Computervermittelte Kommunikation im Internet


Diplomarbeit, 2002
106 Seiten, Note: 1,15

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: „Wer die Kommunikation hat, hat die Zukunft“

2. Formen der Kommunikation?
2.1. Was ist Kommunikation?
2.2. Definition
2.3. Die Face-to-Face-Kommunikation
2.4. Die technisch vermittelte Kommunikation
2.5. Die Massenkommunikation

3. Kommunikationsmodelle
3.1. Das Stimulus-Response-Modell
3.2. Die Lasswell-Formel
3.3. Das Shannon/Weaver-Modell
3.4. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann

4. Das Medium im Rahmen der Kommunikation

5. Die computervermittelte Kommunikation
5.1. Das Internet: Die Entstehung eines weltweiten Kommunikationsnetzes
5.2. Definition: Was ist computervermittelte Kommunikation?
5.3. Merkmale der computervermittelten Kommunikation
5.3.1.Die Textbasis
5.3.2. Die Synchrone und asynchrone Kommunikation
5.3.3. Standardisierungen der computervermittelten Kommunikation
5.3.3.1. Emoticons
5.3.3.2. Soundwörter und Aktionswörter
5.3.3.3. Die Netiquette
5.4. Die Nutzung
5.4.1. Die Email
5.4.2. Der Chat
5.4.3. Die elektronischen Diskussionsforen
5.4.3.1. Die Mailinglists
5.4.3.2. Die Newsgroups
5.5. Theorien zur computervermittelten Kommunikation
5.5.1. Das Kanalreduktionsmodell
5.5.2. Das Filtermodell
5.5.3. Das Simulationsmodell
5.5.4. Die rationale Medienwahl
5.5.5. Die normative Medienwahl
5.5.6. Die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung
5.6. Das Neue an computervermittelter Kommunikation
5.6.1. Die Zeit- und Raumunabhängigkeit
5.6.2. Die Globalisierung
5.6.3. Die Information
5.6.4. Die Individualisierung
5.6.5. Die Identitätskonstruktion
5.7. Gefahren von computervermittelten Kommunikation
5.7.1. Die Textbasis: Verlust parakommunikativer Kompetenzen
5.7.2. Der Informationsüberfluß
5.7.3. Die Anonymität
5.7.4. Die Einsamkeit
5.7.5. Die Wirklichkeitskonstruktion: Realität vs. Virtualität
5.7.6. Multi User Dungeons (MUDs)

6. Die gesellschaftlichen Auswirkungen
6.1. Die Globalisierung
6.2. Die Individualisierung
6.3. Die Polarisierung

7. Ausblick

8. ZusammenfaSSung

9. Resümee

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: „Wer die Kommunikation hat, hat die Zukunft“

Ist das wirklich so? Welchen Stellenwert nimmt Kommunikation mit all ihren Ausformungen in unserer Gesellschaft ein?[1]

Laut der ARD-ZDF-Online-Studie 2001 nutzen in der BRD 24,8 Millionen Erwachsene das „Netz der Netze“ (Döring, S.18), das Internet. Das sind 38,8 % aller Deutschen (ab 14 Jahren)! Das Internet treibt die Entwicklung neuer Kommunikationsformen und Informationszugänge voran. 80 %, also der Großteil der im Internet verbrachten Zeit, wird für die Email-Kommunikation genutzt. Gleichzeitig wird 59 % der Zeit mit der Suche nach Information verbracht[2]. Immer mehr Menschen kommunizieren immer häufiger global mit einer wachsenden Zahl von Menschen. Münch bringt diese Entwicklung auf den Punkt und spricht in diesem Zusammenhang von der Kommunikationsgesellschaft, die „gekennzeichnet [ist] durch ständige Vermehrung, Beschleunigung, Verdichtung und Globalisierung der Kommunikation“ (Münch, S.77). In Anbetracht der Tatsache, daß in immer kürzerer Zeit immer mehr Menschen das Internet mit seinen spezifischen Kommunikationsangeboten nutzen, ist es von Interesse, inwieweit sich zum einen die Verbindungen und die Kommunikation zwischen den Menschen und zum anderen wie sich die Gesellschaft als Ganzes verändern werden[3], und das vor dem Hintergrund, daß „die digitale Revolution [...] gerade ihren Anfang [nimmt]“ (Hinner, S.2).

Wichtig ist zu verstehen, daß die derzeitige Entwicklung im Bereich der Kommunikation durch eine Ambivalenz gekennzeichnet ist. Denn sie birgt sowohl Chancen als auch Risiken in sich. Die durch das Internet eröffneten Kommunikationsmöglichkeiten befreien die Menschen von alten gesellschaftlichen und kommunikativen Grenzen und Zwängen, gleichzeitig bergen sie die Gefahr des Mißverständnisses, des Mißbrauchs und der Täuschung[4]. Es stellt sich also die Frage, in welcher Form Kommunikation durch das Internet und den Computer verändert und erweitert wird und in welchem Ausmaß Kommunikationschancen und –risiken zu- bzw. abnehmen[5].

Im Rahmen der Analyse der computervermittelten Kommunikation (CMC: Computer Mediated Communication) stellen sich eine Vielzahl von Fragen. Wie und wofür nutzen die Menschen die neuen Medien[6] ? Wodurch zeichnet sich computervermittelte Kommunikation aus? Welche Vorteile und Gefahren sind mit CMC verbunden? „Wie finden sich die Menschen in neuen, sich ständig wandelnden, sich ausweitenden und ausdifferenzierenden Kommunikationslandschaften zurecht“ (Maletzke, S.196)? Werden ‘alte‘ Kommunikationsformen zugunsten der neuen zurücktreten und an Bedeutung verlieren, oder werden sie nebeneinander ergänzend genutzt werden[7] ? Sollte in diesem Zusammenhang von ‘Hybridisierung‘ gesprochen werden, die durch die „Verkettung, Vernetzung, Verknüpfung von Bekanntem mit Neuem, von habitualisierten Formen mit bislang unbekannten“ gekennzeichnet ist (Becker/Paetau, S.30)? Da durch das Internet globale und anonyme Kommunikation in bisher unbekannter Weise möglich wird, ist es von Bedeutung, ob und wie sich die sozialen Beziehungen verändern werden. Können wir durch das Internet und CMC unser Bedürfnis nach Kommunikation, sozialen Kontakten und Integration befriedigen? Oder werden wir isolierte Internetler, die einsam vor dem PC hocken, in eine virtuelle Welt eintauchen und bestehende Beziehungen durch Netzkontakte vernachlässigen oder gar ersetzen[8] ? Kurz gesagt: Wie beeinflußt „das Medium [Internet] das kommunikative Verhalten von Individuen“ (Kerner/Kegler, S.139)? Tragen das Internet und die neuen Kommunikationsweisen zum Wandel der Gesellschaft als Ganzes bei[9] ? Und wie „verändert sich die Gesellschaft, wenn die Kommunikation immer stärker „mediatisiert““ wird (Esposito, S.340)? Was sind also die gesellschaftlichen Auswirkungen der verstärkten Nutzung von CMC?

Ziel dieser Arbeit ist es die Entwicklung und die Auswirkungen von CMC unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Auswirkungen darzustellen und zu analysieren.

So behauptet Merten, daß „Gesellschaft nicht nur aufrechterhalten wird durch Kommunikation, sondern [...] überhaupt (erst) durch Kommunikation existiert“ (Merten, S.184 nach Dewey). Diesem Gedankengang folgend können anhand einer Analyse der Kommunikationsarten, -mittel, -möglichkeiten, -chancen und -gefahren Rückschlüsse auf den Zustand einer Gesellschaft gezogen werden.

Diesem Ablauf folgend werde ich im ersten Teil dieser Arbeit vorab definieren, was Kommunikation ist bzw. wie Kommunikation verstanden wird und welche grundlegenden Kommunikationsarten in der Gesellschaft zu finden sind.

Im Anschluß daran werde ich vier Kommunikationsmodelle vorstellen: das Stimulus-Response-Modell, die Lasswell-Formel, das Shannon-Weaver-Modell und die Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Diese in der Kommunikationswissenschaft vielzitierten Modelle verdeutlichen die Entwicklung der Theorie von einem einfachen zu einem komplexeren Kommunikationsmodell. So geht jedes Modell geht von einem anderen Ansatz aus und will anhand weniger bis mehrerer verschiedener Faktoren die Entstehung und Weiterführung von Kommunikation erklären. Der Systemtheorie nach Niklas Luhmann und insbesondere seinen Erklärungsansätzen für Kommunikation wird dabei ein besonderer Stellenwert eingeräumt, weil diese zum einen eine soziologische Kommunikationstheorie darstellt und zum anderen nicht außer Betracht läßt, daß Kommunikation immer ein Teil der Gesellschaft ist und auf diese einwirkt und ihrerseits von ihr beeinflußt wird.

Nach einem kurzen Exkurs über das Medium, seine Entstehung und Bedeutung, kommen wir zu dem Hauptteil der Arbeit, der computervermittelten Kommunikation. In diesem Abschnitt werden alle Aspekte der CMC einer genaueren Betrachtung unterzogen. Nachdem zuerst geklärt wird, was unter CMC zu verstehen ist und wodurch sie sich auszeichnet, werden mehrere Modelle über computervermittelte Kommunikation vorgestellt, sowie die verschiedenen Nutzungsformen, die im Internet zu finden sind.

Im Anschluß daran werden die wichtigsten Aspekte der computervermittelten Kommunikation analysiert. Es ist von Bedeutung zu verstehen, was CMC von anderen Kommunikationsformen unterscheidet. Zum einen wird erläutert, welche Auswirkungen vermehrte computervermittelte Kommunikation für das Individuum hat. Zum anderen wird auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Auswirkungen eingegangen. In diesem Zusammenhang wird auch geklärt, ob tatsächlich diejenigen, die Zukunft haben, die die Kommunikation haben[10].

Zum Abschluß wird ein kleiner Ausblick in die Zukunft gewährt und verschiedene Vorstellungen über die vermeintlich bevorstehende Kommunikationslandschaft kurz erläutert.

2. Formen der Kommunikation?

Um die unterschiedlichen Formen der Kommunikation darstellen zu können, ist es zunächst notwendig, den nicht eindeutigen Begriff der Kommunikation zu klären. Im folgenden wird daher der Begriff der Kommunikation diskutiert, werden verschiedene Definitionsansätze aufgezeigt und darauf basierende unterschiedliche Kommunikationsformen vorgestellt.

2.1. Was ist Kommunikation?

Kommunikation ist überall. Mit Watzlawiks Worten: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Münch, S.82 nach Watzlawik). Kein Individuum kann existieren und sich entwickeln ohne Kommunikation. Und ohne Kommunikation können wir uns nicht mit unseren Mitmenschen verständigen und soziale Beziehungen aufbauen. Kommunikation ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Entstehung einer Gesellschaft und Kultur. Sie ist außerdem grundlegend für die Bedürfnisse jedes Individuums[11]. Schließlich bildet das Individuum über die Kommunikation mit anderen Individuen zum einen ein Bewußtsein und Empfinden für sein eigenes Ich, sowie für sein Selbstbewußtsein und zum anderen ein Fremdbewußtsein für die inneren Vorgänge, Gefühle und Gedanken eines anderen Menschen heraus.

Dadurch, daß wir „nicht nicht kommunizieren“ (Münch, S.82 nach Watzlawik) können, ist Kommunikation in unser ganzes Leben eingebunden. Das bedeutet auch, daß sie sowohl bewußt, z.B. durch Sprache, als auch unbewußt, z.B. durch eine bestimmte Körperhaltung oder Stimmlage, als auch zielgerichtet oder ohne bestimmten Anlaß, also nur der Kommunikation willen, stattfindet. Kommunikation ist oft Anlaß für Aktivitäten und Tätigkeiten von Individuen bzw. sie fordert eine Reaktion heraus. Somit stehen Aktivität und Kommunikation in einer Wechselbeziehung. Beide nehmen sowohl Einfluß auf den Erfolg einer Tätigkeit als auch auf den Erfolg einer Kommunikation. Dementsprechend gibt es kommunikationsstiftende und -hemmende oder sogar –zerstörende Tätigkeiten. Diese Tatsache läßt sich an zwei Beispielen verdeutlichen. Niemand wird bestreiten, daß fernsehen oder lesen im ersten Moment kommunikationshemmende Tätigkeiten sind. Unterhält man sich jedoch über das Gesehen bzw. Gelesene, dann können sie kommunikationsstiftend sein. Ebenso ist es von Bedeutung „wie“ ich eine Frage stelle oder um etwas bitte, d.h. mit welchem Tonfall, welchem Gesichtsausdruck. Entsprechend wird auch die Reaktion meines Ansprechpartners ausfallen. Kommunikation findet demgemäß nicht ausschließlich über Sprache, also verbal, statt, sondern direkt über alle körperlich-sinnlichen Ausdrucksmöglichkeiten, d.h. über Gestik, Mimik, Tonfall, Körperhaltung[12] Kommunikation ist vielschichtig (sie wird durch verschiedenste Faktoren beeinflußt) und Kommunikation ist ambivalent (sie ist nicht notwendigerweise eindeutig).

So hat Humboldt drei Postulate zum Prozeß der Kommunikation aufgestellt. Danach geht ein Individuum erstens ein Risiko ein, unternimmt es einen Versuch, ein anderes Individuum anzusprechen. Ein positives Ergebnis ist folglich nicht garantiert, denn der Angesprochene muß nicht auf den Kommunikationsversuch reagieren. War aber zweitens der Versuch erfolgreich und der Partner reagiert, kommt es zu einer Anschlußkommunikation. Das bedeutet Anschlußkommunikation kann auch dann stattfinden, wenn man nicht verstanden wurde. Denn auch das Nichtverstehen kann kommuniziert werden. Drittens schränkt er die Möglichkeit des Verstehens ein, indem er betont, daß Kommunikation zwischen Black Boxes stattfindet und dem Verstehen Grenzen gesetzt sind. Allerdings betont Humboldt, daß diese Grenzen zwischen Verstehen und Nichtverstehen nur durch Kommunikation aufgelöst werden können[13].

„Was also stellt Kommunikation [und die Wechselbeziehung zwischen Kommunikation und Reaktion] bereit“ (Faßler, `97, S.30)?

Sie ist wesentlich für die Entstehung von sozialen Beziehungen, weil sie die Grundlage für die Befriedigung von fundamentalen funktionalen und sozialen Bedürfnissen des Menschen nach Austausch, Nähe, Verständnis, Unterhaltung und Information schafft.

2.2. Definition

Bevor ich erkläre, was Kommunikation im einzelnen bedeutet und was sie auszeichnet, möchte ich darauf hinweisen, daß es die einzige richtige Definition nicht gibt. Dafür ist der Begriff Kommunikation zu komplex und vielschichtig. Je nach Kontext und Schwerpunktsetzung werden verschiedene Begriffsbestimmungen herangezogen.

Bei einer einfachen, übergreifenden Definition steht die Übermittlung von Information im Mittelpunkt. Weingarten definiert demzufolge Kommunikation als „Austausch von Information zwischen Menschen, Menschen und Maschinen oder nur Maschinen“ (Weingarten, `89, S.42 nach Schulze). Damit billigt er nicht nur Menschen die Möglichkeit und Fähigkeit der Kommunikation zu, sondern auch Maschinen. Wesentlich ist dabei, daß er jede Art von Daten und jeden Kommunikanten gleichwertig betrachtet. Er setzt also den Schwerpunkt auf den technischen Vorgang der Datenübermittlung.

Auch Wersig definiert Kommunikation als „Übermittlung einer Nachricht von einem Kommunikator zu einem Rezipienten“ (Wersig, S.14), und zählt Maschinen zu den Kommunikationsmitteln, die diese Übermittlung ermöglichen bzw. unterstützen. Dagegen definiert Maletzke Kommunikation als „wechselseitigen Verstehensprozeß“ (Maletzke, S.38) zwischen Individuen und sieht den Zweck in der Beziehungsentstehung und -vermittlung und Verständigung[14]. Höflich spricht von „Humankommunikation“ und versteht darunter die „vollzogene Bedeutungsvermittlung als Ergebnis wechselseitiger Handlungen der am Kommunikationsprozeß Beteiligten“ (Höflich, S.29). Er gesteht also ausschließlich Menschen die Möglichkeit und Fähigkeit zur Kommunikation zu.

Luhmann setzt seinen Schwerpunkt in der Definition bei dem sog. sozialen System. Danach ist „Kommunikation das kleinste soziale System mit zeitlich-sozialer-sachlicher Reflexivität, das durch Interaktion der Kommunikanten die Behandlung von Handlungen erlaubt und soziale Strukturen ausdifferenziert“ (Merten, S.108)[15]. Er sieht also Kommunikation in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und zieht die Funktionen von Kommunikation in seine Analyse mit ein.

Was allen Begriffsbestimmungen gemein ist, ist das Prinzip der Wechselseitigkeit. Ohne das Reagieren auf eine Information und das Aufeinanderbeziehen wäre keine Kommunikation möglich. Sie würde ins Stocken geraten und jegliche Verständigung unmöglich machen.

Welche Funktion leistet demzufolge Kommunikation? Zuerst ist sie als ‘Brücke‘ zu begreifen, welche die Kommunikationspartner verbindet und auf der diese sich auf unterschiedlicher Art und Weise begegnen können: durch Gestik, Mimik und/oder Sprache[16]. Dabei sollen Vermittlung, Verständigung und Koordination herbeigeführt werden. Es sollen Bedeutungsinhalte vermittelt werden, um dadurch ein Verständnis „zwischen den beiden Kommunikationspartnern, das im wechselseitigen Verstehen, geteilten Wissen, gegenseitigen Vertrauen und miteinander Übereinstimmen besteht“ (Maletzke, S.39) zu erreichen. Dadurch werden die Gesprächspartner in die Lage versetzt, ihre Handlungs- und Kommunikationsregeln auszuhandeln und abzustimmen[17]. Dieses ist maßgeblich für den Fortgang der Kommunikation. Trotzdem ist eine vollständige Abstimmung und Verständigung nicht möglich. Es können immer wieder Unstimmigkeiten und Fehlinterpretationen auftreten, weil Kommunikationsinhalte nicht selten mehrdeutig, ungenau oder vage sind. Um die Kommunikation dennoch fortführen zu können, sind die Kommunikationspartner gezwungen diese Bedeutungs- und Verständnislücken zu füllen[18]. Dadurch ergänzen sich die Kommunikanten in ihren Bedeutungskonstitutionen und nehmen gleichzeitig Einfluß auf ihre Deutungen und Konstruktionen der sozialen Wirklichkeit. Auf diese Weise werden Konventionen und Traditionen in einem Aushandlungsprozeß von „alten“ an „neue“ Kommunikationsgemeinschaften weitergegeben und schaffen die Basis für die Kommunikationspartner, um sich in der Gesellschaft zurecht zu finden[19].

In den folgenden Abschnitten werde ich verschiedene Kommunikationsformen vorstellen.

2.3. Die Face-to-Face-Kommunikation

Die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht (engl.: face to face; F2F) wird als die Grundform oder die natürliche Form der menschlichen Kommunikation betrachtet. F2F-Kommunikation ist diejenige Kommunikationsform, die im Alltag am häufigsten genutzt wird. Sie findet direkt zwischen zwei Kommunikationspartnern statt, die dafür an einem Kommunikationsort zusammenkommen und sich über Sprache, Gestik, Mimik usw. austauschen[20]. F2F-Kommunikation zeichnet sich folglich durch bestimmte Situationsbedingungen aus. Zum einen findet sie direkt und analog statt. Außerdem setzt sie Gleichzeitigkeit voraus. D.h. die Kommunikationspartner müssen sich gleichzeitig am selben Ort befinden, um miteinander kommunizieren zu können. Wir werden sehen, daß diese Kommunikationsvoraussetzungen nicht für alle Kommunikationsformen gleichermaßen gelten. F2F-Kommunikation verläuft ausnahmslos über menschliche Sinneskanäle. Von besonderer Bedeutung ist, daß die Individuen in dieser unmittelbaren Kommunikationssituation die Möglichkeit erhalten, eine Beziehung zueinander aufzubauen. Luckmann bezeichnet deshalb F2F-Kommunikation auch als „unmittelbare Kommunikation“[21]. Durch den wechselseitigen Austausch von Informationen und Bedeutungen, als auch durch den Aushandlungsprozeß von Kommunikations- und Handlungsregeln wird überhaupt erst Verständigung und der Aufbau von sozialen Beziehungen ermöglicht[22]. Voraussetzung, um die gewünschte Verständigung zu erreichen, ist, daß die Kommunikationspartner vorausgegangene Informationen in ihren Kommunikationsprozeß mit einbeziehen und zukünftige Botschaften vorwegnehmen[23].

2.4. Die technisch vermittelte Kommunikation

Im Gegensatz zur F2F-Kommunikation ist die technisch vermittelte Kommunikation als ein Kommunikationsprozeß zu verstehen, in den technische Hilfsmittel in Form elektronischer Medien zwischengeschaltet werden. Ziel ist es Zeit- und Raumbarrieren zu überbrücken. Damit sind sowohl Vorteile als auch Nachteile verbunden. Denn je nachdem welches Medium genutzt wird, ob z.B. Telefon, Fax oder Computer, verändern sich die Kommunikationsmöglichkeiten. Allen Medien ist gleich, daß sie den Prozeß der Kommunikations- und Bedeutungsübermittlung unterbrechen und den persönlichen F2F-Kontakt ersetzen[24]. Jedes Medium nimmt außerdem Einfluß auf die Beziehungsvermittlung, weil jedes Medium bestimmte Anwendungscodes und- formen erfordert und damit bestimmte menschliche Sinneskanäle ausblendet, die für die Beziehungsentstehung und –vertiefung unerläßlich sein können. So ist es beispielsweise fraglich, ob ein Mensch sein Bedürfnis nach sozialen Kontakten allein über Kommunikation via Telefon befriedigen kann. Denn bedeutsam für soziale Kontakte ist nicht allein die Tatsache der Kommunikation, sondern auch die Anwesenheit eines Kommunikationspartners und paraverbale und taktile Ausdrucksformen[25]. Ebenso kann die Kommunikation über Computer problematisch werden, wenn der Rückbezug auf reale Personen und Situationen verlorengeht[26]. Gesellschaftlich sind technische Kommunikationsmittel von besonderer Bedeutung, da sie den Kommunikationsprozeß formalisieren und dadurch bestehende Kommunikationsgrenzen wie Raum und Zeit, Reichweite und Schnelligkeit aufbrechen und Massenkommunikation ermöglichen[27].

Gleichzeitig ist jede technisch vermittelte Kommunikation mit bestimmten Problemen und Beschränkungen konfrontiert. Zum einen wird es schwieriger eine gemeinsame Kommunikationssituation herzustellen, wenn die raum-zeitlichen und geographischen Konstitutionen sich verändern und zum Teil sogar Kommunikationszusammenhänge begrenzen. Es findet eine „Entkontextualisierung“ (Höflich, S.101) statt, bei der nicht mehr eine gemeinsame Kommunikationssituation vorhanden ist.

Im Vergleich zur F2F-Kommunikation erscheint technisch vermittelte Kommunikation defizitär. Denn die technischen Hilfsmittel machen es unmöglich alle verbalen, nonverbalen und paraverbalen Informationen zu übermitteln und nehmen dadurch Einfluß auf die Kommunikationsinhalte und die zwischenmenschliche Verständigung. Dagegen erscheint die F2F-Kommunikation direkt, unmittelbar und alle Sinnesmodalitäten einbeziehend[28]. Darauf bezogen betont Höflich, daß technisch vermittelte Kommunikation nur dann funktionieren kann, „wenn eine taktische Übereinkunft der Teilnehmer besteht, vorzugehen „als ob“ sie face-to-face kommunizieren und dergestalt eben die Tatsache der Mediatisierung im Prozeß der Kommunikation nicht thematisieren oder problematisieren“ (Höflich, S.59). Allerdings ermöglichen technische Entwicklungen wie bspw. Webcameras eine Annäherung zwischen F2F- und technisch vermittelter Kommunikation. Aber der Einsatz dieser Techniken ist noch nicht sehr weit verbreitet.

2.5. Die Massenkommunikation

Massenkommunikation ist eine Form technisch vermittelter Kommunikation. „Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich [...] durch technische Verbreitungsmittel (Medien) indirekt [...] und einseitig [...] an ein disperses Publikum [...] vermittelt werden“ (Beck/Vowe, S.87f nach Maletzke). Massenkommunikation scheint offensichtlich genau das Gegenstück zur F2F-Kommunikation zu sein, denn sie wird weder direkt an einen bestimmten Kommunikationspartner vermittelt noch gilt das Prinzip der Wechselseitigkeit und des Aufeinanderbeziehens. Im Gegenteil findet sie indirekt statt, d.h. ohne daß die Kommunikationspartner sich zur selben Zeit am selben Ort befinden. Sie wird nicht ausschließlich über die menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern über technische Hilfsmittel vermittelt. Und sie ist nicht an einen bestimmten, sondern an viele unbekannte Gesprächspartner gerichtet. Das bedeutet, daß der Kommunikationsprozeß einseitig von einem Kommunikator zu vielen unbekannten Empfängern verläuft[29]. Das Wort „“Masse“ bezieht sich auf die Vielzahl von Personen, an die sich die Kommunikation richtet“ (Hunziker, S.10). Deshalb wird die Massenkommunikation auch oft als one-to-many Kommunikation bezeichnet[30].

Die Informations- und Bedeutungsvermittlung wird erschwert, indem sie nicht mehr direkt, sondern von einer zentralen Stelle über technische Mittel zu einem großen Publikum stattfindet[31].

Je größer eine Gesellschaft ist, je mehr Individuen an der Kommunikation beteiligt sind und je größer die räumliche Trennung der einzelnen Individuen voneinander ist, um so schwieriger wird es, ohne Massenmedien miteinander zu kommunizieren und sich zu informieren[32]. Nach Beck ist es in einer ausdifferenzierten Gesellschaft sogar gar nicht möglich, Verständigung über F2F-Kommunikation zu organisieren[33]. Tatsache ist, daß wir in einer Massengesellschaft leben und dadurch auch gezwungenermaßen auf Massenmedien angewiesen sind[34]. Als Folge wird die Kommunikation öffentlich. Gleichzeitig kann die Massenkommunikation die einzelnen Individuen aus ihrer Isolation befreien und miteinander in Kontakt bringen[35]. Dadurch wird der Massenkommunikation und den Massenmedien eine integrative bzw. vergesellschaftende Funktion zugeschrieben.

Unter Massenmedien werden in diesem Zusammenhang nicht nur die technischen Hilfsmittel zur Verbreitung der Informationen verstanden, sondern im weitesten Sinne auch die organisierten Kommunikatoren, die mit technischen Hilfsmitteln die Informationen und Themen selektieren und dem Publikum bzw. der ‘Masse‘ als gemeinsame Kommunikations- und Bedeutungsbasis vorsetzen[36]. Dem Publikum wird sozusagen eine zweite, vorgefertigte und überarbeitete Wirklichkeit präsentiert, die nicht notwendigerweise mit der realen Wirklichkeit übereinstimmen muß[37]. Damit wird auch die Vorstellung einer objektiven Berichterstattung hinfällig, weil durch die Selektion und die Wertung von Informationen durch die Kommunikatoren in falsch und richtig, wahr und unwahr automatisch jede Information subjektiv vorgefärbt ist[38].

Es wird deutlich, daß das Publikum gegenüber den Sendern unorganisiert ist und wenig Einfluß auf die Kommunikationsinhalte hat. Es wird fast ausschließlich auf den Informationskonsum verwiesen. Die Massenkommunikation ist folglich ein einseitiger Prozeß, in dem die Masse abhängig von den Kommunikatoren ist und keinen Einfluß auf die Informations- und Bedeutungsselektion nehmen kann, geschweige denn einen wechselseitigen Prozeß in Gang bringen kann[39].

Wird der Prozeß der Massenkommunikation als Masseninformation betrachtet, kann er eine Entlastung für die soziale Verständigung bedeuten. Denn in diesem Fall können sich die Kommunikationspartner vollständig auf die Generierung und Aushandlung von Handlungsregeln und Bedeutungen sowie der Reflexion entsprechender Selektionen konzentrieren[40].

3. Kommunikationsmodelle

In den Kommunikationswissenschaften gibt es viele verschiedene Modelle, die das Zustandekommen und den Vorgang von Kommunikation erklären. In den folgenden Abschnitten werde ich drei sehr verbreitete und oft angeführte Modelle aus der Kommunikationswissenschaft und ein soziologisches Modell vorstellen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in ihren Erklärungen setzen.

3.1. Das Stimulus-Response-Modell

Dieses Modell geht, wie der Name bereits andeutet, von einer Wechselbeziehung zwischen den Kommunikationspartnern aus, die anhand eines Reiz-Reaktionsschemas erklärt werden soll. Vier Variablen sind von besonderer Bedeutung: der Kommunikator oder Sender, der Reiz, der Rezipient oder Empfänger und die Reaktion. Der Kommunikator sendet eine Information über einen Reiz an den Rezipienten, der wiederum auf diesen Reiz reagiert und entsprechend antwortet.

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Für diesem Prozeß werden bestimmte Annahmen vorausgesetzt. Es wird behauptet, daß der Kommunikationsprozeß als eine gleichberechtigte Wechselbeziehung zwischen Kommunikator und Rezipient abläuft, in dem beide ein Feedback erhalten. Außerdem findet dieser Vorgang nicht irgendwo, sondern in einem vorher festgelegten sozialen Rahmen statt. Über den Stimulus werden Informationen ausgetauscht. Diese Informationen werden verstanden, weil sie sowohl für den Kommunikator als auch für den Rezipienten dieselbe Bedeutung haben. Letztendlich schließt dieses Modell nicht aus, daß dieser Austausch auch über zwischengeschaltete Medien ablaufen kann.

Die Kritik an diesem Modell setzt bei den Annahmen an. Denn die Bedeutung einer Information für den Kommunikator kann sich durchaus von der Bedeutung für den Rezipienten unterscheiden. Es besteht folglich die Gefahr eines Mißverständnisses oder sogar Unverständnisses, weil der Rezipient den Sinn einer Information anhand seiner Erfahrungen und seines sozialen Umfeldes interpretiert. Und diese müssen nicht mit denen des Kommunikators übereinstimmen. Es besteht die Gefahr einer Sinnverschiebung. Ein anderer Kritikpunkt setzt an der Beschreibung des Kommunikationsprozesses als „Austausch“ von Informationen an. Denn Tatsache ist, daß keine Information gegen eine andere ausgetauscht und dem Kommunikator damit verloren geht, sondern lediglich kopiert und weitergegeben wird[41].

Zusammenfassend wird deutlich, daß dieses Modell stark vereinfachend ist und den Fokus ausschließlich auf den Zusammenhang von Ursache und Wirkung bzw. Reiz und Reaktion legt. Es ist bedeutungslos, was kommuniziert wird und ob und welche Einflüsse von außen den Kommunikationsprozeß und die Sinngebung beeinflussen[42]. Außerdem ist das Prinzip der Wechselseitigkeit nicht immer gegeben. Im Gegenteil ist gerade in der Massenkommunikation der Kommunikationsprozeß sogar einseitig. Außerdem ist z.B. bei der technisch vermittelten Kommunikation zwar eine Informationsübermittlung gesichert, allerdings besteht die Gefahr, daß wichtige Bedeutungsinhalte verloren gehen.

3.2. Die Lasswell-Formel

Lasswell entwickelte 1948 eine Theorie der Kommunikation, in der er die einzelnen Elemente der Kommunikation herausfilterte und einer genaueren Analyse unterzog. Nach Lasswell sind fünf Faktoren für den Kommunikationsprozeß von besonderer Bedeutung: Kommunikator und Rezipient, das Kommunikationsmedium, die Aussage und die Wirkung. Darauf aufbauend entwickelte er eine Formel, die nach ihm benannt wurde:

„Who says what in wich channel, to whom, with what effect?“

(Maletzke, S.57f nach Lasswell).

Seiner Auffassung nach räumt diese Formel allen wichtigen Punkte jeder Kommunikation einen Platz ein. Denn im Unterschied zum Stimulus-Response-Modell hat Lasswell nicht nur Kommunikator, Rezipient und Reiz als wichtige Faktoren angesehen. Er hat erkannt, daß ebenso das jeweils genutzte Übertragungsmedium von Bedeutung ist, weil es durch seine Möglichkeiten und Grenzen Einfluß auf die zu übertragende Information nimmt. Außerdem betont er, daß, nicht wie im Reiz-Reaktions-Schema, auch die Information an sich wichtig ist.

Nichtsdestotrotz sind in diesem Modell die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Faktoren einfach und unzureichend erklärt. Kommunikation setzt sich aus wenigen Variablen zusammen und findet innerhalb eines festgesetzten Kommunikationsrahmen statt. Inwiefern aber jede Kommunikationsvariabel von außen beeinflußt wird und dadurch auch den Kommunikationsprozeß verändert, bleibt unklar.

3.3. Das Shannon/Weaver-Modell

Dieses mathematische Kommunikationserklärungsmodell wurde 1949 von C. E. Shannon und W. Weaver entwickelt. Schwerpunkt ist die Erklärung des Zustandekommens von Kommunikation und von Kommunikationsproblemen; insbesondere von technischen[43]. Ihr Hauptinteresse liegt auf der Kodierung von Information und der Sicherheit von Informationsübermittlungen. Dabei widmeten sie der störungsfreien Informationsübermittlung und Informationsspeicherung beim Empfänger besondere Aufmerksamkeit[44]. Sie entwickelten außerdem ein neues Verständnis von und über Information[45].

Ihrer Auffassung nach findet Kommunikation nur unter der Prämisse statt, daß eine Information zwischen Sender und Empfänger in einem wechselseitigen Prozeß vermittelt wird[46]. Dabei ist „Information alles, was codiert und durch einen Kanal zwischen Sender und Empfänger übermittelt werden kann – völlig unabhängig vom semantischen oder pragmatischen Gehalt des Übermittelten“ (Hauf, S.62). Information hat demzufolge wenig mit seiner ursprünglichen Bedeutung zu tun. Sie wird um Alternativen der Bedeutung erweitert, über die der Kommunikator verfügt[47] und anhand derer er die Erwartungen des Rezipienten sowohl erfüllen als auch überraschen kann[48]. Je überraschender die neue Information ist, desto ertragreicher wird sie für den Empfänger[49].

Shannon und Weaver entwickelten ein Kommunikationsmodell, das aus folgenden Faktoren zusammengesetzt ist: Informationsquelle, Botschaft, Sender, Signal, Empfänger und Geräuschquelle[50]. Die einzelnen Variablen werden als Black Boxes verstanden, d.h. sie werden als für sich abgeschlossen betrachtet.

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Die Informationsquelle (information source) sucht sich eine Botschaft (message) aus und schickt diese an einen Sender (transmitter), der die Botschaft in ein Signal umwandelt. Der Empfänger wiederum wandelt das Signal in eine Botschaft um und leitet sie an ihr Ziel weiter. Während die Botschaft über den Kommunikationskanal vom Sender zum Empfänger gelangt, treten oft Störungen (noise source) auf, z.B. Hintergrundgeräusche wie Straßenlärm oder Gespräche, aber auch technisch bedingte Störungen wie ein Hallen oder Knacken in der Telefonleitung. Diese Störungen beeinflussen den Empfang der Botschaft und können zu Mißverständnissen oder Fehlinterpretationen führen[51].

Dieses Kommunikationsmodell ist technikdeterministisch, weil zum einen angenommen wird, die Botschaft könne über das Signal vom Sender zum Empfänger, wie eine Ware, transportiert werden. Zum anderen stellt das Signal die physikalische Form der Botschaft dar und ausschließlich dieses Signal ist für das Zustandekommen von Kommunikation verantwortlich. Dabei übersehen Shannon und Weaver, die Gefahr, daß die Botschaft nicht oder falsch übertragen werden könnte, weil die Störquelle zu groß ist, so daß ein Mißverständnis oder sogar Unverständnis entsteht. Vor allem aber setzen sie voraus, daß sowohl Sender als auch Empfänger der Botschaft dieselbe Bedeutung beimessen, was nicht sein muß[52].

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß das Modell von Shannon und Weaver mehr Aspekte des Kommunikationsprozesses in ihre Betrachtung einbezieht als das Reiz-Reaktions-Schema oder die Lasswell-Formel. Allerdings betrachten sie diesen Prozeß sehr technikzentriert und verlieren dadurch die Bedeutungen von Kommunikation und den Menschen als Sender und Empfänger aus den Augen.

3.4. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann

Niklas Luhmann hat im Rahmen seiner Systemtheorie eine eigene Kommunikationstheorie über die Gesellschaft entwickelt. Im folgenden werden sowohl Teile der Systemtheorie als auch der Kommunikationstheorie vorgestellt, soweit sie für das Verständnis von Kommunikation und vor allem von Kommunikationsprozessen in der Gesellschaft von Bedeutung sind.

Luhmann teilt die Gesellschaft in mehrere Teilsysteme, die jeweils verschiedene Funktionen erfüllen[53]. Er unterscheidet generell zwischen System und Umwelt. Ein System setzt sich aus mehreren Elementen zusammen, die in ihrem Zusammenwirken innerhalb des Systems die besonderen Eigenschaften des Systems bestimmen. Jedes System hat seine ihm eigenen Elemente, die in Abgrenzung zu anderen Systemen und der Umwelt stehen[54]. Die Umwelt wird definiert als alles, was sich außerhalb des Systems befindet. D.h. jedes System hat seine eigene Umwelt, die im Gegensatz zum System keine Operations- und Handlungsfähigkeit besitzt. Allein die Tatsache, daß es eine Umwelt gibt, macht ein System zu einem System. Sie ist die Grundvoraussetzung für die Unterscheidung zwischen Umwelt und System[55]. Aber: „[e]s gibt keinen Aufbau eines Systems ohne eine Beziehung zur Umwelt, und auch keine Umwelt ohne System: sie entstehen nur zusammen“ (Baraldi, Claudio u.a., S. 197). Luhmann differenziert Systeme weiter in soziale Systeme und beschreibt psychische Systeme als Teil der sozialen Systeme. Soziale System sind sinnherstellende Systeme, die in Differenz zur Umwelt stehen[56]. Psychische Systeme werden als Bewußtseinssysteme beschrieben, die sich innerhalb ihres geschlossenen Systems durch Gedanken reproduzieren. Zu den psychischen Systemen zählt Luhmann Individuen[57]. Soziale Systeme stellen sich dagegen durch Kommunikation dar[58]. Dabei erfüllt Kommunikation zwei Funktionen: zum einen verbindet sie als ‘Überbau‘ alle sozialen Systeme miteinander. Sie ist demzufolge systemübergreifend, gleichzeitig grenzen sich soziale Systeme durch Kommunikation von der Umwelt ab[59]. „Kommunikation als kleinstes und zugleich flüchtigstes System [...] erzeugt alle weiteren, beständigeren sozialen Systeme, insbesondere Gesellschaft“ (Merten, S.109 nach Luhmann.). Das bedeutet, daß Gesellschaft ohne Kommunikation nicht entstehen und sich nicht entwickeln kann. Kommunikation schließt alle Sozialsysteme in sich ein und konstituiert damit Gesellschaft, denn „[a]lles, was Kommunikation ist, ist Gesellschaft“ (Hinner, S.28).

Sowohl soziale als auch psychische Systeme beschreibt er als autopoietische Systeme, d.h. sie sind selbstherstellende Systeme[60] und als diese selbstreferentiell, d.h. in sich geschlossen, autonom und selbsterhaltend. Bonacker definiert Autopoiesis als eine „Fähigkeit von Systemen, die eigenen konstitutiven Elemente selbst herzustellen und sich dadurch gegenüber der Umwelt abzugrenzen“ (Bonacker, S.71). Nur weil diese autopoietischen Systeme auch soziale Systeme sind, können sie mit anderen Systemen in Verbindung treten. Gleichzeitig wird dadurch die Entstehung von sozialen Systemen und der Fortbestand des Systems gesichert. Das bedeutet aber auch, daß autopoietische Systeme ebenso abhängig sind von der sie umgebenden Umwelt und mit ihr durch Kommunikation verbunden sind. Die Frage ist, wie diese autopoietischen Systeme mit der Außenwelt in Kontakt treten können, wenn sie doch in sich geschlossen sind?[61].

Zwei psychische Systeme treten unter dem Aspekt der „doppelten Kontingenz“ in Kontakt zueinander. Unter doppelter Kontingenz versteht Luhmann, daß es generell für alle Sachverhalte und Kommunikationsinhalte eine positive und negative Fassung gibt, womit eine Verdoppelung der Möglichkeiten impliziert ist[62]. Damit ist gemeint, daß sich beide Systeme bewußt sind, daß sie selbst als auch die Umwelt und damit auch das andere psychische System prinzipiell alternativ sind, also auch anders möglich sind. Daraus ergeben sich Ungewißheiten im Verkehr der psychischen Systeme miteinander. Luhmann bezeichnet in diesem Zusammenhang die einzelnen psychischen Systeme als ‘Black Boxes‘ und will damit die In-Sich-Abgeschlossenheit der Systeme verdeutlichen. Luhmann betont, daß diese Black Boxes eigentlich nicht füreinander berechenbar und verständlich sind. Um in diesem unsicheren Zustand Verständigung zu erreichen, müssen sie ihr Verhalten aufeinander abstimmen. Dadurch schaffen sie eine Ausgangsbasis für den Kontakt miteinander. Durch die Beobachtung der Umwelt und vor allem des anderen Systems und der Möglichkeit auf diese Beobachtungen prinzipiell durch Handeln Einfluß zu nehmen, erreichen sie eine Rückmeldung zu ihrem Verhalten. Gleichzeitig können die psychischen Systeme bzw. die Individuen sich dadurch von anderen Systemen unterscheiden und selbst wahrnehmen. Kommunikation ist also auch für die Ausbildung einer Identität unabdingbar[63]. Dieses Feedback bewirkt, daß die Systeme Erfahrungen mit der Umwelt sammeln und ihr Verhalten überdenken können: sie lernen. Luhmann betont, daß es keinen unmittelbaren Kontakt zwischen den psychischen Systemen und der Umwelt gibt. Aber die Systeme können über Kommunikation in Kontakt zueinander treten. Und über die Kommunikation über Ereignisse entsteht ein mittelbarer Kontakt zur Umwelt. Außerdem bietet Kommunikation die Möglichkeit, das eigene Verhalten zu kontrollieren.

Kommunikation ist nach Luhmann ein eigenes autopoietisches System, das seinen eigenen Regeln folgt, in sich geschlossen ist und sich als selbstreferentieller Prozeß darstellt[64]. Auf den Punkt gebracht: „In Luhmanns funktionalistischer Perspektive sind Kommunikationen sich selbstreproduktive Elemente sozialer Systeme“ (Kerber/Schmieder, S.579). Kommunikation produziert und reproduziert sich also in seinem eigenem System. Sie erfüllt zwei Funktionen: zum einen grenzen sich soziale Systeme durch Kommunikation von der Umwelt und anderen Systemen ab, zum anderen festigen sie dadurch ihre Stellung und reproduzieren sich.

Welche Aufgaben erfüllt nun Kommunikation in der Gesellschaft? Kommunikation produziert und tauscht Sinn und Bedeutung durch Informationsverarbeitung, d.h. durch die Differenzierung von Wissen und Nichtwissen in den sozialen Systemen aus. Mit Luhmanns Worten: „Informationen sind stets systemintern konstituierte Zeitunterschiede, nämlich Unterschiede in Systemzuständen, die aus einem Zusammenspiel von selbst- und fremdreferentiellen, aber stets systemintern prozessierten Bezeichnungen resultiert“ (Luhmann, S.194f). Information wird demzufolge vom psychischen System registriert und verarbeitet und damit vom fremden System in das eigene System integriert[65]. Dieser Vorgang ist die Voraussetzung für die Kommunikation zwischen den sozialen Systemen und für soziales und kooperatives Handeln der Systeme miteinander[66].

Im Prozeß der Kommunikation werden Information, Mitteilung und Verstehen miteinander verbunden. Die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung ist die Voraussetzung dafür, daß inhaltliche Aussagen verarbeitet und verstanden werden. Der weitere Kommunikationsablauf hängt also davon ab, wie die Information von dem Individuum aufgenommen worden ist. Je nachdem, ob der Empfänger die Information verstanden bzw. nicht verstanden hat und mit Annahme bzw. Ablehnung reagiert, kommt es zu einer Anschlußkommunikation oder zu einem Kommunikationsende[67]. So ist auch der Kommunikationsprozeß selbst durch doppelte Kontingenz gekennzeichnet, d.h. er impliziert immer die Möglichkeit eines positiven oder negativen Anschlusses. Erst durch die Reaktion des Individuums wird deutlich, wie die Information aufgenommen worden ist. Ist der Kommunikationsakt vollendet, kann Anschlußkommunikation folgen[68]. Die Tatsache, daß „alle sozialen Systeme [sich] über den Anschluß von Kommunikation an Kommunikation reproduzieren“, (Bonacker, S.71) verdeutlicht den Stellenwert von Kommunikation als verbindendes Glied in der Gesellschaft. Diese Anschlußkommunikation orientiert sich an sich selbst und nicht an den Erwartungen der beteiligten psychischen Systeme bzw. der Individuen. Sie kommt zustande durch die permanente Veränderung des Systemzustands aufgrund der Differenzierung von Wissen und Nichtwissen[69]. Das bedeutet umgekehrt, daß Kommunikation nicht einmalig auftritt, sondern immer als Reaktion auf Kommunikation entsteht[70]. Gleichzeitig erreicht sie durch diesen steten Prozeß der Anschlußkommunikation eine „dynamische Stabilität“ (Luhmann, S.266).

Nach Luhmann wird der Kommunikationserfolg über „symbolische Generalisierung“ und „binäre Schematisierung“ gesichert. Unter binärer Schematisierung versteht er eine Codebildung, die zwischen zwei Optionen unterscheidet: wahr und unwahr, wert und unwert. Unter symbolischer Generalisierung meint er eine allen gemeinsame Kommunikations- und Verständnisbasis wie Vorstellungen, Orientierungen und Werte, die Kommunikation mit anderen überhaupt erst ermöglicht[71]. Anhand der Codierung wird es möglich, Kommunikationsinhalte anzuzweifeln und auch dadurch Anschlußkommunikation herbeizuführen. Außerdem wird durch die binäre Codierung deutlich, daß der einzelne Kommunikationsvorgang abgeschlossen ist. Denn erst durch das Verstehen der Mitteilung wird überhaupt Annahme und Ablehnung der Kommunikationsinhalte möglich[72]. Unabhängig davon, findet eine Anschlußkommunikation als Reaktion auf den vorausgegangenen Kommunikationsvorgang anhand der Codierung statt. Gleichzeitig macht die Codierung ein Ende von Kommunikation sehr unwahrscheinlich. Für Luhmann ist somit Anschlußkommunikation nicht von einer Übereinstimmung der psychischen Systeme abhängig, sondern ausschließlich von der Tatsache, daß überhaupt Anschlußkommunikation erfolgt. Das bedeutet, daß auch eine negative Reaktion oder falsch verstandene Kommunikation Anschlußkommunikation ist[73]. Denn, wenn etwas falsch verstanden wird, wird die Negation kommuniziert und dadurch kommt es zu einer Anschlußkommunikation „und damit entsteht ein neuer aktualisierter Sinn, neue Selektion, neuer Überschuß und neue Widerspruchschancen“ (Bonacker, S.73). Folglich entsteht unabhängig von Bejahung oder Verneinung ein Kommunikationskreislauf, der stets neue Kommunikation hervorbringt.

Welche Rolle spielen Kommunikationsmittel in der Systemtheorie von Niklas Luhmann? Technische Medien werden nach der Systemtheorie verantwortlich gemacht für den Wandel von Kommunikationsverhältnissen und damit der gesellschaftlichen Strukturen[74]. Symbolisch generalisierte Medien, d.h. Medien die Wertvorstellungen und Orientierungen in der Gesellschaft vermitteln, schaffen allumfassende und allgemeingültige Konstruktionen von Realität, „an denen alle Teilsysteme und alle Menschen partizipieren können“ (Neumann-Braun, S.44). Es werden Teilöffentlichkeiten erzeugt, die die Selbst- und Fremdwahrnehmung der einzelnen Teilsysteme und ihrer Individuen übernehmen. Dadurch besteht die Gefahr, daß die einzelnen Individuen ihre kommunikativen Kompetenzen vernachlässigen. Die Synthese von Information, Mitteilung und Verstehen wird aufgelöst, weil die Möglichkeit des Feedbacks eingeschränkt wird. Es wird unklar woher die Informationen stammen und ob sie richtig oder falsch aufgenommen wurden. Gleichzeitig erhöht sich die Möglichkeit der Anonymität und die Wahrscheinlichkeit von Mißverständnissen steigt.

Mit Blick auf Luhmanns Unterteilung der Gesellschaft in Systeme, kann auch das Internet als eigenes soziales Teilsystem betrachtet werden. In diesem Fall zählt jede Kommunikation, die nicht über Computer vermittelt wird, zur Umwelt des Systems. Das Internet erfüllt die Kriterien eines sozialen Systems, weil es durch Kommunikation und Anschlußkommunikation gekennzeichnet ist und dadurch Verständigung mit anderen Teilsystemen ermöglicht; gleichzeitig ist es in sich geschlossen und selbstreferentiell. Außerdem kann auch an die computervermittelte Kommunikation Handlung anschließen[75].

Luhmanns Kommunikationstheorie ist im Gegensatz zum Reiz-Reaktions-Schema nicht auf zwei Personen, Sender und Empfänger, reduziert, sondern bezieht vor allem die Beziehung zwischen Teilsystem und Umwelt und die Synthese von Information, Mitteilung und Verstehen in die Betrachtung mit ein. Es ist nicht technikdeterministisch, sondern gesellschaftsumfassend geprägt, und bietet insbesondere die Möglichkeit der Modellerweiterung auf neue Kommunikationsverhältnisse.

4. Das Medium im Rahmen der Kommunikation

Im vorausgegangenen Abschnitt wurde bereits dargelegt, daß es unterschiedliche Kommunikationsformen gibt. Insbesondere bei technisch vermittelter Kommunikation und Massenkommunikation existieren im Gegensatz zur F2F-Kommunikation, wo es ‘direkte‘ Medien (nämlich Gestik, Mimik, Sprache) gibt auch ‘indirekte‘ Medien, wie z.B. Telefon, Fax, PC etc.. Daher möchte ich, bevor im nächsten Abschnitt auf computervermittelte Kommunikation (CMC) eingegangen wird, im Vorfeld das Augenmerk auf die Vermittlung als wichtiges Attribut von CMC lenken. Denn CMC ist ebenso ein Medium wie z.B. Sprache, Schrift oder das Telefon. Was aber ist ein Medium? Und wodurch zeichnet es sich aus? Welche Medien gibt es?

Grundsätzlich gilt, daß es ohne ein Medium unmöglich ist mit Anderen in Kontakt zu treten, geschweige denn zu kommunizieren. Dies bedeutet, solange es Menschen gibt, existieren Medien, die es den Individuen ermöglichen, ihre Gefühle und Gedanken mit Hilfe von bestimmten Mitteln anderen Individuen zu verdeutlichen[76]. Das heißt aber auch, daß Menschen nicht in der Lage sind, Dinge aus der Umwelt unmittelbar, sondern nur ‘über Umwege‘, vermittelt, wahrzunehmen[77].

Es gibt viele verschiedene Definitionen von Medium. Allen ist gemein, daß sie ein Medium als „Mittel, Vermittelndes“ (Brockhaus, S.591) oder als „vermittelnde Instanz oder vermittelndes Element“ (Merten, S.133) definieren. Es gibt sowohl personale, z.B. Sprache, Mimik, Gestik, als auch technische Medien[78]. Da ein Medium keinen Selbstzweck hat, sondern Mittel zum Zweck ist, verbraucht es sich nicht. Es deutet folglich immer auf etwas anderes als sich selbst hin[79]. „Medien [...] existieren nicht an sich, sondern immer nur für sich“ (Beck/Vowe, S.101).

Wozu brauchen wir überhaupt Medien? Und zwischen wem wird vermittelt und was wird vermittelt? Medien helfen Individuen, die immer größer werdende Informationsflut zu verarbeiten. Sie stellen ebenso wie die Kommunikation an sich eine ‘Brücke‘ zwischen zwei oder mehreren Positionen bzw. Individuen dar[80]. Sie sind Vermittler von Inhalten, Informationen und Bedeutungen. Diese werden zwischen Individuen ausgetauscht und machen dadurch überhaupt erst Reaktionen in Form von Kommunikation und Handlungen möglich. Voraussetzung dafür ist, daß das Medium die vermittelten Inhalte so wenig wie möglich verändert[81]. Medien sind daher stets um Kommunikationssysteme herum organisiert[82]. Gleichzeitig sind sie in einer spezifischen Wechselbeziehung zwischen sich, Medium und Kommunikation gefangen. Denn einerseits machen sie Kommunikation erst möglich, andererseits stellt Kommunikation ihre Berechtigungsgrundlage dar. Weil sie Kommunikation und Informationsübermittlung und -austausch ermöglichen, sind sie von großer Bedeutung für den Erhalt und die Mobilität einer Gesellschaft[83].

Je nachdem was und mit wem kommuniziert wird, werden verschiedene Medien genutzt. Damit wird Einfluß auf die Nachricht selbst ausgeübt. Mit anderen Worten: „das Medium ist die Botschaft“ (Höflich, S.109 nach McLuhan/Marshall) und bestimmt die Informationsverarbeitung und die Reaktion des Empfängers. Auf diese Weise wird schon die Wahl des Mediums zur „Metakommunikation“ (Höflich, S.111), indem sie Rückschlüsse auf die Beziehung der Kommunikationspartner zuläßt. So wird man einen guten Freund eher persönlich treffen oder mit ihm ein längeres Telefonat führen als eine kurze Email schicken. Umgekehrt wird man seltener bei einem flüchtigen Bekannten ‘auf einen Kaffee vorbeikommen‘, um sich zu unterhalten. Das bedeutet, daß kein Medium neutral ist, sondern tatsächlich Einfluß auf die Inhalte der Botschaft und die Beziehung der Kommunikationspartner ausübt. Der Restriktionshypothese nach nimmt ein Medium nicht nur Einfluß auf die Botschaft, sondern schränkt jedes technische Medium die zwischenmenschliche Kommunikation ein und führt im Extrem sogar zu Kommunikationsdefiziten[84]. Hier möchte ich allerdings anmerken, daß es auch gegenläufige Meinungen gibt. Wer z.B. früher auf dem Lande wohnte, erhielt vielleicht einmal im Monat eine Zeitung und Post. Heute ist eine solche Person voll in die Nachrichtenkette eingebunden und informiert. Insbesondere das Internet bietet eine Vielzahl an Möglichkeit, wie noch gezeigt werden wird.

Im Anschluß daran werde ich jetzt auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Medien eingehen. Grundsätzlich werden Medien in Individualmedien und Massenmedien unterteilt, die sich durch vier Typen darstellen lassen: primäre, sekundäre, tertiäre und quartäre Medien. Unter Individualmedien werden primäre und sekundäre Medienformen gefaßt, die dazu dienen, Kontakte zu anderen Individuen herzustellen und aufrecht zu erhalten[85]. Sie dienen dem einzelnen Individuum zur Befriedigung seiner kommunikativen Bedürfnisse. Im Gegensatz zu Massenmedien ist der Vermittlungs- und Kommunikationsprozeß nicht einseitig und auf Informationsvermittlung beschränkt, sondern es geht um Beziehungsvermittlung, die sowohl dem Sender als auch dem Empfänger eine Reaktion bzw. ein Feedback ermöglicht. Massenmedien sind demnach auf einseitige Kommunikation beschränkt und richten sich an ein unüberschaubares disperses Publikum.

Primäre Medien können als der ‘Urtyp‘ von Medien bezeichnet werden, weil sie ohne Zwischenschaltung eines technischen Gerätes funktionieren. Sie sind abhängig von den menschlichen Sinnen und infolgedessen von unmittelbaren zwischenmenschlichen Kontakten, um Informationen zwischen zwei Individuen zu vermitteln. Unter primären Medien werden demzufolge die mündliche Sprache und die nonverbale Sprache wie Mimik, Gestik und Körperhaltung, also alle „human-biologische Kommunikationsmittel“ (Wersig, S.16) verstanden. Die Sprache ist dabei ein grundlegendes primäres Medium. Sie erfüllt drei Aufgaben, die tragend für den Fortbestand einer Gesellschaft sind. Sie dient erstens der „Verständigung miteinander (Vermittlung von Sinn), [zweitens] der Handlungskoordinierung (Vermittlung von Handlungen) sowie [drittens] allgemein der Vergesellschaftung von Individuen (Vermittlung von Normen, Werten, Regeln)“ (Schwalm, S.44 nach Habermas). Damit ist sie von entscheidender Bedeutung sowohl für die Entwicklung eines Individuums und seiner Selbst als auch für die Gesellschaft als Ganzes[86]. Primäre Medien setzen die gleichzeitige Anwesenheit der kommunizierenden Individuen voraus. Dadurch wird der Kommunikationskreis begrenzt auf Individuen, die sich in unmittelbarer räumlicher und zeitlicher Nähe des Kommunikators befinden[87].

Doch je größer die Gesellschaft wurde, d.h. einerseits die räumlichen und zeitlichen Distanzen zwischen den Menschen, andererseits die größere Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen (wie z.B. Volksabstimmungen, Wahlen etc.), desto größer wurde der Bedarf an Medien, die diese breite ‘Kommunikationsverteilung‘ ermöglichen[88]. Infolgedessen wurden die sog. sekundären Medien entwickelt, die eine Kommunikation über räumliche und zeitliche Entfernungen hinweg und vor allem an viele Empfänger gleichzeitig ermöglichen. Luhmann nennt sie auch Verbreitungsmedien, weil sie durch die raum- und zeitüberwindende Kommunikation die Zahl der Kommunikationsempfänger erweitern[89]. Sekundäre Medien zeichnen sich dadurch aus, daß der Kommunikationssender für die Vermittlung der Information ein technisches Gerät benötigt, um ein großes disperses Publikum zu erreichen. Der Informationsempfänger benötigt für den Empfang der Information kein technisches Gerät[90]. Folglich bedeutet dies, daß der Informationssender die vorhandenen Informationen selektiert und vorstrukturiert und damit den Informationsstand der Empfänger bestimmt. Die Empfänger hingegen haben nur eingeschränkte Möglichkeiten zu reagieren. Sie sind fast ausschließlich auf den Informationskonsum beschränkt[91]. Der Informationssender ist folglich im Vergleich zum Informationsempfänger in einer einflußreicheren Position, solange seine Information für den Empfänger verständlich ist. Die Entstehung der Schrift hat zur Entwicklung von sekundären Medien wesentlich beigetragen. Denn sie ermöglicht es, Informationen zu speichern und jederzeit wieder zu nutzen. Aus diesem Grund zählen Bücher, Zeitschriften, Briefe und Rauchzeichen, Flaggensignale etc. zu diesen Medien.

Tertiäre Medien stellen die nächste Stufe der ‘Medienhierarchie‘ dar. Sie unterscheiden sich von sekundären Medien dadurch, daß der ganze Vermittlungsprozeß technische Hilfsmittel benötigt. Das heißt, sowohl die Informationsherstellung, als auch die Informationsübertragung durch den Sender und der Informationsempfang ist technisiert. Somit ist Kommunikation in diesem Fall ohne technische Geräte unmöglich[92]. Die Medienlandschaft bietet eine breite Palette an unterschiedlichen tertiären Medien, wie z.B. Telefon, Fernsehen, Radio, Schallplatten, Computer etc.. Tertiäre Medien sind von tragender Bedeutung für die Massenkommunikation, weil sie diese erst ermöglicht haben.

Quartäre Medien sind eine neue Mediengattung, die sich vor allem auf die neuen computerunterstützten und computerbasierten Möglichkeiten der Kommunikation, Information und Konsumtion beziehen. Sie zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß sie von Raum und Zeit völlig unabhängig sind und ausschließlich mit dem Computer genutzt werden können[93]. Im Vergleich zu den sekundären und tertiären Medien verläuft die Vermittlung und Verbreitung von Information ausschließlich über elektronische bzw. energetische (und nicht technische) Übertragung. Durch diese „kommunikative Revolution“ (Wersig, S.29) wird die Kommunikation und werden ihre Inhalte noch ‘formbarer‘ und damit auch manipulierbarer als dies bereits durch sekundäre und tertiäre Medien möglich war[94]. Damit sind sie, wie im weiteren Verlauf der Arbeit noch gezeigt wird, synonym mit der computervermittelten Kommunikation.

Was zeichnet nun die neuen Medien, den Computer und das Internet, und die CMC als Medium aus? Grundsätzlich ist der Computer, ebenso wie die ‘alten‘ Medien, ein Mittel zur Kontaktaufnahme und zur Kommunikationsverbreitung. Seine Bedeutung bemißt sich an seinem Gebrauch und seinen Nutzungsformen[95]. Da der Computer es ermöglicht, viele verschiedene Kommunikationsformen sowohl der Massen- als auch der Individualkommunikation zu nutzen[96], wird er gleichzeitig als „Universalmedium“ (Beck/Vowe, S.85) und als Hybridmedium bezeichnet[97]. Das Internet als Hybridmedium verbindet nicht nur einzelne Computer, sondern auch Menschen miteinander. Es vereint mehrere Übertragungskanäle wie Ton, Bild, Schrift und unterschiedliche Medien wie Telefon, Schreibmaschine, Computer etc., miteinander. Wegen dieser unterschiedlichen technischen Informations- und Darstellungsmöglichkeiten wird es auch als multimediales Medium bezeichnet[98]. Es ist aktuell, immer und weltweit verfügbar, damit universell, informativ, kommunikativ und bietet jedem Nutzer die Möglichkeit sowohl Sender als auch Empfänger zu sein[99].

[...]


[1] vgl. Merten, S.476

[2] vgl. www.das-erste.de/studie

[3] vgl. Gräf, S.121

[4] vgl. Münch, S.78ff.

[5] vgl. Rammert, S.15ff.

[6] vgl. Rössler, S.50

[7] vgl. Höflich, S.11

[8] vgl. Turkle,`98, S.286 / Schwalm, S.58

[9] vgl. Neumann-Braun, S.94

[10] siehe Überschrift

[11] vgl. Neverla, S.126

[12] vgl. Rammert, S.68f

[13] vgl. Bolz, S.16

[14] vgl. Maletzke, S.37

[15] siehe Kapitel 3.4.

[16] vgl. Faßler, `97, S.32

[17] vgl. Höflich, S.47

[18] vgl. ebd., S.30

[19] vgl. Frindte/Köhler, S.29f

[20] vgl. Döring, S.34

[21] vgl. Rammert, S.19f nach Luckmann

[22] vgl. Schwalm, S.46

[23] vgl. Döring, S.34

[24] vgl. Höflich, S.57

[25] vgl. Rammert, S.20

[26] siehe Kapitel 5.7.3.

[27] vgl. Hunziker, S.6ff siehe auch Kapitel 5.6.1. u. 5.6.2.

[28] vgl. Höflich, S.67ff

[29] vgl. Thimm, S.47

[30] vgl. Döring, S.377

[31] vgl. Hunziker, S.5

[32] vgl. Döring, S.378

[33] vgl. Beck/Glotz/Vogelsang, S.79

[34] vgl. Becker/Paetau, S.32

[35] vgl. Hinner, S.37

[36] vgl. Gräf, S.139

[37] vgl. Matejovski, S.33

[38] vgl. Döring, S.377

[39] vgl. Hunziker, S.7

[40] vgl. Wehner, S.104

[41] vgl. Merten, S.69

[42] vgl. Kerber/Schmieder, S.582

[43] vgl. Burkart/Hömberg, S.17

[44] vgl. Faßler,`97, S.42

[45] vgl. Neverla, S.65

[46] vgl. Faßler, `97, S.41

[47] vgl. Burkart/Hömberg, S.18

[48] vgl. Faßler, `97, S.41

[49] vgl. Hauf, S.62

[50] vgl. Burkart/Hömberg, S.16

[51] vgl. ebd., S.16f

[52] vgl. Faßler, `97, S.40f

[53] vgl. Hinner, S.35

[54] vgl. Horster, S.60f

[55] vgl. ebd., S.27

[56] vgl. Baraldi u.a., S.176ff

[57] ebd., S.142

[58] vgl. Merten, S.101

[59] vgl. Bonacker, S.68f

[60] vgl. Schimank, S.143

[61] vgl. Gripp-Hagelstange, S.56

[62] vgl. Luhmann, S.221f

[63] vgl. Schwalm, S.44

[64] vgl. Gripp-Hagelstange, S.64ff

[65] vgl. Faßler, `97, S.42

[66] vgl. Bonacker, S.69ff

[67] vgl. Gripp-Hagelstange, S.69

[68] vgl. Hinner, S.28

[69] vgl. Neumann-Braun, S.96

[70] vgl. Luhmann, S.190

[71] vgl. Faßler, `97, S.38 nach Luhmann

[72] vgl. Luhmann, S.225ff

[73] vgl. Bonacker, S.72f

[74] vgl. Neumann-Braun, S.97

[75] vgl. Hinner, S.28ff

[76] vgl. Hunziker, S.15

[77] vgl. Merten, S.139

[78] vgl. Maletzke, S.53

[79] vgl. Merten, S.140

[80] siehe Kapitel 2.1.

[81] vgl. Esposito, S.339f

[82] vgl. Maletzke, S.52

[83] vgl. Faßler, `97, S.100

[84] vgl. Höflich, S.68

[85] vgl. Döring, S.328

[86] vgl. Schwalm, S.44

[87] vgl. Hunziker, S.16

[88] vgl. Wersig, S.19

[89] vgl. Luhmann, S.202

[90] vgl. Faßler, `97, S.116

[91] vgl. Wersig, S.19

[92] vgl. Hunziker, S.16

[93] vgl. Faßler, `97, S.117

[94] vgl. Wersig, S.20

[95] vgl. Rössler, S.49

[96] vgl. ebd., S.49

[97] vgl. Beck/Vowe, S.11

[98] vgl. ebd., S.85

[99] vgl. Merten, S.320f

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Computervermittelte Kommunikation im Internet
Hochschule
Universität Osnabrück  (FB Soziologie)
Note
1,15
Autor
Jahr
2002
Seiten
106
Katalognummer
V10638
ISBN (eBook)
9783638170086
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Computervermittelte, Kommunikation, Internet
Arbeit zitieren
Katrin Jablonski (Autor), 2002, Computervermittelte Kommunikation im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10638

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