Emile Durkheim - Der Selbstmord


Hausarbeit, 1999

27 Seiten, Note: 1


Gratis online lesen

Emile Durkheim - Der Selbstmord

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit über Emile Durkheims Werk „Der Selbstmord“ soll es darum gehen, seine Ansätze und Argumentationsgänge darzustellen und diese auf ihre Aktualität hin zu überprüfen.

Den Anfang der Arbeit soll eine kurze Biographie über Emile Durkheim bilden. Daran anschließend werden wir Durkheims Definition von Selbstmord vorstellen und erklären, wie er zu dieser Definition gelangt. Das dritte Kapitel wird dann den Selbstmord als soziologisches Problem behandeln. Dabei geht es zunächst um die Abgrenzung zur Psychologie, in deren Bereich der Selbstmord in der Regel eingeordnet wird. Wir wollen in diesem Kapitel Durkheims Argumentationsgang vorstellen, mit welchem er rechtfertigt, den Selbstmord als soziologisches Phänomen zu untersuchen.

Darauf aufbauend wird das fünfte Kapitel sich mit den verschiedenen Arten des Selbstmords, d.h. dem egoistischen, dem altruistischen und dem anomischen Selbstmord auseinandersetzen, die Durkheim als die drei Typen des Selbstmords herausgearbeitet hat.

Das darauffolgende Kapitel wird schließlich unter der Fragestellung stehen, inwieweit Durkheims Überlegungen heute noch aktuell sind. Anhand eines Vergleichs seiner Theorie mit der von Christa Lindner-Braun wollen wir den Durkheimschen Ansatz diskutieren.

Den Abschluß dieser Arbeit soll letztendlich eine eigene Diskussion des Phänomens auf der Grundlage der Ergebnisse der vorherigen Kapitel bilden.

2. Biographie

David Emile Durkheim wurde am 15. April 1858 in Epinal (Lothringen) geboren und wuchs in einer streng jüdisch orthodoxen Familie auf. Anstatt aber, genau wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater Rabbiner zu werden, besuchte er ab 1879 die „Ecole Normal Supérieure“1 in Paris. Schon während des Studiums greift er zu artistischer Argumentationskunst, um in Diskussionen nicht zu unterliegen. Obwohl er aufgrund seiner kühlen und zurückgezogenen Art am Ecole wenig Freunde hatte, konnte er dennoch Kontakt zu verschiedenen zukünftigen akademischen Größen knüpfen, wie z.B. zu Jean Jaurès, dem späteren Sozialistenführer. Nach dreijährigem Studium auf der Eliteschule war er zunächst als Lehrer in der Provinz tätig, bevor er 1885/86 ein Stipendium für Deutschland bekam. Auch in Deutschland hatte Durkheim Kontakt zu bekannten Akademikern. Besonders die Kathedersozialisten Gustav Schmoller, Karl Bücher übten Einfluß auf sein späteres Werk aus. Außerdem studierte er Rechtslehre, Organizismus und Psychologie. Obwohl er den theoretischen Konzeptionen der deutschen Geisteswissenschaft positiv gegenüberstand, vermißte er die praktische Umsetzung.

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich verfaßte er einige Artikel über seine Studienerfahrung in Deutschland, woraufhin er 1887 auf eine eigens für ihn geschaffene Stelle an der Universität in Bordeaux berufen wurde. Diese war die erste Dozentur für Pädagogik und Sozialwissenschaft an einer französischen Universität. Im gleichen Jahr heiratete er Louise Dreyfus, mit der er zwei Kinder hatte.

In Bordeaux entstand der Großteil seines Werkes: Über soziale Arbeitsteilung (1893), Die Regeln der soziologischen Methode (1895) und Der Selbstmord (1897). Außerdem gründete er 1898 die „Année Sociologique“2 und baute eine Schule, die „équipe durkheimienne“3.

1902 berief ihn die Sorbonne nach Paris, wo er „[...] einen immensen akademischen und politischen Aktionsradius [...]“4 entwickelte. In Paris verfeinerte er seine bisher entwickelten Theorien und publizierte 1912 sein Standardwerk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“. Im ersten Weltkrieg verlor er 1916 seinen Sohn. Das war für ihn ein schwerer Schlag, von dem er sich nicht mehr erholte. Am 15. November 1917 starb Emile Durkheim im Alter von 59 Jahren.

3. Definition des Selbstmordbegriffs (nach Durkheim)

Der Begriff Selbstmord scheint alltagssprachlich klar definiert und abgegrenzt zu Durkheim begegnet der scheinbaren Eindeutigkeit der Alltagssprache allerdings mit Skepsis, so daß er es für notwendig hält, seiner Untersuchung „Der Selbstmord“ in der Einführung eine genauere und -vor allen Dingen- wissenschaftliche Definition des Phänomens voranzustellen. Diese Definition erweitert den allgemein gebräuchlichen Selbstmordbegriff, schließt aber auch bewußt Kategorien wie z.B. den tierischen Selbstmord aus. Vor allen Dingen aber nimmt sie spätere Erkenntnisse Durkheims vorweg, indem sie Selbstmorde nicht als

„[...] isolierte Klasse von monströsen Erscheinungen ohne Beziehung zu den anderen Verhaltensweisen [...]“5

begreift, sondern als selbstbestimmte und bewußte Handlung des Täters, also durchaus verwandt mit profaneren Alltagspraktiken, womit sich auch die gesellschaftliche Relevanz des Themas bereits andeutet.

Durkheim beginnt seine Argumentation mit der Feststellung, daß der Tod des Selbstmörders eine Folge seiner eigenen Handlung ist, wobei Handlung aber auch das simple Unterlassen von lebenserhaltenden Aktionen bedeuten kann.

„Damit der Begriff Selbstmord zutrifft, genügt es, wenn die Handlung, die notwendigerweise den Tod zur Folge hat, von dem Opfer in voller Kenntnis vorgenommen wird.“6

Außerdem ist eine zeitliche Trennung von Selbstmordhandlung und Tod möglich, d.h. der Tod muß nicht direkt auf die Selbstmordhandlung folgen. Auch muß der Selbstmörder nicht identisch sein mit der Person, die die eigentlich lebensbeendende Handlung durchführt. So ist auch die bewußt in Kauf genommene Todesstrafe eine Form von Selbstmord.

Da aber ein Großteil menschlicher Todesfälle direkt oder indirekt auf eine Handlung des Opfers zurückgeführt werden kann, bedarf es eines weiteren Merkmals, um die Kategorie des Selbstmords stärker abzugrenzen. Den vermuteten Todeswunsch des Opfers kann man hierzu nicht heranziehen, weil menschliche Ziele und Absichten nur schwer beobachtbar und somit wissenschaftlich (zumindest soziologisch) kaum verwertbar sind.

Durkheim versteht Selbstmord deswegen nicht als den Willen zum Tod, eben weil dieser Wille von außen nicht oder kaum erkennbar ist. Statt dessen definiert er ihn als Verzicht auf das Leben und verlagert dadurch den Schwerpunkt der Beobachtung vom Motiv auf das Handeln des Opfers, weil bei dieser Kategorisierung die wichtige Eigenschaft des Selbstmords erhalten bleibt,

„[...] daß der ihn verewigende Akt in voller Kenntnis der Wirkung vorgenommen wird [...]“7.

Der Selbstmörder kennt also die mögliche Folge seines Handelns, und dabei ist es zweitrangig, ob er trotz oder wegen dieser Konsequenz so agiert. Durkheims vollständige Definition des Selbstmords lautet also:

„Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.“8

4. Der Selbstmord als soziologisches Problem (nach Durkheim)

Dieses Kapitel steht unter der Fragestellung, inwieweit ein Phänomen wie der Selbstmord, der gemeinhin aufgrund seines scheinbar individuellen Charakters eher als ein Forschungsgegenstand der Psychologie gesehen wird, von Durkheim als soziologisches (gesellschaftliches) Problem definiert wird. Voraussetzung für die Einordnung des Selbstmords in den Bereich der Soziologie ist der Beweis, daß die Erklärung

„[...] weder in der organisch-psychischen Verfassung der Individuen noch in der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt [...]“9

zu finden ist.

Grundlage seiner Beweisführung ist die Beobachtung von langfristig relativ konstanten Selbstmordraten in verschiedenen europäischen Ländern. Diese Feststellung führt ihn zunächst dazu, nach Faktoren (außerhalb des Individuums) zu suchen, die die Selbstmordrate beeinflussen und in den verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgeprägt sind. Es scheint auf den ersten Blick naheliegend, die Ursachen in außergesellschaftlichen Tatsachen zu suchen, welche in den beobachteten Ländern ebenfalls sehr variabel sein können. In seiner Untersuchung erforscht er den Zusammenhang zwischen Selbstmord und Geisteskrankheit, Rasse (Erblichkeit), kosmischen Faktoren und Nachahmung.

4.1. Selbstmord und Geisteskrankheit

Wenn ein relevanter Zusammenhang zwischen Selbstmord und Geisteskrankheit bestünde, dann müßte zunächst bewiesen werden, daß zumindest ein Großteil der Selbstmörder geisteskrank ist, was u.a. die Existenz einer Selbstmord-Psychose bedeuten würde, „[d]a die Selbstmordneigung ihrer Natur nach spezifisch und eng umgrenzt ist [...]“10. Eine solche Monomanie (auf einen bestimmten Akt fixierte Wahnvorstellung) müßte folglich klinisch als isolierte krankhafte Veränderung des Geistes nachweisbar sein. Durkheim findet aber keinen Beleg dafür, daß die geistigen Funktionen in dem Maße voneinander trennbar sind, wie die Monomanie es erfordern würde. Statt dessen sind scheinbar Monomane bei näherer Beobachtung auch in anderen geistigen Funktionen gestört. „Wenn es demnach keine Monomanien gibt, dann gibt es auch keinen Selbstmord deswegen und dann ist auch der Selbstmord keine besondere Geisteskrankheit.“11

Selbst wenn der Selbstmord keine Geisteskrankheit ist, besteht noch immer die Möglichkeit, daß er nur im Zustand des Irrsinns verübt wird. Um diese Frage zu beantworten, klassifiziert er die von Geisteskranken verübten Selbstmorde nach ihren wesentlichen Merkmalen. Ziel dieser Klassifizierung ist die Herausbildung von Haupttypen der im Irrsinn verübten Selbstmorde und die Nachprüfung, ob sich alle Selbstmorde in ein solches System einordnen lassen.12 Allen Typen ist gemeinsam, daß ihre Motive entweder ganz fehlen oder imaginär sind. Da man Selbstmorde allgemein aber nicht als motivlos bezeichnen kann, kann auch nicht jeder Selbstmord einen Rückschluß auf Geisteskrankheit geben.

Es gibt aber auch ein Stadium zwischen geistig gesund und krank (Neurasthenie). Wenn diese Form psychischer Labilität der entscheidende Faktor für Selbstmord ist, müßte sich dieser Zusammenhang statistisch erfassen lassen. Aus diesem Grund vergleicht Durkheim die Häufigkeit von Selbstmord bei Männern und Frauen mit dem geschlechtsspezifischen Auftreten von Geisteskrankheiten. Obwohl Geisteskrankheit bei Männern und Frauen ungefähr gleich oft festgestellt wird, tritt der Selbstmord bei Männern sehr viel häufiger auf. Ähnliche Ergebnisse erbringt der Vergleich von Selbstmorden und Geisteskrankheit bei verschiedenen Religionen.

Diese Ergebnisse führen zu dem Schluß, daß kein psychopathischer Zustand in regelrechtem, unbestreitbarem Zusammenhang mit der Selbstmordrate steht. Geistige Degenerationen können zwar einen geeigneten Boden für Selbstmord liefern, sind aber nicht selbst seine Ursache.

4.2. Selbstmord und psychologisch normale Zustände, Rasse, Erblichkeit

Auch wenn der Selbstmord also weder eine Geisteskrankheit ist noch ausschließlich von dieser verursacht wird, so bedeutet das noch nicht, daß die Ursachen tatsächlich in gesellschaftlichen Zuständen zu suchen sind. Es gibt noch eine Vielzahl möglicher Gründe, die innerhalb des Individuums liegen. Durkheim stellt die Überlegung an, ob die unterschiedliche Anfälligkeit für Selbstmord in den verschiedenen Ländern in der Rasse13 begründet liegt und somit vererbt wird. Um dieser Frage nachzugehen, untersucht Durkheim die Selbstmordrate bei den vier verschiedenen in Europa auftretenden Rassen (Volkstypen):

- germanischer Typ
- kelto-romanischer Typ
- slawischer Typ
- Ural-Altai Typ

Ergebnis dieser Untersuchung ist der Nachweis unterschiedlicher Selbstmordraten bei den verschiedenen Typen. Dieses Ergebnis führt zu der Frage, ob diese Unterschiede in der Rasse begründet liegen oder ob die Erklärung in ganz anderen Bereichen gesucht werden muß.

Zur Beantwortung dieser Frage untersucht Durkheim die unterschiedlichen Selbstmordraten von Angehörigen der gleichen Rasse, die aber in verschiedenen Ländern leben. Diese Untersuchung führt zu dem Ergebnis, daß die Selbstmordrate zwar von Land zu Land variiert, ein Zusammenhang zwischen Selbstmord und Rasse aber nicht beobachtbar ist, da in verschiedenen Ländern, in denen Menschen der gleichen Rasse leben (z.B. Frankreich und Italien), die Selbstmordrate sehr verschiedenen ist. Die Ursachen für Selbstmord sind demnach nicht in der Rasse zu suchen.

Im nächsten Schritt untersucht Durkheim, ob die Neigung zum Selbstmord vererbt wird. Das würde eine bestimmte körperliche Konstitution von Selbstmördern voraussetzen, in der sie sich von anderen Menschen unterscheiden. Diese mögliche abweichende körperliche Konstitution bezeichnet Durkheim als

„[...]eine Art psychologischen Mechanismus, [...]der im gewissen Sinn selbständig abläuft und nicht sehr verschieden ist von einer Monomanie und dem aller Wahrscheinlichkeit nach ein ebenso bestimmter physiologischer Mechanismus entsprechen würde.“14

Da die Beobachtungen, die bezüglich der Erblichkeit von Selbstmord gemacht wurden, fast ausschließlich von Psychiatern an Geisteskranken verzeichnet wurden, stellt sich die Frage, ob wirklich die Neigung zum Selbstmord oder nicht vielmehr die Geisteskrankheit vererbt wird, deren häufiges, aber doch zufälliges Symptom der Selbstmord ist.

Mit dieser Überlegung gibt Durkheim sich noch nicht zufrieden, da auch in Familien, in denen keine Geisteskrankheiten auftreten, verstärkt Selbstmorde beobachtet wurden. Wenn es sich bei diesen Fällen um Vererbung handelte, dann müßte ein ungefähr gleich häufiges Auftreten bei Männern und Frauen zu verzeichnen sein, da der Selbstmord kein Geschlechtsmerkmal ist und somit an beide Geschlechter in gleichem Maße vererbt werden müßte. Wie aber schon im letzten Kapitel aufgeführt wurde, bringen Männer sich viel häufiger um als Frauen. Auf Grundlage dieser Überlegungen muß man von der Vermutung Abstand nehmen, Selbstmord liege in der Rasse begründet oder sei erblich. Es gibt sicherlich gewisse Charakterzüge, die den Selbstmord begünstigen und die bei den Nachkommen auch im gleichen Alter auftreten können wie sie bei den Eltern/Vorfahren zum Vorschein gekommen waren. Es ist aber nicht nachweisbar, daß ein solcher Charakterzug allein Ursache des Selbstmords ist, denn

„[d]er individuelle Zustand, der ihn begünstigt, besteht nicht in einem bestimmten und automatischen Trieb (abgesehen von Psychosen), sondern in einer ganz allgemeinen und vagen Bereitschaft, die je nach den Umständen verschiedene Formen annehmen kann, die den Selbstmord wohl zuläßt, aber nicht notwendig impliziert, und ihn folglich nicht erklärt.“15

4.3. Selbstmord und kosmische Faktoren

Unter kosmischen Faktoren versteht Emile Durkheim einerseits das Klima und andererseits die jahreszeitliche Temperatur. Ob die individuelle Veranlagung zum Selbstmord in Verbindung mit diesen an Bedeutung gewinnt, soll an dieser Stelle untersucht werden. Aus diesem Grund prüft er den Zusammenhang zwischen Selbstmordrate und Breitengrad. Ein solcher Zusammenhang ist aber nicht erkennbar, da Gebiete mit gleichem Klima sehr unterschiedliche Selbstmordraten aufweisen. Die signifikant höhere Selbstmordrate in der Zone des gemäßigten Klimas ist in dessen verschiedenen Regionen nicht konstant, sondern gruppiert sich vielmehr um die großen Zivilisationszentren, z.B. die Ile-de-France. Diese Beobachtung führt Durkheim zu dem Schluß, die Ursachen für die Selbstmordanfälligkeit weniger im Klima als im Wesen der jeweiligen Zivilisation zu suchen.

Dieser zivilisatorische Einfluß läßt sich auch anhand einer anderen Beobachtung nachweisen. Statistiken weisen eine gewisse Regelmäßigkeit zwischen der Jahreszeit und der Selbstmordhäufigkeit auf. Diese Beobachtung scheint auf den ersten Blick das Vorurteil zu stützen, die Jahreszeiten hätten Einfluß auf die Psyche des Menschen. In dem Zusammenhang ist es aber merkwürdig, daß die Statistik die höchste Selbstmordrate im Sommer und nicht in der dunklen Jahreszeit aufweist. Das führte einige Forscher zu der Annahme, höhere Temperaturen als selbstmordfördernd anzusehen. Um diese Auffassung zu widerlegen, vergleicht Durkheim die Selbstmordrate der verschiedenen Monate in unterschiedlichen Ländern. Trotz durchaus vergleichbarer Temperaturwerte, bleibt die Selbstmordrate sehr variabel. Außerdem war vorher schon festgestellt worden, daß in den wärmeren südlichen Ländern die Selbstmordrate nicht höher ist als in nördlichen.

Diese Beobachtung veranlaßte Durkheim dazu, die Ursache weniger in der Temperatur als in der Intensität des gesellschaftlichen Lebens zu vermuten. Dieses wiederum steht in Abhängigkeit zur durchschnittlichen Tageslänge16. Die Vermutung bestätigt sich insoweit, als daß ein Vergleich der durchschnittlichen Tageslänge mit der Selbstmordrate deutliche Parallelen aufzeigte. Da die Intensität des gesellschaftlichen Lebens ebenfalls mit der Jahreszeit (also auch mit der durchschnittlichen Tageslänge) korrespondiert, liegt die Schlußfolgerung nahe, diese beiden Größen miteinander in Beziehung zu setzen. Er stützt diese These durch die statistische Erfassung der Häufigkeit von Suiziden zu verschiedenen Tageszeiten bzw. an verschiedenen Wochentagen. In Zeiten der Ruhe (mittags und am Wochenende), zu denen das gesellschaftliche Leben stagniert, ist eine Abnahme der Selbstmorde zu verzeichnen. Untermauert wird diese Überlegung durch die geringeren zeitlichen Schwankungen der Selbstmordrate in großen Städten, in denen das gesellschaftliche Leben konstanter verläuft als auf dem Land. Somit ist der erste unwiderlegbare Bezug zwischen Selbstmord und Gesellschaft hergestellt.

4.4. Selbstmord und Nachahmung

Die Nachahmung ist der letzte psychologische Faktor, dessen Einfluß auf den Selbstmord noch ungeklärt ist. Durkheims Nachahmungsbegriff ist ein Synonym für die Kopie, welche keinen anderen Zweck als das Kopieren verfolgt.

Denkvorgänge spielen hierbei keine Rolle, auch hat Nachahmung keinerlei gesellschaftliche Relevanz. „Wenn man von Nachahmung spricht, dann schwingt die Vorstellung von Ansteckung mit, und man ersetzt, übrigens nicht ohne Grund, ganz leicht den einen durch den anderen Begriff.“17 Damit Nachahmung in dieser Weise stattfinden kann, müssen drei Bedingungen erfüllt sein:

- Eine Region mit hoher Selbstmordrate, die nachgeahmt werden kann
- Diese Region muß ein Brennpunkt für Nachbarregionen sein
- Die Ansteckung muß in der nächsten Umgebung am prägnantesten sein

Bei der Beobachtung der verschiedenen Arrondissements Frankreichs im Hinblick auf diese Kriterien macht er verschiedene Feststellungen:

Die vermuteten regionalen Brennpunkte sind nicht die Orte mit der höchsten Selbstmordrate. Darüber hinaus läßt sich keine konzentrische Ballung der Selbstmorde um gewisse Herde feststellen. Daraus folgert Durkheim, daß der Selbstmord nicht von lokalen Umständen abhängt, die von Stadt zu Stadt variieren, sondern daß seine Bedingungen von einer gewissen Allgemeinheit sind. „Es ist also ganz natürlich, daß überall da, wo die Umwelt gleich ist, sie auch gleiche Folgen zeitigt, ohne daß von Nachahmung überhaupt die Rede sein kann.“18

4.5. Schlußfolgerungen

Aufgrund dieser Ergebnisse ist die Abhängigkeit des Selbstmords vom sozialen Umfeld nachgewiesen. Somit ergibt sich eine soziale Selbstmordrate, die unabhängig von individualpsychologischen und anderen außergesellschaftlichen Faktoren ist, also nur in Abhängigkeit von der sozialen Umwelt variiert. Jede gesellschaftliche Gruppe hat also eine ihr eigene Tendenz zum Selbstmord, so daß diese als Kollektiverscheinung definiert werden kann. In welchen Variationen diese Neigung auftreten kann, ist Gegenstand des nächsten Kapitels.

5. Verschiedene Typen des Selbstmords

Nachdem als Ergebnis des vorherigen Kapitels die Erkenntnis der spezifischen Selbstmordtendenz jeder sozialen Gruppe festgehalten werden kann, ist es nun Ziel dieses Kapitels, die Erklärung für dieses Phänomen zu suchen. Wir haben bereits dargestellt, daß die Neigung zum Selbstmord weder in der organisch- psychischen Veranlagung des Individuums noch in seiner physischen Umgebung liegt. Die Ursachen sind somit also in der sozialen Umgebung der jeweiligen Individuen zu suchen.

5.1. Bestimmungsverfahren

Um eine Erforschung solcher Ursachen durchzuführen, ist es zunächst notwendig herauszufinden., ob es eine einzige soziale Ursache gibt oder ob man nicht eher eine Summe sozialer Faktoren als Ursache in Betracht ziehen muß. Um diese Grundfrage zu beantworten, wäre es am einfachsten, möglichst viele Selbstmorde auf ihre Verschiedenheit/Ähnlichkeit hin zu untersuchen. Da es Durkheim aber nicht möglich war, so viele Fälle zu erforschen, daß das Ergebnis repräsentativ sein würde, wählte er eine andere Methode:

Sein Ausgangspunkt war, die Klassifizierung von Selbstmord in Abhängigkeit von den sozialen Ursachen vorzunehmen. Es kann nur so viele verschiedene Arten von Selbstmord geben wie es auch Ursachen für diesen gibt. Anstelle von einem morphologischen wählte Durkheim also ein ätiologisches Ordnungssystem. Nachteil dieses Systems ist die Festsetzung unterschiedlicher sozialer Ursachen, ohne sie überhaupt nachgewiesen zu haben, aber wenn die Art der Ursache bekannt ist, kann man von ihr auch auf die Art der Wirkung schließen, deren Klassifizierung schon durch die Zurückführung auf die jeweiligen Quellen vorgenommen worden ist.

Die Bestimmung der Ursachen wurde durch die Motivverzeichnung bei gerichtlichen Erhebungen vorgenommen. Ergebnis war die Beobachtung einer relativen Konstanz in der prozentualen Verteilung der individuellen Ursachen trotz einer an sich immens ansteigenden Selbstmordrate. Aus dieser Feststellung folgerte Durkheim, daß alle Ursachen auf einmal sehr viel intensiver geworden sein müßten, was aber ein großer Zufall wäre. Aufgrund dieser geringen Wahrscheinlichkeit verwarf Durkheim diese Überlegung und folgerte aus seinen Beobachtungen, daß alle die genannten individuellen Ursachen im Prinzip Abbildungen von einem allgemeinen Zustand sind, was dazu führt, eigentlich diesen als wahre Ursache zu betrachten.19

Diese Überlegung führte Durkheim letztlich zu dem Schluß ,die Art des sozialen Milieus zu untersuchen, das die Selbstmordrate schwanken läßt und die so herauszustellenden gesellschaftlichen Ursachen schließlich auf ihre Wirkung auf das Individuum hin zu untersuchen.

5.2. Der egoistische Selbstmord

Den ersten sozialen Selbstmordtyp, den Durkheim betrachtet, ist der „ egoistische Selbstmord20. Seine erste Beobachtung in diesem Zusammenhang gilt dem Selbstmordverhalten in verschiedenen Religionen (Katholiken, Protestanten und Juden). Ergebnis dieser Beobachtung ist die Herauskristallisierung eines Maximums an Selbstmorden bei den Protestanten. Die Stellung der Katholiken im Vergleich zu den Juden variiert in Abhängigkeit von dem untersuchten Gebiet. Daß dieses Maximum bei den Protestanten wirklich in der Konfession und nicht in der Kultur begründet liegt, beweist Durkheim durch den Vergleich des Selbstmordverhaltens zwischen Katholiken und Protestanten, die im gleichen Land leben und somit auch unter denselben kulturellen Bedingungen und Einflüssen.

Diese Beobachtung gilt es nun zu erklären: Es ist unbestreitbar, daß die Juden in vielen Ländern eine Minderheit darstellen. Diese Tatsache läßt die Vermutung entstehen, der Selbsterhaltungstrieb sei bei Minderheiten stärker ausgeprägt. Diese Vermutung wird durch Ergebnisse des schon vorher durchgeführten Vergleichs des Verhaltens zum Selbstmord zwischen Katholiken und Protestanten gestützt. Selbst wenn die höhere Rate bei den Protestanten unwiderlegbar ist, so ist diese in Gegenden, in denen die Protestanten eine Minderheit darstellen doch weniger drastisch zu beobachten.

Der Minderheitenstatus allein kann aber diese starken Unterschiede im Selbstmordverhalten der unterschiedlichen Religionen nicht erklären, da auch in Gebieten, in denen die Katholiken in der Mehrheit sind, diese sich trotz des Minderheitenstatus der Protestanten, seltener umbringen. Somit muß neben dem Minderheitenstatus der Grund auch im Wesen der Religion liegen. Beide (Protestantismus und Katholizismus) verbieten den Selbstmord, was Durkheim zu dem Schluß führt, die unterschiedliche Wirkung auf die Selbstmordrate in allgemeineren Ursachen zu suchen. Aus dem Grund stellt er die Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus heraus. Dieser Vergleich resultiert in der Feststellung, daß der Protestantismus im Gegensatz zum Katholizismus mehr freie Forschung zuläßt uns stärker als religiöser Individualismus zu bezeichnen ist als der Katholizismus, in welchem es eine klar definierte und strukturierte Hierarchie von Autoritäten gibt.

Das erste Teilergebnis dieser Untersuchung ist für Durkheim somit, den Grund für die Selbstmordanfälligkeit bei Protestanten in der freien Forschung zu sehen, welche natürlich auch den Geist der Religion bestimmt. Dieses Ergebnis ist aber auch wieder nur die Folge einer anderen Ursache. Das Bedürfnis nach einer solchen Freiheit in der Forschung kann laut Durkheim erst in dem Moment aufkommen, in dem nicht durchdachte, sondern einfach hingenommene Vorstellungen und Gefühle ins Wanken geraten und durch keine neuen ersetzt werden. Die Möglichkeit, frei Kritik zu äußern, vervielfacht Spannungen nicht nur, sondern setzt diese sogar voraus. Überträgt man diese Überlegung nun wieder auf den ursprünglichen Vergleich zwischen Katholiken und Protestanten, so gelangt man logischerweise zu dem Schluß, im Protestantismus weniger allgemeingültige Glaubensvorstellungen zu sehen, da dieser den eigenen Gedanken des Individuums mehr Platz bietet als der Katholizismus. Der Grund für die höhere Selbstmordrate bei Protestanten liegt demnach also in der weniger starken Integrität der Institution Kirche. Die Überlegung kann durch die niedrige Selbstmordrate bei Juden gestützt werden, da bei ihnen aufgrund der Verfolgung durch die Christen ein stärkerer Zusammenhalt gefordert war.21

Man kann also einerseits festhalten, daß die Zahl der Selbstmorde sich proportional zum Stand der Bildung entwickelt. es wäre allerdings falsch, der Bildung die Schuld am Selbstmord zu geben, denn

„[d]er Mensch sucht Bildung und ergibt sich dem Tod, weil die Glaubensgemeinschaft der er angehört, ihren Zusammenhang eingebüßt hat. Aber er sucht den Tod nicht, weil er sich bildet. Es ist nicht einmal Bildung selbst, die den Glauben zerstört, sondern das Bedürfnis nach Wissen erwacht erst mit der Auflösung des Glaubens. Bildung wird nicht erstrebt, um damit Tradiertes zu stürzen, sondern weil dies bereits im Fallen ist.“22

Andererseits zeigen diese Erkenntnisse, daß die Religion zwar als Prophylaxe zum Selbstmord gesehen werden muß, dies aber nicht in ihrer Heilslehre begründet liegt, sondern in der Gemeinschaft, die sie bildet, denn - so Durkheim - es ist wichtig, dem kollektiven Dasein genügend Inhalt zu geben.

Um die enorme prophylaktische Wirkung eines kollektiven Zusammenhalts auf die Selbstmordrate noch zu unterstützen, untersucht Durkheim im weiteren Verlauf seiner Ausführungen über den egoistischen Selbstmord die Wirkung anderer sozialer Ordnungen. Wir hatten festgestellt, daß es nicht die Heilslehre der Religion, sondern ihre kollektive Gemeinschaft ist, die die prophylaktische Wirkung ausübt. Aus dem Grund vergleicht Durkheim außerdem die Selbstmordrate bei Verheirateten und Nicht-Verheirateten. Im besonderen geht er auch auf die Familiendichte (da er die Familie ebenso wie die Religion als soziale/kollektive Gemeinschaft auffaßt) ein, indem er unter den Verheirateten noch einmal unterscheidet zwischen Ehen mit und ohne Kindern.

„Die Familie ist ein mächtiger Schutz gegenüber dem Selbstmord und wirkt umso nachhaltiger, je fester sie gefügt ist.“23

So formuliert Durkheim das Ergebnis seiner Überlegungen und Untersuchungen bezüglich des Verhältnisses zwischen der Familie und dem Selbstmord.24 Die gleichen Beobachtungen macht er am Beispiel von politischen Gesellschaften. Die Beobachtungen der Geschichte zeigen, daß mit zunehmendem Verfall der Gesellschaft, d.h. dem Zerfall eines kollektiven Bewußtseins die Selbstmordrate steigt.25

Die nun noch offenstehende Frage ist die, warum Durkheim in dem Zusammenhang vom egoistischen Selbstmord spricht. Ist demnach jeder Mensch, der aufgrund der Auflösung des Kollektivs Selbstmord begeht, als egoistisch zu charakterisieren?

Um die Frage zu beantworten, muß zunächst Durkheims Definition von Egoismus und seine Herleitung derselben näher beleuchtet werden.

Es ist festgestellt worden, daß die Entfremdung von der Gesellschaft/die Auflösung des Kollektivs den Selbstmord fördert. Bei einer Entfremdung von der Gesellschaft steigt aber die Wichtigkeit der persönlichen Gefühle, was dazu führt, daß der einzelne sich über das Kollektiv stellt. Das führt Durkheim dazu, Egoismus als einen Zustand zu definieren, in dem das individuelle Ich sich erfolgreich gegenüber dem sozialen Ich26 behauptet. Bei einer starken Integration der Gesellschaft läßt diese dagegen nicht zu, daß ihre einzelnen Mitglieder nach Belieben über sich verfügen. Bei einem solchen gesellschaftlichen Zustand werden somit auch persönliche Niedergeschlagenheit oder Mißerfolge von der Kraft des Kollektivs aufgefangen.

Aufgrund dieser Überlegungen kann man das Ergebnis dieses Kapitels so formulieren, daß ekzessiver Individualismus (Egoismus) nicht nur ein günstiges Klima für Selbstmord ist, sondern an sich schon als seine Ursache zu definieren ist, da der Mensch in seinem Leben etwas braucht, das über ihm steht, d.h. ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt.

5.3. Der altruistische Selbstmord

Die Grundlage für die Herausbildung dieses zweiten Typs des Selbstmords war für Durkheim seine Beobachtung, daß eine nicht genügend ausgeprägte Individualität genauso zum Selbstmord führen kann wie eine übermäßige Vereinzelung wie es beim egoistischen Selbstmord der Fall war.

Altruismus ist das genaue Gegenteil vom Egoismus. So wie im Egoismus nur das Ich zählt, gibt es im Altruismus nur das Kollektiv. Das Ich gehört nicht sich selbst, sondern es vermengt sich mit Dingen außerhalb seiner selbst. Während der Egoist traurig ist, weil er auf der ganzen Welt nichts Wirkliches sieht als sich selbst, ist der Altruist alleine nicht lebensfähig, was ihn seine Ziele, die dem Egoisten ganz fehlen, außerhalb des Lebens sehen läßt, so daß das Leben eigentlich zum Hindernis wird.

Betrachtet man primitive Gesellschaften, so lassen sich sehr wenige Fälle von egoistischem Selbstmord feststellen. Dafür treten hier andere Formen des Selbstmords auf, die ihre Begründung in einer grundlegend anderen Auffassung vom Leben überhaupt finden. Oftmals herrscht in solchen Gesellschaften die Meinung, es sei eine Schande, den Todestag abzuwarten. Der Selbstmord wird gesellschaftlich als gut angesehen. Oftmals droht die Gesellschaft bei Nicht- Tötung sogar mit Sanktionen, womit sie indirekt den Selbstmord also fordert.

Eine Gesellschaft, die von ihren Mitgliedern fordern kann, sich selbst zu töten, kann dem Leben des einzelnen keinen besonderen Wert beimessen. Das Individuum an sich bedeutet nichts, sondern geht ganz im Kollektiv auf, und die so entstehende Gesamtheit ist eine in Form und Zeit festgefügte Einheit, die auch nicht gestört werden darf. Die einzelnen Mitglieder der Gruppe leben alle das gleiche Leben außerhalb dessen der Aufbau einer eigenen Umwelt unmöglich ist.

Der einzelne wird zu einem beliebigen Teilchen ohne besonderen Wert und somit austauschbar. Da der einzelne sich folglich nur über das Kollektiv definieren kann, wird er Angriffen vom Kollektiv gegenüber wehrlos.

Der altruistische Selbstmord ist eine Gattung, innerhalb derer es verschiedene Spielarten gibt. Durkheim kommt in seiner Untersuchung zu drei verschiedenen Typen:

1. obligatorischer altruistischer Selbstmord: Bei diesem Typ des altruistischen wird der Druck, den die Gesellschaft auf den einzelnen ausübt, als Pflicht gesehen. Sie zwingt somit den einzelnen dazu, sich umzubringen.
2. Fakultativer altruistischer Selbstmord: Diese Unterart des altruistischen Selbstmords bezeichnet solche Fälle, in denen die Gesellschaft den Selbstmord zwar nicht ausdrücklich fordert, diesen aber doch respektiert.
3. Ü berspitzt altruistischer Selbstmord: Als überspitzt altruistisch oder auch mystisch werden die Selbstmorde bezeichnet, bei denen der Selbstmörder den Tod sucht, um sich des irdischen Seins zu entledigen, welches er als Qual empfindet. Diese Unterart des altruistischen Selbstmords findet man beispielsweise oft im Hinduismus oder im Jäinismus, dessen Anhänger glauben, daß das, was wirklich im Individuum ist, diesem fremd ist. Die Seele ist nicht die eigene Seele, und darum gibt es auch keine individuelle Existenz.

Den altruistischen Selbstmord findet man hauptsächlich in pantheistischen27 Gesellschaften. Der eigentliche Grund für den mystischen altruistischen Selbstmord liegt also nicht in der Religion, sondern in der pantheistischen Gesellschaftsstruktur, die sich in der Religion abbildet.

Der altruistische Selbstmord tritt in der Regel nur in primitiven Gesellschaften auf. In fortschrittlichen Gesellschaften tritt diese Form des Selbstmords ausschließlich beim Militär auf, wo auch Tendenzen zur Verneinung und Aufgabe der Individualität zu beobachten sind.28

Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß jeder altruistische Selbstmord als Opfer für die Gesellschaft gesehen werden muß, über die sich die entsprechenden Individuen ausschließlich definieren.

5.4. Der anomische Selbstmord

Als Anomie definiert Durkheim einen Zustand der gestörten Ordnung, in dem es kein Maß mehr gibt, die Bedürfnisse folglich nie befriedigt werden und in dem der Wettbewerb ständig schärfer wird und in eine Auflösung der Klassen mündet. Resultat eines solchen Zustands ist die Abnahme des Lebenswillens. Wie wir im Kapitel über den altruistischen und auch in dem über den egoistischen Selbstmord gezeigt haben, ist der Zusammenhang zwischen der Gesellschaft und der Selbstmordrate unbestreitbar. In diesem Kapitel soll nun gezeigt werden, daß die Gesellschaft nicht nur das Denken und Handeln der Individuen beansprucht, sondern auch eine Macht darstellt, die über sie bestimmt. Aufgrund dieser Überlegung formuliert Durkheim die These, daß zwischen der Art und Weise wie die Gesellschaft diese Funktion ausübt und der sozialen Selbstmordrate ein Zusammenhang besteht.

Grundlage dieser These war die Beobachtung einer steigenden Selbstmordrate in Abhängigkeit zu Bewegungen in der Wirtschaft. Hierbei erwies sich die zuerst angenommene Vermutung, Wirtschaftskrisen seien selbstmordfördernd als nicht zutreffend, da die Selbstmorde nicht nur während der Krisen besonders hoch waren, sondern auch zu Zeiten der Hochkonjunktur. Daraus kann man folglich schließen, daß Eingriffe in die soziale/kollektive Ordnung (Wirtschaftsschwankungen) sich in der Selbstmordrate widerspiegeln. Daß der Frust bei Krisen vergrößert wird und somit die Selbstmordanfälligkeit steigt, erscheint noch recht leicht nachvollziehbar, aber warum Menschen sich auch in Zeiten häufiger umbringen, in denen die Verhältnisse sich zu verbessern scheinen, muß genauer untersucht werden.

Bei der Suche nach einer Erklärung setzt Durkheim bei den Bedürfnissen an. Er vertritt den Standpunkt, daß Bedürfnisse bei Nicht-Befriedigung mit der Zeit verkümmern. So erklärt er auch die relativ niedrige Selbstmordrate der armen Länder.

Reiche Industrienationen oder auch Zeiten der wirtschaftlichen Hochkonjunktur sind dadurch gekennzeichnet, daß die Lebensverhältnisse dort sehr gut sind. So wie die Bedürfnisse bei Nicht-Befriedigung abnehmen, nehmen sie bei der Möglichkeit der Befriedigung immer stärker zu, d.h. um so besser die Lebensverhältnisse sind, desto größer sind auch die Bedürfnisse. Auf diese Weise entsteht also ein endloses Streben nach mehr, so daß - egal wie gut die Verhältnisse sind - man unter ständiger Unbefriedigung leidet.

Es scheint also eine Instanz notwendig zu sein, die dem unbegrenzten menschlichen Streben Grenzen setzt. Diese Grenzen könnte man - bildlich gesprochen - mit einem dünnen Faden vergleichen, der den Menschen am Leben hält. Diese regulative Kraft, die für die geistigen Bedürfnisse die gleiche Rolle spielt wie der Organismus für die physischen, muß von der Gesellschaft ausgeübt werden. In der Regel kommt sie dieser Aufgabe nach, indem sie Hierarchien schafft, die jedem Mitglied seinen eigenen Platz in der Gesellschaft zuweisen und die von allen akzeptiert werden. Zufriedenheit kann erst dann aufkommen, wenn jeder sich gerecht behandelt fühlt, d.h. wenn er gesellschaftlich den Platz bekleidet, von dem er selber glaubt, daß dieser ihm auch zusteht. So entsteht ein in sich geschlossenes Gefüge, welches als Kollektivautorität akzeptiert wird, aber durch Veränderung der wirtschaftlichen Lage in beschriebener Weise aus dem Gleichgewicht gerät.

„Das Gleichgewicht seines [d.h. des Menschen] Glückes ist stabil, weil es begrenzt ist, und einige Enttäuschungen können ihn nicht erschüttern.“29

Zufriedenheit und Glück sind also abhängig von Grenzen. Durkheim vertritt aber in seinem Werk die Ansicht, daß weiterhin klar sein muß, wie die sozialen Stellungen des einzelnen zustande kommen. Diese Frage stellte sich nicht, als die gesellschaftliche und soziale Stellung noch mit der Geburt festgelegt wurde. Da das Recht der Geburt in modernen Gesellschaften aber nicht mehr gilt, müssen nun neue Reglementierungen entstehen, da der notwendige moralische Druck der Gesellschaft sonst nicht mehr vorhanden ist. Eine Möglichkeit besteht darin, die gesellschaftliche Autorität, d.h. den moralischen Druck auf der Basis der Begabung aufzubauen, weil, so Durkheim, die Begabung auch in Gesellschaften, die es sich zum Ideal machen, allen Mitgliedern die gleichen Chancen einzuräumen, erblich ist.

Aus diesen Überlegungen kann man schlußfolgern, daß Anomie nur von Zeit zu Zeit Einfluß auf die soziale Selbstmordrate nehmen kann, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse sich nicht ständig ändern. Allerdings ist die Anomie in der Welt des Handels und der Industrie sowie in der Familie recht konstant anzutreffen.,30 was ihren Einfluß auf die soziale Selbstmordrate signifikanter werden läßt, als zunächst angenommen.

Abschließend ist es noch wichtig, den Unterschied zwischen dem egoistischen und den anderen Selbstmordtypen herauszustellen.

„Er unterscheidet sich dadurch, daß er nicht von der Art und Weise bestimmt ist, in der der einzelne mit seiner Gesellschaft verbunden ist, sondern in der Art, in der diese ihre Mitglieder reguliert.“31

Der Unterschied zwischen dem altruistischen und dem anomischen Selbstmord ist somit geklärt. Nicht ganz so eindeutig ist der egoistische vom anomischen Selbstmord zu trennen. Der wesentliche Unterschied besteht im kollektiven Handeln: In egoistischen Gesellschaften fehlt dieses ganz, während im Zustand der Anomie lediglich die gesellschaftliche Reglementierung im Bereich des Handelns, d.h. im Bereich der individuellen Wünsche, fehlt.

6. Aktuelle soziologische Suizidforschung (nach Lindner-Braun)

Im folgenden soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Durkheims „Der Selbstmord“ in der modernen soziologischen Selbstmordforschung Eingang findet, d.h. welchen aktuellen Anspruch seine Untersuchung nach über 100 Jahren noch erfüllen kann. Zu diesem Zweck soll an dieser Stelle eine neuere Untersuchung vorgestellt werden, nämlich „Soziologie des Selbstmords“ von Christa Lindner-Braun aus dem Jahre 1990. Es soll dabei nicht auf die ganze Arbeit eingegangen werden, sondern auf den zweiten Teil des Buches, der unter dem Titel „Gesellschaft und Suizid: Anwendung der sozialen Motivationstheorie auf die Entstehung suizidaler Handlungen in sozialen Institutionen“ steht. In diesem Abschnitt versucht Lindner-Braun die Wirkung von Wirtschaft, Massenmedien und Familie auf die Selbstmordhäufigkeit festzustellen. Diese Vorgehensweise scheint gut vergleichbar mit der von Durkheim, da auch er die institutionelle Einbindung der Menschen für den einflußreichsten Selbstmordfaktor (positiv und negativ) hielt.

Der erste Teil der Arbeit von Christa Lindner-Braun soll hier weitestgehend unbehandelt bleiben. Er beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen ihrer Thesen, die zum größten Teil auf Atkinsons Motivationstheorie zurückgehen. Wo es nötig ist, Begriffe zu erklären, wird dies anhand dieser theoretischen Grundlagen geschehen.

6.1. Soziale Institutionen und Selbstmord

Lindner-Braun versteht unter sozialen Institutionen keine bestimmten Organisationen oder gesellschaftliche Einrichtungen, sondern personale Interaktionen, die sich wiederholen und dadurch (relativ) dauerhaft werden.32 Bezugnehmend auf Atkinsons Motivationstheorie erkennt sie vier Kriterien, die Personen zu suizidalen Handlungen prädestinieren können:

1. Verfügungsmöglichkeiten über ein subjektiv adäquates Mittelpotential, d.h., über ein Mittelpotential, das der Handelnde für geeignet hält, sein Leben zu beenden.
2. Negative Handlungstendenzen, die stärker negativ ausgeprägt sind als die suizidalen Handlungstendenzen. Die Motivationstheorie geht davon aus, daß Selbstmordhandlungen vom Täter grundsätzlich negativ bewertet werden. Die Handlung wird deswegen nur dann durchgeführt, wenn alle Handlungen, die alternativ zum Selbstmord denkbar wären, noch stärker negativ bewertet werden. Selbstmord ist nach diesem Ansatz also immer „die Wahl des kleineren Übels“.
3. Zu hohe oder zu niedrige Anspruchsniveaupräferenzen. Es wird hier davon ausgegangen, daß erfolgsmotivierte Menschen häufig mittelschwere Aufgaben wählen, während Mißerfolgsmotivierte sehr schwere oder leichte Aufgaben bevorzugen, um die Chance des Scheiterns sehr gering zu halten bzw. im Falle eines Mißerfolgs die Schwierigkeit als Begründung anführen zu können. Gerade diese Mißerfolgsmotivierten scheinen aber stärker selbstmordgefährdet zu sein.
4. Asymmetrische Kausalattributionen bei der Interpretation von Handlungserfolgen. Hierbei geht es um die subjektiven Begründungen für Erfolg oder Mißerfolg. Asymmetrisch bedeutet, daß der Handelnde für erfolgreiche Handlungen eher Faktoren wie Glück oder Anstrengung, nicht aber die eigenen Fähigkeiten als Begründung heranzieht. Im Falle eines Mißerfolgs kommt dann meist einzig die eigene Unfähigkeit als subjektive Begründung in Frage.

Auf diese Kriterien wirken soziale Institutionen wiederum auf drei Arten:

1. Durch den Grad der Möglichkeit, zentrale Anreize realisieren zu können.
2. Durch die Gewährung größerer oder kleinerer Handlungsspielräume.
3. Durch die Informationsstruktur bzw. die daraus folgende Menge asymmetrischer Kausalattributionen.

In den folgenden Abschnitten soll die Wirkungsweise dieser Kriterien anhand beispielhaft aufgeführter Institutionen (Wirtschaft, Massenmedien) geprüft und erklärt werden.

6.2. Suizid und Wirtschaft

Der Wirtschaftsbereich gehört in den modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaften sicherlich zu den wichtigsten Institutionen. Daß wirtschaftliche Verhältnisse sich auf die soziale Selbstmordrate auswirken, läßt sich auch empirisch nachweisen. Schon Durkheim wies nach, daß Armut eine gewisse Schutzfunktion gegenüber Selbstmorden ausübt33. Auch heute noch weisen die armen Länder im allgemeinen weniger Selbstmörder auf als die reichen. Die Selbstmordraten der Wohlstandsländer sind allerdings überraschend heterogen. „Überfluß alleine bedingt demnach keine erhöhte Suizidanfälligkeit der Gesellschaftsmitglieder, aber materieller Mangel [...] schützt eher vor Selbstmord.“34

Um den Zusammenhang zwischen Selbstmord und Wirtschaft aufzuzeigen, bedient sich Lindner-Braun des Durkheimschen Anomiebegriffs. Sie betont dabei die normative Integrationskraft der Gesellschaft, d.h. die Sanktionierung von Anomie. Größere Integration resultiert dann in geringeren Handlungsspielräumen35 für das einzelne Gesellschaftsmitglied, wodurch wiederum die Setzung zu hoher Anspruchsniveaus erschwert wird.

Die niedrige Selbstmordrate in den Entwicklungsländern könnte mit einem solchen eingeengten Handlungsspielraum sicherlich erklärt werden, aber die großen Unterschiede zwischen den Industrieländern klären sich hierdurch eher nicht. Lindner-Braun vermutet, daß diese Zusammenhänge eher in der unterschiedlichen Art der Sozialisation in den verschiedenen Ländern zu suchen sind.

Ihre Theorie bezieht sie vor allen Dingen auf die Selbstmordimmunität von Frauen. Während die Frau für Durkheim als instinktiveres Wesen weniger selbstmordgefährdet ist, bestreitet Lindner-Braun diesen Biologismus und führt die Selbstmordrate der Frauen auf deren (bis heute) geringeren Handlungsspielraum zurück. Empirisch läßt sich dies belegen durch die Parallelität von Selbstmordhäufigkeit und Erwerbstätigkeit bei Frauen. Je mehr Frauen erwerbstätig sind, desto mehr Frauen nehmen sich das Leben, in einigen Berufen sogar häufiger als Männer. Erwerbstätigkeit geht aber einher mit größeren Handlungsspielräumen und damit möglicher Anomie.

Betrachtet man verschiedene Berufe im Hinblick auf Suizidhäufigkeit, ist zunächst auffallend, „daß die Suizidgefährdung unabhängig von Berufsprestige und Einkommen ist.“36 Allerdings scheinen vor allen Dingen Freiberufler (Journalisten, Anwälte, Ärzte) gefährdet zu sein. Die Autorin führt das einerseits auf ein „relativ dünnes Netz sozialer Beziehungen“37 zurück, und andererseits darauf, daß es gerade bei den freien Berufen schwierig ist, das Arbeitsergebnis zu bewerten, was dazu führen kann, daß wiederholt bei eigenen Arbeiten asymmetrische Kausalattributionen stattfinden, und zwar weit häufiger als das in technischen Berufen passiert.

6.3 . Suizid und die Massenmedien

Die modernen Massenmedien gehören mittlerweile in allen Industrienationen und teilweise darüber hinaus zum Bild der modernen Gesellschaft, weswegen sie in viele soziologische Theorien Eingang finden, obwohl die Interaktionen zwischen Aussagesender und -empfänger immer indirekt, also vermittelt über ein Medium, stattfinden (müssen).

Aufgrund dieser ungewöhnlichen Interaktionsstruktur vermutet Lindner-Braun einige Eigenschaften von Massenmedien, die ihren Einfluß auf soziale Phänomene schwächen. Auf der anderen Seite kann gerade die Indirektheit der Interaktionen den Wirkungsgrad bestimmter Botschaften auch erhöhen. Es soll hier also damit begonnen werden, die Schwächen und Stärken des massenmedialen Einflusses auf das Verhalten der Konsumenten darzustellen:

1. Während andere Institutionen zentrale Anreize ihrer Mitglieder befriedigen können (eine der wichtigen Funktionen sozialer Institutionen) sind Massenmedien lediglich dazu in der Lage, den Rezipienten näherzubringen, inwieweit ihr Handeln die „Wahrscheinlichkeit, in den Genuß solcher Anreize zu gelangen, erhöht oder vermindert“38.
2. Die einseitige Interaktionsstruktur verhindert eine Rückmeldung des Rezipienten an den Kommunikator.

Verstärkende Wirkung haben die folgenden Eigenschaften der massenmedialen Kommunikation:

1. Hoher Verbreitungsgrad und daraus resultierende Erreichbarkeit vieler Rezipienten
2. Nahezu alle Aussagen kommunizierbar
3. Die Möglichkeit, (dauerhaft) Mehrheitsmeinungen zu reproduzieren

Alles das sind Kommunikationsmöglichkeiten, die wohl keine andere soziale Institution so umfassend besitzt, was darauf hindeutet, daß die Massenmedien einen gewissen Einfluß auf die Selbstmordhäufigkeit haben könnten. Aber wie wäre diese Wirkung erklärbar?

Lindner-Braun geht in ihrer Untersuchung von der Wirkung des sogenannten Werther-Effekts aus, d.h. sie bezeichnet Selbstmorde in Folge massenmedialer Kommunikation als Nachahmungstaten. Dieser Begriff ist von ihr anders verwendet, als Durkheim es tat, als er versuchte, die Wirksamkeit von Nachahmung auf die Selbstmordrate zu widerlegen.39 Nachahmung bedeutet hier Nachahmung von Problemlösung bzw. Problemmeidung durch den Suizid, nicht die reine, unreflektierte Kopie fremder Handlungen (wie bei Durkheim).

Damit nachgeahmt wird, müssen Massenmedien zunächst dafür sorgen, daß

1. die präsentierte Informationen den Rezipienten interessiert
2. der Rezipient der Information glaubt, was einerseits durch die Präsentation von Mehrheitsmeinungen, andererseits durch (wahrgenommene) Kompetenz des Mediums erreicht werden kann.

Werden diese Bedingungen erfüllt, können bestehende Suizidtendenzen zwar verstärkt werden, Lindner-Braun geht aber nicht davon aus, daß davon gesprochen werden kann, daß die Massenmedien Selbstmordtendenzen hervorrufen. Die Motivationstheorie geht bei Selbstmördern von einer generell negativen Disposition gegenüber Alternativhandlungen aus, und der Grund für diese langfristige Disposition kann möglicherweise in der primären Sozialisation (Familie) gesucht werden, die dauerhaft sozialisierende Wirkung der Massenmedien scheint ihr aber zu schwach zu sein.

7. Fazit

Als Abschluß dieser Arbeit wollen wir diskutieren, ob Durkheims Überlegungen und Beobachtungen auf unsere heutige Gesellschaft noch übertragbar sind.

Zunächst einmal unterstützen wir Durkheims Grundidee, Selbstmord wissenschaftlich zu untersuchen und ihn als Phänomen der Soziologie zuzuordnen. Dabei ist seine Abgrenzung zur Psychologie sehr einleuchtend und nachvollziehbar. Es soll dabei aber nicht der Eindruck entstehen, als ob der Selbstmord kein psychologisches Thema sei. Besonders in der Betreuung von Angehörigen (Familie und Freunden) von Selbstmördern hat die Psychologie sicherlich ihren Geltungsbereich. Auf dem Gebiet halten wir es auch für fraglich, ob Durkheims Ausführungen dort von großem Nutzen sind, da Gesellschaftsanalyse kaum der angemessene Umgang mit Trauer sein kann.

Durch die soziologische Betrachtung des Selbstmords gelangt Durkheim zu einer sehr gesellschaftskritischen Analyse, welche in vielen Punkten sicherlich heute 25 noch zutreffend ist. Viele seiner statistischen Erkenntnisse bestätigen sich heute noch immer (Selbstmord in Abhängigkeit von Geschlecht, Familienstand, Alter,...), und auch seine Klassifizierung von Selbstmordtypen scheint auf heutige Gesellschaften immer noch übertragbar zu sein. Formen altruistischen Selbstmords sind in unregelmäßigen Abständen immer wieder bei Sekten zu beobachten. Ansonsten ist die Gesellschaft, in der wir leben, sicherlich eher von Egoismus und Anomie geprägt. Der Egoismus übernimmt die Gesellschaft so sehr, daß er in manchen Berufszweigen sogar zu einer höheren Selbstmordrate bei Frauen als bei Männern führt, die Frauen ansonsten aber noch - genau wie zur Zeit Durkheims -gegenüber den Männern eine gewisse Selbstmordimmunität aufweisen.

Auch der Zustand der Anomie scheint heute immer präsenter zu werden. Im Zuge weltweiter wirtschaftlicher Globalisierung und fortschreitender Monopolisierung scheinen Bedürfnisse unbegrenzter und haltloser zu werden. Die Anomie wird beinahe zum Normalzustand.

Im Gegensatz zu diesen auf heutige Verhältnisse übertragbaren Beobachtungen, sind zu Durkheims Werk allerdings auch kritische Anmerkungen zu machen. An erster Stelle wäre sein Frauenbild zu nennen. Er stellt lediglich fest, daß Frauen sich seltener umbringen als Männer und begründet das mit ihrem instinktiveren Verhalten. Diese Argumentation steht im Widerspruch zu seinem eigentlichen Ansatz, die Ursachen für Selbstmord in der Gesellschaft und nicht im Individuum zu suchen. Zwar setzt er das Leben von Frauen in Bezug zur Gesellschaft, aber sieht trotzdem den Hauptgrund für ihr soziales Verhalten in biologisch bedingten Unterschieden. Einerseits ist ein solcher Argumentationsgang natürlich auch unter dem Blickwinkel der Zeit zu sehen, in der Durkheim gelebt hat, aber andererseits hat er selber Grundlagen dafür geschaffen, dieses Phänomen differenzierter betrachten zu können.

8. Literaturverzeichnis

1. Durkheim, Emile: Der Selbstmord. Neuwied und Berlin 1973
2. König, René: Der Soziologe als Moralist. Band 1. In: Klassiker des soziologischen Denkens. Herausgegeben von Dirk Käsler, 1986
3. Lindner-Braun, Christa: Soziologie des Selbstmords. Opladen 1990
4. Müller, Hans-Peter: Emile Durkheim. In: Klassiker der Soziologie, 1984

[...]


1 vgl. König, René: Der Soziologe als Moralist. Band 1. In: Klassiker des soziologischen Denkens. Hrsg. von Dirk Käsler, S. 315

2 ebd. S.317

3 vgl.: Müller, Hans-Peter: Emile Durkheim In: Klassiker der Soziologie S.152

4 ebd., S.152

5 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.29

6 ebd.., S. 255

7 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.27

8 ebd., S.27

9 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.153

10 ebd., S.43

11 ebd., S.47

12 Bei dieser Klassifizierung stellt Durkheim vier Typen von Selbstmord heraus, auf die wir an dieser Stelle aber nicht näher eingehen werden. siehe dazu: Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 48 ff.

13 Als Rasse wird in der Regel die Gesamtheit ähnlicher Individuen bezeichnet, die der gleichen Art angehören und auf dem Wege der geschlechtlichen Reproduktion Wesenszüge einfacher Art weitergeben. Da die Frage nach der Abstammung schwer zu beantworten ist, können auf Grundlage dieser Definition die Rassen nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden. Aus diesem Grund definiert Durkheim die Rasse durch ihre unmittelbaren Attribute und kommt zu dem Schluß, daß allein die Erblichkeit von Ähnlichkeiten Kriterium für eine Rasse ist. (Vgl. Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.73 ff.)

14 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 87

15 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.99

16 Die ähnliche Selbstmordrate in Monaten mit gleicher Tageslänge (z.B. März und Oktober) veranlaßten Durkheim dazu, dieses Verhältnis näher zu betrachten. Vgl. Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Tabelle 12, S.110

17 ebd., S.130

18 Durkheim, Emile: Der Selbstmord., S.143

19 Diese Beobachtung stützte Durkheim durch einen Vergleich der Ursachen für Selbstmorde bei in der Landwirtschaft Tätigen und Ausübern sogenannter freier Berufe. Ergebnisse dieser Untersuchung können nachgelesen werden in: Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 160

20 Warum Durkheim diesen Typ als egoistisch bezeichnet und was Egoismus für ihn überhaupt bedeutet, wird im folgenden noch genauer erklärt werden.

21 Durkheim belegt diese Überlegungen, indem er den Bildungsgrad - welcher natürlich in Abhängigkeit zum Zulassen des freien Denkens steht - eines Landes mit der Selbstmordrate desselben in Beziehung setzt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung stützen die dargestellten Ergebnisse und sind genauer nachzulesen in: Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.175 ff.

22 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 183

23 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 224

24 Es ist an dieser Stelle leider nicht möglich, alle Gedanken Durkheims wiederzugeben. Seinen Argumentationsgang haben wir beispielhaft an der Untersuchung der Beziehung zwischen Religion und Selbstmord dargestellt. Seine Überlegungen können aber genau nachgelesen werden in: Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S.186- 224

25 ebd. nachzulesen, S. 224-231

26 Laut Durkheim verfügt jeder Mensch über ein individuelles und ein soziales Ich, die abhängig von der Gesellschaft, in der der Mensch lebt, in einer bestimmten Beziehung zu einander stehen.

27 Als Grundlage pantheistischer Gesellschaften sieht Durkheim eine Gesellschaftsstruktur, in der das Individuum nichts gilt.

28 Genauer dargestellt sind diese Untersuchungen und ihre Ergebnisse in: Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 255 ff.

29 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, S. 285

30 Den Zustand der Anomie weist Durkheim neben der Wirtschaft auch in der Familie nach. Er erklärt das unterschiedliche Selbstmordverhalten von Männern und Frauen in Bezug auf Scheidung. Vgl. Durkheim, Emile, Der Selbstmord, S.298 ff.

31 ebd., S.295

32 vgl. Lindner-Braun, Christa in: „Soziologie des Selbstmords“, S.227

33 vgl. Durkheim, Emile in: Der Selbstmord, S.278 ff.

34 vgl. Lindner-Braun, Christa in: Soziologie des Selbstmords, S.233

35 Unter Handlungsspielraum versteht Lindner-Braun Wahlmöglichkeiten innerhalb des Ausbildungs- und Wirtschaftssystems (vgl. Lindner-Braun, Christa in: Soziologie des Selbstmords, S.246)

36 ebd., S.253

37 ebd., S.254

38 ebd., S.257

39 vgl. vorliegende Arbeit, S.9/10

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Emile Durkheim - Der Selbstmord
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Abweichendes Verhalten
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
27
Katalognummer
V105922
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emile, Durkheim, Selbstmord, Abweichendes, Verhalten
Arbeit zitieren
Christian Gronau (Autor), 1999, Emile Durkheim - Der Selbstmord, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105922

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Emile Durkheim - Der Selbstmord



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden