Die romantische Poesie


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

7 Seiten, Note: 14


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1.Einleitung

„ Nichts ist so unnütz wie ein allgemeiner Grundsatz “ (Lord Thomas Babington, engl. Historiker, 1800-1859)

„ Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie.“(Friedrich Wilhelm Schlegel, 1772-1829)

Die zeitgeschichtliche und künstlerische Epoche der Romantik zu charakterisieren widerspricht ganz eindeutig ihren grundlegenden Ideen und Überzeugungen. Denn die Romantiker wären wohl die Letzten gewesen, die sich gerne hätten charakterisieren lassen. Desweiteren kann man der schier grenzenlosen Vielfalt der Romantik wohl kaum mit ein paar Seiten Text gerecht werden. Die Romantik beinhaltet einfach zu viel. Freiheit für Geist und Individuum, Kreativität, Schönheit, Witz und Empfindsamkeit sind nur einige ihrer zahlreichen Facetten.

2.Kennzeichnung der Epoche

Der Name „Romantik“ stammt von dem Wort „romantisch“ ab, was bis zur in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts soviel wie romanhaft und nicht klassisch, ab der Jahrhundertmitte poetisch, phantastisch, gefühlsbetont, schwärmerisch und stimmungsvoll bedeutete. In dieser Zeit setzte sich auch der Epochebegriff durch. Für F.W. Schlegel wurde romantisch ein Sammelbegriff für die zeitgenössische Dichtung die an keine Normen und Regeln gebunden war.

Die geistige Voraussetzung für das Entstehen der Romantik war das Unbehagen an der überlieferten kulturellen und gesellschaftlichen Ordnung am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Romantik fand ihren Ursprung zuerst in England (T.Gray, E.Young), Frankreich (J.-J. Rousseau), vor allem aber im Deutschland der Jahrhundertwende.

Es war die Zeit der großen und radikalen Veränderungen, zumindest in Frankreich, dem Rest Europas standen sie noch bevor. Am 14.7.1789 begann die Französische Revolution mit der Erstürmung der Pariser Bastille durch den aufgebrachten Mob, kurz darauf wurden die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte postuliert. Eine grundlegende Umwälzung des französischen Staates nahm ihren teils blutigen Verlauf. Die Ergebnisse der Französische Revolution und ihr Gedankengut wirkten später auf ganz Europa und polarisierten die Meinungen und Ideen der Menschen. Es entstand Begeisterung für die Verdienste und Veränderungen durch die Revolution, aber auch Verachtung und Missgunst über ihre Radikalität während der Jakobinerdiktatur und die dahinterstehenden geistigen Inhalte. Die Aufklärung wurde daher zunehmend als beengend, inhuman und widersprüchlich abgelehnt und es formierten sich, auch aus anderen Gründen wie z.B. Politikverdrossenheit, neue gedankliche Strömungen, darunter die Romantik.

Die Romantik überdauerte einen Zeitraum von 1795 bis etwa 1835, 40 Jahre in denen viele neue gesellschaftliche, wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen wurden und die Industrialisierung im großen Stil einsetzte. So erfand z.B. F. König die Buchdruck-Schnellpresse, entwickelte K.F. Drais das Fahrrad, entdeckte M. Faraday das Grundprinzip des Elektromotors und gründete Fr. Krupp sein erstes Stahlwerk in Essen. Die Volksbildung gewann durch die Schulpflicht zunehmend an Quantität und Qualität und die Presse wurde endlich zu einem ernst zu nehmenden Organ. Die Romantik überlebte die napoleonische Besatzerzeit und die Koalitionskriege (1804-14), den Wiener Kongress, auf dem Europa neugeordnet wurde und endete in der Mitte des Vormärz. Sie fiel mitten in die Phase des Umbruchs von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft, nicht einfach für den Einzelnen.

Die Romantik ist nun durchaus als Gegenbewegung sowohl zu den Lebensumständen, Aufklärung (siehe oben) als auch Klassik zu verstehen, da sie sich ebenso grundlegend wie von der Aufklärung von der formalen Strenge und den klar umrissenen Idealen des Klassizismus unterschied. Sieht man also, wenn man denn so will, die 3 großen Epochen des ausgehenden 18. Jahrhunderts in einer Kette so beginnt diese mit der vernunftorientierten Aufklärung, es folgt die auf Harmonie zwischen Vernunft und Gefühl bedachte Klassik und endet mit der Romantik, der völligen Freiheit des Gefühls von allen Regeln. Sie stand in der Tradition des Sturm und Drang und Empfindsamkeit, da auch bei ihr das Ich und seine Selbstverwirklichung den inhaltlichen Kern bildeten. Dieses Ich des Menschen würde nach Fichte „durch freies Handeln in seiner Art geschaffen“ und seine Welt sei ein „durch Tun hervorgebrachtes Objekt“. Vor allem die erste Aussage kann als stellvertretend für die allgemeine Geisteshaltung der Romantiker, welche vornehmlich den gebildeten Kreisen entstammten, angesehen werden. Freies Handeln und Denken des Individuumsüber alles!

Die Romantiker erlangten und vertraten basierend auf ihren Auffassungen die Erkenntnis daß die Selbstverwirklichung des Menschen auch immer ein Stück gegen die Gesellschaft und ihre Regeln erfolgen müsse. Sie trennten sich von der Realität und liessen dem eigenen Empfinden und Handeln freien Lauf. Die Naturphilosophie von Friedrich Wilhelm Schelling bestimmte eine andere Weltsicht in der Romantik. Der Vorgang der Stufenweisen Entwicklung der Natur, von den Pflanzen bis zum Menschen sei laut Schelling die Entwicklung des menschlichen Geistes. Schelling war auch der Meinung, daß die Kunst der höchste Ausdruck des menschlichen Geistes sei.

Das aufgekommene Ich- und Individualitätsbewusstsein machte die Romantik zu einer geistigen Strömung, die es sich mit Hilfe der Macht der Phantasie zur Aufgabe machte, Gegensätze zu vereinen, Traum und Wirklichkeit miteinander zu verschmelzen um der empirischen Realität zu entkommen. Was der Romantiker in der Welt suchte, war die Schöpfung seiner Seele, eine Sehnsucht zu sich selbst und ein Weg nach innen. Er war der Meinung, daß er nur in sich selbst die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und die Zukunft finden kann. Märchenhaftes und Phantastisches waren häufig Ausdruck für die Enttäuschung über die gesellschaftlichen Mißstände oder über die Widersprüche zwischen Ideal und Wirklichkeit, man flüchtete sich oft in eine irrationale, jedoch bessere Welt. Nicht die Gesellschaft und der allgemeine Wille standen im Vordergrund, sondern der Einzelne, das Individuum welches seiner Selbsterfahrung frönen sollte. Der Vielfalt und Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. So ist die Schranken- und Grenzenlosigkeit vielleicht das wichtigste Merkmal der Romantik.

In der Literatur machte man sich auf zu neuen wie alten Ufern. Einerseits wurden in Romanen neuerdings viele poetische Gattungen (Lied, Märchen, Einzelerzählung) miteinander verschmolzen und viele neue Novellen, Balladen (sog. Romanzen) erdacht. Andererseits erfolgte eine Rückbesinnung auf das Mittelalter als pseudo-stabile Dauerordnung (A.v.Arnim, W.H. Wackenroder) und eine Aufwertung desgleichen gegenüber der Antike in Heldenliedern, Sagen und Märchen. Der mittelalterlich angehauchte Nationalstolz machte sich besonders in Märchen und Sagen (Gebrüder Grimm) deutlich. Überdies hielt man sich nicht mehr an den klassischen Regelkanon und arbeitete ohne strenge Kompositionen und mit freien Handlungsverläufen. Vorherrschendes Konzept war die Vereinigung von Natur und Geist durch viel Gefühl und Phantasie (Novalis, E.T.A. Hoffmann ...). Witz und Parodie auf das Endliche und Unendliche (romantische Ironie) waren dazu gern eingesetzte Mittel (L. Tieck, C. Brentano), es wurde schlichte und klangschöne Lyrik favorisiert (J.v.Eichendorff, C. Brentano, W. Müller).

Schließlich lässt sich die literarische Romantik in drei verschiedene Unterepochen teilen: Frühromantik (1795 - 1804), Hochromantik (1805 - 1814) und Spätromantik (1815 - 1835). Die Frühromantik nahm ihren Ursprung in der Stadt Jena, die zum Herzogtum Sachsen-Weimar gehörte. Dort taten sich die in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Wilhelm Schelling und die beiden Dichter Ludwig Tieck und Novalis zusammen. Sie waren fest entschlossen, ihr Leben anders zu gestalten als die „philisterhaften Bürger“. Sie wollten nicht nur ein neues Kunstprogramm, sondern auch noch die Emanzipation der Frau und die freie Liebe durchsetzten. Wilhelm Schlegel übersetzte Werke von Shakespeare und machte sie damit der Allgemeinheit zugänglich. In den Werken der Frühromantik ist der Einfluss der Epochen Sturm und Drang sowie Klassik noch deutlich spürbar.

In der Hochromantik erfolgte eine Zuwendung zu der altdeutschen Sprache und Literatur. Man entdeckte das Mittelalter als sozial stabile Zeit wieder und übersah vergangenheitslüstern dessen dunkle Seite. Die Geschichte wurde zum geistigen Zufluchtsort aller Personen, die mit der Gegenwart unzufrieden waren und sich durch die allgemeinen politischen Irrungen und Wirrungen in ihrer Existenz bedroht fühlten. Dies hing vorwiegend mit der Europa zerrüttenden Besatzerzeit Napoleons zusammen, welcher die alte konservative Ordnung durcheinanderbrachte und als „Plage für Deutschland“ die Bildung eines neuen Nationalbewusstseins mitverursachte. Die Literaten und Poeten versuchten in dieser Zeit, mit Textausgaben und Sammlungen von Märchen, Sagen, Volksbüchern und Liedern zur Erneuerung des nationalen Selbstbewußtseins beizutragen und ihr Leben weiter zu ergründen. In den literarischen Vordergrund traten J.v. Eichendorff, Clemens Brentano und die Gebrüder Grimm.

Der Mittelpunkt der Spätromantik war Berlin ab 1815, wo E.T.A. Hoffmann, Adelbert von Chamisso, Friedrich de la Motte Fouqué und andere wirkten. E.T.A. Hoffmann zählte zu den bekanntesten Poeten überhaupt, er erfand u.a. die Vorform der Kurzgeschichte und interessierte sich auch für Malerei, Dirigieren und Komponieren. Außerdem hatte er sehr großen Einfluß auf die Literatur in Amerika, Rußland und Frankreich und vollendete die romantische Ironie. Während der Spätromantik fand das romantische Gefühl Einzug in alle Bereiche des Lebens.

Auch die bildende Kunst der Romantik (ca. 1780-1830) war gekennzeichnet von einer Rückwendung zum Mittelalter und Renaissance, so kam es etwa in der Architektur zur sogenannten Neugotik. Ergänzend wirkte die bürgerliche Kunst des Biedermeiers (C. Spitzweg, M.v. Schwind, L. Richter) und die bis heute berühmte und bekannte Lanschaftsmalerei. Es wurden ideale, farbenfrohe, meist sehr eindruckstarke bis hin zu übertriebenen Gemälden -oft kosmetisch fein- gezeichnet. Die Natur erschien durch sie bedrohlich, pompös, verspielt und einsam, also in all ihrer Vielfalt und Stimmung. Bekannte Vertreter sind C.D. Friedrich, P.O. Runge, J.A. Koch, C. Rottmann und E. Delacroix.

In der Musik setzte die Romantik erst später (ab 1810) ein und verlor ihren Einfluss ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war gekennzeichnet durch regen Gedankenaustausch mit der Literatur und baute auf dem Stil Beethovens auf. Die Musik wurde als Darstellungsmittel von Naturstimmungen und Gefühlswerten immer komplizierter und facettenreicher, außerdem stand das deutsche Volkslied (F. Schubert, R. Schuhmann) in seiner Blüte und die Oper setzte sich durch (R. Wagner). Als zeittypische Musikusse können R. Schuhmann, R. Wagner, F. Chopin, F. Mendelssohn und H. Marschner genannt werden, die nun auch mehr Annerkennung für ihre Werke ernten konnten.

3.Resümee

Die Romantik stellte für ihre Bewunderer die völlige Poetisierung des Lebens dar, die Gesetze und Grenzen der gegenständlichen Erfahrung wurden aufgehoben und man gab Geist und Phantasie einen unendlichen Spielraum. Das war sicherlich auch der Grund für die unglaublich vielfältigen Ansätze der Künstler und Literaten, welche die Romantik aus heutiger Sicht als sehr bedeutsame und interessante Epoche der Literatur- und Kunstgeschichte erscheinen lässt. Denn selbst in die Neuzeit lebt der romantische Geist weiter, etwa in Märchen oder der sogenannten Neoromantik mit ihrem sehr deutlichen Hang zum Mittelalter.

4. (Johann Ludwig) Wilhelm Müller

Ich habe für meine Interpretation eines Romantikgedichtes eines von Wilhelm Müller mit Namen „ Der Lindenbaum “ ausgewählt. Darum folgen jetzt erst ein paar Worteüber den Poeten selbst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*7.10.1794 Dessau; †1.10.1827 Dessau.

Müller war das einzige überlebende von sechs Kindern einer Dessauer Handwerkersfamilie. Nach dem Schulbesuch in Dessau widmete er sich ab 1812 in Berlin philosophischen und historischen Studien. Im Februar 1813 trat er als Freiwilliger in das preußische Heer ein und machte die Schlachten gegen Napoleon bei Lützen, Bautzen, Hanau und Kulm mit. Nach Aufenthalten in Prag und Brüssel kehrte er 1814 nach Dessau zurück und nahm 1815 seine Studien wieder auf, die er 1817 in Berlin abschloß. Er besuchte Wissenschafts- und Künstlerkreise und verkehrte u.a. mit Arnim, Brentano, Fouqué und Tieck. Im Anschluß an das Studium trat er im Auftrag der Berliner Akademie der Wissenschaften mit dem preußischen Kammerherrn Baron Sack eine Ägyptenreise an, die aber wegen der Pest in Konstantinopel zunächst nach Italien führte. Im Januar 1818 trafen sie in Rom ein; zu Ostern trennte er sich von Sack, reiste nach Neapel und verbrachte den Sommer bei Rom. 1819 kehrte er zurück und ging als Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch nach Dessau. Bald darauf wurde er vom regierenden Herzog zu seinem Hofbibliothekar , 1824 zum Hofrat ernannt. Kurz nach einer Winterreise durch Südwestdeutschland im Jahre 1826/27, auf der er Schwab, Hauff, Kerner und Uhland traf, starb er an einem Herzschlag. Seine Gedichte wurden im gesamten 19. Jahrhundert häufig vertont und nahmen Volksliedcharakter an, z.B. „Der Lindenbaum“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Er war ein ehrlicher, naturverbundener und etwas verträumter Volkslyriker, typisch für die Romantik.

Werke:

- 1820 Rom, Römer und Römerinnen
- 1821/24 Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten (darunter die Zyklen „die schöne Müllerin“ und „die Winterreise“, welche Schubert vertonte)
- 1821 Lieder der Griechen (Gedichte zum griechischen Freiheitskampf)
- 1823 Neue Lieder der Griechen
- 1824 Neueste Lieder der Griechen
- 1826 Missolunghi (Gedichte zum griechischen Freiheitskampf)
- 1826/27 Kleine Liebesreime aus den Inseln des Archipelagus
- 1827 Lyrische Reisen und epigrammatische Spaziergänge

5. Der Lindenbaum - Interpretation

Wilhelm Müller

Der Lindenbaum

Am Brunnen vor dem Tore

Da steht ein Lindenbaum: -

Ich träumt’ in seinem Schatten

So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde

So manches liebe Wort;

Es zog in Freud und Leide

Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern

Vorbei in tiefer Nacht,

Da hab’ ich noch im Dunkel

Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,

Als riefen sie mir zu:

Komm her zu mir, Geselle,

Hier findst du deine Ruh!

Die kalten Winde bliesen

Mir grad ins Angesicht,

Der Hut flog mir vom Kopfe

Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde

Entfernt von jenem Ort,

Und immer hör ich’s rauschen:

Du fändest Ruhe dort!

Selten habe ich bei einer Gedichtinterpretation meine Arbeitshypothese und Einleitung so häufig verändert wie bei diesem Gedicht, es gibt mir sogar bis jetzt Rätsel auf. „Der Lindebaum“ von Wilhelm Müller stammt aus dem Jahre 1822 und avancierte nach der Vertonung durch F. Schubert zu einem bekannten und beliebten Volkslied. Bäume waren in der Zeit der Romantik oft beschriebene Objekte im Zuge der allgemeinen Besinnung auf die Natur. Denn ihre imposante Erscheinung beschäftigte die Menschen damals offensichtlich mehr als heutzutage. Ein gefundenes Fressen, glaubte ich, ein schlichtes, leicht zu deutendes Gedicht mit Epochebezug. So wäre es auch zu erklären, das der Dichter einen Baum ins Zentrum des Interesses stellt, wie erst dachte. Ich vermutete weiter er wäre für das lyrische Ich (und den Poeten selbst) ein gewaltiges Monument, ein ewiger Titan, der über die Menschen wacht, genauso wie ein erholsamer Ruhepol, ja fast dasselbe wie eine Vertrauensperson und wegen all dieser Eigenschaften so eine Art Lebensmagnet für das lyrische nacht dem Motto Kraft durch Ruhe. Doch wie konnte das lyrische Ich ihn dann verlassen, wenn er nur Gutes in sich getragen hätte?

Ich kam zu dem Schluss, das meine Annahmen so nicht stimmig waren. Dann ging ich dem Gedanken nach, ob es nicht vielmehr so sei, dass in dem Gedicht der Mensch, welcher sich zuerst immer gerne in der Nähe des Baumes aufhält und eines Nachts trotz Wind und Wetter von ihm fortzieht, im Mittelpunkt steht (trotz des Titels)? Denn warum sollte er nun einen so guten Freund wie den Baum verlassen, fragte ich mich wieder und wieder, was ist sein Beweggrund? Warum ist der Baum für ihn plötzlich kein so erstrebenswertes Objekt mehr, wieso bleibt er nicht einfach in der schönen kleinen Traumwelt unter der Linde? Weshalb fantasiert er sich dieses sprechende Rauschen zusammen, und was bedeute es? Ist der Lindenbaum nun eher Freund oder Feind dieses Menschen, oder gar beides? All diese Vermutungen beschäftigten mich sehr intensiv und ich diskutierte sogar mit Freunden darüber. Immer neue Variantentürchen taten sich auf, vor allem für die Linde. Meine Gedanken verwirrten sich immer weiter zu einem regelrechten Theorienknäul ohne Anfang und Ende. Man muss sich aber für irgendwann eine Variante entscheiden, sagte ich mir. Muss man sich für eine entscheiden? Ich habe es versucht und die Wahl so spät wie nur möglich getroffen.

Der während des gesamten Gedichtes vorherrschende Eindruck von einer innigen Partnerschaft Mensch - Baum wird maßgeblich von der Haltung des lyrischen Ichs zum Lindenbaum bestimmt. Am Anfang des Gedichtes beginnt es etwas rührselig den nahen Standort des Lindenbaumes und seine Beziehung zu ihm zu schildern. In der dritten und vierten Strophe berichtet es, wie es den Baum heute Nacht nach seinem Aufbruch zu dem Ort, an dem es sich jetzt aufhält, passierte und mit geschlossenen Augen ein geheimnisvolles Rauschen der Linde wahrnahm. Weiter erzählt das lyrische Ich von einer anstrengenden Wanderung und davon, das es sich immer noch dieses sprachartige Rauschen der Zweige einbildet: „Du fändest Ruhe dort!“. Auf diese Art wirkt es in seiner persönlichen, leicht mystischen Erzählweise sehr vernarrt in den Baum, fast könnte man meinen das lyrische Ich sei verrückt vor Einbildung(4.+6.Strophe). Es scheint aber ein naturverbundener, verträumter Einzelgänger sein, da es sehr viel Zeit bei der Linde verbracht hat. Dabei wird auch deutlich, dass der Lindenbaum eine sehr wichtige Position im Leben des lyrischen Ichs einnimmt, gerade weil er es immer wieder zu sich zu rufen scheint. Natürlich bildet sich das lyrische Ich diese Lockrufe nur ein, nur warum?

Wünscht es sich mit den imaginären Lockrufen eventuell unbewusst und ein bisschen naiv die Träumerei und Geborgenheit im Schutz des Lindenbaumes zurück nach der Devise: „Dort hätte ich doch meine Ruhe.“? Hatte es somit nicht die Courage, die nötig gewesen wäre um bei der schon oft aufgesuchten Linde zu bleiben und der Unvermeidlichkeit des Wegwanderns zu widerstehen? Folgte es nur den inneren Zwängen des Sich-Lösen-Müssens von einem einmal erreichten Zustand? Oder war es gerade couragiert und selbstbewusst von dem lyrischen Ich, sich von der kleinen Welt im Schatten des Baumes zu verabschieden? Wollte es die Linde somit verlassen? Ist das lockende Rauschen in diesem Sinne eher das sich zu Wort meldende schlechte Gewissen: „Warum mache ich es mir nur unnötig schwer? Es wäre besser für mich bei dem Baum zu bleiben.“ oder doch mehr ein Sicherheitsgefühl: „Ich kann meine Ruhe immer bei dem Lindenbaum finden, egal wann ich zu ihm zurückkehre.“?

Die obige Vorstellung eines nach Träumerei und süßem Dahinvegetieren im Schatten des Baumes strebenden Menschen, wird jedoch durch die strukturelle Beschaffenheit seiner Äußerungsform, dem Gedicht, kontrastiert. Es weist eindeutig die Merkmale eines Volksliedes auf: Jede der sechs Liedstrophen besitzt die gleiche semantische Fügung; ein hypotaktischer Satz, der sich über vier Zeilen erstreckt. Jedes Quartett hat eine männliche Kadenz zwischen zweiten und vierten Vers und ein alternierendes Versmaß sowie Metrum, dessen Hauptbetonung im ersten und dritten Vers jeder Strophe auf der ersten und im zweiten und vierten immer auf der zweiten Silbe liegt. Diese schematische Kongruenz und der strophische Parallelismus machen das Gedicht so eingängig und unterstreicht seine vorzügliche Eignung als Volkslied. Es verursacht aber einen mehr normalen als verträumten, gereiften Eindruck, den man jetzt von dem lyrischen Ich gewinnt. Zumal die Sprache eher einfach als verträumt und damit für die regionale Herkunft Wilhelm Müllers typisch erscheint, als auch relativ wenig Stilfiguren vorhanden sind. Der Poet, welcher aus bürgerlichen Verhältnissen stammte, war nämlich während seines gesamten Schaffens zumeist darum bemüht, seine Lyrik auch dem noch so ungebildeten Bauern ehrlich, nachvollziehbar und liebenswert erscheinen zu lassen, wenn er nur einen Funken Offenheit und Naturverbundenheit in sich trug. Warum sollte er nun ein außenseiterhaftes Ich erdenken, welches versucht sich völlig dem einschläfernden Wohlgefallen bei der Linde hinzugeben? Zumal Müller selbst absolut kein Außenseiter wie viele der anderen Romantiker war, sondern eher ein Volkslyriker.

Was ist aber nun das lyrische Ich, ein lügender Romantiker, welcher eigentlich beim Baum bleiben möchte und sein Selbstbewusstsein beim Weggang nur vorgaukelt, oder ein romantischer Neugieriger, der sich trotz Schwierigkeiten (Pleonasmus bei „die kalten Winde“) ablösen möchte. Um hier zu einer Variante zu gelangen sollte man sich die Bedeutung des Lindenbaumes für das Ich klarmachen. Für und Wider findet man dann auch in dessen Charakteristik. Anfangs wirkt der Lindenbaum wie eine arboristische Allegorie auf Schutz, Zuflucht, Geborgenheit und freunschaftliche Nähe, später steht er jedoch für axiomatische Ruhe, Verführung zum Stillstand und letztlich auch Macht. Das vermittelte Gefühl der Geborgenheit und Nähe wird besonders in Vers drei bis acht klar; zwei pars pro totos („in seinem Schatten“[...] „in seine Rinde“) werden zwei Pleonasmen („süßen Traum“[...] „liebe Wort“) gegenübergestellt um zu verdeutlichen, welche schönen aber privaten Erfahrungen das lyrische Ich an der Linde macht und ihr anvertraut. Die Macht und gefährliche Verführungskraft des Lindenbaumes wird vor allem durch dessen Maskulinisierung („Der Lindenbaum“, „ihm“, „seine Zweige“) und Personfikation offensichtlich, die das lyrische Ich in dem Vergleich am Anfang der vierten Strophe anstellt. Der Dichter lässt den Baum daraufhin in den Gedanken des lyrischen Ichs im Imperativ sprechen um es zu sich zu rufen, als es von ihm fortgeht. Doch das lyrische Ich widersteht dem freundschaftlichen Locken des Baumes, welcher ihm Ruhe verspricht und trotzt Wind und Wetter um ihn noch in der Nacht zu verlassen. Obwohl es sich am Ende des lyrischen Textes „manche Stunde“ (eine Metonymie für die weite Strecke) entfernt „von jenem Ort“ (eine Metonymie für den Lindenbaum) aufhält bildet es sich noch immer das Locken der Linde ein, diesmal ist die Phantasie jedoch von schwächer Intensität und steht daher im Konjunktiv: „Du fändest Ruhe dort.“ Alles in allem ist die Wirkung des Lindenbaumes auf das lyrische Ich recht zwiespältig. Auf der einen Seite ist der Baum sein Freund, auf der anderen wirkt diese Freundschaft etwas zu eng, denn der Baum ist und bleibt ein geistloses Objekt, das sich niemals wirklichen dem lyrischen Ich gegenüber äußern wird. Er ist dazu verdammt der ewige Zuhörer zu sein. Ich glaube, das vor allem diese Tatsache und nicht die besondere Courage des lyrischen Ichs, welches mir in der Gesamtsicht als einfacher, einzelgängerischer und naturverbundener Mensch erscheint, den Grund für sein Weggehen darstellt. So wäre auch die Einbildung des Rauschens als Wunsch nach einem lebenden Baum sinnvoll zu erklären. Da dieser Traum jedoch unerfüllbar bleibt, entschliesst sich das lyrische Ich wohl oder übel, seinem anstrengenden Leben wieder ins Gesicht zu sehen und sich nicht unter dem Lindenbaum zu verkriechen. Das Gedicht beschreibt danach den Reifeprozess eines erst völlig in die Natur verliebten Ultraromantikers zu einem gereiften Menschen, der für sich erkannt hat, dass er mit der unbelebten Natur allein nur periodisch glücklich sein kann.

Ob diese Erkenntnis nun typisch für die Epoche der Spätromantik ist, kann ich nicht sagen. Eine Entwicklung der romantischen Sicht auf die Natur wäre, rein der Logik nach, durchaus auch während der Epoche selbst vorstellbar. Überdies war die Natur für den Dichter selbst nie die einzige Passion. Er fühlte sich auf seinen Wanderungen zwar erquickt und lebendig, trotzdem liebte er genauso gesellschaftliche Vergnügungen wie beispielsweise offenherzige Feiern in Wirtshäusern mit reichhaltiger Verköstigung. In ihm schlugen zwei Herzen, eines für die Natur, das andere für den Mensch. Um so nachvollziehbarer wird sein lyrisches Ich, welches seinen Lindenbaum zwar oft aufsucht und an ihn denkt, sich trotzdem der anstrengenden Realität stellt und den Baum verlässt. Es ist für mich so eine Art romantischer Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Jekyll im Leben, Hyde unter dem Lindenbaum.

Dabei kann ich seine anfängliche Hingabe an den Lindenbaum nachvollziehen, denn auch ich saß schon mal zufrieden unter einem Baum. Die Sonne scheint und man ist doch ihm Schatten, geniesst seine Position -angelehnt an den mächtigen Stamm- und erholt sich. Für den Moment ist man glücklich, atmet tief durch und kann nachdenken. Ein paar Minuten Nirwana. Doch irgendwann schmerzt der Rücken, drängt die Zeit und man muss sich erheben und zurück zur Tagesordnung. Am liebsten würde man wohl ewig unter dem Baum sitzen bleiben und die Wolken beobachten, doch das wäre zu einfach. Wie Müllers lyrisches Ich kämpft man lieber gegen etwas als sich einfach zur Ruhe zu setzten, egal wie verlockend das sein mag. Denn die endgültigste, dogmatischste Ruhe verkörpert immer noch der Tod. Wie lautet doch gleich ein bekanntes Sprichwort: Der Weg ist das Ziel.

Außerdem fühlen sich die meisten Menschen normalerweise unter anderen Menschen am wohlsten. Ist man jedoch verzweifelt, wütend und unzufrieden mit bestimmten Menschen kann es gut sein, das man in der Natur einen besseren, weil gefühllosen Freund findet, als in allen Menschen zusammen. Sie alle, die Einsiedler, Trapper, Romantiker und unglücklich Verliebten zieht es, ähnlich dem lyrischen Ich, in die Arme der Natur, denn die fragt nicht, nie.

6. Quellenangaben

- Bertelsmann Weltgeschichte 8+10; Hrsg.: Michael Plicha; Verlagsgruppe Bertelsmann / Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH; Gütersloh 1996
- Duden Lexikon A-Z; Hrsg.: Meyers Lexikonredaktion; Dudenverlag; 4. Auflage 1995;
- Die Schönsten Deutschen Gedichte Aus Acht Jahrhunderten; Hrsg.: Carl Stephenson; Parkland Verlag; Köln 1998
- www.gutenberg.de; Informationen über Dichter
- www.gute-noten.de; Sammlung von Referaten und Hausarbeiten
- referate heimat+fundus; Sammlung von Referaten
- Texte, Themen Und Strukturen; Hrsg.: Heinrich Biermann und Bernd Schurf; Cornelsen Verlag Schwann-Girardet; 1.Auflage Düsseldorf 1990

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Die romantische Poesie
Note
14
Autor
Jahr
2000
Seiten
7
Katalognummer
V106365
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poesie
Arbeit zitieren
Nils Schmidt (Autor), 2000, Die romantische Poesie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106365

Kommentare

  • Gast am 21.5.2004

    Schwerwiegende Fehlinterpretation d. Gedichts <<Lindenbaum>>.

    Das Gedicht Der Lindenbaum stellt im Kontext zum ganzen Winterreise-Werk keinerlei Fragen auf.

  • Gast am 30.5.2007

    zu "der lindenbaum".

    In dem Gedicht steht, dass das lyrische Ich Geselle ist. Damals war es so üblich, dass Gesellen für ein Jahr auf Reise gehen müssen und in andere Betriebe gehen müssen. Deswegen musste es den Baum verlassen.

    Gruß

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