Contemporary Christian Music: Eine kontrollierte Jugendrebellion


Hausarbeit, 1997

19 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Spirituelle Hurerei“ oder „Domestizierung“ von Rock-Musik? Die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von CCM

3. Die Form: Die Aneignung von Rock-Musik als Mittel jugendlicher Abgren- zung

4. Der Inhalt: Die Kanalisierung der Rebellion

5. Image und Wirklichkeit - CCM zwischen Missionierung und Anpassung an den säkularen Musikmarkt

6. Schlußbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Jahren 1995 / 1996 gab es in den Medien eine regelrechte Flut von Artikeln zu einem Thema, das bis dahin niemanden, der nicht christlich war, interessiert hatte: „Contemporary Christian Music (CCM)“, Rockmusik mit christlichen Texten. Quasi unbemerkt von der säkularen Welt, hatte sich die meist geringschätzig belächelte und als marginal angesehene Musikart zu einer Multi-Millionen-Dollar-Industrie entwickelt. ( Vgl. Schuler; Dawidoff; Boehlert) CCM macht derweil einen Umsatz von 750 Millionen Dollar jährlich, und immer mehr kleine, christliche Plattenlabels wurden in den vergangenen Jahren von großen Firmen wie EMI und BMG aufgekauft. (Schuler; S. VII)

Vor allem aber - und das sorgte für den meisten Wirbel - kam die Musik gar nicht mehr so sakral daher, wie man es bisher von ihr gewohnt war: Die neuen Bands spielten Hip Hop und Grunge, sprangen wild auf der Bühne herum und waren auf den ersten Blick von ihren säkularen Gegenstücken kaum zu unterscheiden. Zwar hatte es in der Vergangenheit auch vereinzelte christliche Heavy-Metal- oder sogar Punk-Bands gegeben, doch die meiste christliche Musik war, wie deren erfolgreichste Vertreterin Amy Grant: kaum „hip“ genug, um auf ein Teenager-Publikum zugeschnitten zu sein.

Die neue Aufmerksamkeit der Medien rührte sicherlich vor allem daher, daß das Billboard -Magazin (die Bibel der Hitparaden), die rund 2.000 christlichen Buchläden, in denen 85% dieser Musik verkauft wird, in sein Chart-System aufnahm. Plötzlich kletterte ein christliches Album in die Top Twenty: Jesus Freak von DC Talk erreichte 1995 Platz 16 der Verkaufszahlen. (Vgl. Schuler; S. VII)

Interessanterweise sind CCM-Bands aber unter nicht-christlichen Jugendlichen weitgehend unbekannt, d.h. es ist anzunehmen, daß es unter amerikanischen Teenagern eine Art Subkultur gibt, die diese Musik hört. Die Vertriebswege von CCM untermauern diese Annahme: Es gibt ca. 500 Radiostationen in Amerika, die nur christliche Rockmusik spielen. Es gibt den Musiksender Z Music, der 24 Stunden lang nur christliche Musikvideos sendet. Es gibt Zeitschriften, die sich auf diese Musik spezialisiert haben, wie CCM Magazine, Campus Life oder Release. (Vgl. Dawidoff; S. 40ff.)

In dieser Arbeit möchte ich meine These untersuchen, daß diese neue Form von CCM für christliche Jugendliche als Bestätigung ihres von der säkularen Norm abweichenden Wertesystems fungiert, und ein starkes Gemeinschaftsgefühl stiftet. Somit kann es als Ausdruck einer Subkultur christlicher Jugendlicher gesehen werden. CCM benutzt die spezifische Sprache von Rock und Pop, um Jugendlichen einen eigenen Raum innerhalb der evangelikalen Gemeinde Amerikas zu bieten, gleichzeitig wird ihnen dieser Raum aber wieder genommen, da er fast vollkommen von den Erwachsenen kontrolliert wird. Ferner erweckt die Verquickung so gegensätzlicher Welten, wie der des Rock und der des Christentums, schwere religiöse Konflikte, die die CCM-Industrie zu beseitigen versucht, indem sie ihre Künstler als Missionare vermarktet.

Leider gibt es kaum wissenschaftliches Material zu diesem Thema, so daß es nicht möglich ist, eine sichere Aussage darüber zu machen, wer genau diese Musik hört. In der Presse und Literatur wird immer allgemein von „Evangelisten“, „Christen“ oder „Fundamentalisten“ gesprochen. Betrachtet man die Texte der Bands, kann man davon ausgehen, daß sie eher konservativere Evangelisten ansprechen. Mangels einer genaueren Datenlage benutze ich in dieser Arbeit die Begriffe „Evangelisten“ und „Christen“[1].

2. „Spirituelle Hurerei“ oder „Domestizierung“ von Rockmusik? Die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von CCM

„Contemporary Christian Music“ - schon der offizielle Terminus dieser Musikart scheint einen Widerspruch in sich zu bergen. Denn seit der Entstehung von Rock- und Pop-Musik in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts, hatten fundamentalische Christen, besonders in den USA, immer ein schwieriges Verhältnis zu „zeitgenössischer“, populärer Musik. Sie wurde als Teufelsanbetung, als Teil einer kommunistischen Verschwörung und als zerstörerisch für Geist und Moral der Jugend beschimpft. Traditionelle christliche Hymnen oder allenfalls gospel, so lautete lange Zeit die weitgehend einhellige Meinung, waren die einzig für Christen akzeptablen Musikformen. (Romanowski, S. 150ff).

Dabei hat es immer auch populäre Musik gegeben, deren Text sich mit christlichen Themen befasste, wie zum Beispiel der Elvis-Hit Crying in the Chapel oder Turn, Turn, Turn von den Byrds, beide aus dem Jahre 1965 (Howard, S. 123). Erst Ende der sechziger Jahre allerdings entstand eine regelrechte Bewegung von christlichen Musikern, die ausschließlich religiöse Texte zu populärer Rockmusik schrieben. Sie waren Teil der sogenannten Jesus Movement, einer Bewegung von jungen Christen, deren fundamentalistische Grundhaltung stark von der damals allgemein vorherrschenden liberalen Stimmung beeinflußt und aufgelockert wurde. Sie unterschieden sich deutlich von anderen Interpreten, die einzelne Lieder mit christlichen Texten veröffentlichten: Die Text-Inhalt war für sie in erster Linie ein Mittel, die Form der Musik zu legitimieren und Rockmusik auch für christliche Jugendliche salonfähig zu machen. Vor allem aber hatten diese Musiker ein ganz spezifisches christliches Selbstverständnis: Rockmusik war für sie ein Werkzeug für die Verbreitung ihres Glaubens; sie definierten sich selbst weniger als Künstler denn als Missionare. (Romanowski, S. 149).

Aus diesen Anfängen des sogenannten Jesus Rock entwickelte sich seit den siebziger Jahren die Musikrichtung CCM (Contemporary Christian Music) und um sie herum eine eigene christliche Musikindustrie mit Umsätzen in Milliardenhöhe (siehe Einleitung). Dabei definiert sich CCM bis heute ausschließlich über den Text, einen ihr eigenen musikalischen Stil hat sie nicht. Sie ist, wie William D. Romanowki es formuliert, „ein Parasit säkularer industrieller und künstlerischer Leistungen.“ (Romanowski, S. 150)

Tatsächlich orientieren sich christliche Künstler stets an den jeweils aktuellen musikalischen Trends der säkularen Industrie, die von Pop über Punk bis hin zu modernen Stilen wie Hip Hop und Grunge reichen. Eigene musikalische Innovationen finden sich in der Szene nicht, weshalb Musikkritiker CCM von Anfang an immer wieder wegen angeblicher Belanglosigkeit und Ideenmangel angegriffen haben. (Boehlert, S. 23) Zudem, so heißt es, verwässern christliche Musiker oft an sich interessante Stile, indem sie sie textlich wie musikalisch „domestizieren“ und ihnen damit den Biß nehmen, wie das in den letzten Jahren besonders für Hip Hop und Grunge der Fall war. Die für Außenstehende oft sehr kurios anmutende Kombination von zum Teil sehr aggressiven Musikarten, die sonst eher mit einem verruchten Lebensstil assoziiert werden und der religiösen Texte, die zu Keuschheit und Sittsamkeit aufrufen, gibt der säkularen Musikpresse immer wieder Anlaß, sich über CCM zu mokieren.[2] Ein weiterer Vorwurf an christliche Musiker lautet, daß ihre Texte schlicht banal und einfallslos seien .[3] Letzteres scheint - worauf ich noch eingehen werde - auch Resultat starker Zensur-Maßnahmen innerhalb der CCM-Plattenindustrie zu sein. In jedem Fall hatten und haben CCM-Künstler Probleme damit, in der säkularen Welt ernst genommen zu werden.

Selbst innerhalb der evangelikalen Gemeinde Amerikas stieß CCM bis in die achtziger Jahre hinein auf heftige Kritik, allerdings kam die Schelte hier aus gänzlich anderer Richtung: Lowell Hart, Autor des Buches Satan´s Music Exposed, argumentierte, CCM verbinde Heiliges mit Unheiligem. Fernsehprediger Jimmy Swaggert nannte christliche Rockmusik sogar „spirituelle Hurerei“ und entließ 1981 einige Mitarbeiter, die auf einer seiner Radiostationen CCM gespielt hatten (Flake; S. 179 oder Romanowski; S. 150). Nicht alle Evangelisten teilten diese Ansicht, wie Larry Norman in den Achtziger Jahren mit seinem einflußreichen Song Why Should the Devil Have All the Good Music? auf den Punkt brachte. (Flake; S. 178) Doch obwohl sich die CCM-Industrie mittlerweile fest etabliert hat, bleiben bis heute Legitimation und Inhalt dieser Musik unter Evangelisten umstritten, was sich, wie wir noch sehen werden, auch auf die Texte und Vermarktungsstrategien jüngerer Bands auswirkt.

3. Die Form: Die Aneignung von Rockmusik als Mittel jugendlicher Abgrenzung

Befürworter verteidigen CCM vor Angriffen aus den eigenen Reihen stets mit dem Hinweis auf den missionarischen Charakter der Musik. Dabei benutzt CCM die spezifisch jugendliche Sprache populärer Musik um Teenagern eine Identifikationsmöglichkeit mit christlichen Inhalten zu bieten.

[...]


[1] Wenn ich von der „evangelikalen Gemeinde“ spreche, so geschieht dies in dem Bewußtsein, daß es keine gecshlossene Gemeinde im herkömmlichen Sinne gibt, sondern daß sie eine große Bandbreite an Glaubensbekenntnissen und Kirchen umfasst, deren Ausdifferenzierung aber den Umfang dieser Arbeit sprengen würde.

[2] Kommentare reichen von Seitenhieben wie: „If this band were a school boy it would get beaten up after class every day“ (Keith Simon in Spex, April 1996; über Audio Adrenaline) bis zu harmloseren Spitzen: „(...) there is something absurdly fun about hearing words of devotion screamed out over rampaging guitars.“ (Farley, Christopher John; „Reborn to be Wild“; Time, Ja 22, 1996)

[3] So schrieb Autorin Carol Flake, die sogar selbst einen evangelistischen Hintergrund hat, sich aber mittlerweile distanziert hat: „The irony of all this ruckus about Christian rock was that most of it was so dull it would have lulled any lurking demons. A driver who listened to Christian radio on the road was in the danger of falling asleep at the wheel. (...) The words were Christian - even truthful - but the poetry was on the level of a cheap greeting card.“ (Flake; S. 182)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Contemporary Christian Music: Eine kontrollierte Jugendrebellion
Hochschule
Freie Universität Berlin  (John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerika-Studien)
Veranstaltung
Geschäftsmänner Gottes auf Erden: Fundamentalismus und Medien in den USA
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
19
Katalognummer
V10608
ISBN (eBook)
9783638169820
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Contemporary, Christian, Music, Eine, Jugendrebellion, Geschäftsmänner, Gottes, Erden, Fundamentalismus, Medien
Arbeit zitieren
Tanja Hamilton (Autor), 1997, Contemporary Christian Music: Eine kontrollierte Jugendrebellion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10608

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