Welches Freiheitsverständnis hat Simone de Beauvoir und worauf begründet sich dieses?

Eine Untersuchung des Werkes "Das andere Geschlecht"


Hausarbeit, 2021

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Autor und Kontext
2.1 Simone de Beauvoir und ihr Werk „Das andere Geschlecht“
2.2 Historischer Kontext zum Werk

3 Charakter der Frau
3.1 Transzendenz und Immanenz
3.2 Die Frau als soziales Konstrukt

4 Beauvoirs Beurteilung zur Lage der Frau

5 Beauvoirs Freiheitsverständnis
5.1 Prozess der Befreiung
5.2 Existenzphilosophische Weltanschauung
5.3 Implikationen für beide Geschlechter

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„On ne naît pas femme, on le devient.” zu Deutsch „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“1 Mit diesem Satz löst Simone de Beauvoir (1908-1986) und mit ihrem gesamten Werk „La Deuxième Sexe“ (dt. „Das andere Geschlecht“) Ende der 1940er Jahr grundlegende Diskussionen über das Rollenbild der Frau und die Geschlechterunterschiede aus. Sie beschreibt in ihrem Werk über Situation und Charakter der Frau, sowie ihr Vorstellung von Emanzipation.

Recherchiert man den Feminismus des 20. Jahrhunderts, so kommt man um Beauvoir und ihr angesehenes Buch „Le Deuxième Sexe“ (1949) nicht herum. Ihre Beobachtungen und Ansichten zur Frau beschreibt sie zwar neutral, jedoch empfindet man als Frau schon bei der Lektüre eine tiefe Verbundenheit mit der Autorin, obgleich das Buch bereits über 50 Jahre alt ist. Sie stellt elementare Fragen und versucht mit der Vergangenheit, sowie auch dem Stand der Gegenwart zu erklären, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Welches Freiheitsverständnis aus dieser Auffassung resultiert, wird in der vorliegenden Arbeit untersucht.

Zunächst werden dafür grundlegende Informationen zu Person, Werk und historischem Kontext gegeben, um den Inhalt besser einordnen zu können. Daraufhin wird Simone de Beauvoirs Beschreibung des Charakters der Frau untersucht und dessen zugrundeliegende These, dieser würde auf ihrer Situation beruhen. Anschließend wird untersucht, inwiefern die Frau laut Beauvoir unfrei ist und abhängig vom Mann ist. Abschließend wird ihr Freiheitsverständnis analysiert, dass dieses mit einem Prozess der Befreiung einhergeht, es sich auf ihre existenzphilosophische Weltanschauung zurückführen lässt und schließlich welche Konsequenzen dessen Umsetzung für beide Geschlechter bedeuten würde.

2 Autor und Kontext

2.1 Simone de Beauvoir und ihr Werk „Das andere Geschlecht“

Simone de Beauvoir wurde am 9. Januar 1908 in Paris geboren. Sie wuchs in einer gut situierten Familie auf, welche jedoch nach dem ersten Weltkrieg den Großteil ihres Vermögens verlor und so bescheidener als zuvor leben musste. Früh entdeckte Simone ihre Liebe zu Büchern und Kultur.2 Sie und ihre jüngere Schwester genossen eine streng katholische Erziehung, jedoch lehnte Simone schon bald den religiösen Glauben, genauso wie die klassische Mutterrolle, für sich ab.3 Dennoch ging sie auf ein katholisches Mädcheninstitut und absolvierte dort das französische Abitur.4 Anschließend studiert sie Philosophie an der Sorbonne in Paris und schließt das Studium 1929 ab. Zuerst ist sie als Lehrerin tätig, wird jedoch aufgrund ihrer Weltanschauungen suspendiert und ab 1943 widmet sie sich komplett dem Schreiben und ist als Schriftstellerin tätig.5 Die letzten Jahre ihres Lebens unternimmt sie viele Reisen mit ihrem Freund Paul Sartre, bis sie schließlich 1986 an einer Leberzirrhose stirbt.6

1949 veröffentlich sie ihr bekanntestes Werk „Das andere Geschlecht“ (frz. Orginaltitel: „La Deuxième Sexe“), welches für großes Aufsehen sorgt. Darin schreibt sie, was Weiblichkeit bedeutet, wie es ist als Frau aufzuwachsen und wie man zu dieser gemacht wird. Es gilt als feministischer Klassiker, der auch heute noch gerne zitiert wird und wurde sowohl in Frankreich als auch global ein Erfolg ist. Jedoch wird es von der katholischen Kirche tabuisiert und vom Papst verboten und als gottlos und unmoralisch bezeichnet. Auch von Sozialisten und Konservativen wird sie für ihr Werk häufig kritisiert.7

2.2 Historischer Kontext zum Werk

Die Wirkungskraft des Werkes „Das andere Geschlecht“ wird dann besonders deutlich, wenn man seinen historischen Kontext betrachtet, da die Lage der Frau zu dieser Zeit sich noch zu der heutigen unterscheidet.

Frankreich führte erst 1944, fünf Jahre vor Erscheinen des Buches, das Stimmrecht ein, sehr viel später als beispielsweise die USA (1920) und Großbritannien (1928). Die katholische Kirche, mit ihrem traditionellen Weltbild, hatte zu dieser Zeit einen großen Einfluss.8

Simone de Beauvoirs Werk gilt als Referenzpunkt in der zweiten Welle des Feminismus, in der es um Gleichheit geht, welche über die rechtliche Gleichheit hinaus geht. Die alten Rollenbilder sollten aufgebrochen werden und die Frau sozial und gesellschaftlich gleichgestellt werden.9

Somit ist Simone de Beauvoir eine wichtige Figur in der Geschichte des Feminismus. Sie distanzierte sich selbst jedoch vom Feminismus, sah sich selbst als Existenzphilosophin und Sozialistin, bis sie schließlich 1972 sich dazu in einem Interview dazu bekennt und sich als Feministin bezeichnet.10

3 Charakter der Frau

3.1 Transzendenz und Immanenz

Simone de Beauvoir weißt in ihrem Werk darauf hin, dass die Welt, in welcher Frauen leben, immer eine hierarchische war.11 In dieser sind die Frauen dem Mann untergeordnet und sind daher ständig in der Rolle der Abhängigen und Demütigen.12 Beauvoir verwendet dafür das Begriffspaar Immanenz und Transzendenz aus der existenzialistischen Philosophie und die Subjekt-Objekt-Theorie, wobei die Frau in ihrer Immanenz gefangen ist und der Mann sich als Transzendenz begreift.13 Dies bedeutet, dass der Mann sich selbst als sich als Subjekt sieht, er kann unabhängig von anderen stattfinden, sich verwirklichen und „An-Sich-Sein“. Die Frau dagegen ist zu der Rolle des Objektes verurteilt, unwesentlich und findet sich immer nur in der Rolle des für „Sein-für-Andere“. Sie findet nur in Bezugnahme zum Subjekt statt und nicht für sich und ist innerhalb dieser Perspektiven gefangen.14

Darauf begründet sich auch der Charakter der Frau, welcher stets gleichgeblieben ist.15 Beauvoir begründet, dass die die Frau zur Immanenz erzogen wird, die Gesellschaft gibt ihre dabei vor, dass Werte wie Liebe und Selbsthingabe, für sie am erstrebenswertesten sind. Daher wird sie zu Passivität erzogen und dazu ermutigt, Erfüllung in der Hingabe zu anderen finden.16

Dabei findet laut der Autorin ihr Leben nur im Haushalt und in der Kindererziehung statt, bei welcher sie sich aufopfert. Laut Beauvoir kann eine Frau so nichts über Logik und Kausalität lernen, da die niederen Tätigkeiten als Hausfrau nichts darüber lehren. Daher glaubt sie an Esoterik und anderes Übernatürliches um sich die Welt, auf die sie so wenig Einfluss hat zu erklären. Für den Mann erscheint dies oft launisch und willkürlich, da er ihre Welt nicht verstehen kann.17 Auch klammert sie sich deshalb an Vergangenes, da ihr die Zukunft in ihrer Ungewissheit Angst macht.18

Die Frau erfreut sich derweil an Dingen wie schönen Kleidern und Dekoration, um sich von ihrer misslichen Lage abzulenken und im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich zu entfalten. Auch wegen ihrer Isolation interessiert sie sich mehr für innere Gedanken und Vorgänge und besitzt mehr Empathie.19

Die Frau nimmt laut Beauvoir insgesamt die männliche Vorherrschaft als gegeben an und zweifelt kaum an ihr.20 Diese lange Tradition und der gesellschaftliche Zwang der passiven, hingebungsvollen Rolle der Frau zwingen diese in die Mittelmäßigkeit und rauben ihr das Gefühl für sich selbst verantwortlich zu sein.21

3.2 Die Frau als soziales Konstrukt

In Simone de Beauvoirs Argumentation wird jedoch deutlich, dass das Schicksal und der Charakter der Frau nicht für immer gleichbleibend sein müssen. Vielmehr betont sie, dass biologische Unterschiede, nicht die Überlegenheit bzw. die Unterordnung eines Geschlechts legitimieren.22 Die Unterschiede der beiden Geschlechter begründen sich laut der Autorin auf der Unterschiedlichkeit ihrer Sozialisation und sind gesellschaftsbedingt. Ihr Charakter ist also nicht determiniert durch die Biologie, noch gibt eine abstrakte Wesenhaftigkeit der Frau, welche sie ausmacht.23

Sie trennt also das biologische Geschlecht und soziales Geschlecht und drückt aus, dass hierbei nicht unbedingt ein kausaler Zusammenhang besteht. Hier wird deutlich, dass Beauvoir eine Trennung von „sex“ und „gender“ vornimmt, welche heute im Englischen diese beiden unterschiedlichen Geschlechter in der Geschlechterforschung bezeichnen und wessen Ursprung oft auf Beauvoir zurückgeführt wird. „Gender“ kann sich hierbei historisch und kulturell ändern.24 Auf den Punkt gebracht wird dies durch Beauvoirs berühmten Satz: „Man wird nicht zur Frau geboren, man wird es.“25 Dies fasst die Kernaussage, auf welcher sich ihr Freiheitsverständnis stützt, zusammen.

Daher konnte der Charakter der Frau sich noch nicht frei entfalten, da ihre Lage ihren Horizont einschränkt. Ihr fehlen Mittel und eine Perspektive, weshalb der Frau kein Vorwurf gemacht werden kann, dass ihr Weitsicht und Charakter fehlen. Gleichzeitig geht hierbei die Hoffnung einher, dass dieser Zustand veränderbar ist.26

4 Beauvoirs Beurteilung zur Lage der Frau

Simone de Beauvoir untersucht in ihrem Werk inwiefern die Frau unfrei ist und geht dabei auf das neu erworbene Stimmrecht der Frau ein. Jedoch reicht dies ihrer Meinung nach nicht aus, um als Frau frei zu sein. Sie muss ebenfalls ökonomisch unabhängig sein. Allerdings ist die Arbeitswelt in männlicher Vorherrschaft, wobei sie meist nur niedere Berufe ausübt. Den Lebensstandard, den viele Frauen pflegen, können die meisten mit diesem niedrigen Gehalt nicht halten und sind deshalb weiterhin auf einen Mann angewiesen. Frauen stehen vor außerdem der Problematik, dass sie dann vor der Doppelbelastung von Haushalt und Arbeit stehen.27

Arbeitet eine Frau jedoch und ist dabei erfolgreich, ist sie für den Mann sexuell weniger attraktiv, so Beauvoir. Daher muss sich die Frau entscheiden, worauf sie verzichten möchte und ist damit benachteiligt in ihrer Entscheidung, selbst Verantwortung für ihre Finanzen zu tragen. Bei Männern dagegen steigt die Attraktivität mit dem beruflichen Erfolg, einzige Ausnahme bei den Frauen bilden hier Schauspielerinnen, Tänzerinnen und Sängerinnen.28

Insgesamt hat eine Frau in Beauvoirs Augen, die finanziell unabhängig vom Mann ist, gesellschaftliche, soziale Nachteile und befindet sich daher nicht in derselben Lage wie der Mann.29

Auch in ihrem Aussehen ist die Frau nicht frei, da dieses ständig ihre Erfolgschancen bedingen. Dabei hat sie den Druck, anderen gefallen zu müssen und ist wieder abhängig von anderen, vor allem der Bewertung des männlichen Geschlechts.30

In ihrer vorgesehenen Rolle als Hausfrau und Mutter findet die Frau nach Beauvoir ebenfalls nur in ihrer Beziehung zu anderen statt. Sie wird anhand ihrer Nützlichkeit für Andere betrachtet und damit nur in ihrer Abhängigkeit.31 Dabei verbiegt sie sich in ihrer Hingabe für ihre Familie und bleibt dabei in der Beziehung nur das Objekt und nicht das Subjekt.32

Die Frau hat dabei nicht die Möglichkeit, Einfluss auf die Welt zu nehmen und sie zu prägen. Sie kann nur passiv den Veränderungen um sie herum zu sehen und fühlt sich deshalb auch nicht verantwortlich.33 Der Mann dagegen kann laut Beauvoir sich verwirklichen und etwas tun, kann über die Frau verfügen. Die beiden Geschlechter erleben damit eine grundlegend unterschiedliche Freiheit, die sich nicht vergleichen lässt.34

Durch die Ungleichheit von Mann und Frau, erscheint auch die Zeit, die sie miteinander verbringen unterschiedlich kostbar. Der Mann könnte in der Zeit, die sie miteinander verbringen viel leisten, während dies bei der Frau nicht der Fall ist. Daher entsteht auch in Beziehungen von Männern und Frauen ein Ungleichgewicht, bei dem der Mann im Vorteil ist.35

Insgesamt steht die Frau nach Beauvoirs in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite hat sie wie jeder Mensch das Verlangen frei zu. Allerdings widerspricht sich das „Frau-Sein“ und die gesellschaftlich etablierte Weiblichkeit mit dem Ziel unabhängig zu sein. Wenn sich die Frau nicht anpasst, erfährt sie soziale Nachteile und wird beispielweise sexuell entwertet.36 Sie befindet sich also in dem Konflikt, sich zu transzendieren zu wollen, findet sich aber in einer Situation, die ihr dies nicht erlaubt.

Sie ist insofern nicht frei, da sie sich entscheiden muss und so eingeschränkt in ihrer Entfaltung ist. Dabei versucht die Frau oft, Freiheit in ihrer Unfreiheit aufzubauen, also Transzendenz in der Immanenz zu erfahren. Dies äußert sich dann in Narzissmus, Liebe und Mystik, bedeutet aber keine wirkliche Freiheit, sondern ist nur ein verzweifelter Versuch, innerhalb ihres Gefängnisses transzendent zu sein.37

Simone de Beauvoir betont dabei, dass das „Frau-Sein“ oft als etwas Erstrebenswertes und Gutes abgetan wird, um Frauen ihre Benachteiligung auszureden.38 Außerdem macht ihre eigene Abhängigkeit vom Mann die Frau es ihr unmöglich, auf ihre eigene Ungerechtigkeit einzugehen. Der Mann täuscht sie dabei und hält sie in Unfreiheit, sodass es für die Frau fast unmöglich scheint, sich aus ihr Immanenz zu befreien.39

5 Beauvoirs Freiheitsverständnis

5.1 Prozess der Befreiung

Wie bereits herausgearbeitet, vertritt Simone de Beauvoir die Ansicht, dass die Lage der Frau ihren Charakter formt. Dies impliziert jedoch, dass dies eine überwindbare Tatsache ist und dass das Schicksal der Frau nicht die ewige Unfreiheit ist.40 Außerdem braucht es moralische, soziale und interkulturelle Folgen für die Frau, die Gesellschaft muss sich wandeln.41 Ihrer Ansicht nach, sollte man der Frau Verantwortung geben und sie wird lernen, damit umzugehen.42 Veränderungen ziehen immer mehr Veränderungen nach sich, sodass dies schließlich zum Selbstläufer wird und nach sozialer und wirtschaftlicher Freiheit auch ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden wird.43 Somit ist die Befreiung der Frau ein Prozess.

5.2 Existenzphilosophische Weltanschauung

Simone de Beauvoirs Auffassung von Freiheit lässt sich auf ihre existenzphilosophische Weltanschauung zurückführen. Dabei unterscheidet man zwischen Existenz und Essenz, wobei die Essenz das Wesen bildet und die Existenz dessen voraus geht. Die Essenz bildet sich also aus der Existenz des Menschen heraus.

Freiheit bedeutet also in diesem Sinne, dass die Existenz nicht das Wesen in seiner Selbstverwirklichung determiniert, wie es bei der Frau der Fall ist. Ihre gesellschaftliche Lage, also ihre Existenz, schränkt sie bereits in ihrem Wesen ein, weshalb sie nicht frei ist. Die Existenz entscheidet also hier über die Möglichkeiten des Menschen.44

Der Bestimmung der Existenz geht also die Freiheit voraus. Sie gibt dem Menschen deshalb Sinn, bedeutet deshalb auch Verantwortung. Aus der Freiheit entspringt dann die Transzendenz.45 Freiheit würde also bedeuten, die Frau ist keine festgelegte, determinierte Realität, sondern ein Werden. Sie kann sich frei entfalten und tun, was sie möchte.46

5.3 Implikationen für beide Geschlechter

Für die Frau bedeutet dies, dass sie sich, wenn sich ihre Lage verändert und sie eine Zukunft für sich sieht, die sie selbst gestalten kann, sie auch mutiger wird.47 Wenn die Frau frei ist, wird sie es für sie möglich sein, die Geschichte der Welt nun auch mit zu prägen und sie kann vieles erreichen und den Fortschritt voran bringen.48 Ist sie schöpferisch tätig, erfährt sie Transzendenz.49

Jedoch müsste der Mann dann statt einer Sklavin, lernen eine Ebenbürtige zu lieben und zu akzeptieren. Erst dann kann eine Frau auch frei sein, ohne Angst vor damit einhergehenden Verlusten haben zu müssen. Dazu müssten Männer ihren eigenen Minderwertigkeitskomplex überwinden, sodass sie fähig sind, die Frau anzuerkennen ohne sich von dessen bedroht zu fühlen.50

Auch für den Mann wäre dies wünschenswert, da auch er unter der Situation leidet. Er müsste laut Beauvoir nun nicht mehr versuchen, das männliche, starke Bild der Gesellschaft aufrecht zu erhalten und allein für alles verantwortlich sein.51 Die Angst, dass hierbei der männliche und weibliche Charme verloren gehen und die Beziehungen ihren Reiz verlieren, ist nach Meinung der Autorin unberechtigt. Beziehungen zwischen Männern und Frauen würden dann auf andere Art und Weise funktionieren und es wäre nun nicht mehr das einzige, was eine Frau ausmacht. Sie könnte „An-sich-Sein“, ohne Abhängigkeit.52

Die Konflikte zwischen den beiden Geschlechtern, bei denen sie versuchen, sich gegenseitig zu beherrschen, sind demnach für beide nicht gewinnbringend.53 Vielmehr sollten sich beide auf ihre Gemeinsamkeiten fokussieren, nach denen das Mensch sein und dessen einhergehende Wünsche und Erwartungen wichtiger sind.54

Zusammenfassend ist die Dekonstruktion der Weiblichkeitsbilder, welche vom Mann kulturell entworfen sind und von den Frauen erfahren werden, die Aufgabe beider Geschlechter. Simone de Beauvoir vertritt ein Freiheitsverständnis, bei welchem Frauen selbstbestimmt, sexuell und ökonomisch unabhängig sind. Sie hat eine Vorstellung eines Geschlechterverhältnissen, bei denen die Frau vom Mann als freie Existenz in der Gesellschaft anerkannt wird.55

6 Fazit

Simone de Beauvoir hat mit ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ neue Perspektiven eröffnet und für gesellschaftliche Denkanstöße gesorgt. Denn zur Veröffentlichung des Buches war die Frau dem Mann untergeordnet.

Bereits im Titel wird deutlich, dass die Frau immer nur im Bezug zum Mann stattfindet, immer nur als „die Andere“, und nicht als selbstständiges Individuum wahrgenommen wird. Die Gesellschaft kreiert dabei die Frau mit ihren Zwängen und Rollenbildern und hält sie so unter Kontrolle und sozialisiert sie in die Passivität. Simone de Beauvoir appelliert, dass die Frauen selbst über ihre Existenz bestimmen und Männer sie dabei unterstützen sollen.

Simone de Beauvoir hat damit die Frauenbewegung nachhaltig geprägt und Feminist*innen auf der ganzen Welt inspiriert. Ihr Ansatz des Geschlechts als soziales Konstrukt ist in der heutigen Geschlechterforschung anerkannt und wurde auch von anderen Feministinnen weiter ausgeführt. Judith Butler und Alice Schwarzer sind hier als Beispiele zu nennen.

Ob jedoch die aktuelle Situation Simone de Beauvoirs Freiheitsverständnis entspricht, ist fraglich. Zwar gab es in den letzten Jahrzenten viele Angleichungen und wir sind lange nicht mehr auf dem Stand der damaligen Lebensumstände, aber auch heute noch gibt es den unbereinigten Gehaltsunterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen und in Frauen sind in Führungspositionen stark unterrepräsentiert. Auch viele der anderen angesprochenen Punkte im Werk, haben auch heute noch erschreckende Aktualität. Denn auch in unserer modernen Gesellschaft, scheint es für Männer weiterhin schwieriger zu sein, Gefühle öffentlich zu zeigen oder Frauen sind oftmals noch immer in der klassischen Rolle der Hausfrau und Mutter gefangen. Damit sind die klassischen Rollenbilder sicherlich noch nicht ganz verschwunden, aber die beständige Diskussion und Reflektion dessen, scheint Hoffnung zu geben auf weitere Veränderungen und gesellschaftliches Umdenken.

[...]


1 Beauvoir (1949): S.265

2 vgl. Zehl Romero (1978): S.9-11

3 vgl. Zehl Romero (1978): S. 13-14

4 vgl. Zehl Romero (1978): S.20

5 Vgl. Galster (2015): S. 24-25

6 Vgl Rattner (1997): S.199ff

7 Vgl Tarrant (2006): S. 185-186

8 Vgl. Tarrant (2006): S. 50-51

9 Vgl Tarrant (2006): S. 192-192

10 Vgl. Tarrant (2006): S. 169

11 Vgl. Beauvoir (1949): S. 567

12 Vgl. Beauvoir (1949): S. 673

13 Vgl. Beauvoir (1949): S. 570

14 Vgl. Konnertz (1992): S. 35-36

15 Beauvoir (1949): S.567

16 Beauvoir (1949): S. 672

17 Beauvoir (1949): S. 569

18 Beauvoir (1949): S. 572

19 Beauvoir (1949): S. 591

20 Beauvoir (1949): S. 570-571

21 Beauvoir (1949): S. 665

22 Beauvoir (1949): S. 678

23 Beauvoir (1949): S. 675

24 Vgl. Konnertz (1992): S. 38

25 Beauvoir (1949): S. 265

26 Vgl. Beauvoir (1949): S. 574

27 Vgl. Beauvoir (1949): S. 638-639

28 Vgl. Beauvoir (1949): S. 657

29 Vgl. Beauvoir (1949): S. 640

30 Vgl. Beauvoir (1949): S.573, 641

31 Vgl. Beauvoir (1949): S. 537

32 Vgl. Beauvoir (1949): S. 591

33 Vgl. Beauvoir (1949): S. 666

34 Vgl. Beauvoir (1949): S. 592

35 Vgl. Beauvoir (1949): S. 673-674

36 Vgl. Beauvoir (1949): S. 640

37 Vgl. Beauvoir (1949): S. 592-593

38 Vgl. Beauvoir (1949): S. 671

39 Vgl. Beauvoir (1949): S. 591

40 Vgl. Beauvoir (1949): S. 677

41 Vgl. Beauvoir (1949): S. 676

42 Vgl. Beauvoir (1949): S. 678

43 Vgl. Beauvoir (1949): S.679

44 Vgl. Tillich (1961): S.145ff

45 Vgl. Konnertz (1992): S. 35

46 Vgl. Konnertz (1992): S.39

47 Vgl. Beauvoir (1949): S. 671

48 Vgl. Beauvoir (1949): S. 667

49 Vgl. Beauvoir (1949): S. 638

50 Vgl. Beauvoir (1949): S. 643

51 Vgl. Beauvoir (1949): S. 668-669

52 Vgl. Beauvoir (1949): S. 679-680

53 Vgl. Beauvoir (1949): S. 668

54 Vgl. Beauvoir (1949): S. 678

55 Vgl. Beauvoir (1949): S. 680-681

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Welches Freiheitsverständnis hat Simone de Beauvoir und worauf begründet sich dieses?
Untertitel
Eine Untersuchung des Werkes "Das andere Geschlecht"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Politikwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
13
Katalognummer
V1060146
ISBN (eBook)
9783346493767
ISBN (Buch)
9783346493774
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Emanzipation, Frankreich, Politische Emanzipationsbewegungen, Beauvoir, Freiheitsverständnis, Freiheit, Geschlecht, Frau
Arbeit zitieren
Clara Jule Fischer (Autor:in), 2021, Welches Freiheitsverständnis hat Simone de Beauvoir und worauf begründet sich dieses?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060146

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Welches Freiheitsverständnis hat Simone de Beauvoir und worauf begründet sich dieses?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden