Binnenstruktur der Familie im Hinblick auf innerfamiliale Interaktions- und Kommunikationsmuster


Ausarbeitung, 2000

13 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

I. Kommunikationsstrukturen- und probleme in der Familie (2.Familienbericht, 1975)
1. Die Bedeutung der Kommunikation in der „Familie“
1.1. Das familiale Kommunikationssystem
1.2. Teilsysteme familialer Kommunikation
2. Die Kommunikationsdichte innerhalb der Familie
2.1. Die Mutterzentrierung familialer Kommunikation
2.2. Bedingungen für Häufigkeit und Verteilung innerfamilialer Kommunikation
3. Die innere Differenzierung der Familienkommunikation
3.1. Das Grundmuster innerfamilialer Arbeitsstellung zwischen Mann und Frau
3.2. Variationen der familialen Muster von Arbeitsteilung
4. Die hierarchische Struktur der Familienkommunikation
4.1. Machtbedingungen im Ehesystem
4.2. Die Stellung der Kinder
5. Zusammenfassung: Aspekte der familialen Kommunikation

II. Sozialisationswirkungen der Familie (2. Familienbericht, 1975)
1. Vorbemerkung
2. Die geistige Entwicklung des Kindes
2.1. Die Rolle der Mutter im Sozialisationsprozess
2.2. Einflüsse elterlichen Verhaltens auf die Sprachentwicklung
2.3. Der Zusammenhang zwischen elterlichen Erziehungsstilen und intellektuellen Fähigkeiten des Kindes
2.4. Die Bedingungen der Familiengröße
3. Ausbildung der Leistungsmotivation
3.1. Selbstverständniserziehung als Bedingung für die Entwicklung von Leistungsmotiven
3.2. Soziale Bedingungen von Leistungsmotiven
4. Familiale Wurzeln sozial abweichenden Verhaltens

III. Einführung in die Sozialisationstheorie (Hurrelmann)
1. Die These der „schichtspezifischen Sozialisationsforschung“
2. Die Bedeutung der familialen Rollefunktion

IV. Literaturverzeichnis

I. Kommunikationsstrukturen- und probleme in der Familie (2.Familienbericht, 1975)

1. Die Bedeutung der Kommunikation in der „Familie“

Jede Familie bringt in relativer Abhängigkeit von ihren sozialen Lebensbedingungen (Gruppengröße, Einkommen, Berufstätigkeit usw.) ein bestimmtes Erziehungsmilieu hervor (Erziehungsfähigkeit ist gleich Sozialisationskraft). Sie tut das durch die Art und Wiese, in der die Familienmitglieder miteinander umgehen und durch die Regeln, die sie in ihrem Umfeld befolgen. Die Grenzen und Regeln einer Familie sind jedoch nicht unabänderlich vorgegeben. Je nach besonderer sozialer Lage; Familienerweiterung, Probleme können sich Regeln ändern oder neu hervorgebracht werden.

Es zeigt sich dann, was eingespielte Regeln leisten und wie weit sie von der Familie modifiziert werden können. => Verständigungs- /Kommunikationssystem.

1.1. Das familiale Kommunikationssystem

Dieser Umgang ist Verständnis auf Einverständnis und spielt sich auf 3 Ebenen ab:

1) es werden gegenseitige Beziehungen bestimmt und eingeübt.

2) Normen und Werte bestimmen sich über:
- wichtige und unwichtige Probleme
- relevante und unrelevante Probleme
- Regeln und Muster zur Erfassung und Ordnung der Objektwelt

3) eigene zeitliche Perspektive, die:
- Ereignisse der Vergangenheit ordnet
- Aussichten auf die Zukunft öffnet
- Der Gegenwart einen bestimmten Stellenwert gibt

Aus Untersuchungen lässt sich folgern, dass die Art, in der die Familie miteinander umgeht, allergrößte Bedeutung für die Sozialisation des Kindes hat.

Der Blickwinkel der Betrachtung soll jedoch vorerst nicht auf den Wirkungen einzelner Merkmale jenes Kommunikationszusammenhangs liegen, sondern der Zusammenhang selbst und die Bedingungen stehen im folgenden im Mittelpunkt der Betrachtung. Familienkommunikation ist das notwendig einschneinende Bindeglied zwischen den ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen der Familie einerseits und den Sozialisationswirkungen auf die Kinder andererseits.

Um nun eine Veränderung in der Sozialisation zu erzielen müssen der Familie Bedingungen geschaffen werden, unter denen sie die Kommunikation entsprechend selbständig ändern können.

1.2. Teilsysteme familialer Kommunikation

Es gibt unterschiedliche Faktoren, die das Kommunikationssystem beeinflussen. Dafür muss jedoch auf eine Differenzierung hingewiesen werden.

Die Wechselseitigkeit jeder zwischenmenschlichen Kommunikation macht eine Aufteilung der Familie in verschiedene Teilsysteme notwendig, denn der Umgang der Ehepartner miteinander folgt nicht dem gleichen Regeln, wie der der Kinder untereinander und der zwischen Erwachsenen und Kind.

1) Erwachsenen-Kind System:

Bestimmte Merkmale der Erwachsenen-Kind Kommunikation lassen bestimmte Ausprägungen kindlichen Verhaltens vorhersagen.

2) Ehesystem:

Beziehungsbereich, der für das interne Sozialisationsmilieu der Familie bedeutsam ist. Die Struktur der Partnerbeziehung ist im Hinblick auf:

a) Entscheidungsgewalt
b) Konfliktreichtum

einerseits mit Merkmalen der sozialen Situation der Familie und andererseits mit bestimmten Erziehungspraktiken verknüpft. Die Verknüpfung mit den Erziehungspraktiken ergibt sich daraus, dass diese Strukturen als dominierende Bestandteile in die gesamte Familie hineingetragen werden.

3) Kind-Kind-Beziehung

Art der Beziehung zu Gleichaltrigen ist

- Symptom für die Strenge, mit der dich die Familie nach außen abgrenzt
- Instrument subkultureller und nachbarschaftlicher Integration

2. Die Kommunikationsdichte innerhalb der Familie

Im folgenden werden nun die Kommunikationsbedingungen und Kommunikationsweisen dargestellt. Bedingt durch die kontinuierliche räumliche Nähe der Partner ergibt sich eine relative Häufigkeit von Interaktionen innerhalb der Familien.

Dadurch wird die Bezogenheit der Einstellung und Verhaltensweisen aufeinander verstärkt und die Wechselseitigkeit der Orientierung erhöht.

Besonders bei Kindern, die ein gewisses Maß an Nähe bedürfen, kann es ein „Zuviel“ geben, das negative Folgen mit sich ziehen kann.

Individuell kann ein extrem hohes Maß an sozialen Verpflichtungen innerhalb der Familie zu totalitären Mustern des Umgangs und starken Persönlichkeitsabsorptionen führen. Die räumliche Nähe im Rahmen des gemeinsamen Haushaltes und die zumindest am Wochenende gemeinsam verbrachte Freizeit bringt einen nahezu täglichen Umgang mit sich. Repräsentativerhebungen zeigen, dass Freizeitbeschäftigungen nur selten von einem Elternteil ausgeübt werden. Vor allem am Wochenende, herrscht besonders in den unteren Schichten- ist die Überzeugung vor: „Das gehört sich so“ etwas gemeinsam zu unternehmen. Dieser „Familiensinn“ macht sich in anderer Hinsicht für den Kommunikationsstatus speziell das Kindes bemerkbar, denn geht die Mutter auch arbeiten, so sind die Kinder zumindest durch andere Bezugspersonen betreut.

2.1. Die Mutterzentrierung familialer Kommunikation

Die Verkürzung der Arbeitszeit erhöht die Chance des Mannes, sich an der familialen Kommunikation mehr zu beteiligen.

Repräsentativerhebungen haben ergeben, dass:

- für 63% der Männer der Feierabend spätestens um 18 Uhr ist und
- für 34% der Männer der Feierabend spätestens um 17 Uhr ist.

Jedoch geben nur 36% der Mütter an, dass die Beschäftigung der Väter mit den Kindern eine nennenswerte Feierabendbeschäftigung sei.

Demgegenüber wird deutlich, dass die Mutter in außerordentlichem Maße auf die

Beschäftigung mit Kinder spezialisiert ist. Ein Großteil der Zeit entfällt dabei auf die

Beaufsichtigung und Kontrolle der Hausaufgaben. Diese asymmetrische Struktur im

Erwachsenen-Kind-System nimmt mit wachsenden Alter des Kindes leicht ab, allerdings bleibt das Grundmuster einer Mutterzentrierten familialen Kommunikation erhalten. Gründe dafür sind:

- immer noch geltende Geschlechtsdifferenzierung
- außerhäuslich verbrachte Arbeitszeit des Mannes

2.2. Bedingungen für Häufigkeit und Verteilung innerfamilialer Kommunikation

Dieses Bild differenziert sich, wenn man die modifizierten Bedingungen berücksichtigt. Das sind z.B.

- die Berufstätigkeit der Mutter
- soziale Schichtenlage

(mit steigendem sozialen Status steigt auch der Anteil des Vaters an der Kommunikation mit den Kindern)

„Im ganzen bleibt die Mutterzentrierung der Familienkommunikation auch im Falle ihrer außerhäuslichen Berufstätigkeit sehr deutlich erhalten.“1

3. Die innere Differenzierung der Familienkommunikation

3.1. Das Grundmuster innerfamilialer Arbeitsstellung zwischen Mann und Frau

Die herkömmlichen Grundtendenzen der geschlechtsspezifischer Rollendifferenzierungen in der Familie sind überwiegend noch erhalten.

Die Mutter ist auf hauswirtschaftliche Dinge und die emotionale Betreuung der Kinder

(Streitereien der Kinder schlichten, Kindertrösten) spezialisiert. Auch Aufgaben, die mit dem Kindergarten und/oder der Schule zusammenhängen fallen in ihre Kompetenz. Dem Vater bleibt neben der Funktion des Geldverdienens vor allem technische Aufgaben im Haushalt sowie im Außenverhältnis, die quasi rechtliche Vertretung der Familie überlassen. Als gemeinsame Sache werden Entscheidungen über Freizeitverbringungen inner- und außerhalb der Familie angesehen.

3.2. Variationen der familialen Muster von Arbeitsteilung

Die Aufrechterhaltung des traditionellen Musters der Arbeitsteilung ist relativ stabil geblieben, da in vielen Frauen das verinnerlichte Bild der im Haushalt aufgehenden Frau und Mutter erhalten geblieben ist.

Dieses Bild findet sich jedoch vor allem in der Unterschicht.

Unter dem Aspekt, dass sich der allgemeine Bildungsgrad und die außerhäusliche Berufstätigkeit von Frauen stetig erhöht, kann davon ausgegangen werden, dass sich die vorhandenen Geschlechtsrollenstereotypen auflockern.

4. Die hierarchische Struktur der Familienkommunikation

„Für die familiale Sozialisation der Kinder ist die Frage außerordentlich wichtig, ob und in welchem Maße sie in der Familie die Chance haben ihre eigenen Bedürfnisse zur Geltung zu bringen und Einschränkungen durch die Eltern diesen gegenüber auf ihren Sinn zu hinterfragen; also Metakommunikation zu entfalten.“

4.1. Machtbedingungen im Ehesystem

Die soziale Beziehung der Eltern untereinander übernehmen die Kinder durch Imitation in ihre Kommunikationsmuster. In dieser Hinsicht ist fraglich, ob und in welchem Maße die Tradition der Vaterdominanzen in der Familie ungebrochen ist.

In der Prüfung dieser Annahme müssen folgende Faktoren beachtet werden:

- Die Vaterdominanz ist dann geringer wenn die Frau berufstätig ist und eigene finanzielle Mittel besitzt.
- Je höher der Schichtenstatus des Mannes ist, desto höher ist die innerfamiliale Autorität (weil die Familie an seinem Prestige teilhat), gleichwohl nutzt er dann aber seine Macht weniger aus.

4.2. Die Stellung der Kinder

„Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass die Machtdifferenz zwischen Eltern und Kinder in der Familie signifikant größer ist als zwischen den Ehepartnern- und zwar umso mehr, je jünger die Kinder sind.“2

Für die hierarchische Dimensionen der Eltern-Kind-Beziehung lässt sich festmachen, dass in den letzten Jahren autoritäre Einstellungsmuster der Eltern zurückgegangen sind.

5. Zusammenfassung: Aspekte der familialen Kommunikation

„Der Umgang innerhalb der Familie prägt die Kinder, dies zeigt sich im Hinblick auf die folgenden Erziehungswirkungen:

- Ein stark ausgeprägtes Leistungsmotiv beim Kind hat eine Komponente seiner Entwicklung bei dem im Umgang mit dem Kind mitgeteilten Leistungsanspruch der Mutter und der Tendenz auch sachlichen objektbezogenen Orientierungen zur Geltung innerhalb des alltäglichen Verkehrs zu verhelfen.
- Die starke Ausprägung geschlechtsrollentypischer Verhaltensweisen entsteht im Zusammenhang einer Familie, in der selbst der Umgang mit dem Kind entsprechend organisiert wird.
- Den Ansprüchen der weiterführenden Schulen entspricht nicht, wer schon in der Familiensozialisation eine schulbezogene Thematik in der Form des alltäglichen Umgangs entbehren muss.
- An starren Verhaltensmustern hält fest, wer in einem Kommunikations-Stil aufwächst, dem Flexibilität, Einfühlung in andere & wechselseitiges Aufeinandereingehen fehlen.
- Wer zu selbständigem Urteil gelangt, wird dies zum großen Teil einem Sozialisationsmilieu verdanken, der Relativierungen zuließ oder gar nahe legte, einer

Familie, die an ihren Gruppengrenzen nicht starr festhielt und sowohl eine Vielfalt von Kommunikationsstilen zuließ, wie auch in ihrer Thematik sich kritisch urteilend auf die eigene Lebenswelt beziehen konnte, der der private Binnenkontakt nicht ein Schleier war, der ihr die Bedingungen ihrer Lebenswirklichkeit verhüllte usw.“3

Wesentliche Kommunikationsprobleme können wie folgt benannt werden:

- Im Hinblick auf den normativen Aspekt ist die Familienkommunikation nach wie vor stark von den geschlechtsrollenspezifischen Vorstellungen geprägt. Das Interesse an der schulischen Leistung und die Selbständigkeit des Kindes nehmen zu.

- Im Hinblick auf den Inhaltsaspek t zeigt sich, dass Themen an denen alle Familienmitglieder beteiligt sind, vorwiegend im Freizeit- und Konsumbereich liegen.

Der Kommunikationsraum Familie gliedert sich in 2 Bereiche auf:

- die erziehungs- und bildungsintensive Kommunikation zwischen Mutter und Kind
- erholungsintensive Kommunikation aller Mitglieder miteinander in der „Wochenend-Existenz“

- Im Hinblick auf den Zeit-Aspekt beschränkt sich der Umgang in der Familie nicht nur auf aktuelle Ereignisse, sondern bezieht auch immer Zukünftiges mit ein. In jeder Interaktion kommen Erwartungen an den anderen zur Sprache, damit auch die eigenen Perspektiven, Hoffnungen oder Resignationen. Die Umweltoffenheit hängt mit dem Zeit-Aspekt eng zusammen. Auch die Bedeutung der Leistungsthematik wird sich ändern, je nachdem in welche Zukunftsperspektiven sie eingelagert ist.

- Im Hinblick auf den Reziprozitäts-Aspekt ist die Familie derzeit in unserer Gesellschaft der soziale Ort, an dem die heranwachsende Generation einerseits die Fähigkeit eines flexiblen, situationsabhängigen Sich-Einlassens auf verschiedenartige Beziehungen lernen kann, andererseits aber auch den relativ festgefügten Gruppen- Beziehungen und -Rollen der Herrschaft und Unterordnung ausgesetzt. Die Tugenden des Aufeinandereingehens genießen immer höheres Ansehen. „Was an Schwierigkeiten und Spannungen im Bereich der sozialen Erwartungen und der Inhalte auftaucht [...] kann von der Familie, will sie sich als System erhalten, nur ertragen werden, wenn sie an der Reziprozität ihrer Beziehungen, dem Aufeinandereingehen, d.h. an einer bestimmten Form der Kommunikation festhält und dies als den „Regulator“ des Systems definiert...“4

- Im Hinblick auf den metakommunikativen Aspekt wird in der familialen Kommunikation in unterschiedlichem Grade der Offenheit über Bedeutung und Sinn, die Familienereignisse haben oder haben sollten und über Regeln, nach denen das Familienleben abläuft, kommuniziert. Metakommunikation hängt von der Differenziertheit der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern ab, aber auch von dem Grad, in dem die Familie sich selbst kennt, ihre Genese, ihre Zwänge und Notwendigkeiten wahrnehmen kann.

Mit diesem Aspekt der Kommunikation hängt auch folgendes zusammen:

- Möglichkeit produktiver Konfliktbewältigung
- Umweltoffenheit der Familie
- Streng oder Flexibilität der verinnerlichten Wertorientierungen (Gewissen)
- Fähigkeit einer situationsadäquaten Anwendung von Leistungsnormen
- Ausbildung von Empathie
- reflektierte Solidarität
- u.a.

II. Sozialisationswirkungen der Familie (2.Familienbericht, 1975)

1. Vorbemerkungen

Die Kommunikationspraxis der Familie prägt das Kind. Folgendes wirkt sich auf die Sozialisation des Kindes aus:

- Umgang der Eltern mit Regeln, auf die sie sich selbst und ihre Kinder verpflichten
- Welche Themen in den Vordergrund gerückt und welche verdrängt werden
- Mit welchem Maße, sie bei dem, was sie tun und was sie ihren Kinder zu tun aufgeben, Vergangenes und Zukünftiges mitbedenken
- Ob und in welcher Weise sie auf die Bedürfnisse des jeweiligen Anderen eingehen
- Ob und in welcher Weise im Umgang miteinander die Regeln diese Umgangs erkannt, erörtert und problematisiert werden dürfen

2. Die geistige Entwicklung des Kindes

2.1. Die Rolle der Mutter im Sozialisationsprozess

Die Mutter ist im frühkindlichen Sozialisationsprozess deshalb von Bedeutung, weil sie in aller Regel im verstärkten Maße für die Stimulation des Kindes und somit auch für persönliche Ansprache und Zuwendung sorgt.

2.2. Einflüsse elterlichen Verhaltens auf die Sprachentwicklung

Viel Untersuchungen haben ergeben, dass Intelligenzunterschiede von Kindern verschiedener sozialer Schichten auf mangelnde Förderung des Kindes in frühem Kindheits- und im Vorschulalter zurückzuführen sind.

Es sind nicht angeborene Faktoren, die die intellektuelle Fähigkeit primär bestimmen, sondern unterschiedliche Arten und Grade der Anregung und Unterstützung.

So spielt der Umgang der Eltern mit den Kindern in Konfliktsituationen eine große Rolle. In welchem Maße ein Vergangenheitsbezug und Zukunftsbezug in der verbalen Aussprache zur Geltung kommt und ob körperliche Züchtigung im Vordergrund steht, ist ausschlaggebend dafür, mit welch differentem Sprachgebrauch und welch umfassenden Zeitbezug Kinder aufwachsen, ihre Umwelt wahrnehmen und mit ihr kommunizieren können.

2.3. Der Zusammenhang zwischen elterlichen Erziehungsstilen und intellektuellen Fähigkeiten des Kindes

Zahlreiche Untersuchungsergebnisse konzentrieren sich auf den Zusammenhang zwischen einer akzeptierenden, positiv dem Kind zugewandten Einstellung der Eltern und der Förderung der kognitiven Entwicklung andererseits.

Ein liebevoll akzeptierenden Verhalten der Mutter mit einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber dem Kind geht nach H. Thomae5 mit einem stärkeren Erkundungsdrang und höheren Intelligenz, besonders bei Töchtern, einher. Ein stärker ablehnendes Verhalten der Mutter korreliert allerdings mit einem Mangel an Initiative, fehlender Neugier und geringerer schulischer Leistungsfähigkeit.

Eine stark kontrollierende Erziehungshaltung bedingt meist eine geringe intellektuelle Leistungsfähigkeit der Kinder.

Manche Autoren begründen diese Auswirkungen damit, dass bei zu starker elterlicher Kontrolle ein negatives Selbstbildes bzw. geringes Selbstvertrauen entstehe und notwendigerweise leistungshemmend wirken müsse.

Stimulierendes, akzeptierendes, fürsorgliches und durch geringe Kontrolle gekennzeichnetes Erziehungsverhalten begünstigt insbesondere die Entfaltung der Kreativität. Es ist anzunehmen, dass die Wohnungsgröße einen Einfluss auf das Maß der Kontrolle hat, da ein geringer Spielraum innerhalb der Wohnung eine starke Disziplinierung der Eltern mit sich bringt.

2.4. Die Bedeutung der Familiengröße

Eine größere Kinderzahl bedingt zumeist eine ungünstige Entwicklung der meßbaren Intelligenz, auch der Wohnindex (der auf die soziale Schicht hinweist) ist ein Kriterium für die Intelligenz. Rösler6 fand in seiner breit angelegten Untersuchungen heraus, dass vor allem in Gruppen mit leistungsschwachen Mädchen eine große Geschwisterzahl zu finden war, was darauf schließen lässt, dass Mädchen dieses Kriterium offenbar mehr hemmt als Jungen. Rösler gibt jedoch zu bedenken, ob für dieses schulische Leistungsversagen bei Kindern aus kinderreichen Familien wirklich die ökonomische Belastung ausschlaggebend sei, oder ob vielmehr die zusätzlichen Störreize, die psychische Belastung der Mutter und das dadurch belastete Verhalten der Mutter den Kindern gegenüber wie auch die ungünstige Wohnsituation stärker ins Gewicht fallen.

3. Ausbildung der Leistungsmotivation

3.1. Selbstverständigkeitserziehung als Bedingung für die Entwicklung von Leistungsmotivation

Selbstsichere, stärker zukunftsbezogene, stärker planende und optimistische Mütter, die selbst mehr Eigenverantwortung übernehmen und größere Eigenständigkeit zeigen und weniger Normorientiertheit, erziehen ihre Kinder stärker zur Selbstständigkeit. Der Grad der Ängstlichkeit der Mutter, ihre Erfahrung und auch die Eigenart des Kindes sind von Bedeutung.

So werden z.B. kränklich und behinderte Kinder, aber auch sogenannte „Nachzügler“ oder sehnlichst erwünschte Kinder nach langer ungewollter Kinderlosigkeit werden von ihren Müttern weit mehr behütet und dadurch vieler ihrer Übungs- und Entfaltungsmöglichkeiten beraubt. Die diesen Kindern entgegen gebrachte stark beschützende und bewahrende Erziehungshaltung, die einer Selbständigkeitsentwicklung entgegensteht, hat ihre Auswirkungen auf die Ausbildung der Leistungsmotivation und auf geistige Fähigkeiten wie auch auf andere Persönlichkeitsmerkmale. Dies tritt noch vermehrt auf, wenn es sich bei diesem Kind um eine Tochter handelt aber auch wenn das Kind als „Partnerersatz“ oder als „Vermächtnis“ (Tod des Ehegatten) erlebt wird.

3.2. Soziale Bedingungen elterlichen Verhaltens

Die Erziehungshaltung der Eltern ist durch die gegebene Familiensituation und deren gesellschaftliche Bedingungen stark beeinflusst.

U. Lehr7 hat nachgewiesen, dass Jungen, die ohne Vater aufwachsen, in ihrem Verhalten von ihrer Umwelt abhängiger sind als solche, die in vollständigen Familien aufwachsen. Jugendliche in unvollständigen Familien erfahren von ihrer Mutter mehr Unterstützung, für die Wirkung dieser Erziehungshaltung spielen jedoch die Gründe für die Abwesenheit des Vaters eine Rolle.

Auch die Familiengröße ist insofern im Hinblick auf die Leistungsmotivation von Bedeutung, als sie das Erziehungsverhalten der Eltern stark beeinflusst.

„ Je mehr Kinder vorhanden sind, um so weniger haben die Eltern die Möglichkeit, durch Sanktionierung das sich aufbauende Selbstbekräftigungssystem des Leistungsmotivs mitzuformen, um so diskontinuierlicher können sie das Leistungsverhalten des einzelnen Kindes und seine Resultat verfolgen.“, meint Heckhausen8.

4. Familiale Wurzeln sozial abweichenden Verhaltens

Ein eindeutiger Hinweiß auf die Sozialisationsfunktion der Familie stellt man beim Auftreten von Verhaltensproblemen der Kinder fest. Manche Untersuchungen sehen besonders im Fehlen des Vaters bzw. in der Vernachlässigung oder der Zurückweisung durch den Vater eine der Hauptursachen krimineller Verhaltensweisen und von Jugendlichen. „Psychoanalytischer Theorie zur Folge verhindert das Fehlen eines Vaters die Entwicklung des Über-Ichs, die Willensentwicklung bzw. die Entwicklung der Kontroll- und Steuerungsfunktion. Auch Glueck und Glueck9 fanden in ihren Untersuchungen an jugendlichen Kriminellen heraus, dass ein stärkerer Zusammenhang zwischen Fehlverhalten und Vernachlässigung durch den Vater gegeben war als zwischen Fehlverhalten und Vernachlässigung durch die Mutter. Im Hinblick auf die Mutter ließ sich unter anderem zeigen, dass deren Berufstätigkeit in keinem direkten Zusammenhang zu dem Auftreten der Straffälligkeit von Kindern steht.

Kinder die einen autoritativen Erziehungsstil erfahren hatten, wiesen sich nach Baumrinds Untersuchungen als jene aus, die das größte Selbstvertrauen, eine gesunde Selbstsicherheit und auch ein großes Maß an Unabhängigkeit, starke Leistungsmotivation, soziale Integration und auch ein hohes Maß an Zufriedenheit erkennen lassen.

Als Vorbedingung der Entwicklung einer solchen sozialen Verantwortlichkeit und der Meidung von sozial abweichenden Verhalten ist ein einerseits durchaus forderndes Verhalten der Eltern, das andererseits aber auch ein Akzeptieren des Kindes mit einschließt. Eine weitere Vorbedingung ist aber auch die Entwicklung von emotionaler Bindungsfähigkeit.

III Einführung in die Sozialisationstheorie (Hurrelmann)

1. Die These der „schichtspezifischen Sozialisationsforschung“

Die soziale Position der Familie in der Sozialstruktur wird erfahrungsgemäß in vielen Dimensionen an die Kindergeneration weitergegeben.

In der Schichtspezifischen Sozialisationsforschung hat Rolff (1980) in prägnanter Form die theoretische Grundannahme der Frage nach den Faktoren Leistungsbedingungen, die die Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, formuliert.

Er betont, dass die Familie die zentrale Vermittlungsinstanz für die „Reproduktion gesellschaftlich erwünschter Sozialcharaktere“ darstellt. Die Familie sei ein sozialer Mikrokosmos der Gesellschaft, der die Grundwerte der Gesellschaft gewissermaßen ungebrochen an die nachwachsende Generation weitervermittelt. Soziale Ungleichheit wird demnach durch Weitergabe eines Sozialcharakters gewissermaßen “vererbt“. Rolff unterstellt in seiner These, der „schichtspezifischen Sozialisationsforschung“, dass zwischen dem Sozialcharakter, also einer milieutypischen Kombination von Persönlichkeits- merkmalen der Eltern und der Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit ein direkter Zusammenhang bestehe.

In das Konzept des Sozialcharakters gehen dabei meist die Persönlichkeitsmerkmale: Leistungsmotivation, Wertorientierung, Intelligenz und sprachliche Fähigkeiten ein.

Schwachpunkt der schichtspezifischen Sozialisationsforschung war jedoch ihre Fixierung auf das Konzept der „Sozialen Schicht“.

Eine Soziale Schicht wird als Teilgruppe der Gesellschaft gesehen, deren Mitglieder bestimmte gemeinsame Merkmale besitzen und sich dadurch von anderen Teilgruppen nach ihren Positionen in der Sozialstruktur unterscheiden.

In den 60-70 Jahren wurde die soziale Schichtenzugehörigkeit Aller auf die Berufstätigkeit des Vaters gestützt. Dieses Verfahren wurde dadurch gerechtfertigt, dass durch die Berufsposition des Vaters einherlaufende Komponenten wie:

- Einkommen
- Prestige
- Einfluß
- Macht
- Bildung
- Besitz

bedingt werden.

Doch diese Schichtzuschreibung hat nur eine sehr begrenzte Aussagekraft, da die Berufszugehörigkeit der einzige und somit ein unzureichender Indikator für eine Schichtzugehörigkeit ist.

Die Einteilung in diese soziale Schichten kann auch nicht als eine in der Realität erkennbares und unterscheidbares Phänomen angesehen werden, da sie von der Forschung lediglich als künstliche Konstruktion zur Klassifizierung von gleichartigen Ausprägungen sozialer und gleichartigen Lebensbedingungen dienen.

Die vereinfachte Verfahrensweise bei der Erhebung der sozialen und materiellen Lebenslage über einen einzelnen Schichtindikator ist theoretisch nicht zu rechtfertigen. Für alle sozialisationstheoretische Untersuchungen ist es unabdingbar neben der Erfassung der Berufsposition (von Vater und Mutter) weitere Indikatoren für die soziale und materielle Position der Familie zu verwenden, um eine genauere Wertung der Lebenslage vornehmen zu können.

Zu diesen Indikatoren gehören auch:

- Wohnlage
- Infrastrukturversorgung des Wohngebietes
- Wohnungsausstattung und -größe
- soziale Herkunft
- kulturelle Tradition der Herkunftsfamilie
- u.ä.

Diese Faktoren beeinflussen sich zum Teil wechselseitig und treten in verschiedenen Konstellationen auf.

Um sich von den schichtanalytischen Konstruktionen abzusetzen wird künftig von „sozialer Lebenslage“ gesprochen.

Eine soziale Lebenslage ist durch gleichartige soziale und materielle Lebensbedingungen einer Gruppe von Menschen gekennzeichnet.

2. Die Bedeutung der familialen Rollenstruktur

Als einer der ersten Sozialtheoretiker hat B. Bernstein 1972 ein Kategoriesystem entwickelt das zwischen 3 Analyseebenen unterscheidet:

- die Lebensbedingungen der Eltern
- Familiale Rollenstrukturen
- Persönlichkeitsmerkmale der Eltern

Bernstein charakterisiert die familialen Rollenstrukturen dadurch, ob die Verhaltens- spielräume der Familienmitglieder durch den sozialen Status fixiert sind, oder ob sie durch jeweils persönliche Merkmale flexibel ausgehandelt werden.

Der offenen Struktur entspricht ein an der einzelnen Person orientiertes und flexibles System der Interaktion und Kommunikation in der Familie.

Der geschlossenen Struktur entspricht ein rigides, an der statusmäßigen Position der Familienmitglieder orientiertes System.

Die Kontrolle in der personenorientierten Familie wird durch eine ausgearbeitete sprachliche Gestaltung und in der positionalen Familie durch eingeschränkte sprachliche Gestaltung ausgeübt.

Diese verbalen Strategien wirken zugleich als Brücke für die Aufschließung von kognitiven Fähigkeiten.

Die unterschiedlichen sozialen Bedingungen und Regeln, die je nach Lebenslage einer Familie vorherrschen, führen auch zu einer unterschiedlichen Verwendung des Regelsystems der Sprache.

„Als eine zentrale Erkenntnis der durch Bernstein angeregten Forschung kann gelten, dass im familialen Interaktions- und Kommunikationssystem eine spezifische symbolische Kodierung vom Umwelterfahrungen der Familienmitglieder enthalten ist. In dieser Kodierung dokumentiert sich die jeweils familienspezifische Art der Auseinandersetzung mit den sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Familie.

Das familiale Interaktion- und Kommunikationssystem stellt jeweils spezifische kognitive, emotionale und soziale Kategorisierungs- und Problemlösungsprogramme für die Anpassung an und die Auseinandersetzung mit den sozialen und materiellen Lebensbedingungen zur Verfügung, die die unmittelbare Umwelt der Familie bilden.“10

IV. Literaturverzeichnis

- Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Zweiter Familienbericht,1975 Bonn,

- Hurrelmann, Klaus; Einführung in die Sozialisationstheorie, 6. Auflage, BELTZ Verlag, 1986

- H. Thomae, Expertise im Auftrag der Sachverständigenkommission zur Erstellung des 2.Familienberichts der Bundesregierung: Elterliches Erziehungsverhalten und kindliche Entwicklung, unveröffentl. Manuskript, 1973

- H.D. Rösler: Leistungshemmende Faktoren in der Umwelt des Kindes, Leipzig, 1963

- U. Lehr: Die Bedeutung der Familie im Sozialisationsprozess, (Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 5), Stuttgart 1973

- Heckhausen, Heinz: Die Interaktion der Sozialisationsvariablen in der Genese des Leistungsmotivs, In: Graumann, Carl Friedrich (Hrsg.): Handbuch der Psychologie, Bd. VII/2 Sozialpsychologie, Göttingen 1972,

- Glueck, Sheldon, Glueck, Eleanor: Family, Environment and Delinquency, (International Library of Sociology and Social Reconstruction. 146.) London

[...]


1 Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Zweiter Familienbericht, 1975 Bonn, Seite 32, 3. Abs., Zeile 1-4

2 Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Zweiter Familienbericht, 1975 Bonn, Seite 37, 2. Abs., Zeile 1-6

3 Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Zweiter Familienbericht, 1975 Bonn, Seite 40, Zeile 13-46

4 Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Zweiter Familienbericht, 1975 Bonn, Seite 41, Zeile 24-34

5 H. Thomae, Expertise im Auftrag der Sachverständigenkommission zur Erstellung des 2. Familienberichts der Bundesregierung: Elterliches Erziehungsverhalten und kindliche Entwicklung, unveröffentl. Manuskript, 1973

6 H.D. Rösler: Leistungshemmende Faktoren in der Umwelt des Kindes, Leipzig, 1963

7 U.Lehr: Die Bedeutung der Familie im Sozialisationsprozess, (Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 5), Stuttgart 1973 Seite 48ff

8 Heckhausen, Heinz: Die Interaktion der Sozialisationsvariablen in der Genese des Leistungsmotivs. In: Graumann, Carl Friedrich (Hrsg.): Handbuch der Psychologie, Bd. VII/2 Sozialpsychologie. Göttingen 1972, S. 1009

9 Glueck, Sheldon, Glueck, Eleanor: Family. Environment and Delinquency. (International Library of Sociology and Social Reconstruction. 146.) London

10 Hurrelmann, Klaus; Einführung in die Sozialisationstheorie, 6. Auflage, BELTZ Verlag, 1986, Seite 119 3. Abs., Zeile

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Binnenstruktur der Familie im Hinblick auf innerfamiliale Interaktions- und Kommunikationsmuster
Hochschule
Universität Siegen
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V106053
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Binnenstruktur, Familie, Hinblick, Interaktions-, Kommunikationsmuster
Arbeit zitieren
Susanne Stahl (Autor), 2000, Binnenstruktur der Familie im Hinblick auf innerfamiliale Interaktions- und Kommunikationsmuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106053

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