Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Ehe und Familie


Seminararbeit, 1998

14 Seiten, Note: Gut


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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1.Begriffsklärung
1.1 Begriffsklärung Ehe &. Familie
1.2 Begriffsklärung Arbeit
1.3 Begriffsklärung Arbeitsteilung

2. Traditionelle Formen der Arbeitsteilung
2.1 Arbeitsteilung in der Agrargesellschaft
2.2 Veränderungen im Zuge der Industrialisierung

3. Formen der Arbeitsteilung in der Gegenwart
3.1 Primat der individuellen Fixierung der Bemessungsregeln
3.2 Arbeitsteilung nach Tätigkeiten
3.3 Der Einfluß von Kindern auf die Arbeitsteilung

Nachwort

Literatur

Vorwort

Gegenstand dieser Arbeit ist die Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Ehe und Familie, also in einem ganz spezifischen Interaktionsbereich.

Die Besonderheit der durch Liebe eingeleiteten Austauschbeziehung ist der Umstand, daß es sich hier um einen Interaktionsbereich handelt, für den funktionale Diffusität grundlegend ist. Das Phänomen Liebe verweist auf Kommunikation höchster sozialer Komplexität. Laut Tilman Allert enthält die Liebe des Paares eine exemplarische, je den unterschiedlichen Lebensverhältnissen angepaßte und deren Zwänge verarbeitende Kooperation auf der Basis der relativen Fremdheit des anderen. „Affektiv konstituierte Paarbeziehungen liegen dann vor, wenn die Fremdheit des anderen erkannt und anerkannt wird und gegen die dynamische Konkurrenz Dritter wechselseitig bestätigt wird. Das ist im Kern mit der Liebe des Paares gemeint.“1 Somit wird die „Liebe“ zu einer Voraussetzung für die Selbstentfaltung der Intimbeziehung, denn sie stellt die wechselseitige Attraktion auf Dauer. „Das immer nur relative Erkennen und Anerkennen der Kontingenz des eigenen Lebens und des Lebens der geliebten Person werden in der ambivalenten Struktur der Kooperativität vorgeführt und exemplarisch in der sexuellen Vereinigung erfahrbar.“2

Die auf Dauer gestellte wechselseitige Attraktion, definiert als eine auf makrosoziologische Gegebenheiten reagierende Kooperationsform, bildet demnach das Fundament für die in Variationen vorkommenden Partnerschaftsbeziehungen und Familienformen. Die Konzeption von familialen Lebensformen als exemplarische Kooperationsformen, ist somit offen für die, in den folgenden Kapiteln behandelten Argumente für und wider die Bedeutung geschlechtsspezifischer Leitbilder, ökonomischer Motive und Rollenzuschreibungen.

Die Veränderungen des Aufbaus von Paarbeziehungen in der Moderne sind beträchtlich. Ein neben dem Schutz individueller Interessen und der wachsenden Bedeutung der Liebeswahl bedeutsames Phänomen besteht im Übergang von der vorkonfektionierten Ehe3 zur Ehe nach Maß mit der freien Entscheidung für Kinder und dem Wegfall verbindlicher männlicher und weiblicher Arbeitssphären. Thema dieser Arbeit soll sein, nach welchen Mustern sich auf diesem Hintergrund die geschlechtsspezifischen Formen der Arbeitsteilung in Ehe und Familie vollziehen. Es wird sich zeigen wie nahe, nicht mehr verbindliche, traditionelle geschlechtsspezifisch organisierte Modelle der Aufgabenteilung noch sind. Die Beschreibung der Eckpunkte dieser Modelle, welche sich einer kurzen Begriffsklärung von Arbeit, Arbeitsteilung sowie Ehe und Familie anschließt, erscheint mir bei der Komplexität des Gegenstandsbereichs unumgänglich, bevor ich schließlich zu den Formen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Gegenwart vordringe.

1. Begriffsklärung

1.1 Begriffsklärung Familie &. Ehe

Den Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen, sowohl für den historischen Vergleich als auch für die quantitative Zuschreibung bildet hier die familiale „Haushaltsgemeinschaft“ mit und ohne Kinder, in Abgrenzung von der rechtlichen Ehe oder Verwandtschaftsfamilie. Wobei hier, aufgrund der hauptsächlich auf den geschlechtsspezifischen eingehenden Vorgehensweise, Alleinerziehende und Gleichgeschlechtliche Paare sowie nichtfamiliale Wohnformen wie Wohngemeinschaften herausfallen.

1.2 Begriffsklärung Arbeit

Der Begriff Arbeit kann im Sinne des Gegensatzpaares Arbeit versus Freizeit nur als Erwerbsarbeit verstanden werden, oder die Reproduktionstätigkeiten einschließen. Letzteres erscheint mir für die Erhellung des Gegenstandsbereichs adäquat. Sicherlich ist Hausarbeit von Berufsarbeit strukturell sehr verschieden. Gelegentlich haben auch Elemente der Freizeit in ihr Platz, wie ein Besuch zwischendurch oder ein persönliches Gespräch beim Einkaufsweg. Im Prinzip ist sie jedoch verpflichtend.4 Zur Freizeitbeschäftigung wird die Aktivität im Familienbereich bloß, wenn sie eben jenen täglich verpflichtenden Charakter verliert. So sind auch viele früher obligatorische Hausarbeiten im Zuge der historischen Entwicklung sekundär zu Freizeit-Hobbies geworden: die Gartenarbeit etwa, die sich aus älteren Formen der Deckung des Hausbedarfs mit Obst und Gemüse ergeben hat, oder das Basteln in der Tradition der Herstellung von notwendigen Geräten und Mobiliar. Bei allen diesen Tätigkeiten ist die Grenze zwischen notwendiger Arbeit und Freizeitbeschäftigung schwer zu ziehen. Der subjektive Faktor spielt eine enorme Rolle.5

1.3 Begriffsklärung Arbeitsteilung

Der Begriff Arbeitsteilung kann im Sinne von Arbeitszerlegung verstanden werden, also als Auflösung eines Produktionsabschnittes in einfache, für sich nicht selbstständige Arbeitselemente, wie bei der Fließbandarbeit. Oder, wobei es hier primär gehen soll um Arbeitsteilung im Sinne einer Spezialisierung auf unterschiedliche weitergefaßte Tätigkeitsbereiche wie etwa die Produktions- versus der Reproduktionsarbeit, oder innerhalb der Reproduktionsarbeit der Kinderbetreuung versus der Erledigung anfallender Reparaturen im Haushalt. Der Begriff Arbeitsteilung kann drittens verstanden werden im Sinne einer Aufteilung des Faktors Arbeit, also die in Relation zu den Fähigkeiten gesetzte Zeit, die eine konkrete Person, hier ein Ehepartner bei einer eingrenzbaren Tätigkeit, wie beispielsweise dem Spülen verbringt.6

2. Traditionelle Formen der Arbeitsteilung

2.1 Agrargesellschaft

In der Gegenwart steht die industrielle Produktion bzw. der Dienstleistungssektor eindeutig im Vordergrund. Der Gegensatz zwischen ländlichen Produktionsweisen und industriell- städtischen charakterisiert markant den Unterschied zwischen Arbeitsverhältnissen. Vor zweihundert Jahren waren noch bis zu 80% der Menschen in, dem die Lebensverhältnisse bestimmenden, primären Erwerbssektor beschäftigt.7 In der, über die Kernfamilie hinausgreifenden ländlichen Hausgemeinschaft - der Grundeinheit der Arbeitsorganisation - vollzog sich die innerhäusliche Arbeitsteilung, der das Charakteristikum einer strikten Trennung von Erwerbs- versus Hausarbeit fehlte, fast ausnahmslos auf die statische Zuordnung bestimmter Tätigkeiten nach Alter, hierarchischer Abstufung innerhalb des Hofes und vor allem Geschlecht. Die geschlechtsspezifische Zuordnung von Arbeitsaufgaben im ländlichen Raum war - zeitlich und regional betrachtet - keineswegs einheitlich, aber immer rigide vorhanden.8 Geschlechterrollen und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung lassen sich nach Mitterauer in traditionellen Agrargesellschaften nicht voneinander getrennt betrachten. Die Akteure mußten sich den normativen Zwängen unterwerfen und ihre Rollen spielen. Das Individuum, das sie übernimmt gewinnt seine Identität aus dieser sozialen Vorprägung und bleibt darauf beschränkt diese zu interpretieren.9 Je nach Arbeitsaufgabe verweist diese strikte Zuordnung auf unterschiedliche lebensweltliche Bezüge.

In Frage käme ein zweckrational-physiologischer Bezug, wie beispielsweise beim Stillen der Kinder im Gegensatz zu dem hohe körperliche Kraft erfordernden Teigkneten. Des weiteren wäre hier der Raumbezug in Form von inner- und außerhäuslich zu nennen, also Tätigkeiten der Hauswirtschaft und Haushaltstätigkeiten im modernen Sinn des Wortes, wie Kochen, Waschen, Kinderbetreuung versus Waldund Fuhrarbeiten.

Oft findet sich auch ein, in Analogien auf den Raum oder die Geschlechterrolle verweisender Objektbezug, wie bei der „weiblichen“ Hühner entgegen der „männlichen“ Pferdehaltung über das Bild des Pferdes als herrschaftliches Zugtier oder dem „weiblichen“ spinnen in Abgrenzung zum „männlichen“ Arbeiten mit Holz über die Analogie des Härtegrads des Rohstoffs. Der Vorgabe, daß Männer nicht gebückt arbeiten sollten, entspricht die Trennung zwischen dem „männlichen“ Werkzeug Sense und der „weiblichen“ Hacke.

Ebenfalls findet sich funktional komplementär ausgerichteter Tätigkeitsbezug, etwa beim „weiblichen“ Ausbreiten des Dungs versus dem „männlichen“ Dungfahren mit der Handkarre.

Nur bei unabdingbaren Notwendigkeiten waren die Akteure austauschbar, etwa beim Dreschen.10

Desweiteren war Ehe ohne Elternschaft als selbstständiger Wert der alteuropäischen Welt im Prinzip fremd.11

Die aus dem Bauernkrieg stammende Kampfparole: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ zeigt, daß die Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung als Teil der unveränderlichen Schöpfungsordnung angesehen wurden.

2.2 Veränderungen im Zuge der Industrialisierung

„Die Überwindung der traditionellen Familienwirtschaft hat zu Lebensverhältnissen geführt, wie sie für unser heutiges Verständnis von Familie charakteristisch sind. Einige Gegensatzpaare mögen das illustrieren: Der Gegensatz von Arbeitsstätte und Wohnung, von Beruf und Freizeit, von Erwerbsarbeit und Hausarbeit, von Produktion und Reproduktion, von Gütererzeugung und Konsum, letztlich ganz generell von Öffentlichkeit der Berufswelt und Privatheit des Familienlebens.“12

Die im vorigen Jahrhundert endgültig vollzogene Trennung des öffentlichen vom privaten, familienbezogenen Bereich, das heißt der Rückzug der Familie aus der Öffentlichkeit, wie er in den bürgerlichen Familien mit der Verlagerung des Arbeitsplatzes nach außerhalb des Haushalts einsetzte und im Zuge der Industrialisierung allgemein wurde, hatte für die Frau eine noch verstärkte Verweisung auf den Innenraum und auf die Familie zur Folge. Die moderne Haus- und Familienarbeit ist wesentlich gekennzeichnet durch die Bindung an das bürgerliche Familienmodell und damit an die normative Funktion als Hausfrauenarbeit im idealtypischen Sinn und ihre spezifische Qualität als familiär bezogene Arbeit zur Schaffung und Regeneration des menschlichen Arbeitsvermögens, nämlich des Aufziehens von Kindern und des Wiederherstellens des Arbeitsvermögens des Mannes.13

Aus der Abhängigkeit der Frau von der Versorgung durch den Ernährer der Familie, der außerhalb des Haushalts durch Erwerbsarbeit den Lebensunterhalt erarbeitete, aber auch durch seine Einordnung in das soziale Gefüge der Gesellschaft, ergaben sich tendenziell ungleiche Machtverhältnisse der Partner innerhalb der Ehe.14

Im Rahmen der häuslichen Rollen, welch sich gesellschaftlich herausgebildet haben, zeigt sich das Bild eines Mannes, der sich völlig von jeder Hausarbeit fernhält. „Am Tag seiner Hochzeit ging er von der Obhut einer Frau, nämlich seiner Mutter, in diejenige einer anderen, nämlich seiner Ehefrau über.“15

Zum ursprünglich bürgerlichen familialen Leitbild des weiblichen Lebenszusammenhangs hingegen gehörte die patriarchalische Binnenstruktur, vor allem aber die Sentimentalisierung der Binnenbeziehungen mit dem emotionalen Mutter- Kind-Verhältnis im Zentrum und deshalb auch die mütterliche Aufgabe der Kindererziehung bei gleichzeitiger Organisation von außerfamilialen Lern- und Bildungsprozessen der Kinder.16

Solche Ungleichverhältnisse standen, im bürgerlichen Ideal ebenfalls enthaltenen, egalitären Tendenzen gegenüber. Den Konflikt im familialen Leitbild formulierte Rerrich so: „Je stärker andere ständische Bestimmungen des Menschen an individuelllebensgestaltender Bedeutung verloren, desto deutlicher zeigte sich die determinierende Kraft der Geschlechtsstände.“17

Als sich in der weiteren Entwicklung Beschränkungen und Vorgaben qua Geschlecht außerhalb der Familie, etwa im Bildungsbereich, verringerten gerieten die in Kapitel 2.1 erwähnten „angeborenen“ Bestimmungen von Mann und Frau in der Familie dadurch in Bedrängnis, daß die Ungleichverteilung von Ressourcen den Akteuren ins Bewußtsein rückte. Es entstand fürderhin je individueller Regelungsbedarf für die innerfamiliale Arbeitsteilung, um nicht das im Zentrum stehende, auf Liebe basierende, Verhältnis der Gatten zueinander durch den Anschein von Egoismus zu gefährden.

3. Formen der Arbeitsteilung in der Gegenwart

3.1 Primat der individuellen Fixierung der Bemessungsregeln

Während früher die Gesellschaft die großen Linien der ehelichen Bilanz von Pflichten und Schulden festlegte, sind es heute immer mehr die beiden Partner selbst, welche die Bemessungsregeln fixieren.18

Viel zu dieser Entwicklung beigetragen, haben wohl die Änderungen des weiblichen Lebenszusammenhangs. Frauen sind aus dem „Dasein für andere“ in einen eigenen Lebenszweck hinein entlassen, wie Beck-Gernsheim griffig formuliert. Die fast ausschließliche Festschreibung der Frauen auf die Reproduktion war nachvollziehbar Quell asymmetrischer Beziehungsmuster zwischen den Geschlechtern.19

Die Familie hat heute für die Mehrzahl der Frauen ihre Bedeutung als ausschließlicher biographischer Rahmen verloren; Erwerbstätigkeit hat einen festen Stellenwert im Lebenszusammenhang von Frauen erhalten.20 Die Doppelorientierung auf familiales und partnerschaftliches Leben einerseits und berufliche Tätigkeit andererseits, prägt heute die weiblichen Lebenszusammenhänge. Die Auffassung, daß man quasi selbstverständlich einmal Kinder haben wird hat weithin an Geltung verloren.21

Individuelle Ressourcen werden wirksam in der Interaktion mit gesellschaftlichen Normen. So ist auch für die Bundesrepublik der gestiegenen, aber im europäischen Vergleich eher niedrigen Berufstätigkeit der Frauen eine große Bedeutung bei der Ausbreitung eines eher partnerschaftlichen Leitbildes, mit starker Betonung der Gleichberechtigung zugekommen. Auch in der Öffentlichkeit hat sich immer stärker die Vorstellung der partnerschaftlichen Arbeitsteilung in Haushalt und Familie durchgesetzt, was Umfragen belegen.

Faktisch sind für die Hausarbeit aber überwiegend die Frauen verantwortlich und zuständig, wenn der Maßstab der Gleichverteilung häuslicher Aufgaben angelegt wird, so sind sie häufig doppelt und dreifach belastet.22

Die Bereiche von Arbeit und Familie sind also eng miteinander verbunden und wirken aufeinander ein. Da sich die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten der beiden Bereiche, also bessere Berufsaussichten der Männer im Erwerbsarbeitsbereich und größere Kompetenz der Frauen im Reproduktionsbereich gegenseitig verstärken, bilden sie schließlich geschlechtsspezifische soziale Werdegänge aus.23

Trotz stärkerer Beteiligung der Frauen am Erwerbsleben und einem neuen gesellschaftlichen Leitbild einer stärker partnerschaftlichen Organisation der Hausarbeit herrscht in den meisten Paarbeziehungen ein Modell der innerfamilialen Arbeitsteilung vor, bei dem im wesentlichen der Frau die reproduktive Arbeit zufällt. Dabei ist es nicht Ausmaß der Erwerbstätigkeit oder erzieltes Einkommen allein, sondern z.B. auch das Berufsprestige der Frau, mit dem ein verstärkte Mithilfe des Ehemannes positiv korreliert.24

Auch Partner welche die Vorstellung von einer gleichberechtigten Arbeitsteilung explizit geäußert haben, tendieren wider diese dazu, eine ungleiche Aufgabenverteilung zu reproduzieren.25 Kaufmann spricht hier davon, daß es unsere soziale Vergangenheit ist, die unsere aktuellen Körperbewegungen, quasi im Gedächtnis außerhalb des bewußten Gedächtnisses, lenkt und unter anderem darüber entscheidet, welche Tätigkeiten nur besonders mühsam verrichtet werden können.26 Vor der Ausbildung eines ausgefeilten Systems von Gewohnheiten beruht die Arbeitsteilung zum größten Teil auf der Fähigkeit jedes einzelnen, ohne Berechnung in die Beziehung zu investieren. Die wachsende Zahl von Interaktionsregeln greifen die in der Regel stärkere Kompetenz von Frauen in der Hausarbeit auf und konstituieren ein soziales Konstrukt von Vertrautheit in ungleichen Rollen. Dabei handelt es sich bei der Art und Weise wie diese Aufgabenverteilung festgelegt wird bei vielen Paaren wohl nicht um den schlichten Eintritt in sozial vorgeformte, durch normative Zwänge definierte, Rollenmuster sondern um die Eigenkonstruktion von Rollen durch das Paar selbst, in Rückgriff auf das den Individuen noch sehr nahe Modell der klassischen familiären Rollenverteilung. Tatsächlich gestatten es die interaktiven Gewohnheiten, die Ehepartner vor Spannungen zu schützen, wie es zuvor die Masken sozial determinierter Rollen taten. Der Unterschied liegt darin, daß jene von dem jeweiligen Paar selbst erfunden werden müssen. „Die Kunst besteht folglich darin, den Umstand der Erfindung und den konstruierten Charakter der Interaktionsregeln zu vergessen und die Gewohnheit als gegeben und selbstverständlich anzusehen.“27 Das Verhältnis von Rolle, definiert als ein System von normativen Zwängen, denen sich die Akteure unterwerfen müssen und Gewohnheit kehrt sich allmählich immer mehr um. Während früher die Rolle die Gewohnheiten bestimmte, dienen diese inzwischen vielfach dem Aufbau der Rolle.28 Mit zunehmender Dauer der Beziehung erweist es sich selbst bei völlig, am Modell der Gleichheit orientierten Paaren als notwendig, nach zuverlässigen Kriterien zwischen den Extremen des nicht praktikablen Prinzips des „jeder ist mal dran“ und einer völlig willkürlichen Improvisation zu suchen.29

3.2 Arbeitsteilung nach Tätigkeiten

Die Methoden der Arbeitsteilung im Haushalt sind komplex. Kaufmann unterscheidet zwischen regelgeleiteten Methoden, die auf Gewohnheit basieren, und Methoden, die der Spontaneität und Improvisation den Vorzug geben.30 Die erstgenanten orientieren sich oft am Modell herkömmlicher Aufteilung entsprechend den gesellschaftlich bestehenden Rollenmustern.

Zwei Drittel der berufstätigen und sechzig Prozent der ganztags berufstätigen Frauen in Baden-Württemberg gaben an, nur sporadische oder gar keine Unterstützung durch Mitarbeit der festen Partner im Haushalt zu erfahren.31

Männer und Frauen schätzen in Befragungen den jeweiligen eigenen Anteil an Tätigkeiten jeweils höher ein, den des Partners jeweils geringer und das besonders dort, wo Tätigkeiten nicht für das eigene Geschlecht als spezifisch gelten z.B. gaben in der Statistik 81% der Frauen an, das Putzen überwiegend zu übernehmen, aber nur 66% der Männer schätzen diesen Anteil so ein.32

Befragt nach Zuständigkeiten, nach einem vorgegebenen Katalog von Tätigkeiten in Haushalt und Familie ergaben sich recht starre Aufteilungsmuster mit eindeutig geschlechtsspezifisch zugeschriebenen Aufgaben. Die Frauen waren mehrheitlich verantwortlich für alle Arbeiten, die mit der Pflege der Wäsche, dem Reinigen der Wohnung und der Zubereitung der Mahlzeiten zu tun haben, in die Zuständigkeit der Männer fielen handwerkliche Tätigkeiten. Es verblieben außerdem Aufgabenbereiche, für die sich beide Partner verantwortlich fühlen, wie Einkaufen, Schuhe putzen oder Briefe schreiben.33

Annäherungen an gleich verteilte Aufgaben in Haushalt und Alltag sind einschlägigen Untersuchungen zufolge eher zu verzeichnen bei unverheiratet zusammenlebenden Paaren, bei jüngeren Paaren, Paaren ohne Kinder und Paaren mit einem höheren Bildungsgrad der Frau.34

3.3 Der Einfluß von Kindern auf die Arbeitsteilung

Wie schon der Beginn der Paarbeziehung verändert auch die Geburt eines Kindes plötzlich den Interaktionskontext und die Orientierungspunkte des Individuums. Es wird zum Elternteil.35 Das traditionelle Modell der Arbeitsteilung herrscht insbesondere dann vor, wenn ein Paar Kinder bekommt. „Da man den Frauen schlecht sagen kann, es sei eine heilige Aufgabe, Töpfe zu spülen. sagt man ihnen: Es ist eine heilige Aufgabe, Kinder zu erziehen.“36

Männliche erwerbsorientierte Positionen sind klar umrissen und bieten über Status und Gratifikation Sicherheit. Zwar sind heute Frauen auch Inhaberinnen dieser Positionen. Sie haben sich zunehmend den Zugang zum Erwerbsarbeitsbereich gesichert. Sie sollen sich aber im Bedarfsfall auch für die gesellschaftliche ‘unbestimmte“ Position der Reproduktionstätigkeiten ohne Gratifikation zur Verfügung halten und sich für diese selbstverständlich verantwortlich fühlen, da im Gegenzug zur Eroberung des Erwerbsarbeitsbereichs von Frauen, nicht gleichermaßen der Fürsorge- und Reproduktionsbereich auch als männliche Aufgabe öffentlich verhandelt wurde. Dies bedeutet für Frauen ein Hin- und Her zwischen beiden Bereichen, nicht nur dann, wenn es konkret verlangt wird, sondern bereits in ihren Orientierungen. Diese als „Doppelorientierung“ bezeichnete Ausrichtung erfordert konkrete Vereinbarkeitsleistungen, die jedoch häufig Frauen alleine bewältigen müssen. Diese Doppelorientierung zeigt sich oft im biographischen Verlauf von Frauen und Mädchen. Die Orientierung an einer späteren potentiellen Arbeit in der Familie bestimmt bereits in der Adoleszenz das Denken von Mädchen und zwingt sie zu einem Balanceakt zwischen der Orientierung an dieser Aufgabe und der gleichzeitig erwarteten Orientierung an einer qualifizierten Ausbildung.

“Sozialisation ist der Prozeß, in dem aus einem Neugeborenen ein in seiner Gesellschaft handlungsfähiges Subjekt wird. Sie findet statt, in dem das sich bildende Individuum aktiv teilhat an den sozialen Praktiken und in der Übernahme und Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlich Vorstrukturierten vorgegeben, daß wir Frauen und Männer werden.“37 Mit der Zahl der Kinder erhöht sich auch der Arbeitsanteil der Frau, besonders an den klassischen Hausarbeiten.38 Demgegenüber nehmen sich die Väter heute deutlich mehr Zeit für die Kinder, worin, nach Keddi ein Bedeutungswandel und ein mehr emotionales Sich-Einlassen in den Lebensvorstellungen der Männer erkennbar ist. Dessen ungeachtet bleiben Alltag und Routine von Kindererziehung und Kinderbetreuung ganz überwiegend bei den Frauen.39

Der übliche Achtstundentag des Berufslebens der Männer kann bereits als wichtiges konstituierendes Merkmal für eine Traditionelle Arbeitsteilung im innerfamilialen Bereich angesehen werden. Der häusliche Bereich wird durch diese festen Zeitstrukturen in erster Linie der Mutter zugewiesen und der Vater wird zum Partner im Freizeitbereich.40

Nach Nave-Herz hat die Berufsorientierung der Frauen den stärksten Einfluß auf die Entscheidung für oder gegen Kinder in der Partnerschaft, noch vor der allgemeinen Bevorzugung eines höheren Lebensstils.41

Die Beteiligung anderer Haushalts- oder Verwandtschaftsangehöriger, außer dem Elternpaar, allen voran der älteren Kinder und Großeltern an den täglichen Haus- und Erziehungsaufgaben stellt im statistischen Mittel nur eine gelegentliche Entlastung dar.42

Nachwort

Die geschlechtsspezifische Teilung der Aufgaben in Haushalt und Familie kann interpretiert werden als ein Zusammenspiel von signifikant unterschiedlicher Machtverteilung zwischen den Geschlechtern, der individuellen Übernahme jahrhundertealter Normen zur Rollenübernahme sowie handlungstheoretischer KostenNutzenerwägungen bei den einzelnen Paaren und Familien.

Die Verringerung der Geschlechtsungleichheit bei den Hausarbeiten verläuft dennoch historisch gesehen schnell.43

Es gibt zwischenzeitlich eine zwar geringe, aber wachsende Anzahl von Männern, die eine Aufgabenteilung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung ernsthaft anstreben.44 Zudem zeigt sich, daß Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf über flexiblere Arbeitszeiten nicht nur für Mütter eine wichtige Rahmenbedingung darstellen können, sondern auch für Väter. Dem Leitbild einer partnerschaftlichen Aufteilung der gemeinsamen Aufgaben nicht nur im Erwerbssystem, sondern auch im familialen Bereich werden Ehepaare näherkommen, wenn die Frauen in gleicher Weise wie Männer über gleich gut bezahlte Arbeitsplätze und Möglichkeiten beruflicher Laufbahnen verfügen können, also langfristig über ausbalancierte Ressourcen an Einkommen und Status verfügen.

Dem nach wie vor weitverbreitetem Argument fehlender männlicher Kompetenz für die Hausarbeit kann theoretisch entgegengehalten werden, daß viele der Routinetätigkeiten keine besonderen Kompetenzen erfordern. Desweiteren erwerben zunehmend Männer in einer Zeit des selbstständigen Alleinlebens vor dem Eingehen von Partnerschaft und Ehe Kenntnisse von Haushaltsführung.

Dieser Entwicklung entgegen steht, daß die Protagonisten die Regeln übersehen, welche ihre Beziehung organisieren, weil sie diese übersehen wollen. Die Ökonomie der Ehebeziehungen gründet sich mehrheitlich auf die Selbsthingabe, welche sich nach Kaufmann idealerweise ausbildet, ohne daß die Eheleute darüber nachzudenken hätten und begründet die Illusion des „Alles-hat-sich-so-ergeben“ hinsichtlich ungleicher Rollenverteilung bei der Arbeit im Haushalt.45 Die Idee der gleichheitlichen Verteilung scheint der Selbsthingabe diametral entgegengesetzt. Beruht sie doch auf dem Kalkül und der Verteidigung der persönlichen Interessen, während sich die Gabe im Vergessen und in der Überwindung dieser Interessen entwickelt.46

Literatur

Allert, T., 1994: Familie, Gesellschaft und Sozialität. Tübingen

Allert, T., 1996: Zwei zu Drei: soziologische Anmerkungen zur Liebe des Paares In: System Familie 9 (S.50-59)

Beck-Gernsheim, E., 1986: Von der Liebe zur Beziehung? Veränderungen im Verhältnis von Mann und Frau in der individualisierten Gesellschaft. In: Berger, J.(Hrsg.), Die Moderne - Kontinuität und Zäsuren, Sonderband 4 der Sozialen Welt. Göttingen

Bilden, H., 1991: Geschlechtsspezifische Sozialisation. In: Handbuch Sozialisationsforschung, Berlin

Buchholz, M. B., 1993: Dreiecksgeschichten. Eine klinische Theorie psychoanalytischer Familientherapie. Göttingen/Zürich

Chaudron, M., 1991: Vie de famille, vie de travail. In f. de Singly (Hrsg.), La famille. L’état de savoirs. Paris

Ferree, M.M., 1989: Frauen zwischen Hausarbeit und Erwerbsarbeit. In H. Rapin (Hrsg.), Frauenforschung und Hausarbeit (S.91-104). Frankfurt

Griebel, W., 1991: Aufgabenteilung in der Familie. Was übernehmen Mutter, Vater, Kind? In: Zeitschrift für Familienforschung 3, S.21-53

Kaufmann, J.-C., 1994: Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag. Konstanz

Keddi, B. und Seidenspinner,G. 1991: Arbeitsteilung und Partnerschaft, in: H. Bertram, 1991, op. Cit., S.159-191

Levi-Strauss, C., 1985: Die Familie, in: ders., Der Blick aus der Ferne. München, S.73- 104

Lidz, T., 1971: Familie und psychosoziale Entwicklung. Frankfurt

Mitterauer, M., 1992: Familie und Arbeitsteilung. Wien

Nave-Herz, R., 1988: Kinderlose Ehen. Weinheim

Oevermann, U., 1979: Sozialisationstheorie. Ansätze zu einer soziologischen Sozialisationstheorie und ihre Konsequenzen für die allgemeine soziologische Analyse, in: Sonderheft 21 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen, S.143-168

Parsons, T., 1954: The Incest Taboo in Relation to Social Structure, in: R. L. Coser, op. Cit., pp. 48-70

Rerrich, M. S., 1988: Balanceakt Familie. Zwischen alten Leitbildern und neuen Lebensformen, Freiburg

Rothenbacher, F., 1997: Historische Haushalts- und Familienstatistik von Deutschland 1815-1990. Frankfurt/M./New York

Schwarzer, A., 1983: Simone de Beauvoir heute. Gespräche aus zehn Jahren, Hamburg

[...]


1 Zitat aus Allert 1996

2 Zitat aus Allert 1996

3 Siehe Kaufmann, S.291ff.

4 Mitterauer S.336

5 Siehe Mitterauer, Kapitel: Geschlechterrollen und Freizeitaktivitäten, Seite 336ff.

6 Mitterauer S.18

7 Mitterauer S.11

8 Mitterauer S.29

9 Kaufmann S.117

10 Zu diesen und weiteren Formen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im vorindustriellen, ländlichen Raum, siehe Mitterauer, besonders S.29ff.

11 Mitterauer S.21

12 Zitiert nach: Griebel S.356

13 Griebel S.22

14 Griebel S.23

15 Zitiert nach: Kaufmann S.43

16 Buchholz S.33

17 Zitiert nach: Rerrich S.43

18 Kaufmann S.191

19 Insbesondere zum Begriff des „Lebenszwecks“ siehe Beck-Gernsheim 1986

20 Keddi S.160

21 Nave Herz S.37

22 Keddi S.160

23 Nach Chaudron

24 Griebel S.34

25 Kaufmann S.11

26 Kaufmann S.28

27 Ziiert nach: Kaufmann S.235

28 Kaufmann S.119

29 Kaufmann S.138

30 Kaufmann S.134

31 Griebel S.29

32 Griebel S.32

33 Griebel S.30

34 Keddi S.160

35 Kaufmann S.67

36 Zitat aus Schwarzer 1983

37 Zitat aus Bilden 1991

38 Keddi S.180

39 Kedd S.185

40 Griebel S.29

41 Nave-Herz S.45

42 Griebel S.28

43 Kaufmann S.180

44 Griebel S.48

45 Kaufmann S.199

46 Kaufmann S.212

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Ehe und Familie
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Seminar Familiensoziologie
Note
Gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
14
Katalognummer
V106080
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechtsspezifische, Arbeitsteilung, Familie, Seminar, Familiensoziologie
Arbeit zitieren
Klaus Spieler (Autor), 1998, Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Ehe und Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106080

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