Die Sklaverei in Westafrika 1898. Der Bericht des Missionars Roderick de Prosch und der Schweizerische Hilfsverein für die Sklaven in Afrika


Seminararbeit, 2019

13 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Abolitionismus allgemein

3 Abolitionismus in der Schweiz

4 Quelleninterpretation

4.1 Quellenkritik
4.2 Beschreibung der Sklaverei und der Sklavinnen und Sklaven
4.3 Zukunft des Hilfsvereins

5 Schlusswort

6 Bibliographie
6.1 Quelle
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Der 1892 gegründete Schweizerische Hilfsverein für die Sklaven in Afrika wollte im Rahmen der Schweizer Abolitionismusbewegung Heime für befreite Sklavinnen und Sklaven in Afrika errichten. Zu diesem Zweck schickte der Verein den französischen Missionar Roderick de Prosch nach Westafrika, mit dem Auftrag, die dortige Situation für ein solches Unterfangen zu beurteilen.1 Damit befand sich der Hilfsverein inmitten der Abolition, die ihren Anfang Ende des 18. Jahrhunderts nahm und insbesondere durch die beiden Imperialmächte Grossbritannien und Frankreich vorangetrieben wurde. Ihre Ziele und Haltungen gegenüber den Sklavinnen und Sklaven veränderte sich im Laufe der Zeit mehrmals.2

In dieser Arbeit werde ich zunächst mithilfe der ausführlichen Sekundärliteratur die Abolition im Allgemeinen beschreiben und im Anschluss die Abolitionsbewegung in der Schweiz sowie ganz kurz deren Zusammenhang mit der Erweckungsbewegung etwas genauer erläutern. Ein Fokus im Zusammenhang mit dem Abolitionismus in der Schweiz liegt auf dem Hilfsverein und seinem Wirken. Zudem wird aufgezeigt, inwiefern über die Abolitionsbewegung in der Schweiz versucht wurde, politische Interessen zu vermitteln und auf die Gesellschaft einzuwirken. Den Hauptteil der Arbeit stellt jedoch der Bericht des Missionars Roderick de Prosch zuhanden des Schweizerischen Hilfsvereins für die Sklaven in Afrika dar, der im 19. Heft der Vereinszeitschrift Der Sklavenfreund publiziert wurde. Der Bericht wird quellenkritisch betrachtet und in Bezug auf dessen Bild, das er über die Sklaverei und die SklavInnen vermittelt, analysiert. Was er für den Fortbestand des Hilfsvereins bedeutet, bildet der Abschluss dieser Arbeit.

Die zentrale Fragestellung der Arbeit lautet, wie im Bericht des Missionars Roderick de Prosch zuhanden des Schweizerischen Hilfsvereins für die Sklaven in Afrika die in Westafrika vorherrschende Sklaverei beschrieben wird und wie er die Situation der Sklavinnen und Sklaven begründet. Zudem möchte ich in diesem Zusammenhang herausfinden, inwiefern der Missionar bei der Beschreibung der SklavInnen mit Stereotypen arbeitet.

2 Abolitionismus allgemein

Der europäische Abolitionismus oder vielmehr die Zielsetzungen der Abolitionsbewegungen lassen sich in vier Phasen einteilen. Federführend waren dabei vor allem die beiden Imperialmächte England und Frankreich, die bis ins 19. Jahrhundert tonangebend blieben. Den Anfang der abolitionistischen Bewegung bildeten publizistisch-politische Kampagnen im England der 1780er Jahre mit dem Ziel, den Sklavenhandel abzuschaffen.3 Zu dieser Zeit wurden sowohl in Grossbritannien (1787)4 wie auch in Frankreich (1788) die ersten europäischen Abolitionsgesellschaften gegründet.5 In der zweiten Phase, die von den 1820er bis in die 1840er Jahre dauerte, war die Abschaffung der Sklaverei in den Überseekolonien das erklärte Ziel. Die dritte Phase dauerte von der Mitte des Jahrhunderts bis zur kolonialen Aufteilung Afrikas, wobei die Abschaffung des «orientalischen Sklavenhandels» und die «innerafrikanische Sklaverei»6 im Zentrum des Interesses stand. Die vierte und letzte Phase lässt sich zeitlich nach dem Ersten Weltkrieg einordnen und endete mit der Gründung des Völkerbundes, der es erstmals ermöglichte, über nationalstaatliche Grenzen hinweg, die Beachtung von Menschenrechten einzufordern.7

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit der «Balgerei um Afrika»8 sahen Vertreter des Abolitionismus die Abschaffung der «innerafrikanischen Sklaverei» nur unter der Voraussetzung der kolonialen Beherrschung und Disziplinierung Afrikas als möglich an. Dies war eine der selbstauferlegten «Bürden des weissen Mannes», also eine aus europäischer Sicht notwendige Pflicht. Der hauptsächlich christlich motivierte Philanthropismus der abolitionistischen Anfänge verband sich mit säkularen Varianten der zivilisatorischen Mission9 zu einer Dreiheit, bestehend aus Abolitionismus, Rassismus und Universalismus, wobei sich Wohlwollen und Dominanzgebaren gegenüber dem kulturell Anderen abwechselten.10 Dies zeigte sich deutlich in der Art und Weise, wie die AfrikanerInnen von den EuropäerInnen wahrgenommen wurden. Dieses Bild veränderte sich im Laufe der Zeit und mit den Phasen der Abolitionismusbewegungen. Waren sie in einer ersten Phase noch «arme Opfer» eines degenerierten transatlantischen Sklavenhandels, für den sich europäische Akteure zu verantworten hatten, wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts der vom «schädlichen»11 Islam geprägte «orientalische Sklavenhandel» für die Situation der SklavInnen verantwortlich gemacht. In beiden Fällen zeigt sich, wie die AfrikanerInnen zu rein passiven Objekten äusserer Einwirkung gemacht wurden.12 Entsprechend war auch die Rhetorik der abolitionistischen Bewegungen von Paternalismus, Vorurteilen und dem Zwang zur Missionierung der AfrikanerInnen geprägt. Überlegenheit und moralische Autorität waren dem Denken und Handeln gegen die Sklaverei inhärent. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die AbolitionistInnen Ansichten in Bezug auf die evidente «Unfreiheit»13 in Teilen Afrikas zu übernehmen, die zuvor massgeblich von SklavereibefürworterInnen vertreten wurden. So erklärte man sich diese «Unfreiheit» damit, dass diese in einer «afrikanischen Natur»14 verwurzelt sein müsse und/oder klimatisch bzw. rassisch bedingt sei.15

Obschon der Abolitionismus primär religiös motiviert und humanitär gesinnt war, hing der Erfolg der abolitionistischen Bewegungen nicht allein von diesen beiden Faktoren ab, sondern war auch eng mit wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen verknüpft.16 Insbesondere in England trieben die Forderungen der industriellen Revolution nach Sklaven und Rohstoffen aus Afrika die abolitionistischen Prozesse an. Es gibt einige Debatten darüber, welcher Faktor – der ideologische oder der kommerzielle – für den britischen Abolitionismus von grösserer Bedeutung war.17 Mit der Abschaffung des Sklavenhandels waren die Abhängigkeitsverhältnisse jedoch nicht einfach in Luft aufgelöst, sondern wurden häufig in andere Formen der Unfreiheit überführt. So folgte auf die Abschaffung des Menschenhandels ein «legitimer»18 Handel mit Naturalwaren, der zu einer massiven Erweiterung der Sklaverei in den davon betroffenen Regionen in Afrika führte. Dies ganz entgegen dem humanitären Ansinnen der AbolitionistInnen.19

Ende der 1880er Jahre war die Abschaffung der Sklaverei und die Unterdrückung des Sklavenhandels zu einem globalen Thema geworden. Während des grössten Teils des 19. Jahrhunderts hatten die AbolitionistInnen im nationalen oder imperialen Rahmen gearbeitet. Die Sklaverei wurde nach den Massstäben eines bestimmten Teils der Gesellschaft als verabscheuungswürdig angesehen, galt aber lange Zeit nicht unbedingt als universelles Unrecht. Ende des Jahrhunderts war dies nicht mehr der Fall.20 Antisklaverei ist sowohl Teil der Geschichte des europäischen Imperialismus in Afrika als auch der europäischen Selbstkritik.21

3 Abolitionismus in der Schweiz

In der Schweiz entstand erst in der zweiten Phase des Abolitionismus, also nachdem der transatlantische Sklavenhandel beendet und die Sklaverei in den englischen und französischen Kolonien verboten worden war, eine Bewegung gegen die Sklaverei. Zu dieser Zeit wurde der erste Abolitionistenverein gegründet, der sich für die Befreiung und Unterstützung der Sklavinnen und Sklaven in Amerika einsetzte.

Durch das Verbot der Sklaverei in der Neuen Welt nahm die Bewegung jedoch ab. Der Schweizer Abolitionismus erstarkte wieder mit der kolonialen Eroberung Afrikas. Insbesondere der von arabischen Händlern betriebene Sklavenhandel auf dem Kontinent zog die Aufmerksamkeit mehrerer europäischer Staaten, auch jene der Schweiz, auf sich. Mehrere in verschiedenen Kantonen gegründete Vereine beteiligten sich an der internationalen Kampagne gegen den Menschenhandel.22 Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Zuge der Evangelisation Äquatorialafrikas mehrere Gesellschaften gegen die Sklaverei gegründet. Darunter war auch der 1889 von der Leitung der Genfer Monatszeitung L’Afrique explorée et civilisée gegründete Schweizerische Antisclaverei-Verein. Die Spannungen zwischen protestantischen und katholischen Vereinigungen und die Verweigerung des Vereins, sich an bewaffneten Expeditionen im belgischen Kongo zu beteiligen, führte zwei Jahre später bereits wieder zu dessen Auflösung. Damit endete auch eine historische Phase der schweizerischen Sklavereigegnerschaft.23

Die in dieser Sache engagierten Personen stellten ihre Tätigkeit von da an in einen internationalen Rahmen, jenen der Erweckungsbewegung24 und somit ihrer religiösen Ausrichtung. In Folge der 1891 in Florenz durchgeführten Weltkonferenz der evangelischen Allianz, der wichtigsten internationalen Institution der Erweckungsbewegung, wurde ein Jahr später der Schweizerische Hilfsverein für die Sklaven in Afrika gegründet. Dieser Verein konzentrierte sich auf die Eröffnung von Heimen für befreite Sklavinnen und Sklaven in Afrika. Dafür wurde unter anderem mit der Mission Romande, der Basler Mission und der Mission de Paris zusammengearbeitet.25

Richtet man den Blick nun wieder auf den Abolitionismus der Schweiz im Gesamten, so stellt man fest, dass die grosse Mehrheit der führenden Persönlichkeiten in den Abolitionistenvereinen protestantische Konservative oder genauer Liberal-Konservative waren. Diese wurden 1848, mit den Freisinnigen an der Macht, immer mehr in die Isolation und in eine Minderheitenposition gedrängt. Durch ihre Minderheitenstellung in den kantonalen Parlamenten und mangels nationaler Organisation kam ihre politische Tätigkeit mehrheitlich ausserhalb der traditionellen Institutionen, insbesondere in Wohltätigkeitsvereinen, und so auch in Abolitionistenvereinen, zum Tragen. Neben dem humanitären Engagement, das sicher eine Hauptmotivation darstellte, wurde die Abolitionismusbewegung auch stark mit den eigenen politischen Interessen verknüpft. Einer dieser politischen Leitsätze war die «Hebung der Sittlichkeit»26, weil die Liberal-Konservativen davon überzeugt waren, dass im Zusammenhang mit einem raschen industriellen Wachstum ein moralischer Verfall der Gesellschaft stattgefunden habe. Entsprechend sei es die Aufgabe der Wohltätigkeitsvereine, gegen diese Unmoral zu kämpfen.27 Die Liberal-Konservativen verwendeten die Befreiung der afrikanischen Sklavinnen und Sklaven als Plattform für ihre eigenen politischen Forderungen. Sie predigten, gestützt auf das Beispiel der afrikanischen Sklaverei, die Notwendigkeit einer «sittlichen Hebung»28 und forderten die Rückkehr zu einem keuschen, religiösen Leben in der nationalen Politik. In diesem Zusammenhang engagierten sich die Liberal-Konservativen als Teil der Erweckungsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts für den Abolitionismus. Dabei nahm der arabische Sklavenhändler, der systematisch als grausam und lasziv beschrieben wurde, eine wichtige Rolle [als Feindbild] ein.29

[...]


1 Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 150-151.

2 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 222.

3 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 222.

4 In England äusserten sich aber bereits seit den 1770er Jahren vor allem Gemeinschaften der Quäker vermehrt öffentlich gegen die Institution der Sklaverei und gegen den Sklavenhandel. Durch die Kooperation mit anderen evangelikalen und anglikanischen Gruppen kam es 1787 zur Gründung der Society for the Abolition of the Slave Trade. (Vgl. Ebd., S. 220.) Während sich der Abolitionismus im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts in Grossbritannien zu einer Massenbewegung ausweitete, die schliesslich zum Verbot des Sklavenhandels 1807 führte, wurde der Abolitionismus auf dem Kontinent jedoch nie zu einem Massenphänomen, obwohl er von englischen Vereinen in verschiedenster Form unterstützt wurde. (Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 124.)

5 Vgl. Drescher, Liberty, S. 173.

6 So wie es nicht den einen innerafrikanischen Sklavenhandel gibt, so gibt es auch nicht den einen orientalischen Sklavenhandel. Insbesondere ist der Begriff Orient hier besonders unspezifisch.

7 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 222.

8 Die «Balgerei um Afrika», alternativ auch Wettlauf um Afrika oder Scramble for Africa genannt, fällt in die Zeit nach 1880 und somit in die Zeit, in der die Grossmächte um die Aufteilung der Welt kämpften. (Vgl. teilw. Kinder/Hilgemann/Hergt, Imperialismus, Sp. 377.)

9 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 231.

10 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 218.

11 Die beiden Begriffe «arme Opfer» und «schädlicher» Islam haben aus meiner Sicht hier eine stark negative bzw. moralisch abwertende Konnotation und sind entsprechend kritisch zu behandeln.

12 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 230.

13 Die Unfreiheit gilt immer nur aus einem europäischen Blickwinkel. Eine afrikanische Perspektive wird nicht eingenommen. Darauf ist m.E. bei der Lektüre besonders zu achten.

14 Von einer «afrikanischen Natur» als gegebenes Faktum zu sprechen erachte ich als hoch problematisch und gehört deshalb entsprechend typografisch vermerkt.

15 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 222.

16 Vgl. Ebd., S. 224.

17 Vgl. Getz, Slavery, S. 29.

18 Die Legitimität dieses Handels der Europäer mit Ressourcen aus Afrika ist nicht selbstevident und sollte kritisch betrachtet werden.

19 Vgl. Sonderegger, Abolitionismus, S. 221.

20 Vgl. Mulligan, Anti-slavery politics, S. 166.

21 Vgl. Cooper, Moral Discourse, S. 29.

22 Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 123-124.

23 Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 148-150.

24 Die Pietisten stellten sich gegen die rationalistischen und atheistischen Strömungen der Zeit und gegen die kirchenpolitischen Zänkereien. Um auf diese Tendenzen zu reagieren bemühten sich die Pietisten um eine dem Glauben entsprechende beispielhafte Lebensführung, wofür sich insbesondere die Verkündung von Gottes Wort in fernen Ländern eignete. (Vgl. Schweizer, Mission, S. 14.)

25 Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 150.

26 Dieser Begriff ist stark moralisch aufgeladen und mit klaren politischen Zielen der Liberal-Konservative verbunden.

27 Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 156-159.

28 Vgl. Fussnote zu «Hebung der Sittlichkeit», S. 7.

29 Vgl. David/Etemad/Schaufelbuehl, Schwarze Geschäfte, S. 157-160.

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Details

Titel
Die Sklaverei in Westafrika 1898. Der Bericht des Missionars Roderick de Prosch und der Schweizerische Hilfsverein für die Sklaven in Afrika
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V1061078
ISBN (eBook)
9783346481368
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sklaverei, Westafrika, Bericht, Missionar, Roderick de Prosch, Schweizerischer Hilfsverein für die Sklaven in Afrika, Sklaven, 1898, Proseminararbeit
Arbeit zitieren
Basil Matthias Kunz (Autor), 2019, Die Sklaverei in Westafrika 1898. Der Bericht des Missionars Roderick de Prosch und der Schweizerische Hilfsverein für die Sklaven in Afrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1061078

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