Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften


Seminararbeit, 2001

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Novelle “Die wunderlichen Nachbarskinder” im Roman “Die Wahlverwandtschaften”

2. Die Struktur der Novelle von “den wunderlichen Nachbarskindern”

3. Literaturverzeichnis

1. Die Novelle “Die wunderlichen Nachbarskinder” im Roman “Die Wahlverwandtschaften”

Die Erzählung “Die wunderlichen Nachbarskinder” wird im zehnten Kapitel des zweiten Teils des Romans “Die Wahlverwandtschaften” vorgetragen. Die gezielte Platzierung im Roman, beweist ihre Wichtigkeit für die Handlung des Romangeschehens. Sie ist genau dort eingefügt, wo sie die größte Wirkung hat. Es ist der Moment kurz vor der Krise des Geschehens im Roman, das sich mit der Rückkehr Eduards und des Hauptmanns schnell der Katastrophe nähert. Sie deutet den tragischen Ausgang voraus und auch gleichzeitig dessen scheinbare Unabänderlichkeit. So bildet sie den indirekten Ausgangspunkt der erschütternden Ereignisse des Romans.[1] Bedeutend ist auch die Wahl der Person, die die Novelle vorträgt. Es ist ein Mann, der für die weitere Handlung des Geschehens unwesentlich ist und der die Verhältnisse der Hauptpersonen nicht kennt, aber den “nichts mehr interessierte als die sonderbaren Ereignisse, welche durch natürliche und künstliche Verhältnisse, durch den Konflikt des Gesetzlichen und des Ungebändigten, des Verstandes und der Vernunft, der Leidenschaft und des Vorurteils hervorgebracht werden,...” (433,29ff.).[2] So wird er zum Kenner für die Entwicklungen und Vorgänge, um die es sowohl in der Novelle als auch im Roman geht.[3]

Die Novelle und der Roman sind deutlich aneinander gerückt, sie sind Parallelgeschichten “im Gegensatz”, oder die Novelle ist das “Spiegelbild” des Romans. Die Spiegelung als literarische Methode wiederholt, verändert und reflektiert das Geschehen. Zusätzlich zeigt sie auch andere Möglichkeiten auf. Jedoch kann nicht von einer vollständigen Entsprechung ausgegangen werden.[4]

Wiederholt wird das Thema. In beiden Handlungen steht einer konventionellen Verbindung die Leidenschaft, als Wirkung einer Naturgewalt im Menschen, gegenüber. In der Novelle beruht eben das Verhältnis der Nachbarskinder auf einer Naturnotwendigkeit. So heißt es, dem Jungen ist das Mädchen als Widersacherin durch die Natur “zugedacht” (435,27f.) und ihr ist die Neigung für ihn “angeboren” (437,19). Es beruht also nicht auf einer freien Entscheidung, einer freien “Wahl”. Hier wird das Grundgesetz des Magnetismus beschrieben. Die beiden Kinder stoßen sich ab, da sie einander zu gleich sind, wie zwei gleiche Pole sich abstoßen. Wenn sie erwachsen sind und das Mädchen zur Frau gereift ist, ziehen sie sich an, wie zwei verschieden gepolte Magneten sich anziehen. Dem Roman liegt hingegen ein chemisches Gesetz zugrunde, daß aber auch eben diese Notwendigkeit beschreibt. Heißt es im Roman doch, daß Eduard und Ottilie eine “fast magische Anziehungskraft nach wie vor gegen einander ausübten” (478, 8f.). In der Novelle wird sowohl die Furchtbarkeit des Elementaren gezeigt, treibt doch die magnetische Anziehungskraft die Frau in den Tod, als auch deren Überwindung, wenn der Mann mit ihr umzugehen weiß, und die Leidenschaft in die gesellschaftliche Ordnung überführt. Der Unterschied zum Roman ist genau dieser: die Möglichkeit dieser Überführung der Leidenschaft in die Ehe ist hier nicht gegeben, und die Überwindung des Elementaren muß durch Entsagung bewältigt werden.[5]

Die Figurenkonstellation stimmt auch nahezu überein. In der Novelle ist es die junge Frau, die zwischen zwei Männern steht, in dem Roman ist es Eduard, der zwischen seiner Ehefrau Charlotte und Ottilie steht. Durch die Bedeutung der Rolle des Hauptmanns in beiden Erzählungen, wird die Novelle zur Vorgeschichte des Romans, welche ihre ungute Nachgeschichte ist.[6]

Weiterhin spielt eine Reihe von Motiven in beiden Fällen eine entscheidene Rolle.

Trotzdem ist die Novelle anders als der Roman. Vor allem durch den veränderten Ausgang. In der Novelle wendet sich das Unglück schlagartig zum Guten, in dem Roman entwickelt sich das Unglück langsam. Dieser Kontrast des plötzlichen Umschwungs und der Länge der Entwicklung, dient der Verdeutlichung, daß eine Neuerung der Lebensverhältnisse, wie sie in der Novelle stattfindet, im Roman nicht möglich ist, da die Naturgewalten hier unter anderen Voraussetzungen walten. Für diese Entwicklung im Roman ist vor allem auch das Hinzukommen der vierten Person, Ottilie, bedeutend. In der Novelle war für sie kein Platz, für den Roman ist sie jedoch unverzichtbar. Die Novelle nutzt die Katastrophe als Wendepunkt, in dem Roman ist die Katastrophe das Ende des Geschehens. In der Novelle ist der Selbstmordversuch von der jungen Frau geplant, im Roman der Unfall dagegen unvorhergesehen. Als der Kahn in dem Roman umkippt, ist Ottilie zu zerstreut, um das Kind zu retten, der junge Mann in der Novelle läßt sich hingegen nicht ablenken, als das Schiff strandet.[7]

Anders ist auch die Bedeutung der verschiedenen Motive. Am auffälligsten zeigt sich das am Motiv des Wassers. Es ist der Schauplatz, wo für die Handlungen der beiden Erzählungen Entscheidenes geschieht. In der Novelle wird es als ein großer und mächtiger Strom, als “freundliches Element” beschrieben, in dem Roman dagegen als unheimlicher und tiefgründiger See, als “treuloses unzulängliches Element”. Es charakterisiert in beiden Fällen das Wirken naturbedingter Leidenschaft im Menschen. Gleichzeitig wird aber auch dessen Macht gezeigt, Tod oder Leben zu bringen. Das Motiv der Hochzeitskleider deutet in der Novelle auf eine glückliche Vereinigung, im Sinne von gesellschaftlich akzeptiert, hin. Im Roman wird Ottiliens “Brautschmuck”, der eigentlich ihre (unsittliche) Verbindung zu Eduard zeigen soll, am Ende zu ihrem Totenkleid. Auch der Kranz, den die junge Frau dem Mann zuwirft, findet in dem Roman sein Gegenstück. In der Novelle ist er Symbol für Liebe und Hingabe und im Roman Symbol des durch Geburt und Tod abgeschlossenen Lebens. Durch diese gemeinsamen Motive und deren Bezug aufeinander, wird sowohl die Bilderwelt des Romans als auch die der Novelle verständlicher.[8]

Verschieden ist auch die Sprache in Novelle und Roman. In der Novelle wird kaum ein Wort gesprochen, jedoch ist alles klar und nichts wird geheim gehalten. In dem Roman hingegen wird zwar viel geredet, doch sagen die Personen anderes, als sie wirklich meinen und dadurch wird vieles verschwiegen.[9]

In der Novelle reflektiert der Erzähler das vorhergegangene Geschehen, wie später ausführlicher behandelt wird, an der Stelle, als sich das neu vereinte Paar in den Hochzeitskleidern wiederfindet. Er leistet dort dem Leser Hilfe.[10]

Der glückliche Ausgang der Novelle gehört keineswegs in eine andere Welt, in der andere gesellschaftliche Normen gelten, das zeigt schon die Identität des Hauptmanns in beiden Geschichten. Sie ist eine grundsätzliche Möglichkeit, die auch im Roman hätte realisiert werden können.[11]

Durch die Novelle wird den Romanfiguren, denen die Geschichte vorgetragen wird, eine Aufgabe gestellt. Besonders Charlotte muß sich mit ihrer eigenen Situation auseinandersetzen, sich der Realität stellen und sich nicht weiter der Illusion hingeben, ihre Ehe mit Eduard sei noch zu retten.[12] Charlottes emotionale Reaktion macht dies deutlich. Sie und Eduard waren als junge Leute auch ineinander verliebt, doch gaben sie dem gesellschaftlichen Druck nach und heirateten die von den Eltern ausgesuchten Partner. Hier kehren sich die Voraussetzungen der Novelle um. Dort waren die Liebenden bereit, ihr Leben zu opfern. Hier verleugneten sie ihre Liebe zugunsten eines gesellschaftlich anerkannten Lebens. Durch die Novelle wird Charlotte genau damit konfrontiert. Sie weiß um ihre Zuneigung für den Hauptmann und den damit verbundenen Problemen und ihr ist auch bekannt, wer der junge Mann ist. Ihr wird bewußt, daß sie Eduard nie so geliebt hat wie das Mädchen den Hauptmann. Die Funktion der Novelle ist es, keine Alternative zur Romanwirklichkeit zu zeigen, sondern sie stellt die Herausforderung, aus eigener Kraft eine Harmonie von Freiheit und Notwendigkeit, Geist und Natur zu entwickeln. Jedoch wird auch gleich klar, daß die Starrheit der Romanstruktur diese Möglichkeit einer solchen Entwicklung unmöglich macht.[13]

Die Funktion für den Roman als Ganzes, der doch eher zum Novellistischen tendiert, ist es, ihm erst seinen romanhaften Charakter zu geben. Darüber hinaus wird nach der Erzählung der Novelle die Handlung beschleunigt, denn ihre gedrängte Form verdichtet die epische Breite des Romans.

2. Die Struktur der Novelle von “den wunderlichen Nachbarskindern”

Die Erzählung ist eine Musternovelle, da sie alle Merkmale, die eine Novelle charakterisieren, erfüllt. In der folgenden Strukturanalyse wird dies deutlich werden. Vorweg entspricht schon der Umfang von acht Seiten der üblichen Kürze einer Novelle.[14] Das Geschehen wird in deutlich voneinander geschiedenen Phasen geschildert, welche den Wachstums- bzw. Entwicklungsprozeß der Hauptpersonen darstellen.

[...]


[1] Erika Voerster. Märchen und Novellen im klassisch-roamntischen Roman, S. 336; Werner Schwan: “Goethes Wahlverwandtschaften”. Das nicht erreichte Soziale, S. 167; Margarethe Beckhurts: Zur Bedeutung der Novelle in Goethes “Wahlverwandtschaften”, S. 65

[2] Seitenangaben im Text beziehen sich auf die Hamburger Ausgabe

[3] W. Schwan, S. 168

[4] Jürgen Jacobs: Glück und Entsagung. Zur Bedeutung der Novelle von den >Wunderlichen Nachbarskindern< in Goethes >Wahlverwandtschaften<, S. 161, 164; Georg Guntermann: “Wiederholte Spiegelungen” in Goethes “Wahlverwandtschaften”, S. 78

[5] E. Voerster, S. 321, 325

[6] G. Guntermann, S. 79, 83

[7] G. Guntermann, S. 81; J. Jacobs, S. 157, 161

[8] E. Voerster, S. 333f.

[9] G. Guntermann, S. 83

[10] G. Guntermann, S. 82

[11] J. Jacobs, S. 166

[12] W. Schwan, S. 170

[13] M. Beckhurts, S. 75; E. Voerster, S. 335

[14] Johannes Klein: Geschichte der deutschen Novelle von Goethe bis zur Gegenwart, S. 8

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V1063
ISBN (eBook)
9783638106566
ISBN (Buch)
9783656132202
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachbarskinder, Goethes, Wahlverwandtschaften
Arbeit zitieren
Imke Barfknecht (Autor), 2001, Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1063

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