Der Vorleser - Hanna und Michael


Elaboration, 2002
16 Pages, Grade: 2

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INHALT:

1. Kurze Inhaltsangabe

2. Vorstellung des Autors

3. Beschreibung und Charakterisierung der Hauptpersonen Hanna und Michael
3.1 Personenbeschreibung Hanna Schmitz
3.2 Charakterzüge Hannas
3.3 Lebenslauf von Hanna
3.4 Personenbeschreibung Michael Berg
3.5 Charakterzüge Michaels

4. Rückanbindung an das Seminar - Schlüssel zum Roman

5. Literatur

6. Zeittafel

1. Kurze Inhaltsangabe des Romans „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink

In dem Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink geht es um die Beziehung eines personalen Ich-Erzählers zu einer wesentlich älteren Frau. Als Jugendlicher lernt der Erzähler Michael diese Frau Hanna kennen und macht mit ihr im Rahmen einer Liebesbeziehung seine ersten sexuellen Erfahrungen. Außerdem ließt er ihr regelmäsig aus verschiedenen Büchern vor. Diese Beziehung wird jäh unterbrochen, als Hanna aus unerklärlichen Gründen die Heimatstadt Michaels verlässt. Jahre später begegnet Michael, der inzwischen Jurastudent ist, Hanna als Angeklagte in einem Prozess um Verbrechen an Juden während des Nazi-Regimes wieder. Hanna wird zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt, da sie sich , um ihren Analphabetismus zu vertuschen, zusätzlich belastet. Während der Haftstrafe, hält Michael die Beziehung zu Hanna aufrecht, indem er ihr Aufnahmen mit von ihm vorgelesenen Büchern zuschickt. Einen Tag vor der vorzeitigen Haftentlassung begeht Hanna, die inzwischen lesen gelernt und sich intensiv mit dem Thema Holocaust auseinandergesetzt hat, Selbstmord.

2. Vorstellung des Autors:

Bernhard Schlink

1944

als Sohn des Prof. Edmund Schlink bei Bielefeld geboren.

1945

Umzug nach Heidelberg, wo er mit seinen Geschwistern Johanna, Dorothea und Wilhelm aufwächst.

-Jurastudium an der Univ. Heidelberg und der FU Berlin
-wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg

1975

Promotion über die "Abwägung im Verfassungsrecht" (1976)

1981

Habilitation über "Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung" (1982)

-erste Professur für Verfassungs- und Verwaltungsrecht führt ihn nach Bonn

1982 - 1991

Prof. an der Univ. Bonn

1984

erscheint sein gemeinsam mit Bodo Pieroth verfaßtes Lehrbuchs "Staatsrecht II. Grundrechte" (14. Auflage 1998

1987

erscheint sein erster (gemeinsam mit seinem Jurakollegen Walter Popp verfasster) Kriminalroman "Selbs Justiz"

1987

Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land

Nordrhein-Westfalen in Münster

1988

Der Kriminalroman "Die gordische Schleife" erscheint, der 1990 mit

dem Glauser-Preis des Syndikats ausgezeichnet wird.

1991 - 1992

Professur für Öffentliches Recht an der Univ. Frankfurt a.M.

1992

Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Berliner HumboldtUniversität

-- Direktor des Instituts für Öffentliches Recht und Völkerrecht

-- Direktor des Instituts für Recht der Informations- und Kommunikationstechnik

1993

erscheint "Selbs Betrug", ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi-Preis (1993)

1995

Der Roman "Der Vorleser" erscheint, der 1997 mit dem Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster ausgezeichnet wird.

1997

Prix Laure Bataillon (bestdotierter Preis für übersetzte Literatur) für den „Vorleser“

1999

den erstmals verliehenen Wekt- Literaturpreis für den „Vorleser“

2000

Ehrengabe der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft für den „Vorleser“

-der „Vorleser“ erreicht erstmals als deutsches Buch Platz eins der New York Times Bestsellerliste und wurde in 25 Sprachen übersetzt

3. Beschreibung und Charakterzüge der Hauptpersonen:

3.1 Personenbeschreibung: Hanna Schmitz

Eine der Hauptpersonen des Romans "Der Vorleser" von Bernhard Schlink ist Hanna Schmitz, eine Figur, über deren Charakter, deren Vorstellungen, Ziele und Wünsche der Autor seine Leser bis zum Schluss des Buches im Unklaren läßt. Der Leser wird veranlasst, sich seine "eigene Hanna" anhand ihrer Taten, oder "NichtTaten", zusammenzustellen.

Ich werde nun versuchen, eine Personenbeschreibung "meiner Hanna" zu verfassen: Hanna Schmitz wurde am 21. Oktober 1922 bei Hermannstadt geboren. Über ihre Kindheit und Jugend erfährt der Leser nichts. Sie

wuchs in Siebenbürgen auf, bis sie 1939 nach Berlin umzog. Verbrachte sie in Siebenbürgen eine glückliche Kindheit? Wer waren ihre Eltern? In was für einem Milieu wuchs sie auf? All das wissen wir nicht. Nur eines ist klar: Hanna Schmitz ging nicht wie die anderen Kinder ihres Alters in die Schule. Vielleicht wurde sie von ihren Eltern in gewissen Dingen unterrichtet - sie war sicherlich kein dummes Kind, da sie zu einer intelligenten Frau heranreifte - lesen und schreiben lernte sie jedoch nicht.

Dieses Manko begleitete sie fast ihr ganzes Leben lang. Sie ließ sich voll und ganz von ihm beherrschen, ihre größte Angst wurde es, sich eines Tages zu ihrem Analphabetismus bekennen zu müssen.

Während der Zeit, die sie in Berlin verbrachte, hatte sie eine Stellung bei Siemens. Im Herbst 1943 sollte sie befördert werden. Da die neue Stelle jedoch Lese- und Rechtschreibkenntnisse erfordert hätte, entschied sie sich gegen diese und für die Arbeit als Aufseherin in Auschwitz. Nach ihrem Dienst in Auschwitz wurde sie in einem kleinen Lager bei Krakau eingesetzt. Auch über diese Zeit kann man nur spekulieren. Wählte sie die Arbeit als Aufseherin, oder floh sie nur vor der Beförderung und der damit verbundenen Scham der Entblößung ihrer Schwäche? Ich bin mir sicher, dass sie den Dienst nicht bewusst wählte, sondern keinen anderen Ausweg mehr sah. Sie wählte die Stelle nicht, sie nahm sie, wie so vieles, in Kauf. Der Preis für ihre Scham, aber auch für den Stolz, den sie in den Jahren entwickelt hatte, war hoch: keine Beförderung, sondern eine Stelle als Konzentrationslageraufseherin für die Sicherheit vor der Enthüllung ihres Mankos.

Ob sie Gewissensbisse hatte, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Fakt ist, dass sie während dieser Zeit immer wieder junge, schwache Mädchen zu sich holte, die sie unter ihren Schutz brachte und dafür sorgte, dass sie besser verköstigt wurden, nicht arbeiten mussten und nachts zu ihr kamen. Hanna verbot ihnen strikt, auch nur ein Wort über das nächtliche Geschehen in ihrem Zimmer zu verlieren. Nach einer gewissen Zeit kamen auch diese Mädchen in einen Transport, der sie in das Vernichtungslager brachte. Diese jungen Mädchen wurden von Hanna als Vorleserinnen benutzt. Sie hatte immer noch nicht lesen oder schreiben gelernt, sehnte sich aber anscheinend nach Bildung, nach Literatur. Die Lagerinsassinnen konnten ihr diesen Wunsch für bestimmte Zeit erfüllen.

Besseres Essen, keine Arbeit mehr und wenigstens über einen gewissen Zeitraum hinweg die Sicherung ihrer Existenz, ihres nackten Überlebens, gegen ein bisschen Vorlesen und Verschwiegenheit. Ich denke, aus Hannas Perspektive war das ein fairer Tausch. Meiner Meinung nach wechselte sie ihre Vorleserinnen nicht aus, weil sie sie satt hatte, sondern da es aus ihrer Sicht eine Notwendigkeit war. Über kurz oder lang würde eine von ihnen ihren Mund nicht halten können, und was dann...? Das jahrelange Versteckspiel, das Leben mit der permanent vorhandenen Angst vor Enthüllung hatte diese ins schier Unermessliche gesteigert. Für Hanna war es gar nicht mehr denkbar, ihre Unwissenheit zuzugeben. Sie hatte also gar keine andere Wahl. Sicher wusste Hanna von den Gerüchten, die im Lager kursierten: "Die Frau Schmitz, die hat da so ihre ganz speziellen Lieblinge. In der Nacht, da holt sie sie sich auf ihr Zimmer. Was da dann passiert, ist ja wohl glasklar! Die scheut nicht einmal vor den jungen

Mädchen hier zurück. Aber wenn sie dann genug von denen hat, ja, dann schickt sie sie auf den Transport. Jaja, so eine ist die Frau Schmitz nämlich." Gerede dieser Art traf Hanna sicherlich hart. Sie wurde in der Welt des Verbrechens, in die sie wegen ihres Analphabetismus hineingeraten war, dank ihres Analphabetismus eines weiteren "Verbrechens" angeklagt, dass sie nicht, oder zumindest nicht in dieser Form, begangen hatte. Das lehrte sie, ihre Gefühle größtenteils zu verbergen und äußerlich wie innerlich zu verhärten.

Als im Winter 1944/45 das Naziregime seinem Ende zuging, brach Hanna in Begleitung vier weiterer Aufseherinnen plus Wachmannschaften mit den Gefangenen nach Westen auf. Eines Nachts in der "Bombennacht, in der alles zu Ende ging", sperrten die Wachmannschaften und Aufseherinnen die mehreren hundert Lagerinsassinnen in eine Kirche, eines zum größten Teil leer stehenden Dorfes, ein. Als eine Bombe in den Kirchturm einschlug und allen Anwesenden klar war, dass die eingeschlossenen Frauen verbrennen würden, öffneten weder Hanna noch die übrigen Aufseherinnen die Tür.

Ich bin überzeugt, dass Hanna die Tür keinesfalls aus Bosheit verschlossen ließ, ich glaube ihren Worten, die sie äußerte, als sie lange Zeit später dazu veranlasst wurde, zu den Ereignissen Stellung zu beziehen: einerseits befand sie sich in einem Zustand äußerster Verwirrung; das Chaos, das ausgebrochen war, nachdem die Bombe gefallen war und die Kirche brannte, versetzte sie in Angst und Schrecken; andererseits war ihr klar, dass sie die Frauen, vorausgesetzt die Aufseherinnen ließen sie frei, nicht mehr unter Kontrolle bekommen würden. Sie selbst war für die Gefangenen mitverantwortlich, ihre Aufgabe war es, die Häftlinge zu bewachen, sie an der Flucht zu hindern. Dies war nun nicht mehr möglich. Die Ordnung war nicht mehr herstellbar.

Nach dem Ende des Todesmarsches, dem Ende des 3. Reiches, dem Ende Hitlers und seinem 2. Weltkrieg und somit auch dem Ende Hannas Zeit als Aufseherin, zog sie nach Heidelberg und lebte dort acht Jahre lang. Das ist die längste Zeit, die an ein und dem selben Ort verbrachte. Der häufige Wohnungswechsel sagt viel über Hanna aus: Hanna war ständig auf der Flucht, auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit, auf der Flucht vor ihrem Analphabetismus und auf der Flucht vor sich selbst. Die Tatsache, dass sie sich jedes Mal polizeilich an- und abmeldete, zeigt ihren starken Ordnungssinn auf, den wir schon in der "Bombennacht" kennengelernt haben. Alles musste stets seine Ordnung haben, denn Ordnung ist das halbe Leben. Ohne ihre Ordnungsliebe wäre sie sicherlich nicht in der Lage gewesen, ihren Analphabetismus so lange zu verstecken.

1958 lernte die damals 36jährige, in Heidelberg lebende, Hanna den l5jährigen Michael Berg kennen. Sie kam dazu, als der Junge sich erbrechen musste, und half ihm, dies zu beseitigen. Als Michael später mit einem Blumenstrauß vor ihrer Tür stand, um sich bei ihr für die Hilfe zu bedanken, war für Hanna völlig klar, dass der Junge nur das Eine von ihr wollte: mit ihr schlafen. Auch diese Haltung ist auf den Analphabetismus zurückzuführen: Hanna kam sich dumm und intellektuell unbrauchbar vor. Ich vermute, dass sie noch keine sie erfüllende Beziehung geführt hatte, aus Angst, sich als Analphabetin erkennen geben zu müssen. Wahrscheinlich suchte sie sich, wenn überhaupt, Männer mit geringer Bildung aus, die sich nicht für viel Dinge außer Geld verdienen, essen, trinken und Sex interessierten. So war das Einzige, wozu sie sich fähig fühlte, körperliche Befriedigung zu schenken. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mensch sich für die Person Hanna interessieren könnte, für ihre Gedanken und Gefühle, nicht für ihre Bildung, die sie ja größtenteils nicht erlangen konnte. Wie auch? Bildung erhält man aus Büchern oder aus der Schule. Was hätte sie also tun sollen? Zwischen Michael und Hanna entwickelte sich eine Beziehung, die deren beider Leben grundlegend veränderte, obwohl sie nur ein halbes Jahr dauerte. Hanna bestimmte die Regeln dieser Beziehung. Sie versuchte, sie auf folgendes Ritual zu beschränken: vorlesen, duschen, lieben.

Hanna hatte Michael schon nach kurzer Zeit dazu gebracht, ihr vorzulesen. Kein Vorlesen, keine Liebe, so hieß ihre Devise. An diesem Ritual wird vielerlei deutlich: die Ordnung: Schon wieder besteht Hanna darauf, dass alles seinen festen Ablauf hat, dass die Regeln eingehalten werden. Das Duschen: Hanna besteht darauf, jedes Mal nach dem Vorlesen, das heißt vor dem Sex, zu duschen. Sie hat geradezu einen Reinlichkeitstick.

Ihr war sicher klar, dass sie Michael nicht angemessen behandelte, versuchte aber auch das, wie sehr vieles in ihrem Leben, zu verdrängen. Sie dominierte die Beziehung, so wie der Analphabetismus ihr Leben voll und ganz beherrschte, so versuchte sie nun Michael zu beherrschen. Sie erlaubte es sich nicht, sich vor ihm auch nur den kleinsten Fehler einzugestehen, sie hatte immer Recht, Michael musste sich immer entschuldigen, tat er es nicht, so reagierte sie mit Liebesentzug.

Michael, der 21 Jahre jünger war als sie, war ihr in der Sache, die ihr ganzes Leben beeinflusste, überlegen: er war in der Lage, sowohl zu lesen, wie auch zu schreiben. Sie wusste, dass sein Leben durch sie bestimmt wurde, also wollte sie dies voll und ganz auskosten. Endlich war sie die Starke, die beherrschte und, ja, die auch demütigte. In Michael hatte sie den perfekten Partner für dieses Wechselspiel der Macht - unbewusste Macht von seiner Seite, nur allzu bewusste von ihrer Seite aus - gefunden. Er hatte sich wirklich ohne wenn und aber in sie verliebt, und tat, was immer sie von ihm verlangte. Am Anfang der Beziehung bemühte sie sich die Distanz zu wahren, um sich das "Geschäft" zu erleichtern. So fragte sie ihn zum Beispiel nicht nach seinem Namen, er war derjenige, der am 6. oder 7. Tag davon anfing. Indem sie keine gefühlsmäßige Bindung aufbaute, wollte sie ihr Gewissen ausschalten und das Ganze als puren Handel sehen. Im Laufe der Zeit klappte das jedoch nicht mehr. Michael gab sich nicht mehr mit ihren Ritualen, die auch zur Distanzierung dienten, zufrieden. Er wollte mehr. So besuchte er sie zum Beispiel eines Tages in der Straßenbahn, in der sie als Schaffnerin arbeitete. Er setzte sich in ein hinteres Abteil, sie kam nicht zu ihm. Über dies Angelegenheit hatten sie später einen Streit. Jeder warf dem anderen vor, ihn bzw. sie in der Öffentlichkeit zu ignorieren. Ich denke, Hanna warf es einfach vollkommen aus der Bahn, ihren Jungen an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit als geplant zu sehen. Das war gegen die Regeln. Das war nicht eingeplant. In ihrer kühlen Rechnung war dafür kein Platz. Wie sollte sie die Sache nun weiterhin als Handel abtun? Hanna war aufs Äußerste verwirrt. Das konnte sie Michael gegenüber allerdings auf keinen Fall eingestehen, da sie doch die Rolle der Starken, der Unfehlbaren übernommen hatte. Deshalb reagierte sie mit Vorwürfen und bitterer Ironie.

Im Laufe der Zeit konnte sie sich nicht mehr vormachen, dass nur sie diejenige war, die beherrschte. Sie konnte nicht länger die Augen vor ihrer immer größer werdenden Abhängigkeit von ihrem Vorleser verschließen. Während dem ganzen halben Jahr brachte sie es nicht über sich, Michael die Wahrheit zu gestehen. Das führte zu einem Zwischenfall, anhand dessen Michael ein Stückchen der "wahren Hanna", die nicht immer schauspielern musste, die nicht immer stark und dominant sein musste, kennenlernte.

Michael plante in seinen Schulferien eine Radtour für Hanna und sich. Allein, dass Hanna in dieses Vorhaben einwilligte, zeigte schon, dass ihr Verhältnis zu Michael ein anderes geworden war. Sie hatte den Menschen an sich herangelassen, betrachtete ihn nicht mehr nur als "Vorlesemaschine". Sie ließ es zu, dass er sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausriss, überließ ihm die ganze Verantwortung, und somit auch die ganze Macht. Sie streifte einen Teil ihrer Maske ab, fing an wieder Gefühle zu empfinden und sich auch einzugestehen. Erst in diesem Stadium würde ich von einer eigentlichen Beziehung sprechen. Hanna hatte sich gewandelt. Ich würde sagen, sie hatte sich zurückverwandelt. Vor langer, langer Zeit, noch vor ihrer Zeit im KZ, lernte sie, ihre Gefühle zu verstecken, sich selbst gemeinsam mit ihrem Analphabetismus zu verstecken. Die Erfahrungen im KZ beschleunigten diesen Prozess, sie versteckte ihre Gefühle, ihre Schuldgefühle nun nicht nur mehr vor der Außenwelt, sondern auch vor sich selbst.

Nun hatte sie einen Menschen gefunden, dem sie nicht nur (soweit es für sie möglich war) vertrauen konnte, sondern dem sie auch die Verantwortung überlassen konnte, der für sie die Regeln und eine Ordnung aufstellte und bei dem sie sich ein Stück weit fallen lassen konnte.

Um so schlimmer traf sie dann der "Verrat": Michael ging eines Tages Brötchen holen. Da sie noch nicht wach war, legte er ihr einen Zettel hin. Hanna wachte auf und Michael war weg. Als sie dann den Zettel sah, muss das ganze Unglück auf einmal über sie hereingebrochen sein. Und sie wusste, dass sie daran mitschuldig war. Hätte sie ihm gesagt, dass sie, und warum sie mit einem Zettel nichts anfangen konnte, so wäre das ganze nicht passiert. Weil sie das unterlassen hatte, wurden ihr auf einmal folgende Dinge klar:

1.: Michael war weg und das traf sie hart. Sie merkte, wie stark sie von ihm abhängig war, wie sehr sie ihn und sein Vorlesen brauchte. Ihr wurde klar, dass er sie in der Hand hatte, sie realisierte auch, dass er von dieser Macht, die er über sie hatte, nichts wusste und sie somit von ihm nicht verlangen konnte, verantwortungsvoll damit umzugehen und auf sie Rücksicht zu nehmen.

2.: Die Ordnung war gestört. Dies hört sich zwar sehr banal an, bedeutete Hanna aber mehr, als wir uns vorstellen können. Ihr wurde bewusst, dass sie sich so sehr auf Michael verlassen hatte, dass er die Regeln bestimmt und die Ordnung in der Hand hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie aus ihrer Rolle geschlüpft, die sie mit Selbstachtung, aber auch damit verbundener Härte und Stärke gleichsetzte. Sie hatte sich treiben lassen und sich somit das Leben um einiges erleichtert. Und nun das! Sie war enttäuscht worden. Musste sie daraus schließen, dass man sich eben doch nur auf sich selbst verlassen kann, dass man sich und andere kontrollieren muss? Dass man hart und kalt bleiben muss, wenn man nicht verletzt werden will?

3.: Der Zettel. Michael hatte ihr einen Zettel hinterlassen, von dem ihr weiteres Leben hätte abhängen können, und sie war nicht in der Lage, in zu entziffern. Dieses Stückchen Papier hätte alles mögliche enthalten können: "Sehr geehrte Frau Schmitz! Michael Berg hatte einen Unfall und liegt jetzt im Krankenhaus", und sie war hilflos wie ein Baby. Hanna taumelte zwischen Selbsthass, Angst, Scham und Verzweiflung hin und her.

Kein Wunder also, dass sie außer sich war, als Michael fröhlich und unbeschwert, als wäre nichts passiert , hereinspaziert kam. Sie verlor die Nerven und schlug mit ihrem Gürtel zu.

Das war für ihn wie für sie die schlimmstmögliche Reaktion. Er wurde von der Frau, die er liebte, geschlagen. In ihr beschwor der Anblick des blutenden Jungens Erinnerungen an Auschwitz und Krakau herauf. Doch nicht nur das: sie hatte die Kontrolle über sich verloren, sie spürte, dass sein Schmerz auch sie schmerzte, dass sie mit ihm fühlte, dass ihre mühsam aufgebaute Maske am Zerbrechen war. Und das war für Hanna erst einmal eine existenzbedrohende Vorstellung. Das Verlieren der Kontrolle hieß gleichzeitig, dass die Chancen der Entdeckung größer wurden. Die Chancen der Entdeckung ihres Analphabetismus und die Chancen der Entdeckung ihrer Vergangenheit. Von beidem erfuhr Michael Berg nicht von Hanna selbst. Aus diesem Zwischenfall lernte Hanna ein bisschen offener zu sein. Sie ließ von da an Michael gegenüber ein kleines Stückchen ihrer Maske fallen. In seiner Gegenwart erlaubte sie sich wieder Gefühle wie Freude und Glück zu empfinden und auch zu zeigen. Sie hörte auf; ihn "Jungchen" zu nennen, sie gab ihm Kosenamen. Hanna ließ sich auf die Beziehung ein, sah Michael als einen Menschen, den sie liebte. Ich denke, sie liebte ihn. Wenn auch anders, als er sie. Durch ihren Ausbruch hatte sie erfahren, dass es erleichtert, Gefühle zu zeigen. Ihr Weinen nach dem Schlag half ihr über die schlimme Situation hinweg. Nachdem Hanna zuerst ihre Maske aufgesetzt hatte, um Michael zu bestrafen, um die Situation in den Griff zu bekommen, und dieser Versuch kläglich scheiterte erlebte sie, wie gut es ihr tat, sich danach in ein Paar Arme fallen zu lassen und zu weinen. Ganz sie selbst zu sein.

Nachdem sie sich in Michael nicht mehr nur den Vorleser sah, wollte sie einen großen Schritt wagen: sie wollte Michael in seiner Umgebung erleben und kennenlernen. Sie kämpfte lange Zeit mit sich, ob sie es zulassen konnte, diese Barriere zu zerstören. Michael fiel auf, dass sie "tagelang in sonderbarer Stimmung gewesen" war, "launisch und herrisch zugleich, spürbar unter einem Druck, der sie aufs Äußerste quälte und empfindlich, verletzlich machte". Er spürte ihre Hilflosigkeit, wusste jedoch nicht, worauf er sie zurückführen sollte. Nach dieser Zeit der Unschlüssigkeit und Zweifel entschied sich Hanna zu dem entscheidenden Schritt. Sie ging in das Schwimmbad, von dem sie wusste, dass Michael sich dort aufhielt. Als sie den Jungen dort mit seinen Freunden beobachtete, merkte, wie unbeschwert und fröhlich er in seiner Umgebung war, überfielen sie Zweifel. War es richtig, Michael mit ihrer Person zu belasten? Hatte sie je an den Jungen gedacht?

Hanna beschloss dieser Beziehung ein Ende zu setzen. Michael Berg bedeutete ihr eine ganze Menge, und sie war der festen Überzeugung, dass es für ihn besser wäre, sie nie wieder zu sehen.

Ich denke, dass das der größte Liebesbeweis ist, den Hanna zu erbringen fähig war. Dass es für eine schmerzverhindernde Trennung für Michael schon viel zu spät war, realisierte sie nicht.

Nach dieser missglückten Beziehung verließ Hanna Schmitz Heidelberg. Wo und wie sie die nächsten Jahre verbrachte, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Über diese 16 Jahre verliert Bernhard Schlink nicht ein einziges Wort. Die Handlung des Romans setzt erst l965 wieder ein.

Hanna wurde zusammen mit den vier weiteren KZ-Aufseherinnen für ihre Verbrechen in Krakau und den Todesmarsch verurteilt. Ein Hauptanklagepunkt war ein Protokoll, das sie über die Geschehnisse der ,,Bombennacht" geschrieben haben sollte. Als der Richter ein Schriftprobe von ihr verlangte, um sie mit dem Protokoll zu vergleichen, gab Hanna alles zu und ließ sich zu lebenslänglicher Haft verurteilen. Aus Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin, nahm sie die Bloßstellung als Verbrecherin in Kauf. Aus Angst vor der ihr unangenehmen Wahrheit, wählte sie die viel schlimmere Unwahrheit. Warum sie so handelte? Zum einen denke ich, dass sie sich so an das Verstecken ihres Analphabetismus gewöhnt hatte, dass es für sie schlichtweg undenkbar geworden war, diesen zuzugeben. Unter welchen Umständen auch immer. Auf der anderen Seite fühlte sie sich schuldig, ich denke das Gefängnis erschien ihr nicht bedrohlich. Sie fühlte sich schuldig an ihrem Analphabetismus, schuldig an dem abrupten Ende ihrer Beziehung zu Michael. Für ihre Zeit im KZ verbot sie sich, sich schuldig zu fühlen. Sie war nicht der Meinung, dass sie eine andere Chance gehabt hätte, sie hatte die Schuldgefühle für ihre taten im KZ erfolgreich verdrängt, die Gefühle, die sie sich in der Zeit verboten hatte, kehrten noch nicht wieder. Wenn sie sich während des wochenlangen Prozesses an ihre taten im KZ erinnerte, so tat sie das auf einer rein rationalen Ebene. Warum sie die Juden in den Tod schickte? ,,Die neuen kamen, und die alten mussten Platz machen für die neuen" So war es eben. Kein Platz für Gefühle.

Michael, der während des gesamten Gerichtsverfahrens anwesend war, wurde von Hanna nur ein einziges Mal angesehen. Hätte sie ihn öfter angeschaut, so wäre sie sicher nicht in der Lage gewesen, ihre Gedanken so zu zensieren und alle Empfindungen zu streichen. Denn durch ihn hatte sie erfahren, wie schön es ist, Gefühle zu zeigen und zu empfangen. Hanna stand in der Zeit des Prozesses unter einem ungeheuren Druck und einer enormen Anspannung, die an ihren Nerven zerrte. Sie war abgespannt und erschöpft. Dennoch hielt sie durch, behielt ihre Maske auf und gab sich (ihrem Verständnis nach) keine Blöße.

So lautete ihr Urteil ,,lebenslänglich", und sie verbrachte die nächsten 18 Jahre im Gefängnis. Während dieser Zeit schickte ihr Michael immer wieder Kassetten, auf denen er ihr alle möglichen Bücher vorlas. Doch das war alles. Sonst hatte sie keinen Kontakt zur Außenwelt und auch Michael ließ ihr niemals auch nur ein einziges persönliches Wort zukommen. Ich denke, dass enttäuschte Hanna sehr.

Sie hatte erkannt das Michael für sie weit mehr als ein Vorleser geworden war. Und nun reduzierte er sich selbst auf ihren Vorleser. Er wollte nicht mit ihr kommunizieren. Verurteilte er sie? Hasste er sie? Was dachte er über sie? Diese Fragen blieben für sie ungeklärt, da sie nicht mit ihm Kontakt aufnehmen konnte. Bald fasste sie den Entschluss, lesen und schreiben zu lernen. Sie schaffte ihren Analphabetismus anhand Michaels Kassetten aus der Welt. Michael hatte ihr beigebracht, Gefühle zu zeigen, und brachte ihr bei, lesen zu lernen. Sie besorgte sich die Bücher, die Michael ihr vertont hatte, in der Gefängnisbücherei und verfolgte so Buchstabe für Buchstabe das Gesprochene. Nachdem sie so lesen gelernt hatte, begann sie mit dem Schreiben. Als sie auch das gelernt hatte, war Michael der Erste, dem sie ihre neue Kunst präsentierte. Sie schrieb ihm einen Gruß: ,,Jungchen, die letzte Geschichte war besonders schön" Das war vier Jahre nachdem Michael ihr die erste Kassette geschickt hatte.

Hanna hatte innerhalb von vier Jahren lesen und schreiben gelernt. Ihr ganzes Leben hatte sie unter ihrem Analphabetismus gelitten, nun hatte sie ihn besiegt. Hanna schrieb regelmäßig kurze Grüße an Michael, dieser antwortete ihr immer noch nur mit Kassetten.

Im 18. Jahr Hannas Gefängnisaufenthaltes wurde ihr Gnadengesuch erhört. Die Gefängnisleiterin schrieb an Michael und bat ihn, sich nach ihrer Entlassung um sie zu kümmern. Er sollte sie vor ihrer Entlassung besuchen. Eine Woche vor Hanna bevorstehender Freilassung fand der Besuch statt. Zum ersten Mal seit 18 Jahren sah Hanna ihr Jungchen wieder. Sie hatte große Hoffnungen in diesen Besuch gesetzt Sie merkte jedoch bald, dass die 34 Jahre zwischen ihr und Michael standen, dass er keinerlei Erwartungen und Hoffnungen ihr gegenüber hatte, dass ihre Zeit vorbei und vergangen war. Doch auch diesmal versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. Michael und sie verabredeten, dass er sie nach einer Woche, am Tag ihrer Entlassung, abholen würde.

In der Nacht vor ihrer Entlassung brachte Hanna sich um. Sie hatte sich im Morgengrauen erhängt. Welche Motive sie zu dieser Tat führten, bleibt offen, ich denke, dass sich das nicht an einem Punkt festmachen lässt. Erschöpfung, Trauer, Angst und Hoffnungslosigkeit spielten sicher eine große Rolle. Auf der einen Seite hatte sie alles erreicht, was zu erreichen sie lange Zeit vergeblich zu erreichen versucht hatte, andererseits hatte dieses Erreichen ihr nicht die Vorteile und Genugtuung gebracht, die sie sich erhofft hatte. Sie hatte lesen und schreiben gelernt, doch was war dabei herausgekommen? Der einzige Mensch, dem sie schrieb, schrieb ihr nicht zurück. Die Erfüllung ihres Traums hatte ihr nur Enttäuschung beschert.

Auch waren da ein Haufen Schuldgefühle, mit denen sie nun umgehen musste und zu denen sie vor sich selbst Stellung beziehen musste. So wurde sie sich zum ersten Mal ihrer Fehler, die sie als Aufseherin begangen hatte, ihrer Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten bewusst. Sie konnte sich ihrer Vergangenheit stellen, musste dabei aber erkennen, dass ihre Schuld nicht mehr gutzumachen war, wie sehr sie diese auch einsah und bereute.

Weitere Gefühle waren ihre Gefühle Michael gegenüber, auf den sie nun alle ihre Sehnsucht, ihre Hoffnungen aber auch schlicht und einfach Normalität, richtete.

Jetzt war ihr klargeworden, dass dieses Ziel ihrer Sehnsucht in diesem Sinne für sie unerreichbar war.

Sicher hatte Hanna auch nach 34 Jahren, in denen sie von der Welt abgeschnitten gewesen war, Angst, in diese zurückzukehren. Die Welt hatte sich verändert und Hanna selbst hatte sich verändert. Wie sollte sie sich unter diesen Umständen draußen zurechtfinden.

Wie Hanna gelebt hatte, so starb sie auch: auf der Flucht. Sie lebte auf der Flucht vor ihrem Analphabetismus, ihren Gefühlen und ihrer Vergangenheit; sie starb mit 62 Jahren auf der Flucht vor der Realität.

3.2 Charakterzüge Hannas:

- unsensibel (grob und konsequent bei der ersten Begegnung); (S.6)
- Sorgfältig/ gewissenhaft (langsam, konzentriertes Bügeln) ; (S.14)
- Keine Hemmungen (unpersönlich, weil sie ihre Unterwäsche in Michaels Anwesenheit bügelt); ( S.13- 14)
- Hat starken Willen/ schamlos, exhibitionistisch (S.26)
- Pingelig und gepflegt (Sauberkeitsfanatikerin) ; (S.33/196)
- Egoistisch im sexuellen Bereich (S.33/34)
- Misstrauisch (S.35)
- leidenschaftlich, zärtlich, gelegentlich „weiches“ Auftreten
- bei Unsicherheiten reagiert sie mit Gewalt (Frühstück)
- „gespaltene“ Persönlichkeit, Widerspruch „warm <> kalt“
- Nicht sesshaft (sie flüchtet/ ständiger Ortswechsel) ;(S.92, 93)
- Bei Gericht kämpft Hanna zuerst, gibt aber dann auf (S.131)
- Im Gefängnis: freundlich zu Mitinhaftierten, aber distanziert (S.196)
- sehnt sich nach Bildung und Literatur
- starker Ordnungssinn
- verbirgt durch Dominanz ihre Schwäche

3.3 Lebenslauf von Hanna:

- geb. am 21 Oktober 1922, bei Hermannstadt
- aufgewachsen in Siebenbürgen
- 1939: Umzug nach Berlin, arbeitet bei Siemens
- im Herbst 1943 geht ZLW SS
- Frühjahr 1944 Aufseherin in Auschwitz
- bis Winter 1944/45 eingesetzt in einem kleinen Lager bei Krakau
- befindet sich bei Kriegsende in Kassel
- ab Kriegsende an verschiedenen Orten gewohnt, verschiedene Jobs gehabt
- ab 1950 wohnte sie 8 Jahre in Michaels Heimatstadt Heidelberg in der Bahnhofstraße (die längste Zeit, die sie an einem Ort verbracht hat)
- gibt an, dass sie keine Familie hat
- arbeitet dort ein paar Jahre als Straßenbahnschaffnerin
- 1958 lernen sich Hanna und Michael kennen, zu dieser Zeit ist sie 36, er 15 Jahre alt
- Ende Juli 1958 verschwindet sie
- 1965 sieht er sie bei der Gerichtsverhandlung (Frühjahr bis Juni) wieder
- Gerichtsurteil: lebenslänglich
- 1973 bekommt sie die ersten Kassetten von Michael
- im 18. Jahr im Gefängnis wird ihrem Gnadengesuch stattgegeben
- war von 1965 bis 1983 im Gefängnis
- begeht in der Nacht vor ihrer Entlassung mit 61 Jahren Selbstmord

3.4 Personenbeschreibung Michael Berg:

Michael Berg ist 15 Jahre, als er Hanna durch einen Zufall kennenlernt . Es entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen den beiden. Michael, der noch sehr unerfahren in Sachen Liebe ist, hat als erstes Angst, ist schüchtern und verlegen.(S.27 ,,Ich hatte Angst; vor dem Berühren, vor dem Küssen, davor, dass ich nicht gefallen und genügen würde.") und so ist es Hanna, die zuerst die Führung übernimmt (S.33 „und sie lehrte mich, das nicht verschämt zu tun, sondern mit selbstverständlicher, besitzergreifender Gründlichkeit. Auch wenn wir uns liebten, nahm sie selbstverständlich von mir Besitz.")

Nach einiger Zeit jedoch, lernt und traut sich auch Michael die Führung zu übernehmen und Hanna in seinen Besitz zu bringen (S.34 ,, bis ich lernte auch von ihr Besitz zu ergreifen. Das war später. Ganz lernte ich es nie.") Nach einiger Zeit möchte Hanna ,dass Michael ihr vorliest. Er weigert sich zuerst und möchte es nicht, doch Hanna reagiert mit Liebesentzug bis er ihr vorliest.(S.43 ,,Aber als ich am nächsten Tag kam und sie küssen wollte, entzog sie sich. ,,Zuerst musst du mir vorlesen." Sie meinte es ernst.")

Michael tut alles was sie will und was sie sagt und nach einiger Zeit gibt er alles zu, selbst wenn Hanna die gleiche Schuld traf.(S.50 ,,ich hatte nicht nur diesen Streit verloren. Ich hatte nach kurzem Kampf kapituliert, als sie drohte mich zurückzuweisen, sich mir zu entziehen. In den kommenden Wochen habe ich nicht einmal kurz gekämpft. Wenn sie drohte, habe ich sofort bedingungslos kapituliert. Ich habe alles auf mich genommen. Ich habe Fehler zugegeben, die ich nicht begangen hatte, Absichten eingestanden, die ich nie gehegt hatte.")

Obwohl ihn manchmal das Gefühl überkommt, sie tue diese Schuldzuweisung und dieses Entziehen nur um über ihn zu herrschen, unterwirft er sich bedingungslos.(S.50 ,,Manchmal dachte ich, sie triumphiert einfach über mich. Aber so oder so hatte ich keine Wahl.")

Nach einer Auseinandersetzung auf einer gemeinsamen Fahrradtour, für die Michael sogar seine Briefmarkensammlung verkaufte, uni die Reise zu finanzieren. schlägt sie ihn, doch auch dies verzeiht er ihr.(S.55 ,,Sie machte zwei Schritte zu mir, warf sich an meine Brust, schlug mit Fäusten auf mich einklammerte sich an mich. Jetzt konnte ich sie halten. Ihre Schultern zuckten, sie schlug mit der Stirn gegen meine Brust.") Michael handelt oft so, er hat Angst sie zu verlieren, doch oft ist er auch ärgerlich, traut sich jedoch nie seinen Standpunkt durchzusetzen.(S.70 ,Als auch ich schlechtgelaunt reagierte, wir in Streit gerieten und Hanna mich wie Luft behandelte, kam wieder die Angst sie zu verlieren und ich erniedrigte und entschuldigte mich, bis sie mich wieder zu sich nahm. Aber ich war voll Groll.")

Durch diese Wut, die er beginnt aufzubauen, kommt es dazu, dass er Hanna vor seinen Klassenkameraden verleugnet und sich sogar für ein anderes Mädchen interessiert, doch auch ihr kann er nichts von Hanna erzählen. (S.76 ,,Aber von Hanna reden konnte ich erst recht nicht.")

Eines Tages jedoch verschwindet Hanna plötzlich. Michael kann es nicht fassen, sehnt sich nach ihr und vermisst sie schmerzlich, (S.83 ,,Es dauerte eine Weile, bis mein Körper sich nicht mehr nach dem ihrem sehnte.") doch als einige Zeit vergeht und Michael und seine Familie in einen anderen Stadtteil ziehen, verblasst die Erinnerung an Hanna. (S.83 ,,Nicht dass ich Hanna vergessen hätte, aber irgendwann hörte die Erinnerung an sie auf mich zu begleiten.")

Michael macht sein Abitur und fängt ein Studium der Rechtswissenschaft an. Er reagiert immer öfter arrogant und großspurig weil er sich nie mehr von einer Person demütigen lassen will und nie mehr einer Person so verfallen sein will wie Hanna.(S.84 ,,Mich nach Hanna nie mehr demütigen lassen und demütigen, nie mehr schuldig machen und schuldig fühlen, niemanden mehr so lieben, dass ihn verlieren weh tut.") Seine erste Begegnung, nach langer Zeit, mit Hanna war im Gerichtssaal bei einem KZ-Prozeß den er mit seinem Seminar besucht, doch er fühlt nichts mehr für sie, (S.91 ,,Ich erkannte sie, aber ich fühlte nichts."), er fühlt sich nur wie betäubt, weiß jedoch nicht warum.

Michael verfolgt den Prozess jetzt regelmäßig und entdeckt so immer weitere Dinge über Hanna, zum Beispiel dass sie Analphabetin ist. Er fühlt sich aber auch schuldig, weil er eine Verbrecherin geliebt hat.(S.128 ,,Und wenn ich nicht schuldig war, weil der Verrat einer Verbrecherin nicht schuldig machen kann, war ich schuldig, weil ich eine Verbrecherin geliebt hatte.“) Als Hanna zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird, versucht Michael loszukommen von dem Prozess und von Hanna, doch alle seine Gedanken kehren zu der Zeit mit Hanna zurück. Michael hat eine Ehe und zahlreiche Beziehungen hinter sich, die alle daran scheiterten, dass er alle Frauen mit Hanna verglichen hat. So ist es auch weniger verwunderlich, dass er nach einiger Zeit wieder anfängt für Hanna zu lesen, es auf Kassette zu sprechen und es Hanna ins Gefängnis zu schicken.

Dies geht einige Zeit und Michael bekommt auch einige kurze Antworten von Hanna , was ihn sehr erfreut.(S.178 ,,Dann betrachtete ich Hannas Schrift und sah, wieviel Kraft und Kampf sie das Schreiben gekostet hatte . Ich war stolz auf sie.“) Als Hanna jedoch entlassen werden soll, wird sich Michael bewusst, dass er sich um Hanna kümmern muss, was ihm aber nicht sehr gefällt.(S.182 ,,Aber mir gefiel nicht, was auf mich zukam.") Er besucht sie nur ein einziges Mal im Gefängnis, da er davor immer sehr viel Angst hatte. Doch als er alles vorbereitet hat, erhält er die Nachricht, dass Hanna sich erhängt hat. Michael macht sich erneut Vorwürfe (S.198 ,,Warum hatte ich den Aufschein vor einer Woche nicht gesehen?").

Auch nachdem 10 Jahre seit Hannas Tod vergangen sind, stellt er sich immer noch die gleichen Fragen (S.205 ,, ob ich ihr etwas schuldig geblieben bin, ob ich schuldig geworden bin, indem ich sie geliebt habe, ob ich und wie ich mich von ihr hätte lossagen, loslösen müssen.") und so kommt er eigentlich nie richtig von Hanna los.

3.5 Charakterzüge Michaels:

- schamhaft (sehr schüchtern) ; (S.6/16)
- voyeuristisch (schaut durch den Türspalt) ; (S.15)
- schwelgt oft in Erinnerungen (besonders an Hanna) ; (S.17ff.)
- phantasievoll (S.19-21)
- lässt sich unterwerfen und kommandieren (S.26, 50)
- hat Minderwertigkeitskomplexe (Zweifel und Angst plagen ihn oft) ; (S.27)
- lernt durch Hanna „Umgang“ mit Mädchen, wird insgesamt selbstbewusster
- will in Beziehung mit Hanna viel investieren (Gefahr des Sitzenbleibens) ; (S.36)
- stark beeinflussbar, vor allem durch Hanna
- besessen, süchtig nach Hanna (abhängig)
- sehr sensibel, in Bezug auf Hanna (weint) ; (S. 47)
- kann keine Beziehung aufrechterhalten (vergleicht alle Frauen mit Hanna)
- gefühlskalt, in Bezug auf seine Familie
- ihm ist alles gleichgültig (Großvater vor Tod/ Sophie nach langer Krankheit) (S.84/85)
-baut eine „Mauer" um sich, die aus Arroganz und Gefühlskälte besteht

4. Rückanbindung an das Seminar: Schlüssel zum Roman:

Hanna und Michael sind nicht als Personen zu verstehen, sondern als Metaphern für die Vergangenheitsbewältigung.

Die Person der Hanna steht für die Vergangenheit selbst.

Die Vergangenheit wird immer gedeutet, doch kann sie selbst nicht sprechen, deshalb lernt der Leser Hanna auch nur aus der Erzählung Michaels kennen. Wie Michael kann man die Vergangenheit lieben und sich mit Ihr auseinander setzen, sie versuchen aufzuarbeiten.

Der Freitod Hannas wäre hier zu sehen als Zeichen für die Vergänglichkeit, die Zeit verrinnt, lässt sich nicht festhalten. Wo man sie fassen will, entzieht sie sich wieder. Da die Vergangenheit nicht domestizierbar ist, unveränderbar und immer wieder neu zu interpretieren, muss sie sich entziehen. So gesehen wäre der Freitod der Hanna ein „Happy End“ der Geschichte.

5. Literaturverzeichnis: Bernhard Schlink, Der Vorleser

6. Zeittafel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

16 of 16 pages

Details

Title
Der Vorleser - Hanna und Michael
College
Justus-Liebig-University Giessen
Course
Seminar: Hat Rassismus ein Geschlecht
Grade
2
Author
Year
2002
Pages
16
Catalog Number
V105926
File size
834 KB
Language
German
Notes
Auch für den Deutschunterricht geeignet
Tags
Vorleser, Hanna, Michael, Seminar, Rassismus, Geschlecht
Quote paper
Silke Kirchhein (Author), 2002, Der Vorleser - Hanna und Michael, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105926

Comments

  • guest on 3/11/2008

    Dankeschön.

    Lieber Vefasser/ -in dieser Seite:

    Es hat mir bei meiner hausaufgabe sehr weitergeholfen.

    DANKE

Read the ebook
Title: Der Vorleser - Hanna und Michael


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