Leitartikel, Kommentar und Glosse. Ein Vergleich


Hausarbeit, 2000

13 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Nachricht contra Meinung - ein geschichtlicher Überblick
2.1 Die Nachrichtenpresse
2.2 Die Meinungspresse
2.3 Moderne Massenpresse

3 Der Leitartikel

4 Der Kommentar

5 Die Glosse

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Leitartikel, Kommentar und Glosse gehören zu den meinungsbetonten Darstellungsformen im Journalismus. Das Gegenstück dazu sind die faktenorientierten Texte wie die Meldung oder der Bericht. Während diese den Lesern hauptsächlich Informationen bieten, sollen jene diese Informationen analysieren, interpretieren und bewerten.

Zahlreiche Autoren haben sich mit den hier genannten Formen beschäftigt und jeweils eigene Definitionen und Beschreibungen gefunden. Diese sollen hier zusammengefasst und diskutiert werden. Durch die verschiedenen Wertigkeiten, die die Autoren den Darstellungsformen in ihrer Betrachtung zukommen lassen, erklärt sich, warum nicht jede Meinung zu jeder Form analysiert wird.

Geprüft werden die einzelnen Meinungen vor allem auf ihre mögliche praktische Umsetzung hin. Denn die schönste Theorie hilft mir beim Schreiben eines Kommentars wenig.

Zuerst soll es einen kurzen Überblick geben über die Pressegeschichte, um zu zeigen, dass Meinung nicht immer selbstverständlich war. Darauf folgen die Einzelbetrachtungen der Darstellungsformen. Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse noch einmal knapp zusammengefasst.

2 Nachricht contra Meinung - ein geschichtlicher Überblick

Meinung war nicht immer ein Bestandteil der Presse, erst seit rund einhundert Jahren sind Kommentar und Glosse eigenständige Elemente in Zeitungen. Auch die Trennung von Information und Meinung war nicht immer selbstverständlich. Die Geschichte der Presse lässt sich in drei große Epochen einteilen, die hier kurz vorgestellt werden sollen.

2.1 Die Nachrichtenpresse

Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts existieren Zeitungen als regelmäßig erscheinende, die Bevölkerung informierende Druckwerke. Erst im Jahr 2000 feierte Leipzig das 350. Jubiläum der ersten Tageszeitung, der „Einkommenden Zeitung“ des Verlegers Thimotheus Ritzsch.1 Nachrichten bestimmten das Gesicht der frühen Zeitungen, der Anspruch an die „Zeitunger“ war, lediglich Information zu bieten.2 Diese waren bunt gemischt; Politik und Vermischtes stand auf der einen, Wirtschaft auf der anderen Seite. Diese Zweiteilung ist mit den Vor- läufern der Wochen- und Tageszeitungen zu erklären. Die „Neuen Zeitungen“, die besonders auf Märkten und Messen Anklang fanden, waren die Boulevard-Blätter der Frühen Neuzeit. Ihre Themen erstreckten sich von Königskrönung über Adelshochzeit bis hin zur Natur- katastrophe.

Das Gegenstück dazu bildeten die Kaufmannsbriefe, die mit Hilfe eines Verteilersystems über Börsenkurse, Räuberbanden oder Schiffsankünfte informierten. Die berühmtesten Beispiele hierfür sind wohl die sogenannten „Fugger-Zeitungen“, in den Nachrichten gesammelt, abgeschrieben und weiter verschickt wurden.

Die Phase der reinen Nachrichtenpresse dauerte etwa bis 1750.

2.2 Die Meinungspresse

Mit der Änderung der Gesellschaft durch das erstarkende Bürgertum und die Aufklärung, dem Kampf gegen den Absolutismus, ändert sich der Inhalt der Zeitungen. Durchsetzung einer Meinungs- und Pressefreiheit waren Forderungen im Kampf um die Form der politischen Herrschaft.3

Die neutrale Form der Nachrichtenvermittlung wird durch parteiergreifende Meinungsver- breitung ersetzt. Über mehrere Stufen findet die Meinung ihren Weg in die Zeitung. Erst dringen die Gelehrten-Artikel zur Erziehung der Bürger in die Blätter ein, dann folgen Rezen- sionen. Um die Wende des 19. Jahrhunderts entsteht der Leitartikel, als sein Schöpfer gilt Joseph von Göres, dessen „Rheinischer Merkur“ regelmäßig eine politische Stellungnahme druckte.

Die Meinungspresse des 19. Jahrhunderts war eine instrumentalisierte Presse. Die Nachrichtenvermittlung ordnete sich dem Ziel unter, eine bestimmte Sichtweise zu verbreiten. Nachrichten hatten also weiterhin ihren Platz, nur waren sie durch die politische Tendenz der Zeitung gewichtet und gefärbt.

2.3 Moderne Massenpresse

Die während der Revolution von 1848 proklamierte und mit dem Reichspressegesetz von 1874 auch anerkannte Pressefreiheit leitete die dritte Epoche ein.4

Durch die Weiterentwicklung der technischen Voraussetzungen wie Telefon und Satz- maschine und durch das nun erlaubte Anzeigengeschäft werden Verlage zu Unternehmen, die vor allem ein Massenpublikum bedienen wollen. Auch gewinnt die Presse einen größeren Spielraum, da sie durch Verfassung und Marktwirtschaft entideologisiert wird.

Die moderne Massenpresse räumt den Nachrichten wieder einen breiten Raum ein, behält aber meinungsbetonte Darstellungen bei, dem Anspruch nach zieht sie eine klare Trennung zwischen beiden Formen. Dies ist - nach angelsächsischem Vorbild - eine Trennung, die strikt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch in Deutschland praktiziert wird. Trotz dieser Unterscheidung vermischen sich auch heute noch Nachricht und Meinung in einigen Sonderformen, ein Beispiel dafür ist der Korrespondentenbericht.

Nach der Betrachtung der Geschichte der meinungsbetonten Darstellungsformen soll es nun um die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Autoren gehen.

3 Der Leitartikel

„Jawohl, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann.“ beginnt ein häufig zitierter Leitartikel der „Sun“ New York von 1897. Weiter schreibt der Redakteure Francis Pharcellus Church, der damit den Leserbrief einer Achtjährigen beantwortete: „Es gibt ihn ebenso gewiß, wie es Liebe, Großherzigkeit und Treue gibt, die, wie Du weißt, in reichem Maße da sind und die tiefste Schönheit unseres Lebens ausmachen. Ach, wie trostlos wäre unsere Welt ohne den Weihnachtsmann!“5

Diese eher liebevolle Belehrung kann eben so typisch für einen Leitartikel sein wie Zolas „Ich klage an“ von 1898 in der Pariser Zeitung „Aurore“6, denn seine Aufgabe ist es, anzugreifen, zu fordern und zu erklären.

Er ist die „Flagge der Zeitung“, eine „Kundgebung der Redaktion“ wie Claudia Mast schreibt.7 Der Leitartikel soll dem Leser den Standpunkt einer Zeitung zu nicht unbedingt tages-, aber doch zeitaktuellen Themen vermitteln. Diese Form der meinungsbetonten Dar- stellungsform ist in ihren Augen meist nicht nur die Stellungnahme eines einzelnen Journalisten, sondern einer ganzen Redaktion und eine presseexklusive Textform. Früher ist er - aufgrund seiner hohen Priorität - meist auf der ersten Seite einer Zeitung zu finden gewesen, inzwischen sind viele Publikationen dazu übergegangen, ihn gemeinsam mit anderen Kommentaren auf der Meinungsseite abzudrucken.

Mast betitelt den Leitartikel als klassische Form des Kommentars. Das wichtigste Unter- scheidungsmerkmal ist für sie die größere Länge und die eindeutigere und kompromisslosere Stellungnahme im Leitartikel.8 Unterscheidungen zwischen den verschiedenen Leitartikel trifft sie indes nicht.

Anders dagegen die oft zitierten Zeitungswissenschaftler Emil Dovifat und Jürgen Wilke, die gleich sieben Unterformen des Leitartikels ausmachen9:

- Der kämpfende Leitartikel, der angreifen, fordern und hinreißen will, der „Aktion ist und politische Tat sein kann.“10
- Der stellungnehmende und begründende Leitartikel möchte mit treffender Argumentation und zwingender Logik überzeugen.
- Der erläuternde und unterrichtenden Leitartikel soll eine Sache klarlegen und schwierige Zusammenhänge entflechten.
- Der rückschauende Leitartikel äußert - oft mit scharfer Genugtuung - was geworden ist und was man ja schon immer gesagt hätte.
- Gedächtnisartikel wiederum ordnen die beiden Autoren als journalistische Meisterleistung ein, in der Wärme ohne falschen Pathos geäußert werden soll. Allerdings klären sie nicht auf, was man unter einem solchen Artikel verstehen muss.
- Der vorschauende Leitartikel sagt ohne Prophetie voraus.
- Der betrachtende Leitartikel schließlich, betrachtet - wie seine Name es schon sagt, läuft aber Gefahr, in die Plauderei abzusinken, obwohl er gern gelesen wird.

Diese Gliederungen sind vielleicht für Erhebungen sinnvoll, in der Praxis taugen sie nicht meiner Meinung nach viel. Man mag als Leser einen kämpfenden von einem rückblickenden Leitartikel unterscheiden können, aber was ist der Unterschied zwischen einem erläuterndem und einem begründenden Leitartikel?

Zurück zu den Definitionen des Leitartikels. Ebenfalls bei Meyer kommt der Journalist W.E. Süskind zu Wort, der einen durchaus plausiblen Unterschied zwischen Kommentar und Leitartikel sieht.11 Der Kommentar ist für ihn ein Überbegriff, der den Leitartikel meist mit einschließt. Dieser kann sich jedoch hervorheben durch den Vortrag eigener Schlüsse, eigener Kombinationen und eigener Idee. Dies macht für Süskind seine gehobene Stellung im Blatt aus.

Der frühere Autor der „Süddeutschen“ und zeitweiliger Herausgeber der „Zeit“, Robert Leicht, sieht die Aufgaben des Leitartikels vor allem darin, einen Sachverhalt so genau wie möglich zu analysieren.12 Durch eine deutliche Meinung solle der Leser aufgefordert werden, sich eine eigene Sicht der Dinge zu bilden. Dies allerdings sind Aufgaben, die ich auch einem Kommentar zugestehen würde.

Einem Mann aus dem gleichen Hause, dem „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer ist in einem Leitartikel eine andere Sache wichtig, die von anderen Autoren noch gar nicht angesprochen wurde.13 Zur Analyse und zur Wertung muss auch ein Neuigkeitswert für den Leser hinzukommen. Ein Leitartikel muss ein Minimum an Nachrichten enthalten.

Andere Autoren wie Siegfried Weischenberg oder Walther von La Roche nennen den Leitartikel zwar, aber billigen ihm lediglich die Rolle eines besonderen Kommentars zu.14

Dass der Leitartikel eine besondere Stellung im Blatt innehat, steht inzwischen außer Frage. Er hat einen besonderen, immer gleichbleibenden Platz und ist typographisch vom Rest der Seite abgehoben. Eine andere Besonderheit des Leitartikels ist seine Sprache. Einen solchen Artikel schreibt man nicht nebenbei, er muss ausgefeilt werden. Vor Jahren sagte der Chefredakteur des „Münchner Merkur“ den Satz : „Alles ist erlaubt, was den Leser schnell auf den Weg, was ihn schnell zur Sache bringt.“15 Das ist heute selbstverständlich. Allerdings sagte dies ein Mensch, für den Begriffe wie „Schmutzkübel“ oder „spätpubertäre Phantasma- gorien“ zum Vokabular gehörten.16

Die Meinungen gehen auseinander. Alltagssprache? Pathos? Modernismen? Je nachdem...

Wichtig ist aber vor allem eines: Der Leser darf nicht an der Sprache anecken. Sie soll vor allem die Stimmung wiedergeben, aber nicht vom Sachverhalt ablenken.

Das bis jetzt gelesene ist ebenso bunt wie teilweise widersprüchlich. Nicht alle Argumente erscheinen mir sinnvoll. Zusammenfassend will ich eine zusammengesetzte, eigene Definition wagen:

Der Leitartikel ist eine Form des Kommentars, die nicht nur die Meinung eines einzelnen Autors, sondern auch die Tendenz der Zeitung wiedergibt. Er muss keinen tagesaktuellen Bezug aufweisen. Zum Kommentar unterscheidet er sich in seiner symbolischen Macht („Flagge der Redaktion“) ebenso wie in seiner Länge und seinem Stellenwert (sowohl in der Auswahl des Platzes im Blatt als auch in der Auswahl der Autoren). Er analysiert und bezieht eine klare Stellung, deshalb muss er möglichst genau recherchiert werden.

4 Der Kommentar

Zur klassischen Form der journalistischen Meinungsäußerung, dem Kommentar, gibt es zahlreiche Analysen. Anders als der Leitartikel jedoch ist der Kommentar keine pressespezifische Form, er findet sich ebenso im Rundfunk wieder, weshalb das „Angebot“ an KommentarEinteilungen noch größer und zuweilen unübersichtlicher wird.

Grundsätzliche Vorstellungen der Autoren sind, dass der Journalist in einem Kommentar zu aktuellen Themen oder Ereignissen Stellung bezieht. Er soll dem Leser helfen, das Ereignis einzuordnen und mögliche Denkanstöße liefern.

La Roche meint, dass alles, was eine Nachricht (hard news) wert ist, Stoff für einen Kommentar sein kann.17 Also eine Entscheidung der Bundesregierung ebenso wie der Konkurs des größten Schrebergartenvereins im Ort. Maßgeblich ist nur, ob das Ereignis eine Meinung notwendig macht, die Öffentlichkeit daran Interesse hat und die Nachricht wichtig genug ist, um Platz zu beanspruchen.

Er unterscheidet drei Kommentartypen, deren Gemeinsamkeit ist, dass sie mit einer persönlichen Meinung eine klare Position beziehen und nicht nur Hintergründe erläutern oder ein Ereignis interpretieren.18

- Im Argumentations-Kommentar führt der Kommentator mit klaren Argumenten Beweise für seine Meinung an. Er bezieht dabei auch wichtige Gegenstandpunkte wenigstens indirekt ein und versucht, den Leser zu überzeugen.
- Der Einerseits-andererseits-Kommentar ist eher einer der abwägenden Art. Er kann durchaus zögernd geschrieben sein und kommt vor allem bei komplexen Themen vor. Dennoch bietet er dem Leser ein Fazit an, auch wenn das keine klare Stellungnahme sein muss.
- Der Geradeaus-Kommentar hingegen verzichtet ganz auf Argumente, er gibt lediglich die Meinung des Kommentators wieder.

Gerade die letzte Form ist meiner Meinung nach aber fraglich, schließlich steht der Journalist dem Leser gegenüber in der Verantwortung, seine Meinung zu legitimieren (Warum sonst erscheint sie vor einem breiten Publikum?) und zwar durch Angeben von Gründen.

Weischenberg kennzeichnet den Kommentar ebenfalls schlicht durch bewusste Meinungsäußerung19, die zur Deutung und Bewertung einer Nachricht beiträgt. Allerdings kritisiert er - im Tenor von La Roche, Mast, Schneider und Raue - dass in der Praxis oft Ausgewogenheit herrscht und eben kein klarer Standpunkt des Kommentators zu erkennen ist.20 Angebote zur Kommentar-Einteilung macht Weischenberg nicht.

Auch Schneider und Raue nennen als Charakteristikum des Kommentars die abschließende Wertung.21 Sie betonen die Notwendigkeit des zielgerichteten Schreibens: Der Kommentator will überzeugen! Dabei unterscheiden sie fünf Arten von Kommentaren22:

- Ebenso wie bei La Roche wird der Einerseits-andererseits-Kommentar genannt, der das Für und Wider erörtert, aber erkennbar zu einem Fazit kommt.
- Der Pro-und-Contra-Kommentar ist eine Spielart des Erstgenannten, allerdings gehört hier die eindeutige Schußfolgerung dazu. Die drei Elemente (Dafür, Dagegen, Und was nun?) können wie ein Spannungsbogen gespannt werden, das Abwägen und zähneknirschende Zustimmen soll für den Leser eine Freude sein.
- Der Meinungsartikel holt den Leser dort ab, wo er sich vermutlich befindet. Er nennt erst arglos die Meinung der Gegenseite und zielt dann langsam aber sicher auf die eigenen Argumente. Diese Variante vermeidet die Abschreckung Andersdenkender und kann es schaffen, auch sie nachdenklich zu stimmen.
- Der Kurzkommentar wird mit La Roches Geradeaus-Kommentar verglichen, allerdings kann hier der Aufbau einem beliebigen Muster folgen.
- Das Pamphlet wird als gröbste Form des Kommentars genannt und ist eine Spielart des Kurzkommentars, passt zu La Roches Geradeaus-Kommentar aber wesentlich besser. Es kommt ohne Argumente aus und „wirkt wie ein Keulenschlag“23, ist also von Polemik nicht frei.

Wie Schneider und Raue teilweise, übernimmt Claudia Mast die komplette Kommentar- Einteilung von La Roche. Ich kann mich dem nur anschließen, ist sie doch übersichtlich und praxisnah. Und sind wir doch mal ehrlich, wie viele Varianten gibt es denn vom Dafür und dagegen? Manch andere Publikationen können, so erzählte eine Dozentin vor kurzem, über 20 Kommentar-Variationen ausmachen. Mir stellt sich angesichts einer so großen Zahl die Frage des Sinns solcher „Pedanterie“.

Wichtig ist, dass der Kommentator sein Ziel im Auge behält und sich nicht verzettelt. Er will seine Meinung kundtun, ein aktuelles Thema erläutern, interpretieren, vergleichen und abwägen. Damit bietet er seinem Leser eine Orientierungshilfe und Meinungsangebot. Das Ganze muss so klar wie möglich formuliert sein, denn Rätsel aufzugeben ist die Sache des Kommentars nicht.

5 Die Glosse

„Jede Glosse ist ein Kommentar, aber nicht jeder Kommentar ist eine Glosse.“24 Dieser Satz von W.E. Süskind hat als Glossencharakterisierung wohl Eingang in den Hefter eines jeden Journalistikstudenten gefunden. Für den Duden ist die Glosse die spöttische Randbemerkung.

Beide haben Recht, denn nach Weischenberg kann eine Glosse ebenso angreifen und spöttisch darstellen wie auch kritisch durchleuchten und anprangern.25 Aber sie enthält nach seinem Verständnis auch eine Nachricht, wobei deren Thema nicht unbedingt immer leicht und lustig sein muss. Allerdings wird der nachrichtliche Wert freier und wertender aufbereitet.26 Leider führt Weischenberg nichts zum unterhaltenden Wert der Glosse an oder gibt Ratschläge, wann sie anwendbar ist, da sein Themenpool „Zeiterscheinungen oder aktuelle Ereignisse“ um- fasst.27

Was also hat die Glosse oder auch Satire so besonderes außer der Sprache?

Sie holt das Unwirkliche, das Sinnige, Widersprüchliche, Seltsame heraus, wie Meyer sagt. Ihre Mittel sind die Überspitzung, Verzerrung, Karikatur, Verhöhnung, die Ironie und die Parodie.28 „Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird ...“29 umschrieb Tucholsky 1919 die Wirkungsweise der Satire sehr passend.

La Roche fasst den Unterschied der Glosse zum Kommentar noch knapper: Er bestehe nicht im Thema, sondern im Stil. Deshalb ist für ihn die Glosse auch die schwerste Darstellungsform, gerade weil sie so leicht daher kommt.30 Er charakterisiert ihre Besonderheit durch das am häufigsten stilistische Mittel - der Ironie.

Auch Nowag und Schalkowski betonen den Stil. „Die Glosse ist also eine Spezialform des Kommentars, eben ein Kommentar, der sich der Mittel des Spotts, der Ironie, der Satire, des Sarkasmus, der Groteske bedient.“31

Und was darf sie? „Alles!“, um auf Tucholsky zurückzukommen.32 „...sie kann gar nicht anders arbeiten als mit dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“33

Eine etwas klärendere Meinung vertreten Nowag und Schalkowski zu ihrer Absicht. Sie kann einerseits unterhalten, andererseits zum Nachdenken anregen, ebenso aber auch verspotten, erfreuen, lächerlich machen, angreifen oder verletzen.34

Zu der Wirkungsweise der Glosse wurde schon einiges gesagt, was aber ist mit ihrer Struktur? Wenn diese überhaupt in Betrachtungen erwähnt wird, so ist der einzige Konsens der Autoren ihre Kürze.

Schneider und Raue weisen lediglich darauf hin, dass die Schreibregeln des Kommentars auch für die Glosse gelten.35

Mast fügt hinzu, dass sie mit einer Schlusspointe enden sollte.36

Nowag und Schalkowski sehen die Glosse zweigeteilt in einen nachrichtlichen Kern und die eigentliche Glossierung. Die Wiedergabe der Nachricht ist selbst in der Glosse unverzichtbar und sollte ihrer Meinung nach im ersten Absatz erfolgen37, eine Priorität ähnlich der Weischenbergs.

Wichtig erscheint mir indes, an dieser Stelle noch einmal auf eine Spezialität aller meinungsbetonten Darstellungsformen hinzuweisen: das Stilmittel der Ironie. Oft gepriesen und nicht immer verstanden ist sie das Lieblingswerkzeug mancher Kommentatoren und aller Satiriker. Aber, und ein letztes Mal will ich Schneider und Raue zitieren: Die Zahl der Redakteure, die Ironie mögen, ist leider viel größer als die Zahl der Leser, die Ironie verstehen.38

6 Schlussbetrachtung

Schon während der Diskussion der verschiedenen Positionen der Autoren zu Leitartikel, Kommentar und Glosse wurden Unterschiede und Gemeinsamkeiten klar. Unterschiede tauchen schon bei der grundsätzlichen Kategorisierung der Darstellungsformen auf. Einige Autoren gestehen dem Leitartikel eine eigene Funktion zu (Mast, Meyer), andere wiederum sehen ihn nur als Unterform des Kommentars (Weischenberg, La Roche). Bei einigen Au- toren bleibt unklar, was die Form ausmacht, sie scheuen sich davor, klare Charakterisierung zu betreiben. Andere hingegen legen eine wesentlich höhere Messlatte an und analysieren „auf Teufel komm raus“.

Mir ist aufgefallen, dass die einzelnen Autoren in ihrer Herangehensweise fast in zwei Gruppen geteilt werden können. Auf der einen Seite die Praktiker wie La Roche und Weischenberg, die aus praktischer Erfahrung heraus schildern und sich deshalb oftmals auf wenige Argumente beschränken. Auf der anderen Seite wiederum steht die eher wissenschaftliche Fraktion, wie beispielsweise Dovifat als Zeitungswissenschaftler.

Gleichwohl kann man dabei die Sichtweisen nicht endgültig mit „richtig“ oder „falsch“, wahrscheinlich nicht einmal mit „schlechter“ oder „besser“ bewerten. Ich denke, man muss die verschiedenen Ansichten als Angebote sehen, wie es ja auch die meinungsorientierten Darstellungsformen selber sind. Denn schon längst haben Zeitungen und Zeitschriften, Radiound Fernsehsender ihre ganz eigenen Vorstellungen entwickelt und durchgesetzt.

7 Literaturverzeichnis

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. 15., völlig neu bearbeitete Auflage. München: Paul List Verlag, 1999.

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. 8., Überarbeitet Auflage. Konstanz: UVK Medien 1998.

Meyer, Werner: Leitartikel, Kommentar, Glosse. In: Riederer, Mercedes (Hrsg.): Journalismus von heute. R.S.Schulze, 1999.

Nowag, Werner/ Schalkowski, Edmund: Kommentar und Glosse. Konstanz: UVK Medien, 1998. Reihe praktischer Journalismus, Band 33.

Schneider, Wolf/ Raue, Paul-Josef: Handbuch des Journalismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998.

Weischenberg, Siegfried: Nachrichtenschreiben. Journalistische Praxis zum Studium und Selbststudium. 2., durchgesehene Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1990.

[...]


1 Vgl. Nowag/ Schalkowski, S. 10f.

2 Auch der Begriff „Zeitung“ bedeutet eigentlich Nachricht.

3 Ebd., S. 11f.

4 Ebd., S. 13f.

5 Zitiert nach Meyer, S. 3

6 Ebd., S. 2

7 Vgl. Mast, S. 270

8 Vgl. Mast, S. 271

9 Vgl. Meyer, S. 4

10 Meyer, S. 4

11 Vgl. Meyer, S. 5

12 Ebd., S. 8

13 Ebd., S. 9

14 Vgl. La Roche, S. 151 und Weischenberg, S. 29

15 Zitiert nach: Meyer, S. 12

16 Vgl. Schneider/ Raue, S. 141

17 Vgl. La Roche, S. 151

18 Ebd., S. 152

19 Vgl. Weischenberg, S. 28

20 Ebd., S. 29

21 Schneider/ Raue, S. 138

22 Ebd. S. 138ff.

23 Schneider/ Raue, S. 141

24 Zitiert nach: Meyer, S. 13

25 Vgl. Weischenberg, S. 27

26 Ebd., S. 28

27 Ebd., S. 27

28 Vgl. Meyer, S.13f.

29 Zitiert nach: Meyer, S. 20

30 Vgl. La Roche, S. 154

31 Nowag/ Schalkowski, S. 184

32 Vgl. Meyer, S. 21

33 Zitiert nach: Meyer, S. 20

34 Vgl. Nowag/ Schalkowski, S. 185

35 Vgl. Schneider/ Raue, S. 149

36 Vgl. Mast, S. 271

37 Vgl. Nowag/ Schalkowski, S. 187

38 Vgl. Schneider/ Raue, S. 148

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Leitartikel, Kommentar und Glosse. Ein Vergleich
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Journalistische Darstellungsformen
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V106171
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leitartikel, Kommentar, Glosse, Vergleich, Journalistische, Darstellungsformen
Arbeit zitieren
Susanne Schöpe (Autor), 2000, Leitartikel, Kommentar und Glosse. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106171

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