Die Attische Seuche und ihr Einfluss auf den Peloponnesischen Krieg


Seminararbeit, 2021

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Die attische Seuche und SARS-CoV-2. 2000 Jahre alte Analogien
1.2 Methode und Gang der Studie
1.3 Literaturbericht

2. Geografische und zeitliche Ausbreitung

3. Medizinische Sichtweise
3.1 Die Symptome
3.2 Eine Auswahl medizinischer Erklärungsansätze

4. Folgen der Seuche
4.1 Demografischer Wandel
4.2 Gesellschaftliche Veränderungen
4.3 Beeinflussung des Kriegsverlaufs

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1Einführung

1.1 Die attische Seuche und SARS-CoV-2. 2000 Jahre alte Analogien

Zieht man einen laienhaften Vergleich zwischen der heutigen Corona-Pandemie und der von 430 bis 426 v. Chr. herrschenden attischen Seuche, so könnte man meinen, dass es nur wenig Parallelen gibt. Und ja, durchaus, vor allem in den Bereichen der Medizin und der Epidemiologie hat sich die Menschheit weiterentwickelt. Analysiert man jedoch die Folgen durch die Seuchen, so fallen einem, wenn auch in abgeschwächter und veränderter Form, Gemeinsamkeiten auf, vor allem im Bereich der Psyche des Menschen. Der griechische Geschichtenschreiber Thukydides schrieb von Verzweiflung, Mutlosigkeit und Angst:

„Das Schrecklichste an der ganzen Misere war aber die Verzweiflung, sobald einer spürte, dass er krank war (denn da sie innerlich sofort jede Hoffnung verloren, gaben sie sich umso mehr auf und hatten der Krankheit nichts entgegenzusetzen) […].“1

In unserer heutigen aufgeklärten Welt hört sich dies nicht viel anders an. „Soziale Isolation, eine unsichere Zukunft, ökonomische Sorgen sowie Angst um die eigene Gesundheit und die der Familie und Freunde“2 stehen bei vielen Leuten an der Tagesordnung.

Diese Seminararbeit möchte aber weniger die Analogien zwischen den genannten Infektionskrankheiten herausarbeiten, sondern analysiert ganz gezielt die Fragestellung: Inwiefern hat die attische Seuche die Niederlage der Athener im Peloponnesischen Krieg beeinflusst? War sie so entscheidend für den Ausgang oder kommt ihr eine zu große Rolle bei?

Bevor in 1.2 ein kurzer Gesamtüberblick des Elaborats folgt, ist die Rolle des altgriechischen Wortes λοιμός (loimós) zu erläutern. So wird in Sekundärliteratur oft der Fachterminus „Pest des Thukydides“ verwendet, welcher leicht irreführend ist. Λοιμός, welches gleichzusetzen ist mit dem lateinischen pestis, bezeichnet „[…] allgemein eine seuchenartig auftretende und mit hoher Sterblichkeit verbundene Krankheit, aber auch Plagen anderer Art wie Unfruchtbarkeit oder Dürre.“3 Zwar soll der Erreger Yersinia Pestis4 schon 3500 v. Chr. gewütet haben, in der Fachliteratur wird aber nahezu ausgeschlossen, dass es sich bei der attischen Plage um eben jenen Krankheitserreger handelte. So ist vor allem das Auslassen der Beschreibung von „für die Bubonenpest charakteristischen Beulen“ in antiken Werken ein Zeichen gegen den Pestbazillus.5 Sollte im Folgenden der Begriff der „Pest“ verwendet werden, muss dies also immer im Gesamtzusammenhang betrachtet werden.6

1.2 Methode und Gang der Studie

Noch vor einer möglichen Antwort auf die Fragestellung wird im zweiten Kapitel eine kurze Zusammenfassung über die zeitliche und geografische Ausbreitung der Seuche wiedergegeben. Dabei wird mit der grundlegenden Sichtweise des Thukydides als auch mit ergänzender Sekundärliteratur gearbeitet. Im darauffolgenden dritten Abschnitt wird dahingegen die medizinische Sichtweise näher durchleuchtet. Um einen besseren Überblick zu erlangen, wird hierbei eine Untergliederung in „Symptome“ und „Erklärungsansätze“ vorgenommen. In den angesprochenen Segmenten konzentriert sich die Arbeit auf die Methode der Deskription. Darüber hinaus ist zu erwähnen, dass für die Bewertung der Fragestellung keine umfangreiche klinische Studie notwendig ist, weshalb diese nur komprimiert stattfindet.

Das vierte Kapitel wiederum dient der eigentlichen Beantwortung der Leitfrage. Mittels eines deskriptiv-analysierendem Blick auf statistische Zahlen der Demografie Athens und der durch Thukydides vorgenommen Beschreibung der Natur des Menschen wird in diesen Gliederungspunkten eine mögliche Antwort auf die Beeinflussung des Kriegsverlaufs getroffen. Komplementiert wird die Arbeit im abschließenden fünften Teil, in welchem die zentrale Fragerichtung herausgestellt und resümiert werden.

1.3 Literaturbericht

Fundamental für diesen Themenkomplex ist das Werk „Der Peloponnesische Krieg“ von Thukydides, hier in der Übersetzung von Michael Weißenberger. So bauen nahezu alle Zeitschriftenartikel, Aufsätze und Monografien auf seinen Schriften auf. Nur vereinzelt finden sich Zitate des Diodorus Siculus und des Plutarch in der Literatur. Diese Arbeit beschränkt sich jedoch lediglich auf Thukydides.

Aufbauend auf diesen Schriften sind für den medizinhistorischen Teil vor allem die Aufsätze von Bormann, Habs und Schmitz zu erwähnen. Alle bieten einen zusammenfassenden Überblick; Bormann und Habs stellen zudem anschauliche Karten und Diagramme zur Verfügung. Einen noch tieferen Einblick in fachmedizinische Theorien rund um die Pest des Thukydides präsentieren Bellemore und Papagrigorakis in ihren Aufsätzen. Dabei ist ergänzend zu erwähnen, dass es aufgrund der bis heute nicht geglückten Identifizierung des Erregers viele theoretische Ansätze gibt. Bellemore und Papagrigorakis fungieren hierbei als Beispiele.

Das eigentliche Leitthema wird dahingegen abermals durch die antiken Werke des Thukydides beantwortet. Hilfreiche Erweiterungen, vor allem im Bereich der demografischen Entwicklungen bietet eine Vielzahl an Sekundärliteratur. Hierbei stechen die Werke von Gomme und Hansen heraus und dienen als Diskussionsgrundlage.

Neueste Literatur findet sich in der Zeitschrift „Die Antike Welt“. In dieser greift Steger die nahe liegende Beziehung zwischen dem aktuellen Corona-Virus und der Seuche 430 v. Chr. auf.

2Geografische und zeitliche Ausbreitung

Die Beschreibungen der zeitlichen und räumlichen Ausdehnung fanden bei Thukydides nur marginal statt. Der Grund dafür lag wohl in seinem nüchternen Stil ohne das Heranziehen metaphysischer Erklärungen. So schrieb er, dass sich die Erkrankung von Äthiopien über Ägypten und Libyen bis hin in das Persische Reich ausbreitete. Erstmals in Berührung mit dem griechischen Territorium kam sie im Gebiet der Insel Lemnos. Weil die Insel aber weitestgehend verschont blieb, wird die Hafenregion rund um Piräus als erster Hotspot genannt, „[s]päter erreichte es auch die weiter landeinwärts gelegene Stadt […].“7 Zeitlich gesehen lässt sich die attische Seuche mithilfe der Berichte in die Jahre 430 – 426 v. Chr. verorten:

„Gleich zu Beginn des Sommers8 fielen Peloponnesier und Verbündete mit zwei Dritteln ihres Aufgebots wie beim ersten Mal in Attika ein […] [u]nd als sie sich noch nicht viele Tage in Attika aufhielten, begann erstmals diese Krankheit in Athen aufzutreten […].“9

Nachdem die Krankheit rund zwei Jahre gewütet hatte, brach sie im Winter des 5. Kriegsjahres (427/26 v. Chr.) erneut aus, wenn auch in abgeschwächter und verkürzter Form:

„Im darauffolgenden Winter kam es zu einem zweiten Ausbruch der Seuche in Athen, nachdem diese nie völlig erloschen war […]. Sie wütete bei diesem zweiten Mal nicht weniger als ein Jahr lang, beim ersten Mal waren es sogar zwei gewesen […].“10

In den Folgejahren findet sich nichts Nennenswertes bei Thukydides. So heißt es erst wieder im 17. Jahr, also im Sommer 415 v. Chr., dass sich die Stadt gerade erst von der Seuche und dem Krieg erholt hätte.11

In der Sekundärliteratur bietet vor allem Bormann erweiternde Theorien bezüglich der Ausbreitung. Laut eigener Aussage bezieht sich der Autor dabei auf Bemerkungen von Sticker und Haeser, die in der attischen Seuche Ausläufer der

von 436 – 426 v. Chr. herrschenden „äthiopischen Wanderpest“ sehen.12 Vertraut man seinen Aussagen, sind nicht zu vernachlässigende Parallelen zwischen seiner Studie und den Schriften des Thukydides zu finden.13 Wie in Abbildung 114 zu sehen, breitete sich die „äthiopischen Wanderpest“ zuerst im Süden Äthiopiens aus. Später soll sie sich, analog zu Thukydides Beschreibungen auf das ägyptische, lybische und Persische Reich und um 430 v. Chr. in Piräus ausgeweitet haben.15

3Medizinische Sichtweise

Wie bereits in Punkt 1.2 angedeutet, ist die klinische Betrachtung der Seuche nicht zu vernachlässigen, für diese Arbeit aber nur in einem geringeren Maße notwendig. So werden im Folgendem nur kurz die Symptome sowie ausgewählte Theorien vorgestellt.

3.1 Die Symptome

Thukydides Beschreibungen hinsichtlich der Symptome scheinen beeinflusst von den ersten humoralpathologischen Vorstellungen der hippokratischen Schriften.16 Schmitz deklariert seine Ausführungen aufgrund der sachlichen und objektiven Form zudem als „ein Musterbeispiel für die medizinhistorische Analyse.“17 So schrieb der antike Publizist von

„heftige[n] Hitzewallungen des Kopfes sowie Rötung und Entzündung der Augen, und die inneren Bereiche, Rachen und Zunge, waren auf einmal blutig und verströmten einen so nie wahrgenommenen und übel riechenden Atem; dann folgten auf diese Symptome Niesen und Heiserkeit, und […] starke[r] Husten; […] und es erfolgten sämtliche Arten des Erbrechens von Galle […]. Auch überkam die meisten ein mit heftigen Krämpfen verbundener, ergebnisloser Würgereiz, die einen gleich nach dem Nachlassen des Erbrechens, andere erst viel später. Und die Oberfläche des Körpers fühlte sich gar nicht besonders heiß an und war auch nicht blass, sondern leicht gerötet, blutunterlaufen, und zeigte einen Ausschlag von kleinen Bläschen und Geschwüren; innerlich jedoch wurde ein so starkes Brennen empfunden, dass die Kranken nicht einmal die ganz dünnen Kleidungsstücke und feinsten Gewebe anziehen wollten und es überhaupt nur nackt aushielten […]. Dabei machte ihnen auch die ganze Zeit hindurch die Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen, sowie Schlaflosigkeit zu schaffen. Und der Körper unterlag, solange die Erkrankung auf ihrem Höhepunkt verharrte, keinem Auszehrungsprozess, sondern widerstand verblüffenderweise der Tortur, so dass die meisten entweder am neunten bzw. am siebten Tag, noch einigermaßen bei Kräften, an dem innerlichen Feuer zugrundegingen, oder aber, wenn sie davonkamen, nach einem Übergreifen der Krankheit auf die Bauchhöhle und deren starker Vereiterung sowie gleichzeitig auftretendem heftigem Durchfall an diesem durch Entkräftung später starben. Denn durch den ganzen Körper, von oben angefangen, hindurch ging das Leiden, das sich zuerst im Kopf festgesetzt hatte, und wenn einer das Schlimmste überstanden hatte, so wurde er durch den Befall der Extremitäten gezeichnet: Denn es drang auch zu den Geschlechtsteilen sowie Fingern und Zehen vor, und viele überlebten unter Verlust dieser Körperteile, manche auch der Augen. Andere überkam, sofort nach der Genesung, vollständiger Schwund des Gedächtnisses, und sie wussten nicht, wer sie waren, und kannten ihre Angehörigen nicht.“18

[...]


1 Thuk. (2017), II 51,4.

2 Lanzke (2020).

3 Schmitz (2005), S.54

4 Erl.: Yersinia Pestis, dass heutzutage bekannte Pestbakterium. Erstmals entdeckt von Alexandre Émile Jean Yersin im Jahr 1894.

5 Andrades Valtueña (2017), S. 3683 – 3691 und Schmitz (2020), S. 55.

6 Habs (1949), S. 270 – 277.

7 Thuk. (2017), II 47, 3 und II 48, 1 – 2.

8 Erl.: Hierbei handelte es sich um das Jahr 430 v. Chr., den Sommer des zweiten Kriegsjahres.

9 Thuk. (2017), II 47,2 – 3.

10 Ders., III 87, 1 – 2.

11 Ders., VI 26, 2.

12 Haeser (1953). und Sticker (1937).

13 Erl.: Hierbei muss erwähnt werden, dass sich auch die Aussagen des Thukydides auf Berichte Dritter stützen. Vgl.: Thuk. (2017), II 48, 1 „wie berichtet wird“.

14 Bormann (1953), S. 69.

15 Ders., S. 67 – 68.

16 Steger (2020), S. 61.

17 Schmitz (2005), S. 56.

18 Thuk. (2017), II 49,2 – 8.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Attische Seuche und ihr Einfluss auf den Peloponnesischen Krieg
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Der Peloponnesische Krieg
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1060080
ISBN (eBook)
9783346472434
ISBN (Buch)
9783346472441
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peloponnesische Krieg, Attische Seuche, Pest, Pestgeschichte, Geschichte, Thukydides, Perikles, Krieg, Kriegsverlauf, Demografie, Griechenland, Antike
Arbeit zitieren
Manuel Talarico (Autor:in), 2021, Die Attische Seuche und ihr Einfluss auf den Peloponnesischen Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060080

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