Partizipation im Alltag der stationären Hilfe. Partizipationsmöglichkeiten in der stationären Kinder- und Jugendhilfe aus der Nutzerperspektive


Bachelorarbeit, 2021

73 Seiten, Note: 18/20


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abkürzungsverzeichnis

2 Vorwort

3 Einleitung

4 Kontext der Studie - Stationäre Kinder- und Jugendhilfen in Luxemburg
4.1 Definition von stationärer Hilfe
4.2 Einblick in die Geschichte der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Luxemburg
4.3 Aktuelle Lage der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Luxemburg
4.4 Entwicklung vom Schutz- und Hilfsgedanken im Arbeitsfeld „Kinder und Jugend“ in Luxemburg

5 Partizipation
5.1 Definitionen
5.2 Die partizipative Wende
5.3 Richtlinien zur Partizipation
5.4 Theorien und Partizipation
5.4.1 Empowerment
5.4.2 Lebensweltorientierter Ansatz
5.4.3 Signs of Safety
5.5 Formen der Partizipation
5.6 Partizipation im Heimbereich
5.7 Grenzen der Partizipation

6 Theoretische und empirische Perspektiven und daraus resultierende forschungsleitende Annahmen
6.1 Die Forschungsfrage

7 Konzeption der qualitativen Untersuchung - Methodologie
7.1 Definieren des Samples
7.2 Forschungsdesign. Begründung für die Wahl qualitativer Methoden
7.3 Interviewmethode
7.4 Einzel- oder Gruppeninterviews?
7.5 Aufbau des Leitfadens
7.6 Durchführung der Interviews
7.7 Auswertung der Interviews
7.8 Methode der erwägungsorientierten Pyramidendiskussion
7.9 Methodische Reflektion

8 Ergebnisse und Analyse der Umfrage
8.1 Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation
8.1.1 Biographieplanung im Heim
8.1.2 Gruppenprozesse
8.1.3 Einrichtungsprozesse
8.1.4 Biographieplanung in Beruf und Schule
8.1.5 Nutzung Medien
8.1.6 Alltag, Konsum, Freizeit und Sonstiges
8.1.7 Zusatz: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Partizipationsverständnis der Heimbewohner
8.2 Diskussion

9 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Abkürzungsverzeichnis

ADCA Association des Directeurs des centres d’accueils

AEF Aide à l‘Enfance et à la Famille

AITIA Institut étatique d'aide à l'enfance et à la jeunesse

ANCES Association nationale des communautés éducatives et sociales

AUSC Accueil urgent en situation de crise

BPI Bénéficiaire de protection internationale

CC Convention cadre

CHNP Centre Hospitalier neuropsychiatrique

COMAC Comité d’accompagnement

COR Comité d’organisation et de rédaction

CSEE Centre socio-éducatif de l’état

DPI Demandeur de protection internationale

FADEP Foyer d’accueil et de dépannage

FEDAS Fédération des acteurs du secteur social au Luxembourg a.s.b.l.

HPG Hilfeplangespräch

MENJE Ministère de l’éducation nationale, de la jeunesse et de l’enfance

MNA Mineur non-accompagné

ONE Office National de l’Enfance

PA Projet d’Autonomisation

PPI Proposition de Projet d’Intervention

PJ Protection de la Jeunesse

Q4C Quality for children

SCAS Service central d’assistance sociale

SOCM Stärkenorientiertes Case Management

UN United Nations

UNICEF United Nations International Children's Emergency Fund

UNISEC Unité de Sécurité du CSEE

VN Vereinigte Nationen

2 Vorwort

Um meine Verbundenheit mit dem Heimbereich besser nachvollziehen zu können, sind einige Erklärungen meiner privaten wie beruflichen Vitae vorab nötig. Da ich seit jeher meinen schulischen und beruflichen Werdegang aktiv (mit)gestalten durfte, gelang ich über etliche Umwege zum Beruf des Erziehers. Erste wertvolle und berufliche Erfahrungen sammelte ich in einem Kinderheim. Hiernach arbeitete ich im Team einer Jugendwohngruppe der staatlichen Kinderheime, in der ich über zehn Jahre tätig sein durfte. Daran anknüpfend wechselte ich zum ONE, wo die Evaluierung der Hilfeplanung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen der stationären Hilfen in Luxemburg seit etwa fünf Jahren mein Aufgabenbereich ist. So sind mittlerweile sechzehn Jahren Erfahrungen im Heimbereich zusammengekommen. Daraus resultierend scheint sich mein Forschungsinteresse, vor allem im Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe, entwickelt zu haben.

Da ich als Mitglied der ANCES die historische Entwicklung der stationären Hilfen Luxemburgs innerhalb einer Sozialroute1 mitgestalten konnte, sollte der geschichtliche Teil in dieser Arbeit ebenfalls kurz dargestellt werden.

Abschließend möchte ich mich noch bei meiner Familie bedanken, die mich während des gesamten Studiengangs, der Prüfungszeiten und der Ausarbeitung der vorliegenden Bachelor Arbeit unterstützt hat. Des Weiteren danke ich den Teilnehmern für ihre Aussagen während der Interviews, den Trägern für ihre Offenheit und meiner BA-Begleiterin Frau Dr. Biewers für ihre Verfügbarkeit und Unterstützung.

Zuletzt gilt mein Dank den Korrektoren und Nico Schmalen, der durch seine klientenzentrierte Denkweise meine Analyse der Resultate positiv beeinflusste.

3 Einleitung

Um die Partizipationsmöglichkeiten der Kinder, Jugendlichen und Eltern weiter zu verbessern, arbeitet das Bildungsministerium im AEF Bereich mit ihren Partnern2 seit 2020 an einem neuen, nationalen Rahmenplan. Man könnte es fast schon revolutionär nennen, dass in einem breit angelegten Konsultationsprozess3 alle Beteiligten befragt wurden und ihre Meinungen und Anregungen zur Ausarbeitung des Rahmenplanes berücksichtigt werden.

Ziel dieser Arbeit sollte sein, die Partizipation der Jugendlichen in der stationären Hilfe qualitativ im Feld zu erforschen und die Resultate und Analysen zu dokumentieren. Anhand empirischer Arbeit, wie zum Beispiel durch Interviews mit den Heimbewohnern sollte anschließend erfasst werden können, ob dieser nach außen positiv scheinende Wandel auch bei der Zielklientel angekommen ist oder eventuell noch Handlungsbedarf besteht.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird die Entwicklung des Arbeitsfeldes der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere die des Heimbereiches in Luxemburg, kurz beschrieben. Da es diesbezüglich sehr wenig Material über partizipative Ansätze in Luxemburg gibt, wird dennoch versucht anhand der wenigen Schriftstücke eine gewisse Entwicklung zu beschreiben. Seit der UN-Konvention für Kinderrechte wuchs der partizipative Gedanke rasant und wurde im Jahr 2008 erstmals verpflichtend im AEF-Gesetztext verankert.

Da Partizipation seit den 1960er Jahren durch Arnsteins „ladder of participation“ (vgl. Wolff/Hartig 2013: S.21) visuell in Stufen dargestellt wird und sich bis heute weiterentwickelt, wird diese Thematik im zweiten Kapitel vertieft. Der Versuch zu anderen Methoden und Theorien Verbindungen zu schaffen, sollte ebenfalls erfolgen. Wichtig bleibt zu erwähnen, dass fortwährend auf den Bezug zum Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendarbeit verwiesen wird. Für den Bereich der stationären Hilfen in Luxemburg gab es in der Vergangenheit quantitative Befragungen (z.B. Moos 2011). Basierend darauf, dass es keine qualitativen Studien diesbezüglich gab, oder nicht publiziert wurden, werden die Befragungen in dieser Arbeit nach qualitativen Methoden stattfinden

Um eventuelle Veränderungen in Punkto Partizipation zu definieren und um die Resultate mit dieser empirischen Arbeit vergleichen zu können, wird darüber hinaus im Kapitel der forschungsleitenden Annahmen auf diverse Umfragen, Forschungsresultate und Theorien eingegangen.

Da Bachelorarbeiten die Wissenschaftlichkeit für sich beanspruchen, wird im Kapitel der Konzeption der qualitativen Umfrage die Methodik genauer beschrieben. Da das Thema Partizipation im Vordergrund steht, hat dies auch bei der Teilnehmerauswahl, den Interviews und der anschließenden Ausarbeitung der Kriterien eine Rolle gespielt. Ein Qualitätsmerkmal empirischer Forschung ist die recht hohe Anzahl der an dieser Arbeit beteiligten Personen (neun jugendliche Interviewpartner).

Im theoretischen Teil ist es wichtig, den Bezug der Theorien auf die Praxis herzustellen, um alle Schritte und Zusammenhänge nachvollziehen zu können. Aus diesem Grund kann man die Covid-19-Pandemie mitsamt ihren Auswirkungen nicht unerwähnt lassen. Sie ist ebenfalls Bestandteil des Leitfadens. Wie sehr die, aus der Krise resultierenden, Belastungsfaktoren aufs Gemüt der Heimbewohner schlagen, die ohnehin schon einen schweren Stand in der Gesellschaft haben, wurde zunehmend bei der Auswertung der Interviews sichtbar (vgl. Tammen-Parr 2021: S.154-160). Diese Einschränkungen haben auch einen Einfluss auf die Partizipation im Alltag, dies scheint unvermeidbar.

Ziel der Analyse ist es, von den Einschränkungen einiger Grundrechte (Besuchsrecht, Versammlungsrecht, Recht auf Schule, usw.) in der Corona-Krise mal abgesehen, schrittweise verschiedene, für die Jugendlichen wichtigen Bereiche der Partizipation im Heimbereich bewerten zu können. Es sollten idealerweise „good practices“ wie auch Missstände benannt werden um anschließend Verbesserungsvorschläge formulieren zu können.

Die Begriffe der Partizipation und Beteiligung sollten in dieser Arbeit als Synonyme gesehen werden.

Zur besseren Lesbarkeit erfolgt in dieser Bachelorarbeit keine explizite Differenzierung zwischen der weiblichen und männlichen Form.

4 Kontext der Studie - Stationäre Kinder- und Jugendhilfen in Luxemburg

4.1 Definition von stationärer Hilfe

„Heimerziehung ist die älteste Form gesellschaftlich organisierter Kinder- und

Jugendfürsorge.“ (Bürger 2001: S.632)

Eine zutreffende Definition von Heimerziehung wäre die von Prof. Dr. Richard Günder (2011), er beschreibt stationäre Hilfen folgendermaßen:

„Heimerziehung und die sozialpädagogische Betreuung in sonstigen Wohnformen haben die zentrale Aufgabe, positive Lebensorte für Kinder und Jugendliche zu bilden, wenn diese vorübergehend oder auf Dauer nicht in ihrer Familie leben können. Das Heim als positiver Lebensort soll frühere oftmals negative oder traumatische Lebenserfahrungen verarbeiten helfen, für günstige Entwicklungsbedingungen sorgen, den einzelnen jungen Menschen als Person annehmen und wertschätzen, eine vorübergehende oder auf einen längeren Zeitraum angelegte Beheimatung fördern und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven unterstützen.“ (Heidemann 2011: S. 26).

4.2 Einblick in die Geschichte der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Luxemburg

Die ersten geschichtlichen Quellen, die auf eine stationäre Institution hinweisen, nennen vor allem das „Hospice Saint-Jean“ im Grundviertel der Stadt Luxemburg. Dieses wurde 1308 als Zivilhospiz von der Gräfin Margareta von Brabant und deren Gatten, Graf Heinrich VII, Graf von Luxemburg und Kaiser des deutschen Reiches, gegründet. Heute befindet sich in diesen Gemäuern das Naturmuseum. Anders als heute war ein Hospiz zu dieser Zeit in der Regel ebenfalls Zufluchtsort für jegliche Menschen, die abseits von der Gesellschaft standen, wie: z. B. aufgrund von Armut, aufgrund ihres Alters oder auch aufgrund dessen, dass sie von ihrer Familie verbannt wurden. Auch Findel- und Waisenkinder fanden hier Zuflucht. Der Anteil der Waisen überstieg um ein mehrfaches die Belegung des Hauses mit seinen Stammpatienten, d.h. den Alten, Gebrechlichen und Kranken der Stadt. Seitdem die Verwaltung der Waisenhäuser 1797 mit derer der Hospize vereint worden war, bildeten die Waisen bei weitem den größten Teil der zivilen Gäste (vgl. Kugener 1995: S.4-9). Aus Schriftstücken geht hervor, dass 1803 zweiundzwanzig verwaiste Knaben und zehn Mädchen das damalige Hospital beherbergten. Sie genossen damals aber das Privileg der Beschulung und durften an Bildung schon teilhaben (vgl. Pauly 2009: S.36).

Um 1727 gründete Jacques Stas, ein römisch-katholischer Messepriester, in der Wassergasse in Luxemburg Stadt ein Waisenhaus für 15 Knaben. Alle Waisenkinder die hier keinen Platz mehr finden konnten, sollten in anständigen Familien untergebracht werden. Die Jungen, die im Waisenhaus aufgenommen wurden, mussten zwischen sechs und achtzehn Jahre alt und Bürger der Stadt Luxemburg sein. Mädchen wurden nicht aufgenommen.

Der Alltag war durch Beten, Unterricht und mühsamer Arbeit geprägt. Strenge Regeln und ein strukturierter Alltag ließen wenig Spielraum zur Eigenentfaltung. Ähnliche Verhältnisse herrschten im Übrigen ebenfalls bis in die späten 1970er Jahre „op der Rhum“ (vgl. Schoos 1979).

Zurück ins 18. Jahrhundert: Hier durften die Knaben nun endlich an einer Ausbildung im Heim teilnehmen und erhielten bei ihrem Auszug aus dem Heim einen Gesellenbrief, Kleidung, drei Gulden Bargeld und einige persönliche Dinge. Die Mädchen wurden in diesem Zeitraum u.a. im obengenannten „Hospice Saint-Jean“ und später quer durch Luxemburg (Itzig, Grevenmacher, usw.) untergebracht. Diese Heime wurden von Glaubensschwestern des Franziskanerordens geleitet. Die Mädchen wurden anfänglich in öffentlichen Schulen ausgebildet, anschließend aus „moralischen“ Gründen wieder intern in den Heimen. Somit wurde die Teilnahme am bürgerlichen Leben leider wieder minimiert (vgl. Witt 2007).

Am Beispiel der „Winnschoul“, die ebenfalls im Grundviertel der Stadt Luxemburg ihren Standort hatte, kann aber eine langsame, positive Entwicklung zu partizipativeren Methoden festgestellt werden. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden die Waisenkinder unter besseren Voraussetzungen in die Heimgruppe integriert. Dies konnte durch verschiedene Maßnahmen ermöglicht werden. Durch eine individuelle Erziehung, das Anlegen eines Sparbuches, eine Kleintierzucht, einen eigenen Schulgarten, usw. lernten die Kinder Verantwortung zu übernehmen, sowie die Wichtigkeit von Pflege und Sauberkeit.

„Zur Belehrung und zur Erholung hat die Verwaltung den Zöglingen ein kleines Cinema und einen Radioapparat zur Verfügung gestellt. Zu Ostern und Weihnachten finden Theateraufführungen statt und am Schluss des Schuljahres werden Ausflüge unternommen.“ (Ensch 1934)

Anhand solcher Textpassagen kann erstmals die Teilnahme an Freizeitaktivitäten festgestellt werden. Ob diese Partizipation nun auf freiwilliger Basis erfolgte, wird jedoch nicht in den Texten erwähnt. Es wird ebenfalls von wohlhabenden Gönnern berichtet, die den Trägern und Kindern Geld- und Sachschenkungen erbrachten, und Letzteren bei Ausflügen liebevolle Bewirtung und Herzlichkeit zukommen ließen (vgl. Ensch 1934: S.2-6).

Dieser gesellschaftliche Wandel, der erstmals Ansätze für die Grundlagen einer gesunden Entwicklung von Kindern erwähnt, wird ebenfalls im Text von Witt (2007) beschrieben. Dass jedoch im späten 20. Jahrhundert immer noch Handlungsbedarf bestand, analysierte Jean Schoos (1979) in seinem Artikel über „Wegwerfkinder“:

„Große Kinderheime, die ihren Anstaltscharakter noch nicht ablegen konnten, sind denkbar schlecht ausgerüstet, dem Kind ein geborgenes und liebevolles Erziehungsklima zu bieten, sosehr sich die Erzieher auch darum bemühen mögen. (…) Seit Jahren ist man deshalb bemüht, große Kinderheime in kleinen Kinderhäusern aufzulösen. Statt in großen Anstalten leben Kinder heute vermehrt in Einfamilienhäusern, die über das ganze Land verstreut sind. Ihre Lebensumwelt im Heim ist übersichtlicher, persönlicher und freundlicher geworden, auch wenn sie statt Eltern jetzt ausgebildete Erzieher haben, die sich um sie kümmern.“ (Schoos 1979: S.31ff)

Des Weiteren betont er, dass die Bedürfnisse der Kinder ausschlaggebend seien und nicht die der Erwachsenen. Diese Prämisse wird noch heute im Leitbild des ONE, „all Kand zielt“ und „d’Kand am Mëttelpunkt“, veranschaulicht.

Mit der Gründung des „Kannerschlass Suessem“ und der Entstehung des „Kannerduerf“ in Mersch (1961-1968) begann um 1970 die Dezentralisierung der Heimstrukturen (vgl. Peters/Jäger 22015: S.57).

Aus diesen Gedanken heraus verließen 1981die letzten Kinder das „Centre Rham“ um im Süden des Landes in kleineren Strukturen aufgenommen zu werden. Die staatlichen Kinderheime waren somit gegründet. Anfänglich waren hier noch Ordensschwestern in diversen Heimen tätig, was das Jahrhunderte andauernde kirchliche Monopol der Wohlfahrt und Hilfestellung in Hospizen und Heimen verdeutlicht. Später öffneten weitere kirchliche und weltliche Träger Heime in Luxemburg.

Etwa zu dieser Zeit (1980) waren 604 Minderjährige in Heimen (residential care) untergebracht, die Zahl sank bis 1987 auf 453 Klienten. Dem gegenüber wuchs die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die in Pflegefamilien (foster care) aufgenommen wurden von 101 im Jahr 1982 auf über 300 im Jahr 1988 (vgl. Soisson 2017: S.87). Diese Zahlen belegen, dass der Anteil der in Pflegefamilien untergebrachten jungen Menschen stetig wuchs, jedoch niemals an die Gesamtzahl der Heimklienten herankam. Dies hat; siehe nächstes Kapitel; bis heute noch Gültigkeit.

4.3 Aktuelle Lage der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Luxemburg

2021 gibt es in Luxemburgs Heimlandschaft insgesamt 13 private Träger und zwei staatliche Behörden die über 50 verschiedene Heime betreiben.

Jedes Semester publiziert das ONE Zahlen (einmal im April und einmal im Oktober), die vor allem die Belegung der stationären Hilfen beschreiben.

Unterscheiden sollte man hierbei zwischen dem „residential care“, dem Heimbereich und dem „foster care“, den Pflegefamilien. In der vorliegenden Arbeit liegt das Hauptaugenmerk auf dem ersten Bereich.

Die stationäre Hilfe in Luxemburg ist in verschiedene Maßnahmen unterteilt, die je nach Alter und/oder Bedarf variieren. Erstens gibt es die Not-Heime, die früheren FADEP die heute AUSC genannt werden. Drei Träger teilen sich insgesamt vier Gruppen. Hier werden meistens Kinder und Jugendliche aus Notsituationen untergebracht. Anfang Oktober 2020 wurden 44 Kinder und Jugendliche in solchen Heimen betreut, darunter 36 (81,82%) durch einen richterlichen Beschluss.

Zusätzlich wurden 403 Kinder und Jugendliche in Heimen von 13 verschiedenen Trägern untergebracht. Hier gibt es eine Aufteilung in eine Basisbetreuung (base), in eine sonderpädagogische Betreuung (orthopédagogique) und einer Betreuung für Kinder unter 3 Jahren (-3 ans). 325 Einweisungen wurden via Gerichtsurteil gesprochen (80,65%) und 78 freiwillig untergebracht. Würde man von den Letzteren die Volljährigen abziehen (diese gelten rechtlich als freiwillig platziert), blieben höchstwahrscheinlich sehr wenige freiwillige Heimunterbringungen übrig.

Im psychotherapeutischen Setting gab es zu diesem Zeitpunkt 37 Kinder und Jugendliche, davon neun freiwillige Unterbringungen (24,32%).

Das CSEE beherbergte zum 1. Oktober 2020 48 Jugendliche, allesamt über richterliche Beschlüsse. Fünf von ihnen waren zu diesem Zeitpunkt in der geschlossenen Abteilung UNISEC.

Die staatliche Behörde AITIA, früher MEE bot 61 Kindern und Jugendlichen ein Zuhause, davon 34% (21) auf freiwilliger Basis.

Insgesamt 60 unbegleitete und minderjährige Jugendliche (MNA), die einen Antrag auf Asyl gestellt haben (DPI), runden die stationäre Klientel ab. Diese sind allesamt auf freiwilliger (rein juristisch gesehen) Basis in den diversen Heimen von vier Trägern aufgeteilt.

Abschließend bleibt zu erwähnen, dass 73 Kinder und Jugendliche im Ausland in diversen spezialisierten Institutionen untergebracht waren, hier von 52 (71,23%) auf Grund eines richterlichen Beschlusses. Die Gesamtanzahl der in Heimen lebenden Klienten belief sich also am 1. Oktober 2020 auf insgesamt 726, davon 197 auf freiwilliger Basis (27,13%).

Seit Jahren bleibt die Gesamtanzahl der Heimkinder in Luxemburg relativ konstant, wobei die Pflegefamilien in diesem Zeitraum ein Wachstum von über 8% hatten.

Im Vergleich dazu sind in den Pflegefamilien 522 Kinder und Jugendliche und diese zu 91,19 % (476) über richterliche Beschlüsse.

Leider gibt es keine genaueren Zahlen zum Heimbereich in Luxemburg. Bei der Ausarbeitung des nationalen Rahmenplanes wurde die Wichtigkeit verlässlicher Daten als eminent angesehen, um durch die Analyse den Bedarf klären und eventuell anpassen zu können.4

4.4 Entwicklung vom Schutz- und Hilfsgedanken im Arbeitsfeld „Kinder und Jugend“ in Luxemburg

Basierend auf dem „Bericht zur Reform der Kinder- und Familienhilfe (AEF)5 “ von Peters und Jäger (22015) kann man die Entwicklung in Luxemburg grob resümieren. Kinderrechte6 nehmen seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung zu. Als Leitgedanken fungierten die drei P’s, „protection, participation und provision“. Daraus entwickelt sich die Prämisse, den Kontakt und die Beziehung zu den Eltern und der Familie aufrechtzuerhalten.

Auguste Ulveling war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Pionier auf diesem Gebiet, der die Grundgedanken der Entkriminalisierung, Entpenalisierung und Desinstitutionalisierung des Jugendrechtes vorantrieb. Verbesserte Jugendschutzgesetze7 im Laufe des 20. Jahrhunderts waren die logische Konsequenz.

2008 wurde das Gesetz der Kinder und Familienhilfe (AEF) verabschiedet, was partizipative und freiwillige Ansätze beinhaltet. 2011 wurde das Nationale Kinderbüro (ONE) operationell, welches als Wächter und Koordinator adaptierter Hilfsmaßnahmen gilt (vgl. Peters/Jäger 22015: S. 57).

Die Träger der Heime werden durch die FEDAS, dem Dachverband, vertreten. Dieser handelt jährlich die Rahmenbedingungen in zwei Konventionen (CC journalier et CC horaire) mit der Abteilung der Direktion AEF des MENJE aus, die für alle Beteiligten bindend sind. Diese Konventionen beinhalten die Zahlungsmodalitäten, den Personalschlüssel, Richtlinien zur Anwendung der Angebote, Berichterstattung, Partizipation, Qualitätsstandards, usw.

Da der Justiz aber schlussendlich die Entscheidungsgewalt obliegt, wurden 2019 durch diverse Diskussionen8 Verbesserungsvorschläge in Richtung kinderfreundlicher Justiz ausgearbeitet.

Das Berufsfeld der sozialen Arbeit, vertreten durch den Fachverband der sozialen Arbeit ANCES und der FEDAS, hat seit 2020 seinen festen Platz in der gemeinsamen Ausarbeitung des nationalen Rahmenplanes der AEF, der klienten- und lösungsorientierter werden soll.

Diese Gruppe, vertreten durch Mitarbeiter der Abteilung AEF/ONE, der ANCES und der FEDAS, auch COR genannt, ist damit beauftragt den Prozess der Teilnahme aller Akteure (Klienten, Eltern, Mitarbeiter, usw.) zu organisieren. Diese Arbeit wird vom COMAC begleitet, der ebenfalls aus Vertretern dieser Träger besteht und bei Bedarf externe Spezialisten beratend hinzuzieht (Universität, Forschung, Justiz, Ombudsmann, usw.). Die Resultate der Konsultationen des Gesamtfeldes der AEF fließen in die Ausarbeitung des Rahmenplanes mit ein, die von Mitarbeitern der Qualitätsabteilung der Direktion AEF des MENJE berücksichtigt wird. Dies geschieht im fortwährenden und partizipativen Austausch.

Dies alles ist wichtig zu erwähnen, um zu veranschaulichen, dass der partizipative Ansatz präsenter denn je und auf allen Ebenen erwünscht ist und umgesetzt werden soll.

Parallel werden 2021 die Gesetzestexte der AEF und der PJ an die heutigen Standards angepasst werden. Hierbei sollte dem partizipativen Ansatz aller Parteien Rechnung getragen werden. Gleichzeitig soll ein neues Jugendstrafgesetz ausgearbeitet werden.

Da der Begriff der Partizipation nun immer häufiger thematisiert wird, wollen wir uns im nächsten Kapitel damit näher beschäftigen.

5 Partizipation

5.1 Definitionen

Das Wort Partizipation hat seinen Ursprung im Lateinischen „participare“ und kann im Deutschen mit „Teilnahme“ bzw. „Teilhabe“ übersetzt werden.

Der Begriff „Beteiligung/Partizipation“ meint allgemein das „Einbezogensein von Personen bzw. Gruppen in sie betreffende Entscheidungen.“ (Brockhaus 1991: S.570)

Laut Moser ist Partizipation Teilnahme an Entscheidungen, die mich und andere betreffen. Dieses betrifft Menschen in allen Lebenslagen und –bereichen. Partizipation ist ein Querschnittsthema in allen Lebenslagen (vgl. Moser 2010: S.71).

Wolff und Hartig definieren Partizipation folgendermaßen :

„Kurz gefasst, ist Beteiligung die freiwillige, aktive Teilnahme, Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitbestimmung von Personen oder Gruppen an Entscheidungen, Planungen oder Aktivitäten. (…) Sie wird als Instrument verstanden, die Machtverhältnisse in einem demokratischen System in einem ausgewogenen Verhältnis zu halten, das heißt, letztlich soll niemand die Möglichkeit bekommen, über andere Menschen zu bestimmen. Haben Menschen unterschiedliche Positionen und Interessen, ist es wichtig, miteinander zu sprechen und einen Konsens herzustellen, mit dem alle einverstanden sind. (Wolff/Hartig 2013: S.17)

5.2 Die partizipative Wende

Rieger und Straßburger sprechen von der „partizipativen Wende in sozialen Berufen“ (22019: S.42). Teilnahme wird in der Sozialarbeit in Deutschland seit über 40 Jahren als Prämisse der theoretischen und konzeptionellen Diskurse großgeschrieben und gilt spätestens seit dem achten Jugendbericht als konstitutives Moment und professionelle Strukturmaxime (vgl. BMJFFG 1990: S.88).

So könnte man die breit angelegte Debatte des teilnehmenden Diskurses in Westeuropa in den 70er Jahren ansiedeln. In den USA fand dies jedoch schon etwas früher statt, so entwickelte z.B. Sherry Arnstein schon 1966 die „Ladder of citizen participation“ (vgl. Wolff 2103: S.20). Es dennoch Pädagogen zuvor, die den partizipativen Gedanken in Ihre Arbeit hineinfließen ließen, wie z.B. Siegfried Bernfeld oder Janusz Korczak. Letzterer nahm weggelaufene Kinder, nachdem ein anderes Kind sich für den Ausreißer verbürgte, wieder in seiner Gruppe auf (vgl. Thiersch 2020: S.140). Deren Konzepte hier aber weiter zu reflektieren würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Wichtig zu erwähnen ist vor allem der angestrebte Paradigmenwechsel. Die Führsorge, die über Jahre als Barmherzigkeit definiert wurde, diente oft nur dazu, die gesellschaftliche Ordnung zu erhalten und Sonderlinge unterzuordnen. Diese Art der bevormundenden Hilfe führte zu stetig wachsender Unmündigkeit, und genau dies versucht der partizipative Ansatz zu verhindern. Wurde man früher als Hilfeempfänger stigmatisiert, entwickelt man heute eher Verständnis und als Ziel gilt es „…allen Menschen gesellschaftliche Teilnahme zu ermöglichen.“ (Straßburger/Rieger 2013: S.42)

5.3 Richtlinien zur Partizipation

Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist u.a. in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 verankert, die von Luxemburg erst im Dezember 1994 durch ein Gesetz ratifiziert wurde. Im Artikel 9, der für die stationäre Hilfe von besonderer Bedeutung ist, ist im Absatz 2 nachzulesen, dass im Falle einer Trennung von den Eltern gewährleistet werden muss „…allen Beteiligten Gelegenheit zu geben, am Verfahren teilzunehmen und ihre Meinung zu äußern.“9 Unicef Luxemburg schreibt, dass der sozioökonomische Status in Luxemburg (Gesundheit, Bildungsstand und Zufriedenheit) ein wichtiger Faktor im Leben von Kindern und Jugendlichen darstellt.10

In den UN-Guidelines „Children in alternative Care“ ist im Artikel 42 der partizipative Grundsatz ebenfalls verankert.11

In Luxemburg sind die Teilnahmerechte im AEF-Gesetz von 2008 niedergeschrieben. Hier heißt es unter anderem, dass der Verwalter der Hilfsmaßnahmen dazu verpflichtet ist, die Beteiligung der Kinder und (…) Eltern zu fördern.12 Das ONE und seine Interventionen legen ebenfalls großen Wert auf die Partizipation aller Beteiligten an der Ausarbeitung der Hilfepläne und fungiert hierbei quasi als Wächter der Teilnahme.13

Lellinger und Peters (22012: S.7) beschreiben in Ihrem Bericht zur „Partizipation in den stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung“, dass die eigentliche Verantwortung der Träger, eine Beteiligungskultur in ihren Strukturen zu etablieren, nur bedingt verwirklicht ist. Hier gelte es, entsprechend zur institutionellen Kultur und Tradition, Beteiligungsmodelle selbst auszuarbeiten und konzeptuell zu verschriftlichen. (vgl. Lellinger/Peters 22012: S.7) Als Richtlinien hierfür könnten diverse Qualitätsstandards dienen. In den „Quality4Children Standards“ steht im Standard 2: „Das Kind wird befähigt, am Entscheidungsfindungsprozess aktiv teilzunehmen. Alle beteiligten Parteien hören und respektieren das Kind. Das Kind wird adäquat über seine Situation informiert, es wird ermutigt, seine Ansichten darzustellen und an diesem Prozess entsprechend seines Entwicklungsstandes mitzuwirken.“ (SOS-Kinderdorf International 2007: S.14)

Die ADCA strebt in ihren „Richtlinien zur Entwicklung von Qualitätsstandards“ (2007) im Artikel 3.3. an, dass:

„Die Einrichtung klärt, wie, von wem und wann Reflexion und Evaluation im Rahmen der Erziehungsplanung (-pläne) stattfinden. Wie werden das Kind und dessen primäre, leibliche Bezugspersonen in die Erziehungsplanung einbezogen? Wie oft erfolgt eine Evaluation der jeweiligen Erziehungspläne? In diesem Zusammenhang wird vorausgesetzt, dass die jeweiligen Erziehungspläne regelmäßig Thema der Teambesprechung sind.“ (ADCA 2007: S.17f)

Peters und Jäger (2013) haben in „Qualität in der Heimerziehung, Standards für die stationären Einrichtungen in der Kinder- und Jugendhilfe.“ Qualitätsstandards und einen Befragungsbogen zur Überprüfung und Kontrolle ausgearbeitet und publiziert.

Des Weiteren findet sich in den Konzeptionen und Leitbildern diverser Träger wiederholt die partizipative Haltung wieder.

5.4 Theorien und Partizipation

Da folgende Theorien bei der Ausarbeitung des nationalen Rahmenplanes (in Luxemburg) in der AEF in Zukunft eine erhebliche Rolle spielen werden, sollte der Bezug zur Partizipation erläutert werden.

5.4.1 Empowerment

Rieger und Straßburger (22019: S. 43-49) beschreiben die Vielfalt der sozialen Arbeitsbereiche und bemerken, dass man auf den ersten Blick oft wenig Gemeinsames feststellen kann. Was haben ein Gefängnispädagoge und ein Krippensozialarbeiter gemeinsam? Alle sozialen Berufe sollten dafür einstehen, dass jeder Mensch mit seiner Einzigartigkeit am Leben teilhaben kann und dort in sozialen wie in politischen Abläufen. Wenn dies gelingen würde, wäre dies ebenfalls für ein friedlicheres Miteinander auf Grundlage der sozialen Gerechtigkeit förderlich.

Ziel sollte sein, den Menschen zu stärken und zu fördern um so mehr Kontrolle über die eigene Situation zu gewinnen. Jeder einzelne sollte dazu ermutigt werden sich für seine Ziele und bestenfalls auch für gemeinschaftliche Abläufe einzusetzen um eventuelle Mängel zu beseitigen. Hier geht es um Empowerment, dessen Ursprünge sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung finden und sich das Ziel setzte, mehr Teilhaberechte für benachteiligte Menschen zu erkämpfen.

Das Befähigen (Empowerment) findet nach Rieger und Straßburger (22019: S.44ff) auf vier verschiedenen Ebenen statt: Als erstes auf der Ebene des einzelnen Subjektes. Hier werden z.B. weniger Ratschläge erteilt, sondern eher Ideen zu Lösungen verarbeitet. Auf der zweiten Ebene findet man die Gruppen. Beim Aufbau von z.B. Selbsthilfegruppen oder sozialen Netzwerken sollte fördernd geholfen werden und evtl. überregional vernetzt sein. Auf der dritten Ebene befinden sich die Institutionen. Träger sollten Projekte unterstützen in denen Ihre Klienten bestärkt werden. Eventuell müssten hier Grundstrukturen und –haltungen verändert werden und in internen Leitbildern und Konzeptionen verankert werden. Schlussendlich zielt die vierte Ebene auf die Gesellschaft und die Sozialpolitik. Hier gilt es Bedingungen zu schaffen, die Menschen befähigen an sozialen wie politischen Abläufen teilhaben zu lassen (vgl. Straßburger/Rieger 2013: S.43-49).

Im Empowerment sollte man neben dem Klienten deshalb die sozialen Arbeiter und andere Akteure nicht vergessen. Um das Zusammenspiel der verschiedenen Systeme noch besser veranschaulichen zu können, ist ein Verweis auf das ökosystemische Modell von Bronfenbrenner14 dienlich. Hier werden die verschiedenen Systeme und deren Interaktion schematisch dargestellt, inklusive der Vita des Einzelnen. Ohne Zusammenspiel und gemeinsamer Grundhaltung auf allen Ebenen wird gelebte Partizipation schwierig.

5.4.2 Lebensweltorientierter Ansatz

Ein weiteres Theoriekonzept welches Teilnahme als einen wertvollen Partner definiert, ist die lebensweltorientierte und soziale Arbeit.

Das Kredo der Partizipation fußt, wie Thiersch (2020: S.139) beschreibt, auf den Grundrechten heutiger westlicher Gesellschaftsformen. Teilnehmen und Mitgestalten in vielen Bereichen, für unser Arbeitsfeld bedeutet dies, dass der Klient mit dem Sozialarbeiter kooperativ nach Lösungen suchen sollte. Da der Mensch als eigenständiges Individuum angesehen werden muss, sollte die Aushandlung der Lösungen sich an die jeweiligen Möglichkeiten der Klienten anpassen. Hierbei spielen das Alter, die Lebenslage und das jeweilige Handlungsmuster des Klienten eine entscheidende Rolle.

Die Prämisse der Teilnahme erfordert seitens des Sozialarbeiters viel Fingerspitzengefühl bei der Übertragung von Eigenverantwortung. Hierbei lauert die Gefahr der Unterschätzung von Klienten und die daraus resultierende wiederkehrende Bevormundung. Ablehnung oder abwegiges Verhalten seitens der Klienten wird nach Thiersch (2020: S.140) oftmals als Unreife oder Unfähigkeit definiert. Dabei sollte doch genau dort angesetzt werden, wo dem Klienten Möglichkeiten gegeben sind. Die Partizipation, auch im Arbeitsfeld der stationären Hilfe, sollte vor Machtspielen, eingefahrenen Alltagshandlungen und Exklusion geschützt werden (vgl. Stange/Bentrup/Bleckwedel 2017: S.140).

Leider gibt es in den verschiedenen Arbeitsfeldern in Punkto Partizipation einen weit auseinanderliegenden Tatendrang. Wie weit haben verschiedene Menschen oder Gruppen von Menschen schon aufgegeben und sich ihrem Schicksal gebeugt, wie viele fühlen ihre Lage als randständig? Gerade im Heimbereich könnten die Ehemaligen (Care Leaver) den Diskurs zur Formalisierung der Partizipation ankurbeln. Diesbezüglich ist das im Jahre 2020 breit angelegte Konsultationsverfahren des AEF Social-Lab15 (MENJE) ein erster Schritt in Luxemburg, Plattformen bei der Ausarbeitung des nationalen Rahmenplanes zu bieten, bei denen offen gemeinsame Probleme angesprochen und nach Lösungen gesucht werden kann.

[...]


1 www.sozialrouten.lu, letzter Zugriff am 04.05.21.

2 FEDAS, ANCES, UNI.lu, usw.

3 https://aef.lu/de/, letzter Zugriff am 05.05.21.

4 Vgl. https://men.public.lu/fr/publications.html?r=f%2Faem_theme%2Ftags_theme%3Amen%5Caide-assistance&, letzter Zugriff am 05.05.2021.

5 Siehe Abbildung 1 (Anhang)

6 1924 Genfer Erklärung, 1959 UN-Kinderrechtscharta, 1979 Internationales Jahr des Kindes, 1989 UN-Kinderrechtskonvention (KRK, Ratifizierung in Luxemburg 1993), Ombudscomité fir d’Rechter vum Kand (ORK, 2003).

7 « Loi du 2 août 1939 sur la protection de l’enfance », « Loi du 12 novembre 1971 relative à la protection de la jeunesse » und die « Loi du 10 août 1992 relative à la protection de la Jeunesse ».

8 http://ances.lu/attachments/article/225/ANCES%20communiqu%C3%A9%20de%20presse%20PL7276%20child's%20rights%20based%20juvenile%20justice.pdf, letzter Zugriff am 07.04.21.

9 https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/fuer-kinderrechte/un-kinderrechtskonvention letzter Zugriff am 19.04.21

10 https://www.unicef.lu/kinderrechte/ letzter Zugriff am 21.04.21.

11 “42. Participatory separation process: The preparation, execution and evaluation of measures for the protection of children and adolescents should be carried out with the participation of the child or adolescent, his or her parents or legal guardians, and his or her potential family protectors and carers, who should be duly informed, taking into consideration the particular needs, beliefs and special desires of the child or adolescent, taking into account the principle of progressive autonomy. At the request of the child or adolescent, his or her parents or this section will describe the standards for managing situations in which the permanency of children and adolescents in the family and community environment will not be maintained. The standards described here should be complemented with the recommendations presented in the initial section on general principles and guidance, underlining those of exceptionality, need, provisional and temporary nature and respect for sibling bonds. 20 Application of the Guidelines for the Alternative Care of Children legal guardians, other important persons in the child’s life may also be consulted in any decision-making process.” https://resourcecentre.savethechildren.net/node/4990/pdf/4990.pdf letzter Zugriff am 21.04.21.

12 Vgl. Memorial A-N°192 vom 22.12.2008: S. 2587.

13 Vgl. Memorial A-N°192 vom 22.12.2008: S. 2584.

14 https://www.simplypsychology.org/Bronfenbrenner.html, letzter Zugriff am 12.06.21.

15 „Aufruf zur Teilnahme: Wir starten einen Aufruf zur Teilnahme, um jedem Kind, Jugendlichen, Leistungsträger und jeder Fachkraft die Möglichkeit zu geben, sein Wissen und seine Erfahrungen zu einem Thema des AEF-Sektors (Partizipation, Bedürfnisse der Kinder, Prävention, etc.) zu teilen.“ https://aef.lu/de/ letzter Zugriff am 15.04.21

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Partizipation im Alltag der stationären Hilfe. Partizipationsmöglichkeiten in der stationären Kinder- und Jugendhilfe aus der Nutzerperspektive
Note
18/20
Autor
Jahr
2021
Seiten
73
Katalognummer
V1060957
ISBN (eBook)
9783346472472
ISBN (Buch)
9783346472489
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partizipation Beteiligung Teilnahme
Arbeit zitieren
Jacques Glod (Autor:in), 2021, Partizipation im Alltag der stationären Hilfe. Partizipationsmöglichkeiten in der stationären Kinder- und Jugendhilfe aus der Nutzerperspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060957

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