Die Veränderung der Arbeitsteilung und die Polarisierung der 'Geschlechtscharaktere' in der bürgerlichen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts.


Hausarbeit, 2001

16 Seiten


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Inhaltverzeichnis

2. Einleitung

3. Karin Hausen: Die Polarisierung der‚Geschlechtscharaktere‘- Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwebs- und Familienleben

4. Die Entwicklung der‚Geschlechtscharaktere‘

5. Wesentliche Merkmale der bürgerlichen Familie im 18. und 19 Jahrhundert

6. Die Kindheit im Wandel der Jahrhunderte

7. Die Frau im Wandel der Jahrhunderte
7.1. Die Entwicklung der Frau innerhalb der Familie
7.2. Die Entwicklung der Frau innerhalb der Gesellschaft

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

In dieser Hausarbeit zum Thema: „Die Veränderung der Arbeitsteilung und die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘ in der bürgerlichen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts“ geht es hauptsächlich um die Struktur der bürgerlichen Familie in dieser Zeit. Der Basistext meiner Arbeit ist der Aufsatz „Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere - eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ von Karin Hausen. Sie geht darin auf die Rollenverteilung von Mann und Frau im Wandel der Jahrhunderte ein.

Nachdem ich Karin Hausens Interpretationsansatz vorgestellt habe werde ich zunächst differenziert auf die Bildung der ‚Geschlechtscharaktere‘ eingehen. Anschließend werde ich das Augenmerk auf die bürgerliche Familie legen und ihre Entstehung und Entwicklung weitmöglichst erläutern. Da auch die Kindheit selbst sich im Zuge der Entstehung der bürgerlichen Familie sehr verändert hat, habe ich auch dem Wandel der Kindheit ein eigenes Kapitel gewidmet.

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft wird letztlich der Übergang zu meinem Fazit sein, in dem ich kurz auf die Veränderungen der damaligen bürgerlichen Familie zur heutigen Familie eingehen werde.

Leider können viele Punkte hier nur eher oberflächlich betrachtet werden, da ein so komplexes Thema in ausführlicher Version den hier vorliegenden Rahmen sprengen würde.

3. Karin Hausen: Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘ - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben

Karin Hausen versucht in ihrem Aufsatz die „Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere’ - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ die Entstehung der ‚Geschlechtscharaktere‘ ausführlich zu erläutern. Im folgenden werde ich mich nun mit ihren Erläuterungen bezüglich der Entstehung der ‚Geschlechtscharaktere‘ auseinandersetzen.

Ihrer Definition nach bildeten sich die ‚Geschlechtscharaktere‘ „im 18. Jahrhundert heraus und wurden im 19. Jahrhundert allgemein dazu verwandt, die mit den physiologisch korrespondierend gedachten psychologischen Geschlechtmerkmalen zu bezeichnen. Ihrem Anspruch nach sollten Aussagen über die ‚Geschlechtscharaktere‘ die Natur, bzw. das Wesen von Mann und Frau erfassen.“

Karin Hausen nimmt sich zweier Interpretationsansätze an. Zum Einen ist sie der Meinung, „daß Aussagen über das Wesen der Geschlechter im allgemeinen Zusammenhang der sozio-ökonomisch realen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung entstehen und Geltung beanspruchen.“ Daraus ergibt sich für Karin Hausen die Annahme,“ daß sie [...] nicht im Widerspruch zum geltenden Modell der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung stehen.“ Die Arbeitsteilung ist traditionell innerhalb der Familie begründet, wodurch sie ein “entscheidender Faktor der kindlichen Sozialisation“ ist. Durch diese Sozialisation wird der Mensch zu dem gemacht, was er ist. Ihm werden bestimmte Verhaltensmuster aufoktroyiert, die er nicht mehr oder zumindest nur sehr schwer ablegen kann.

Einen weiteren Interpretationsansatz sieht Karin Hausen in der „auf dem Rollenkonzept basierenden theoretischen und empirischen sozialwissenschaftlichen Forschung.“ Der Begriff ‚Rolle‘ hat sich mittlerweile in der Umgangssprache etabliert und beschreibt, „daß mit verschiedenen strukturell festgelegten sozialen Positionen bestimmte Verhaltensmuster gesellschaftlich vorgegeben sind, denen sich das tatsächliche Verhalten des Positionsinhabers nicht entziehen kann. Die Interaktion von Individuen wird weder jeweils situationsgerecht durch subjektive Verhaltensentscheidungen neu erfunden, noch durch materielle Sachzwänge total determiniert. Vielmehr orientiert sich soziales Verhalten an kulturell vorgegebenen Verhaltensmustern, deren Einhaltung durch sozialen Konsens oder Zwang kontrolliert wird.“

Das Rollenverhalten besitzt eine Vielfalt an Verhaltensweisen, die in Wissenschaften wie der „Soziologie, der Sozialpsychologie, der Psychoanalyse und der Psychologie“ beinhaltet sind. Sie geben dem Rollenkonzept „einen integrierenden Interpretationszusammenhang.“ Bei einer solchen Betrachtungsweise des Rollenkonzepts sollte darauf geachtet werden, daß Mann und Frau nicht nur als „beziehungslose Rollen“ betrachtet werden. Es sollten vielmehr die „geschlechtsspezifischen Verhaltensmuster für Mann und Frau, Ehemann und Ehefrau, Vater und Mutter“ betrachtet werden, „da sie einem allgemeinen Muster der Arbeitsteilung zugeordnet sind“ und somit einem „Verhaltensmuster höchster Allgemeinheit“ zum Einen und zum Anderen „mit der frühkindlichen Sozialisation verankert werden“ und damit einem „Muster höchster Intensität“ zugeordnet werden.

Karin Hausen versucht nun bezüglich der vorangegangenen Erläuterungen über das Rollenkonzept einerseits die Fragen „wie, von wem und mit welcher Autorität die mit den Ausführungen über ‚Geschlechtscharaktere‘ einsetzende Neudefinition eines Aspekts der Geschlechterrollen vorgenommen wird“ zu klären und andererseits „wie und bei wem diese Aussagen möglicherweise imstande waren, die Geschlechterrollen zu beeinflussen.“ Daran schließt sie die Frage, „aufgrund welcher Ursachen und in welcher sozialen Funktion speziell das Aussagesystem über ‚Geschlechtscharaktere‘ wirkungsmächtig werden konnte.“1

In den folgenden Punkten dieser Hausarbeit werde ich auf die Interpretationsansätze von Karin Hausen eingehen und versuchen die Entwicklung der ‚Geschlechtscharaktere‘ und des Rollenkonzepts anhand der bürgerlichen Familie erklärend darzustellen.

4. Die Entwicklung der ‚Geschlechtscharaktere‘

Die ‚Geschlechtscharaktere‘ wurden seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bis hinein ins 20. Jahrhundert mit anhaltender Intensität herausgearbeitet und abgegrenzt. Es gibt verschiedentliche Erläuterungen in diversen Lexika und wissenschaftlichen Schriften über die zugesprochenen Eigenschaften von Mann und Frau. Karin Hausen hat verschiedene Schriften zum Thema Geschlechtsspezifika ausgewertet und hat dabei eine sehr aufschlußreiche Auswertung erstellt. Die Auswertung beruht auf den am häufigsten verwandten Eigenschaftsworten zur Beschreibung der einzelnen Geschlechter:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten2

Aus der vorliegenden Auswertung wird deutlich, das sich hier die Definition des ‚schwachen’ und des ‚starken’ Geschlechts herauskristallisiert. Der Frau werden ‚weiche’ Eigenschaften zugesprochen, wie Bescheidenheit, Liebe, Güte oder Taktgefühl, während dem Mann eher ‚harte’ Eigenschaften, wie Vernunft, Gewalt, Energie oder Kühnheit zugesprochen werden. „Marianne Weber brachte diese Beobachtung auf die zutreffende Formel, die Frau werde als das Geschlechtswesen, der Mann als der zur Kulturarbeit Bestimmte definiert.“3 Der Charakter von Mann und Frau wurde Anfang des 18. Jahrhunderts durch ihre Physiologie und ihr gesellschaftliches Dasein definiert. Die Geschlechter wurden durch ihre Art zu leben beschrieben und nicht nur durch die biologischen Erläuterungen der Geschlechter. Bei der Frau ging man 1778 sogar soweit ihre Charaktereigenschaften durch ihre Rechte, Pflichten und die Verrichtungen im Haushalt zu definieren.4 5 Karin Hausen bezeichnet die ‚Geschlechtscharaktere‘ als Herrschaftsideologie, die dabei half die Unterdrückung der Frauen zu fördern. Ihre Unterdrückung wurde z.B. dadurch deutlich, daß man der Frau ein Studium verweigerte. Die Begründung dafür war, daß ein Studium eine Gefährdung der Mutterschaft bedeute, wodurch die Nachkommenschaft nicht mehr gesichert sei.

Als Folge der jahrelangen Unterdrückung begann im Zuge der französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts die Emanzipation der Frau. Die Emanzipation wurde jedoch als ausgesprochen störender Faktor betrachtet, denn Carl Theodor Welcker sagte 1838 im Staatslexikon in seiner Definition der ‚Geschlechtscharaktere‘, daß die Gleichstellung von Mann und Frau nicht nur unmöglich sei, sondern auch die Zerstörung des Familienlebens bedeute.6 Die Geschlechtscharaktere dienen also nur dazu, die rechtlichen Privilegien der Männer zu sichern und die Frau in ihrer unterdrückten Stellung zu bewahren.7 Im gleichen Atemzug sagt Welcker jedoch auch, daß nur beide Geschlechter zusammen ein vollkommenes Ganzes bilden können. Die Widersprüche in den Definitionen für Geschlechtscharaktere sind nach Karin Hausen auch ihre Grundlage. Da die Rollenverteilung so genau deklariert ist, kann man daraus schließen, daß das Zusammenleben beider Geschlechter nur zu einer perfekten Harmonie führt, wenn beide Seiten die ihnen zugeschriebene Rolle einnehmen.8

5. Wesentliche Merkmale der bürgerlichen Familie im 18. und 19. Jahrhundert

Die Bildung von Städten und dem damit entstehenden Städtebürgertum haben die bürgerliche Familie erst ermöglicht. Die Rolle von Mann und Frau war schon immer definiert, jedoch begannen sich mit der Bildung des Städtebürgertums erst Schwerpunkte in der Definition der Geschlechter herauszukristallisieren.

Die bürgerliche Familie an sich bildete sich allmählich während des Feudalismus heraus und „ist geprägt von der widersprüchlichen Stellung des Bürgertums im entstehenden Kapitalismus.“9 In Deutschland fand man den klassischen bürgerlichen Familientyp zunächst einmal in der Handelsbourgeoisie und dem Bildungsbürgertum. Der Unterschied zu anderen Familientypen, wie z.B. der Bauernfamilie bestand vorrangig darin, das die Familie keine Produktionsgemeinschaft mehr darstellte.10 In der Produktionsgemeinschaftsfamilie trugen noch „Ehepaar, Kinder, Mägde und anderes Gesinde zum Familieneinkommen bei.“11 Es veränderte sich jedoch zusehends von der Großfamilie als Produktionsgemeinschaft in Richtung der „Kernfamilie“, in der nur noch direkte Verwandte zusammenlebten und der Mann als Alleinernährer fungierte. Hier begannen sich die ‚Geschlechtercharaktere‘, wie sie Karin Hausen definiert, herauszubilden.

Vorrangig änderte sich das Leben der Frauen und Kinder erheblich. Die Frau war allmählich nur noch für die Familie und die Erziehung der Kinder zuständig, während der Mann dafür sorgte, daß genug Geld zum Leben zur Verfügung stand.12 Dadurch änderte sich auch zusehends das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, da beide ihre Zeit hauptsächlich innerhalb des familiären Zirkels verbrachten.

Karin Hausen sieht die Entwicklung der bürgerlichen Familie nicht nur in der Schicht des Bildungsbürgertums, sondern auch in den Reihen der Beamten, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts größtenteils aus dem Adel bestanden.13 Daraus erklärt sich, daß „die bürgerliche Familie [...] die hierarchisch-patriarchale Struktur der Adelsfamilie übernahm“. Sie entwickelte jedoch eigene zusätzliche Ideologien, die im Widerspruch zur Struktur der Adelsfamilie standen.14 Privatheit, Intimität und Häuslichkeit waren Ideale, die dem Adel fern lagen, während die bürgerliche Familie zunehmend danach zu streben begann. Besonders die Häuslichkeit bedeutete für sie die Kultivierung des bürgerlichen Heims, eine Aufwertung des Alltagslebens, die Entwicklung einer differenzierten Alltagskultur und eine neue Form der (privaten) Gesellschaft.15 Das Familienleben und der Kapitalismus standen im absoluten Widerspruch zueinander. Der Mann wurde zum Alleinernährer und verdiente als einziger Geld, während die Frau die Reproduktion und die Rolle der Erzieherin übernahm.16

Die Ehe wurde allmählich zur natürlichen Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. Karin Hausen spricht hier von der „Institution Ehe“. Der Bourgeoisie ging es dabei „vorrangig um ökologische Interessen, wie der Schaffung der kostengünstigsten Reproduktion der Ware Arbeitskraft, einer gesicherten Menschenproduktion und der Schaffung eines Auffangbeckens für einen Teil der industriellen Reservearmee.“17 Die Frau war für die ‚Qualität‘ der Kinder, bzw. der Arbeitskraft Mensch verantwortlich. Ein Beispiel dafür waren die Kriminalitätsraten. Waren sie zu hoch, wurde die Frau zur Rechenschaft gezogen, da die ihr obliegende Erziehung der Kinder mißlungen war.18 In ‚Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse‘ wird von den Autoren beschrieben, das der Frau durch das Gesetz nur beschränkte Geschäftsfähigkeit zugesprochen wurde und der Mann auf der anderen Seite die absolute Verfügungsgewalt über seine Gattin und seine Kinder hatte.

Karin Hausen erklärt den Rückzug der Frau aus der öffentlichen Gesellschaft dagegen durch ihre vollkommen hingebungsvolle Liebe zum Mann. Die Frau opferte sich aus Liebe vollends für ihren Mann auf und verzichtete auf Arbeit und ein gesellschaftliches Leben außerhalb der Familie.

Egal welcher Erklärung man nun glauben schenken mag, die Frau wurde in jedem Fall zur damaligen Zeit durch die Familie definiert und die Familie durch die Frau. Es ging sogar soweit, daß ledige Frauen, die für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen hatten in der Frühphase des Kapitalismus` diskriminiert und benachteiligt wurden, da sie nicht der ‚Norm‘ entsprachen.19

6. Die Kindheit im Wandel der Jahrhunderte

Die Kindheit prägt einen Menschen, wie wir heute wissen, für sein Leben. Daher ist auch die Kindheit ein wichtiger Abschnitt bei der Definition der ‚Geschlechtscharaktere‘.

Im Mittelalter wurde die Kindheit jedoch noch nicht als eigenständiger Lebensabschnitt angesehen, wodurch es kein besonderes ‚Mutter-Kind-Verhältnis’ gab. Die hohe Stellung der sozialen Prägung in der Kindheit war den Menschen noch in keinster Weise bekannt.

Den Eltern wurde oft Gleichgültigkeit gegenüber ihren Kindern nachgesagt, da auch der Tod eines Kindes nicht zu großer Trauer veranlaßte. Die Kinder wuchsen häufig bei Ammen auf, wo ihnen jedoch auch keine sonderliche Beachtung geschenkt wurde. Ansonsten lebten sie neben den Erwachsenen, wurden als Kleinkinder zum Teil auf Bretter gebunden und unter die Decke gehangen oder lagen auf einem Tisch, während ihre Eltern der täglichen Arbeit nachgingen.20 Das Kind wurde nahezu bruchlos in die Welt der Erwachsenen integriert, da in ihr kein Platz für die Kindheit war.

Die Entstehung neuer ökonomischer Strukturen, und somit der bürgerlichen Familie, ließ auch die Kindheit, wie wir sie heute kennen, entstehen. Die Eltern, vorrangig jedoch die Mütter, begannen zu verstehen, daß das Verhalten Erwachsener einen soziologischen Einfluß auf die Entwicklung der Kinder hat. Sie fingen an, ihnen eine Erziehung angedeihen zu lassen und sich um sie zu sorgen. Mit dem Wandel der Großfamilie zur Kernfamilie wurde die bildende Erziehung an öffentliche Instanzen vergeben, die die Kinder in die Gesellschaft integrieren sollten. Hier fangen nun die ‚Geschlechtscharaktere‘ an zu greifen.

Mit der Erziehung der Kinder begann auch die Rollenverteilung. Den Mädchen wurde in den Schulen vorrangig Handarbeit und eine ‚gute Ehefrau zu sein’ beigebracht, während die Jungen eine weitaus höhere Bildung genossen und zum ‚arbeiten’ erzogen wurden. Aber auch innerhalb der Familie drängten die Eltern ihre Kinder in die ihnen ‚zustehende‘ Rolle. Die innerfamiliäre Erziehung prägt ein Kind für sein weiteres Leben. Jungen tragen blau, Mädchen rosa. Jungen weinen nicht, wenn sie fallen, Mädchen sind erst gar nicht so wild.21 Mit diesen ‚Grundvoraussetzungen‘ der Rollenverteilung wurden die Kinder gleich mit ihrer Geburt in die bürgerliche Familie konfrontiert.

Die Einsicht über den hohen Stellwert der Kindheit wurde allerdings nicht allen Kindern zuteil. Die Kinder in Arbeiterfamilien arbeiteten in der Regel schon ab ihrem 4. Lebensjahr mit unter den Erwachsenen, damit die Familie überleben konnte.

Das Verhältnis zwischen Mutter und Kind innerhalb der Arbeiterfamilie begann sich jedoch auch langsam zu ändern. Die Arbeiterfrauen entwickelten von sich aus, wobei der Einfluß der bürgerlichen Lebensweise nicht ganz von der Hand zu weisen ist, eine gewisse Fürsorge für ihre Kinder. Die Mutterrolle im Sinne der bürgerlichen Familie nahm die Arbeiterfrau jedoch nie an.22

7. Die Frau im Wandel der Jahrhunderte

7.1. Die Entwicklung der Frau innerhalb der Familie

Die Frau wurde innerhalb der bürgerlichen Familie sozusagen zur Psychologin. Innerhalb der Familie wurde sie zur Ratgeberin und Bezugsperson. Sie war dafür zuständig den Familienmitgliedern ein ausgeglichenes zu Hause zu bieten, wodurch diese es mit nach außen tragen und den gesellschaftlichen Druck besser verarbeiten konnten.23 Die Familie galt also „als Ort zur Realisierung von Humanität, und innerhalb der Familie war es die Frau, die dem aus der inhumanen Arbeitswelt heimkehrenden Mann und den schutzbedürftigen Kindern die ersehnte und notwendige Menschlichkeit angedeihen lassen soll.“24

7.2. Die Entwicklung der Frau innerhalb der Gesellschaft

Nachdem die bürgerliche Familie entstanden und die Frau in ihre Rolle als Hausfrau und Mutter gedrängt worden war, hatte sie kein Leben in der Gesellschaft im eigentlichen Sinne. Sie erlernte keinen Beruf mehr und war auch nur noch innerhalb des familiären Zirkels tätig. Die Schulausbildung, die sie als Mädchen genoss, bereitete sie auf ein Leben mit Hausarbeit und mit der Erziehung von Kindern vor.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts bekam zumindest die ledige Frau eine ‚richtige’ Stellung in der Gesellschaft, da sich die Industriearbeit für sie als attraktiv zu erweisen schien.25 Diese Frauen wurden jedoch diskriminiert, da die Frau immer noch durch die Familie definiert wurde und sie dadurch nicht als ‚ganze’ Frauen angesehen wurden.

Die Entwicklung des Lebens der bürgerlichen Frau war aber bei weitem nicht maßgeblich für alle Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Frauen der Arbeiterfamilien und der Bauernfamilien wurden nicht in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt. Diese Familien hätten es sich gar nicht leisten können auf die Kinder- und vor allem die Frauenarbeit zu verzichten. Das Ideal der bürgerlichen Familie mit ihrer strikten Rollenverteilung war also nicht „schichtübergreifend“. Es zeigten sich nur leichte Einflüsse, z.B. in der Fürsorge, die die Mütter der Arbeiterfamilien ihren Kindern allmählich zukommen ließen.26

8. Fazit

Welche Bewegungen sich auch entwickelt haben mochten, im Endeffekt wird die Familie bis heute als Quelle der Harmonie und Ausgeglichenheit betrachtet. Wir leben heute in einer sogenannten Single-Gesellschaft, und trotzdem ist für die meisten Paare auch heute noch eine Familie erstrebenswert.

Mit der Gründung einer Familie geht die Unterdrückung der Frau heute aber weiter, da die Frau trotz aller Emanzipation mit dem Gebären eines Kindes in die Rolle der Hausfrau und Mutter (wie in der bürgerlichen Familie) gedrängt wird.

Die Möglichkeiten der Frau neben der Kinderaufzucht zu arbeiten sind heute zwar gegeben, jedoch bürdet sich die Frau dadurch meist eine Doppelbelastung auf. Sie muß dann in der Regel Hausarbeit und Berufsarbeit bewältigen, während der Mann sich auch weiterhin damit beschäftigt, die Familie zu ernähren.

Sehr positiv finde ich, daß es heute, dank der Emanzipation, auch für die Frau die Möglichkeit gibt eine gehobene Schulbildung anzustreben. Das Rollenkonzept ist in diesem Fall wohl außer Kraft gesetzt worden.

Jedoch findet man trotz allem auch heute noch sehr wenig Frauen in Führungspositionen. Ihnen wird häufig die notwendige Stärke, einen Betrieb in der harten Wirtschaftswelt zu führen, abgesprochen, da in den Köpfen der Gesellschaft noch immer die Geschlechtsmerkmale vorherrschen, die Karin Hausen in ihrer Auswertung dargestellt hat. Ein weiteres Hindernis der Frauen sich in Unternehmensführungen zu positionieren, ist wohl die Gefahr einer Schwangerschaft. Durch sie würde die Frau als Führungskraft für eine längere Zeitperiode ausfallen, wodurch sie dem schnellen Rhythmus der Wirtschaft nicht mehr folgen könnte.

Diese Frauenbilder sind im Zuge der Emanzipation leider noch nicht vollends aus den Köpfen verschwunden, wodurch deutlich wird, daß die Strukturen der bürgerlichen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts auch in der heutigen Gesellschaft noch immer zu spüren sind.

9. Literaturverzeichnis

- Borries, Bodo von. Wendepunkte der Frauengeschichte: Ein Lesebuch zum An- und Aufregen. Centaurus-Verl.-Ges. Pfaffenweiler 1990. S. 121 ff

- Brinker-Gabler, Gisela (Hg). Zur Psychologie der Frau. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt/M. 1978

- Flessner, Heike; Friese, Marianne; Knake-Werner, Heidi; Laudowicz, Edith; Schunter-Kleemann, Susanne; Senser-Joester, Barbara; Steinberg, Alma. Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. IMSF (Hg) Frankfurt/M. 1989

- Hausen, Karin. Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Rosenbaum, Heidi (Hg). Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt/M. 1978.

- Hervé, Florence (Hg). Frauenbewegung und revolutionäre Arbeiterbewegung. Verlag Marxistischer Blätter GmbH. Frankfurt/M. 1981

- Jebens, Sabine. Das literarische Frauenbild in der Mitte des 18. Jahrhunderts - Weibliche Bildung und Sexualität bei Richardson und Gellert. In: Frauengeschichte. Beiträge 5. Verlag Frauenoffensive. München 1981

- Krell, Gertraude. Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft. Campus Verlag. Frankfurt/M, New York. 1984

- Tühne, Anna (Hg); Olfe- Schlothauer (Hg). FrauenBilderLesebuch. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH. Hamburg 1982

[...]


1 alle Zitate und Vergleiche aus: Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Rosenbaum, Heidi (Hg). Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt/M. 1978. 1. Kapitel

2 Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“... 2. Kapitel

3 Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ ... S. 369

4 Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ ... S. 370

5 Vgl. auch mit Punkt 5

6 Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ ... S. 370

7 Vgl. ebd. S. 371 ff

8 Vgl. ebd. S. 375 ff

9 Flessner, Heike; Friese, Marianne; Knake-Werner, Heidi; Laudowicz, Edith; SchunterKleemann, Susanne; Senser-Joester, Barbara; Steinberg, Alma: Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. IMSF (Hg) Frankfurt/M. 1989. S. 96

10 Vgl. Flessner, Heike...: Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. S. 96

11 ebd. S. 96

12 Vgl. Krell, Gertraude. Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft. Campus Verlag. Frankfurt/M, New York. 1984 S. 25

13 Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere’... S. 385 ff

14 Flessner, Heike... Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. S. 97

15 Vgl. Flessner, Heike... Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. S. 97

16 Vgl. ebd. S. 99; Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“... S. 367

17 Flessner, Heike...: Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. S. 101

18 Vgl. Ebd. S. 101

19 Vgl. Flessner, Heike...: Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. S.102 ; Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“... S. 374

20 Vgl. Krell, Gertraude. Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft. Campus Verlag. Frankfurt/M, New York. 1984 S. 26 ff

21 Vgl. Brinker-Gabler, Gisela (Hg): Zur Psychologie der Frau. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt/M. 1978 S. 106

22 Vgl. Krell, Gertraude. Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft S. 35 ff

23 Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“... S. 380 ff

24 Ebd. S. 381

25 Vgl. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“... S. 390

26 Krell, Gertraude. Das Bild der Frau in der Arbeitswissenschaft S. 35 ff; Vgl. auch mit Punkt 6

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Die Veränderung der Arbeitsteilung und die Polarisierung der 'Geschlechtscharaktere' in der bürgerlichen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts.
Veranstaltung
Epochen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V106054
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Veränderung, Arbeitsteilung, Polarisierung, Geschlechtscharaktere, Familie, Jahrhunderts, Epochen, Wirtschafts-, Sozialgeschichte
Arbeit zitieren
Marion Sibbe (Autor), 2001, Die Veränderung der Arbeitsteilung und die Polarisierung der 'Geschlechtscharaktere' in der bürgerlichen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106054

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