Das Biopic "Astrid" (2018) aus feministischer Sicht. Anwendung zweier Theorien auf den Film


Hausarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Theorieüberblick
2.2 Handlung von Astrid (2018)
2.3 Filmanalyse
2.4 Feministische Lesarten des Films Astrid (2018)

3. Conclusio

4. Literaturverzeichnis

5. Webquellenverzeichnis

6. Filmquelle

Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt.

Filmplakat zu Astrid (2018)

1. Einleitung

Im internationalen Mainstream sind Spielfilme mit Biopic-Charakter über Frauen längst angekommen und Filme über die Emanzipation von Frauen wie Wüstenblume (2009), Hannah Arendt (2012), Joy (2015) und Paula (2016) haben das internationale Publikum erobert. Im Jahr 2018 wurde das Genre durch eine Produktion namens Astrid (2018) von der dänischen Regisseurin Pernille Christensen bereichert, welche die Schriftstellerin Astrid Lindgren in einem frühen Lebensabschnitt portraitiert. Der Film hat in der deutschsprachigen sowie in der englischsprachigen Presse gute bis sehr gute Rezensionen bekommen, die Kritiker*innen loben unter anderem die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Alba August (Catsoulis, 2018; Gangloff, 2018; O'Sullivan, 2018; Phillips, 2018; Schweizerhof, 2018; Steinitz, 2018; Sterneborg, 2018; VanDenburgh, 2019). Seine Weltpremiere feierte die dänisch-deutsch-schwedische Co-Produktion bei der Berlinale 2018. Die Rezeption des Films war positiv; auf der Internet-Plattform Rotten Tomatoes erhielt der Film von Zuschauer*innen überwiegend positive Bewertungen (Rotten Tomatoes: https://www.rottentomatoes.Com/m/becoming astrid). In Deutschland war der Film auf Platz 66 der 100 zuschauerreichsten Kinofilme des Jahres 2018 und war mit 385 000 Kinozuschauer*innen in Deutschland relativ erfolgreich (Peters 2018). Der Erfolg hat sicherlich mit dem Bekanntheitsgrad Astrid Lindgrens und ihrer Kinderliteratur und zu tun. Lindgren war darüber hinaus auch politische Aktivistin für Kinder- und Tierrechte, schrieb Kriegstagebücher von 1939 bis 1945 und arbeitete für den schwedischen Geheimdienst in der Abteilung der Briefzensur (Steinitz 2018). In Angesicht der Vielfalt an Themen, die Astrid Lindgrens Leben für eine Verfilmung bietet, ist es überraschend, dass die Regisseurin Pernille Christensen einen Film über einen eher unbekannten Lebensabschnitt der späteren Weltbestsellerautorin drehte. Das biographische Drama zeigt, wie Astrid Lindgren (geborene Ericsson) in den 1920ern unehelich schwanger wird und das Kind unter klandestinen Umständen im Nachbarland Dänemark zur Welt bringt. Astrid durchläuft in dieser spätpubertären Phase eine Krise, über die sie später nur sehr selten gesprochen hat (Andersen 2015). Der Originaltitel sowie der englischsprachige Titel des Films lautet Unga Astrid bzw. Becoming Astrid, was bereits andeutet, dass es darum geht, unter welchen Umständen sie erwachsen wurde.

Der Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson erzählt, dass er eigentlich keine historischen Biopics mache, aber in dieser Geschichte so viele zeitgenössische Probleme erkannt habe, dass es nicht schwierig war, sich in die Epoche, in welcher der Film spielt, hineinzuversetzen (Quelle: Pressekonferenz zu Unga Astrid bei der Berlinale 2018). Asymmetrische Geschlechterverhältnisse erschweren es Astrid als Frau, die richtige Entscheidung zu treffen. Auch Alba August war es ein Anliegen, diese Geschichte an die große Öffentlichkeit zu bringen, denn die Geschlechterverhältnisse spielen sowohl zur damaligen Zeit als auch heutzutage noch eine große Rolle (Sterneborg 2018). Da auch in der Rezeption feministische Lesarten des Films existieren - die Washington Post betitelt den Film als „feminist coming-of-age-tale“ (O'Sullivan 2018) - zielt diese Arbeit darauf ab, die patriarchalen Strukturen in Astrid zu analysieren sowie herauszufinden, inwiefern zwei Perspektiven der feministischen Theorie in Bezug auf die Lesart des Films fruchtbar sind.

Diese Hausarbeit gliedert sich in fünf Abschnitte. Der erste Abschnitt des Hauptteils gibt einen Überblick über die Grundlagen der feministischen Theorie mit dem Fokus auf die same/difference Debatte. Der zweite Abschnitt fasst den Inhalt des Films zusammen und setzt ihn für ein tieferes Verständnis in den Kontext von Astrid Lindgrens Leben im Schweden der 20er Jahre. Dann folgt eine Analyse des Films Astrid, anhand der von Mikos (2008) aufgestellten Kategorien. Im vierten Abschnitt wird der Film durch die verschiedenen feministischen Theoriebrillen interpretierend betrachtet. Im Schlussteil beantworte ich die Forschungsfrage und gebe einen Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten.

2. Hauptteil

2.1 Theorieüberblick

Die politikwissenschaftliche Forschung zur feministischen Theorie begründet sich auf der Erkenntnis von ungleichen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen. Politische Theorien zum Wesen von Gesellschaft und Politik wiesen schon bei Aristoteles Ausschlussmechanismen auf, mit denen Frauen der Zugang zur Polis verweigert wurde, was sich jedoch bei John Locke und Jean-Jacques Rousseau in der frühen Moderne nicht änderte (Lang 2004). Die erste Welle der Frauenbewegung (19. Jahrhundert bis Mitte 20. Jahrhundert) kritisierte die gesellschaftlichen Exklusionspraktiken zum Nachteil von Frauen und forderte formale Gleichberechtigung. Die von ihnen kritisierte Trennung zwischen der männlich konnotierten öffentlichen Sphäre und der weiblich konnotierten privaten Sphäre sollte aufgehoben werden, denn, so proklamierten die Frauenrechtler*innen: das private ist politisch (Lang 2004). Vor allem in der liberalen Tradition des Gesellschaftsvertrags wurden staatliche Aktivitäten von ökonomisch­individuellen Aktivitäten stets getrennt und das Sphärenmodell so gefestigt (Sauer 2004). Carol Pateman hält den Gesellschaftsvertragstheorien vor, dass sie mit der Ehe einen impliziten, institutionalisierten Geschlechtervertrag enthalten, der Frauen unterdrückt, ausbeutet und in ihrer Selbstbestimmung beschneidet (Pateman 1988). Nach Pateman sei „ein kontraktualistisches Verständnis gesellschaftlicher Ordnung und persönlicher Freiheit [...] dem Ziel der Freiheit der Frau nicht dienlich, sondern [laufe] ihm zuwider“ (Haus, 2007, S. 352).

Die zweite Welle der Frauenbewegung ab Mitte des 20. Jahrhunderts sah das Problem nicht nur im Ausschluss der Frau aus der Politik, sondern in einer patriarchalen Struktur, welche Frauen systematisch in allen Gesellschaftsbereichen unterdrückt. Doch den Feminismus gibt es nicht; bei der feministischen Theoriebildung haben sich in der same/difference Debatte im Laufe der zweiten Wellte vor allem zwei Stränge herausgebildet (Klinger 2004). Der Gleichheitsfeminismus argumentiert in „liberal­aufklärerischer Tradition“ (Klinger, 2004, S. 91), dass Frauen und Männer sich bei der Geburt nicht voneinander unterscheiden und erst durch soziale Strukturen zu Frauen oder Männern geformt werden (De Beauvoir 1951). Da die Unterschiede größtenteils sozialen Konstrukten zugeschrieben werden können, sind die Rollen und Unterschiede auch veränderbar (Okin 1989). Weiblichkeit als eine weniger wertvolle soziale Rolle stellt die Hauptursache und das Hauptmittel für die Unterdrückung von Frauen dar. Damit Frauen gleiche Möglichkeiten haben wie Männer, muss die Weiblichkeit als negatives Identitätskonzept abgeschafft werden. Frauen müssen aus dem Normengefängnis der Weiblichkeit befreit werden und sind nach universellen, humanistischen Maßstäben des Rechts und der Gerechtigkeit zu beurteilen bzw. zu behandeln (Young 1989). Gleichheitsfeminist*innen wie Simone de Beauvoir und Susan Moller Okin argumentieren somit mit Rechten und streben das Ziel der Rechts- und Chancengleichheit an, damit Frauen ihr den Männern ebenbürtiges Potenzial entfalten können (Klinger 2004).

Als Opponent dazu ist als zweiter Theoriestrang der Differenzfeminismus zu benennen, welcher „einem konservativen Kulturkonzept verpflichtet [ist]“ (Klinger, 2004, S. 91). Ebendieses besagt, dass Frauen und Männer sich wesentlich und essenziell voneinander unterscheiden. Er fordert kein Gleichmachen der Geschlechter, da mit diesem eine Abwertung des weiblichen Geschlechts einhergeht, sondern befürwortet eine Aufwertung und Anerkennung von spezifisch weiblichen Eigenschaften und Erfahrungen (Streidl 2019). Die Ursache der weiblichen Abwertung und Repression sieht der Differenzfeminismus in einer männlichen Kultur, die Gewalt und Individualismus befürwortet und Institutionen geschaffen hat, in der weibliche Werte und Erfahrungen nicht zugelassen werden.

Die Differenzfeministin Iris Marion Young wirft der Gleichheitsfeministin Simone de Beauvoir Androzentrismus vor, was so viel heißt wie Menschsein mit Männlichkeit gleichzusetzen. Eine Bewertung von Frauen anhand männlicher Maßstäbe lehnt sie ab, es muss konsequenterweise mit zweierlei Maß gemessen werden. Der Differenzfeminismus formuliert eine radikale Kritik am patriarchalen System, weil er männliche Normen, Werte und daraus resultierende Institutionen grundlegend hinterfragt (Young 1989). Die revolutionäre Schlussfolgerung ist, dass weibliche Tugenden und Qualitäten nicht nur dem Patriarchat ein Ende setzen, sondern auch zu einer besseren Welt beitragen (Klinger 2004).

Die erwähnten Theorien und Debatten sind nur ein Ausschnitt des gesamten feministischen Theoriespektrums. Vollständigkeit ist aber nicht zwingend notwendig, so bieten die vorgestellten Ansätze bereits einen hinreichend ausführlichen Analyserahmen für den Film Astrid (2018). Das Fundament einer Filmanalyse ist die Anschauung des Inhalts (Mikos 2008). Im nächsten Abschnitt wird zunächst der Inhalt des Films zusammengefasst. Da der Inhalt immer in Interaktion mit dem gesellschaftlichen Kontext gesehen werden muss (Mikos 2008), ergänze ich die Handlung mit Informationen zu Astrid Lindgrens Leben und zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus den Lindgren-Biographien von Jens Andersen (2015) und Margareta Strömstedt (2001).

2.2 Handlung von Astrid (2018)

Der Film Astrid (2018) ist ein biographischer Spielfilm, welcher das Leben Astrid Lindgrens, geborene Ericsson in einem Ausschnitt ihrer Jugend darstellt. Astrid ist zu Beginn des Films 16 Jahre und zum Ende gut 20 Jahre alt, das Biopic spielt also von 1923 bis Ende der 20er-Jahre. Astrid Lindgren wurde am 14.11.1907 geboren und wächst in Vimmerby, einer Ortschaft in einer ländlich geprägten Region Schwedens, auf. Die Familie Ericsson lebt auf einem von der Kirche gepachteten Hof mit Nutztieren und Feldern zum Anbau von Obst und Gemüse (Strömstedt 2001). In der ersten Filmszene öffnet die alte Astrid Lindgren Fanpost von Kindern anlässlich ihres Geburtstags, in der sich junge Fans bei ihr für ihr Lebenswerk bedanken. Ein Kind stellt die Frage, warum Astrid Lindgren das Kindsein ob ihres erwachsenen Alters so gut beschreiben kann. Anschließend geht die eigentliche Geschichte ihrer Jugend in einer langen Rückblende los.

Astrids Kindheit und Jugend ist eine Gratwanderung zwischen spielerischer Freiheit und einer liebevollen, aber strengen familiären Erziehung in einer christlich-konservativen Gesellschaft (Andersen 2015). Astrid ist impulsiv, lebendig, fantasievoll und aufmüpfig. Sie erzählt ihren zwei jüngeren Geschwistern lustige Geschichten, tanzt beim Paartanz im Gemeindesaal als einzige Jugendliche wild und ausdrucksstark - und vor allem alleine - zur Musik. Ihre Eltern rügen sie, weil sie später nach Hause kommt als vorgegeben und verbieten ihr bei Tisch das Wort, wenn sie etwas - in den Augen der Eltern - Unangebrachtes erzählen möchte. Aufgrund ihres schriftstellerischen Talents bekommt sie die Chance für ein Volontariat in der ortsansässigen Zeitung, was die Eltern ihr unter der Bedingung, weiterhin auf Feld und Hof zu helfen, erlauben. Gut möglich, dass die Eltern trotz der Chance für Astrid einige Vorbehalte haben, denn in den 20ern waren „Zeitungsredaktionen eine Männerdomäne, die in keiner Weise den demokratischen Durchbruch der Frauenrechte in Schweden um 1920 wiederspiegelten“ (Andersen, 2015, S. 36). Bei der Arbeit in der Zeitung blüht sie auf, und ihr Vorgesetzter, der rund 30 Jahre ältere Chefredakteur Reinhold Blomberg findet Gefallen an ihrer jugendlichen Klugheit und Schönheit. Ihre Kompetenz als Redakteurin begeistert ihn. Er selbst steckt gerade in einer Ehekrise und verliebt sich in Astrid. Sie kann seinem Begehren nicht wiederstehen und fängt mit 17 Jahren eine geheime Affäre mit ihm an. Astrid Lindgren schreibt später darüber, dass vor Reinhold kein Mann ernsthaft in sie verliebt gewesen sei, wodurch ihr Interesse entfacht wurde (Andersen 2015). Astrid und Reinhold haben einvernehmlichen und unverhüteten Sex, was unter Berücksichtigung mehrerer Aspekte grenzüberschreitend ist (Andersen 2015). Astrid ist sexuell unerfahren und unaufgeklärt in Sachen Verhütung, zudem ist Reinhold ihr Chef und ein guter Bekannter der Familie. Die damalige Gesetzeslage beinhaltet kein Verbot von Beziehungen zu Minderjährigen, Ehebruch allerdings steht unter Strafe, wodurch Blomberg sich strafbar macht. Astrid wird mit 18 Jahren von Blomberg schwanger. Im damaligen gesellschaftlichen Kontext gibt es für Frauen dann nur zwei Möglichkeiten: Flüchten und das Kind anderswo gebären oder zu Hause bleiben und die Ehre der Familie zerstören (Andersen 2015). Die Schande für Familie Ericsson ist umso größer, da sie auf dem Grundstück der Pfarrgemeinde wohnt. Für Astrid, die das Kind behalten will, bleibt nur die Flucht, während Blomberg in Vimmerby bei seiner Familie bleibt. Er schlägt ihr vor, in Stockholm eine Ausbildung zur Sekretärin zu machen und möchte Astrid heiraten, sobald seine Scheidung vollzogen ist.

Die Entscheidung der Flucht fällt letztendlich aber vor allem das Ehepaar Ericsson. 50 Jahre später schreibt Lindgren, dass sie über das Verlassen ihres Elternhauses und den damit verbundenen Weg in die Freiheit froh gewesen sei (Strömstedt 2001). Die neue Situation zwingt sie jedoch dazu, unter schweren Umständen schnell erwachsen zu werden, was eine belastende Erfahrung für ist. Im Film steigt sie mit Sorgenfalten in den Zug Richtung Stockholm, die unbeschwerte Kindheit auf dem Hof hat nun ein Ende (siehe Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Astrid verlässt Vimmerby (41:50 min)

Während ihrer Ausbildung lernt sie junge Frauen mit einem ähnlichen Schicksal kennen und erfährt von der Möglichkeit, das uneheliche Kind in einer dänischen Klinik, in der der Name des Kindesvaters nicht angegeben werden muss, zu gebären. Bei einem geheimen Treffen in einem Hotel in Dänemark treffen Reinhold und sie den Entschluss dazu. Es ist die einzige Möglichkeit für ihn, straffrei zu bleiben, obwohl seine noch-Ehefrau bereits ein Verfahren gegen ihn wegen Unzucht einleitet. Nachdem Astrid ihren gemeinsamen Sohn Lasse in Kopenhagen zur Welt bringt, kann das Kind bei einer Pflegemutter bleiben, für den Unterhalt kommt Reinhold auf. Lasses Pflegemutter kümmert sich liebevoll um das Neugeborene. Die gute Pflege ist aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit, denn zu dieser Zeit gab es viele Pflegefamilien, die uneheliche Kinder trotz des Pflegeauftrags stark vernachlässigten und teilweise sogar umbrachten. Auch in Heimen spielte damals das Kindeswohl keine Rolle (Andersen 2015). Schon kurz nach der Geburt muss Astrid ihr Kind in Kopenhagen zurücklassen, um die Gerüchteküche in ihrer Heimatgemeinde durch ihre Anwesenheit über die Weihnachtsfeiertage nicht weiter anzufeuern. Reinhold gesteht ihr immer wieder seine Liebe, was sie verunsichert. Außerdem drängt ihre Mutter sie dazu, Reinhold nicht zu heiraten und notfalls das Kind in Dänemark zu lassen. Bei einem weiteren Treffen erfährt Astrid, dass Reinhold zu einer milden Geldstrafe verurteilt worden ist. Er fordert von Astrid, ihn zu heiraten. Sie entscheidet sich unter Protest und Drohungen seitens Blomberg jedoch gegen eine Ehe mit ihm in Vimmerby als Stiefmutter seiner sieben Kinder. Auf diesem Wege trennt sie sich von ihm. Jahrzehnte später gibt Astrid Lindgren an, Reinhold nicht geliebt zu haben. Daher entschied sie sich für das Kind und gegen den Vater (Strömstedt 2001). Reinhold ist gefrustet und zahlt Astrid keinen Unterhalt mehr, woraufhin die Pflegemutter ihr anbietet, weiterhin und ohne Bezahlung auf Lasse aufzupassen. Astrid profiliert sich bei ihrer neuen Arbeitsstelle beim Schwedischen Automobilclub in Stockholm und verdient ihr eigenes Geld. Das Gehalt reicht gerade so aus, um regelmäßig - ihrem Bedürfnis nach jedoch zu selten - ihren Sohn in Kopenhagen besuchen zu können. Sie vermisst ihn sehr und gerät in eine depressive Phase (Andersen 2015). Immerhin lernt sie auf der Arbeit ihren späteren Ehemann Sture Lindgren kennen. Als Lasses Pflegemutter krank wird, nimmt sie Lasse zu sich nach Stockholm, wo die Wirtin ihrer Mietwohnung sich tagsüber um Lasse kümmern kann, während Astrid arbeitet. Die Doppelbelastung durch Arbeit und Kind wird zu viel, als Lasse an Keuchhusten erkrankt und nachts hustend und leidend im Bett liegt. Schließlich bieten ihre Eltern an, Lasse in Vimmerby bei sich aufzunehmen, was Astrid annimmt.

Nach drei Jahren sehen Lasses Großeltern ihren Enkel zum ersten Mal. Sie überwinden die Scham, die mit dem unehelichen Kind verbunden ist, und gehen geschlossen als Großfamilie in die Kirche.

Nach der Rückblende endet der Film mit der alten Astrid Lindgren, die sich ihre Geburtstagsgrüße in Liedform in ihrem Wohnzimmer anhört. Der Liedtext lautet: „Du musst springen; durch den Tod in das Leben; [...] durch die Dunkelheit ins Licht“(Astrid 2018).

2.4 Filmanalyse

In diesem Abschnitt analysiere ich den Film anhand verschiedener Kategorien. Der Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos hat in seinem Werk „Film- und Fernsehanalyse“ (2008) vier Subkategorien aufgestellt, die die Analyse von Filmen strukturieren: Inhalt und Repräsentation; Narration und Dramaturgie; Figuren und Akteure sowie Ästhetik und Gestaltung. Der vorangegangene Abschnitt widmet sich der erstgenannten Analysekategorie. Daraus folgt, dass ich nun vor allem auf die anderen drei Punkte eingehe.

Als Narration kann der Prozess der Entfaltung einer Geschichte in einem zeitlichen Rahmen an verschiedenen Orten mit verschiedenen Figuren definiert werden, der durch die Zuschauer*innen verstanden werden muss (Hartmann & Wulff 2012). Das Biopic Astrid (2018) hat einen klaren Anfang sowie ein klares Ende. Zwischen dem Intro und dem Outro - die Szenen im Wohnzimmer der alten Astrid Lindgren - ist die zeitliche Narrationsstruktur linear. Da die Erzählzeit - wie bei Biopics so üblich - mit 2 Stunden und drei Minuten deutlich kürzer ist als die erzählte Zeit, welche sich über mehrere Jahre erstreckt, ergeben sich immer wieder große Zeitsprünge. Diese sind im Film so subtil, dass die Narration durchaus fließend erscheint. Bewusst wahrnehmbar sind Zeitsprünge nur durch äußerlich-phänotypische Veränderungen der Figuren. Die sieht man bei Astrid z.B. am Kleidungsstil und an der Frisur (siehe Abbildung 2 und 3); bei ihrem Sohn Lasse sind klare Entwicklungssprünge vom Neugeborenen zum laufenden und sprechenden Kleinkind erkennbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Astrid mit ca. 16 Jahren (05:13 min)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Astrid mit Anfang 20 (1:53:00 h)

Die Sprünge in der zeitlichen Ebene fallen nur bei genauerem Hinsehen auf und hindern nicht den Lesefluss des Filmtextes. Auch die Ortswechsel werden mit Ausnahme von Intro und Outro stets durch den Plot angekündigt, teilweise begleitet die Kamera Astrid auch auf ihren Reisen mit Schiff und Zug. Eingeblendete Zeit- oder Ortsinformationen sind für das Folgen-Können der Zuschauer*innen somit nicht notwendig.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Biopic "Astrid" (2018) aus feministischer Sicht. Anwendung zweier Theorien auf den Film
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Politische Theorie und Film
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V1061243
ISBN (eBook)
9783346475312
ISBN (Buch)
9783346475329
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmanalyse, Astrid Lindgren, Feminismus
Arbeit zitieren
Daniel Lange (Autor:in), 2020, Das Biopic "Astrid" (2018) aus feministischer Sicht. Anwendung zweier Theorien auf den Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1061243

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