Imre Nagy vor und während des Ungarnaufstandes 1956


Seminararbeit, 2001

14 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 REFORMER UND REVOLUTIONÄR
2.1 Imre Nagys Leben
2.2 Der Neue Kurs

3 VOR DEM AUFSTAND
3.1 Nagy Stellung in Partei und Opposition
3.2 Nagy und die Bevölkerung

4 WÄHREND DES AUFSTANDES
4.1 Nagy zwischen Aufstand und Partei
4.1.1 Der 23. Oktober
4.1.2 Nagy ist abgeschottet
4.2 Der Ministerpräsident erkennt den Aufstand an
4.3 Verhandlungen mit der UdSSR
4.4 Neutralität und Einmarsch

5 SCHLUSSWORT

6 BIBLIOGRAPHIE

1 Einleitung

Nach dem Tod Stalins und dem XX. Parteitag der KPdSU schien sich der Sowjetblock entspannt zu haben. In den Satellitenstaaten Ostmitteleuropas brach ein größerer Drang nach Unabhängigkeit aus, so dass es in Polen 1956 zu Aufständen kam, die friedlich mit der Sowjetunion beigelegt werden konnten. Auch in Ungarn war die Unzufriedenheit so groß, dass ein Aufstand ausbrach. Doch dieser Aufstand endete mit dem Einmarsch russischer Truppen und der Hinrichtung des Ministerpräsidenten Ungarns, Imre Nagy.

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, welche Rolle Imre Nagy im Ungarn-Aufstand gespielt hat. Meine These ist, dass Nagy der Kristallisationspunkt des Aufstandes war. Um ihn herum hat sich die Opposition gegen die stalinistische Führungs-Clique Mátyás Rákosis gebildet. Nach Zögern hat er sich selbst an den Kopf des Aufstandes gestellt.

Deswegen möchte ich damit beginnen darzustellen, wer Nagy selbst war, wie sein Leben verlaufen ist und was er wollte. Auf diesen Punkten aufbauend möchte ich untersuchen, welche Stellung er in Ungarn in der Partei, der Opposition und der Bevölkerung hatte und wie diese Stellung dazu geführt hat, dass Nagy zum Kristallisationspunkt des Aufstandes geworden ist. Im Aufstand selbst hat Nagy eine ambivalente Rolle gespielt, die genauer untersucht werden soll. Außer den inneren Problemen des Landes kommt hier noch eine weitere Kategorie ins Spiel: Die Sowjetunion.

Zur Darstellung des Aufstandes habe ich mich hauptsächlich auf das Buch von György Litván und János Bak „Die Ungarische Revolution 1956“ und auf das Buch von Miklós Molnár und László Nagy „Imre Nagy - Réformateur ou Révolutionaire“ gestützt. Das Buch von Litván und Bak ist eine neuere Darstellung von 1994, während Nagy und Molnár nur drei Jahre nach dem Aufstand und mit dem Focus auf Nagy selbst ihr Buch geschrieben haben.

Außer der Frage nach Nagy als Kristallisationspunkt soll auch noch die Frage erörtert werden, ob Nagy, wie Nagy und Molnár fragen, Revolutionär oder Reformer gewesen ist.

2 Reformer und Revolutionär

2.1 Imre Nagys Leben

Nagy stammt im Unterschied zur Clique um den stalinistischen Generalsekretär der MDP Mátyás Rákosi aus einer Bauernfamilie1. So war die Landwirtschaft war auch das Thema, mit dem sich Nagy sein Leben lang auseinandersetze. In der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei machte er in der Zwischenkriegszeit Propaganda bei den Bauern, sprach auf Parteikongressen über die „Revolution als Verteilerin der Äcker“, arbeitete im Internationalen Agronomischen Institut in Moskau und erarbeitete 1945 die Agrarreform, die ihn bei den Bauern sehr beliebt machte2. „Ich habe den größten Teil der letzten dreißig Jahre meines Lebens dem Studium der Agrarfragen und besonders der revolutionären Neuverteilung des Bodens gewidmet“3.1945 wurde er Innenminister und gehörte zu den Führungsgremien der Partei, zwei Jahre später wurde er Parlamentsvorsitzender. 1949 wurde er aber wegen Kritik am Personenkult um Rákosi und des zu hohen Tempos der Kollekivierung der Landwirtschaft aus seinen Ämtern ausgeschlossen4. So widmete er sich als Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften nun vollständig der Landwirtschaft. 1953 bis 1954 war er Ministerpräsident, musste aber auf Druck der Rákosi-Clique zurück treten und wurde dann in der Revolution von 1956 noch einmal für kurze Zeit Ministerpräsident. Am 16. Juni 1958 wurde er wegen Verrats hingerichtet5.

Nagy war sein ganzes Leben lang Kommunist, treu der Partei ergeben. Doch sein Sozialismus sollte ein Sozialismus der Menschen sein. Der Sozialismus sollte mit den Menschen zusammen aufgebaut werden6. Insgesamt 15 Jahre verbrachte Nagy in Russland, dem Mutterland der Revolution, 40 Jahre war er in der Partei7.

2.2 Der Neue Kurs

Nachdem Rákosi massiv vom Zentralkommittee der KPdSU kritisiert wurde8, setzte die MDP Imre Nagy als Ministerpräsident ein. Der Neue Kurs, den er für Ungarn vertrat, sollte auch Grundlage für seine zweite Regierung während des Aufstandes bilden.

Mit dem Neuen Kurs wurde klar, dass Nagy eine Alternative zum Stalinismus der RákosiClique bot. Er benutzte nicht nur die vorgestanzte Terminologie der kommunistischen Phrasen vom Fortschreiten des Sozialismus, sondern sprach Probleme an, kritisierte Fehlentwicklungen und versprach Verbesserungen.

Der wichtigste Teil des Neuen Kurses war ein Umsteuern in der Wirtschaftspolitik. In seiner Rede vor dem Ungarischen Parlament am 4. Juli 1953 kritisierte Nagy Rákosis Wirtschaftspolitik9, die zur Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung geführt hatte. In Nagys neuem Kurs sollte die Beschleunigung der Schwerindustrie zurück treten vor der Produktion von Verbrauchsgütern und Lebensmitteln. In der Landwirtschaft nahm Nagy die Kollektivierung zurück und erlaubte den Bauern, aus Genossenschaften auszutreten und Einzelbewirtschaftung zu betreiben. Aber nicht nur die Wirtschaftspolitik sprach Nagy an. Der Staat sollte dafür sorgen, dass Recht und Ordnung in den Behörden wieder her gestellt wird; die Internierungslager wurden aufgelöst und „unbegründete Mehrarbeit [und] Geldbußen als Disziplinarmaßnahmen gegen Arbeiter und Angestellte“ wurden abgeschafft10. „Die Veränderungen wurden auf dem Land mancherorts regelrecht gefeiert [...] Es schien, als würde die Schraube, die von den Machthabern in den vergangenen vier bis fünf Jahren immer fester angezogen worden war, jetzt gelockert.“11 - dank Imre Nagy.

Doch Nagy konnte in seinen fast zwei Jahren als Ministerpräsident sein Programm nicht voll durchsetzen. Rákosi als Parteichef steuerte ständig dagegen. Im parteiinternen Machtkampf verlor Nagy. Dafür war auch der Druck der UdSSR entscheidend, die die „Rechtsabweichung“ Nagys geißelte12. Nach einem Beschluss des Zentralkommitees der MDP (ZK) musste Imre Nagy am 14. April all seine Ämter niederlegen. Auch seine Professur und seine Mitgliedschaft in der Ungarischen Akademie der Wissenschaften wurden ihm entzogen, Ende 1955 musste er aus der Partei austreten. In dieser Zeit schrieb er zahlreiche Eingaben an das ZK, das später unter dem Titel „Imre Nagy. Politisches Testament“ erschien.

In diesem bekennt er sich schon 1955 zu den fünf Grundsätzen der internationalen Beziehungen, wie sie in der Deklaration von Bandung 1955 formuliert worden sind:

Nationale Unabhängigkeit, Souveränität, Gleichberechtigung, Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und Selbstbestimmung. Diese Thesen sollten beim Versuch, den Ungarischen Aufstand zu retten, von zentraler Bedeutung sein.

Während Nagy das erste Mal Ministerpräsident war, war er Reformer. Der Neue Kurs war eine Reform innerhalb der Sozialistischen Volksdemokratie. Die Verbesserungen waren Verbesserungen der Planwirtschaft; die Stellung der Partei wurde nicht angezweifelt.

3 Vor dem Aufstand

3.1 Nagy Stellung in Partei und Opposition

Nachdem Imre Nagy von seinen Ämtern zurück treten musste, bildete sich um ihn ein Kreis von Oppositionellen, der sich vom Sommer 1955 bis zum Herbst 1956 immer stärker erweiterte. Die Opposition bestand im Zentrum aus Nagy mit seinen direkten Freunden und Bekannten. Dazu kamen Schriftsteller, Künstler und Journalisten; Funktionäre der Partei: Ökonomen, Agrarwissenschaftler und junge marxistische Theoretiker aus den Eliteschulen des Landes und der Partei: „ces gens constituaient une élite intellectuelle au sein du parti“13 ; die Rajkisten, die teilweise wegen ihrer Zusammenarbeit mit Rajk im Gefängnis gesessen hatten und während der Regierung Nagys entlassen wurden; sowie Sozialdemokraten und sozialistische Bauern14. Im Großen und Ganzen kam die Opposition aus der Partei selbst. Litván und Bak schreiben, dass eine Opposition von außerhalb gar nicht möglich gewesen wäre: „Ein Angriff auf die Führung oder das Aufbrechen von Strukturen [konnte] nur dann eine Chance haben [...], wenn der Versuch innerhalb dieser Strukturen selbst erfolgte.“15 Trotzdem war die Opposition keine feste Gruppe mit einem festen Rahmen, die eine organisierte Verschwörung gegen die Regierung betrieb, wie es später im Prozess gegen Nagy geheißen hat16.

Nagy bildete den Kristallisationspunkt der Opposition. Er war „une sorte de pont entre le pouvoir et le peuple“17. Wie Molnár und Nagy in ihrem Buch beschreiben, waren es die persönlichen Qualitäten Nagys, seine Popularität und sein Mut, die ihn zum Mittelpunkt der Opposition prädestinierten. (Auch Miklós Molnár und László Nagy waren im Kreis um Imre Nagy. Molnár war Hitoriker und Journalist, Nagy Schriftsteller) Dass er immer wieder von Rákosi und seiner Clique angegriffen wurde, gegen die man ja kämpfte, erhöhte seine Glaubwürdigkeit. Trotzdem ist es Nagy nie in den Sinn gekommen, gegen die Kommunistische Partei als solche oder gegen den Kommunismus selbst zu opponieren. Er blieb der Partei auch während seines Ausschlusses treu und schrieb viele Stellungnahmen und Protestnoten an das ZK der MDP. Die Opposition war also in erster Linie keine antisozialistische, sondern eine antistalinistische Opposition.

So kam es innerhalb der Opposition auch zu massiven Spannungen, weil für Nagy die Parteidisziplin an erster Stelle stand, während viele der Oppositionellen sich immer mehr von der Partei entfernten und sogar zum Marxismus-Leninismus auf Distanz gingen18. Diese Spannung bildet auch die Grundlage der anfänglichen Schwierigkeiten Nagys während des Aufstandes.

3.2 Nagy und die Bevölkerung

Molnár und Nagy beschreiben Imre Nagys ambivalente Stellung in der Bevölkerung. Bei den oppositionellen Intellektuellen und Parteimitgliedern genoss Nagy Vertrauen, weil er selbst den gleichen Weg über die Partei und den Kommunismus gegangen war, wie sie selbst. Die Bauern sahen in Nagy zwar den Kommunisten, waren ihm aber immer noch dankbar wegen der Agrarreform nach 1945 und den Antikollektivierungsmaßnahmen des Neuen Kurses. Auch die Arbeiter waren ja Nutznießer des Neuen Kurses gewesen. Die technische Intelligenz sah in Nagy einen verständigen Politiker, der auf ihren Rat hörte. In der Kirche genoss er Sympathie, weil er, obwohl Kommunist und Atheist, der Kirche gegenüber tolerant war. So versuchte Nagy nicht, die Heirat seiner Tocher mit einem protestantischen Pfarrer zu verhindern und wohnte sogar der Hochzeit in einer calvinistischen Kirche in Budapest bei19. Dennoch war es auch ein Gefühl der Skepsis, das der große Teil der Bevölkerung Nagy gegenüber hatte. Denn Kommunismus war ihnen immer noch mit Mátyas Rákosi und dem Stalinismus verbunden. Schließlich kamen die Intellektuellen um Nagy aus der Partei oder standen ihr nahe, hatten früher selbst Oden auf Stalin gedichtet oder stalinistische Propaganda geschrieben, bevor sie in die Opposition kamen. Auch Nagy selbst war immer wieder Minister unter Rákosi gewesen.

4 Während des Aufstandes

4.1 Nagy zwischen Aufstand und Partei

4.1.1 Der 23. Oktober

Als am 23. Oktober eine Demonstration angekündigt wird, ist Nagy gerade von einem verlängerten Wochenende bei Freunden am Plattensee zurück gekehrt. Zu Hause angekommen stürmen sofort Freunde auf ihn ein, er solle zu den Demonstranten - Studenten, Arbeitern und Einwohnern Budapests - sprechen. Auch die Demonstranten selbst rufen „Imre Nagy an die Macht“ - für sie ist Nagy der Garant von Fortschritt in Ungarn20. Nagy aber hält sich zurück. Er wartet darauf, dass die Partei ihn ruft.

In dieser Situation wird Nagy das erste Mal vor die Wahl gestellt: Sein Volk oder seine Treue zur Kommunistischen Partei. Nagy entscheidet sich nach 40 Jahren Parteidisziplin für die Partei. Das Politbüro ruft ihn, damit er die Demonstranten beruhigt. Um 21 Uhr hält er vom Balkon des Parlaments eine Rede. Ungeschickter weise beginnt er sie mit „Genossen“. Das Programm von 1953 solle parteiintern besprochen werden, sagt er. Auch die momentanen Missstände sollen in der Partei gelöst werden. Bevor das geschieht, sollen die Menschen Ruhe und Ordnung halten. Daraufhin fordert er die Menschen auf, nach Hause zu gehen. Die Menge ist desillusioniert. Nagy war ihre Hoffnung auf Veränderung. Doch auf ihre Forderungen geht Nagy in seiner Rede in keinem Satz ein. Die meisten folgen Nagys Aufruf, die Menge löst sich auf. Doch eine Gruppe spaltet sich ab, um im Radio die Forderungen der Demonstranten zu verlesen. Der Aufstand beginnt.

Beim nächtlichen Treffen des ZK wird Nagy um Mitternacht von Ernö Gerö, dem stalinistischen 1. Sekretär, gerufen und als Ministerpräsident eingesetzt. Gerö erhofft sich zum einen Beruhigung der Lage, zum anderen will er Nagy den Aufständischen gegenüber kompromittieren21. Um vier Uhr morgens treffen auch russische Truppen ein. Wahrscheinlich hatte sie Gerö bei seinen Telefonaten mit dem Politbüro in Moskau gerufen22. Am nächsten Morgen verkündet Radio Budapest den Ausnahmezustand. Versammlungsverbot und Ausgangssperre werden erteilt, den Aufständischen werden Standgerichte angedroht. Obwohl Nagy an den Beschlüssen, die das ZK noch vor Mitternacht getroffen hat, nicht beteiligt war, bleibt er für die Aufständischen mit den Notmaßnahmen verbunden23.

Die desillusionierende Rede Nagys und sein Name unter den Notmaßnahmen entfremden die Aufständischen von ihm. Hätte sich Nagy in diesem Moment der Menge nicht verweigert, vielleicht wäre es nicht zum Aufstand gekommen.

In den Monaten zuvor war es die Gruppe um Nagy, die zusehends die Willkür der Clique um Rákósi gezeigt und angegriffen hatte. Durch diese Angriffe, die durch Schriftsteller und Journalisten in die Öffentlichkeit getragen worden waren, kam es erst zu einer Destabilisierung des Regimes. Jetzt, wo die Menschen nach Nagy rufen, verweigert er sich. War er vorher noch Mittelpunkt des Widerstandes, entzieht er sich im entscheidenden Moment.

4.1.2 Nagy ist abgeschottet

Es ist schwierig, den genauen Ablauf vom 24. bis zum 27. Oktober genau wiederzugeben. Die Ereignisse überstürzen sich, von allen Seiten stümen Forderungen auf Nagy ein, von einem Moment auf den anderen verändern sich Machtkonstellationen. Dieses Chaos erschwert nicht nur die Darstellung, sondern hat wohl auch Nagy die Lage sichtlich erschwert. Er findet sich vom Volk an die Spitze eines Aufstandes gesetzt, dessen Ziele er nicht teilt24 ; Reformen sind mit den Stalinisten Gerö und Hagedüs kaum zu unternehmen und über allem schwebt unheilvoll der Schatten der Sowjetunion.

Auf der ZK-Sitzung werden auch Ferenc Donáth und Géza Losonczy, Freunde von Nagy aus der innerparteilichen Opposition, rehabilitiert und ins ZK berufen. Doch sie weigern sich, nach der Verkündung des Ausnahmezustands weiterhin an Sitzungen des ZK teilzunehmen. Nagy steht allein an der Spitze des Staates und hofft, „dass die Entscheidung über die Reformen nicht auf der Straße stattfinden, und dass die politische Führung in der Lage sein werde, die notwendigen Schritte zu unternehmen.“25 Nagy bleibt der Partei und dem Marxismus-Leninismus treu - wenn Veränderungen statt finden, dann nur mit der Partei. Doch während Nagy bis zum 27. Oktober weiterhin versucht, von der Partei aus den Aufstand zu lenken, gewinnt der Aufstand unabhängig von den offizielle Strukturen Kraft und radikalisiert sich zusehends.

Nagy kämpft an zwei Fronten. Gegen die legale Macht mit Gerö an der Spitze, der versucht, den Aufstand blutig niederzuschlagen, und gegen den Aufstand selbst, der die Führungsrolle der Partei nicht länger anerkennt26.

Nagys ausgleichendes Temperament lässt ihn den Versuch unternehmen, von der Seite der Macht - aber immer noch gegen Gerö und Hagedüs - die Lage zu entspannen und den Forderungen der Aufständischen gerecht zu werden. In diesen Tagen verlässt er sein Büro nicht, er hat keinen Kontakt zu seiner Familie oder zu seinen Freunden27. Isoliert und ohne zu wissen, wie stark der Aufstand schon geworden ist, versucht er, mit einem „compromis honorable“28 die Lage zu entspannen. Am 25. erklärt Nagy im Radio, dass es ein Fehler war, die sowjetischen Truppen ins Land zu rufen29. Er verkündet, die Regierung werde mit der Sowjetunion über den Truppenabzug verhandeln; die Fristen für die Abgabe der Waffen werden verlängert. Am 26. trifft er sich mit einer Arbeiterdelegation und verspricht, eine neue Regierung zu bilden, in der auch „die begehrende Öffentlichkeit“ berücksichtigt werden soll30.

Der russische Gesandte Anastas Mikojan erkennt schnell, das Gerö den Aufstand nicht mehr im Griff hat und setzt ihn ab. Janos Kádár, ein alter Weggefährte Nagys, wird 1. Sekretär. Doch die Umbildung der Führungsriege reicht nicht aus, um dem Aufstand gerecht zu werden. Die Forderungen der Aufständischen haben sich radikalisiert: Sie wollen Demokratie, den Abzug der russischen Truppen sowie Neutralität und die Unabhängigkeit Ungarns.

4.2 Der Ministerpräsident erkennt den Aufstand an

Eine entscheidende Wende bringen die Verhandlungen in der Parteiführung in der Nacht des 27. auf den 28. Oktober. Kádár stellt sich endgültig auf Nagys Seite31. Am Morgen ruft Nagy den Waffenstillstand aus. In einer Radioansprache verkündet Nagy, dass der Aufstand als „national-demokratische“ Revolution anerkannt wird, die Sowjettruppen bald das Land verlassen werden und die AVH, die gefürchtete Geheimpolizei, aufgelöst wird. Zudem übergibt das ZK der MDP die Leitung der Partei einem sechsköpfigen Parteipräsidium, dem auch bürgerliche Politiker angehören32. Nagy sieht die Lage nach Gesprächen mit seinen Freunden jetzt klar. Er ist jetzt von allen anerkanntes Staatsoberhaupt: „Il n´était plus entre le peuple et le pouvoir, il n´était plus en retard d´une mesure, il savait avec qui gouverner et ce qu´il fallait faire.“33 Gerö und Hagedüs werden abgesetzt und in die UdSSR geflogen.

Die Gesandten der Sowjetunion, Anastas Mikojan und Mihail Suslow stimmen den Änderungen in der Spitze der Regierung zu. Sie wissen noch nicht, wie sich das Politbüro in der UdSSR stellen wird34. In einem Bericht schreiben sie aber: „From our part we warned them that no further concessions can be made, otherwise it will lead to the fall of the system“35.

Von den hemmenden Kräften in der Partei befreit, geht Nagy weiter. Immer mehr Forderungen des Aufstands erkennt seine Regierung an: Am 30. Oktober wird die MDP aufgelöst und als Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (MSZMP) wieder gegründet, der Einparteienstaat wird aufgelöst und die Koalitionsregierung von 1945 wieder hergestellt - „Voilà la grande hérésie!“36

4.3 Verhandlungen mit der UdSSR

Imre Nagy ist klar: „La retraite des troupes soviétique resta donc la clé du problème hongrois.“37 Dadurch, dass er den Aufstand beruhigt zu haben schien, glaubte er, den Sowjets einen Schritt entgegen gekommen zu sein. Und tatsächlich: Am 29. Oktober zogen sich die ersten russischen Truppen aus Budapest und Ungarn zurück38. Am 30. kamen Mikojan und Suslow wieder nach Budapest und brachten eine Erklärung der Sowjetführung mit. In der hieß es, die UdSSR werde neue Fundamente für das Verhältnis zu den sozialistischen Ländern aufbauen. In den vergangenen Jahren seien viele Fehler gemacht worden. Jetzt gehe es darum, Gleichheit zwischen den Ländern zu schaffen, zu der auch die Nichteinmischung in interne Angelegenheiten gehöre. Zudem brachten die sowjetischen Gesandten das Versprechen mit, über den russischen Truppenabzug zu verhandeln39.

In diesem Moment schien Nagy den Sieg davon getragen zu haben. Denn die Erklärung der Sowjets bestätigte die Schriften Nagys, in denen er selbst die Unabhängigkeit Ungarns schon vor dem Aufstand gefordert hatte. In diesem Moment seines scheinbar größten Sieges, nämlich des Sieges auf der Front der legalen Macht und auf der Seite des Volkes, kehrte sich der Sieg in die größte Niederlage um40. Denn schon in der Nacht des 31. Oktober treffen die ersten Meldungen ein, dass russische Truppen wieder ins Land kommen. Nagy ruft sofort den russischen Botschafter Yuri Andropov an. Der aber teilt mit, es handle sich nur um einfache Truppenbewegungen41. Nagy bittet noch um ein Treffen mit der sowjetischen Führungsspitze. Die Sowjets lehnen ab42.

4.4 Neutralität und Einmarsch

Nagy versucht, mehr Ruhe und Ordnung im Land zu schaffen: Regierungsorgane enstehen um das Kabinett herum, die Ordnungskräfte werden unter Beteiligung der Aufständischen neu organisiert. Aber „das alles blieb auf die sowjetischen Truppenbewegungen ohne jede Auswirkung.“43 Doch Nagy versucht nicht, sich an die Spitze der Restauration zu stellen. Er versucht, die Revolution zu retten, indem er den radikalsten Forderungen der Aufständischen gerecht wird: Am 1. November verkündet Nagy den Austritt aus dem Warschauer Pakt und erklärt die Neutralität Ungarns. Die Begründung ist, das der Pakt durch die russische Intervention verletzt worden ist44. Zudem hätte es sein können, dass die UdSSR die Neutralität anerkennt. Aus Österreich war die Rote Armee abgezogen, das Land wurde neutral. Auch Jugoslawien war neutral. Ungarn hätte genau so zu einem blockfreien Land werden können.

Doch die Rote Armee marschiert weiter. Weder von der UNO, noch von den Polen oder Tito kommt Hilfe. Am 4. November erreichen die Truppen Budapest - am gleichen Tag geben János Kádár und Ferenc Münnich die Bildung einer Gegenregierung bekannt45. Die Revolution ist beendet, Nagy und seine Freunde fliehen in die jugoslawische Botschaft. Am 22. November wollen sie mit einem Bus nach Hause fahren. Sie werden aber entführt und nach Rumänien gebracht. Am 16. Juni 1958 wird Nagy hingerichtet.

5 Schlusswort

Ich habe mich in dieser Arbeit vor allem auf ungarische Autoren gestützt. Nagy und Molnár schreiben in ihrem 1958 erschienen Buch noch sehr stark unter dem Eindruck des Aufstandes, an dem sie selbst beteiligt gewesen sind. Weil sie Imre Nagy persönlich gekannt haben, schreiben sie sehr eindringlich über ihn und versuchen genau zu beschreiben, welche Konflikte er austragen musste. Dabei wird ihre Sprache oft auch pathetisch. Zum Beispiel, wenn von Volk und Macht gesprochen wird. Weil sie aber am nächsten an der Figur Nagys waren, habe ich viele Stellen übernommen. Dies auch, um Nagys Tragik zu verdeutlichen. In ihrem Buch wird deutlich, wie Nagy zur Kristallisationsfigur des Aufstandes wurde. Erst als Reformer in der Regierung, dann in der Opposition und nach einigen Tagen Zögern auch die der Revolution. Somit ist Nagy auch ein Revolutionär.

Liván und Bak schreiben mit dem Abstand einer Generation. Bei allen Autoren fällt auf, dass der Aufstand das zentrale Ereignis der Ungarn ist. Ich denke, dass der Aufstand so etwas wie ein Gründungsmythos des nachsozialistischen Ungarns ist, und dass die Autoren jenseits der objektiven Erforschung und Darstellung auch den Versuch unternehmen, diesen Gründungsmythos weiter zu schreiben.

6 Bibliographie

Aczel, Tamas; Meray, Tibor: Die Revolte des Intellekts. Die geistigen Grundlagen der Ungarischen Revolution; München, o.J.

Békés, Csaba: The 1956 Hungarian Revolution and World Politics; in: Cold War International History Project, Working Paper No. 16, o.O., September 1996

Der Fall Imre Nagy. Eine Dokumentation; Köln, 1958

Litván, György, János M. Bak (Hg.): Die Ungarische Revolution 1956. Reform-Aufstand- Vergeltung; Wien, 1994

Molnár, Miklós; Nagy, László: Imre Nagy. Réformateur ou révolutionaire; Paris, 1959

Rainer, János M.: The Yeltsin Dossier. Soviet Documents on Hungary, 1956; in: Cold War International History Project Bulletin 5

Sager, Peter (Hrg.): Imre Nagy. Zur politischen und rechtlichen Bedeutung seiner Ermordung; in: Schriftenreihe des Schweizerischen Ost-Insituts, Heft 3; Bern, 1959

[...]


1 Sager, Peter (Hrg.): Imre Nagy. Zur politischen und rechtlichen Bedeutung seiner Ermordung; in: Schriftenreihe des Schweizerischen Ost-Insituts, Heft 3; Bern, 1959, S. 3

2 Der Fall Imre Nagy. Eine Dokumentation; Köln, 1958, S. 135-136

3 Imre Nagy schreibt das in einer Arbeit 1955, zit. nach Der Fall Imre Nagy, S. 135

4 Der Fall Imre Nagy, S. 135

5 ebenda

6 Litván, György, János M. Bak (Hg.): Die Ungarische Revolution 1956. Reform-Aufstand-Vergeltung; Wien, 1994, S. 39

7 Sager, S. 3

8 Litván, Bak, S. 36

9 Molnár, Miklós; Nagy, László: Imre Nagy. Réformateur ou révolutionaire; Paris, 1959, S. 71-72

10 Auszüge aus der Rede Imre Nagys vor dem Parlament, in: Aczel, Tamas; Meray, Tibor: Die Revolte des Intellekts. Die geistigen Grundlagen der Ungarischen Revolution; München, o.J., S.146-150

11 in: Litván; Bak, S. 38

12 ebnda, S.44

13 Molnár, Nagy, S. 133

14 ebenda

15 Litván, Bak, S. 47

16 Das ganze Buch „Der Fall Imre Nagy“ ist dafür ein Plädoyer

17 Molnár, Nagy, S.155

18 Litván, Bak, S. 49

19 László Nagy in: Sager, S. 5

20 Molnár, Nagy, S. 180

21 edenda, S. 185

22 Litván, Bak, S.71

23 ebenda, S.72

24 Molnár, Nagy, S. 191

25 Litván, Bak, S. 72

26 Molnár, Nagy, S. 191

27 ebenda, S. 192

28 ebenda, S.191

29 Békés, Csaba: The 1956 Hungarian Revolution and World Politics; in: Cold War International History Project, Working Paper No. 16, o.O., September 1996, S. 10

30 Meldungen der Nachrichtenagentur Reuter vom 25.10.1956 bis zum 26.10., in: Sager, S. 22-23

31 Litván, Bak, S. 89

32 ebenda, S. 187

33 Molnár, Nagy, S. 200

34 ebenda, S. 89

35 zit. nach: Rainer, János M.: The Yeltsin Dossier. Soviet Documents on Hungary, 1956; in: Cold War International History Project Bulletin 5

36 Molnár, Nagy, S. 203

37 Mólnar, Nagy, S. 202

38 Békés, S. 10

39 ebenda

40 Molnár, Nagy, S. 205

41 enbenda, S. 209

42 Békés, S. 11

43 Litván, Bak, S. 96

44 ebenda, S. 97

45 ebenda, S. 106

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Imre Nagy vor und während des Ungarnaufstandes 1956
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V106112
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Imre, Nagy, Ungarnaufstandes
Arbeit zitieren
Fabian Lindner (Autor), 2001, Imre Nagy vor und während des Ungarnaufstandes 1956, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106112

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