Zu: "Description of Language Design" von Martin Joos


Hausarbeit, 1997

19 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Beschreibung und Begründung der Methodik

II. Überprüfung der Methodik

III. Verfahren zur Gewinnung des Phoneminventars einer Sprache

IV. Verfahren zur Gewinnung des Morpheminventars einer Sprache
Erster Analyseschritt:
Zweiter Analyseschritt:
Dritter Analyseschritt:
Vierter Analyseschritt:
Fünfter Analyseschritt:

V. Stellenwert der Semantik innerhalb der Linguistik

VI. Was ist Sprache und was muß die Linguistik leisten?

Anwendung der strukturalistischen Methodik

Einleitung

MARTIN JOOS will, wie der Titel sagt, die Gestalt der Sprache beschreiben. Zunächst versucht er jedoch, wie schon BLOOMFIELD in seinen Postulates[1], das Arbeitsfeld der Linguistik abzustecken. Dabei stellt er eine obere und eine untere Grenze fest. Die obere Grenze wird durch die Semantik gebildet. Diese gehört, nach JOOS' Meinung, zum Arbeitsgebiet des Soziologen. Die untere Grenze stellt die Phonetik dar. Sie ist Bestandteil der Physik. Die Aufgabe des Linguisten ist es, die Sprachgestalt exakt zu beschreiben und nicht die Begründung für diese Gestalt zu liefern. Die einzige Technik, die nach JOOS Meinung eine präzise Beschreibung der Sprache erlaubt, ist eine mathematische Methodik. Aufgrund der doppelten Begrenzung gegenüber der realen Welt nimmt die Linguistik eine Sonderstellung in der Gesamtheit mathematischer Systeme ein. JOOS setzt diesen Befund gleich mit der Behauptung, daß Sprache ein System von Symbolen, ein Code sei.

Im Gegensatz zum Physiker, der das Phänomen Sprache mit einer kontinuierlichen Mathematik (z.B. FOURIER-Analyse[2]) beschreibt, versucht der Sprachwissenschaftler, Sprache mit Hilfe einer diskontinuierlichen, diskreten Mathematik zu erfassen. Unter kontinuierliche mathematischen Verfahren fällt z.B. die Analysis, unter diskontinuierliche Verfahren die Algebra. Im folgenden soll JOOS Wahl der "Rechnungsart" begründet werden.

I. Beschreibung und Begründung der Methodik

Nachdem JOOS den Aufgabenbereich der Linguistik festgelegt hat, geht er zu einer genaueren Beschreibung dessen über, was er unter "mathematischer Methodik" versteht.

Er erkennt zwar das Problem, daß aufgrund verschiedener Axiome (Grundannahmen) verschiedene Forscher zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beschreibung ein und derselben Sprache gelangen können, sieht darin aber kein grundsätzliches Argument gegen die Methodik, solange die Logik innerhalb des Systems gewahrt bleibt. Jede Aussage muß entweder wahr oder falsch sein, es darf keine "sowohl als auch" Aussagen geben. Innerhalb der Wissenschaften, die sich mit dem menschlichen Verhalten befassen, ist die Linguistik nach JOOS Meinung dem Ziel, vollständig mathematisch zu sein, am nächsten. Er veranschaulicht die Art und Weise wie die Mathematik die Realität beschreibt anhand des folgenden Beispiels:

Wenn jemand eine Landkarte benutzt, könnte er sagen: "Ich habe das Gefühl, daß das eine Karte dieser Landschaft ist.", aber es gibt keinen Weg, logisch zu beweisen, daß es nicht vielmehr eine Karte von Australien oder von irgendeiner imaginären Schatzinsel ist. Ungeachtet der Unmöglichkeit der logischen Verifizierbarkeit benutzen Entdecker Karten, Naturwissenschaftler die Mathematik und Linguisten benutzen die beschreibende Methode der Linguistik. Alle drei zeigen das selbe Verhalten in Bezug auf die Karte: Man bewegt sich durch ein Gelände und zieht simultan dazu eine Linie durch die Karte; man bemerkt die Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen aus der realen Welt und der Karte, bis man in diesen Unterschieden ein Muster erkennt; dann korrigiert man die Karte und beginnt von neuem.

Dieses Verhalten ist intuitiv und weder logisch begründbar noch auf irgendeine Weise zu rechtfertigen. Logik ist nicht zwischen dem beschreibenden System und dem beschriebenen Gegenstand erforderlich, sondern das System in sich muß logisch sein. JOOS geht soweit, die Linguistik als Quantenmechanik[3] in ihrer extremsten Form zu bezeichnen. Alle kontinuierlichen Phänomene der Sprache werden entweder der Semantik oder der Phonetik zugewiesen, liegen also außerhalb der Linguistik.

Weiter sagt JOOS, daß jede Sprache aus "bedeutungstragenden" Molekülen, den Morphemen, besteht. Diese Morpheme sind kleinste Einheiten, die mit Kategorien der realen Welt korrespondieren.
Hier gibt er erneut ein Beispiel:

Das englische Wort nose besteht aus einem Morphem, das Wort noses aus zwei Morphemen. Das zweite Morphem in noses hat die Bedeutung Mehrzahl und korrespondiert somit mit der Tatsache, daß bestimmte Gegenstände, Körperteile etc. in der Realität mehrfach vorkommen können, d.h. die Sprache trägt unserer Fähigkeit unsere Umwelt zu abstrahieren und zu kategorisieren durch das Vorhandensein eines Pluralmorphems Rechnung. Nimmt man den englischen Satz "The councillors all put their glasses on their noses." und übersetzt ihn ins Deutsche, so erhält man für die Pluralform noses die Singularform Nase und nicht wie zu erwarten wäre die entsprechende Pluralform Nasen. Der Deutsche weiß natürlich, daß eine bestimmte Anzahl von Ratsmitgliedern eine gleiche Anzahl von Nasen besitzt und es existiert ja auch ein entsprechendes Äquivalent für noses aber in diesem Satz benutzt er die Singularform Nase.

Aus dem Beispiel ist ersichtlich, daß man, "linguistisch" gesprochen, lediglich aussagen kann, ob eine Form (Morphem) Singular oder Plural ist. Diese Aussage wird statistisch begründet: Wenn eine Form überwiegend Dinge in der Mehrzahl bezeichnet so wird sie Pluralmorphem genannt. Der Sprachwissenschaftler macht damit aber keine Aussage darüber, ob ein oder mehrere Gegenstände gemeint sind. Weiterhin stellt JOOS fest, daß jede Form bestimmten Kategorien zuzuordnen sind. Diese Kategorien sind eindeutig, d.h. es gibt keine Übergänge zwischen ihnen. So ist, zumindest was das Deutsche und das Englische betrifft, jede Substantivform entweder mit einem Singular- oder Pluralmorphem versehen. Es gibt auf dieser Ebene keine dritte Kategorie. Die strenge Kategorisierung, die jedes Morphem eindeutig bestimmbar macht, gilt für jede Sprache, auch für Dialekte. JOOS postuliert, daß Anzahl und Art der Kategorien einer Sprache begrenzt sind. Die Frage, warum die Sprache trotz dieser Beschränkung kreativ ist, beantwortet er damit, daß sich nicht die Anzahl oder Art der Kategorien ändert sondern diese von den Sprechern nur in neuen, ungewöhnlichen Kombinationen verwendet werden. Eine Sprache besteht aber nicht nur aus Kategorien, (z.B. Singular - Plural), sondern auch aus Klassen. Mit Klassen sind bei JOOS z.B. die Wortarten Substantiv und Verb gemeint. Jede Form ist somit eindeutig einer bestimmten Klasse und diese wiederum bestimmten Kategorien zuzuordnen. Dies bestätigt nach JOOS Meinung die Richtigkeit der Entscheidung für eine diskontinuierliche Mathematik als linguistische Arbeitsweise. Am obigen "Nasenbeispiel" läßt sich zeigen, daß es auch Nullmorpheme gibt. Wenn die Form nose zur Klasse der Substantive und zur Kategorie Singular gehört, und die Form noses ebenfalls zur Klasse der Substantive aber zur Kategorie Plural gehört und /s/ das Pluralmorphem ist, so folgt daraus, daß das Singularmorphem nicht markiert ist. Diese Tatsache widerspricht der von JOOS geforderten Eindeutigkeit. Er umgeht das Problem elegant, indem er die Entscheidung, welche Form gemeint ist, dem Hörer überläßt. Dieser reagiert nur auf eine der zur Wahl stehenden Kategorien, selbst wenn die Äußerung zweideutig ist. Der Terminus 'Reaktion' ist hier wahrscheinlich im Sinne des Behaviorismus verwendet, also als eine für einen Betrachter wahrnehmbare Verhaltensweise.

Ich will zunächst versuchen JOOS Schematisierung mit Hilfe eines Diagramms zu veranschaulichen[4]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wir sehen also, daß für das englische Substantiv zwei Dimensionen entsprechend der beiden Kategorien (singular/plural; possessive/common) bestehen, für die sich ein Sprecher/Hörer bei jedem Gebrauch eindeutig entscheiden muß. JOOS nennt dies die Tyrannei der Kategorisierung. Er behauptet weiter, daß die Kategorisierung selbst dann vorgenommen wird, wenn der Hörer keine exakte Erinnerung an das Gehörte/Gelesene mehr hat. Als Beispiel benutzt er nochmals den obigen Satz mit den councillors: Würde man den Leser fragen, ob der Beispielsatz im Präsens oder im Präteritum stehe, müßte er sich, da dies eine der Kategorien des Englischen ist, für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden, selbst wenn, wie in diesem Fall, die Entscheidung völlig zufällig wäre. Dieser Entscheidungsprozess findet in jeder Sprache statt, wobei diese sich allerdings in Art und Anzahl der Kategorien unterscheiden. JOOS folgert daraus, daß die linguistischen Kategorien absolute Größen sind, die sich nur mit den logischen Operatoren wahr/falsch beschreiben lassen.

Wie geht JOOS mit dem Problem um, daß sich Sprache auf Phänomene der realen Welt bezieht? Er geht von der Annahme aus, daß eine Sprachgemeinschaft ihre Umwelt nach den Kategorien ihrer Sprache klassifiziert als umgekehrt. Diskontinuierliche Phänomene der Wirklichkeit, die sich in einer sprachlichen Äußerung z.B. als Prosodie niederschlagen und nicht mit einer endlichen Anzahl absoluter Kategorien beschrieben werden können, werden als nicht-linguistisch klassifiziert und sind somit nicht Gegenstand dieser Wissenschaft. Er zeichnet danach als Gegenbeispiel das Bild einer hypothetischen Sprache, um seine Behauptung zu untermauern:

[...]


[1] Leonard Bloomfield, A set of postulates for the science of language; Language 2.153 - 64 - 1926

[2] auch Harmonische Analyse; nach dem franz. Mathematiker J. B. J. Fourier genanntes Verfahren zur Zerlegung von Schallwellen in ihre Bestandteile. Ähnlich der Spektralanalyse von elektromagnetischen Wellen.

[3] Die Quantenmechanik ist eine physikalische Theorie, die im Unterschied zur klassischen Mechanik nicht kontinuierliche Bewegungsabläufe etc., sondern nur eindeutig bestimmbare Zustände und Quantensprünge beschreibt.

[4] für das Englische

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Details

Titel
Zu: "Description of Language Design" von Martin Joos
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Autor
Jahr
1997
Seiten
19
Katalognummer
V106231
ISBN (Buch)
9783640115631
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Description, Language, Design, Martin, Joos
Arbeit zitieren
Heinrich Maier (Autor), 1997, Zu: "Description of Language Design" von Martin Joos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106231

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