Das Fräulein von Scuderi


Hausarbeit, 2001

10 Seiten, Note: 1,7


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Das Fräulein von Scuderi

Gleich zu Beginn der Erzählung, nach der Übergabe des Kästchens, wird eine längere Passage eingeschoben, die die verbrecherische Situation in Paris zu jener Zeit beschreibt. Dieser Einschub dient einerseits dem weiteren Spannungsaufbau, denn der Rezipient bemerkt schon bei der Entgegennahme des Kästchens, dass irgendeine Gefahr die Gesellschaft bzw. einzelne Privatleute bedroht. Außerdem kommt ihm die Funktion zu auf das folgende Geschehen in der Erzählung überzuleiten. Dieser Textabschnitt ist in drei Phasen zu unterteilen3, als erstes wird einmal die Geschichte der Giftmorde geschildert. Dabei spielen vier Personen eine wichtige Rolle. Zunächst gibt es da den Apotheker Glaser ( S.8, Z.29),4 der vielleicht am harmlosesten ist, denn er geht eigentlich nur seiner Wissenschaft nach. Sein Schüler Exili macht sich seine Künste hingegen insofern zu Nutze, als er ein Gift entwickelt, „das ohne Geruch“ und „ohne Geschmack“ ( S.9, Z. 2) ist und versucht durch den Verkauf dieses Gifts reich zu werden. Der Hauptmann Sainte Croix versucht durch die Gifterzeugung Rachegelüsten genüge zu tun und schließlich gibt es noch Marquise de Brinvillier, die ohne Gewissen ihren Vater, die Geschwister und etliche arme Senioren tötet ( S.9, Z.8- S.10, Z.3). Diese Personen spiegeln den Zustand einer ganzen Gesellschaft wider, denn der scheinbaren Tugend dieser Leute steht ihre verbrecherische Nachtseite gegenüber.5 Sie sind ohne jegliche Moral und so bezeichnet der Erzähler die Marquise auch als „entartetes Weib“ (S.9, Z.25). All diese Morde geschehen aus reiner Lust und dienen keinem weiteren Zweck. An dieser Stelle taucht zum ersten Mal der Polizist Degrais auf, der Brinvillier als Mörderin überführt.

Im zweiten Teil der Beschreibung geht es um die Ausweitung der Giftmorde, die in alle gesellschaftlichen Schichten eindringen. Durch eine alte Wahrsagerin wird das Gift allen zugänglich und so wird aus Eifersucht und Habgier gemordet. Das Gift dringt sogar in Familien ein und zerstört das Vertrauen zwischen den nächsten Verwandten. Die ganze Gesellschaft ist von Misstrauen geprägt (S.11,Z.4-S.12, Z.10). Um diesen Machenschaften ein Ende zu bereiten und vor allem um sein eigenes Gewaltmonopol aufrecht zu erhalten, setzt König Ludwig XIV. ein Gericht, die Chambre ardente, ein. Doch diese Justiz geht genauso grausam vor:

„(...)der geringfügigste Verdacht reichte hin zu strenger Einkerkerung, und oft war es dem Zufall überlassen, die Unschuld des auf den Tod Angeklagten darzutun.“ ( S.14, Z. 1-3)

Es war also ganz normal Geständnisse durch Folter zu erzwingen, ob die Verhafteten schuldig waren oder nicht. Diese Tatsache kennzeichnet auch den Machtapparat Ludwig XIV., man könnte sagen, dass durch dieses Vorgehen die ganzen Giftmorde noch einmal wiederholt werden, denn die Sanktionen, die die Justiz ergriff, setzten einen Teufelskreis frei. Wie ein Inquisitor antwortet das Gericht auf Gewalt wieder mit Gewalt und dies führt „zwangsläufig zum Ausgangspunkt des Verbrechens zurück.“ 6 Im letzten Teil des Einschubes wird vom Beginn der Juwelenmorde erzählt, die sich den Giftmorden anschließen. Es wird von den Überfällen und den erfolglosen Maßnahmen, die die Polizei ergreift berichtet und dass der Adel vom König noch grausamere Gerichte forderte wie zur Zeit der Giftmorde. Der König lässt sich allerdings sein Machtmonopol nicht aus der Hand nehmen und lehnt ab (S.16, Z28-35).

Dieser Abschnitt ist deshalb so ausführlich, weil er sozusagen den Hintergrund für die Juwelenmorde bildet. Es wird eine Gesellschaft beschrieben, in der ein Menschenleben nicht mehr viel Wert ist und die von Egoismus und Habgier geprägt ist. Traditionelle Werte sind verloren gegangen. Dieser Sachverhalt stellt so einen Kontrast zu den Morden Cardillacs dar. Denn in dieser Gesellschaft findet die Tötung nur aus Lust statt, jeder sieht nur sich selbst, und die Mitmenschen treten in den Hintergrund. Ja, man könnte vielleicht soweit gehen und sagen, dass diese Situation mit ein Grund für die Verbrechen Cardillacs ist. Diese kriminelle und amoralische Haltung geht durch alle Gesellschaftsschichten, aber vor allem findet man sie im Adel ( S.12, Z.16-20).

An dieser Stelle wird auf die Juwelenmorde und somit auf die eigentliche Handlung der Erzählung übergeleitet.

Die Rolle der Scuderi

Während die Giftmorde aufgeklärt worden sind, bleiben die Juwelenmorde lange im Dunkeln und

erfordern so das Eingreifen der Scuderi. Sie steht in der Erzählung einerseits für Kunst und Familie, andererseits hat sie auch eine politisch-gesellschaftliche Rolle inne. Scuderi wird sowohl als die Mutter Oliviers als auch als Braut von Cardillac bezeichnet. Sie wird des öfteren als „heilige Jungfrau“ betitelt, was sie als religiös-moralische Instanz zeigt. Des weiteren trägt sie politische Verantwortung insofern, als dass sie am Ende Oliviers Unschuld beweist und durch ihre Ermittlungen die kranke Gesellschaft entlarvt.7

Scuderi selbst lebt in einer selbst geschaffenen Isolation, weder hat sie eine Familie, noch schließt sie sich einem gesellschaftlichen Stand an, d. h. sie gehört nicht zum Adel, aber auch nicht zu den Künstlern oder zum einfachen Volk. Diese Tatsache macht es ihr auch leichter zwischen den Ständen zu verhandeln und so letztendlich Olivier zu retten. Im Folgenden soll nun dargestellt werden, wie die Gesellschaft in allen Schichten krankt und wie das zum Ausdruck kommt.

Der alleinherrschende, untätige König

Eine Person, die oben schon kurz angesprochen wurde, ist der König. Er ist ein absolutistischer Herrscher, hat also das Macht- und Gewaltmonopol inne. Anstehende Entscheidungen trifft er alleine, auch wenn er nicht mit dem vorliegenden Sachgebiet oder Problem vertraut ist. Der Bürger kann sich also im Grunde auf keines der Gesetze verlassen, weil es vom König willkürlich beschlossen wurde und auch genauso schnell wieder geändert werden kann. Um beim König etwas erreichen zu können, muss man sich entweder seine Gunst erwerben, wie dies die adligen Liebhaber (S.17) machen, oder durch List, die die Scuderi am Ende der Erzählung anwendet, um Gnade für Olivier zu erlangen.

Im Text handelt der König ebenso grausam und herzlos wie es auch in den übrigen Gesellschaftsschichten der Fall ist, aber er ist durchaus wankelmütig als die Scuderi ihre List anwendet, so appelliert sie an seine männlichen Gefühle, indem sie ihm die „wunderbare Schönheit“

(S.72, Z.7f) , Madelon, vorführt. Der König sieht sich zwar „aus Gottes Gnaden“ zu seinem Amt berufen,8 handelt aber ganz und gar nicht danach. Er ist inhuman und sucht nicht wirklich nach Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern setzt statt dessen eine grausame Justiz ein, hinter der er sich versteckt. Der König entzieht sich jeglicher Verantwortung und überlässt es anderen über Schuld und Unschuld zu urteilen. So ist er zwar anscheinend selbst von der Unbescholtenheit Madelons überzeugt, will aber warten „was die Chambre ardente dazu sagt“ ( S.72, Z.22). Er sieht dem Geschehen tatenlos zu und hat somit Anteil am moralischen Verfall der Gesellschaft.

Der inhumane la Regnie

Wie schon gesagt übergibt der König einen Teil seiner Macht der Justiz und setzt die Chambre ardente ein. Deren Präsident la Regnie steht in gewisser Sicht den wahren Verbrechern nicht viel nach, denn er verkörpert den absoluten Machtmenschen, der seine Lust an der Macht auslebt. Allerdings auf Kosten des Volkes bzw. der Bestraften. Sein grausames Wesen, das der Inquisition gleicht, wird auch durch sein hässliches Äußeres unterstrichen.

La Regnie ist in seiner Meinung festgefahren, er kann und will diese nicht ändern. Wer einmal in seine Fänge geraten ist, ist so gut wie tot, denn la Regnie versucht jedes Opfer „zwischen den Zähnen festzuhalten“ (S.74, Z.7). Durch Folter erpresst er Geständnisse, wobei es ihm egal ist, ob diese der Wahrheit entsprechen oder nicht. Nur durch ihre kluge Taktik kann die Scuderi Olivier vor solchen Qualen bewahren. Olivier ist in la Regnies Augen natürlich schuldig, denn durch „Verhör, Tatwaffe, Zeugenaussage, Motiv sowie Einordnung der Tat in die Mordserie“,9 gibt es für ihn nur ein Urteil:

Schuldig! Außerdem haben die Morde ja nach der Verhaftung Oliviers und dem Tod Cardillacs aufgehört (S. 39, Z. 23-25).

Eventuelle Entlastungen von der Schuld lässt er einfach beiseite. So ignoriert er die Aussage Madelons völlig. Im Gegenteil, er würde auch sie am liebsten als Komplizin hinter Gitter bringen. Mit einem „giftigen Lächeln meint er:

„(...) ei, wer steht mir dafür, daß sie nicht mit im Komplott ist. Was ist ihr an dem Vater gelegen, nur dem Mordbuben gelten ihre Tränen.“ ( S.39, Z.31ff)

La Regnie wütet in allen Ständen, so dass sich sogar der Adel vor ihm fürchtet, da er willkürlich zugreift, egal ob derjenige ein Verbrecher ist oder nicht. Diejenige Instanz, die die Bürger normalerweise schützen soll, erzeugt in dieser Zeit genauso viel Angst wie die wirklichen Täter.

Sein übersteigertes Pflichtgefühl lässt la Regnie zur Furie werden, die Lust am Bestrafen und Töten empfindet. Durch dieses Verhalten wird die Gewalt im Staat nicht verringert, im Gegenteil, sie wird potenziert, denn auf Gewalt wird wiederum mit Gewalt geantwortet. Doch für la Regnie ist das die Erfüllung der Pflicht (S.37, Z.14). Außerdem trägt er im Grunde keine Verantwortung für sein Handeln, denn die oberste Gewalt im Staat hat der König, von dem er eingesetzt worden ist.

Der „verschlagene[n] Degrais“

Ein weitere Vertreter des Polizeistaates ist der Polizist Degrais. Bei ihm ist die Rede vom „verschlagenen Degrais“ ( S.11, Z.34), er stellt die rechte Hand von la Regnie dar und ist nicht minder davon besessen, den unschuldigen Olivier an den Strang zu liefern. So ist er sofort nach dem Mord an Cardillac und der Festnahme Oliviers von dessen Schuld überzeugt und wirft einen „tückischen, schadenfrohen Blick“ ( S.33, Z.18f) auf die verzweifelte Madelon. Ebenso wie damals das tödliche Gift in die privatesten Bereiche eindrang, dringt nun Degrais in die „geheimsten Schlupfwinkel des Verbrechens“ (S.11, Z,35). Bei der Schilderung der Behandlung von Madelon wird nochmals die ganze Gewalt deutlich, mit der die Justiz vorgeht (S.32f)

Auch der damals bekannteste Anwalt in Paris, d’Andilly, den die Scuderi um Hilfe bittet, stellt sich nicht dieser degenerierten Justiz entgegen und bezeichnet das Vorgehen la Regnies als nicht „grausam“ und nicht „übereilt“ (S.65,. Z.19), weil Olivier eindeutig der Schuldige zu sein scheint. Hier wird klar, dass die gesamte Justiz völlig inhuman und grausam handelt. Sie sieht nur ein Ziel, nämlich das Verbrechen zu bekämpfen. Dabei wird allerdings übersehen, dass diese wenig konstruktive Art und Weise eher das Gegenteil bewirkt. La Regnie und seine Spießgesellen handeln wie im Rausch, sie gieren nach Blut und Rache und versetzen so, wie die Verbrecher selbst, ganz Paris in Angst und Schrecken. Die Suche nach der Schuld stellt für den Polizeiapparat so etwas wie die „Legitimation von Gewalt und Terror“ dar.10

Gerade dieses blinde und besessene Vorgehen erschwert die Aufklärung der Verbrechen. Die Justiz ist sozusagen Spiegelbild einer grausamen, dekadenten Gesellschaft.

Der verbrecherische und galante Adel

Ein weiteres Mitglied der Gesellschaft ist der Adel, der sich ebenso unmenschlich und egoistisch benimmt. So wurden in der Zeit der Giftmorde mehrere Personen nur aus Habgier getötet. Auch später, als die Juwelenmorde einsetzten änderte sich dieses Verhalten nicht. Die Adligen versuchen sogar die Macht des Königs zu beschneiden, indem sie ihn bitten, einen Platz in der Chambre ardente zu bekommen (S.16, Z.27-36). Diese Forderung lehnt der König jedoch ab, weil er ein noch grausameres Vorgehen fürchtet. Um aber gegenüber dem König doch noch ihren Willen durchsetzen zu können wenden sie ein anderes Mittel an. Die adligen Liebhaber wollen mit Hilfe der Literatur den König überzeugen. Durch ein Kriegsgleichnis bzw. eine -metapher wollen sie dem König zeigen, dass sie gegen die Missstände ankämpfen müssen, denn anders als im Krieg, in dem sie für die Ehre sterben, müssen sie in Paris gegen ihre potentiellen Mörder vorgehen (S.17, Z.1-19). Den Adligen geht es natürlich nicht darum Paris, oder gar die Gesellschaft vor moralischem Verfall und Niedergang zu retten, nein, sie sorgen sich einzig und alleine um ihre „gestörte Liebeslust“.11

Trotzdem ist diese Forderung im Kern nicht falsch, denn die Adligen verlangen ja, dass der König endlich etwas gegen die Verbrechen unternimmt, nur eben aus einer fragwürdigen Motivation heraus. Der König bleibt allerdings weiter untätig und sucht erst einmal Rat bei seiner Mätresse und der Scuderi. Im Großen und Ganzen trägt der galante und verbrecherische Adel großen Anteil am Verfall der Gesellschaft.

Die Rolle der Kirche

Um ein umfassendes Bild von den gesellschaftlichen Zuständen dieser Zeit zu zeichnen, müssen auch der Klerus und die Kirche näher betrachtet werden. Diese Institution spielt in der Erzählung Hoffmanns, zumindest auf den ersten Blick, nur eine indirekte Rolle. Zuerst fällt auf, dass der ganze Text von religiös konotierten Vokabeln durchzogen ist. So wird beispielsweise ziemlich häufig, wenn von der Scuderi die Rede ist ein Hinweis auf die „heilige Jungfrau“ gegeben. Außerdem werden diese Worte ähnlich einer Formel benutzt, nämlich immer dann, wenn eine Person ihrer Überraschung oder dem Entsetzen Ausdruck verleihen möchte.

Auch gibt es in der Erzählung zwei Kategorien von Menschen: Die Frommen und die Frömmelnden. Zu ersteren gehören eindeutig Olivier, Madelon und die Scuderi. Vielleicht kann man auch Cardillac dazuzählen, der ja nicht aus Habgier und Egoismus handelt, wie viele andere, sondern eher aus einem Zwang heraus. Darauf wird jedoch später noch näher eingegangen werden.

Zur Sparte der frömmelnden Personen ist eigentlich der ganze Adel hinzuzuzählen, sowohl die

Maintenon, aber besonders die Marquise de Brinvillier, die nach ihren Mordtaten in ein Kloster flüchtet und hofft, so nicht entdeckt zu werden (S.10). Zwar geben sie vor, tugendhaft zu sein, denken in Wirklichkeit aber völlig anders.

Wenn man die Begriffe „Schicksal“ und „höhere Macht“ zu den religiösen Worten zählt, kommen ihnen bestimmte Bedeutungen zu, denn sie werden von den einzelnen Personen in unterschiedlichen Zusammenhängen angewendet. Während die Scuderi die himmlische Macht meint, spricht Olivier von einer ungeheuren Macht, die ihm Angst einflößt. Er spürt diese höhere und böse Kraft, die über der Gesellschaft schwebt und diese bedroht. Auch Cardillacs Sicht der Macht ist eher negativ, er sieht in ihr den „bösen Stern“ (S.54, Z.24), der ihn zu seinen Taten antreibt.

Die einzige Stelle, an der die Kirche sehr deutlich hervortritt ist am Schluss, als sie den wiederaufgetauchten Schmuck entgegennimmt und ihn teilweise behält (S.76). Hier wird klar, dass auch die Kirche von der gestörten Gesellschaft nicht unberührt geblieben ist, denn der Erzbischof von Paris gibt bekannt, dass sie im Rahmen einer Beichte den Schmuck bekommen hätten. Allerdings fand diese Beichte in Wirklichkeit nie statt und auch den Schmuck hat die Kirche nicht auf diese Weise erhalten. Trotzdem behält sie die Juwelen, deren Besitzer ermordet worden sind. Somit kommt wieder einmal die Habgier der Gesellschaft zu Tage, die auch vor der Kirche nicht Halt gemacht hat.12

Das wankelmütige Volk

Bleibt noch die breiteste Masse der Gesellschaft, das Volk. Leicht betrachtet man die einfachen Leute als Opfer der höheren Stände und bringt ihnen Mitleid entgegen. Aber natürlich ist das Gift, das das ganze Sozialwesen krank macht auch hier eingedrungen. Dies zeigen die bösartigen Reaktionen. Der Pöbel hat bereits die grausamen Methoden der Justiz verinnerlicht und fordert, als man die Ermordung Cardillacs entdeckt, die Hinrichtung Oliviers. Ähnlich wie beim Polizeiapparat steht für die Masse sofort fest, dass er der Übeltäter ist und dafür bestraft werden muss. Das Volk hat eine Lust daran entwickelt, einen Menschen am Strang zu sehen, sie genießen das Fließen des Blutes und das grausame Spektakel.

Sie ändern aber ihre Meinung ziemlich schnell wieder, als die Scuderi sozusagen den Fall gelöst hat. Die Wut schlägt um und trifft diesmal die Justiz, die Olivier so lange im Gefängnis festgehalten hat.

Auch Olivier ist ein Vertreter des Volkes, der sich aber deutlich von der Allgemeinheit abhebt. Durch sein Schweigen, er lässt sich weder zu einem Geständnis erpressen, noch verrät er die Wahrheit über Cardillac, denunziert er das grausame Justizwesen.13

Alles in allem muss man aber sagen, dass auch das Volk von Hass, Habgier und Egoismus zerfressen ist und sich nicht von den übrigen Ständen der Gesellschaft unterscheidet.

An dieser Stelle kann man kurz zusammenfassen: Die Krankheit, die zur Zeit der Giftmorde ausgebrochen ist, hat alles durchzogen. Egal, ob König oder einfacher Arbeiter, alle sind von diesem Verfall erfasst worden. Die Ermittlungen der Scuderi in einem Mordfall haben das Rätsel des Sozialwesens offenbart. Die Menschen leben in einer Zeit, in der traditionelle Werte wie Treue, Ehre, Aufrichtigkeit, Nächstenliebe etc. nicht mehr zählen. Vielleicht soll ja auch das Kästchen, das am Anfang der Erzählung der Scuderi übergeben wird, das Symbol für dieses Rätsel der menschlichen Gesellschaft sein. Man wusste ja lange nicht, was sich in ihm befindet, Gift oder Edelsteine? Auf jeden Fall wird durch den Ausbruch irrationaler und gefährlicher Energien in allen Ständen das Bild sowohl einer verstörten als auch einer zerstörten Gesellschaft gezeichnet, die sich mitten in ihrem moralischen Verfall befindet.

„Das Fräulein von Scuderi“ im Kontext der Romantik

Die Romantik kann als eine Bewegung der Widersprüche angesehen werden. Sie wendet sich also von der formalen Logik ab und benutzt das Irrationale und Kranke als Kunstform. So gesehen ist Hoffmanns Erzählung ein Prototyp der Romantik, denn man ahnt während der ganzen Handlung so etwas wie eine böse Macht, die über der Gesellschaft schwebt. Genauso sollen die Dinge, die auseinandergetrieben sind wieder zusammengefügt werden. Beim vorliegenden Text sind es die Verbrechen, die aufgeklärt werden sollen. Eine Kriminalgeschichte ist also besonders gut für solche Zwecke geeignet, da sie aus der anfänglichen Verwirrung Klarheit schafft. Hoffmann versucht auch die Welt bzw. die Gesellschaft aus ihrer Erstarrung zu erwecken, um so die alte Ordnung wiederherzustellen, er prangert also die Missstände an, um ein Durchschauen der Situation möglich zu machen. Nur so können die bestehenden Zustände geändert und verbessert werden. Für diesen Zweck geht er aber in eine frühere Zeit, in das absolutistische Frankreich. Es wird deutlich, dass das Prinzip der Analogie gilt, d.h. dass zwischen den einzelnen Problemen und Tatsachen Verbindungen bestehen, wie das auch bei den Morden Cardillacs der Fall ist, denn diese stehen ja in direktem Bezug zu der amoralischen Haltung der Gesellschaft. An Cardillac selbst werden natürlich sehr typische Elemente der Romantik deutlich, denn er verkörpert den genialen Künstler, der auf der einen Seite der ehrbare und ordentliche Handwerker und Vater ist, auf der anderen Seite aber ein dämonisches und dunkles Wesen hat.14 Diese Duplizität von Schein und Sein entspricht vollends dem serapiontischen Prinzip, denn diese beiden Gesichter sind auf keinen Fall zu vereinen. Zuletzt noch zur Scuderi selbst. Sie ist ebenfalls eine typische Figur der Romantik. Außer, dass sie eine Künstlerin ist, ist sie auch krank und braucht Heilung. Ihre Krankheit besteht darin, dass sie sich psychisch und physisch von der Außenwelt isoliert. Erst nach und nach greift sie wieder ins Leben ein und legt ihre Isolation ab.15 Sie übernimmt die Ermittlungen in einem Mordfall und löst diesen schließlich auch, doch durch ihr Eingreifen wird ein neues Rätsel gestellt, das der kranken Gesellschaft, die Hoffmann in seiner Erzählung kritisiert.

Die Zerstörung der Familie

Immer wieder geht es im Text um die Zerstörung der kleinsten Zelle unsere Gesellschaft, der Familie. Schon während der Zeit der Giftmorde drang das Misstrauen in die engsten Familienbande ein:

„Der Gatte zittert vor der Gattin - der Vater vor dem Sohn - die Schwester vor dem Bruder.“ (S.11, Z.17ff)

Ein jeder war also nur auf sich und seine Vorteile bedacht, man ging sogar so weit, die nächsten Verwandten zu töten, nur um seine Ziele zu erreichen. Die heiligsten Werte wurden verdrängt und dieser Vertrauensverlust konnte natürlich nicht so schnell wieder behoben werden. Es gab keine Freundschaft und Verwandtschaft mehr, geschweige denn so etwas wie Liebe.16 Diese Situation in der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Liebe zwischen Olivier und Madelon wider. Sie darf, bzw, soll nicht sein. Alle Stände sind gegen sie. So ist das Volk von der Schuld Oliviers überzeugt und fordert die Todesstrafe für ihn. Auf diese Weise bekämpft es auch die Liebe von Olivier und Madelone. Auch la Regnie legt Madelon ihre Liebe zum Nachteil aus, denn er beschuldigt sie der Mitwisserschaft an dem angeblich von Olivier begangenen Mord. Er intrigiert sogar so geschickt gegen sie, dass selbst die Scuderi kurzzeitig an die Vorwürfe glaubt.

Allerdings ist die Liebe der beiden in Hoffmanns Erzählung auch so etwas wie ein Hoffnungsschimmer, denn diese Liebe ist bedingungslos, Madelon steht ohne wenn und aber zu Olivier. Dieses Vertrauen könnte ein Zeichen dafür sein, dass die letzte Hoffnung für eine Wiederbelebung einer intakten Gesellschaft noch nicht ganz gestorben ist. Diese Liebe ist es auch, die es als einzige schafft, alles Böse, was über die Menschen hereingebrochen ist zu überwinden.17

Trotz allem muss man leider sagen, dass Hoffmanns Erzählung eine Geschichte der Beziehungslosigkeit und des allseitigen Misstrauens ist. Denn wie soll eine Gesellschaft funktionieren und gesund sein, wenn schon ihre kleinste Zelle defekt ist? Diese Beziehungslosigkeit wird auch durch das politische System, den absolutistischen Ständestaat, widergespiegelt. Jede gesellschaftliche Schicht ist strikt von der anderen abgetrennt und die Beziehungen die bestehen sind alle eher negativer Natur. Beispielsweise stehen die Menschen mit dem König in einer Verbindung, allerdings nur insofern, dass sie vollkommen von seiner Willkür abhängig sind und sich ihm deshalb immer unterwerfen müssen.

Cardillac, ein Opfer der Gesellschaft?

Bleibt noch die Frage zu klären, ob der scheinbar so kaltblütige Mörder Cardillac ein Opfer dieser Gesellschaft ist? Zwar steht seine Janusgesichtigkeit außer Diskussion, aber begeht er seine Morde wirklich nur aus Lust? Cardillac handelt aus einem Trieb heraus, der in seiner unendlichen Liebe zu Schmuck und Juwelen begründet liegt. Er selbst gibt an diese Sucht durch ein pränatales Ereignis vererbt bekommen zu haben und meint, immer seinem „bösen Stern“ folgen zu müssen. Somit schiebt er jede Verantwortung für sein Tun von sich, denn wie die Justiz, die der Meinung ist, dass im Grunde der König für das grausame Vorgehen verantwortlich ist, meint auch Cardillac, von einer höheren Macht geleitet zu werden. Er hört auf eine innere Stimme, die ihm bei einem jeden seiner Opfer sagt:

„Es ist ja dein - es ist ja dein - nimm es doch - was sollen die Diamanten dem Toten!“ (S.56, Z.28f)

Cardillac steht am Rande der Gesellschaft, zwar schätzt ihn der Adel für seine Kunst, denn mit seinen Werken umwerben sie ihre Geliebten, aber eine zwischenmenschliche Beziehung zu ihm gehen sie nicht ein. Durch seine Hässlichkeit und das aufbrausende Wesen ist er ihnen unheimlich, so wird Cardillac in eine isolierte Position gedrängt, die es ihm aber auch ermöglicht seinem Trieb nachzugehen, denn niemand traut ihm eine solche Tat zu. Die begangenen Verbrechen sind eine unmittelbare Folge aus der Situation der Gesellschaft. Man könnte Cardillac als determiniert bezeichnen, denn im Grunde kann er gar nicht anders handeln und sein Schicksal muss so verlaufen, wie es sich auch ergibt. Cardillac hat keinen freien Willen, er ist von dieser kranken Gesellschaft abhängig. Dadurch, dass er vom Adel seine finanziellen Mittel erhält, aber sonst nicht weiter von ihm geachtet wird, lebt er alleine und hat eigentlich keine Beziehungen zu seiner Umgebung. Nur durch die Kunst hält er Kontakt zur Außenwelt. Durch dieses Missverhältnis sieht sich Cardillac vom Adel und all seinen Kunden ausgenutzt. Er und seine Ware sind nur Objekte ohne Seele und um sich dagegen zur Wehr zu setzten, gibt es für ihn keine andere Möglichkeit als seine „Peiniger“ zu ermorden und so sich und seine Kunstwerke zu retten. Allerdings hat er auf diese Art nichts an der sozialen Situation geändert, im Gegenteil, er hat sie konsolidiert, denn die Maßnahmen, die gegen seine Verbrechen ergriffen werden, sind grausam und haben auch viele Unschuldige ins Elend gestürzt, ein Teufelskreis des Verbrechens wurde eröffnet.18

E.T.A. Hoffmann als Gesellschaftskritiker

E.T.A. Hoffmann galt lange Zeit als „unpolitischer Mensch“ und hat sich auch selbst so gesehen.19 Doch wenn man Erzählungen wie „Das Fräulein von Scuderi“ betrachtet, scheint dies so gar nicht der Fall zu sein, denn hinter der vordergründigen Kriminalgeschichte verbirgt sich ganz eindeutige Kritik an der Gesellschaft. Ohne Rücksicht werden die Missstände im sozialen System entlarvt. Diese Kritik bringt Hoffmann jedoch verschlüsselt an. Durch die Kunst, hier ist sowohl Hoffmanns literarisches Können, als auch die Thematik der Erzählung gemeint, verfremdet Hoffmann die Realität. Auf den ersten Blick ist „Das Fräulein von Scuderi“ die Geschichte eines Künstlers, der dem Wahnsinn verfallen ist. Erst nach und nach werden aber die Gründe für das verbrecherische Treiben klar und so werden eigentlich mehr die sogenannten „normalen“ Menschen kritisiert, als der Triebmörder Cardillac. Denn dieser mordet aus Verzweiflung und der Unfähigkeit in dieser Gesellschaft zu leben. Die anderen Menschen von denen berichtet wird, haben aber überhaupt keine Motivation für ihre Morde. Sie geschehen nur aus Habgier, Eifersucht und Egoismus.

Auch kritisiert Hoffmann durch die Person Cardillacs „die Auswirkungen der beginnenden kapitalistischen Produktionsweise der Marktwirtschaft“, denn Cardillac produziert seine Kunstwerke nur noch für den Zweck, Geld damit zu verdienen und daran zerbricht er.

Diese ganzen Kritikpunkte sieht man aber erst dann, wenn man die Fiktion der Erzählung dechiffriert hat und somit die Verfremdung aufgebrochen hat.20

Bei der Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ ist man leicht der Gefahr ausgesetzt, die Geschichte als einfachen Krimi oder sogar als Tatsachenbericht zu lesen, denn es handelt sich um einen „Mantel-und- Degen-Roman“, in dem etwas über historische Persönlichkeiten und authentische Vorkommnisse erzählt wird. Fantasiegestalten und -handlungen werden hinzugefügt. Nur durch genaue Rezeption kann man die wirkliche Aussage entschlüsseln.21

Insofern kann man E.T. A. Hoffmann durchaus als einen gesellschaftskritischen Autoren bezeichnen, denn er führt uns das Bild einer Gesellschaft vor Augen, die durch alle Stände hindurch degeneriert ist und dringend Hilfe braucht.

[...]


3 Gisela Gorski, E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi. Akademischer Verlag Hans-Dieter Heinz, Stuttgart 1980, S. 164

4 Alle verwendeten Zitate stammen aus: E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1999, Bd. 25

5 Ebd. S. 164

6 Carmen Pinilla Ballester, Erzählte Hinrichtungen. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 1992, S. 82

7 Ebd. S. 82f

8 Gudrun Hommel-Ingram, Der Mörder ist selten der Butler. S.44

9 Gisela Gorski, Das Fräulein von Scuderi. S.161

10 Carmen Pinilla Ballester, Erzählte Hinrichtungen. S. 89

11 Klaus- Dieter Post, Kriminalgeschichte und Heilsgeschichte. Zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 95 (1976), Sonderheft E.T.A. Hoffmann, S.145

12 Gisela Gorski, Das Fräulein von Scuderi. S. 169-172

13 Carmen Pinilla Ballester, Erzählte Hinrichtungen, S. 91

14 Marion Bönnighausen, E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Das Fräulein von Scuderi. Oldenbourg Schulbuchverlag, München 1999, S.90-94

15 Klaus D. Post, Kriminalgeschichte und Heilgeschichte. S. 137

16 Ebd. S. 143

17 Ebd. S. 150

18 Gisela Gorski, Das Fräulein von Scuderi. S. 180-183

19 Gisela Gorski, Das Fräulein von Scuderi. S.156

20 Ebd.S 155 - 160

21 Gudrun Homml-Ingram, Der Mörder ist selten der Butler. 1998, S. 32

9 von 10 Seiten

Details

Titel
Das Fräulein von Scuderi
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
10
Katalognummer
V105961
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fräulein, Scuderi
Arbeit zitieren
Beate Sewald (Autor), 2001, Das Fräulein von Scuderi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105961

Kommentare

  • Gast am 10.10.2002

    noni.

    ur genial. danke =) puuuhhh

  • Gast am 15.11.2002

    Olivier Brusson.

    Gibt es noch mehr zu Olivier Brusson ?

  • Gast am 11.12.2002

    Fräulein von Scuderi.

    Die Arbeit ist ganz gut geschrieben, es könnten allerdings noch einige Verbesserungen vorgenommen werden.

  • Gast am 15.12.2002

    Geschwätz.

    Soviel Gelaber und Geschwätz hab ich ja lange nicht gelesen. Nur heiße Luft...

  • Gast am 18.3.2003

    Das Fräulein von Scuderi.

    Genial, nur an manchen Stellen (Die Rolle der Kirche) wurde zu weit ausgeholt. Liebe Grüße und bitte um Konkretisierung.

  • Gast am 31.10.2003

    Hmmm eigentlich gut gelungen, aber es könnte noch ein paar verbesserungen vertragen.

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Titel: Das Fräulein von Scuderi



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