Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Die Symbolik der Blauen Blume


Seminararbeit, 2002
16 Seiten

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INHALTSVERZEICHNIS

A. Assoziationen zur Blauen Blume
I. Die Farbe Blau
II. Die Blume als Symbol

B. Die Symbolik der Blauen Blume in Novalis´ „Heinrich von Ofterdingen“
I. Die Blaue Blume als reines Symbol
II. Die „Wurzeln“ des Topos
III. Deutungsansätze und Zusammenhänge
1. Die Blaue Blume als Leitmotiv
2. Die Blaue Blume als Symbol der Begierde und der Liebe
3. Das Sehnsuchtsmotiv Blaue Blume
4. Die Blaue Blume und die Poesie
5. Blaue Blume und Gold als sich ergänzendes Symbolpaar
6. Künderin des goldenen Zeitalters, des Lebens nach dem Tode

C. Die Blaue Blume als gewolltes Mysterium?

SEITE 2 und 3: Bilder:

- Ludwig V. Angerer, gen. Angerer der Ältere: „Klingsors Zaubergarten“ (http://www.onlinekunst.de/mai/02_05_blaue_blume.html)

- Philipp Otto Runge: Der kleine Morgen (http://www.hamburger-kunsthalle.de/seiten/runge1.htm)

A. Assoziationen zur Blauen Blume

Betrachtet man die Blaue Blume im Bild „Klingsors Zaubergarten“ von Ludwig V. Angerer, genannt Angerer der Ältere (siehe Seite 2), so spürt man sofort die Wirkung, die von der malerisch umgesetzten Vorstellung dieses ungewöhnlichen Objektes ausgeht. Auch der Volksmund würde das Bild vermutlich als „romantisch“ bezeichnen.

Zwar hat sich der Maler und Schriftsteller Philipp Otto Runge, ebenfalls Frühromantiker, mit seinem Bild „Der kleine Morgen“ (siehe Seite 3) nicht direkt auf Novalis berufen, dennoch ist auch hier der Geist der Romantik - Runge war ein Generationsgenosse Hardenbergs und wie er ein enger Freund von Ludwig Tieck - regelrecht spürbar.

Was aber symbolisiert die Blaue Blume in Novalis´ Heinrich von Ofterdingen ? Was außer dem Geist der Romantik, dieser Epoche, für die die Blaue Blume steht, diesem undefinierbaren Gefühl versteckt sich hinter der Pflanze? Herbert Achternbusch schreibt als Vorwort zu seiner Version der Blauen Blume: „ Die blaue Blume ist das Gegenteil von einem Salzhering, von einem Bratwürstel oder sonst was “ 1 , aber was ist dieses Gegenteil? Um der Deutung der Blauen Blume ein wenig auf die Spur zu kommen, möchte ich zuerst von Assoziationen unabhängig von jeglicher Literatur ausgehen.

I. Die Farbe Blau

Blau steht für Unendlichkeit, Weite und Distanz, ist in der Traumdeutung ein Hinweis auf Intellekt und Gelassenheit.

In der Kunst wurde vor allem von den frühen Niederländern in ihren Landschaftsgemälden die Erfahrung genutzt, dass in der Natur bei wachsender Entfernung alle Farben nach Blau hin gebrochen werden (Luftperspektive bzw. Sfumato). Das optische Zurücktreten blau gefärbter Objekte erzeugt so eine Tiefenwirkung im Bild.

Blau zählt zu den kalten Farben. Das Wasser und - besonders hervorzuheben: der Himmel erscheinen blau, woher vermutlich die Assoziation mit Überirdischem und damit auch mit Spiritualität und Verklärung rührt. Das Ineinander-Übergehen von Wasser bzw. blau erscheinender Ferne und Himmel, das Verschwinden bzw. Verschwimmen des Horizonts erzeugt den Eindruck des Unendlichen (s.o.).

II. Die Blume als Symbol

Blumen sind natürliche, zarte und leicht verletzliche Gebilde. Kulturell unabhängig werden sie auf der ganzen Welt als schön empfunden. Daher liegt ihr Wachsen und Gedeihen den Menschen, die ihre Gärten, Häuser, Paläste, Kirchen oder Kultstätten mit Blüten schmücken, am Herzen.

Dennoch - sie sind vergänglich, verblühen nach einer bestimmten Zeit und können daher symbolisch für das Leben mit Kindheit (=Heranwachsen), Jugend (= Erblühen), Reife (= Blüte) und Alter (= Verblühen) stehen.

Normalerweise gilt die Blume jedoch als Symbol der Liebe, was sie auch zu einem beliebten Geschenk macht. Der obligatorische Blumenstrauß zu besondern Anlässen kommt vermutlich nie aus der Mode.

Allerdings ist gerade die blaue Blume etwas Besonderes, denn in den europäischen Breiten gibt es nur sehr wenig Pflanzen, die blau blühen. Gerade das Kreieren blauer Blumen, speziell blauer Rosen hat reihenweise Züchter zur Weißglut getrieben - und wo die Natur selbst mit Hilfe des Menschen „versagt“ hat, da wird heute mit Farbstoffen nachgeholfen: Blau eingefärbte Rosen als floristischer Verkaufsschlager.

Rote Blumen, vor allem die Rose, sind Zeichen der Liebe, weiße Blumen - ich denke dabei an die Lilie - werden dagegen als Symbol des Todes gesehen. Eine blaue Blume allerdings hat keine bestimmte Konnotation. Vielleicht erscheint sie deshalb von jeher geheimnisvoll und rätselhaft. Gründe, die auch Novalis bestärkt haben, gerade dieses Motiv in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen aufzugreifen?!

B. Die Symbolik der Blauen Blume in Novalis ´ „ Heinrich von Ofterdingen “

I. Die Blaue Blume als reines Symbol

Vorab ist zu sagen, dass ich mich der Meinung von Jutta Hecker anschließe, die sich gegen eine botanische Einordnung der Blauen Blume ausspricht. Die Ansätze der Literaturwissenschaftler gehen von Enzian über Vergissmeinnicht zur Schlüsselblume, Kornblume, Glockenblume oder gar Küchenschelle. Das erweckt für mich den Eindruck, dass da jemand in einem Pflanzenlexikon die Seiten mit blau blühenden Pflanzen einmal durchgegangen ist. Auch Uerlings äußert sich über die „ Botanisiertrommel der Germanisten “ 1 eher skeptisch.

Die Blaue Blume entspringt der Phantasie und nicht irgendeinem Erlebnis des Dichters, ist nicht real, nicht einmal Teil der im Roman dargestellten Welt, sondern Traum- bzw. Phantasiegebilde. Daher „ ist [es] ebenüberhaupt irrig, nach einem botanischen Vorbild der Blauen Blume zu suchen. Denn dieses Symbol hat nichts gemein mit einer realen Abbildung der Natur; sondern sein Charakter ist rein geistig und sein Keim liegt im Erlebnis des reinen Pflanzentums, wie es sich in allen Blumenäußert. “ 1

Was aber macht ein Symbol aus? Auch bei der Definition des von mir bisher arglos verwendeten Symbol-Begriffs greife ich auf Jutta Hecker zurück, die folgende, vor allem für Heinrich von Ofterdingen passende Formulierung anführt:

„ Symbol ist ein im Sinnlichen dargestelltes Uebersinnliches. Es ist das im Endlichen erlebte Unendliche. Es ist die im Brennpunkt des Augenscheinlichen zusammengedrängte Idee eines Geistig-Seelischen. Der Gegensatz von Diesseits und Jenseits wird durch das Symbol aufgehoben. “ 2

Um nicht weiter vorzugreifen, gehe ich auf dieses Zitat erst nach den Deutungsansätzen näher ein, denn diese Begriffsbestimmung enthält bereits wesentliche Interpretationsansätze.

II. Die „ Wurzeln “ des Topos

Obwohl heute Literaturhistoriker die Blaue Blume sofort mit Heinrich von Ofterdingen assoziieren, sie sogar als Symbol der gesamten Epoche der Romantik sehen, ist sie nicht etwa eine Erfindung von Novalis. Ihre literarischen „Wurzeln“ sind weit verzweigt: Hardenberg greift zum einen auf ein alte thüringische Volkssage zurück, der zu Folge die Blaue Blume im Inneren des Kyffhäuserberges wächst. Der Legende nach wird derjenige, der diese Blume am Abend des Johannistages - man beachte die Verbindung zu Novalis´ Roman, in dem explizit dieses Datum genannt wird3 - pflückt, ein weiser Mann (vgl. Einleitung: Blau als Zeichen für Intellekt) und das glücklichste Geschöpf der Welt.

Auch Grimms Märchen greifen Otmars Sage von einer Wunderblume auf, die ein Schäfer am Fuß eines Berges zufällig findet und an seinen Hut steckt. Nun steht ihm auf einmal Ein- und Ausgang zum Schatz des Berges offen. Hat er in der Höhle seine Taschen gefüllt und vom Anblick der Kostbarkeiten erstaunt den Hut abgelegt, so ist hinter dem Weggehenden die warnende Stimme vernehmbar: „Vergiss das Beste nicht!“ Aber der Schäfer nimmt sie nicht wahr - mit schrecklichen Folgen. Der Ausgang, der Weg, alles ist im Nu verschwunden und der Rückweg unauffindbar!

Der Topos der Blauen Blume erscheint außerdem in Jean Pauls Unsichtbarer Loge (1792), einem Werk, dass bei Friedrich von Hardenberg und dessen Bruder bekannt und beliebt war.

Der Romanheld Gustav wird in einer unterirdischen Höhle1 von einem Genius erzogen. In seinem Traum2 begegnet Gustav der Blauen Blume:

„ Ihm kam ´ s drin vor, als zerlief ´ er in einem reinen Tautropfen und ein blauer Blütenkelch sög ´ ihn ein - dann streckte sich die schwankende Blume hoch empor und höb ´ ihn in ein hohes, hohes Zimmer... Auf einmal knickte die Blume zusammen, und niederfallend sah er drei weiße Mondstrahlen seinen Freund [den Genius] in den Himmel ziehen, der die Blicke abwärts gegen den Gefallenen drehte. “ 3

Die „blaue Aether-Glockenblume des Himmels“ ist hier mit dem Tod bzw. der Unsterblichkeit der Seele verbunden, fungiert sozusagen als Medium zwischen zwei Welten bzw. Stadien.

Ein weiterer Romantiker rückte die Blume ins Zentrum: Ludwig Tieck.

In seiner Begeisterung für Shakespeare nahm er sich dessen Sommernachtstraum vor und formte daraus Die Sommernacht. Ein Knabe, der im Elfenwald eingeschlafen ist, wird von Oberon durch den Tau aus einer (allerdings roten) Blume zum Dichter (vgl. Die Blaue Blume und die Poesie) geweiht.

Ein Blumensymbol findet sich ebenfalls in Tiecks Gedicht Der Traum (1798) . Zwei in Wald und Sturm verirrten Freunden wird von himmlischen Mächten Rettung in Form einer von blauen Strahlen umringten Blume zuteil. Ihrer inniglichen Freundschaft und Liebe bewusst pflücken sie die Blume nicht und knien nieder. Die Blume wächst zum Baum (der Erkenntnis?).

All diese Quellen entstammen Hardenbergs näherem Umfeld. Jean Paul kannte Novalis persönlich4. Tieck war einer seiner engsten Freunde, der sogar versuchte, das Fragment des Heinrich von Ofterdingen nach dessen Tod zumindest inhaltlich abzurunden. Tieck bestätigt auch5, dass sich Hardenberg während des Schreibens des Heinrich von Ofterdingen in Thüringen in der Nähe des Kyffhäuser-Berges aufhielt. Durch den freundschaftlichen Kontakt zu Karl W. F. von Funk hatte er Zugang zu dessen Bibliothek, in der er neben dem thüringischen Volksgut und der von Funk verfassten Biographie des Kaisers Friedrich II.6 auch die Sage über Heinrich von Afterdingen, die ihn zum Beginn des behandelten Romans bewegte, fand.

Des Weiteren wird ein Stoff ganz anderer Art von der Sekundärliteratur erwähnt, ein Werk aus dem Indischen: Georg Forsters Übersetzung „Sakontala oder der entscheidende Ring - ein indisches Trauerspiel von Kalidasa“ (1790), Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. entstanden. Nun ist die Begeisterung Hardenbergs für einen so „uneuropäischen“ Stoff zwar nachvollziehbar1, und das im Schauspiel thematisierte Hingezogensein zu Blumen und die zahlreichen Vergleiche haben ihn aller Wahrscheinlichkeit nach bestärkt, die Blume als zentrales Symbol für seinen Roman zu wählen, wovon seine Beschäftigung mit der „ indischen ... Mythologie “ (184,30) und die von Tieck dokumentierte Absicht, diese in „ Andeutungen “ (184,29) in den Roman zu integrieren, zeugen. Inhaltlich allerdings hat Novalis nichts entlehnt. Sakontala also als „Wurzel“ des Heinrich von Ofterdingen zu bezeichnen, wäre, meines Erachtens, weit hergeholt.

III. Deutungsansätze und Zusammenhänge

1. Die Blaue Blume als Leitmotiv

Novalis nimmt die Blaue Blume mit ihrer sowohl emotional, als auch historisch bzw. literarisch begründeten Wirkung und setzt sie als Leitmotiv an strategisch wichtige Punkte der Handlung. Wie ein in der Musik verwendetes Thema stellt er die Blaue Blume gleich zu Anfang im ersten Kapitel vor und „spielt“ diese Sequenz immer wieder leicht abgeändert, aber doch eindeutig erkennbar „an“. So stößt der Leser auf etwas Vertrautes, registriert aber die Variation, durch die das „Leitmotiv“ neuen Reiz erlangt.

Heinrich hat die Blume bei ihrer ersten Erwähnung im Roman noch gar nicht mit eigenen Augen gesehen, kennt sie nur aus der Erzählung eines Fremden. Trotzdem wird sie mit dem bestimmten Artikel eingeführt, was ihre Besonderheit, ihre Individualität gleich hervorhebt. Auch Heinrich weiß um die Außergewöhnlichkeit seiner Gemütsstimmung: „ So ist mir noch nie zumute gewesen “ (9,12), liegt wach und formuliert seine Sehnsucht: „ die blaue Blume sehn ich mich zu erblicken. “ (9,9), die den gesamten ersten Teil des Romans durchzieht. Sofort wird deutlich: Heinrich ist ein Erwählter, eine Ausnahme2 und strebt nach Erkenntnis3 (vgl. Tieck: Der Traum; Blume wächst zum Erkenntnisbaum). In seinem Traum sieht er dann die Blaue Blume selbst. Allerdings beendet die Mutter den Traum jäh, indem sie den Sohn stört bzw. weckt.

Der Traum und damit die Blaue Blume bleibt im weiteren Verlauf gegenwärtig, denn Heinrich führt mit seinen Eltern eine Kontoverse über prophetische Kräfte des Traums und kommt so darauf, dass auch der Vater einen Traum von einer Blume hatte. Dieser erzählt seine lang zurückliegende, fast vergessene nächtliche Vision, kann sich jedoch nicht mehr an die Farbe des Gewächses erinnern.

Das nächste Mal sieht Heinrich die Blume an einer sehr markanten Stelle der Handlung, bei seinem Abschied von Thüringen, von seiner Heimat, seinen gewohnten Lebensumständen: „ Die Wunderblume stand vor ihm “ (21,18).

Kurz bevor Heinrich der Morgenländerin Zulima begegnet lässt sich “ Die Blume seines Herzens ... zuweilen wie ein Wetterleuchten in ihm sehen. “ (S. 55 Z.10). Beim Eintreffen in Augsburg lernt Heinrich auf Schwanings Fest neben dem Dichter Klingsohr auch dessen Tochter Mathilde kennen. Nach dem Fest, wieder allein sinniert Heinrich über die Blaue Blume und ihre Verbindung zu seiner neuen Bekannten:

„ Ist mir nicht zumute, wie in jenem Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht “ (105 Z.19)

Da der Roman Fragment geblieben ist, lassen sich die Zusammenhänge und Strukturen im zweiten Teil nur erahnen. Geht man von Tiecks Bericht über die Fortsetzung aus, so erscheint das Leitmotiv der Blauen Blume allerdings auch weiterhin:

„ Immer sollte das Buch unter den verschiedensten Begebenheiten denselben Farben Charakter behalten, und an die blaue Blume erinnern. “ (184,24 ff.)

2. Die Blaue Blume als Symbol der Begierde und der Liebe

Einleitend habe ich die gängige Deutung der Blume als Symbol der Liebe angeführt, eine Deutung die sich auch für den Roman bzw. die Blaue Blume anbietet.

Heinrichs Vater wurde bereits von der (vermutlich blauen) Blume zu seiner späteren Frau geführt, denn im Traum sieht er ihr Gesicht, reist nach dem Erwachen „ von heftiger Liebe bewegt ... ungestüm nach Augsburg “ (18,10) und trifft dort wieder auf Heinrichs Mutter, die er schließlich heiratet.

Heinrich selbst hat einen ähnlichen Traum. Zu Beginn des ersten Kapitels weiß er noch nicht genau, was es mit der Sehnsucht nach der Blauen Blume auf sich hat. Erst im Traum nimmt das Gefühl Gestalt an, mit einer möglichen sexuellen Konnotation, wie sich bereits in den anfangs noch wirr wirkenden Traumbildern zeigt: „ liebte bis zur höchsten Leidenschaft “ (10,10 f.). Dies setzt sich in den klareren Visionen „ gegen Morgen “ (10,12) fort. Der Gang in den Felsen hinein, die „ Höhle “ mit ihren „ mit ... Flüssigkeitüberzogenen “ (10,34 f.) Wänden macht eine sexuelle Deutung (→ Vagina) möglich.

Eindeutig erotisch umschrieben ist wieder das Baden Heinrichs im Becken: Er selbst „ entkleidete sich “ (11,5), stieg ins Wasser „ und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn. Die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen, die an dem Jünglinge sich augenblicklich verkörperten. “ (11,11 ff.)

Sieht man den Traum als Äußerungsorgan des Unbewussten, so kann man den Beginn als „Aufkeimen“ der Sexualität in Heinrichs Unterbewusstsein deuten, eine Sehnsucht, die sich anfangs noch nicht auf eine bestimmte Person konzentriert. Geht man von seinem Alter1 und der Tatsache, dass Heinrich sehr behütet und ohne Kontakt zum anderen Geschlecht aufgewachsen zu sein scheint, aus, so könnte er sich durchaus in einem Stadium der sexuellen Reifung befinden.

Mit Auftauchen der Blauen Blume jedoch tritt der rein sexuelle Aspekt im Traum zurück. Die Blaue Blume wird zu Objekt, das ihn „ mit voller Macht “ (11,26 f.) anzieht. „ Rund um sie herum [stehen] unzählige Blumen von allen Farben “ (11,29 f.). Heinrich reift. Er gelangt von einem unbestimmten sexuellen Verlangen zu dem Objekt, auf das hin er seine, jetzt nicht mehr (nur) erotischen Gefühle bündelt. Nach und nach bekommt dieses Objekt ein „ Gesicht “ (12,2). Noch weiß er nicht, wer das Objekt seiner Begierde ist. Er muss seine Liebe erst finden. Dies tut er auf Schwanings Fest. Wie die Blaue Blume aus den um sie herum stehenden Blumen heraussticht, so hebt sich auch Mathilde in ihrer blumengleichen Schönheit (vgl. Einleitung: Blume als Symbol der Schönheit) von den anderen Mädchen ab:

„ Eine nach der Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht und von dem schlanken weißen Halse schlängelten sich blaue Adern (→ Äderung von Pflanzen) in reizenden Windungen um die zarten Wangen. “ (99,5 ff.)

Als Heinrich „ tief in der Nacht “ (105,16) nach dem Fest wieder allein ist, sinniert er über die Verbindung, die zwischen Mathilde und der Blauen Blume zu bestehen scheint:

„ Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? “

(105,21 f.)

und kommt zu folgendem Ergebnis:

„ Ist mir nicht zumute, wie in jenem Traume beim Anblick der blauen Blume? ... Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht, und nun erinnere ich mich auch, es in jenem Buche gesehen zu haben. Aber warum hat es dort mein Herz nicht so bewegt? “ (105,19 ff.)

Der Funke springt also erst im Zusammenhang mit der Erinnerung an die Blaue Blume über. Erst jetzt „bewegt“ ihn Mathildes Gesicht, weil es dem aus der Blauen Blume entspricht. Mathilde und die Blaue Blume sind eins.

Wie es schon seinem Vater wiederfahren ist, so wurde auch Heinrich von der Wunderblume zu seiner Braut geleitet.

Während die Deutung der Blauen Blume als Symbol der Liebe in der Sekundärliteratur gehäuft auftritt, erwähnen nur wenige Autoren den Aspekt der Erotik. Einzig Johannes Mahr sieht den Traum als Hinweis auf ein „ dargestelltes sexuelles Erlebnis “:

„ So legt der Traum Heinrichs Sehnsucht nach der blauen Blume zunächst aus als Verlangen nach der Erfüllung in der Liebe zu einem Mädchen. “

„ Die blaue Blume enthält im 1. Kapitel weder das Geschenk der Dichtung, noch die Erfüllung metaphysischer Sehnsucht. “ 1

Alle „Liebeserlebnisse“ Heinrichs verlaufen aber so, dass das Objekt der Liebe sich zu verflüchtigen beginnt. Die Sehnsucht bleibt intensiver denn je zurück. Grützmacher nennt die „ Liebe ein die Sehnsucht verstärkendes, nicht auf Erfüllung gerichtetes Moment “ 2.

3. Das Sehnsuchtsmotiv Blaue Blume

Die Blaue Blume taucht immer dann auf, wenn Heinrichs Gefühlszustand von Sehnsucht bestimmt ist. Mit dem Rückblick auf die Erzählung des Fremden, der ersten Erwähnung der Blauen Blume, beginnt sein Sehnen, anfangs nicht genau definierbar. Der bloße Anblick der Wunderblume ist sein Ziel.

In seinem Traum ist ebenfalls Sehnsucht die bestimmende Empfindung. Ob es der Wunsch nach körperlicher Nähe oder nach „wahrer Liebe“ ist, wurde bereits erörtert (vgl. Die Blaue Blume als Symbol der Begierde und der Liebe).

Sehnsucht wird auch in Heinrichs Vater geweckt, als er von der Wunderblume träumt:

„ Daßich von dir (→ Heinrichs Mutter) träumte, und mich bald darauf von Sehnsucht ergriffen fühlte, dich zu besitzen, war ganz natürlich “ (14,36 f.)

Der Aufbruch zur Reise und das Zurückblicken über die Landschaft Thüringens lassen in Heinrich den Wunsch nach einer real existierenden, aber auch nach geistiger Heimat aufsteigen, „ Sehnsucht nach einer bleibenden sicheren Welt, zu einem freundlichen Wegweiser und einer tröstenden Bekanntschaft “ (21,2 ff.).

„ Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte “ (54,26 f.), verlässt das Schloss und gelangt so, von einem „ inneren Wetterleuchten “ (55,9) der Blume geleitet, zu Zulima, deren Sehnsucht nach der Familie und dem Morgenland er mitfühlt.

Mit der Begegnung mit Mathilde erfüllt sich seine Sehnsucht nach dem menschlichen Wesen, das sich aus der Blauen Blume zu ihm geneigt hat, und er gewinnt die Möglichkeit (→ Erlernen des Spielens der Laute mit Mathildes Hilfe) zum Dichter zu reifen. Er sehnt sich also insgeheim immer nach der Harmonie der drei Komponenten Natur, Liebe und Dichtung, nach den Voraussetzungen für den Beginn des Goldenen Zeitalters (vgl. Künderin des goldenen Zeitalters, des Lebens nach dem Tode).

4. Die Blaue Blume und die Poesie

Liebe, Poesie und Natur - die Dependenzen dieser drei Bereiche bestimmen die Gespräche im Heinrich von Ofterdingen. Mag die Blaue Blume eindeutig Symbol der Liebe sein, sie ist ebenso eng mit der Poesie verbunden. Ihr Auftauchen lässt Heinrich seine inneren Anlagen zum Dichter erkennen: „ Es muss noch viele Worte geben, die ich nicht weiß. “ (9,32 f.) Wie schon sein Vater ist auch Heinrich zum Dichter geboren, was sowohl die Kaufleute1, als auch Heinrichs Großvater Schwaning2 bemerken. Das größte Gewicht wird dieser Aussage aber verliehen, indem der auktoriale Erzähler ebenfalls bemerkt: „ Heinrich war von Natur aus zum Dichter geboren. “ (94,31)

Im Gegensatz zu seinem Vater, der schon viel gereist ist, als er in Rom den Traum von der Blauen Blume hat, also die nötige Lebenserfahrung bereits hat, um sich auszudrücken3, ist Heinrich „ die Welt ... nur aus Erzählungen bekannt “ (19,2 f.). Es fehlen ihm einfach nur die Inhalte für seine Dichtung. Daher ist die Blaue Blume bzw. das Entdecken der eigenen poetischen Anlagen einer der Gründe, warum sich Heinrich auf den Weg in die, ihm noch unbekannte Welt macht, ist Initiation.

Der Vater hat diese Offenbarung der eigenen Anlagen durch das Erscheinen der Blauen Blume nicht gehört. Er hat den Traum als Wegweiser zur Liebe, nach Augsburg zu seiner späteren Frau gedeutet. Die eng mit der Liebe verbundene zweite Bedeutung, die Poesie, die hat er, ebenso wie die Farbe der Blume, einfach vergessen. Er hat dementsprechend auch einen handwerklichen Beruf ergriffen und beschäftigt sich nicht einmal mehr mit Träumen, tut sie mit den Worten „ Träume sind Schäume “ (12,30) als Unfug ab.

Dabei „ kann die Beschäftigung mit Träumen und ihrem Phantasiespiel als eine Vorstufe des Dichtens ... angesehen werden. “ 1

Zulima bringt Heinrich in seiner Reifung zum Dichter ebenso weiter wie die Beziehung zu Mathilde, denn durch ihre Liebe und Zärtlichkeit bringt sie ihm sowohl die Sprache der Liebe als auch die der Poesie näher, die es Heinrich möglich macht, die Natur zu verstehen und durch sie zur Dichtkunst und zu den ja zu Beginn des Romans fehlenden Inhalten (siehe oben) zu gelangen:

„ Schon nahte sich ein Dichter, ein liebliches Mädchen an der Hand, um durch Laute der Muttersprache und durch Berührung eines s üß en zärtlichen Mundes, die blöden Lippen aufzuschließen, und den einfachen Akkord in unendliche Melodien zu entfalten. “ (95,2 ff.)

Liebe und Poesie sind also zwei untrennbare Werte, wie bereits die Zueignung zeigt, denn schon ganz zu Anfang des Romans wird außerhalb der Handlung in Sonettform die Wechselbeziehung der beiden wichtigsten Werte für Heinrichs Werdegang (und für den Dichter Novalis?) vorangekündigt; „ der letzteren (der Poesie) aber ist der höchste Platz gegeben. “ 2

Sowohl für die Dichtung, als auch für die Liebe ist oftmals die Natur, zu der auch die Blaue Blume in gewisser Weise zählt, der Anlass.

Die Blaue Blume ist jedoch nicht als Natur im Sinne einer intakten Fauna und Flora zu sehen. Sie ist viel mehr eine Art innere Bestimmung, die der Mensch (quasi genetisch) in sich trägt, die Natur des Einzelnen im Sinne der Wesensart, dem Naturell, der Veranlagung. Die Harmonie dieser drei Komponenten ist Voraussetzung für ein Erreichen des Goldenen Zeitalters (vgl. Künderin des goldenen Zeitalters, des Lebens nach dem Tode).

5. Blaue Blume und Gold als sich ergänzendes Symbolpaar

Heinrich von Ofterdingen ist ein Roman, der von Dingsymbolen bestimmt wird. Neben der Blauen Blume und der häufigen Verwendung des Adjektivs blau, tauchen ihr Gegensymbol Gold und die zugehörigen Adjektive ebenso oft auf.

Der Bodenschatz Gold, das „ das köstliche Gewächs “ (69,6), das „ in zarten Blättchen “ (65,7) „ in schauerlichen ... Tiefen blüht “ (69,6 f.), muss, wie die Blaue Blume, von dafür vorherbestimmten Menschen gesucht werden, die einen unerklärlichen und unbeschreiblichen „ angeborenen Wunsch “ (64,29) (→ Sehnsuchtssymbol) verspüren, die „ seltene, geheimnisvolle Kunst zu erlernen “ (63,5 f.) und der Berufung zum Bergmann, „ für die man von der Wiege an bestimmt ist “ (64,32), zu folgen.

Gold wird allerdings durch Bergbau, also körperliche Arbeit gefunden, während die Wunderblume nur durch Gedanken oder Träume heraufbeschworen werden kann. Beide sind unter der Erde tief im Berg bzw. in einer Höhle verborgen. Das Schürfen nach Gold ist also wie auch die Suche nach der Blauen Blume ein Gang in ein „Inneres“, das immer verbunden ist mit eigener gedanklicher Einkehr - mit Selbstfindung, dem Erschürfen des „ edelsten Gang [s des ...] Herzens “ (69,14).

Gold ist im Gegensatz zur Blauen Blume ein real vorhandenes Gut, ein materieller Wert, dessen inner Wert allerdings wie der der Blauen Blume erkannt werden muss, um Glück zu erreichen. Ansonsten fügt es der Seele Schaden zu.

„ Daßdie Natur oder ein Teil von ihr, z.B. das vom Bergmann geförderte Gold, nicht einem einzigen Menschen, sondern allen gehört, weil es den einzelnen verdirbt, die Gemeinschaft aber fördert, ist z.T. eine alte alchemistische Vorstellung, z.T. Novalis ´ Auffassung. “ 1

Wie die Blaue Blume Heinrichs Vater zu seiner Frau geführt hat, so bringt dem Bergmann (5. Kapitel) sein Wunsch, die Kunst des Schürfens zu erlernen, die „ Liebe “ (66,28) seines Lehrmeisters Werner ein, der ihn mit seiner Tochter zusammenbringt.

Auffallend ist dabei die Konstellation: Durch den Mentor Werner gelangt der Bergmann an dessen Tochter, die seine Braut wird. Die Parallelen zu Heinrichs Begegnung mit seiner Braut Mathilde sind unübersehbar. Auch hier ist Mathildes Vater Klingsohr Heinrichs Mentor (→ Liebessymbol).

Die Farbgebung der beiden Symbole weist ebenfalls auf ein Gegensatzpaar hin: Schon Goethe hat in seiner Farblehre Blau und Gold bzw. Gelb einander gegenübergestellt, und auch in der heutigen Farbtheorie gelten Gelb und Blau als Kontrastpaar, da beide sogenannte Primärfarben, also reine Farben sind. Blau wird der kalten, Gelb der warmen Farbpalette zugesprochen, Blau ist eine dunkle Farbe, Gelb eine helle. Die beiden Symbole ergänzen sich also gemäß ihrer bereits erörterten Gemeinsamkeiten und Unterschiede wie Kälte und Wärme, Licht und Schatten, Phantasie- bzw. Traumwelt und Realität. Die Blaue Blume und das Gold heben also durch ihr Zusammenspiel, wie in Jutta Heckers Definition des Symbols gefordert (siehe: Die Blaue Blume als reines Symbol), den Gegensatz von Diesseits und Jenseits auf. Des Weiteren ist sowohl die Blume, als auch der Stein ein im Goldenen Zeitalter dem Menschen gleichgestelltes Stadium. Novalis hat diese Idee des goldenen Zeitalters ebenfalls in den Heinrich von Ofterdingen einfließen lassen.

6. Künderin des goldenen Zeitalters, des Lebens nach dem Tode

Gleich zu Beginn des Romans wird klar: Die Blaue Blume ist die Verbindung in „ eine andere Welt “ (9,12 f.), die Künderin einer anderen Zeit.

Heinrich scheint das vergangene Goldene Zeitalter aus Erzählungen zu kennen, wenn er sagt:

„ Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. “ (9,28 f.)

Die Gedanken an die Blaue Blume bringt ihn ein Stück weiter an die Erneuerung dieser Epoche:

„ Mir ist gerade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten. “ (9,30 ff.)

Die Idee des goldenen Zeitalters, einer längst vergangenen Periode der Harmonie zwischen allen Geschöpfen und Geistern scheint Novalis wie viele Romantiker begeistert zu haben, denn er baut den ganzen Roman nach diesem Schema auf:

Das goldene Zeitalter ist vergangen (→ Vergangenheit), die Menschen verstehen die Sprache der Tiere, Pflanzen, Steine, also die Sprache der Natur nicht mehr. Allerdings ist auch dieser unbefriedigende Zustand der Welt (→ Gegenwart) nur ein Stadium auf dem Weg in ein neues, wieder aufblühendes goldenes Zeitalter (→ Zukunft), in dem dann absolute Eintracht herrscht. Dieses Ziel wird im Heinrich von Ofterdingen angestrebt: die Vermählung der Jahreszeiten, ein „ großes Gedicht, ... [mit dem] das ganze Werk beschlossen werden “ (188,1 ff.) sollte.

Zuvor muss Heinrich aber erst noch einmal alle Stadien durchlaufen: Er „ wird ein Stein ..., verwandelt sich in einen klingenden Baum... ,wird ein goldener Widder... [und] wird wieder Mensch “ (187,14 ff.). Dies geschieht aber nicht ohne den Einfluss der Blauen Blume, die er erst pflücken muss (→ 187,14), um die „ goldene Zeit am Ende “ (187, 10) herbeizuführen. Mit der Idee des Goldenen Zeitalters verbunden ist eine politisch-religiöse Ideologie: Absolute Harmonie als Utopie, in der die „ christliche Religion mit der heidnischen ausgesöhnt “ (187,10 f.) ist.

Die Blaue Blume übernimmt somit Offenbarungsfunktion: sie kündet vom Leben nach dem Tod und wird so zum religiösen Symbol. Bereits beim Verlassen der Heimat hat Heinrich vor dem Erscheinen der blauen Blume die „ ersten Erfahrungen der Vergänglichkeit der irdischen Dinge, [...] eine erste Ankündigung des Todes “ (20,30 ff.) verspürt. Mathilde, die ja in enger Verbindung zur Blauen Blume steht, stirbt zwischen dem ersten und zweiten Teil. Am Ende der Zeit ist Heinrich „ glücklich mit Mathilden “ (187,23), denn „ alles vorhergehende war Tod “ (187,25).

Beate Luther hat diese religiöse Ausrichtung des Romans an der Entwicklung der Erscheinungsform der Blauen Blume festgemacht:

„ Eine Folge von Gesichten ist zu erkennen, die sich dem Betrachtenden aus ihrem Kelch entgegenneigen: zunächst Mathilde [...] , dann die Mutter Gottes, und als Sohn der Madonna: Christus. Hinter Christus erhebt sich Gott [...] . Romantisches Unendlichkeitsstreben und christliche Religion scheinen sich so in der blauen Blume zu einen. “ 1

Die Assoziationen zur Farbe Blau, die ich einleitend beschrieben habe, sind wieder erreicht denn die Blaue Blume wird durch ihre Verbindung zur Religion Zeichen für Spiritualität und Verklärung, nicht nur in religiöser, sondern auch in poetischer Hinsicht. Novalis selbst hat seinem Freund Tieck diese Wandlung als kurze Inhaltsangabe seines Werks brieflich übermittelt:

„ Heinrich von Afterdingen wird im 1sten Theile zum Dichter reif - und im Zweyten, als Dichter verklärt. “ (215,22 f.)

Unendlichkeit - eine Deutung, die die Blaue Blume schon allein durch das Auftauchen Christi und somit Gottes (siehe oben) zulässt.

C. Die Blaue Blume als gewolltes Mysterium?

Unendlich scheinen auch die Deutungsmöglichkeiten des Symbols Blaue Blume. Sie steht meiner Meinung nach für einen ganzen Komplex von Ideen, was gerade ihren Reiz ausmacht - einfach nicht genau definieren zu können (oder zu müssen?), was sich hinter diesem Phänomen verbirgt.

Mag sein, dass Alltagsphilosophen die Deutung der Suche nach der Blauen Blume und der Bestrebung, sie zu pflücken als ewige Suche nach dem Sinn des Lebens, an derer Ende das Glück des Einzelnen steht, vermissen. Heinrichs Leben hat seinen Sinn in der Liebe zu Mathilde und der Liebe zur Poesie gefunden, Werte, die alle Zeiten überdauert zu haben scheinen.

Novalis hat nirgends einen Hinweis gegeben, niemals einen Deutungsansatz verlauten lassen. Ich denke, er wollte ganz bewusst den Leser dazu bringen, die möglichen Bedeutungen der Blauen Blume für Heinrich, für dessen Vater, aber auch für jeden selbst durchzuspielen. Jeder hat vermutlich eine eigene Bedeutung für seine Blaue Blume, von der man träumt und nach der man strebt.

Ist es nicht eine „romantische“ Vorstellung, dass eben nicht alles erklärbar und eindeutig zuzuordnen ist, dass ein gewisser Teil an Mystik und Zauber die Welt beherrscht? Novalis schreibt in seinen Fragmenten über Poesie 1798: „ Die Natur ist ... poetisch - und so die Stube eines Zauberers - eines Physikers - eine Kinderstube - eine Polter- und Vorratskammer. “ Die verschiedenen Deutungen der Blauen Blume sind wohl davon abhängig, was die Natur dem Einzelnen bedeutet - Zauberstube, Labor, Kinderstube, Polter- oder Vorratskammer.

Die Blaue Blume wird durch diese Offenheit

„ zum allfähigen, wechselnde Anschauungsweisen in sich aufnehmenden Symbol. Indem man sich mit ihr beschäftigt, indem die Phantasie sich an ihr erprobt, wird die Blume gewissermaßen selbst zum Organ für die Sphäre, aus der sie symbolisch herausgebildet ist [und] ... verbleibt ... [als] Bild, das immer anders belebt werden kann. “ 1

LITERATUR:

- Novalis (von Hardenberg, Friedrich): Heinrich von Ofterdingen. Hrsg. von W. Frühwald. Reclam Verlag, Stuttgart 1987.
- Achternbusch, Herbert: Die Blaue Blume. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt 1987.
- Ehrensperger, Oskar Serge: Die epische Struktur in Novalis ´ „ Heinrich von Ofterdingen “ . Verlag Hans Schellenberg, Winterthur 1971.
- Grützmacher, Curt: Novalis und Philipp Otto Runge. Eidos Verlag, München 1964.
- Hecker, Jutta: Das Symbol der Blauen Blume im Zusammenhang mit der Blumensymbolik der Romantik. Jena 1931.
- Luther, Beate: Bedeutungsbereiche bei Novalis. Dargestellt am Traum von der Blauem Blume. Diss. München 1954.
- Mahoney, Dennis F.: Die Poetisierung der Natur bei Novalis. Beweggründe, Gestaltung, Folgen. Bonn 1980.
- Mahr, Johannes: Ü bergang zum Endlichen. Der Weg Des Dichters in Novalis ´ „ Heinrich von Ofterdingen “ . Fink Verlag, München 1970.
- Nischik, Traude-Marie: „ Himmlisches Leben in blauen Gewande... “ Zum poetischen Rahmen der Farben- und Blumensprache in Novalis ´ Roman „ Heinrich von Ofterdingen “ . In: Aurora. Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft 44 (1984) S. 159-177.
- Paul, Jean: Werke. Bd 1. Hrsg. von Norbert Miller. Hanser, München 1960.
- Ritzenhoff, Ursula: Erläuterungen und Dokumente - Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Reclam Verlag, Stuttgart 1999.
- Roder, Florian: Novalis - Die Verwandlung des Menschen. Verlag Urachhaus, Stuttgart 1992.
- Uerlings, Herbert: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis - Werk und Forschung. Metzler, Stuttgart 1991.

[...]


1 Achternbusch S. 5.

1 Uerlings S.407.

1 Hecker S.30.

2 Hecker S.5.

3 Novalis 17,21+ 18,12.

1 vgl. Heinrich von Ofterdingen: Höhle als Traumschauplatz, Fundplatz des magischen Buchs,...

2 vgl. Heinrich von Ofterdingen: Traum von der Blauen Blume.

3 Paul S.176.

4 nach Ritzenhoff: Zeittafel: Oktober 1798 „ Begegnung mit Jean Paul in Leipzig “ .

5 nach Ritzenhoff: Aus der Biographie, die Ludwig Tieck ..1815... verfasste. S.137.

6 nach Ritzenhoff S. 13, zu 16,2-18,6.

1 Er hat seine Braut Sophie von Kühn in seinen Briefen oft Sakontala genannt.

2 Novalis 9,20 f: „ die andern haben ja das nämliche gehört, und keinem ist so etwas begegnet. “

3 Novalis 9,29 f: „ w üß te ich mehr, so könnte ich viel besser alles begreifen. “

1 Novalis 18,32: „ Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden “ .

1 Mahr S.58.

2 Grützmacher S.21.

1 Novalis 25,14: „ Es dünkt, Ihr habt Anlage zum Dichter. “

2 Novalis 99,28 f.: „ Mich deucht er ist zum Dichter geboren. “

3 Novalis 17,30 f.: „ Wie gelöst war meine Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. “

1 Ritzenhoff S.12.

2 Ritzenhoff S.6.

1 Ritzenhoff S.49.

1 Luther S.111.

1 Roder S.659.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Die Symbolik der Blauen Blume
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Erzähltexte der Romantik
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V106360
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novalis, Heinrich, Ofterdingen, Symbolik, Blauen, Blume, Erzähltexte, Romantik
Arbeit zitieren
Schweiger Sandra (Autor), 2002, Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Die Symbolik der Blauen Blume, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106360

Kommentare

  • Gast am 3.10.2003

    super! dieser text war meine rettung!

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Titel: Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Die Symbolik der Blauen Blume


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