Koloniales Streben bei Jules Ferry und Georges Clemenceau im Vergleich


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische und methodische Grundlagen
2.1. Begriffsdefinitionen
2.2. Kolonialpolitik Frankreichs im späten 19. Jahrhundert
2.3. Methodisches Vorgehen

3. Analyse der Reden Ferrys und Clemenceaus
3.1. Ferrys Rede am 28. Juli 1885
3.2. Clemenceaus Rede am 30. Juli 1885
3.3. Vergleich der beiden Positionen

4. Fazit und Ausblick

Bibliographie

Résumé

Le président du Conseil et ministre de l’Instruction publique et des Beaux-Arts répété pendant la Troisième République Jules Ferry est en premier ressort connu pour son activité pour un système scolaire laïque, gratuit et obligatoire en France. Pourtant, il ne faut pas oublier qu’il jouait également un grand rôle dans l’expansion coloniale française. La raison principale des ambitions coloniales de la France dans le finissant XIXe siècle est, selon des scientifiques, l’aspiration à la réhabilitation après la défaite dans la Guerre Franco-Allemande de 1870/71. Le 28 juillet 1885, Ferry présente dans un discours à la Chambre des députés son opinion sur le caractère de la politique coloniale que la France devrait poursuivre, sur la relation de la France avec d’autres pays, son avis sur la théorie raciale et finalement sa vision du rôle que la France devrait jouer dans la politique internationale. Il est remarquable que beaucoup de députés ne sont pas bienveillants vis-à-vis ses idées. Déjà deux jours après, le député de l’extrême-gauche Georges Clemenceau, opposant acharné de Ferry, y réagit. Une comparaison de ces deux positions à l’aide des catégories du caractère de la politique coloniale, de la relation de la France avec d’autres pays, de l’avis sur la théorie raciale et de la vision du rôle de la France montre que ses deux hommes se distinguent fondamentalement. Clemenceau attribue aux réformes sociales une plus grande importance qu’à l’expansion coloniale et également à la défense du pays que peut être comprendre dans le contexte de la défaite contre l’Allemagne.

1. Einleitung

Wesseling (1996, S. 4) bemerkt zu Recht, dass das koloniale System heutzutage zwar nicht mehr existiere, seine Konsequenzen jedoch bis in die Gegenwart reichen, was territoriale Konflikte in Afrika und im Nahen Osten zeigen. Um die Ursachen dieser Konflikte, allen voran das koloniale Streben europäischer Großmächte im späten 19. Jahrhundert, zu ergründen, ist es lohnenswert, sich mit einem der wirkungsmächtigsten Befürworter des französischen Imperialismus, Jules Ferry, auseinanderzusetzen, dem oft genug die Etablierung des laizistischen, kostenlosen und verpflichtenden Schulsystems in Frankreich hoch angerechnet (Gaillard 1989, S. 9), sein imperialistisches Wirken dabei jedoch etwas außer Acht gelassen wird. Angesichts der Tatsache, dass Frankreich in Afrika eine der größten Kolonialmächte war und seinen Einfluss auch in Asien geltend machte, erscheint eine Beschäftigung mit Ferrys Gedanken zu und Wirken in der kolonialen Expansion umso drängender. Diese gibt er in einer Rede am 28. Juli 1885 in der Abgeordnetenkammer preis, auf die Reaktionen nicht lange auf sich warten lassen. Bereits zwei Tage später reagiert der Abgeordnete der extremen Linken Georges Clemenceau, der als erbitterter Gegner Ferrys gilt (Thomas 2005, S. 188). In diesem Zusammenhang lautet die Frage, der in der vorliegenden Arbeit nachgegangen wird: Wie reagiert Clemenceau auf Ferrys Ideen zur kolonialen Expansion? Dabei sollen zwei Hypothesen verifiziert beziehungsweise falsifiziert werden, von denen die erste lautet: Die Ansichten Clemenceaus unterscheiden sich von Ferrys grundsätzlich. Die zweite lautet: Clemenceau lehnt koloniale Expansion kategorisch ab.

Mit Ferrys kolonialen Ideen wird sich in der Wissenschaft seit einem knappen Jahrhundert auseinandergesetzt. Aldao (1933) untersucht die Einflüsse in Ferrys Leben auf sein koloniales Denken. Dabei fällt auf, dass er nicht unvoreingenommen ist. Insgesamt stellt er sich auf seine Seite und bezeichnet Clemenceau als grausam, aber talentiert in seiner Kritik an Ferry (Aldao 1933, S. 14). Als ein Standardwerk kann Powers 1944 publiziertes ‚Jules Ferry and the Renaissance of French Imperialism‘ gelten, in dem er sich mit den treibenden Kräften der Expansion in den ersten Jahren der Dritten Republik beschäftigt. Hier gilt es allerdings zu bedenken, dass der Zweite Weltkrieg und die Okkupation Frankreichs durch Deutschland es dem Autor nicht ermöglichten, selbst nach Frankreich zu reisen und dort mit Quellen zu arbeiten. Daher nimmt er lediglich eine Neubewertung zu der Zeit bereits veröffentlichten Materials, wie diplomatische Dokumente, Debatten in der Kammer, Zeitungen, Memoiren und Sekundärliteratur, vor (Power 1944, S. ix). Des Weiteren kann auch Cookes Werk (1973) als Standardwerk gelten, in dem er sich vordergründig mit den kolonialen Aktivitäten europäischer Großmächte in Afrika befasst. Ausführliche Biografien zu den beiden Politikern lieferten zudem 1988 Duroselle (zu Clemenceau) und 1989 Gaillard (zu Ferry). Auffällig ist, dass die meisten Standardwerke kurz nach der Dekolonisation veröffentlich wurden.

Es fällt auf, dass in der Forschung keine Einigkeit darüber herrscht, in welcher Beziehung Ferry zu Deutschland stand. Einerseits werden ihm Verbindungen zu Bismarck nachgesagt (Gaillard 1989, S. 14), andererseits betrachtete er Deutschland, so wie andere Mächte, als Konkurrenten in der Kolonialpolitik (Baumgart 1974, S. 192).

Um eine Grundlage für den Imperialismus in der Dritten Republik (1871-1940) zu legen, werden die Begriffe des Kolonialismus, Imperialismus, der Kolonie und der Kolonisation definiert. Um die Reden Ferrys und Clemenceaus angemessen kontextualisieren zu können, wird danach auf die Kolonialpolitik Frankreichs im späten 19. Jahrhundert eingegangen. Dem folgt eine kurze Erläuterung über das methodische Vorgehen, um daraufhin die Rede Ferrys zu analysieren. Es folgt eine Analyse der Rede Clemenceaus als Reaktion darauf. Anschließend werden sie miteinander verglichen, um die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten herauszustellen. Im abschließenden Fazit wird geklärt, ob die Hypothesen verifiziert oder falsifiziert werden können und weitere Forschungsperspektiven werden eröffnet.

2. Theoretische und methodische Grundlagen

Die Begriffe der Kolonisation, der Kolonie, des Kolonialismus und des Imperialismus, vor allem die beiden Letzteren, werden oftmals gebraucht, um dasselbe auszudrücken. Um dem vorzubeugen und die Unterschiede herauszustellen, werden sie in diesem Kapitel definiert. Zur theoretischen Grundlage gehört auch eine Erläuterung der Kolonialpolitik Frankreichs im späten 19. Jahrhundert, um die Reden Ferrys und Clemenceaus in ihren historischen Kontext einordnen zu können. Zum Schluss werden die Methoden dargelegt, mit denen in Kapitel 3 vorgegangen wird.

2.1. Begriffsdefinitionen

Jansen und Osterhammel bezeichnen Kolonisation als einen Prozess der Landnahme. Eine Kolonie sei eine besondere Art eines politisch-gesellschaftlichen Personenverbands und Kolonialismus wiederum bezeichne ein Herrschaftsverhältnis. Die Basis dieser Begriffe sei „die Vorstellung von der Expansion einer Gesellschaft über ihren angestammten Lebensraum hinaus“ (Jansen, Osterhammel 2012, S. 8). Dabei kann Koloniebildung auch ohne vorangegangene Kolonisation erfolgen, etwa durch militärische Eroberung. Deutlichstes Bei-spiel hierfür sei in der französischen kolonialen Expansion Algerien (Jansen, Osterhammel 2012, S. 15).

Die Autoren definieren drei Typen von Kolonien: Beherrschungskolonie, Stützpunktkolonie und Siedlungskolonie, von denen auf die Beherrschungskolonie hier genauer eingegangen wird, da sie im französischen Kolonialismus wiederzufinden ist. Diese entstehen meist aus militärischer Eroberung zum Zweck der wirtschaftlichen Ausbeutung, etwa durch Handels-monopole, Nutzung von Bodenschätzen und Erhebung von Tribut. Auch dienen sie dem Prestigegewinn. Sie zeichnen sich durch eine relativ geringe koloniale Präsenz und eine autokratische Regierungsweise des Mutterlandes aus, häufig in Form des Gouverneurssystems. Ein Beispiel, das in beiden Reden eine tragende Rolle spielt, ist Indochina (Jansen, Osterhammel 2012, S. 17).

Kolonialismus definieren die Autoren wie folgt:

Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Über-zeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen (Jansen, Osterhammel 2012, S. 20).

Imperialismus hingegen grenze sich von bloßer Kolonialpolitik ab, indem es als ‚Weltpolitik‘ verstanden werden kann, in der Kolonien nicht nur Zwecke in sich selbst seien, sondern auch als Pfänder in globalen Machtspielen fungieren können. Geplant und durchgeführt werde er von Staatskanzleien, Außen- und Kriegsministerien. Kolonialismus hingegen von Kolonialbehörden und Menschen vor Ort in den Kolonien. Hieraus geht hervor, dass Imperialismus und Kolonialismus nicht dasselbe sind, wie es manchmal fälschlicherweise angenommen wird. Imperialismus habe eine umfassendere Bedeutung, Kolonialismus könne als ein Spezialfall gelten (Jansen, Osterhammel 2012, S. 27).

2.2. Kolonialpolitik Frankreichs im späten 19. Jahrhundert

Der ‚klassische‘ französische Imperialismus, in dessen Rahmen die Reden Ferrys und Clemenceaus fallen, erstreckt sich laut Baumgart über die Zeit von 1880 bis 1914 und kann in vier Phasen unterteilt werden: Die erste bezeichnet den Zeitraum von 1880 bis 1885, in der Léon Gambetta und Ferry als Premierminister die Protektorate Tunesien und Annam-Tongking errichteten sowie die Position Frankreichs in Westafrika und im Kongobecken ausbau-ten. In der zweiten Phase (1885-1890) war ein antikolonialistisches Gedankengut in der Regierung und in der Öffentlichkeit vertreten. Der Nationalismus konzentrierte sich auf den Wunsch nach Revanche gegen Deutschland. In der dritten Phase (1890-1900) festigte sich schließlich doch eine imperiale Einstellung in der Öffentlichkeit. Die Expansion wurde von Eugène Etienne und Gabriel Hanotaux wiederaufgenommen, die den westafrikanischen Kolonialbesitz Frankreichs festigten. Die vierte Phase (1900-1914) kennzeichnet schließlich die englisch-französische Kolonialentente sowie die Erschließung des erworbenen Kolonialbesitzes, die 1911 mit Marokko endete (Baumgart 1974, S. 185). Baumgart stellt heraus, dass in der internationalen Forschung Einigkeit über die fundamentale Bedeutung der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 für sein imperiales Streben herrscht. Im Zuge seiner Niederlage verlor es Elsass-Lothringen, was als große Schmach empfunden wurde. Infolgedessen war eine Deutschlandfeindlichkeit bei französischen Politikern sehr verbreitet und dieser Verlust beherrschte die Debatten um Frankreichs Außenpolitik, sodass kolonialer Expansion erst keine Priorität eingeräumt wurde (Wesseling 1996, S. 10 ff.). Nachdem es sich von der Niederlage erholt hatte, wollte es wieder eine gleichberechtigte Großmacht in Europa werden, was es mit seiner Teilnahme am Berliner Kongress 1878 verdeutlichte, wodurch es zeigte, dass es außenpolitisch nicht mehr isoliert sein wollte (Baumgart 1974, S. 186 f.). Dies stellt bereits Aldao (1933, S. 26) heraus. Auch Cooke (1973, S. 10) ist der Ansicht, dass der französische Imperialismus eine Folge aus dieser Niederlage war, um Prestige und Ruhm wiederzuerlangen. Bei Andrew (1976, S. 148 f.) ist dieses Motiv ebenfalls zu finden. Laut Wesseling (1996, S. 11 f.) spielten daher ökonomische Beweggründe in der Kolonialpolitik keine ausschlaggebende Rolle, worin er mit Power (1944, S. ix) übereinstimmt. Nichtsdestotrotz waren ökonomische Interessen in der kolonialen Expansion vertreten, genauso wie militärische Überlegungen und die Verbreitung der französischen Zivilisation (Hartmann 2015, S. 81).

Allgemein waren die Befürworter des Imperialismus Männer mit verschiedenen politischen Philosophien und Berufen, geeint in dem Ziel, die französische Zivilisation in Afrika und Asien zu verbreiten (Cooke 1973, S. 10). Geprägt waren sie vom Sozialdarwinismus, mit dem sie die Unterteilung von Menschen in Rassen und ihre Überzeugung von kulturellen und intellektuellen Unterschieden zwischen ebendiesen rechtfertigten, wobei sie ‚die Weißen‘ als die überlegenste Rasse ansahen (Cooke 1973, S. 21). 1874 lieferte der Nationalökonom Paul Leroy-Beaulieu in seiner Schrift ‚De la Colonisation chez les peuples modernes‘ Argumente für koloniale Bestrebungen, die auch Ferry inspirierten. Durch den Ausbau der bestehenden Kolonien, insbesondere Algeriens, und Neuerwerbungen könne das Wachstum der französischen Bevölkerung, das zu der Zeit stagnierte, angereizt werden. Des Weiteren können Kolonien als gewinnbringende Anlage überschüssigen Kapitals dienen. Schließlich bewiese Frankreich durch koloniale Bestrebungen, dass es sehr wohl noch eine Großmacht sei (Baumgart 1974, S. 189). 1882 schreibt Leroy-Beaulieu zudem, dass der Kolonialerwerb ausschlaggebend für das Bestehen Frankreichs im „Konzert der Mächte“ sein werde (Baumgart 1974, S. 192).

Geformt wurde die Kolonialpolitik von Verwaltungen, Koalitionen, Interessengruppen, Komitees und Regierungen (Thomas 2005, S. x). Dabei war sie in den 1880er Jahren durch Inkohärenz gekennzeichnet, was sich in den Debatten in der Abgeordnetenkammer widerspiegelt: In Tunesien intervenierte Frankreich, in Ägypten hingegen nicht. Weiterhin wurde der Ausbau des Kolonialreiches in Indochina von der Kammer erst akzeptiert, dann vehement abgelehnt. Erst nach den 1880er Jahren wurde eine eindeutige Richtung deutlich (Andrew 1976, S. 143).

Andrew (1976, S. 144) zufolge haben lediglich einzelne Militärangehörige, Akademiker, Politiker, Unternehmer und Missionare den Lauf der französischen kolonialen Expansion beeinflusst. Geradezu feindselig sei die französische Öffentlichkeit in den 1880er Jahren der Expansion gegenüber eingestellt gewesen, sodass im März 1885 eine kleine militärische Niederlage in Tongking Ferrys Regierung zu Fall brachte und seiner politischen Karriere einen irreparablen Schaden zufügte (Andrew 1976, S. 151). Vor allem wurde in ländlichen Gebieten eine feindliche Einstellung gehegt, da die Kolonien als Konkurrenten in der landwirtschaftlichen Produktion erachtet wurden (Thomas 2005, S. 185). Auch Frankreichs Handel sei der Expansion gegenüber gleichgültig eingestellt gewesen (Andrew 1976, S. 147). Vor 1914 waren die meisten Befürworter des Kolonialismus in der Kammer, wie Ferry und Etienne, Angehörige der republikanischen Mitte (Andrew 1976, S. 145). In den 1890er Jahren schließlich wurde der Imperialismus zu einem europaweiten Phänomen (Andrew 1976, S. 152), der prägend war für die damaligen Mächte und Rivalitäten untereinander und übersteigerten Nationalismus mit sich zog (Hartmann 2015, S. 82), die sich besonders im Kampf um Afrika zeigten (Andrew 1976, S. 149). Verträge unter den europäischen Großmächten verpflichteten jedoch zur gegenseitigen Anerkennung von Kolonien, Protektoraten und Einflusssphären.

In der republikanischen Sphäre gab es seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine koloniale Theorie. Der republikanische Kolonialismus sei eine Mischung aus jakobinischem Imperialismus und revolutionärem Geist gewesen, was gewisse Widersprüchlichkeiten in sich trage (Manchuelle 1988, S. 205), wurde in der Französischen Revolution doch von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen ausgegangen, was im Gegensatz zu imperialem Streben stehen müsste. Somit kann auch Ferry als eine widersprüchliche Persönlichkeit bezeichnet werden. Sein Denken war Gaillard (1989, S. 9) zufolge stark von der Revolution und damit einhergehend von den Idealen der Aufklärung beeinflusst. Von 1880 bis 1881 und von 1883 bis 1885 war er Premierminister. Das französische Kolonialreich wurde zwischen 1880 und 1885 zum zweitgrößten Europas (Power 1944, S. 1), während Ferrys zweiter Amtszeit war Frankreich im Kongo, in Madagaskar, Somaliland und Tongking aktiv (Cooke 1973, S. 17). Mehr als irgendein anderer sei er für die französische Expansion verantwortlich gewesen (Power 1944, S. 1).

2.3. Methodisches Vorgehen

In der vorliegenden Arbeit werden die beiden Fälle, die Rede Ferrys vom 28. Juli 1885 (3.1.) und die Rede Clemenceaus vom 30. Juli 1885 (3.2.), anhand selbstgebildeter Kategorien analysiert und anschließend miteinander verglichen (3.3.). Die Kategorien lauten: Art der kolonialen Politik, Verhältnis zu anderen Ländern, rassentheoretische Ansichten und die Rolle Frankreichs.

Clemenceau wurde für den Vergleich mit Ferry ausgewählt, weil er als sein schärfster Kritiker gilt (Thomas 2005, S. 188) und es daher als lohnenswert erachtet wird, die Positionen dieser beiden Männer miteinander zu vergleichen, auch um die Frage zu beantworten, wie Ferrys Ideen unmittelbar, im Kontext des allgegenwärtigen Strebens nach imperialer Macht, rezipiert wurden.

3. Analyse der Reden Ferrys und Clemenceaus

3.1. Ferrys Rede am 28. Juli 1885

Bezüglich der Art der kolonialen Politik charakterisiert Ferry die koloniale Expansion als eine angefochtene, bekämpfte Politik. Im Hinblick auf die anstehenden Wahlen werde sie ein Schlachtfeld der gesamten Opposition sein (Ferry 1885, S. 172). Die Legislaturperiode endete nämlich am 6. August (Gaillard 1989, S. 616) und beide Lager, die Befürworter sowie die Gegner der Kolonialpolitik, bewarben angesichts der Wahlen ihre Ansichten. Für Ferry ist Kolonialpolitik eine Politik der Abenteuer, der Expansionen in die Ferne (Ferry 1885, S. 175), was einer gewissen Romantisierung nicht entbehrt. Die Zukunft Frankreichs hänge an seinen Kolonien (Ferry 1885, S. 178). Zudem spricht er der Eroberungspolitik Brutalität ab (Ferry 1885, S. 183), was protestierende Reaktionen auslöste. Er greift die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg auf, indem er darstellt, Frankreich habe sich danach erhoben und ein Territorium geschaffen, das sein Trost und seine Hoffnung für die Zukunft sei, woraufhin er Beifall erhält (Ferry 1885, S. 187). Hier wird die entscheidende Rolle, die diese Niederlage in Frankreichs imperialem Streben spielte, deutlich. Die Kolonialpolitik sei nie vom Zufall geleitet gewesen, woraufhin ihm Clemenceau und Périn widersprechen (Ferry 1885, S. 189). Sie sei eine systematische Politik, die auf ökonomischen Prinzipien, humanitären Vorstellungen und politischen Erwägungen beruhe (Ferry 1885, S. 193), wobei er im ökonomischen Ziel gänzlich Leroy-Beaulieu entspricht: Die wichtigste ökonomische Funktion einer Kolonie ist ihm zufolge, als Markt für industrielle Produkte der Kolonialmacht zu dienen (Wesseling 1996, S. 17). Die Idee, Kolonien als Absatzmärkte für einen Überschuss an Kapital und Arbeit zu gebrauchen, hat ihren Ursprung bei englischen Ökonomen wie E. G. Wakefield und John Stuart Mill (Manchuelle 1988, S. 190). Auf Letzteren nimmt Ferry auch Bezug (Ferry 1885, S. 195). Da Frankreich reichlich Kapital besitze, seien Kolonien eine Notwendigkeit (Ferry 1885, S. 195). Als Absatzmarkt favorisiert er China und hofft auf einen freien und privilegierten Austausch mit seinen 400 Millionen Einwohnern. Die Basis für diesen Austausch bilde der im selben Jahr unterzeichnete Vertrag von Tianjin (Ferry 1885, S. 202). Da Länder wie Deutschland und die USA zu der Zeit protektionistische Tendenzen aufwiesen und sich somit auch vor französischen Waren verschlossen, brauche Frankreich neue Absatzmärkte, auch als Reserve für die Zukunft (Ferry 1885, S. 202). Den kritischen Abgeordneten unterstellt Ferry, keine koloniale Expansion zu wollen, was bei Clemenceau auch zutrifft, wie in 3.2. ersichtlich wird. Nach ihm erreichen Nationen Größe nicht durch „rayonnement pacifique des institutions“, was als Kriegsverherrlichung verstanden wird (Ferry 1885, S. 217 f.). Schließlich ist er der Ansicht, dass Frankreich in der Kolonialpolitik Europas mitwirken muss, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden wie ehemalige Kolonialmächte (Ferry 1885, S. 218), wobei er sicherlich auf Spanien und Portugal anspielt, die im Zuge der Eroberung Lateinamerikas zu den beherrschenden Kolonialmächten aufgestiegen sind, jedoch wieder Macht verloren haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Koloniales Streben bei Jules Ferry und Georges Clemenceau im Vergleich
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Romanische Philologie)
Veranstaltung
Études postcoloniales francophones
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V1061370
ISBN (eBook)
9783346474643
ISBN (Buch)
9783346474650
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kolonialismus, kolonialpolitik, frankreich, 19. jahrhundert, jules ferry, georges clemenceau, tunesien, asien, annam-tongking, afrika, nordafrika, kolonien, kolonialmacht, kolonialreich
Arbeit zitieren
Viktoria Woronin (Autor:in), 2017, Koloniales Streben bei Jules Ferry und Georges Clemenceau im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1061370

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