Zeitzeugen im Gespräch. Die Stationierung der Sowjetarmee in Ohrdruf und Umgebung von 1945 bis 1990


Facharbeit (Schule), 2020

112 Seiten, Note: 15

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Oral History
2.1 Definition, Entstehung, Entwicklung
2.2 Interviewpartner oder Zeitzeuge?
2.3 Methode
2.3.1 Zeitzeugensuche und -vorbereitung
2.3.2 Vorbereitung der Interviews
2.3.3 Interview
2.3.4 Auswertung
2.4 Gedächtnis und Erinnerung
2.4.1 Begriffserklärung und Funktionsweisen
2.4.2 Gedächtnisarten
2.4.2.1 Ultrakurzzeitgedächtnis
2.4.2.2 Kurzzeitgedächtnis
2.4.2.3 Langzeitgedächtnis
2.4.3 Gedächtnisformen
2.4.4 Biologische Prozesse bei der Erinnerungsbildung
2.4.5 Gedächtnismanipulation
2.5 Möglichkeiten und Grenzen

3 Schriftliche Zeitzeugenbefragung
3.1 Methode
3.2 Erstellung eines Formulars
3.2.1 Konzeption eines Fragebogens
3.2.2 Formulierung der Fragen
3.2.3 Frageformen
3.2.4 Auswertung

4 Sowjets in Ohrdruf
4.1 Die Grundlagen für die spätere Entwicklung
4.2 Die Befreiung vom Nationalsozialismus
4.3 Organisation des Lebens in der Nachkriegszeit der Roten Armee in Ohrdruf
4.4 Die Rote Armee in der DDR bis zum Abzug der letzten sowjetischen Soldaten

5 Zeitzeugeninterviews
5.1 Vorbereitung
5.2 Durchführung
5.3 Analyse
5.3.1 Zeitzeuge Arbeit
5.3.2 Zeitzeuge Musik
5.3.3 Zeitzeuge Musik in Verbindung mit Schule
5.3.4 Zeitzeuge Sowjetischer Soldat
5.3.5 Vergleich der Interviews

6 Fazit

Anhang
Literaturverzeichnis
Annonce
Umfragebogen
Fragenkataloge
Transkriptionen
Bilder und Dokumente

1 Einleitung

Geschichte ist ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Man muss die Chance ergreifen, sich jetzt mit der Vergangenheit, seiner Umgebung und Mitmenschen auseinanderzusetzen. Jeder Mensch ist Teil der Vergangenheit und somit auch der Geschichte. Auch das Lernen aus der Vergangenheit ist für jeden relevant, da man so seine Zukunft anders gestalten kann.

Ohrdruf atmet Geschichte. Bis zum letzten Jahr wussten auch wir nicht, was unser circa 1300 Jahre alter Heimatort an Historie trägt. Bei einem Zeitzeugen-Projekt des Gymnasium Gleichenses in Verbindung mit dem „Förderverein Museum Schloss Ehrenstein e.V.“ und einem Lehramtsstudenten kamen wir mit der Thematik der „Oral History“ zum ersten Mal in Kontakt. Währenddessen lernten wir unsere jetzigen Außenbetreuer, kennen. Diese weckten unser Interesse für das Thema und schnell wurde klar, dass wir die Thematik genauer in unserer Seminarfacharbeit „Zeitzeugen im Gespräch - Die Zeit der Stationierung der Sowjetarmee in Ohrdruf und Umgebung“ beleuchten wollen. Als Einwohner einer kleinen Stadt weiß man oft selbst nicht, wie viel Geschichte in seiner direkten Nähe liegt. Deshalb möchten wir in unserer Arbeit das vergangene Zusammenleben der Sowjets und den Einheimischen zur Zeit der Stationierung der Roten Armee in Ohrdruf und Umgebung von 1945 bis 1990 untersuchen. Die nahe Wohnlage zum Truppenübungsplatz gibt eine tägliche Verbindung mit der Vergangenheit. Dennoch wissen die Wenigsten, was sich dort bis vor 30 Jahren abgespielt hat. Auch wir haben uns diese Fragen gestellt und wollten selbst mehr über das Leben unserer Vorfahren erforschen. Die Oral History verbindet subjektive Erfahrungen und geschichtliche Ereignisse und vergleicht diese auf Grundlage von Fakten und Quellen. Dabei möchten wir die Sicht der Zeitzeugen in eine wichtige Stellung rücken und dabei ihre Emotionalität nicht außer Acht lassen. Des Weiteren ist unser Ziel, die positiven und negativen Aspekte des Zusammenlebens zwischen Sowjets und Deutschen zu beleuchten. Daraus ergibt sich unsere Arbeitshypothese, dass die Oral History ein wichtiger Bestandteil zur Erhaltung der Geschichte ist, da sie ein Zusammenspiel aus subjektiver Zeitzeugenwahrnehmung und historischen Fakten bildet. Um nähere Informationen zum gemeinsamen Leben zu erhalten, werden wir eine Zeitungsannonce erstellen. Auch über unseren Bekanntenkreis lassen sich einige Personen für das Projekt begeistern. Mit den gewonnenen Zeitzeugen ist es uns möglich, durch Umfragebögen den Kreis der Zeitzeugen zu filtern und auf dieser Grundlage individuelle Fragenkataloge zu erstellen. Die Fragen werden essentielle Bestandteile beim Führen der Interviews sein. Bei diesen werden wir auf die Wünsche der Zeitzeugen bezüglich der Art der Aufnahme eingehen. Zur Möglichkeit werden Mitschrift, Aufnahme mit Tongerät und Videoaufnahme stehen. Unter anderem werden wir auch auf die Umgebungswünsche der Zeitzeugen achten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Nach der Durchführung der Interviews transkribieren wir alle Befragungen, um diese anschließend auszuwerten. Dabei spielen nicht nur die Aussagen der Zeitzeugen, sondern auch der historische Kontext eine wichtige Rolle. Die Schwierigkeit besteht darin, die subjektiven Aussagen der Zeitzeugen und die historischen Fakten miteinander zu vergleichen und auf den Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Da die Medien in der Zeit der sowjetischen Besatzung auf dem Gebiet der DDR stark unter Kontrolle des Staates waren, werden auch diese auf die tatsächliche Begebenheit untersucht. Bei der Oral History werden sowohl die historischen Quellen, als auch die Aussagen der Zeitzeugen kritisch gegenübergestellt. Hierbei werden wir genauer die Aussagekraft des Grundprinzips der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft analysieren. Ziel der Auswertung ist es herauszufinden, wie der gleiche Zeitraum von unterschiedlichen Menschen emotional erlebt wurde.

Im Laufe der Arbeit ist im März 2020 die Covid-19-Pandemie auch über Deutschland eingebrochen und die Seminarfacharbeit musste für eine Zeit lang stillstehen. Es war uns nicht möglich, Interviews mit den Zeitzeugen zu führen, da eine Kontaktbeschränkung eingetreten ist. Der vorab erstellte Zeitplan konnte aufgrund dessen nicht eingehalten werden. Trotzdem blieben wir optimistisch und haben unseren Theorieteil weiter ausgebaut. Die Interviews und deren Auswertung konnten später nachgeholt werden, sodass unsere Intention nicht an dieser Herausforderung gescheitert ist.

Mit unserer vollendeten Seminarfacharbeit wollen wir einerseits die Erfahrungen der Menschen zusammentragen, die diese Zeit hautnah miterlebt haben. Andererseits soll die Seminarfacharbeit für die Generation unseres Alters und den darauffolgenden als Aufklärung dienen. Unter anderem möchten wir den Lesern die interessanten und meist auch spannenden Seiten unserer örtlichen Vergangenheit aufzeigen.

In den folgenden Kapiteln werden wir zunächst eine theoretische Grundlage schaffen, um so im zweiten Teil die Erfahrungen und Gedanken der Bürger widerzuspiegeln.

Nach Beendigung unserer Arbeit werden wir diese dem „Förderverein Museum Schloss Ehrenstein e.V.“ und dem „Heimat- und Geschichtsverein Wölfis e.V.“ bereitstellen, um die Ausstellung über die lokale Historie zu erweitern.

2 Oral History

2.1 Definition, Entstehung, Entwicklung

Die Oral History wird als eine geschichtswissenschaftliche Methode1 bezeichnet. Sie ist eine Teildisziplin2 der Geschichtswissenschaft, welche dadurch definiert ist, Erzählungen und lebensgeschichtliche Darstellungen als historische Quelle zu produzieren und schlussendlich zu interpretieren und auszuwerten.3 Die Erzählungen spiegeln sich in den subjektiven Erfahrungen der interviewten Person wider, wobei sich der historische Wert für den Untersuchenden ableitet. Hierbei geht es jedoch nicht um den Wahrheitsgehalt der geschilderten vergangenen Situation, sondern vielmehr darum, wie es der Zeitzeuge aufgenommen hat. Bei der Oral History geht es also nicht grundlegend darum, wie sich etwas zugetragen hat, sondern eher darum, wie Geschichte subjektiv aufgenommen und verarbeitet wird. Die Ergebnisse werden weiterführend dafür genutzt, um herauszufinden, wie die Menschen in besonderen Situationen gehandelt haben und ihr Verhalten wird dahingehend erforscht. Es wird untersucht, wie und warum Menschen sich auf Bezug ihres weiterführenden Lebens und gesellschaftlichen Veränderungen verhalten haben. Oral History ermöglicht es, einen besonderen Zugang zur Geschichte zu bekommen, welcher durch Erinnerungen und dessen Verarbeitungen geprägt ist.4

Noch bevor sich die Oral History als eine wissenschaftliche Methode beweisen konnte, wurden kulturelle als auch historisch wichtige Ereignisse, die weit zurücklagen, zusammengetragen und notiert. Jedoch geschah dies aus anderen Beweggründen. Somit wurde das historische Erbe in einer „nicht-literalen Gesellschaft“5 weder aufgeschrieben noch verewigt, sodass es nur von Gespräch zu Gespräch weitergegeben wurde. Die Oral History ist aber dennoch nicht zu vergleichen mit einer mündlichen Überlieferung von Geschichten innerhalb einer Gesellschaft. Die eigene Vergangenheit wird in einer Gesellschaft mit mündlich überlieferter Geschichte als feststehend aufgefasst, da es keine weiteren Aufzeichnungen und Beweise gibt. Im Mittelpunkt bei der Oral History stehen die Erinnerungen und Erfahrungen der Personen. Die geschilderten Ereignisse werden inhaltlich sowie äußerlich untersucht und auf ihr gesamtes Leben oder einzelne Zeiträume bezogen. Bei den Untersuchungen und Auswertungen sind Gestik und Mimik essenziell.6 Es ist nicht nur das Erzählte von Bedeutung, sondern auch die Art des Erzählens selbst. Jede Geschichte geht mit bestimmten Gesichtsausdrücken, Gesten und Betonungen einher.7 Neben den Angaben und der Art und Weise des Vortragens werden die Erinnerungen der Personen Gegenstand der Oral History und wie diese individuell und gesellschaftlich beeinflusst wurden. Als historische Angabequelle fasste die Oral History in den USA Fuß und entwickelte sich weiter. Dort wurde auch 19488 das erste Archiv für Oral History Interviews etabliert. Zunächst strebte die Oral History in den 1950er und 1960er9 Jahren in den USA an, Elitenbiografiken durchzuführen. Im Verlauf des Protests in den 60er10 Jahren bekam die Oral History eine neue Wendung. Dieses Phänomen wird als „Geschichte von unten“11 definiert. Somit wurden die diskriminierten Stände wahrgenommen. Die historische Quellenmethode bekam nun auch vermehrt Ansehen in anderen Ländern. Oral History verstand und versteht sich als politisch angehauchte historische Methode zur Erfassung von Quellen, da sie mehr oder weniger von politisch engagierten Laien und keinen ausgebildeten Historikern praktiziert wurde. Durch die politischen Ereignisse, die die Oral History eine vermehrt wichtige Position verlieh, gab sie gleichzeitig den sozial benachteiligten Gesellschaftsgruppen eine besondere Stimme.

In den 1970er und 1980er12 Jahren verbreitete sich die Bewegung auch in Deutschland. Zunächst wurde sie von „Geschichtswerkstätten“13 genutzt, die unter einem bestimmten Motto die Lokalgeschichte und die „Geschichte von unten“ untersuchten. Der Aufschwung wurde in den Folgejahren nicht gemindert und die Oral History entwickelte sich modern weiter. Die Techniken zur Erfassung einer mündlichen Erzählung wurden herausgearbeitet. So wurde die Interviewtechnik und die Interpretationsmöglichkeiten in den 1980er14 Jahren verfeinert und man begann, die Oral History auch mit Video-Technik aufzunehmen. Auf diese Art und Weise gab man den Untersuchenden neue Möglichkeiten, die Geschehnisse in Verbindung mit der vorher genannten Performanz genauer zu erforschen und letztendlich dann zu interpretieren. Jedoch gab es noch immer Personen, die der Oral History auch mit ihren neuen Techniken lange kritisch gegenüberstanden. Sie konnte sich dennoch als geschichtswissenschaftliche Methode etablieren, die einen Schub an neuem Interesse im Bereich der Geschichte auslöste. Der Reiz, die Historie an Erlebnissen abzulesen, wurde stärker. Man muss jedoch immer beachten, dass die Oral History - wie jede andere Erzählung - einen subjektiven Wert15 hat und eine deutende Darstellung von der Vergangenheit mit sich bringt.

Die Oral History hat den Auftrag, die Interviewten eine bestimmte Freiheit zu lassen. Sie sollen frei erzählen und selbst die Schwerpunkte ihres Lebens setzen. Somit kann man die Geschichte auf eine besondere Art und Weise untersuchen und nicht nur Fakten, sondern auch Wahrnehmungen und Erlebnisse einfließen lassen.16

Ein wichtiger Punkt in der Untersuchung der Oral History und im Führen eines Interviews ist der Unterschied zwischen einem Interviewpartner und einem Zeitzeugen. Es gibt markante Feinheiten, die diese beiden Begriffe voneinander abgrenzen.

2.2 Interviewpartner oder Zeitzeuge?

Oftmals werden die Begriffe des Interviewpartners und des Zeitzeugens auf gleiche Art und Weise benutzt. Dennoch unterscheiden sie sich in vielen Dingen in ihrer Definition erheblich voneinander. Im folgenden Abschnitt wird erläutert, worin sich diese beiden Begriffe untereinander abgrenzen. Dies ist ein essenzieller Punkt, um den weiteren Verlauf unserer Arbeit nachvollziehen zu können.

Der Begriff Interviewpartner wird als eine Person definiert, „der von einem Interviewer interviewt wird“17.

Gleichzeitig beschreibt die Definition des Begriffes Zeitzeuge „eine Person, die als Zeitgenosse von bestimmten Vorgängen mit historischer Bedeutsamkeit Zeugnis geben kann“18.

Die Oral History wird seit Entstehung mit dem Interviewpartner als Hauptakteur in Verbindung gesetzt. Trotz allem ist der Interviewpartner nur ein Teil des Ganzen. Bei ihm geht es grundlegend um die Erzählung selbst, die Tatsache, dass man Fragen von einer Person, dem Interviewer, beantworten muss. Diese kann unter Umständen vom eigentlichen Thema abschweifen. Dementsprechend können die geführten Interviews sehr umfangreich ausfallen, wodurch der Historiker einen Raum für Spekulationen, Interpretationen und Analysen bekommt. In Kombination mit der Auswertung schriftlicher Quellen kann dies in einer vielfältigen Darstellung der Ergebnisse münden.

Der Zeitzeuge, welcher sich nicht mit der Oral History entwickelte, aber dennoch stets damit in Verbindung gebracht wird, ist hingegen mit dem Sinnbehafteten der Erzählung gekennzeichnet. In den 1980er Jahren kam der Begriff „Zeitzeuge“ vermehrt in Titeln von Büchern, Aufsätzen und Sendungen vor, besonders im Zusammenhang mit der NS-Zeit. Seitdem kamen Zeitzeugen oftmals auch in Geschichtsbüchern und älteren sowie in neueren Gedenkstätten zum Nationalsozialismus zu Wort. Es war besonders dafür bestimmt, die vom Nationalsozialismus Verfolgten und Diskriminierten eine Stimme zu geben. So sollte also das Leid dieser Zeit personifiziert und aufgearbeitet werden. Nicht nur berühmte Menschen, sondern auch einfache Leute in der Bevölkerung mit ihrem alltäglichen Leben sind es wert, gehört zu werden.

Der Begriff „Zeitzeuge“ besteht unter anderem aus einem bestimmten Wort: „Zeuge“ oder auch „Augenzeuge“. Dies ist jemand, der aktiv oder passiv bei einem Geschehnis dabei war. Im Gericht sind diese Personen ein besonders wichtiger Bestandteil zur Auflösung von Verbrechen. Die Aussagen der Zeugen werden auch dort genauestens überprüft, da die Verurteilung des Angeklagten mehr oder weniger von diesen Worten abhängt. Der Zeuge muss damit rechnen, dass die Aussagen über den Wahrheitsgehalt und der Stimmigkeit infrage gestellt werden. „Die Aussage des Zeitzeugen steht unter einem weniger strikten Beweiszwang, sie wird in der Regel während des Erzählens oder im unmittelbaren Anschluss nicht kommentiert und erst recht nicht kritisiert.“19 Der Zeitzeuge beglaubigt nicht - wie etwa der Tat­oder Augenzeuge - Geschehnisse, die außerhalb von ihm stattgefunden haben. „Er dokumentiert mit seiner Erzählung vielmehr „eine raum-zeitliche Gesamtheit“ und autorisiert eine bestimmte Sicht gleichsam von innen als Träger von Erfahrungen und nicht von außen als deutender Beobachter.“20 Man ist jedoch nicht direkt ein Zeitzeuge, sondern man wird zu diesem, wenn man von jemandem befragt wird, der sich aktiv für die frühere Zeit interessiert und mehr darüber erfahren möchte. Trotzdem gibt es auch hier eine Auswahl von Kriterien. Die Person, die einen Zeitzeugen befragt, selektiert passende und unpassende Zeugen nach ihren Kriterien aus. „Als Zeitzeuge kommt also nur in Frage, wer den Maßstäben des öffentlichen Geschichtsbewusstseins nicht widerspricht.“21

Der Begriff des Zeitzeugen ist ein Symbol für all das, was mit sich mit dem persönlichen Sprechen über die Vergangenheit beschäftigt. Bei dieser Person kommt es also auf die Hintergründe der Erzählung an. Er bezeugt normalerweise ein Geschehen und nimmt Stellung dazu bzw. deutet es anschließend. Zudem ist ein Zeitzeuge eine öffentliche Figur. Der Akt des Erzählens selbst wird meist vor einem Publikum praktiziert, sei es eine Schülergruppe, eine Gedenkstätte oder eine Kamera. Ein Interviewpartner der Oral History will hingegen oftmals unbekannt bleiben und wird deshalb auch meist anonymisiert. Dies ist ein entscheidender Punkt zur Auseinanderhaltung dieser beiden Begriffe.

Man kann also sagen, dass der Interviewpartner mit dem Zeitzeugen eng verknüpft ist, jedoch andere Bedeutungen hat. Für die Oral History sind beide Begriffserscheinungen unerlässlich und essenziell zur Verarbeitung der Geschichte als mündliche Quelle.

Wenn man sich bewusst ist, ob man einen Zeitzeugen oder einen Interviewpartner vor sich hat, muss man weiterhin viele Dinge während des Führens eines Interviews beachten, worauf wir im nächsten Aspekt unseres Theorieteils eingehen werden.

2.3 Methode

2.3.1 Zeitzeugensuche und -vorbereitung

Die wichtigste Voraussetzung, um ein gutes Interview zu führen und möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, ist ein passender Zeitzeuge. Diesen zu finden, kann sich als sehr schwierig herausstellen. Wichtig ist zu wissen, dass es bei der Oral History nicht darum geht, eine Lebensgeschichte zu erzählen, sondern eher darum, dass sich die Zeitzeugen auch an das Erlebte erinnern. Deshalb sollte man Personen auswählen, die über das zu behandelnde Thema sehr selten bis nie gesprochen haben. Zeitzeugen, die solch eine Art der Befragung schon öfter durchgeführt haben, neigen dazu, eine perfekt zurechtgelegte Geschichte zu erzählen und keine Offenheit gegenüber anderen wichtigen Fragen zu zeigen.22 Die Routine des Erzählens hält sie davon ab, sich wirklich in die Zeit, aus der sie berichten, hineinzuversetzen und sich zurückzuerinnern.23 Deshalb müssen die zu Befragenden immer die Eigenschaft mitbringen, daran interessiert zu sein, sich in die Vergangenheit zu versetzen und diese erläutern zu wollen. Außerdem sollten sie bereit sein, sich auf Fragen einzulassen. Bei der Wahl gilt ebenfalls zu berücksichtigen, dass man auch unterschiedliche Perspektiven auf die zu behandelnde Zeit bekommt, um Abweichungen herauszufinden. Solche Unterschiede können die Wahrnehmung betreffen, also wie verschieden dasselbe Erlebnis von mehreren Personen wahrgenommen und erlebt wurde. Auch Kontraste in der Art und Weise, wie sich Zeitzeugen zurückerinnern, kann man dadurch herausfinden. Um diese verschiedenen Perspektiven zu bekommen, können mehrere Generationen befragt werden.24 Bei diesem Beispiel konnten wir einen deutlichen Unterschied feststellen. Ältere Menschen, die bereits während der Zeit der Sowjetarmee mehr Lebenserfahrung hatten, erinnern sich negativer an diese Zeit als Personen, die während der Stationierung von kindlichem Leichtsinn geprägt waren. Des Weiteren kann man diese Unterschiede hervorbringen, indem verschiedene Schichten befragt werden. Von einem Unternehmer wurde die Zeit möglicherweise anders wahrgenommen als von einem Arbeiter. Auch unterschiedliche Blickwinkel in Bezug auf politische, religiöse oder weltanschauliche Art können erstaunliche Unterschiede hervorbringen.25 Ist man sich nun bewusst, welche Eigenschaften ein Zeitzeuge mitbringen muss, kann man sich mit der Suche beschäftigen. Um diese zu finden, gibt es viele Möglichkeiten. Bevor man mit der richtigen Suche beginnt, sollte man sich klar werden, welcher Personenkreis sich für das zu bearbeitende Thema anbietet. Oft reichen Leute aus der Verwandtschaft, Bekanntschaft oder sogar Lehrer. Dabei gilt aber zu beachten, dass die Zeitzeugen nicht von einem Familienmitglied befragt werden, denn das persönliche Verhältnis kann das Gespräch hemmen. Die Folge davon ist, dass der Befragte bestimmte Erfahrung und Erinnerungen zurückhält. Darüber hinaus kann es auch für den Interviewer gefährlich werden, da dieser eventuell einige Fragen nicht stellt. Eine weitere Methode, Zeitzeugen zu finden ist, sich an Organisationen oder Institutionen zu wenden, die mit älteren Menschen in Kontakt stehen. Dabei kommen zum Beispiel Seniorenheime, Seniorenvereine, Wohlfahrtsverbände oder Kirchen infrage.26 Die jedoch erfolgversprechendste Variante sollte die eines Aufrufs in der lokalen Zeitung sein. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, unsere Zeitzeugen über einen Artikel zu suchen. Die Annonce27 wurde am 6. Dezember 2019 im „Thüringer Waldbote“ veröffentlicht. Dieser Weg sollte den Vorteil bieten, dass sich viele Personen melden, die auch viele unterschiedliche Perspektiven mitbringen. Allerdings hatten wir uns mehr erhofft und mussten leider feststellen, dass sich dieser Nutzen bei uns nicht wie gedacht ergeben hat. Trotzdem haben wir Zeitzeugen über diese Annonce für unser Projekt gewinnen können, wenn auch nur für die schriftliche Befragung. Eine weitere Methode, um Probanden zu finden, ist Kontakt zu ihnen über eine vermittelnde Person aufzunehmen.28 Der Vorteil daran ist, dass diese den Zeitzeugen gut kennt und ihn auf das persönliche Gespräch vorbereiten kann und gleichzeitig ein Vertrauen zum Projekt aufbaut. Solch eine vermittelnde Person kann aus dem Lebensumfeld des Interessierten stammen, sei es aus der Familie, aus dem Bekanntenkreis oder der Nachbarschaft.29 Glücklicherweise konnten wir auch diese Methode anwenden, da wir eine Zeitzeugin hatten, über dessen Enkel wir viel Kontakt hatten. Findet man jedoch eine am Projekt interessierte Person, zu der man keine Beziehung über eine vermittelnde Person aufbauen kann und niemand diesen Zeitzeugen kennt, muss man ihn besonders gut vorbereiten. Oftmals sind Menschen sehr zurückhaltend und wollen nicht direkt reden, wenn es um ein heikles Thema geht, deshalb ist es wichtig, den Probanden genug Zeit zu geben, um sich zu überlegen, ob sie am Projekt teilnehmen wollen.30 Als erste Kontaktaufnahme ist ein Brief sinnvoll. In diesem schildert man kurz, wer den Zeitzeugen befragen möchte, warum man sich für ihn und das Thema interessiert und was mit den Ergebnissen der Befragung passiert.31 Außerdem weist man den Interessierten darauf hin, dass man sich in den nächsten Tagen telefonisch meldet. In diesen Tagen haben sie Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden und sich anfangen zu erinnern, was sie gerne zu dem Thema berichten möchten. Bei manchen Zeitzeugen ist es besser, vor dem eigentlichen Interviewtermin ein Vorgespräch zu führen.32 Dieses dient dem gegenseitigen Kennenlernen und baut Vertrauen auf. Außerdem kommen bei solch einem Gespräch oft neue Aspekte raus, die im Interview vertieft werden können. Dabei klärt man den Befragten noch einmal genau auf, welchen Verwendungszweck die Befragung hat und in welchem Rahmen es stattfindet. Währenddessen hat auch der Zeitzeuge die Möglichkeit, Fragen zu stellen, um Unklarheiten zu beseitigen. In diesem Vorgespräch ist es möglich, den Gesprächspartner zu bitten, alte Erinnerungsstücke rauszusuchen und zum Interview mitzubringen. Dazu bieten sich viele Dinge an wie Fotos, Tagebücher, Urkunden oder auch Zeitungsartikel. Diese Methode eignet sich nicht nur gut, um das Gedächtnis anzuregen, sondern hilft oft später bei der Auswertung, da diese alten Dokumente wertvolle Quellen sein können. Unsere Zeitzeugen sind dieser Bitte nachgegangen und so konnten wir von zwei Probanden ein Foto und einige Dokumente33 erhalten.

Da allerdings jede zu befragende Person sehr individuell ist, gibt es keine genauen Vorschriften, wie man mit dem Zeitzeugen umgeht und wie man ihn am besten vorbereitet. Das Verhalten und die jeweiligen Schritte muss man spontan und je nachdem auf den Probanden abstimmen.

2.3.2 Vorbereitung der Interviews

Nicht ausschließlich die Vorbereitung der Zeitzeugen, sondern auch die Vorbereitung der Interviews ist ein wichtiger Bestandteil der Oral History, denn nur wenn man gut vorbereitet ist, kann das Gespräch problemlos laufen und bloß so kann man später viel daraus schöpfen.34 Vor Beginn der eigentlichen Durchführung sollte man sich fragen, was die Motivation ist, dieses Projekt zu starten, welche Erwartungen man hat und welche Ängste. Diese Hoffnungen und Fragen kann man aufschreiben, um sie während der Ausführung ins Gedächtnis rufen zu können.35 Für ein Interview unvermeidlich ist Vorwissen. Dies bietet zum einen den Vorteil, dass man die Erlebnisse und Eindrücke, die beschrieben werden, besser versteht, zum anderen wirkt man mit gewissen Fachkenntnissen als Interviewer, als ernsthaft interessierter und engagierter Gesprächspartner.36 Allerdings muss man sich nicht nur mit Sachkenntnissen der Geschichte auseinandergesetzt haben, sondern auch mit Informationen über die Zeitzeugen. So wird sichergestellt, dass man während des Interviews keine unnötigen Fragen stellt, die man durch Recherche vor dem Gespräch selbst hätte beantworten können. Außerdem ist man während der Befragung in der Lage, interessante, zweifelhafte oder überraschende Aussagen zu erkennen und qualifizierte Nachfragen zu stellen.37 In Vorbereitung auf die Interviews muss man sich klar werden, dass das, was in dem Gespräch erzählt wird, erinnerte und subjektive Geschichte ist.38 Aus diesem Grund kann es dazu kommen, dass die Aussagen des Zeitzeugens im Widerspruch zu dem stehen, was man von dem Ereignis wusste. Trotzdem ist es wichtig, Verständnis zu zeigen und dem Befragten keine Falschaussage zu unterstellen. Solche Unstimmigkeiten werden bei der Auswertung geklärt. Selbst wenn der Zeitzeuge eventuell eigene alte Erinnerungsstücke mitbringt, kann man auch selber Bilder, Dokumente oder Zeitungsartikel raussuchen, die spontane Erinnerungen hervorrufen.39 Zur weiteren Vorbereitung muss man sich über den Ablauf eines Interviews informieren und dies genau planen. Des Weiteren sollte klar sein, welche Aufgaben während der Durchführung anfallen. Eine Person ist für die Technik zuständig und kümmert sich um die Dokumentation. Dieser muss die Aufnahme vorbereiten, durchführen und die Daten sichern. Jemand weiteres sollte für den Raum und die Versorgung verantwortlich sein, also die Räumlichkeit herrichten, für eine angenehme Gesprächsatmosphäre sorgen, Essen und Getränke kaufen, die Stühle hinstellen und sich Gedanken um eine kleine Aufmerksamkeit für den Zeitzeugen machen.40 Solch ein Präsent kann zum Beispiel ein Blumenstrauß oder ein Kasten Pralinen sein. Eine andere am Projekt beteiligte Person ist dafür zuständig, den Zeitzeugen abzuholen oder zu empfangen, für Ruhe zu sorgen und eine kurze Vorstellungsrunde einleiten. Für die Führung des Interviews und das Stellen der Fragen sind einer oder mehrere verantwortlich. Falls mehrere Personen die Befragung leiten, muss vorher abgeklärt sein, wer welche Fragestellung übernimmt, dass es nicht zu Missverständnissen kommt. Da nicht nur wichtig ist, was der Zeitzeuge sagt, sondern auch wie er etwas wiedergibt und was er durch seine Körpersprache ausdrückt,41 ist es notwendig, neben dem Interview ein Protokoll zu führen. Besonders bei der Variante der Tonaufnahme und Mitschrift sind solche Aufzeichnungen von großer Bedeutung. Trotz dass man bei der Videoaufnahme im Nachhinein die Körpersprache noch analysieren kann, sollte auch hierbei ein Protokoll geführt werden. Dies erleichtert später die Auswertung. Also ist es notwendig, dass sich während des Interviews jemand um das Protokoll kümmert und Besonderheiten mitschreibt. Auch über die Dokumentation und Technik muss man sich Gedanken machen. Bereits aus unseren schriftlichen Umfragebögen kann man entnehmen, welche Dokumentationsmethoden die Zeitzeugen wünschen. Wir haben die Variante der Video-, Tonaufnahme oder eine Mitschrift angeboten. Ein Befragter hat sich für eine Videoaufnahme bereit erklärt, die anderen drei für Tonaufnahme und keiner für die Mitschrift. Ein Zeitzeuge wollte kein persönliches Gespräch. So wussten wir von vornherein, auf welche Arten der Aufnahme wir uns vorbereiten mussten. Für die Videoaufnahme eignen sich selbst Smartphones, besser sind allerdings Bild- und Videokameras, wie sie auch von uns benutzt wurden. Falls die Präsentationsabsichten eine sehr gute Qualität erfordern, braucht man zusätzliche professionelle Geräte wie separate Mikrofone.42 Hat man geklärt, wie die Interviews aufgenommen werden und mit welcher Ausstattung, muss man sich mit diesem beschäftigen. Das Wissen sollte so weit reichen, dass man weiß, wie das Equipment funktioniert und wie die Qualität am besten wird. Am Tag des Interviews ist es unerlässlich, eine ordentliche Positionierung für das Aufnahmegerät zu finden und sicher zu stellen, dass der Akku ausreichend geladen und das Speichermedium groß genug ist.43 Um ganz gefahrlos zu sein, dass die technischen Voraussetzungen stimmen und die Durchführung der Befragung nicht daran scheitert, sollte man zur Sicherheit einen Ersatz-Akku und eine Ersatz-Speicherkarte besitzen. Die Grundlage für ein Zeitzeugengespräch ist der Fragenkatalog, der vorab erstellt wird. Bei der Erstellung gilt zu beachten, dass ein halb offenes Interview entsteht. Das heißt, dass erst zu jedem Oberthema eine sehr allgemeine und offene Frage gestellt wird.44 Bei unserem Fragenkatalog zur Arbeit45 nutzen wir diese Frage: „Hatten Sie bei Ihrer Arbeit regelmäßig Kontakt zu Sowjets?“ als eine solche. Nach dieser folgen dann konkrete Fragen.46 Hierbei entschieden wir uns wieder am Beispiel unseres Fragenkatalogs zum Thema Arbeit für Formulierungen wie diese: „Wie war die berufliche Beziehung?“ und „Haben sich die Sowjets positiv oder negativ auf ihr Arbeitsumfeld ausgewirkt?“. Am besten formuliert man die Fragen so, dass der Zeitzeuge von ganz persönlichen Erlebnissen, Erfahrungen und Gefühlen spricht. Natürlich muss man von vornherein auch darauf vorbereitet sein, dass schwierige Situationen auftreten. Ein Problem könnte werden, dass der Zeitzeuge zurückhaltend und kurz antwortet, nicht auf die gestellten Fragen eingeht, sondern nur eine vorbereitete Geschichte erzählt oder in seinen Antworten sehr allgemein bleibt.47 Aus diesem Grund sollte man vor dem Interview üben, nachzuhaken und auf konkrete Aussagen zu bestehen. Es ist auch sinnvoll, sich bereits bestimme Formulierungen zu überlegen, die man in der jeweiligen Situation anwenden kann. Oft kommt es vor, dass Leute, die besonders schlimme Ereignisse erlebt haben, traumatisiert sind. Diese reagieren dann des Öfteren emotional, wenn solche Erinnerungen wieder hochkommen. Dennoch kann es passieren, dass man so eine Reaktion erwartet, aber der Zeitzeuge sich nicht dementsprechend verhält, denn schließlich hat er sich freiwillig gemeldet und scheint bereit zu sein, über dieses Thema zu sprechen. Falls das Interview nichtsdestotrotz eine emotionale Verhaltensweise hervorruft, sollte man sich sachlich zeigen und eine Pause anbieten. Man muss sich auch im Klaren sein, dass vielen Menschen ein solches Gespräch sogar guttut, da sie sonst nicht über schwierige Themen wie diese reden. Zur weiteren Vorbereitung gehört eine geeignete Umgebung oder vielmehr einen passenden Raum zu finden. Optimalerweise lädt die Räumlichkeit zum Gespräch ein und bietet eine ruhige Atmosphäre.48 Besonders belebte Orte und große Öffentlichkeit lenken ab und sind daher nicht zu empfehlen. Hat der Zeitzeuge bereits ein Wunsch zur Lokalität des Interviews geäußert, ist es sinnvoll, auf diesen einzugehen. Für Video- und Tonaufnahmen sollte man zusätzlich beachten, dass es ein ruhiger Platz ist, denn selbst eine leise Geräuschkulisse kann die Aufnahme stören. Aufgrund der Pandemie „Covid-19“ und den uns sehr am Herzen liegenden Schutz unseres Zeitzeugenkreises, der hauptsächlich aus betagteren Personen bestand, konnten wir nicht immer sicherstellen, dass keine Hintergrundgeräusche zu bemerken waren.

Zum Schluss müssen die Aufgaben genau verteilt werden und jeder muss klar wissen, was seine Pflicht ist und was er machen muss, damit die Interviews reibungslos verlaufen. Aufgrund der geringen Anzahl an Gruppenmitgliedern und der Bedeutsamkeit der Führung eines Protokolls entschieden wir uns dafür, dass lediglich eine Person für die Realisierung der Befragung zuständig ist. An der Mitschrift der Mimik und Gestik waren jeweils zwei Schüler*innen beteiligt und dementsprechend hat sich ein Weiterer mit der Technik befasst.

2.3.3 Interview

Hat man sich nun intensiv mit den Vorbereitungen des Interviews beschäftigt und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, dann kann die Befragung losgehen.

Ein gutes Interview teilt man in drei Abschnitte ein.49 Der erste Teil ist von enormer Bedeutung für das nachfolgende Gespräch, denn eine Vertrauensbasis aufzubauen ist einer der wichtigsten Schritte. Der Zeitzeuge soll schließlich fremden Personen sehr intime und persönliche Details offenbaren. Daher fängt man mit einem lockeren Kennlerngespräch an und bespricht dabei alltägliche Themen, wie das Wetter, die Wohnung oder Bus-Preise.50 Hat man nun das Gefühl, mit dem Zeitzeugen warm zu sein und sich auf einer gewissen Vertrauensbasis zu befinden, kann man zum zweiten Teil übergehen. Dieser beinhaltet die biografischen Daten des Befragten, die das Vertrauen weiter aufbauen und außerdem sowieso für das Interview notwendig sind.51 Wichtig sind Informationen zum Namen, zum Geburtsdatum und zum Lebenslauf des Interviewten.52 Des Weiteren kann man die Stimmung auflockern, indem man Interesse zeigt und Fragen zu Kindheitserlebnissen, zu Urlaubsreisen, zur Familie und Lieblingslektüren stellt oder wie in unserem Fall Eingangsfragen zum Interviewthema.53 Da jeder Zeitzeuge jedoch individuell ist, sollten die Gesprächsthemen oftmals auch spontan und auf jeden Zeitzeugen persönlich abgestimmt sein. Falls man in diesem zweiten Teil auf das Thema des Interviews zu sprechen kommen sollte, kann man direkt zum Fragenkatalog überleiten. Dabei gibt es zwei Methoden, wie man vorgehen kann: Entweder die thematische oder die chronologische Reihenfolge.54 Die Chronologie bietet den Vorteil, dass sie eine einfache Stütze liefert, um der Erinnerung Form zu geben.55 Während des Interviews kann es jedoch vorkommen, dass die genaue Reihenfolge des Fragenkataloges nicht eingehalten werden kann. Mit solch einer Situation klar zu kommen, durften wir in der Befragung mit dem sowjetischen Soldaten kennenlernen. Am wichtigsten zu wissen ist, dass man den Zeitzeugen keinesfalls dazu zwingen darf, etwas zu erzählen. Falls ihm also ein Thema zu persönlich wird, ist es notwendig, Verständnis zu zeigen und auf eine andere Thematik überzuleiten. Generell muss man im Gespräch sein Verständnis und Interesse sehr klar deutlich machen. Dazu reicht oftmals einfach aufmerksam zuhören und auch nachzufragen, falls etwas nicht verstanden wurde. Die Fragen aus dem Fragenkatalog sollte man mit vielen Möglichkeiten zum Antworten gestalten, dass die Zeitzeugen möglichst lange und umfangreiche Aussagen geben. Dies ist später maßgeblich, um viele Informationen zur befragten Zeit herauszufinden. Zu vermeiden sind Fragen, bei denen man Gefahr läuft, dass die Befragten lediglich mit Ja oder Nein antworten, denn so bekommt man keine Aussagen über die Zeit und das Interview hätte fast keinen Nutzen. Die bereits in der Vorbereitung ausgewählten oder vom Zeitzeugen mitgebrachten Dokumente helfen, zusätzliche Auskünfte zu gewinnen. Gerade die Beweisstücke, die der Interviewte noch nicht gesehen hat, regen das Gedächtnis an und rufen eventuell schon längst vergessene Erinnerungen hervor. Zudem kann man die Gedächtnisleistung anregen, indem man alte Orte besucht, über die man in dem Interview spricht. Außerdem ist bei diesem Teil wichtig, dass die ganze Geschichte des Zeitzeugens erfragt wird, also auch die Abschnitte vor und nach der befragten Zeit. Das trägt zwar nicht direkt dazu bei, Informationen zu finden, aber so wird sichergestellt, dass sich der Zeitzeuge wohlfühlt und viel erzählt. Außerdem geht er später mit einem guten Gefühl aus dem Interview und ist auch in Zukunft offen für Nachfragen. Trotzdem darf man nicht zu sehr vom Thema abkommen. Sollte dies jedoch passieren, führt man einfühlsam zu persönlichen Ereignissen zurück. Dabei könnte man nach dem Wohnort, Gedanken oder Gefühlen fragen. Ebenso schnell kann es passieren, dass der Interviewte die Regie übernimmt. Deshalb ist es unerlässlich, aufzupassen, dass immer der Interviewer für die Leitung des Gesprächs zuständig ist. Um eine klare Linie zu behalten, sollte man sich größtenteils an den Fragenkatalog halten und den Zeitzeugen so nochmals in die Zeitebene oder zum Thema zurückholen.56 Dennoch stellten wir fest, dass dies besonders schwierig sein kann, denn der sowjetische Soldat hat sehr durcheinander über die Fragestellungen gesprochen und sich nicht wieder zur eigentlichen Reihenfolge unserer Fragen zurückführen lassen. In diesem Fall haben wir uns dem Zeitzeugen angepasst und bekamen trotzdem alle Antworten. Während des Interviews kann es vorkommen, dass ein und dasselbe Ereignis anders erzählt oder beschrieben wird. Dabei kann es entweder sein, dass der Zeitzeuge lügt, was jedoch sehr selten ist oder dass sich die Erinnerungen über die Jahre verschoben haben.57 Darüber hinaus kann es aber auch vorkommen, dass die bisher vorhandenen Quellen falsch sind und der Befragte in Verbindung mit diesem Ereignis eine völlig neue Wahrheit ans Licht bringt. Solche Widersprüche können natürlich auch ein Hinweis auf ein ambivalentes Ereignis sein.58 Falls Gegensätzlichkeiten dieser Art auftreten, kann man vorsichtig noch einmal nachfragen. Dabei sollte man darauf achten, dass man dem Zeitzeugen nicht vorwirft, dass er lügt. Sobald man merkt, dass bei dem Interview keine neuen Informationen rauskommen und der Zeitzeuge immer nur über dasselbe spricht, ist das der ideale Zeitpunkt, um das Interview zu beenden.

2.3.4 Auswertung

Sind nun die Vorbereitung und Durchführung der Interviews erfolgreich durchgeführt worden, beginnt man mit dem letzten, ebenso wichtigen Teil: Die Auswertung. Bevor man die Gespräche auswertet, sollte man auch hierbei einige Vorbereitungen treffen. Dazu gehört zum Beispiel die Transkription. Die Ton- und Videoaufnahmen, die als Grundlagen der Beantwortung von Fragen an die Geschichte dienen sollen, werden erst auf Initiative und unter Mitwirkung des Forschenden im Erkundungsprozess geschaffen.59 Deshalb ist eine genaue und umfassende Dokumentation des Interviews unumgänglich, um die Aufzeichnungen für die Interpretation und Analyse zugänglich zu machen.60 Das Verfahren, auch Transkription genannt, handelt nicht von einer einfachen Formveränderung. Bei dieser Methode geht die Aura des gesprochenen Wortes verloren und es fließen bereits einige Interpretationen mit ein.61 Um die gesprochenen Worte jedoch so weit wie möglich zu erhalten, sollte wenig geglättet oder korrigiert werden, sodass es seinen Charakter als Stegreiferzählung nicht verliert.62 Aus diesem Grund sollte die Transkription ebenso unwichtige oder nicht verbalisierte Momente wie Pausen, Dialekte und stockendes Sprechen enthalten.63 Auch Gestik und Mimik sollte mit vorhanden sein. Natürlich ist es unmöglich, bis zum kleinsten Augenzwinkern alles zu notieren, jedoch sollte größtenteils alles vermerkt werden, denn die Transkription gibt nicht nur wieder was, sondern ebenfalls wie ein Zeitzeuge etwas gesagt hat. Für diesen Schritt der Vorbereitung für die Auswerfung können spezielle Transkriptionszeichen verwendet werden. Diese sind in der untenstehenden Tabelle aufgelistet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Oral History ist es üblich, dass man für Pausen entsprechend der Länge dieser Aussetzung Freizeichen lässt. Aufgrund der besseren Lesbarkeit entschieden wir uns jedoch dafür, die Pausen druch Punkte zu kennzeichnen. Deshalb werden in den Transkriptionen die Pausen folgendermaßen zu sehen sein: „ ... “. Sind mm alle Interviews transkribiert, kann man diese noch sequenziell gliedern.64 Dazu entwirft man eine Tabelle mit den Zeiten in Minuten und wovon erzählt wird. An unserem Beispiel des Interviews zurn Thema Arbeit sieht ein solches Tabellarium folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im nächsten Schritt klärt man Orts- und Personennamen und Hintergrundereignisse, die erst während des Interviews aufgekommen sind. Hat man alles transkribiert, sequenziell gegliedert und zusammengefasst, kommt nun die schwierigste Phase: die Auswertung. Bei diesem Teil des Projektes ist der Zeitzeuge auf keinen Fall anwesend. Mithilfe der Film- oder Tondokumente und den Protokollen wird ausgewertet. Man teilt diese Phase in drei Teile.65 Im ersten werden wichtigsten Aspekte herausgearbeitet und die bedeutendsten Inhalte aufgeschrieben. Im nächsten Teil wird das Interview, welches gerade ausgewertet wird, mit anderen Befragungen verglichen. Dabei erfährt man mein', wie unterschiedlich die Zeit erlebt und erinnert winde. Meistens wird dabei auch sein deutlich, dass der Bericht eines Zeitzeugen sehr- subjektiv ist. Zum Vergleich nutzt man die im ersten Teil gewonnen Aufzeichnungen und vergleicht die Oberthemen miteinander. Währenddessen werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich. Gründe dafür sind zurn Beispiel unterschiedliche Situationen, in denen sich die Menschen befunden haben, denn auf dem Land hat man manche Ereignisse anders mitbekommen als in Städten. Auch die spätere Prägung und die heutigen Lebensumstände66, sowie die abweichende Frageweise der Interviewer können Gründe dafür sein. Da das Hauptziel unserer Befragungen war, herauszufinden, ob eine Deutsch-Sowjetische Freundschaft stattgefunden hat, konzentrierten wir' uns auf die Aussagen zu dieser Thematik und verglichen diese miteinander. Im letzten Schritt ordnet man die Erkenntnisse in den historischen Kontext ein. Dabei bettet man die Biografien der Zeitzeugen in politische Ereignisse der Zeit.67 So werden Gemeinsamkeiten und Widersprüche zwischen der Geschichte des Interviewten und der offiziellen Historie deutlich. Dazu trägt man am besten wichtige Ereignisse, von denen der Zeitzeuge berichtet hat und die politischen Begebenheiten in einen Zeitstrahl ein, um persönliche Geschichten mit dem historischen Kontext vergleichen zu können und Bezüge und Gegensätze festzustellen. Da wir allgemein und kurz gehaltene Antworten von unseren Befragten erwartet haben und nicht nach direkten Daten fragten, haben wir uns entschieden, diesen Schritt der Auswertung auszulassen. Hat man all diese Maßnahmen beachtet und ordentlich ausgeführt, ist es anschließend möglich, ein Fazit zu den Aussagen der Zeitzeugen zu fällen.

Allerdings spielt auch das Gedächtnis bei der Oral History eine wichtige Rolle, aufgrund dessen werden wir in den nächsten Abschnitten näher darauf eingehen.

2.4 Gedächtnis und Erinnerung

„Ein Kopf ohne Gedächtnis ist eine Festung ohne Besatzung.“68 Dieses Zitat wurde einst von Napoleon Bonaparte benutzt und ist auch in der heutigen Zeit noch sehr aktuell. Was ist schon ein Mensch ohne Gedächtnis, Erfahrungen und Erinnerungen, die er während seines Lebens sammelt? Die Menschheit hat sich im Laufe ihrer Geschichte weiterentwickelt und aus Situationen gelernt, um daraus schließlich neue Erfahrungen zu gewinnen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Das alles war jedoch nicht möglich, ohne das Gedächtnis und das Erinnern an gewisse Dinge. Genauso wie in der Evolution des Menschen spielen die beiden Faktoren Gedächtnis und Erinnerung in der Zeitzeugenbefragung eine sehr große Rolle. Ohne bestimmte fest verankerte Momente im Kopf einer Person hätte man viele historische Ereignisse nicht so detailliert und genau niederschreiben können, wie es heute der Fall ist. Daher lautet der nächste Schwerpunkt dieser Seminarfacharbeit „2.4 Gedächtnis und Erinnerung“.

2.4.1 Begriffserklärung und Funktionsweisen

Als Erstes muss man dazu sagen, dass Gedächtnis und Erinnerung zwei sehr unterschiedlich zu definierende Begriffe sind. Gedächtnis ist „das Aufnehmen, Umwandeln und anschließendes Speichern von Informationen, welche man später immer wieder beliebig durch das Gedächtnis abrufen kann“69. Das Gedächtnis ist also die Voraussetzung für das Erinnern. Dabei spielt zudem die Relevanz auf die jeweilige Person selbst eine große Rolle. So ist es außerdem wichtig, wo und dem zufolge auch wie lange Informationen gespeichert werden.

„Erinnern ist etwas Vergangenes durch bewusstes, direktes Nachfragen in Bildform wieder in den Vordergrund des Gedächtnisses zu rücken, um somit ein Gerüst aus Erinnerungen aufzustellen und eine bereits vergangene Situation so detailgetreu wie möglich mental wiederherzustellen.“70 Im Volksmund wird dann von „Erinnerungen wieder ausgraben“ gesprochen. Somit erfolgt es also aus dem bereits Gespeicherten im Gedächtnis. Es tritt jedoch auch unwillkürlich auf. Diese Form ist nicht selten, sondern passiert täglich beim Wiedererkennen von Gegenständen, Tätigkeiten und Handlungen, wie laufen, Fahrrad fahren oder ganz vereinfacht durch das Kauen einer Mahlzeit. Der Wiedererkennungsprozess ist außerdem eine wichtige Überlebens- und Schutzfunktion. So erkennt eine Person seine Familie, seine Heimat oder alles, was einem vertraut und geborgen scheint, gleich wieder. Im Kontrast dazu erinnert man sich auch gut an Menschen, die jemanden in einer bestimmten Art und Weise verletzt haben, ein Gericht, was man nicht vertragen hat, oder eine Kür beim Sport, bei der man sich verletzt hat.

2.4.2 Gedächtnisarten

Unser Gedächtnis ist ein Filtersystem. Dies ist eine notwendige Funktion, die zum Schutz dient, um nicht einer zu großen Masse an Informationen ausgesetzt zu sein, die nicht verarbeitet werden kann, welche anschließend zur Überlastung und folglich zur Lebensunfähigkeit führen. Gespeichert ist daher nur ein Teil der Realität, da ein vorheriges Abstrahieren von Dingen erfolgt, die das Gehirn im Moment der Aufnahme als eher nichtig erscheint. Daher bezeichnet man das Gehirn unter anderem als selektiv71. Dieses sogenannte Filtersystem wird in drei große Bereiche, auch ,Drei-Speicher-Modell‘ nach Atkinson und Shiffrin72 genannt, aufgeteilt: das sensorisches Gedächtnis73, das Arbeitsgedächtnis74 und das Langzeitgedächtnis.

2.4.2.1 Ultrakurzzeitgedächtnis

Das sensorische Gedächtnis nimmt Eindrücke aus der Umwelt von bis zu zwei Sekunden75 auf. Der gesamte Prozess des Ultrakurzzeitgedächtnisses ist ein unbewusster, den wir nicht beeinflussen können. Die aufgenommenen Informationen werden dabei zuerst enkodiert.76 Das Gedächtnis nimmt Informationen aus allen Sinnesorganen auf, vor allem visuell und auditiv. Dabei verlaufen die visuelle und die auditive Wahrnehmung getrennt. Die visuelle Wahrnehmung entspricht der Aufnahme über die Augen und die Auditive über die Ohren. Bevor die Informationen nach Relevanz und Bedeutsamkeit sortiert werden, werden sie mit möglich bekannten Gedächtnisinhalten verglichen. Gegebenenfalls erfolgen dann eine Wiedererkennung und eine daraus folgende Zuordnung. Wenn diese Wiedererkennung gegeben ist, werden die Inhalte sofort in das Kurzgedächtnis überschrieben. Bereits nach wenigen Zehntelsekunden77 zerfallen die ersten kurz zuvor aufgenommenen Informationen. Visuelle Wahrnehmungen zerfallen oder werden schon nach 250 bis 500 Millisekunden78 weitergeleitet, wobei die auditive Wahrnehmung bis zu zwei Sekunden79 bestehen kann. Nach der Aufgabe werden die Informationen entweder gelöscht oder in das Kurzzeitgedächtnis weitergegeben. Dies ist jedoch abhängig vom Interesse, äußeren Faktoren im Moment der Aufnahme und den Assoziationsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Als Beispiel für die Funktionsweise des Ultrakurzzeitgedächtnisses ein kleines Eigenexperiment: Schließen sie beim Joggen für eine kurze Zeit die Augen. Sie werden sich dabei für ein bis zwei Sekunden80 sicher fühlen. Danach wird eine plötzliche Unsicherheit bei Ihnen auftreten, da der unbewusste Prozess des sensorischen Gedächtnisses verfällt. Dieser gesamte Prozess findet in sensiblen Hirnrindenbereichen statt und hat im Gegensatz zur folgenden Gedächtnisfilterkategorie, dem Kurzzeitgedächtnis, eine sehr große Kapazität.

2.4.2.2 Kurzzeitgedächtnis

Das Kurzzeitgedächtnis ist das Resultat aus der Filterung, die nach dem Ultrakurzzeitgedächtnis erfolgt. Dort bleibt es für 20 Sekunden bis zu zwei Minuten81 und ist, wie bereits erwähnt, der erste bewusste Teil des Gedächtnisses. Dieser hat ein begrenztes Aufnahmevermögen von fünf bis neun Informationseinheiten82, die gleichzeitig in diesem Bereich gehalten werden können. Zwei wichtige Aspekte sind trotzdem immer noch die Aufmerksamkeit und äußeren Faktoren. Dieser Prozess erfolgt im Stirnhirn. Aufrechterhaltene Informationen sind anschließend im Arbeitsgedächtnis wiederzufinden, was jedoch immer noch ein Teil vom Kurzzeitgedächtnis ist. Dort werden die Informationen kurz in verschiedene Untersysteme verteilt: die phonologische Schleife, den episodischen Puffer, den räumlich­visuellen Notizblock und die zentrale Exekutive.83 Anschließend werden die Informationen erneut gefiltert und gelöscht oder in das Langzeitgedächtnis weitergeleitet.

2.4.2.3 Langzeitgedächtnis

Das Langzeitgedächtnis ist das Letzte der drei Filterungssysteme. Hier können Informationen für einige Minuten bis ein Leben84 lang verharren. Dieser Teil des Gedächtnisses ist der Geeignetste für Zeitzeugeninterviews, weswegen dieser im Folgenden näher behandelt wird. Die meisten Informationen dort sind an prägende Ereignisse oder Erlebnisse gekettet, die verantwortlich für unsere Identität und unser Handeln bei wichtigen Entscheidungen. So stellen zum Beispiel Familien, die eine Neigung gegen Menschen anderer Herkunft haben, auch ein prägendes Bild für ihre Kinder dar, die in den meisten Fällen die Ansichten ihrer Eltern übernehmen und diese eventuell noch verstärken. Der Freundeskreis spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. War jemand in seinem Kinderfreundeskreis der „Anführer“, so ist dieser mutiger und positiver gestellt in Hinsicht auf Herausforderungen. Der „Zurückhaltende“ wird später eher in seinem Berufs- und Privatleben einen sicheren Weg wählen, statt auf Risiko zu gehen. Das Langzeitgedächtnis ist darüber hinaus aufgeteilt in explizites und impliziertes Gedächtnis. Unter anderem finden sich auch die Wörter deklaratives und non-deklaratives Gedächtnis in diesem Zusammenhang wieder. Die Bedeutung dieser Begriffe ist dieselbe. Das explizite/deklarative Gedächtnis lässt den Menschen Inhalte bewusst abrufen und diese beschreiben. Diese werden im Hippocampus85 abgespeichert und an die Großhirnrinde weitergegeben. Dabei sind die Erinnerungen perspektivisch gesehen flexibel. Wird einem Zeitzeugen beispielsweise ein Hochzeitsfoto aus der Sicht des Pfarrers gezeigt, so wird dieses trotzdem mit der Erinnerung dieser Hochzeit verknüpft, obwohl dieser gar nicht an derselben Stelle stand. Dieser Teil des Gedächtnisses ist noch einmal unterteilt in episodisches und semantisches Wissen. Episodisches Wissen ist autobiografisches Wissen, das heißt, es wurde selbst erlebt. Episodische Erinnerungen werden durch einmalige Situationen sofort als Tätigkeit verinnerlicht. Als Beispiel gilt hier das Zähne putzen oder das Einparken. Man kann sich zwar an die Tätigkeit erinnern, wenn dieses Thema angesprochen wird, aber hat dazu kein genaues Ereignis im Kopf. Das semantische Gedächtnis ist Faktenwissen, welches sich durch mehrmaliges Wiederholen einprägt. Dieses bedeutet das Wissen über Objekte, Begriffe oder Tatsachen. So weiß jeder, dass eine Erdbeere reif ist, wenn sie rot ist oder dass die Hauptstadt von Großbritannien London ist.

Das „implizierte/non-deklarative Gedächtnis“86 ist für unbewusst ablaufende Prozesse verantwortlich und außerdem für dessen Automatisierung. Diese müssen vorher jedoch durch Wiederholungen eingespeichert werden, da der Hippocampus nicht für das implizierte Gedächtnis zur Verfügung steht. Beispiele dafür sind das Klavier spielen, Fahrrad fahren oder auch das Binden der Schuhe. Unter anderem gibt es hier wieder Untersysteme, welche wie folgt lauten: Fertigkeitsgedächtnis, Habituation und Konditionierung. Das Fertigkeitsgedächtnis, auch prozedurales Gedächtnis genannt, bestimmt Handlungsabläufe, die in ihrer Fertigkeit abgespeichert wurden und schwierig zu erklären sind. So greift man nach etwas, ohne sich vorher zu fragen, wie man vorher die Hand ausstreckt und die einzelnen Finger biegt, um den Gegenstand schließlich mit einer bestimmten Schwungkraft nach oben hebt. Das gleiche Prinzip kann auch beim Sprechen und Lesen beobachtet werden. Die Habituation bezeichnet einen Gewöhnungsprozess. Befindet sich eine tickende Uhr im Haus, so empfindet man ihr Ticken am Anfang als nervig, aber nimmt es irgendwann schließlich als normal an und überhört es sogar. Als Konditionierung wird eine gedankliche, unbewusste Schlussfolgerung aus einem Ereignis oder einer Tatsache beschrieben. Ertönt die Pausenklingel, so assoziiert das Gehirn automatisch gleich, dass man in den folgenden Minuten seine Sachen zusammenpackt und aufstehen kann. Als Veranschaulichung dieses verzweigten Systems des Langzeitgedächtnisses folgt mm ein Schaubild, welches teilweise auch für den nächsten Unterpunkt zur bildlichen Stütze dienen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Langzeitgedächtnis hat eine unbegrenzte Speicherdauer87. Laut Gehirnforschern kann man nichts vergessen, sondern nm nicht wiederfinden.88 Dazu sagt man im Volksmund oft: „Es liegt mir auf der Zunge.“ Also weiß man, dass diese Erinnerungsspur vorhanden ist, nur der Zugang ist gerade nicht zu finden. Nimmt man nun als Beispiel einen Bibliothekar, der aus Versehen ein Buch falsch einsortiert, so ist es noch in der Bibliothek vorhanden, aber die Wahrscheinlichkeit, es wiederzufinden, ist gering.89 In bestimmten Ermittlungen wird bei solchen Fällen unter anderem Hypnose verwendet, um an Informationen zu gelangen, die bei normalem Bewusstsein gar nicht abgerufen werden können. Trotz, dass sich wenige unter Hypnose getätigte Aussagen auch als falsch erwiesen haben, war der Großteil der Angaben korrekt. Untermauert werden diese Ergebnisse durch den Neurochirurgen Wilder Penfield, der bei Testpersonen längst „vergessene“ Erinnerungen zurückrufen konnte90. Daraus schlussfolgerte er, dass diese Erinnerungen lediglich für die Personen verborgen waren. Als andere Eigenschaft wird dem Langzeitgedächtnis das Phänomen der Kapazitätsunbegrenztheit dargelegt. Dies konnte noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden, aber die Wahr scheinlichkeit liegt sehr- hoch, was auch ein unglaublicher Vorteil gegenüber Computern in der heutigen Zeit ist. Durch intensives Training kann so dre Leistungsfähigkeit trainiert werden, um sich etwas leichter zu merken. Je mein man weiß, desto einfacher ist es schließlich Neues zu lernen, da die neuen Informationen eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, mit alten Informationen verknüpft zu werden. Als letzte unverkennbare Eigenschaft steht die kurze Abrufzeit. Aus einer unvorstellbaren Datenmenge können Personen innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen. Dieser Prozess ist unbewusst. „Kennen sie Erich Honecker?“ Ihnen wird nun höchstwahrscheinlich blitzschnell die Antwort „ja“ durch den Kopf gegangen sein. Eventuell denken sie jetzt an sein Amt als Politiker, aber in den meisten Fällen nehmen hier schon die Gedanken dieses Themas der meisten Leute ein Ende. Unser Gedächtnis durchsucht in Sekundenbruchteilen91 bis zur Antwort eine unvorstellbar große Datenmenge, um sich schließlich zu erinnern. Dieses Phänomen wird nun auch mehr und mehr versucht, auf Computer zu übertragen, dennoch verlangsamt sich die Anzeige der Ergebnisse steigend mit der Anzahl der im Register vorhandenen Dateien.

2.4.3 Gedächtnisformen

Im vorangegangenen Unterpunkt wurde die chronologische Gliederung des Gedächtnisses genauer beleuchtet. Nun besitzt das Gedächtnis aber auch eine funktionale Untergliederung, auf welche im Folgenden näher eingegangen wird. Der Unterpunkt „2.4.3 Gedächtnisformen“ unterteilt sich in individuelles und kollektives Gedächtnis.

Das individuelle Gedächtnis ist zuständig für die Formung der Identität. Deswegen enthält es eigene biografische Angaben und ist auch durch unterschiedliche Erfahrungen veränderbar. Diese Informationen des Zeitzeugen lassen sich nicht übertragen oder austauschen. Nicht alle Informationen lassen sich auf Anhieb abrufen. Manche sind, wie in Unterpunkt „2.4.2 Gedächtnisarten“ bereits genannt, nur situationsbedingt abrufbar. Andere werden zudem instinktiv vom Gehirn verdrängt, was auch als Trauma bezeichnet werden kann. Dazu mehr in Punkt „2.5 Möglichkeiten und Grenzen“.

Das kollektive Gedächtnis wird durch soziale Gruppen wie Vereine, Religionsgemeinschaften und Staaten erstellt. Aufgrund einer gemeinsamen Vergangenheit (auch über eigenes Leben hinaus, wie gemeinsame Herkunft) wächst somit das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Das Gedächtnis ist hier, im Gegensatz zum individuellen Gedächtnis, über mehrere Generationen verfügbar, heißt: Die Personen wechseln, doch das Wissen bleibt das Gleiche. Die Zusammengehörigkeit wird außerdem durch Feste und Feiern bestärkt, um zusätzlich auch das Gedankengut zu bewahren. Die Wiedererkennung solcher Gruppen erfolgt durch Symbole, Riten oder für die Gruppe persönliche Orte. Die Abrufung solches Gedankenguts tritt funktional92, symbolisch93 oder materiell94 auf. Das kollektive Gedächtnis unterteilt sich nochmals in das Kommunikative und das Kulturelle. Unter kulturellem Gedächtnis versteht man niedergeschriebenes Gedankengut, also nicht personengebundenes. Im kommunikativen Gedächtnis finden sich mündlich überlieferte Traditionen und Erfahrungen wieder. Diese halten circa drei Generationen95 und leben von Weitererzählungen, sie sind also personengebunden. Menschen sind abhängig von sozialen Kontakten. Einzelne soziale Gruppen bilden ihre eigene Lebensweise aus und somit auch ihre Sicht auf bestimmte Ereignisse. Aus diesem Grund kann es sein, dass verschiedene Zeitzeugen ihre persönliche Wahrheit erzählen, die sich aber von der persönlichen Wahrheit eines anderen Zeitzeugens auch stark unterscheiden kann.

[...]


1 vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard: Oral History im Geschichtsunterricht, S. 20

2 vgl. ebenda

3 vgl. ebenda

4 vgl. ebenda

5 ebenda

6 vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard: Oral History im Geschichtsunterricht, S. 21

7 vgl. ebenda

8 vgl. www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus

9 vgl. ebenda

10 vgl. ebenda

11 ebenda

12 vgl. ebenda

13 ebenda

14 vgl. ebenda

15 vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard: Oral History im Geschichtsunterricht, S. 21

16 vgl. ebenda S. 20

17 www.duden.de/rechtschreibung/Interviewpartner

18 www.duden.de/rechtschreibung/Zeitzeuge

19 Henke-Bockschatz, Gerhard: Oral History im Geschichtsunterricht, S. 19

20 ebenda

21 ebenda

22 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

23 vgl. ebenda

24 vgl. www hdbg.de/boehmen

25 vgl. ebenda

26 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

27 siehe Anhang S. 69

28 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

29 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

30 vgl. www hdbg.de/boehmen

31 vgl. ebenda

32 vgl. ebenda

33 siehe Anhang S. 108 ff.

34 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

35 vgl. ebenda

36 vgl. Henke-Bockschatz, G. : Oral History im Geschichtsunterricht, S. 56

37 vgl. ebenda S.57

38 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

39 vgl. Henke-Bockschatz, G. : Oral History im Geschichtsunterricht, S. 57

40 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

41 vgl. ebenda

42 vgl. Henke-Bockschatz, G. : Oral History im Geschichtsunterricht, S. 56

43 vgl. ebenda

44 vgl. Henke-Bockschatz, G. : Oral History im Geschichtsunterricht, S. 56

45 siehe Anhang S. 74

46 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

47 vgl. ebenda

48 vgl. ebenda

49 vgl. www hdbg.de/boehmen

50 vgl. ebenda

51 vgl. ebenda

52 vgl. ebenda

53 vgl. ebenda

54 vgl. ebenda

55 vgl. www.bpb.de/lernen/projekte

56 vgl. ebenda

57 vgl. www hdbg.de/boehmen

58 vgl. ebenda

59 vgl. Henke-Bockschatz, G.: Oral History im Geschichtsunterricht, S. 63

60 vgl. ebenda S. 64

61 vgl. ebenda

62 vgl. ebenda

63 vgl. ebenda

64 vgl. Henke-Bockschatz. G.: Oral History im Geschichtsunterricht. S. 65

65 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

66 vgl. ebenda

67 vgl. www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion

68 www.aphorismen.de/zitat

69 Henke-Bockschatz, G.: Oral History im Geschichtsunterricht, S. 31 f.

70 ebenda

71 durch Aufmerksamkeit eingeschränkte Wahrnehmung

72 vgl. Bruhn, T.: Das Drei-Speicher-Modell nach Atkinson und Shiffrin, S. 5 ff.

73 Ultrakurzzeitgedächtnis

74 Kurzzeitgedächtnis

75 vgl. www.akademie-fuer-lernmethoden.de/wp-content

76 vgl. ebenda

77 vgl. www ratgeber-neuropsychologie.de/gedaechtnis 5 vgl. ebenda

78 vgl. ebenda

79 vgl. ebenda

80 Eigenexperiment

81 vgl. www ratgeber-neuropsychologie.de/gedaechtnis

82 vgl. ebenda

83 vgl. ebenda

84 vgl. ebenda

85 Teil des Großhirns, liegend am inneren Rand des Temporal-/Schläfenlappens

86 www.ratgeber-neuropsychologie.de/gedaechtnis

87 vgl. Dr. Karsten. G.: Erfolgsgedächtnis. S. 64

88 vgl. ebenda

89 vgl. ebenda S.64 f.

90 vgl. ebenda S. 65

91 vgl. Dr. Karsten, G.: Erfolgsgedächtnis, S. 68

92 z.B. Autobiographien von berühmten Personen

93 z.B. Jahrestage

94 z.B. Denkmäler

95 vgl. www.archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Zeitzeugen im Gespräch. Die Stationierung der Sowjetarmee in Ohrdruf und Umgebung von 1945 bis 1990
Note
15
Jahr
2020
Seiten
112
Katalognummer
V1061260
ISBN (eBook)
9783346477071
ISBN (Buch)
9783346477088
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Geschichte ist ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Man muss die Chance ergreifen, sich jetzt mit der Vergangenheit, seiner Umgebung und Mitmenschen auseinanderzusetzen. Jeder Mensch ist Teil der Vergangenheit und somit auch der Geschichte. Auch das Lernen aus der Vergangenheit ist für jeden relevant, da man so seine Zukunft anders gestalten kann.
Schlagworte
Geschichte, Sowjetarmee, Russen, Sowjets, Zusammenleben, Deutsche, Reich, 2. Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, Seminarfacharbeit, Ohrdruf, Zeitzeugen, Gespräch, Oral History, Oral, History, Stationierung, Zeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Zeitzeugen im Gespräch. Die Stationierung der Sowjetarmee in Ohrdruf und Umgebung von 1945 bis 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1061260

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zeitzeugen im Gespräch. Die Stationierung der Sowjetarmee in Ohrdruf und Umgebung von 1945 bis 1990



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden