Sexualerziehung im Kindergarten


Hausarbeit, 2000

8 Seiten


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1. Sexualerziehung: Warum ist sie so wichtig?

Unter Sexualerziehung darf man nicht verstehen, dass man sich als Elternteil sein Kind einmal „an die Seite nimmt“ und ihm einer „Aufklärungsaktion“ bezüglich Sexualität, Schwangerschaft und Verhütung unterzieht. Sexualerziehung ist ein Teil der Gesamterziehung. „Erziehung“ findet jeden Tag statt und so sollte es auch mit der Sexualerziehung sein. Sie sollte als kontinuierlicher Lebensprozess gesehen werde, der bereits im Säuglingsalter beginnt. Eine „Aufklärungsaktion“ ist gar nicht notwendig, wenn man als Eltern und Erzieher zu jeder Zeit offen ist für Fragen und Problemen von Kindern und Jugendlichen.

Sexualerziehung ist deshalb sehr wichtig, weil sie als Erziehung zur Liebes- und Partnerschaftsfähigkeit gesehen wird. Ein Kind, dass mit einer positiven Einstellung gegenüber der Sexualität aufwächst, wird ihr auch im späteren Leben eine positive Einstellung gegenüber haben. Es wird ihm leichter fallen über Sexualität zu sprechen und auch eigene Probleme im Bereich der Sexualität wahrzunehmen und sie mit jemand anderem zu besprechen. Über das hinaus, ist die Sexualerziehung eine wichtiger Aspekt zur Prävention von sexuellem Missbrauch. „Wissende Kinder sind geschützt Kinder“: Ein „informiertes“ Kind weiß, was mit seinem Körper geschehen darf und was nicht!!!

Sexualerziehung ist in erster Linie eine Aufgabe der Eltern, da es vorrangig um Verhaltensprägung und -hilfe geht und durch die frühkindliche Erziehung wichtige Weichen gestellt werden. Sexualerziehung im Kindergarten (und in der Schule) ist insofern wichtig, weil sie die Individualerziehung der Eltern in den sozialen Raum erweitern. Jetzt darf man aber nicht glauben, dass die Frage lautet „Eltern oder Kindergarten?“. Es kann nur um eine Zusammenarbeit von Elternhaus und Kindergarten gehen. Die Aufgaben von Elternhaus und Kindergarten sind in der Sache nicht zu trennen, wohl aber hat ihr Beitrag verschiedene Akzente. So erziehen die Eltern mehr unbewusst durch die Atmosphäre, während der Kindergarten und insbesondere die Schule mehr bewusst auf den Verstand erzieht.

2. Sexualerziehung im Kindergarten

2.1. Voraussetzungen und Erfordernisse für die Sexualerziehung im Kindergarten

Ein wesentlicher Teil der Erziehung - und somit auch der Sexualerziehung - ist eine emotional positive AtmosphÄre. D.h. ein Kind soll sich im Kindergarten wohl fühlen, seinen Erzieher respektieren und in ihm eine Vertrauensperson sehen. Der Erzieher wiederum muss die Kinder respektieren und auch ihre individuellen Bedürfnisse eingehen und ihm das Gefühl vermitteln, dass man seine Probleme versteht und auch Fragen eingeht.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Berücksichtigung, dass Sexualerziehung nur in Kooperation mit den Eltern möglich ist. Es sollte ein regelmäßiger Kontakt zu den Eltern der Kinder bestehen und die Frage der Sexualerziehung an einem Elternabend besprochen werden. Manche Eltern haben den Eindruck, dass für ihre Kinder die Sexualität noch kein Thema ist. Bei solch einer Einstellung sollte man versuchen die Eltern davon zu überzeugen, dass die Sexualerziehung eine Erziehung zur Liebesfähigkeit ist und deren Wichtigkeit betonen.

Eine weitere Chance für die Sexualerziehung im Kindergarten ergibt sich durch das Alter der Kinder. Im vorschulischen Alter werden Kinder besonders durch Menschen geprägt, die sich in ihrem sozialen Umfeld bewegen. Manche Kinder erfahren von zuhause nur die „traditionelle“ und klischeehafte Rolle von Mann und Frau (Mann geht arbeiten, Frau sorgt sich um die Kinder und den Haushalt). Wenn man nun berücksichtigt, dass zur Geschlechtserziehung in jedem Falle auch eine auf Emanzipation bedachte Rollenerziehung gehört, erkennt man deutlich, dass der Kindergarten hier durchaus kompensatorische Möglichkeiten hat. So kann ein/e Erzieher/in z.B. Ideen zu Rollenspielen angeben, in dem die Kinder nicht die „klassischen“ Rollenverhaltensweisen aufweisen.

Außerdem gehört zu einem angemessenen Sexualverhalten auch die soziale Kontaktaufnahme, deren Erhaltung und die FÄhigkeit des Gefühlsaustausches. Diese Fähigkeiten erwirbt sich das Kind bereits in der frühesten Zeit. Entbehrungen im sozialen Gefühlsaustausch können nicht nur momentan zur psychosomatischen Störungen führen, sondern auch langfristige Störungen im sozialen Verhalten des Menschen werden. In dieser Hinsicht sollte man sich den Zusammenhang zwischen Sexualerziehung und Sozialerziehung bewusst machen. Wenn auf dem Gebiet der Sexualerziehung eine schadhafte Sozialisation erfolgt, so hat dies Konsequenzen für das gesamte soziale Verhalten eines Menschen.

Um die Erfordernisse einer oben erklärten Sexualerziehung gerecht zu werden, muß allerdings auch der Erzieher einige Voraussetzungen mit sich bringen: Zunächst ist es ganz wichtig, dass der Erzieher eine positive Einstellung der Sexualität gegenüber hat. Erzieher/innen haben über Seminare und Fachliteratur die Möglichkeit ihre Einstellung zu überprüfen bzw. sie zu überdenken. Anna Freud erklärte bereits 1969 „ Ich meine, wir haben das Recht, zu verlangen, dass der Erzieher seine Konflikte kennen und beherrschen gelernt hat, ehe er die pädagogische Arbeit beginnt. Sonst dienen ihm die Zöglinge zur ale ein mehr oder weniger günstiges Material, um seine eigenen unbewussten und ungelösten Schwierigkeiten an ihnen abzureagieren.“

Selbstverständlich ist vom Erzieher weiters zu erwarten, dass er ein angemessenes Wissen über die Geschlechtlichkeit hat und auf die damit verbundenen Fragen spontan und lebensbezogen - wie die Fragen also auch gestellt werden - antworten kann. Hilfen können dabei vorhandene Materialien, wie z.B. Bilderbücher zur Sexualerziehung sein. Kindergartenpädagogen müssen in der Lage sein, solche Medien kritisch zu beurteilen und dementsprechend auszuwählen.

Ein gut verwendbares Bilderbuch zur Sexualerziehung wäre von Sanderijn van der Doef und Marian Latour „ Vom Liebhaben und Kinderkriegen “ (Verlag Betz, München; erschienen 1998). Das Buch erklärt, was Freundschaft ist, wer alles Freund sein kann. Es gibt Antwort auf die Frage, was Liebe ist, es zeigt den Unterschied zwischen Mädchen und Jungen und es verdeutlicht in anschaulichen Bildern, wie ein Baby während einer Schwangerschaft heranwächst und die Geburt.

Das folgende Bilderbuch erscheint mir geeignet im Zusammenhang mit Fragen zum sexuellen Missbrauch, besonders im Hinblick auch auf eine vorbeugende Erziehung: „ Das kummervolle Kuscheltier “ von Katrin Meier und Anette Bley (arsEdition, München, 1996)

2.2. Beurteilung von Materialien zur Sexualerziehung im Kindergarten

Generell sollte sich die Sexualerziehung im Kindergarten in keinem unterrichtsähnlichem Still abspielen, sondern im Lebensalltag seinen Platz findet. Das heißt, dass es keine festgelegten Lernziele und deren Überprüfung gibt. Wie oben bereits erwähnt, sollte man auch bei der Sexualerziehung Medien, wie Bildmaterial, zur Hilfe nehmen.

Es gibt eine ganze Reihe von Bildbüchern mit Text, die für die Sexualerziehung geeignet sind. Wie bereits erwähnt, sollte man die Materialien vor ihrem „Einsatz“ erst kritisch auf ihren Inhalt untersuchen. Hierzu können die folgenden Beurteilungskriterien helfen:

a) Welche Inhalte hat das Material insgesamt? Kinder im Vorschulalter wollen oft wissen, wie sich Mädchen und Burschen äußerlich unterschieden, woher die kleinen Kinder kommen, wie sie aus dem Bauch der Mutter herauskommen, wie sie hineinkommen, usw. Dies Fragen sollten auf alle Fälle im Bilderbuch beantwortet werden.

b) Weiters kann das Bilderbuch auf seine Rollendarstellungen und Konfliktsituationen untersucht werden. Viele Autoren achten aber ohnehin schon darauf, dass Mädchen und Bursch bzw. Mann und Frau nicht in eine klischeehafte Rollendarstellung fallen. Erziehung zur Konfliktfähigkeit wird wiederum in den meisten Kinderbüchern nicht beachtet. Meist leben die Protagonisten in einer heilen, konfliktlosen Welt, die es in der Realität gar nicht gibt.

c) Außerdem kann man das Bilderbuch noch auf Übertreibungen, unrealistische und verfälschende Darstellungen untersuchen. Die neueren Bilderbücher geben in dieser Frage allerdings nicht mehr viel Grund zur Kritik.

d) Jeder Autor wird auch bewusst/unbewusst seine eigenen Wertansichten im Buch darstellen. Hierbei ist es vielleicht wichtig ein Buch zu wählen, dass Toleranz gegenüber anderen Formen sexuellen Zusammenlebens (z.B. Homosexualität, vorehelichen Sex) aufweist.

e) Wie brauchbar und kindgerecht sind die Illustrationen?

f) Als Erzieher sollte man sich auch Gedanken darüber machen, welche didaktischen Möglichkeiten das Buch bietet. Soll daraus vorgelesen werden, können die Kinder durch malen, usw. aktiv mit einbezogen werden, usw.

g) Wie bei allen anderen didaktischen Materialien ist die Grundfrage, ob es wirklich den Bedürfnissen und Interessen des Kindes entspricht. Wird z.B. bei einem Buch die Sexualität und die Geschlechtsteile immer nur in Bezug auf Erwachsene beschrieben, könnte es für ein Kind im Vorschulalter zu abstrakt und fremd wirken.

Generell kann man für die Durchführung der Sexualerziehung im Kindergarten keine konkret detaillierten Vorschläge geben. Dies würde zu sehr den „unterrichtsähnlichen“ Vorgang hervorrufen. Viel wichtiger ist es auf aktuelle Fragen die auf besondere Ereignisse, wie z.B. die Schwangerschaft der Mutter eines Kindes einzugehen.

2.3 Fragen erfordern wahre und altersgemäße Antworten

Fragen von Kindern bezüglich der menschlichen Sexualität erfordern immer wahre und kindgemäße Antworten. Die Antworten müssen also richtig sein und für das Kind verständlich. Falsch sind Antworten, die bei späteren Rückfragen geändert werden müssen. Richtig sind solche, die zwar vereinfachen, aber später lediglich ergänzt und erläutert werden müssen.

Märchen als Antworten werden dem kindlichen Wissensdrang nicht gerecht und stören das Vertrauensverhältnis. Die Wahrheit ist für die Kinder faszinierend und spannend genug. Als wichtige Regel kann gelten: Wenn ein Kind reif ist, eine Frage zu stellen, ist es auch reif für eine wahre Antwort. Nun gibt es sicher in einer Kindergartengruppe auch Kinder, die nicht fragen. Das kann verschiedene Ursachen haben. Manche Kinder sind eben gesprächiger als andere oder auch aufgeschlossener für bestimmte Fragen. Es kann also eine entsprechende Veranlagung sein oder auch tatsächlich im Augenblick kein Interesse vorliegen. Vielleicht sind sie auch durch - bewusst oder unbewusst erteile - abschlägige oder abweisende Antworten von Eltern beeinflusst worden. Auch Kinder, die nicht fragen, haben ein Recht darauf, das in ihrem Alter entsprechende Wissen über Mutterschaft, Geburt, Vaterschaft und körperliche Reifevorgänge vermittelt zu bekommen. Es empfiehlt sich in solchen Fällen, die Kinder trotzdem einzuladen am Gespräch/Spiel teilzunehmen!

Meist fragen Kinder schon sehr früh - etwa mit 3 oder 4 Jahren - nach der Herkunft der Babys. Allerdings ist dies sehr unterschiedlich, do dass man sich auf genaue Altersangaben nicht festlegen sollte. Zu früh können Kinder gar nicht über die Tatsache informiert werden, dass die Babys im Bauch der Mutter wachsen. Die Sorge mancher Eltern, es könnte sie belasten, ist unbegründet. Aufgabe einer Kindergartenpädagogin ist es in diesem Zusammenhang bestimmt auch besorgte Eltern darüber zu informieren, dass das Wissen, im Bauch der Mutter gewesen und gewachsen zu sein, für Kinder ein Gefühl größter Geborgenheit und Nähe bedeutet und es Kinder keinesfalls als irritierend oder störend empfinden.

An diesem Beispiel, die Aufklärung der Herkunft der Babys, wird deutlich, dass auch die Information in der Sexualitätserziehung nicht allein dem Kindergarten überlassen werden darf. Selbst eine gewissenhaft, gut ausgebildete Kindergartenpädagogin kann zu dieser Frage nur allgemeine Informationen geben. Für die sozialen, persönlichen Bezüge (die Vorfreude auf das Baby, die Namenswahl des Kindes, die Geburt, der erste Schrei, usw. )sind auf alle Fälle - und können eigentlich auch nur - die Eltern verantwortlich.

Viele Kinder fragen schon im Vorschulalter gezielt nach der Zeugung bzw. der Rolle des Vaters. Die meisten Eltern haben keine Probleme mit ihren Kindern über Schwangerschaft zu sprechen. Über die Zeugung hingegen geben sie ihren Kindern im Vorschulalter allerdings noch nicht so gerne Informationen, sei es, weil sie selbst nie gelernt haben offen über Sex zu sprechen oder weil sie finden, ihr Kind sei dafür noch zu jung und „unschuldig“. Trotzdem sollte weiter die Regel gelten „Wenn ein Kind reif ist, eine Frage zu stellen, ist es auch reif für eine wahre Antwort“.

Auch einige Psychologen und Sexualpädagogen raten dazu, den Kindern früh die biologische Rolle des Vaters zu erklären. Sie betonen es sein nicht klug, nur die Schwangerschaft und Geburt zu erklären; das wäre eine Abwertung der Vaterrolle. Das Vaterbild müsse aufgewertet werden.

Nach Absprache mit den Eltern können die Kinder ruhig auch umgangsprachliche Ausdrücke für Geschlechtsteile und so weiter kennen lernen. Früher oder später schnappen Kinder Wörter wie „Pimmel“ oder „schwul“ auf. Wenn man ihnen erklärt, dass es dafür aber auch Ausdrücke gibt, die auf andere Menschen nicht verstörend oder gar verletzend wirken, ist die Chance wohl auch größer, dass die Kinder auf die umgangssprachlichen Ausdrücke verzichten. Generell sollte die Sexualerziehung aber schon mit wissenschaftlich korrekten Begriffen anstatt mit Kosenamen und Verniedlichungsformen erfolgen. Hierbei ist aber auch wieder anzumerken, dass ein Kind mit den Worten „Vagina“ und „Penis“ wahrscheinlich nicht so viel anfangen kann, wie mit „Scheide“ und „Glied“.

2.4. Zum Problem sexueller Missbrauch

Selbstverständlich muss Sexualerziehung in erster Linie als etwas Schönes und mit angenehmen Gefühlen verbunden werden. Trotzdem sollte man bei der Sexualerziehung auf keinen Fall das Problem des sexuellen Missbrauches aussparen. Sexualerziehung beinhaltet auch, dass man offen über seine Gefühle sprechen lernt und das gilt nicht nur für schöne Gefühle. Den Kindern sollte vermittelt werden, dass sie auch über unangenehme und schlechte Gefühle sprechen können.

Sexueller Missbrauch bedeutet, dass ein Erwachsener seine Machtposition, seine körperliche und geistige Überlegenheit, sowie die Unwissenheit, das Vertrauen oder die Abhängigkeit eines Kindes zur Befriedigung seiner eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt. Als Erzieher sollte man das Kind darin stärken, seinen eigenen Wünschen und Gefühlen zu vertrauen. Man sollte den Wunsch des Kindes nach Zärtlichkeit und Nähe beachten. Genauso aber gilt es die vom Kind gewollte Distanz zu respektieren. Ist sich das Kind seiner Gefühle sicher, kann es Situationen erkennen, in denen es gefühlsmäßig oder sexuell ausgenützt wird. Ein selbstsicheres Kind kann leichter seine Kräfte mobilisieren, um Gefahren abzuwehren und sich Hilfe zu holen.

Folgende Botschaften und Hinweise sollte man dem Kind zur Prävention von anhaltenden sexuellem Missbrauch näher bringen:

- Du darfst bestimmen, wie, wann, wo und von wem Du angefasst werden willst. Du hast das Recht, "Nein" zu sagen, zu allen, die Dich auf eine Art berühren, die Dir nicht gefällt. Du hast das Recht, Dich zu schützen. Du hast z.B. das Recht darauf, alleine zu baden oder zu schlafen.

Wenn irgend jemand von Dir angefasst werden will oder Dich in einer Art anfasst, die Dir nicht gefällt oder die Dir Angst macht, dann solltest Du Dich dagegen wehren. Dein Körper gehört Dir. Du bist wichtig!

- Berührungen sind für jeden Menschen wichtig. Liebevolle, angenehme und zärtliche Berührungen fühlen sich gut an.

Einige Berührungen passen nicht zu Deinem Gefühl und sind irgendwie komisch, ohne dass Du sagen kannst warum! Einige verwirren Dich, wie z.B. zu lange und zu feste Umarmungen. Manchmal nutzen Erwachsene Kinder aus: Sie wollen Dich berühren, ohne darauf zu achten, wie Du Dich fühlst.

- Es kann ein älterer Freund oder auch ein Verwandter sein, der Dich auf eine Art anfasst, die für Dich nicht in Ordnung ist.
- Andere haben nicht das Recht, ihre Hände unter Deine Kleider zu schieben oder Dich an Deiner Brust, Deiner Scheide, Deinem Penis oder Deinem Po zu berühren.
- Zeige, wie Du Dich fühlst. Erzähle, wenn Du ängstlich, traurig, glücklich oder verunsichert bist. Deine Gefühle sind wichtig. Sie machen Dich einzigartig und Du kannst ihnen vertrauen.
- Es ist nicht Deine Schuld, wenn Du körperlich bedrängt wirst. Die Verantwortung liegt immer beim Älteren/Erwachsenen.
- Es gibt Geheimnisse, die Spaß machen, z.B. Geburtstagsüberraschungen. Es gibt aber auch Geheimnisse, die Dir Bauchschmerzen oder unangenehme Gefühle bereiten. Sogar wenn Du versprochen hast, nichts zu erzählen: Solche "schlechten" Geheimnisse darfst und sollst Du weitersagen.
- Such Dir einen Menschen, der Dir zuhört, glaubt und hilft.

Abschliessend ist noch einmal zu erwähnen, dass Präventionsarbeit im Bereich der sexuellen Gewalt an Kindern ein wichtiger Bestandteil einer integrierten Sexualpädagogik für den Kindergartenbereich ist. Durch eine zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit sexueller Gewalt an Kindern, wird in den vergangenen Jarhen die Notwendigkeit einer präventiven Erziehung in der Kindergartenpädagogik betont. Es ist auch erwiesen, dass bei der Mehrzahl der Kinder sexueller Missbrauch bereits im Kindergarten und Vorschulalter beginnt und dass diese Kinder die Misshandlungen meist jahrelang erleiden. Aktuelle Konzepte zur Prävention nennen u.a. die Notwendigkeit, frühzeitig und wiederholt zu dem Thema zu arbeiten, da dadurch die Verankerung der Lernziele bei den Kindern erhöht werden kann - sie lernen „nein“ sagen zu dürfen, den Unterschied zwischen guten und schlechten Gefühlen und zwischen schönen und gefährlichen Geheimnissen.

2.5. Rahmenbedingungen zur Sexualpädagogik im Kindergarten

Im deutschsprachigen Raum erkennt man seit Beginn der 70er Jahre Kindergärten zunehmend als Institutionen mit verschieden Erziehungs- und Bildungsaufgaben an. Der Kindergarten hat innerhalb des österreichischen Bildungskonzepts einen eigenständigen Bildungsauftrag zu erfüllen, nämlich auf die Bildungs- und Erziehungsarbeit in der Schule vorzubereiten und von dieser in Folge weitergeführt zu werden. In diesem Zusammenhang wurden allgemeine Bildungs- und Erziehungsziele - in Anlehnung an die in Österreich gültigen schulischen Lehrpläne - formuliert. Sexualpädagogik wird auch in diesem Erziehungs-. und Bildungskonzept thematisiert.

Der österreichweite Rahmenplan für die Kindergartenpädagogik umfasst Bildungs- und Erziehungsziele, die in der praktischen Kindergartenarbeit gleichwertig und umfassend berücksichtigt werden sollen. Sie sind u.a.: Förderung des emotionalen Bereichs, Förderung des sozialen Bereichs, Erziehung im Bereich des Sexualverhaltens sowie Erziehung im Beriech des Werteverhaltens. Neben dem Rahmenplan für Erziehungs- und Bildungsziele des Kindergärten, gibt es in den jeweiligen Bundesländern eigene Kindergartengesetze.

Da aktuelle deutschsprachige Forschungsarbeiten zur Umsetzung der Sexualpädagogik im Kindergarten fehlen, musste auch ältere Studien aus den 70er und 80er Jahren zurückgegriffen werden: 1970 wurde eine Untersuchung an 60 Erzieherinnen in der Schweiz durchgeführt. 50 Prozent der befragten Kindergärtnerinnen zeigten eine generelle Ablehnung der Existenz einer kindlichen Sexualität. Damit ging einher, dass wichtige Informationen zur Sexualität nicht vermittelt wurden bzw. geschlechtliche Vorgänge eher verniedlicht und verschleiert wurden.

Rund 10 Jahre später (1979) wurden in Deutschland 100 Kindergärtnerinnen zur Sexualpädagogik an ihrer Institution befragt. Auch in dieser Untersuchung sprach sein ein beachtlicher Teil der befragten gegen eine Sexualpädagogik im Kindergarten aus. Aufklärungsbücher für die Kindergartenkinder wurden zu einem großen Teil abgelehnt und viele Kindergärtnerinnen plädierten für das Verbot sexueller Spiele in der Kindergruppe.

Schließlich wurde 1986 eine Studie zur Situation der Sexualpädagogik im Kindergarten im süddeutschen Raumdurchgeführt. Es wurden 60 Fragebögen, die Kindergärtnerinnen vorgelegt wurden, ausgewertet. Dabei fand man heraus, dass 32 Prozent der Erzieherinnen keine sexuellen Äußerungen der Kinder beobachteten. Als Grund dafür wurde Ablehnung und Verbot durch die Eltern, die Trägerorganisationen, die Kolleginnen und die Erzieherinnen selbst angegeben.

2.6. LoveTalks - sexualpädagogisches Modell zur Sexualerziehung im Kindergarten

Das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) hat im Verlauf der vergangenen 15 Jahre das sexualpädagogische Modell „LoveTalks“ für den Schulbereich entwickelt und erprobt, sowie österreichweit eingeführt. Charakteristisch für LoveTalks ist das Zusammenwirken von Eltern, Kindern und Lehrer/innen im Bereich der Sexualpädagogik. Dieses Modell schafft auf dem sensiblen Gebiet der Sexualerziehung und der Prävention gegen sexuelle Gewalt an Kindern die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die LoveTalks wurden ursprünglich für die Unter- und Oberstufen entwickelt. Auf Grund der starken Nachfrage von Volksschulen wurde das Modell vor einigen Jahren auf diese Schulen ausgeweitet. Nun gibt es die LoveTalks erstmals in Kindergärten und Vorschule. In drei Kindergärten in Salzburg wurde das sexualpädagogische Modell dieses Jahr erstmals eingeführt.

Nach dem Motto „Miteinander reden, voneinander lernen“ ist dies ein beispielhaftes Modell für eine partnerschaftliche Umgangsform und die Überwindung der Sprachlosigkeit auf dem Gebiet der Sexualerziehung und der Prävention gegen sexuelle Gewalt an Kindern. Die Auswahl der Pilotkindergärten (Ebenau, Puch, Anif) wurde nach Kategorien wie städtischer/ländlicher Bereich, Größe des Kindergartens, etc. vorgenommen.

Das Konzept für die Umsetzung des Modells im Kindergartenbereich sieht die Beibehaltung der Grundstruktur nach drei aufeinander folgenden Schritten vor: So sollen in einem ersten Schritt die beteiligten Dialoggruppen zur Teilnahme am Modell LoveTalks eingeladen werden. In Arbeitskreistreffen werden im zweiten Schritt die Themen bedürfnisorientiert besprochen und miteinander ein sexualpädagogisches Projekt für den Kindergarten erarbeitet.

Dieses wird in einem dritten Schritt mit allen Kindern der ausgewählten „Projektgruppe“ durchgeführt.

Ziele des Modells sind:

- Prävention von sexueller Gewalt an Kindern
- Eltern und Kindergartenpädagogen bei der Sexualerziehung zu unterstützen
- Das Sprechen über Sexualität erlernen
- Wege und Möglichkeiten einer Sexualerziehung im Kindergarten aufzuzeigen
- Wege für die gemeinsame Bewältigung von Konflikten aufzuzeigen

3.7. Zusatzausbildung: Sexualpädagogik

Das Institut für Sexualpädagogik in Dortmund arbeitet seit 1988 bundesweit forschend und praxisbegleitend in allen pädagogischen und beratenden Handlungsfeldern und bietet verschiedene Angebote im Bereich der Sexualpädagogik an.

Für das ISP ist die Sexualität in den Praxisfeldern Vorschulerziehung, Schule, Jugendarbeit, Heim, Behindertenhilfe, psychologische Beratung und Gesundheitswesen ausgesprochen oder unausgesprochen Thema - als geplanter Inhalt ebenso wie als situative Herausforderung.

Für den Umgang damit benötigen die Fachkräfte eine sachgemäße Qualifikation, die in ihrer jeweiligen Erstausbildung zumeist nicht vorgesehen ist. Für diese Fachkräfte bietet das ISP Fortbildungen an, die es ihnen ermöglichen,

- ihre Handlungskompetenz für die praktische Arbeit zu erweitern
- Reflexionskompetenz in bezug auf eigene Erfahrungen und Einstellungen zu gewinnen
- ihr Fachwissen über Sexualität zu vertiefen und zu aktualisieren.

Neben dem Erwerb von fachlichem und methodischem Können geht es dabei auch um die Auseinandersetzung mit der eigenen Person als zentraler Vermittlungsinstanz zwischen Thema und Klient(en).

Das ISP bietet 3 verschiedene Angebotsformen an. Zum einem die „Berufsbegleitende Fortbildung“. Diese Fortbildung umfasst insgesamt 10 Wochenendseminare und dient der Zusatzausbildung zum Sexualpädagogen. Weiters bietet das ISP auch noch ein- und mehrtägige Grundkurse und Vertiefungsworkshops zu speziellen Themen wie "Sexualpädagogik in konkreten Institutionen", "Geschlechtsbewusste Pädagogik", "AIDS- Prävention", "Sexualität und Behinderung" in Abstimmung mit den Erfordernissen der jeweiligen Handlungsfelder und den Bedürfnissen der Teilnehmenden an. Als letzten Punkt bietet das ISP noch fachliche Beratung bei der Erstellung von Konzeptionen, Entwicklung und Begleitung von Projekten und didaktischen Materialien sowie Supervision an.

Literaturliste:

Huppertz, Norbert; Schinzler, Engelbert: Grundfragen der Pädagogik. Eine Einführung für sozialpädagogische Berufe

Köln: Stam Verlag Köln.1995

Zitelmann, Arnulf; Carl, Therese: Didaktik der Sexualerziehung Weinheim: Beltz.19765

Janzing, Anton: Ganzheitliche Geschlechtserziehung im Elternhaus, Kindergarten, Schule und Jugendarbeit

Mainz: Grünewald Verlag.1982

www.isp-dortmund.de

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Details

Titel
Sexualerziehung im Kindergarten
Autor
Jahr
2000
Seiten
8
Katalognummer
V106059
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualerziehung, Kindergarten
Arbeit zitieren
Hauser Michaela (Autor), 2000, Sexualerziehung im Kindergarten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106059

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