Der Einfluss von politischen und kulturellen Faktoren auf die Rechte von Menschen mit Behinderung

Ein Forschungsbericht


Forschungsarbeit, 2020

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

In diesem Forschungsbericht werden Forschungen zum Thema „Rechte von Menschen mit Behinderung in unterschiedlichen Ländern“ verglichen.

Behinderung im Alltag und in der Politik ist immer noch ein Randthema. In vielen Ländern gelten die Rechte der Menschen mit Behinderung nur auf dem Papier. In der Praxis sieht es meist anders aus. Es werden unteranderem die Länder Türkei und die Volksrepublik China erläutert. Zunächst wird eine Forschung vorgestellt, die die Unterschiede zwischen Deutschland und Russland im Kulturvergleich untersucht. Danach zeigt eine Analyse, welche Rechte, Menschen mit Behinderung in der Türkei haben. Daraufhin folgt ein Extrembeispiel, welches anhand der Volksrepublik China erläutert wird. Als letztes wird eine Forschung aus Österreich dokumentiert. Jedoch muss erst einmal der Begriff „Behinderung“ definiert werden. Viele verschiedene Definitionen gibt es mittlerweile zu finden. Eine davon ist aus dem Sozialgesetzbuch.

Behinderung Sozialgesetzbuch 9. Buch

§ 2 Absatz 1 SGB IX

„Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können. Eine Beeinträchtigung nach Satz 1 liegt vor, wenn der Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht. Menschen sind von Behinderung bedroht, wenn eine Beeinträchtigung nach Satz 1 zu erwarten ist.1

Eine Forschung von der University of Zurich aus dem Jahr 2008 von Christian Fröhlich hat dieses Thema im Kulturvergleich erforscht. Es wurden die Einstellungen zu Behinderung und Behinderten in Deutschland und Russland verglichen. Es kam dabei raus, dass Deutschland und Russland Gesellschaften unterschiedlicher kultureller Prägung sind, da die Menschen unterschiedliche Werte- und Normensysteme teilen. In Deutschland steht das Individuum mit Rechten und Verantwortlichkeiten im Mittelpunkt aller Lebensbereichen, in Russland das Kollektiv. Es wurden zwei Thesen für die empirische Untersuchung abgeleitet.

1. Es unterscheiden sich die Einstellungen gegenüber Behinderten unter den Bürgern in Deutschland und Russland.
2. Diese Unterschiede sind auf kulturelle Charakteristika der Bürger in den jeweiligen Ländern zurückzuführen.

Diesen beiden Thesen wurden mit Hilfe einer Befragungsstudie nachgegangen.

Die Studie fand in Berlin und St. Petersburg statt. Es wurden 160 russische und 100 deutsche Studenten im Grundstudium der Mathematik ausgewählt, da diese der Annahme nach eine „allgemeine“, vertretene Haltung gegenüber randständigen Gesellschaftsmitgliedern haben. Die Untersuchungsgruppe sind jüngere Studenten, d.h. erstes und zweites Studienjahr, da sie bereits soweit gereift sind, um eine autonome Meinung zu haben, allerdings in ihrer akademischen Ausbildung noch nicht zu weit fortgeschritten sind, sodass ihre Haltung zum Gegenstandsbereich Behinderung nicht von ihrer Profession beeinflusst wird. Erst wurde das Wissen über verschiedene Arten von Behinderungen abgefragt. Danach sollte geschätzt werden, wie viele Prozentanteile der behinderten Menschen am Gesamtteil der Bevölkerung des jeweiligen Heimatlandes angehören. Zudem sollte die Haltung gegenüber Behinderten auf der sozialen bzw. gesellschaftlichen Ebene herausgearbeitet werden. Es wurde gefragt, ob und wie oft die Studenten, Kontakt zu Personen mit Behinderungen, haben. Es kam dabei raus, dass die Berliner eine offenere Kontaktstruktur haben, als die St. Petersburger. Hinzu sollten sie Stellungnahme zu ihrer gesellschaftlichen Integration nehmen. Beide Parteien befürworten eine stärkere Einbindung in die Gesellschaft, z.B. durch behindertengerechten Zugang zu öffentlichen Plätzen. Zu der Frage, ob geistig Behinderte aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten und somit kein Recht hätten am normalen Leben teilnehmen zu können, haben die Studenten aus Russland mit 20,8% zugestimmt, wohingegen kein einziger Deutscher diese Meinung teilt. Bei beiden Parteien gab es keinen signifikanten Unterschied zu der Aussage, dass behinderte Menschen das gleiche Recht auf eine Ausbildung hätten, wie jeder andere auch. Alle Befragten sprachen sich dafür aus. Die erste These dieser Untersuchung hat sich demzufolge nur teilweise bestätigt.

Des Weiteren wurde eine Regressionsanalyse durchgeführt, die die zweite These bestätigen sollte. Es wurden verschiedene Einflussfaktoren wie zum Beispiel die Religionszugehörigkeit, sowie das Kulturresiduum (Stadt), eingeführt. Dadurch hat sich bewahrheitet, dass die kulturelle Herkunft der Befragten einen großen Einfluss auf die Einstellung zu den Menschen mit Behinderung hat. Jedoch konnte die zweite These nur teilweise bestätigt werden, da in der Analyse weitere sozioökonomische Charakteristika fehlten.

Als Schlussbetrachtung dieser Untersuchung kann gesagt werden, dass zwar kulturelle Faktoren einen Einfluss auf die Rechte der Menschen haben, jedoch noch weitere spezifische Einstellungen hinzugezogen werden müssen, um ein eindeutiges Ergebnis zu erlangen.2

Eine weitere Untersuchung fand in der Türkei statt. Dort wurde 2002 eine Forschung durchgeführt, die Menschen mit Behinderung untersucht hat. Hauptsächlich sollten etwaige regionale Unterschiede, die Art der Behinderung, sowie die Anzahl der Menschen mit Behinderung ermittelt werden. Hinzu kommen sozioökonomischen Probleme. Es kam dabei raus, dass ca. 8,4 Millionen Menschen eine Behinderung haben, das sind 12,29 % der Gesamtbevölkerung. In der Bundesrepublik zum Vergleich waren es zu diesem Zeitpunkt 6,9 Millionen Menschen, somit 8,2% der Bevölkerung. Das Hauptproblem, was sich aus der Studie ergab ist, dass nur 21,7 % der Gesamtzahl der Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt eingegliedert sind. Das wird so erklärt, dass zwar ein Arbeitsrecht existiert, dieses jedoch nicht immer von den Arbeitgebern wahrgenommen wird. Durch dieses Gesetz sind die Arbeitgeber verpflichtet, Behinderte, Verurteilte und Terroropfer zu beschäftigen. Das Gleiche gilt für das Beamtengesetz. Des weiteren gibt es Schwierigkeiten in den Bereichen der Ausbildungs- und Pflegedienste. Diese werden besonders wenig in Anspruch genommen, da das türkische Sozialversicherungssystem das Risiko der Pflegebedürftigkeit nicht abdeckt. Allerdings gewährleistet die türkische Verfassung, das Recht eines Jeden auf soziale Sicherheit. Außerdem werden Rechte von Menschen mit Behinderung durch verschiedene Normen gewährleistet. Jedoch reicht dies nicht ausreichend aus. Die Betroffenen einschließlich ihrer Familien mit einer Behinderung wissen oft nicht welche Rechte sie besitzen. Hinzu kommt die Unwissenheit in den Lokalverwaltungen.3

Durchaus gibt es auf der Welt Länder, in denen es dramatischer zugeht. Ein Extrembeispiel hierfür ist die Volksrepublik China. Eine Umfrage ergab, dass ungefähr 83 Millionen Menschen mit Behinderung, das sind mehr als 6% der Bevölkerung, in China leben. Allerdings gelten diese Schätzungen als höchst unzuverlässig, da viele Fälle nicht gemeldet werden. In der Volksrepublik China gibt es keine zentrale Anlaufstelle, d.h. es gibt kein Ministerium oder ähnliche administrative Einrichtungen für dieses Thema. Menschen mit einer Behinderung haben keine Sozialversicherung und genießen an sich die gleichen Bürgerrechte. Es gibt jedoch ein Behindertengesetz, das besagt, dass eine Chancengleichheit an Universitäten und Hochschulen gegeben werden soll, somit haben sie auch das Recht auf Bildung. Der Staat stellt unteranderem auch Lernhilfen hierfür. Ein weiterer Punkt ist das Arbeitsleben. Den Behinderten muss eine Eingliederung in das Berufsleben ermöglicht werden und es soll ein Zugang zu kulturellen Aktivitäten, Sensibilisieren der Öffentlichkeit und Sport gesetzlich gewährleistet werden. Hinzu kommen noch zahlreiche Maßnahmen, um adäquate medizinische Versorgung sicherzustellen. Zudem soll es zur Gleichberechtigung der Behinderten in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Familienleben kommen. Dies ist jedoch alles sehr theoretisch und in der Praxis sieht es anders aus. Die Rechte und Würde des Menschen stehen unter Schutz des Staates. Vor allem Kriegsinvalide und Dienstunfälle werden vom Staat bevorzugt behandelt und unterstützt, dies liegt an den Gedanken der Erziehung zugrunde, das bedeutet, der Staat übernimmt in erster Linie Verantwortung für die Bürger, die etwas für den Staat leisten oder geleistet haben.

Die Bevölkerung in der Volksrepublik hat immer noch den Gedanken, dass Menschen mit Behinderung ein Fluch, sozusagen die Strafe Gottes für eine böse Tat in einem anderen oder in diesem Leben ist. Eltern, die Kinder mit einer Behinderung zur Welt bringen, werden diskriminiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Kinder aus Städten werden dann, mit wenigen Ausnahmen, im Krankenhaus zurückgelassen oder wenn sie überleben, in ein Heim untergebracht. In ländlicheren Gebieten werden die Neugeborenen ausgesetzt oder nach der Empfehlung des Staates direkt getötet. Die Behinderung Down-Syndrom hat einen anderen Stellenwert. Es wurde gesetzlich festgeschrieben, dass Kinder, die mit dem Down-Syndrom lebend geboren werden, aufgezogen werden müssen. Da gilt dann auch die „Ein-Kind-Politik“ nicht mehr und die Eltern haben das Recht auf ein weiteres Kind. Jedoch liegt das Überleben der Kinder nahezu ausschließlich in der Hand der Eltern. Sind diese finanziell in der Lage ihr Baby selbst aufzuziehen, so sind diese mit gesamtgesellschaftlichen als auch mit innerfamiliären Widerständen konfrontiert.4 Allgemein gesehen ist es mehr Schein als Sein in der Volksrepublik China. Auf dem Papier stehen Rechte, die in der Realität nicht umgesetzt werden. Jedoch werden mittlerweile seit einigen Jahren staatlich geförderte Pflegeheime gebaut, sodass die Problematik der Behinderung nicht mehr ganz ignoriert wird.

[...]


1 Sozialgesetzbuch, 2020: URL: https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbix/2.html

2 Fröhlich Christian, Behinderung im Kulturvergleich: Einstellungen zu Behinderung und Behinderten in Deutschland und Russland, University of Zurich, 2008

3 Jef van Langendonck, Behindertenrecht und Behindertenpolitik im übrigen Europa in: Bernd Baron von Maydell, Rainer Pitschnass, Peter Pörtner, Bernd Schulte, Politik und Recht für Menschen mit Behinderungen in Europa und Asien, 1. Auflage, 2009, Seite 191-366

4 Ding Na, Behindertenrecht und Behindertenpolitik in Asien in: Bernd Baron von Maydell, Rainer Pitchas, Peter Pörtner, Bernd Schulte, Politik und Recht für Menschen mit Behinderungen in Europa und Asien, 1. Auflage, 2009, Seite 367 - 486

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von politischen und kulturellen Faktoren auf die Rechte von Menschen mit Behinderung
Untertitel
Ein Forschungsbericht
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
8
Katalognummer
V1060133
ISBN (eBook)
9783346493811
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, faktoren, rechte, menschen, behinderung, forschungsbericht
Arbeit zitieren
Finja Richter (Autor), 2020, Der Einfluss von politischen und kulturellen Faktoren auf die Rechte von Menschen mit Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060133

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