbau- Verlages, plante er sogar, eine Filiale in Hamburg zu gründen, um „die Isolation, in der die ostdeutsche Wirtschaft seit der deutschen Teilung verharrte, zu durchbrechen.4 “ (Stumm verabschieden sie sich von..., S. 10). Zusammen mit Ernst Rowohlt und Günter Weisborn führte Janka erfolgreiche Verhandlungen mit der Senatsverwaltung und dem westdeutschen Börsenverein. Nur die Zustimmung Ulbrichts fehlte zur endgültigen Realisation. Dieser lehnte im letzten Augenblick ab. Es hieß von Regierungs-Seite, man wolle keinen „Präzedenzfall schaffen, der westdeutsche Verleger auf den Gedanken bringen könnte, ihrerseits Filialen im Osten gründen zu wollen.“ (1950- S. 41).

Das Streben nach Liberalität und die Diskussion um die Abschaffung der Zensur fanden im Dezember 1956 ein jähes Ende, als Walter Janka unter dem Vorwurf „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ verhaftet wurde. Der Parteiführung war die Diskussion der Intellektuellen zu kritisch geworden, deshalb statuierte die politische Justiz an Janka ein Exempel. In dem Schauprozess wurde er zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Aufgrund angeblicher „Boykott-Hetze“ hat man auch zwei Redakteure der verlagseigenen Wochenzeitung „Sonntag“ inhaftiert. Im Zeichen der stalinistischen Restauration wurden schließlich 1957 wichtige Titel der europäischen und amerikanischen Literatur aus dem Programm des Aufbau-Verlages gestrichen, u.a. Franz Kafka und Hugo von Hofmannsthal. Klaus Gysi5 übernahm die Verlagsleitung.

3.3 1960-1970: Werksausgaben, Autoren mit „pessimistischem, ver- krüppeltem Menschenbild“ und Neuordnung des Verlagswesens

In den sechziger Jahren bestimmten Werksausgaben vornehmlich das Profil des Aufbau-Verlags. Der erste Band der „Berliner Ausgabe“ mit Titeln von Goethe lag 1960 vor. Parallel dazu eröffnete man die größte deutsch- sprachige Edition Mark Twains. Heine, Fontane und Swift wurden ebenfalls mit Werksausgaben publiziert. Im Jahre 1962 entstand die „Bibliothek der Weltliteratur“, in der bis 1991 65 Titel bzw. 71 Bände erschienen. Begründet wurde sie durch Gottfried Kellers Werk „Der grüne Heinrich“ sowie Theodor Fontanes „Effi Briest“. Erster Band einer zehnteiligen Fallada-Ausgabe war „Der eiserne Gustav“.

Aufbau veröffentlichte jedoch auch zeitgenössische Autoren. So avancier- ten „Die Abenteuer des Werner Holt“ von Dieter Noll zum Bestseller und waren neben Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ meistverkauftes Buch des Verlags. Mit Jurek Beckers Debütroman „Jakob der Lügner“ erregte man großes Aufsehen. Internationale Schriftsteller, wie der Lateinamerikaner Gabriel Garcia Marquez, wurden auf dem Buchmarkt eingeführt. Die deutsche Übersetzung des Nobelpreisträgers erschien, noch bevor ihn in der Bundesrepublik überhaupt jemand kannte. Als einige Aufbau-Autoren, so Franz Fühmann, Stephan Hermlin und Erwin Strittmatter den Bau der Berliner Mauer befürworteten, kündigte der S. Fischer-Verlag seine Lizenz- verträge, Strittmatters Roman „Der Wundertäter“ wurde makuliert.

„Ole Bienkopp“ löste 1963 eine heftige Debatte über Sinn und Zweck von Literatur aus. Laut SED-Regierung spiegelte der Roman von Erwin Strittmatter die Rolle der Partei falsch wider und verfügte über keinen „eindeutig positiven Helden“ (Ausstellung, S. 12). Insgesamt hatte sich in der DDR eine junge, selbstbewusste und kritische Literatur entwickelt.

Natürlich wurden diese Veröffentlichungen von Seiten der dogmatischen Kulturpolitiker argwöhnisch beobachtet. Auf dem VI. Schriftstellerkongress griff man neue Werke aus dem Aufbau-Verlag scharf an. Vorwürfe waren, dass der Verlag Autoren mit einem „pessimistischen, verkrüppelten Menschenbild“ und „spätbürgerlicher literarischer Schreibweisen“ publizierte. Gemeint waren vor allem Kurt Bartsch, Sarah Kirsch und Karl Mickel (Ausstellung, S. 12). Der Restbestand ihrer Anthologie „Saison für Lyrik“ wurde makuliert. Den zuständigen Lektor musste man entlassen.

1964 übernahm der Aufbau-Verlag im Rahmen der generellen Neuordnung des Verlagswesens der DDR, der sogenannten Profilierung, Bestände und Produktion anderer Verlage. Darunter befanden sich der Thüringer Volks- verlag, einschließlich Arion-Verlag, Weimar, sowie Rütten & Loening, wel- cher als Imprint mit seinem Firmennamen und eigenständigem Programm weitergeführt wurde. Die Reihen „Lesebücher für unsere Zeit“, „Bibliothek der Antike“ und „Bibliothek deutscher Klassiker“, vom Thüringer Volksverlag begründet, wurden im Weimarer Haus fortgesetzt und gaben dem Aufbau- Verlag einen zusätzlichen Impuls bei der Entwicklung zum Klassikerverlag. Aufbau vertrieb nun auch drei weitere Zeitschriften: „Weimarer Beiträge“, „Neue deutsche Literatur“ und „Marginalien“. Rütten & Loening veröffent- lichte außerdem „Sinn und Form“.

3.4 1970-1989: „Edition Neue Texte“, Literatur von Frauen und ver- schärfte Zensurpraktiken

Die „Edition Neue Texte“ (ENT) wurde 1971 begonnen und entwickelte sich zu einem Forum für neue deutsche und ausländische Literatur. Eröffnet mit zwei sehr erfolgreichen Autoren, Günter Kunert und Erwin Strittmatter, erschienen später Titel von Christa Wolf und Volker Braun. Der Gedichtband „Du“ von Heinz Kahlau wurde zu einem der meistverkauften Lyrikbücher des Verlages. Zudem bot diese Reihe im „Windschatten bekannter und berühmter Namen vielen Anfängern eine Chance.“ (1961- 1976, S. 75). Besonderer Beliebtheit bei den Lesern erfreuten sich vor allem die in ihrer Zahl begrenzten Lizenzausgaben bundesdeutscher, Schweizer und österreichischer Schriftsteller wie Martin Walser, Alfred Andersch und Gabriele Wohmann. Neue Namen wurden ständig vorgestellt, so Botho Strauß und Uwe Timm. Vervollständigt wurde die ENT mit ausländischer Literatur von z.B. Alberto Moravia und Tennessee Williams.

Mit dem Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ von Irmtraud Morgner erregte der Aufbau- Verlag internationale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig entwickelte sich die Literatur von Frauen zu einem maßgeblichen Bestandteil des Buch- programms. Die meist feministisch orientierten Werke kritisierten massiv die patriarchalischen Unterdrückungsmechanismen im Sozialismus und der Industriegesellschaft überhaupt. Autorinnen waren z.B. Helga Königsdorf, Christine Wolter und Rosemarie Zeplin. Christa Wolf, die sich ebenfalls für die Rechte der Frauen engagierte, formulierte den Zweck der Bücher dahingehend, dass diese als Ermutigung für diejenigen Frauen verstanden werden sollten, die „nicht mehr nur nach Gleichberechtigung, sondern nach neuen Lebensformen“ suchten“ und die „Wegdrängung des weiblichen Faktors in der Kultur“ als Ursache für die Fehlentwicklungen und „Gewalttätigkeit unserer Zivilisation“ begriffen.

Der Aufbau-Verlag geriet, genau wie die gesamte DDR-Gesellschaft, durch die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 in eine Krise. Schriftsteller, darunter Sarah Kirsch, Günter Kunert und Christa Wolf, protestierten dagegen schriftlich. Konrad Naumann, Chef der SED-Bezirksleitung Berlin, legte jedoch ein 12-Punkte-Programm fest, mit welchem er ein „einheitliches Vorgehen aller kulturpolitischen Institutionen“ seines Machtbereichs gegen die Literaten erreichen wollte. (Fortgesetzter Verlust, im Ordner, S. 81). Die Lektoren sollten verstärkt marxistisch-leninistisch geschult werden. Seine Formulierung dazu lautete: „Verlagsmitarbeiter, die sich mit dem Feind identifizieren, doppelzünglerisch sind, verlagsinterne Dinge preisgeben, gesellschaftlich inaktiv sind, sind durch die staatlichen Leiter zu erziehen.“ Er verlangte, dass Schriftstellerverband, Verlage und andere Einrichtungen frühzeitig in den literarischen Entstehungsprozess politisch-ideologisch eingriffen. Aufgrund der einsetzenden Repressionen verließen viele Hausautoren in den folgenden Jahren das Land, u.a. Kurt Bartsch, Joachim Seyppel und Sarah Kirsch. Sie durften in der DDR erst wieder Ende der achtziger Jahre gedruckt werden.

Diejenigen Verfasser, welche sich für das Verbleiben in der DDR entschieden hatten, mussten den Kampf gegen die anachronistischen Zensur- und Polizeiverhältnisse aufnehmen. „Kassandra“, erfolgreicher Roman von Christa Wolf, der mit 20 Übersetzungen sogar international anerkannt war, durfte nach heftigen Diskussionen in der eigenen Heimat 1983 nur mit Auslassungen erscheinen.

Dass der Aufbau-Verlag stets hinter seinen Autoren stand, beweist die Debatte über den Druck von Christoph Heins Erzählung „Horns Ende“. Ein Gutachten seitens der Zensurbehörde entschied, für Hein wäre „die Geschichte bis in die Gegenwart eine Geschichte menschlicher Gemeinheit“ und das Werk in der DDR so nicht verlegbar. Hein reichte daraufhin eine korrigierte Version zur Druckgenehmigung ein. An die Vorschrift, dass Satz und Druck erst nach Erlaubnis erfolgen durfte, hielt sich der Verlag jedoch nicht. Er belieferte trotz des Auslieferungsstopps Buchhändler und Rezensenten in eigener Verantwortung. Die Erfahrung mit der Zensur und die Aufführungsverbote seiner Stücke veranlassten Hein 1987 zu einer aufsehenerregenden Rede auf dem X. Schriftstellerkongress. In dieser hieß es unter anderem: „Die Zensur ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, ungesetzlich und strafbar.“ Im Februar 1989 schließlich wurde das Druckgenehmigungsverfahren aufgrund der Diskussionen, die auch diese Aussage ausgelöst hatte, aufgehoben.

Sein 40-jähriges Jubiläum 1985 beging der Aufbau-Verlag mit einem Autorenfest. Zu diesem Zeitpunkt erschienen Werke aus 55 Ländern, die große Bedeutung des Verlags war sowohl national als auch international unumstritten. Texte von Schriftstellern, deren Weltrechte der Verlag vertrat, wurden in alle bedeutenden Sprachen übersetzt. Gegen Ende der DDR existierte sogar ein Forum für junge, unangepasste Literatur: „Aufbau - Außer der Reihe“. Zusammen mit Suhrkamp brachte man die ersten Bände der „Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe“ heraus. Das Werk von Bertolt Brecht erschien pünktlich zu dessen 90. Geburtstag. Dies war sensationell, gingen doch Ost und West erstmals Hand in Hand.

4 WIEDERVEREINIGUNG 1990 UND IHRE FOLGEN

Bis zur Wirtschafts- und Währungsunion hatte Aufbau ca. 8.800 Titel, darunter 5.000 Erstauflagen, mit insgesamt rund 125 Millionen Exemplaren veröffentlicht. Nun, da der Konkurrenzdruck durch die Öffnung der Wirtschaft, die Abschaffung der Zensur und der Planungsbürokratie anstieg, galt es, die Durchsetzung auf dem gesamtdeutschen Buchmarkt zu forcieren. Der Verlag sah sich vor eine Fülle von Problemen gestellt.

4.1 Strukturelle Veränderungen auf dem Buchmarkt und Umsatz- einbußen

Aufbau besaß viele Verlagsrechte, doch waren die meisten Lizenzen von westlichen Autoren für eine bestimmte, schon ausgelieferte Auflagenhöhe abgeschlossen worden und fielen daher zurück. Ein Verfasser und sein Werk durften überdies nur einem deutschen Verlag angehören. Aufbau verlor bedeutende Schriftsteller wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Ernest Hemingway und Jean-Paul Sartre. Die westdeutschen Verlage vertrieben diese Titel nun selbst und überschwemmten mit ihrem riesigen Angebot die Buchhandlungen der Ex-DDR. Im Gegensatz dazu hatten die Ost-Verlage nur wenige gängige lieferbare Titel in Buchhandlungen und Lager vorrätig, da wegen der Mangelwirtschaft in der DDR keine Backlist existierte. In den bundesdeutschen Buchhandlungen war der Aufbau-Verlag nie vertreten gewesen und wurde wie eine unbedeutende Verlagsgründung kaum wahr- genommen. Verstärkt wurden die Schwierigkeiten durch die sich verändernden Rezeptionspräferenzen. Zahllose angestammte Leser deck- ten nun ihren Nachholbedarf an westdeutscher Literatur. Die Konkurrenz aus den alten Bundesländern schien übermächtig. Aufgrund dieser Situation gingen Absatz und Produktion des Verlags gewaltig zurück, so dass ein drastischer Personalabbau unvermeidlich war. Mehr als zwei Drittel der Mitarbeiter wurden entlassen, von ehemals 186 Leuten verblieben 33.

Erster Verkaufserfolg wurde Ende 1990 „Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör“ von Reinhold Andert und Wolfgang Herzberg. Damit konnte der Fall der Umsätze ins Bodenlose gestoppt werden.

4.2 Der Aufbau Taschenbuch Verlag

Trotz der Krise im Verlagswesen wurde auf der Leipziger Buchmesse 1991 die Gründung des Aufbau Taschenbuch Verlages bekannt gegeben. Dr. Wolfram Göbel von dtv begrüßte während der Eröffnungsveranstaltung den neuen Konkurrenten mit folgenden Worten: „Man sieht mit professionellen Augen und innerem Schmunzeln über die geschickt kaschierten Improvisationen hinweg und erkennt die Linie.“ Als Tochterunternehmen des Aufbau-Verlages legte ATV bis Jahresende ca. 80 Titel vor und stabilisierte vorerst die wirtschaftliche Zukunft der ganzen Verlagsgruppe.

Der Aufbau Taschenbuch Verlag kann bis heute auf einen großen Bücherfundus zurückgreifen. So gehören die großen Autoren des 20. Jahrhunderts, sorgfältige Werksausgaben der klassischen deutschen und europäischen Literatur zum Programm. Gegenwärtig werden etwa ein Drittel Original- und deutsche Erstausgaben publiziert. Zwei Drittel der Werke entstehen durch Lizenz der Hardcover-Verlage der Gruppe. Das Angebot der lieferbaren Titel umfasst zur Zeit rund 650 Titel. Erfolgreichste Autoren der letzten Jahre sind u.a. Christoph Hein, Anna Seghers und Victor Klemperer. Jahresbestseller 2000 im Bereich Taschenbuch Belletristik wurde laut Buchreport „Die Päpstin“ von Donna W. Cross, 1998 bei ATV erschienen. 1999 erzielte der Verlag einen Umsatz von 15,5 Millionen DM6.

4.3 Übernahme der Verlagsgruppe durch private Investoren und weitere Entwicklung

Die SED erklärte im Herbst 1989 überraschend, dass Aufbau ihr Eigentum sei. Viele Hausautoren und Mitarbeiter protestierten dagegen. So wurde Anfang 1990 entschieden, den Aufbau-Verlag Berlin und Weimar in Volkseigentum zu überführen. Damit geriet er in die Zuständigkeit der Treuhandanstalt. Detlev Rohwedder, deren erster Präsident, beschloss, dass sein Erhalt „Chefsache“ wäre.

Am 18. September 1991 wurde die Aufbau-Verlag GmbH sowie Rütten & Loening durch eine private Investorengruppe unter Führung des Frankfurter Immobilien-Unternehmers Bernd F. Lunkewitz übernommen. Später erwarb Lunkewitz den Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und die Universitäts- buchhandlung in Berlin-Mitte. 1999 erfolgte die Gründung des Audio-Verla- ges als 100%ige Tochter, von der im Jahre 2000 49% an die SWR-Holding, Stuttgart veräußert wurden.

In einem Interview mit der Leipziger „Lerche“ begründete Lunkewitz seine Entscheidung wie folgt: Er habe Aufbau gekauft, „weil er einer der ehrwürdigsten, traditionsreichsten, berühmtesten deutschen Verlage ist, der ungeheuer viele literarische Schätze angehäuft hat, und das auf sehr vielen Gebieten, verbunden mit sehr vielen Autorenrechten. Das können Sie in Westdeutschland nicht mit dem Einkaufswagen innerhalb von einem Jahr zusammenkaufen. Das war eine historische Chance. Also habe ich kurz überlegt und schnell zugeschlagen.“ Die Buchbranche hat ihm den Einstieg jedoch nicht leichtgemacht. Ihm fehlte der sogenannte „Stallgeruch“. Lunkewitz kommentierte diese Tatsache belustigt: „Ich bin jetzt hier und freiwillig gehe ich nicht mehr weg. Im Grunde habe ich nichts dagegen, ein wenig die Erbse zu sein, auf der die Prinzessin sich wund liegt. Da sollen sie ruhig ein bisschen knirschen, wenn ich um die Ecke komme.“ Seinen Führungsstil beschrieb er als „despotisch, chaotisch, westlich- okkupantenhaft“.

Durch die Privatisierung und den Eintritt von Lunkewitz wurden verlags- intern richtungsweisende Entscheidungen getroffen. Das Programm von Rütten & Loening, der bisher sehr anspruchsvolle Literatur verlegte, stellte man auf populäre Belletristik und Sachbücher um. Zudem wurden die Zeit- schriften „Neue deutsche Literatur“ und „Sinn und Form“ von Aufbau über- nommen. Die ökonomische Lage gestaltete sich trotz einiger literarischer Erfolge wie z.B. Erwin Strittmatters 3. Teil des Romans „Der Laden“ immer noch schwierig.

Der Aufschwung kam 1995 mit Victor Klemperers Tagebüchern „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“, dessen Rechte an der amerikanischen Ausgabe für eine Rekordsumme von 840.000 DM dem New Yorker Verlag Random House veräußert wurden. Zusätzlich verkaufte man Bücher von Brigitte Reimann und Alfred Kerr in großer Zahl.

5 AKTUELLES PROGRAMM UND ZUKÜNFTIGE PERSPEKTIVEN

Der Aufbau-Verlag zeigt weiterhin ein starkes Engagement im Bereich „Klassiker der Weltliteratur“. So wurde im Jahr 2000 anlässlich des 100. Geburtstags von Anna Seghers eine Werksausgabe begonnen. Die „Große Brandenburger Fontane-Ausgabe“, langfristig geplant und sorgfältig editiert, und der Start der Berliner Ausgabe mit Werken Arnold Zweigs beweisen, wie viel Wert Aufbau auf lang etablierte Verfasser legt. Neben vielen Exil - und Widerstandsautoren sind auch eine Fülle von DDR-Schriftstellern vertreten.

Zeitgenössische Verfasser deutscher und internationaler Literatur bestim- men jedoch zunehmend das Programm, darunter Zoe Jenny, Mario Wirz und Neil Blackmore. Mit dem Buch „Stille Rebellen - Der Überfall auf den 20. Transport nach Auschwitz“ von Marion Schreiber war Aufbau in den letzten Jahren besonders erfolgreich. Heute, im Jahre 2001, kann der Verlag mit Büchern von Stephen Fry und dem in England preisgekrönten Autor Giles Foden sowie Biografien von Heinz Rühmann und Sebastian Haffner aufwarten. Seit dem Frühjahr 2000 gibt er zudem Kinder- und Bilderbücher heraus, die durch ihre schöne Ausstattung kleine bibliophile Kostbarkeiten darstellen. Essays zu Politik, Philosophie und Geschichte sowie experimentelle Texte, Lyrik und Sachbücher aus fast allen geisteswissenschaftlichen Bereichen zeigen, dass Aufbau den Anspruch erhebt, sich mit seiner Literatur politisch in die Gesellschaft einzumischen.

Die folgende Tabelle fasst das gegenwärtige Gesamtprogramm von Aufbau kompakt zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es wird klar, dass der Verlag die Pflege der Tradition fortführt, parallel dazu aber versucht, die Brücke zur aktuellen Literatur zu bauen und neue Autoren einführt. Dies ist dringend notwendig, da es fraglich bleibt, ob zukünftig, das heißt in den nächsten 20 Jahren, die Klassiker und Werksausgaben bei der Leserschaft weiterhin Anklang finden.

6 SCHLUSSBETRACHTUNG

Heute, 10 Jahre nach seiner Privatisierung, arbeitet der Aufbau-Verlag mit 68 Mitarbeitern. Er erwirtschaftete im Jahre 2000 einen Gruppenumsatz von 27,4 Millionen DM. Insgesamt werden jedes Jahr rund 350 Neuerscheinungen herausgegeben. Unter den größten Verlagen Deutschlands nimmt er laut Buchreport Platz 86 ein.

Es scheint, als ob Aufbau nach den Turbulenzen der Wiedervereinigung festen Boden gefasst hat. Dies ist eine großartige Leistung angesichts des Zusammenbruchs des ostdeutschen Verlagswesens 1990. Vom einstigen SED-Verlag schaffte er den Sprung unter die Top 100. Seine Kompetenzen liegen weiterhin in der Veröffentlichung von Klassikern und deutscher sowie ausländischer Gegenwartsliteratur. Mit Frederik Bergers „Die Geliebte des Papstes“ und Boris Akunins „Fandorin“ gelang ihm auch 2001 das Interesse vieler Leser zu erwecken. Wenn der Aufbau-Verlag auch zukünftig junge, talentierte und erfolgreiche Autoren gewinnen kann, wird seine Zukunft gesichert sein. Inwiefern das Audio-Programm sich durchsetzt, bleibt bei der zurückhaltenden Nachfrage seitens der Käufer abzuwarten.

[...]


1 Vgl.: Wittmann, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. München: C.H. Beck 1999, S. 395.

2 Im Frühjahr 1946 erwarb der Kulturbund durch einen notariellen Kaufvertrag alle Gesellschafteranteile der Aufbau-Verlag GmbH.

3 Bis Ende 1948 erreichte er eine Gesamtauflage von 177.000 Exemplaren, nicht mitgerechnet die „Zonenlizenzen“ bei Rowohlt, Kurt Desch und Werner Wolff (Lizenz und Papier, S. 10).

4 Die DDR war zwar 1954 erstmals nach Beendigung des 2. Weltkrieges auf der Frankfurter Buchmesse vertreten, aber lediglich mit einer Sonderbücherschau. Mit dem Hinweis auf die Verlagsenteignungen lehnte der westdeutsche Börsenverein eine direkte Teilnahme strikt ab (1954, S. 124).

5 Klaus Gysi, Vater von Gregor Gysi, wurde 1966 Minister für Kultur der DDR. Diese Position hatte er bis 1973 inne.

6 Laut Buchreport

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Ein Verlag im Wandel der Systeme
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Vergleichende Verlagsgeschichte des 20. Jh.
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V105901
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verlag, Wandel, Systeme, Vergleichende, Verlagsgeschichte
Arbeit zitieren
Nadine Kinne (Autor), 2001, Ein Verlag im Wandel der Systeme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105901

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