Die Muslime Bosniens unter der osmanischen Herrschaft


Hausarbeit, 2014

10 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verbreitung des Islams in Bosnien

3. Nichtmuslime im islamischen Staate

4. Das Verhältnis von Christen und Muslimen in Bosnien

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Arbeit soll es um die Muslime in Bosnien während der Herrschaft der Osmanen gehen. Dieses Thema ist aus mehreren Gründen interessant, wovon die beiden wichtigsten hier genannt seien: Im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen auf dem Balkan gelang es den Osmanen hier, den größten Teil der Bevölkerung zum Islam zu konvertieren (dies gelang ihnen nur noch in Albanien). Warum konvertierte ein Großteil der Bosnier zum Islam, aber nur vergleichsweise wenige Serben, Rumänen oder Bulgaren? Damit wären wir auch schon beim zweiten Grunde, warum sich die Beschäftigung mit diesem Thema lohnt. Bosnien ist umgeben von Gebieten mit einer eindeutigen christlichen Mehrheit. Bosnien war also, um es bildlich zu beschreiben, eine Art Insel mit einer knappen muslimischen Mehrheit inmitten eines christlichen Meeres, war aber trotzdem Teil eines muslimischen Staates, was natürlich zur Konsequenz hatte, dass Muslime in diesem Staate privilegiert wurden. Sie mussten z.B. weniger Steuern als Christen zahlen. Was bedeutete es für die Muslime Bosniens, eine Art islamischer Vorposten in einer ansonsten rundherum christlich geprägten Region zu sein? Wie wirkte sich das auf das Zusammenleben mit der nach wie vor großen christlichen Minderheit im Lande aus? Diese beiden Fragen – warum konvertierten viele Bosnier zum Islam, Serben, Kroaten und Rumänen aber z.B. kaum und wie gestaltete sich das Zusammenleben mit den Christen Bosniens – werden im Rahmen dieser Arbeit behandelt.

Besonders die Arbeiten von Elmar Hasovic und von Srecko M. Dzaja1 wurden für diese Arbeit verwendet, die beide aus Bosnien stammen und sich im Rahmen dieser Arbeiten mit diesen Fragen intensiv beschäftigten. Daneben fanden noch einige andere Werke beim Erstellen dieser Arbeit Berücksichtigung, die sich mit ausgewählten Abschnitten der bosnischen Geschichte befassen und daher unsere beiden Fragen auch zu beantworten helfen.

Um unsere erste Frage, die nach dem Grunde für die besonders erfolgreiche Ausbreitung des Islams gerade in Bosnien, soll gleich im folgenden Kapitel behandelt werden. Die Frage nach dem Zusammenleben von Muslimen und Christen unter den schon beschriebenen besonderen Umständen bedarf hingegen einer nähergehenden Untersuchung, welche zwei Kapitel in Anspruch nimmt. Zunächst einmal sollen die Bedingungen, unter welchen Nichtmuslime laut islamischem Recht in einem islamischen Staate toleriert werden können, nochmals kurz erläutert werden. Anschließend wird das, was wir über das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Bosnien unter osmanischer Herrschaft wissen, möglichst kompakt wiedergegeben, wobei chronologisch vorgegangen werden soll – von der schnellen Ausbreitung des Islams in Bosnien im 16. Jahrhundert bis zum Ende der osmanischen Herrschaft dort im Jahre 1878. Abschließend soll noch einmal auf beide Fragen in einem Fazit eingegangen werden.

Die Verbreitung des Islams in Bosnien

Über die Ursache für die schnelle Islamisierung großer Teile der Bevölkerung Bosniens gibt es unterschiedliche Theorien, von welchen viele mit der sogenannten bosnischen Kirche zusammenhängen, welche bis zu ihrer Zerschlagung durch den vorletzten bosnischen König, Stjepan Tomash, im Jahre 14592 eine wichtige Rolle im Königreich Bosnien und auch bei der Aufrechterhaltung seiner Unabhängigkeit spielte3. Über ihre genauen theologischen Positionen ist kaum etwas bekannt. So gibt es eine lebhafte Diskussion darum, ob sie die Lehre des bulgarischen Theologen Bogomil vertreten habe oder lediglich eine lokale Variante des katholischen Glaubens gewesen sei und sich lediglich um Distanz zum katholischen Ungarn bemüht habe, welcher danach strebte, Bosnien zu erobern. Diese Diskussion ist auch vom bis heute andauernden Streit zwischen serbischen, kroatischen und bosnischen Nationalisten geprägt. Serbische und kroatische Nationalisten behaupten dabei, dass die Bosnier eigentlich Serben bzw. Kroaten seien, die durch ihren Übertritt zum Islam Landesverrat begangen haben. Bei der bosnischen Kirche handle es sich also lediglich um eine lokale Variante der katholischen bzw. orthodoxen Kirche. Bosnische Nationalisten betonen hingegen, dass die Bosnier bereits vor 1463 eine unabhängige Nation gewesen seien und die bosnische Kirche sich in ihren theologischen Positionen völlig von der serbisch-orthodoxen und der katholischen Kirche unterschieden habe. Sie sei in ihrer Lehre jedoch dem Islam sehr ähnlich gewesen, weshalb es völlig natürlich sei, dass ihre ab 1459 verfolgten Anhänger zum selbigen konvertiert seien.4 Während sich zumindest die serbische Interpretation der bosnischen Kirche eindeutig wiederlegen lässt5, können sowohl Vertreter der „kroatischen“ und „bosnischen“ These der Ausrichtung der bosnischen Kirche einige gute Argumente für sich anführen. Die Wahrheit dürfte daher irgendwo zwischen den beiden Positionen liegen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die bosnische Kirche im Leben der Bosnier eine große Rolle spielte und ihre Unterdrückung ab 1459 für sie ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein dürfte, welches sie religiös orientierungslos machte. Nachdem sie dazu gezwungen worden waren, den katholischen Glauben anzunehmen, fiel es ihnen vermutlich nicht schwer, aus ökonomischen Gründen wiederum zum Islam zu konvertieren, denn die Muslime wurden in Bosnien gerade steuerlich enorm privilegiert6. Die Osmanen hatten sicherlich ein großes Interesse daran, in Bosnien schnell eine muslimische Mehrheit sicherzustellen, denn Bosnien war für sie strategisch sehr wichtig, da es direkt an die beiden großen christlichen Rivalen des Osmanischen Reiches, Venedig und das Habsburgerreich, grenzte. Offensichtlich erkannten sie auch die religiöse Führungslosigkeit der Bosnier, denn im 16. Jahrhundert, als sich endlich das gesamte Gebiet des ehemaligen bosnischen Königreiches unter ihrer Kontrolle befand, etablierten sie ein großes bosnisches Eyalet, dessen Grenze weitestgehend mit den alten bosnischen Grenzen übereinstimmten. Das war keineswegs selbstverständlich: Um den Widerstand der unterworfenen Völker zu schwächen, wurden die meisten eroberten Länder auf dem Balkan in viele kleine Eyalets aufgeteilt.7

Unter den Osmanen fand auch eine umfassende Urbanisierung Bosniens statt. Eine gewisse Urbanisierung hatte es zwar auch vorher schon im Königreich Bosnien gegeben, trotzdem war das Land noch hauptsächlich von der Landwirtschaft geprägt gewesen, was man u.a. daran sehen kann, dass der Tauschhandel gängige Praxis war und man kein bosnisches Geldsystem kannte8. Die Osmanen hingegen trieben eine islamisch geprägte Urbanisation voran. Die alten christlichen Handelszentren wurden entweder vernichtet oder sie wurden, wie z.B. Srebrenica oder auch Zvornik, welche im bosnischen Königreich eine gewisse regionale Bedeutung hatten, schlicht Bedeutungslos. Die Osmanen gründeten vier völlig neue Handelszentren: Tuzla, Banja Luka, Mostar und Sarajevo, wobei letztere das zentrale Handelszentrum in Bosnien werden sollte. In diesen Städten wurden zahlreiche neue Moscheen und andere islamische Bauwerke errichtet.9 Dies brachte zahlreiche Handwerker gerade aus den am Anfang des 16. Jahrhunderts eroberten arabischen Gebieten nach Bosnien, die meist Muslime waren. Auch zahlreiche Sklaven, die bei den umfangreichen Eroberungen der Osmanen in jener Zeit gemacht worden waren, wurden in die bosnischen Städte gebracht, wo sie mit der Zeit zum Islam konvertierten und anschließend freigelassen wurden10.

Da Bosnien eine wichtige Grenzprovinz war und die Osmanen von hier aus im 16. Jahrhundert immer wieder Ungarn und Österreich angriffen, wofür große Heer benötigt wurden, kamen gerade in den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung Bosniens auch viele muslimische Soldaten dorthin. Sie bekamen als sogenannte Sipahis Land zugewiesen und mussten dafür in der osmanischen Armee als Reitersoldat dienen (vergleichbar dem feudalen Rittersystem im europäischen Hochmittelalter). Unter den Sipahis befanden sich auch Angehörige alter bosnischer Adelsgeschlechter, deren Besitz von den Osmanen nicht angetastet wurde. Sie konvertierten schnell zum Islam und dienten den Osmanen als Sipahis. Aber sie stellten wohl nur einen kleinen Teil der bosnischen Sipahis.

Aufgrund des bisher Geschriebenen kann man durchaus die Vermutung wagen, dass sich unter den bosnischen Muslimen ein beträchtlicher Prozentsatz nichtslawische Wurzeln gehabt habe und von außen nach Bosnien gelangt sei11.

Die Osmanen führten auch die Geldwirtschaft ein und erhoben ihre Steuern in Form von Geld, was die Bauern zwang, in die eindeutig islamischen Städte zu kommen, um Teile ihrer Ernte zu verkaufen, damit sie die Steuern bezahlen könnten. Auf diese Weise wurden sie direkt mit der neuen islamischen Kultur konfrontiert.12

Die Knabenlese (Devshirme), bei welcher in Abständen von einigen Jahren einige Söhne christlicher Familien versklavt und nach Istanbul gebracht wurden, wo sie als Janitschar13 oder am osmanischen Hofe Karriere machten, trug ebenfalls zur schnellen Verbreitung des Islams in Bosnien bei, denn die in der Ferne erfolgreichen Söhne brachten oft ihre Familien dazu, ebenfalls zum Islam zu konvertieren14.

Diese Faktoren führten in Kombination mit den in Aussicht stehenden Steuererleichterungen dazu, dass viele religiös führungslos gewordene Menschen sich dem Islam anschlossen. Allerdings gab es wohl nicht unbegründete Vorwürfe seitens der Osmanen, die Konversion sei bei vielen Bosniern lediglich ein Lippenbekenntnis, der steuerlichen Vorteile wegen15. Die Knabenlese wurde daher in Bosnien auch für einheimische Muslime eingeführt16. Tatsächlich wurden viele islamische Vorschriften von den frisch gebackenen Muslimen kaum eingehalten, wie das Alkoholverbot, welches in weiten Teilen der islamischen Welt als verbindlich angesehen wird. Das sehr alkoholhaltige Getränk Rakija erfreute sich hingegen auch unter den frisch konvertierten Muslimen weiterhin großer Beliebtheit17.

Nichtmuslime im islamischen Staate

Laut islamischem Recht können Nichtmuslime einen Schutzvertrag (Ḏimma) mit den herrschenden Muslimen eingehen, in welchem ihnen die islamische Gemeinschaft den Schutz von Leben und Eigentum zusichert. Dies beinhaltet jedoch keine Gleichberechtigung der Nichtmuslime im heutigen Sinne. So müssen Nichtmuslime („Ḏimmis“) z.B. eine Kopfsteuer zahlen (die finanziellen Aspekte der Islamisierung Bosniens sind bereits erwähnt worden) und dürfen keine neuen Gotteshäuser bauen. Auch das Tragen von Waffen ist ihnen untersagt. In der Praxis sind diese diskriminierenden Vorschriften jedoch in der islamischen Welt häufig nicht konsequent umgesetzt worden.

Das Verhältnis von Christen und Muslimen in Bosnien

Auch im Osmanischen Reich wurde von den Ḏimma-Vorschriften abgewichen, wenn es die Gegebenheiten erforderten. Gerade am Beginn der osmanischen Herrschaft in Bosnien war die Anzahl der Muslime noch sehr überschaubar, weshalb die Osmanen Angehörige des Nomadenvolkes der Walachen, die überwiegend christlich-orthodox waren, als Söldner anwarben und ihnen im Gegenzuge u.a. Steuerfreiheit garantierten18. Auch wurde der serbisch-orthodoxen Kirche gestattet, einige neue Kirchen und Klöster zu errichten. Sie war bis zum Jahre 1766 gegenüber der katholischen Kirche privilegiert, da ihr Oberhaupt im Osmanischen Reich ansässig war – im Gegensatz zum Papst, dem Oberhaupt der Katholiken. 1766 erklärte die serbisch-orthodoxe Führung hingegen ihre Sympathie mit den panslawischen Zielen Russlands. Als Reaktion darauf schafften die Osmanen das Patriarchat der serbischen Kirche, das Patriarchat von Pec, welches ihr im Jahre 1557 eingeräumt worden war, wieder ab und unterstellten die serbische Kirche der griechisch-orthodoxen Kirche, deren Patriarch in Istanbul ansässig war.19

In Bosnien gab es seit Ende des 16. Jahrhunderts eine fest institutionalisierte muslimische Oberschicht. 1596 erlitt die osmanische Armee eine vernichtende Niederlage, bei welcher ein Großteil der bosnischen Sipahis fiel. Die Überlebenden bekamen daraufhin das Recht, ihre Sipahi-Güter zu vererben. Auf diese Weise fiel es den verbliebenen Sipahis umso leichter, von ihren Bauern noch mehr Abgaben zu fordern. Einige Bauern blieben frei, allerdings wuchs auch ihre Not, da es ihnen immer schwerer fiel, ihre Ernte angesichts des Überangebots, welches von den Sipahi-Gütern auf den Markt geworfen wurde, zu verkaufen.20

Die meisten christlich-orthodoxen Bauern wurden mit der Zeit Leibeigene, da sie gerade in Kriegssituationen häufig aus Bosnien flohen. Nach dem Ende des jeweiligen Krieges kamen sie wieder zurück und mussten feststellen, dass ihr Land von Sipahis in Besitz genommen worden war.21 So entstand eine dünne Schicht muslimischer Großgrundbesitzer und eine breite Schicht serbisch-orthodoxer Leibeigener.

Während das islamische Recht eigentlich vorsieht, dass Muslime weniger Steuern als Nichtmuslime zahlen, galt dies für Bosnien nur bis zum späten 17. Jahrhundert. Aufgrund der nach der zweiten Belagerung Wiens erlittenen militärischen Rückschläge gegen die Habsburger sahen sich die Osmanen gezwungen, die Steuern auch für die Muslime Bosniens drastisch anzuheben, was diese teils in enorme wirtschaftliche Schwierigkeiten brachte22. Dies umso mehr, als die Steuererhöhungen auch mit einer erheblichen Zunahme der Korruption einhergingen. Die Steuereinnehmer (Vadi) hatten ihren Posten jeweils nur ein Jahr lang inne und wollten sich in der Regel während dieser Zeit auch langfristig bereichern, sodass sie sich eine Vielzahl an Sondersteuern ausdachten, unter welchen Christen wie Muslime zu leiden hatten23.

Bereits 1602 gab es einen ersten Aufstand bosnischer Muslime gegen das Osmanische Reich24. Infolge der Steuererhöhungen ab dem Ende des 17. Jahrhunderts kam es im 18. Jahrhundert zu einer Vielzahl von Aufständen der Muslime Bosniens. Ihr Unmut wurde auch dadurch gesteigert, dass sich die Osmanen vermehrt außer Stande sahen, mit eigenen Truppen die Sicherheit Bosniens zu gewährleisten, sodass die bosnischen Muslime sich selbst vor den sich häufenden Einfällen venezianischer und gerade österreichischer Truppen in Bosnien schützen mussten. Am 22. Oktober 1697 wurde Sarajevo von österreichischen Truppen kurzeitig besetzt und völlig niedergebrannt. Erst im 19. Jahrhundert konnte die Stadt sich davon endgültig erholen. Am 4. August 1737 gelang es einem Heer frisch rekrutierter bosnischer Muslime, ein österreichisches Invasionsheer vor Banja Luka zu schlagen, was den Invasionsplänen des damaligen Habsburger Kaisers Karl VI endgültig ein Ende bereitete. 1788 misslang erneut ein österreichischer Invasionsversuch am Widerstand der bosnischen Muslime, die diesmal auch von den orthodoxen Christen unterstützt wurden. Im Jahre darauf jedoch, 1789, gelang es den Österreichern, Bosnien zu besetzen. Erst aufgrund internationalen Drucks zogen sie 1793 schließlich wieder ab.25

Auch von in Bosnien marodierenden osmanischen Söldnern ging vermehrt eine Bedrohung für die bosnische Bevölkerung, Christen wie Muslime, aus. Da diese aufgrund der zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten des Osmanischen Reiches kaum noch Sold erhielten, verlegten sie sich aufs Plündern, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Walachen wiederum, ehemals vom Osmanischen Reich steuerlich privilegierte Hilfssoldaten, liefen schon ab 1526, nachdem die Osmanen ihnen nach ihrem Sieg über Ungarn die steuerlichen Privilegien entzogen hatten, vermehrt zu den Habsburgern über, von denen sie direkt als Soldatenbauern an der Grenze zum Osmanischen Reich angesiedelt wurden26.

Viele Christen erhofften sich unverhohlen von den christlichen europäischen Mächten eine Besserung ihrer Lage, während diese von den Muslimen als Bedrohung angesehen wurden, da infolge der österreichischen Eroberungen ab 1683 viele Muslime aus den eroberten Gebieten vertrieben wurden und nach Bosnien flohen. Die zurückgebliebenen Muslime wurden zwangsgetauft.27 Das erklärt auch – neben der erwähnten Niederbrennung Sarajevos - den erbitterten bosnischen Widerstand gegen die wiederholten Okkupationsversuche Österreichs. Vor allen Dingen aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Haltung gegenüber den christlichen europäischen Mächten entstand ein tiefes Misstrauen zwischen den Christen und Muslimen Bosniens. Es gab kaum noch Gebiete, in welchen beide Religionsgruppen gemeinsam gewohnt hätten. Kontakt gab es zwischen beiden Bevölkerungsgruppen nur bei geschäftlichen Dingen.28

In dieser Zeit ist auch zu beobachten, dass die christliche Bevölkerung wesentlich schneller zunahm als die muslimische, weshalb die Christen am Ende der osmanischen Ära in Bosnien schließlich knapp die Mehrheit der Bevölkerung bildeten.29

Obwohl sich die politische Lage zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst beruhigte, hielt die angespannte Situation an. Aufgrund des politischen Chaos ein Jahrhundert zuvor gehörte Bosnien zu den am geringsten entwickelten Provinzen des Osmanischen Reiches30. Der osmanische Staat war nach wie vor kaum präsent und das Land wurde bis 1831 de facto von den Sipahis regiert. Versuche des osmanischen Staates, die Lage der serbisch-orthodoxen Bauern zu verbessern, führten 1831 zu einem Aufstand der Sipahis, welcher niedergeschlagen werden konnte, woraufhin die Osmanen die Kontrolle über das Land wieder erhöhten. 1848 schließlich wurde es den serbischen Bauern erstmals wieder erlaubt, das Land, welches sie bewirtschafteten, zu wechseln, was in den beiden darauf folgenden Jahren erneut Aufstände der Sipahis auslöste, welche erneut niedergeschlagen wurden.31 Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam es auch zu einem Kleinkrieg des Osmanischen Reiches mit Montenegro, welches ab 1867 auch vom jungen serbischen Staat unterstützt wurde. Die beiden Länder stachelten die serbischen Bauern in Bosnien zu Aufständen gegen die Osmanen und Sipahis an, weshalb Bosnien für die Osmanen erneut nahezu unregierbar wurde. Bereits zu diesem Zeitpunkt mussten Teile Bosniens an Serbien abgegeben werden.32 Der große Aufstand der serbischen Bauern 1875 leitete schließlich das Ende der osmanischen Ära in Bosnien ein. Er entwickelte sich schnell zu einem Kleinkrieg zwischen dem Osmanischen Reich und Serbien, welcher in Bosnien zu einem Bürgerkrieg ausartete. Dabei starben viele Bosnier, sowohl auf muslimischer als auch auf serbisch-orthodoxer Seite.33 Auf dem Berliner Kongress 1878 wurde daher festgelegt, dass Österreich-Ungarn anstelle des Osmanischen Reiches die Kontrolle über Bosnien ausüben würde, womit Bosnien de facto zu Österreich-Ungarn gehörte (obwohl es freilich erst 1908 auch de jure annektiert wurde).

Fazit

Die schnelle Islamisierung Bosniens war eine Folge einer speziellen politischen Strategie der Osmanen, welche genau dies zum Ziele hatte. Die Osmanen erkannten genau die religiöse Orientierungslosigkeit, unter welcher die Bosnier nach der Zerschlagung der bosnischen Kirche standen und aufgrund der enormen strategischen Bedeutung Bosniens bestand auch ein besonders großes Interesse der Osmanen an einer möglichst raschen muslimischen Mehrheit.

Die Beziehungen zwischen Muslimen und den verbleibenden Christen verschlechterten sich besonders ab dem 18. Jahrhundert, als Bosnien vermehrt von Österreich bedroht wurde und das Osmanische Reich auch vermehrt in Konflikt mit dem panslawistisch orientierten Russland geriet. Während die Christen große Hoffnungen in die christlichen Mächte setzten, überwog seitens der Muslime die Furcht vor ihnen gepaart mit zunehmendem Widerwillen gegenüber der osmanischen Herrschaft, welche auch die Muslime mit immer höheren Steuern und auswuchernder Korruption belastete und trotzdem kaum in der Lage war, die Sicherheit in Bosnien länger zu garantieren. Dies führte zu einigen Aufständen der muslimischen Bosnier gegen die Osmanen. Ohne das militärische Geschick der bosnischen Muslime wäre Bosnien daher wohl wesentlich früher an Österreich gefallen, als dies 1878 schließlich geschah.

Literaturverzeichnis

Monographien

DZAJA, Srecko M.: Konfessionalität und Nationalität Bosniens und der Herzegowina, München 1984

HASOVIC, Elmar: Islamisierung Bosniens. Die Ausbreitung des Islam im frühneuzeitlichen Bosnien, Saarbrücken 2011

Artikel

KOLLER, Markus: Die große Furcht in Bosnien und der Herzegowina – Gewalt als Folge einer Legitimationskrise im späten 18. Jahrhundert, in: Der westliche Balkan, der Adriaraum und Venedig (13.-18. Jahrhundert), hg.: METZELTIN, Michael, Wien 2009, S. 351-262

PINSON, Mark: Ottoman Bosnia, 1800 to 1878, in: Population History of the Middle East and the Balkans, hg.: MCCARTHY, Justin, Istanbul 2002, S. 153-172

[...]


1 S. Bibliographie.

2 Hasovic 87.

3 Ebd. 89.

4 Ebd. 60-8.

5 Ebd. 60.

6 Ebd. 105.

7 Ebd. 90.

8 Ebd. 46-7.

9 Dzaja 37-9.

10 Hasovic 95.

11 Djaja 62.

12 Hasovic 100-1.

13 Die Janitscharen waren eine osmanische Elitetruppe.

14 Dzaja 65.

15 Ebd. 68.

16 Ebd. 65-7.

17 Hasovic. 95.

18 Ebd. 106-7.

19 Ebd. 123-9.

20 Ebd. 84.

21 Dzaja 94.

22 Ebd. 96.

23 Koller 356-7.

24 S. Fußnote 15.

25 Hasovic 110-4.

26 Ebd. 107-8.

27 Ebd. 109.

28 Koller 354-5.

29 Ebd. 357-8 und Pinson 170-1.

30 Pinson 153.

31 Ebd. 167.

32 Ebd. 155-6.

33 Ebd. 169-70.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Die Muslime Bosniens unter der osmanischen Herrschaft
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V1059953
ISBN (eBook)
9783346474414
Sprache
Deutsch
Schlagworte
muslime, bosniens, herrschaft
Arbeit zitieren
Karl Hollerung (Autor:in), 2014, Die Muslime Bosniens unter der osmanischen Herrschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1059953

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