Impressionen aus den Theorien von Karl Marx


Hausarbeit, 2002

13 Seiten, Note: 1


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1. Einleitung

Diese Hausarbeit entstand im Rahmen des Grundkurses: „Geschichte der Soziologie und Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens“ unter der Leitung von Frau Leip im Wintersemester 2001/02 an der Johannes-Gutenberg- Universität zu Mainz.

In meiner Hausarbeit, beschäftige ich mich mit der Theorie von Karl Marx. Was diese Hausarbeit leisten kann, ist lediglich ein kurzes Anreißen der zentralen Punkte innerhalb der marxistischen Theorie. Auf 12 Seiten lässt sich unmöglich eine angemessene Darstellung seines überaus umfangreichen Theoriekomplexes anbringen.

Beginnen werde ich mit der Bestimmung des zentralen Gegenstandes und der Abgrenzung zu anderen Wissenschaften. Danach werde ich die Methode der materiellen Dialektik vorstellen.

Das nächste Kapitel befasst sich mit dem zeitgenössischen Hintergrund. Dabei wird der europäische Wandel von der Feudalgesellschaft zur Industriegesell- schaft skizziert, sowie dessen Bedeutung für unterprivilegierte Bevölkerungs- schichten. In diesen Kontext stelle ich die Entstehung des wissenschaftlichen Kommunismus.

Im Anschluss werde ich die Grundzüge der marxistischen Theorie thematisieren, sowie die zentrale Terminologie klären. Die wichtigsten Begriffe sind Klasse, Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse sowie Entfremdung.

Der Hauptteil schließt ab, mit der marxistischen Vorstellung des Weges zur klassenlosen Gesellschaft in Theorie und Praxis. Für den theoretischen Teil ist die Dialektik in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Für die Umsetzung gibt das „Manifest der Kommunistischen Partei“ die praktische Anleitung.

Der Schluss befasst sich mit den Schwächen der marxistischen Theorie. Näher beleuchtet wird in diesem Teil, ob die soziale Realität wirklich nur durch Kapital und die materiellen Lebensbedingungen bestimmt wird. Grob skizziert wird in diesem Zusammenhang das gegenläufige Paradigma der Systemtheorie.

2. Gegenstand, Abgrenzung, Methode

2.1. Gegenstand und Abgrenzung zu anderen Wissenschaften

Der primäre Untersuchungsgegenstand in der marxistischen Theorie, ist die kapitalistische Produktionsweise und ihre entsprechende Produktions- und Verkehrsverhältnisse.1 Karl Marx befasst sich mit den materiellen Lebensver- hälltnissen, die er als ursächlich für die Ausprägung von sozialen Beziehungen, wie Rechtsbeziehungen oder Staatsformen, betrachtet. Ziel ist es „ dasökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen “ (Marx 36:2000[1872])2

Er fokussiert in erster Linie die Menschen und ihr Zusammenleben. Diese triviale Feststellung ist deshalb wichtig, weil er damit vom geistes- und sozialwissenschaftlichen Meanstream seiner Zeit abweicht und nicht durch „ philosophische[...] Abstraktionen eher verschleiert, dass eigentlich von Menschen [...] die Rede ist, wennüber Ethik und Logik,über die Vernunft oder das Subjekt philosophiert [wird]. “ (Korte 48:2000)

Marx verschafft sich dadurch einen anderen Zugang zur Realität, der es ihm erlaubt, menschliche Verflechtungen, wie den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Statusgruppen und deren soziale Ungleichheit präzise zu beschreiben.3

Aber Marx möchte mit seiner Theorie nicht nur eine neue Erklärung der Welt geben, vielmehr möchte er sie verändern.4

2.2. Methode

Marx übernimmt die dialektische Methode von Georg Hegel, modifiziert sie aber in ihrer Anwendung entscheidend.

Für Hegel stellt die Dialektik die Bewegungsform des Bewusstseins dar - also einen rein psychischen Vorgang. „ Es ist der Weg vom subjektiven Geistüber den objektiven Geist zum absoluten Geist. “ (Mikel-Horke 54:2001). Demnach ist die Dialektik der Weg in dem sich der Geist selbst erkennt. Wesen und Erscheinung sind dabei getrennt, während sich aber Wesen und Wahrheit in einem ständigen Entwicklungsprozess befinden. Jeder positiven Setzung (These), steht eine Negation (Antithese) gegenüber. Der Wiederspruch zwischen These und Antithese löst sich- als Negation der Negation- in der Synthese auf.

Die Synthese wird dann wieder zur These, die -einer stufenartigen Ent- wicklung folgend- wieder Antithese und Synthese produziert.

Am Ende dieses Prozesses steht der Weltgeist, in dem sich die Menschheit ihres wahren Selbst bewusst wird.5

Marx wendet einen dialektischen Materialismus auf die Gesellschaft an. Dazu stellt er die Dialektik von Hegel aber zuerst vom Kopf auf die Füße. Im Gegensatz zu Hegel, sieht Marx den menschlichen Denkprozess als Resultat aus den materiellen Lebensbedingungen.

Die Materie ist das Wirkliche, das denkende Bewusstsein nur ein Spiegel dieser Wirklichkeit.6

Wie für Hegel ist auch für Marx der dialektische Prozess eine Bewegung zur Entwicklung der Freiheit. Doch im Gegensatz zu Hegel, wo dieser Befreiungsprozess ein rein geistiger ist, sieht Marx die Befreiung als politisch- ökonomischen Prozess- als ökonomische Bewegungsgesetze der Geschichte.

„Der Staat war für ihn [Karl Marx] nicht die Verwirklichung der sittlichen Idee, sondern Instrument in der Hand der herrschenden Klasse, solange bis die Klassengesellschaft durch die Aufhebung der ökonomischen Wiedersprüche beseitigt sein würde und damit auch der Staat absterben müsse.“ (Mikel-Horke 55:2001)

Das Ende des dialektischen Prozesses ist für Marx eine kommunistische Ge- sellschaft.

3. Zeitgenössischer Hintergrund

3.1. Von der Feudalgesellschaft zur Industriegesellschaft

Ganz Europa ist in der vormodernen Zeit als Standesgesellschaft aufgebaut.

Die feudale Standesgesellschaft legitimiert sich über Glaube und Tradition. Die Zugehörigkeit zum Stand wird innerfamiliär weitervererbt und schließt so soziale Mobilität aus.

Zwischen 80 und 90% der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt und gehören fast geschlossen zum niedrigsten Stand. Hohe Geistliche und der Adel bilden den höchsten Stand. Dazwischen finden sich- je nachdem, ob man sich auf die städtische oder ländliche Gesellschaft bezieht- niedrige Geistliche, Ministeriale etc.7

Wichtigste Produktionsmittel sind Grund und Boden.8

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts, setzt sich die Manufaktur als erste kapitalistische Produktionsweise durch. Mit der industriellen Revolution im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, im Wesendlichen bedingt durch neue technische Errungenschaften wie die Dampfmaschine, vollzieht sich einen tiefgreifenden Wandel in den Sozialstrukturen Europas.9

Adam Smith verweist 1776 in seiner Untersuchungüber die Natur und die Ursachen des Nationalreichtums auf die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, welche durch Arbeitsteilung erzielt werden kann.10 Kapital wird dabei zum wichtigsten Produktionsmittel. Es entwickeln sich neue Produktionsstätten und Produktionsverfahren. Damit ist der Übergang von feudaler Agrargesellschaft zur industriellen Klassengesellschaft vollzogen.

3.2. Verelendung der unterprivilegierten Bevölkerungsschichten

Mit Wegfall der traditionellen Arbeits- und Lebensstrukturen, setzt ein beträchtlicher Mobilitätsschub ein. Die Menschen sind nun nicht mehr an die starren ständischen Regeln wie Lebeigenschaft gebunden. Frei werden sie im doppelten Sinne. Neben dem Wegfall von ständischem Zwang sind breite Schichten auch frei von Boden als Existenzgrundlage.11

Infolge der modernen Produktionsweisen, bilden sich europaweit Großstädte in bisher unbekannter Vielzahl. Die Lebensbedingungen der dort ansässigen Industriearbeiter sind gravierend. Es fehlt an Kanalisationen, Wasser, Licht, Luft und vor allem Wohnraum und Nahrung.

Folge dieser Situation ist die Verbreitung und Fortdauer von Krankheiten wie Typus.12

Die Arbeiter der ersten Industrialisierungsphase leiden sowohl an ihrem niedrigen Bildungsstandart, wie an der moralischen Erniedrigung, zur Aufrechterhaltung der Überlebensmöglichkeiten nicht nur die eigenen Arbeitskraft, sondern auch die von Frau und Kinder zu ständig sinkenden Preisen verkaufen und so die Kinder zur Fabrik, statt zur Schule schicken zu müssen.13

Karl Marx verbringt selbst den überwiegenden Teil seines Lebens in Armut. Drei seiner Kinder sterben durch unzureichende materielle Versorgung.14

3.3. Entstehung des wissenschaftlichen Kommunismus

Mit Erscheinen des „Manifest der Kommunistischen Partei“ im Februar 1848 steht die kommunistische Theorie auf wissenschaftlich fundiertem Grund. Karl Marx begründet in Zusammenarbeit mit Friedrich Engels die inneren Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise und der darauf beruhenden bürgerlichen Gesellschaftsordnung, die den Untergang dieser Gesellschaft notwenig herbeiführen würde.15

Das Manifest erscheint unmittelbar vor der Februarrevolution in Frankreich. Ziel ist es den Arbeitern eine strategische Richtlinie zu geben.

Auch in anderen europäischen Staaten finden zur gleichen Zeit revolutionäre Bewegungen statt. Die Revolutionen, bei denen das Manifest kaum Beachtung findet, sind aber bald wieder niedergeschlagen.

Nach wenigen Jahrzehnten ist es allerdings Programmschrift der Arbeiterbewegung aller Länder.16

4. Grundzüge der marxistischen Theorie

4.1. Klasse

Der Begriff Klasse ist von zentraler Bedeutung für die marxistische Theorie. In einem umfassenden Sinne existieren immer zwei Klassen. Es gibt eine Klasse, welche über die Produktionsmittel verfügt und eine andere Klasse die über keine Produktionsmittel verfügt. Der Begriff der Klasse differenziert also zwischen Besitzende und Nicht-Besitzende.

Marx sieht in den Klassen nicht ein Produkt der Moderne, sondern teilt die gesamte Geschichte in diese Klassenkategorie.

„ Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist eine Geschichte von KlassenkÄmpfen. “ (Marx 462:1971[1848])

So gibt es in jeder Epoche der Historie eine besitzende Klasse, welche die besitzlose Klasse unterdrückt und ausbeutet. In der Antike stehen sich Sklaven und Freier gegenüber. Die feudale Gesellschaft kennzeichnet sich durch Leibeigene und Adel. Der Kapitalismus vereinfacht die Klassengegensätze. Der sozioökonomische Grund der Klassenspaltung ist hier am sichtbarsten. Die soziale Ungleichheit ist auf reine Geldverhältnisse zurückgeführt, wobei sich Bourgeoisie (besitzende Klasse) und Proletariat (besitzlose Klasse) gegenüberstehen.17

Die Klassen stehen sich im Klassenantagonismus feindlich gegenüber und führen einen „ ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf. Ein Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionÄren Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endet oder mit dem gemeinsamen Untergang der kÄmpfenden Klasse. “ (Marx 462:1971[1848])18

Zum Klassenkampf kommt es nicht automatisch. Aus der „Klasse an sich“ muss eine „Klasse für sich“ werden.

Die Klassenzugehörigkeit eines Individuums erfolgt zwangsläufig aus seinem Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Besitz oder Nicht-Besitz entscheidet über die entsprechende Zuteilung. Ein zielgerichtetes politisches Handeln (Klassenkampf) lässt sich aus bloßer Zugehörigkeit jedoch noch nicht ableiten.

Die Menschen der „Klasse an sich“ müssen ein gemeinsames Klassenbewusstsein entwickeln. Sie müssen ein Gespür für die gemeinsame Lage entwickeln und sich politisch organisieren.19

Das Musterbeispiel für die Differenz zwischen „Klasse an sich“ und „Klasse für sich“ ist der Vergleich von französischen Parzellenbauern und modernes Proletariat.20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2. Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse

Im Mittelpunkt der marxistischen Perspektive steht die Arbeit. Menschen müssen arbeiten, um ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Arbeit macht den Mensch zu einem gesellschaftlichen Wesen. Als Basis ist dabei die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, die Produktion zu verstehen.

Die Produktion als Basis setzt sich aus Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zusammen.

Produktionskräfte sind alle Kräfte, die benötigt werden, um materielle Güter zu fertigen. Zum einen ist dies die körperliche und geistige Arbeitskraft, zum anderen aber auch die Produktionsmittel wie Boden, Kapital, Rohstoffe, Maschinen etc.

Die Produktionsverhältnisse beschreiben die ökonomischen und sozialen Beziehungen, die Menschen zur Produktion und Reproduktion ihres materiellen Lebens eingehen. Produktionsverhältnisse umfassen die Eigentumsverhältnisse sowie den Austausch und die Verteilung der erforderlichen Tätigkeiten bzw. erzeugten Güter.

Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte bilden zusammen die Produktionsweise.21

Die ungleiche Verteilung der Produktionsmittel ist ursächlich für die Ungleichheit der Menschen in der Klassengesellschaft. Es ist im Interesse der herrschenden und damit besitzenden Klasse die bestehenden Bedingungen zu erhalten.22

Der Produktionsmittelbesitzer eignet sich den Mehrwert der produzierten Waren an und vergrößert somit sein Kapital. Der Mehrwert umfasst diejenigen Werte, die in dem Teil des Arbeitstages produziert werden, der über die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft notwendigen Arbeitszeit hinausgehen. Der Proletarier muss zur Reproduktion seines materiellen Lebens seine Arbeitskraft verkaufen und sich ausbeuten lassen.23

Die Produktionsweise ist im ständigen Wandel, wobei die Veränderung immer von den Produktivkräften ausgehen. Ursache dafür ist die Erschließung neuer natürlicher Quellen oder neue Erfindungen bei den Instrumenten der Produktion.

Den Gesetzten des historischen Materialismus folgend, erfordern Veränder- ungen der Produktivkräfte eine Reorganisation der gesellschaftlichen Arbeits- teilung. Die Produktionsverhältnisse müssen dem Stand der Produktivkräfte angepasst werden.

Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte ist also Ursache für die Entwick- lung von der Urgemeinschaft über antike Sklaverei und Feudalismus hin zur kapitalistischen Gesellschaft. Alle diese Stufen sind notwendige Stadien der Entwicklung. Jede bedeutet einen Fortschritt gegenüber der vorhergehenden. Alles was jenseits der Basis existiert, ist aus der Produktionsweise resultierend. Politische oder juristische Verhältnisse und Ordnung, Theorien, Religion oder Philosophie sind nur ein ideologischer Überbau, dessen Wandel von den ökonomischen Grundlagen abhängig ist.

Anschauungen oder Zugang zur Wirklichkeit sind also stets ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Lage. Entsprechen hat jede Klasse ihre eigene Theorie.

„Der Kampf der Theorien ist also nur das Abbild sozialen Klassenkampfes. Die reaktionäre Ideologie der herrschenden Klasse ringt mit der fortschrittlichen Ideologie der aufstrebenden Klasse.“ (Störig 502:1990)24

4.3. Entfremdung

Für Karl Marx ist die Arbeit und damit die Produktion, der sinnliche Umgang mit der Natur. Als Charakteristikum des Menschen, ist sie die Voraussetzung für sein geistiges Handeln. Wandeln sich die Produktionsverhältnisse, so verändern sich auch die sozialen Beziehungen, welche die Menschen bei ihrer Arbeit unterhalten. Arbeit als gesellschaftlicher Akt, ist immer auch bestimmtes Verhalten zu Mitmenschen.

Der Kapitalismus macht Arbeit zu einer Ware unter anderen. „ Im Waren- karakter der Arbeitskraft liegt die Ursache für die Entfremdung der Arbeit. “

(Mikel-Horke 49:2001)

Infolge dessen, werden dem Lohnarbeiter seine Tätigkeit und die von ihm produzierten Waren fremd.

Die Arbeit ist nun nicht mehr Ausdruck des Menschseins, weil Erhaltungsbe- dürfniss des Organismus das Arbeitsentgelt befriedigt wird und die Tätigkeit außerhalb des „Selbst“ liegt. Die Entfremdung der Arbeit führt somit zur Entmenschung des Menschen.

Kapitalistische Produktionsverhältnisse zeichnen sich primär durch die Entfremdung der Arbeit aus. Das sekundäre Merkmal ist das Privateigentum. Marx plädiert deshalb für eine „positive“ Aufhebung des Privateigentums, um die Entfremdung aufzuheben. Dazu genügt es allerdings nicht, das Privateigentum auf juristischen Wege abzuschaffen, sonder das Problem des Eigentums muss grundsätzlich aus dem Bewusstsein verschwinden.25

5. Der Weg zur klassenlose Gesellschaft

5.1. Das dialektische Ziel

Wie bereits erwähnt, sieht Marx den Verlauf der Geschichte als dialektischen Prozess ( vgl. 2.2).Er glaubt mit der materialistischen Dialektik die kommende Zukunft vorauszusehen. Nach dem Durchlaufen des Stufenprozesses von Urgesellschaft, antike Sklavengesellschaft, Feudalgesellschaft und moderne bürgerliche Gesellschaft ( vgl. 4.2) ist es für Marx an der Zeit nun die totale Revolution als nächsten und letzten Schritt anzustreben.

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ ist dazu zum einen wissenschaftliche Fundierung, zum anderen aber auch Instruktion für das Proletariat zum politischen Handeln.

Für Marx ist der dialektische Prozess mit der Weltrevolution, also der Modi- fikation von kapitalistischer zur kommunistischer Gesellschaft, beendet, die bisherige Dialektik aufgehoben und die Vorgeschichte des Menschen abge- schlossen.

Die Gründe dafür liegen in der Neuregelung der Eigentumsverhältnisse.

Da das Eigentum aufgehoben wird, ist die Grundlage für eine ökonomische Dialektik beseitigt. Der Klassenunterschied ist damit ebenfalls aufgehoben, weil das Eigentum in Händen aller liegt und es so keine Besitzenden und Besitzlosen mehr gibt. Der Klassenantagonismus ist beseitigt. Auf geregelter und wiederspruchsfreier Produktion, konstituiert sich eine klassenlose Gesellschaft.26

Das setzt eine lange und tiefgreifende Veränderung voraus, an dessen Ende der Kommunismus steht. Somit wäre nach der marxistischen Theorie das Ende eines langen und brutalen Geschichtsprozesses erreicht und den Menschen sein kulturelles Menschsein möglich.27

5.2. Prognostizierte Praxis der Revolution

Marx sieht in der Theorie des Kommunismus keinesfalls die Utopie von Weltverbesseren.

„ Sie[die theoretischen Sätze der Kommunisten] sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassekampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ (Marx, 475:1971[1848])

Die vorrangigen Ziele der Kommunistischen Partei sind: Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.

Im Proletariat sieht Marx die wirklich revolutionäre Klasse, die „mehr oder minder versteckt Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft[führt] bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet.“ (Marx, 472:1971[1848])

Des weiteren prognostiziert Marx die Revolution wie folgt:

Auslöser wird das wachsende Elend und die anschwellende Empörung prole- tarischen Klasse. Die kommunistische Revolution wird das radikale Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen. Der erste Schritt der Arbeiter- revolution, wird die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse und Erkämpfung der Demokratie. Das Proletariat wird seine neugewonnene poli- tische Kraft dazu benutzen, den Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, um es zu sozialisieren.28

Mit der proletarischen Bewegung wird der ganze Überbau in die Luft ges- prengt. Wichtigstes Merkmal der klassenlosen Gesellschaft wird die Unter- ordnung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses mit allen Produktions- mittelen unter einen gemeinsamen Willen und Plan, also die Einführung der Planwirtschaft.29

„In der bürgerlichen Gesellschaft ist die lebendige Arbeit nur ein Mittel, die aufgehäufte Arbeit zu vermehren. In der kommunistischen Gesellschaft ist die angehäufte Arbeit nur ein Mittel, um dem Lebensprozess der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu fördern.“

( Marx, 476:1971[1848])

Marx bleibt letztlich mit der Skizzierung der kommunistischen Gesellschaft sehr sparsam. Es muss auch dahingestellt bleiben, ob Marx wirklich ernsthaft der Meinung war, dass die klassenlose Gesellschaft der konfliktlose Endzustand sein wird. Sicher ist nur, dass von der Revolution einen Fortschritt erwartet, der weit über alles Bisherige hinausgehen sollte.30

6. Schussbemerkung: Die Unterkomplexität der marxistischen Theorie

Die marxistische Theorie leidet an ihrer Unterkomplexität.

So ist die soziale Wirklichkeit der Individuen bei Marx das Ergebnis von deren Besitz bzw. Nicht-Besitz von Kapital. Andere Faktoren sind nur Resultate aus der materiellen Situation, haben aber keinerlei Einfluss auf die Gestaltung der Realität. Das Wirtschaftssystem -im Sinne der Systemtheorie- fungiert dabei als übergeordnetes Funktionssystem.

Andere Bereiche des menschlichen Lebens, wie Macht, Recht, Wissen etc. verfügen über keine eigene Dynamik, sie sind dem Kapital nachgeordnet.

Doch einen Hochschulabschluss kann ich mir nicht kaufen. Ein Gerichts- verfahren wird nicht nach Vergleich der Bankkonten der Streitparteien entschieden. Die Opposition kann nicht durch Zahlung von Geldbeträgen die Regierungsrolle übernehmen.

Es sind also nicht alle Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens auf Kapitalverhältnisse zurückzuführen.

In wieweit Marx für seine Zeit -also die frühe ModernisierungsphaseGültigkeit beanspruchen kann, lasse ich hier dahingestellt.

Für die jetzige Zeit -also die Zeit, die Ulrich Beck elegant als „andere Moderne“ bezeichnet- ist beim Umgang mit der marxistischen Theorie Vorsicht geboten.

Zurecht weißt Niklas Luhmann darauf hin, dass es sich bei der Wirtschaft um ein streng geschlossenes, zirkuläres, selbstreferentielles, konstituiertes Funktionssystem handelt, welches mit einem ihm vollständig eigenen Medium „Geld“ ausstattet ist.31

So ist das Wirtschaftsystem eben nur eins neben anderen Funktionssystemen (wie beispielsweise Wissenschaftssystem, Erziehungssystem etc.), welches über eine systemeigene Dynamik und Realität verfügt.

Jedes Funktionssystem zerlegt die Einheit des Gesamtsystems (Gesellschaft) in eine spezifische Differenzierung von System und Umwelt. Das System muss in einer operationsnotwendigen Illusion annehmen, die Gesellschaft zu sein und dem eigenen Realitätskonstrukt universale Gültigkeit verleihen. Die Kommunikation innerhalb des Systems ist an eine binäre Codierung gebunden. Jedes System verfügt dabei über ein exklusiven Code, der sich an der Funktion orientiert.32

Innerhalb des Wirtschaftssystem codiert sich Kommunikation über die Werte zahlungsfähig/ zahlungsunfähig. Das System konstituiert anhand von Geldbeträgen seine Wirklichkeit. Aber eben nur die eigene Wirklichkeit. Andere Systeme, mit anderen Funktionen, benutzen andere Codes und verfügen über eine eigene Realität.33

Die These, nach welcher ausschließlich das Materielle die Wirklichkeit ist und das Soziale nur noch ein Spiegelbild dieser materiellen Wirklichkeit, ist demnach nicht haltbar.

[...]


1 Marx 2000[1872], S.719

2 a.a.O. S. 35f.

3 Korte 2000, S.48

4 vgl. Borkenau 1956, S.42

5 Mikel-Horke 2001, S.54f.

6 vgl. Störig 1990, S.500-502

7 Eine komplex ausdifferenzierte Darstellung der Standesgesellschaft kann aus Platzgründen an dieser Stelle nicht gegeben werden.

8 Thieme 2000, S.176-178

9 Marx 2000[1872], S.323

10 Kneer/ Nollmann 1997, S. 76

11 Thieme 2000, S. 182

12 vgl. Marx 1872, S. 604-613

13 Abendroth 1965, S.14

14 Heiss 1963, S.305

15 Streisand 1983[1976], S. 167

16 Abendroth 1965, S.30-31

17 vgl. Fetscher 1967, S. 55-57

18 a.a.O., S. 462

19 Thieme 2000, S. 185

20 Fetscher 1967, S. 59

21 Korte 2000, S. 49f.

22 Thieme 2000, S. 184

23 Fuchs-Heinritz / Rülcker 1994, S. 428

24 a.a.O., S. 500-502

25 Mikel-Horke 2001, S. 49

26 vgl. Heiss 1963, S.403-405

27 Mikel-Horke 2001, S. 49

28 vgl. Marx/ Engels 1971[1848]>, S.472-481

29 vgl. Fetscher 1976, S. 65f.

30 Heiss 1963, S.404

31 Luhmann 1990, S.103

32 vgl. Luhmann 1990, S. 202-217

33 vgl. Luhmann 1990, S. 89-91

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Impressionen aus den Theorien von Karl Marx
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Geschichte der Soziologie
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V106052
ISBN (eBook)
9783640043316
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Impressionen, Theorien, Karl, Marx, Geschichte, Soziologie
Arbeit zitieren
Tim Hochgürtel (Autor:in), 2002, Impressionen aus den Theorien von Karl Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106052

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