Rechtsextremismus bei Jugendlichen - Erklärungsmodelle und sozialarbeiterische Handlungsansätze


Diplomarbeit, 2000
83 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 ERKLÄRUNGSANSÄTZE
2.1 DER VERFASSUNGSRECHTLICHE ANSATZ DER EXTREMISMUSTHEORIE
2.1.1 ERLÄUTERUNG DES KONZEPTES
2.1.2 KRITIK DES VERFASSUNGSRECHTLICHEN ERKLÄRUNGSANSATZ
2.2 DESINTEGRATIONSERFAHRUNGEN ALS ERKLÄRUNG DER RECHTSEXTREMEN GEWALT UNTER JUGENDLICHEN
2.2.1 ERLÄUTERUNG DES KONZEPTS
2.2.2 DIE DESINTEGRATIONSTHEORIE IN DER KRITIK- DER WISSENSCHAFTLICHE DISKURS UM DIE AKZEPTIERENDE SOZIALARBEIT
2.3 WOHLSTANDSCHAUVINISMUS ALS ERKLÄRUNGSANSATZ RECHTSEXTREMER GEWALT UNTER JUGENDLICHEN
2.3.1 EMPIRISCHER HINTERGRUND DES ANSATZES
2.4 GESCHLECHTSSPEZIFISCHE UNTERSCHIEDE ALS ERKLÄRUNGSANSATZ DER PROBLEMATIK
2.4.1 EMPIRISCHER HINTERGRUND DES ANSATZES
2.5 EINE POLITISCH- SOZIOLOGISCHE THEORIE, DIE BESONDERHEITEN DES RECHTSEXTREMISMUS IN OSTDEUTSCHLAND ZU ERKLÄREN
2.5.1 EMPIRISCHER HINTERGRUND
2.5.2 ERLÄUTERUNG DES KONZEPTS VON BERND WAGNER
2.5.3 KRITIK

3 SOZIALARBEITERISCHE PRAXISPROGRAMME:
3.1 DAS KONZEPT DER AKZEPTIERENDEN SOZIALARBEIT:
3.1.1 THEORETISCHER HINTERGRUND DER AKZEPTIERENDEN SOZIALARBEIT
3.1.2 ZENTRALE HANDLUNGSANSÄTZE DES KONZEPTS:
3.2 KRITIK
3.2.1 DIE AKZEPTIERENDE SOZIALARBEIT BASIERT AUF DEN MONOKAUSALEN ERKLÄRUNGSANSATZ DER DESINTEGRATIONSTHEORIE:
3.2.2 UNKLARE GRENZSETZUNGEN
3.3 ALTERNATIVKONZEPTE UND MÖGLICHKEITEN DER MODIFIKATION DER AKZEPTIERENDEN SOZIALARBEIT
3.3.1 DAS KONZEPT DER DEMOKRATISIERUNG DER ZIVILEN GESELLSCHAFT
3.3.2 PRÄMISSEN EINER ARBEIT MIT RECHTSEXTREMEN JUGENDLICHEN

1 Einleitung

Während des Schreibens der Diplomarbeit avanciert das Thema Rechtsextremis- mus gerade zum Mode-Thema für Politik und Medien. Blieb das gleichbleibend hohe Niveau der Anzahl rechtsextremer Übergriffe in der Bundesrepublik, sowie die rechtsextreme Alltagsgewalt über viele Jahre weitgehend unbeachtet, scheint es jetzt, als ob die verschiedenen Stellen die Brisanz der Rechtsextremismusprob- lematik erkannt haben. Die breite öffentliche Diskussionsbereitschaft ist nicht alleine damit zu begründen, dass antisemitische oder fremdenfeindliche Übergrif- fe und rechtsmotivierte Brandanschläge in das politische Sommerloch des Jahres 2000 fielen. Unterstrichen wird der Handlungsbedarf auch durch den starken An stieg der gemeldeten „fremden- und ausländerfeindlichen Straftaten“, der sich durch 403 begangene Straftaten im August 2000 zu den 276 des Vergleichsmonats im Vorjahr1belegen läßt. Bevor die Klimax im konjunkturellen Verlauf des sozialen Problems Rechtsextremismus erreicht ist, sorgt ein weiterer Skandal mit rechtsextremistischem Hintergrund dafür, dass das gesellschaftliche Problembewußtsein weiterhin anhält.

In den Blickwinkel der Öffentlichkeit geraten dabei vor allem der jugendliche, durch Gewalt geprägte Rechtsextremismus und die rechtsextremistischen Parteien und Organisationen. Staatliche Stellen setzen strategisch vor allem auf repressive Intervention, wie sich an Überlegungen zu Parteiverboten oder zur Verschärfung bestehender Gesetze belegen läßt. Handlungskonzepte dieser Art sind zurückzu- führen auf die verfassungsrechtliche Extremismustheorie, die den Ausgangspunkt der Diplomarbeit bildet. Soziologische Erklärungsansätze betreiben Ursachenfor- schung, indem sie sich mit den gesellschaftlichen und politischen Voraussetzun- gen des Rechtsextremismus befassen und beziehen dadurch das soziale Zentrum in ihre Analyse mit ein. Sie liefern wichtige Hinweise, wie die Jugendsozialarbeit adäquat auf den jugendlichen Rechtsextremismus reagieren könnte.

Der erste Teil der Diplomarbeit behandelt wissenschaftliche Rechtsextremismus- theorien, die in der Fachdiskussion der letzten Jahre von Bedeutung sind. Die Desintegrationsthese bildet hierbei den Schwerpunkt, die den wissenschaftlichen Diskurs lange Jahre bestimmte. Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Theorem innerhalb der Fachöffentlichkeit führte zur Etablierung unterschiedlicher Erklärungsansätze, deren Erläuterung den ersten Teil der Diplomarbeit abschließt. Im Anschluß befasst sich der zweite Teil der Diplomarbeit mit Handlungsmodel- len der Jugendsozialarbeit als Strategie gegen Rechtsextremismus. Die Arbeit geht von dem Standpunkt aus, dass das vorhandene theoretische Wissen über die The- matik in der Sozialarbeit bisher nicht ausreichend genutzt wird. Bis auf wenige Ausnahmen werden in der Jugendarbeit bisher vor allem Programme favorisiert, die auf einen monokausalen Erklärungsansatz des Rechtsextremismus basieren.

Ziel der Diplomarbeit ist es, aufzuzeigen, dass eine Jugendsozialarbeit mit multi- faktorellem Verständnis in der Praxis erfolgreicher ist. Dieser Praxisteil stellt dem, auf die theoretischen Erkenntnisse Heitmeyers begründbaren Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit Theorien gegenüber, die bemüht sind, unterschiedliche Erklärungsansätze des Rechtsextremismus einfließen zu lassen.

Die Diplomarbeit beschäftigt sich weniger mit dem Konzept Rechtsextremismus, nach dem sich Personen oder Organisationen weitgehend trennscharf als rechts- extremistisch oder nicht rechtsextremistisch deklarieren lassen, Sie richtet den Blickwinkel mehr auf rechtsextreme Einstellungspotentiale, wie sie in allen Sozi- allagen und Altersgruppen vorhanden sind. Rechtsextremismus beschreibt zu- nächst ein Weltbild. Diese Definition des Rechtsextremismus geht von einem völ- kischen Nationalismus aus. Die Einstellungen sind gekennzeichnet durch Ableh- nung und Ausgrenzung bestimmter, nicht der eigenen Leitkultur angepasster Per- sonen und Überhöhung der eigenen Normen und Werte. Die Gesellschaft wird dabei durch eine hierarchische, autoritäre Ordnung zusammengehalten. Minder- heiten und selbsternannte Feinde werden bedroht, ausgegrenzt oder vernichtet. Sozialdarwinistische, biologistische bzw. rassistische Weltbilder garantieren die Höherstellung der eigenen Leitkultur. Diese Ordnung wird durch psychische, zu- meist auch physische Gewalt durchgesetzt. Die rechtsextremen Einstellungspoten- tiale in der Bevölkerung sind dann als Versatzstücke dieser rechtsextremen Ideo- logie gekennzeichnet.

Das Praxisfeld, mit dem sich die Diplomarbeit beschäftigt, ist die Jugendsozialar- beit. Nach dem Kinder und Jugendhilfegesetz (KJHG) sind Jugendliche Personen, die mindestens 14 aber noch nicht 18 Jahre alt sind (KJHG §7). Als „Junge Voll- jährige“ definiert dieses Gesetz bis 26-jährige, während unter dem Begriff „junger Mensch“ beide Altersgruppen subsumiert werden. Diese rein altersmäßige Festle- gung erscheint als Definition für diese Diplomarbeit nicht sehr sinnvoll. Zielgrup- pe der Arbeit sind hier zunächst die Jugendlichen, die sich für die beschriebenen Projekte gewinnen lassen. Der jugendliche Rechtsextremismus, als Untersu- chungsgegenstand der Diplomarbeit, wird nicht losgelöst betrachtet von seinem soziokulturellen Umfeld. Die Diplomarbeit untersucht zudem, inwiefern es rechtsextremistischen Organisationen gelingt, Einfluss auf Jugendliche zu gewin- nen.

2 Erklärungsansätze

2.1 Der verfassungsrechtliche Ansatz der Extremismustheorie

2.1.1 Erläuterung des Konzeptes

Die Extremismustheorie deutet Rechtsextremismus als ein Randgruppenphäno- men. Der demokratische Rechtsstaat ist von den links- und rechtsextremistischen Rändern gefährdet, die gesellschaftlich als isoliert zu betrachten sind. Er besitzt aber Instrumentarien wie z.B. Pressefreiheit, kritische Öffentlichkeit, staatliche Gewalten und letztendlich den Verfassungsschutz, um als wehrhafte „streitbare“ Demokratie diese Gefährdung wirksam zu bekämpfen. Rechts- und Linksextre- mismus sind dem Verständnis nach als ein Bodensatz demokratischer Gesellschaftsformen zu begreifen.

Der Verfassungsschutz ist bestrebt, mit seinem politisch-verfassungrechtlichen Ansatz der Extremismustheorie, Kriterien zur Kategorisierung von Personen, Parteien oder Organisationen als extremistisch zu finden. Der Extremismus ist dem Verständnis nach eine politische Richtung, die danach trachtet, den demokratischen Verfassungsstaat in seinem Wesensgehalt zu verändern. Der Extremist, der Gewaltanwendung allenfalls aus taktischen Gründen ab- lehnt, bejaht nicht den Eigenwert demokratischer Spielregeln und erweist sich folglich als Gegner der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Der Extremismus umfaßt so- wohl eine linke (verschiedene Spielarten des Kommunismus) als auch eine rechte Varian- te (unterschiedliche Ausprägungen rassistischer und nationalistischer Ideen).2

Als normative Bezugsgröße, um Organisationen als extremistisch einzuordnen, fungiert die „freiheitlich demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgeset- zes“. Diesen Begriff definierte das Bundesverfassungsgericht 1952(BVerfG 2,1ff.) in einem Urteil gegen die Sozialistische Reichspartei (SRP) und nahm ihn in der Begründung zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) im Jahre 1956, wieder auf (BverfGE5, 85ff)

So läßt sich die freiheitliche demokratische Grundordnung als eine Ordnung bestimmen, die unter Ausschluss jeglicher Gewalt- und Willkürherrschaft eine rechtsstaatliche Herr- schaftsordnung auf der Grundlage der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen Mehrheit und der Freiheit und Gleichheit darstellt. Zu den grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung sind mindestens zu rechnen: Die Achtung vor den im Grund- gesetz konkretisierten Menschenrechten, vor allem vor dem Recht der Persönlichkeit, auf

Leben und freie Entfaltung, die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung, die Verantwort- lichkeit der Regierung, die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, die Unabhängigkeit der Ge- richte, das Mehrparteiensystem und die Chancengleichheit für alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige Bildung und Ausbildung einer Opposition3

Der Verfassungsschutz nähert sich, neben der bereits beschriebenen organisationsbezogenen Herangehensweise, auch ideengeschichtlich dem Untersuchungsgegenstand „Extremismus“. Im Hinblick auf den Rechtsextremismus bezieht er sich in seiner Definition vor allem auf den deutschen Nationalsozialismus. Der baden-württembergische Verfassungsschutz charakterisiert in einer Publikation die Wesensmerkmale des Rechtsextremismus folgendermaßen:

Der Begriff `Rechtsextremismus´ umfaßt politisch motivierte Bestrebungen, die vorrangig im Nationalismus und Rassismus wurzeln. Nationalismus beschreibt dabei die Überbe- wertung eigener nationaler Interessen zu Lasten der Interessen anderer Nationen sowie zu Lasten der Individualrechte von Angehörigen der eigenen Nation. Nationalismus und Rassismus sind eng verzahnte Begriffe, weil in der rechtsextremistischen Interpretation die Nation nur die Gemeinschaft derjenigen umfaßt, die aufgrund gemeinschaftlicher Ab- stammung - also einheitlicher Rasse - zusammengehören (...) Die nationalsozialistische Propaganda verkündete einen solchen von Volkstumsideologie und Rassenfanatismus be- herrschten biologischen Nationenbegriff, der im Unterschied zu dem üblicherweise ver- wendeten Begriff der `Kulturnation´ steht.“4

Hauptelemente des Rechtsextremismus stellen für den Verfassungsschutz dar: ƒ

Nationalismus, einhergehend mit Fremdenfeindlichkeit ƒ

- Antisemitismus
ƒ- Rassismus
ƒ- Bezugnahme auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Sie wird von Rechtsextremen glorifiziert. Verbrechen werden relativiert, verharmlost oder verleugnet.
ƒ- soldatische und militärische Werte gewinnen überhöhte Bedeutung ƒ
- hierarchische Struktur nach dem Führerprinzip
ƒ- Propagierung einer autoritären und diktatorischen staatlichen und sozialen Ordnung
ƒ- Etatismus5

„Hinzu kommt die allen Extremisten gemeinsame planmäßige Verunglimpfung der bestehenden Staatsform und ihrer Repräsentanten in der Absicht, die Demokratie in den Augen der Bevölkerung als Wert zu erschüttern.“6

Neben der Öffentlichkeitsarbeit befaßt sich der Verfassungsschutz, im Hinblick auf den Rechtsextremismus, mit der Beobachtung von Parteien und Organisationen, die gegen die freiheitliche Grundordnung verstoßen sowie die Erfassung des Rechtsterrorismus. Die Informationen des Verfassungsschutzes sind Grundlage für polizeiliche Maßnahmen aber auch für Organisationsverbote durch die Innenminister und Parteiverbote durch das Bundesverfassungsgericht.

In den Publikationen des Bundesverfassungsschutzes und den angegliederten Landesbehörden geht es beim Rechtsextremismus, neben der Benennung der Zah- len rechtsextremer Straftaten, fast ausschließlich um die organisierte Form des politischen Rechtsextremismus. Es geht um die Stärke und den Einfluß von Par- teien und Organisationen, die als extremistisch eingeschätzt werden. Kriterien zur Bewertung des Gefährdungspotentials sind Mitgliedszahlen rechtsextremer Par- teien und Organisationen sowie die Wahlergebnisse der rechtsextremen Parteien. Die Veröffentlichungen befassen sich beim Rechtsextremismus unter Jugendli- chen vor allem mit der gewaltbereiten rechtsextremistischen Skinheadszene und ihrer Musikszene mit nazistischen, rassistischen und gewaltpropagierenden Tex- ten. Der Musikbereich dieser Subkultur schließt Bands, Konzerte, Vertriebe und Fanzines7mit ein. Weiterhin rücken die Freien Kameradschaften und die Jugend- organisation der NPD in den Blickwinkel der Verfassungschützer. Bedeutend ist auch das informelle Netzwerk der Rechtsextremen, die Mailboxen, „Nationale Infotelefone“ und Homepages im Internet.8

2.1.2 Kritik des verfassungsrechtlichen Erklärungsansatz

Der Verfassungsschutz verortet den Rechtsextremismus an gesellschaftliche Rän- der. Die Benennung des gesellschaftlichen Zentrums als mitverantwortlich für den Rechtsextremismus ist in Verfassungschutzberichten des Bundes sowie der ange- gliederten Landesbehörden nahezu tabuisiert. Rechte Orientierungen entstehen in der Mitte der Gesellschaft d.h. sie sind existent in politischen Institutionen, Orga- nisationen und den Medien. Das Gleichheitsrecht der Menschen wird u.a. durch Sondergesetze der Asylgesetzgebung und im Arbeitsrecht angetastet. Politische und mediale Diskurse, wie die Debatte gegen das Asylrecht Anfang der 90er Jah- re, die CDU Kampagne zur doppelten Staatsbürgerschaft aber auch die jüngste Green-Card Initiative der SPD, die nur den AusländerInnen ein Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik zubilligt, die der deutschen Wirtschaft vom Nutzen sind, tragen dazu bei. Staatlich forcierte Stigmatisierungsprozesse marginalisierter Randgruppen, dienen den Herrschenden auch zum Machterhalt. So gelingt es, von Problemlagen der Gesellschaft abzulenken, die letztendlich auch durch Regressi- onen des kapitalistischen Wirtschaftssystems bedingt sind.

Außerdem bietet die moderne Gesellschaft noch intakte Normen, Werte und Insti- tutionsstrukturen mit integrierender, gesellschaftsbindender Funktion, die in ihrem Charakter für Rechtsorientierungen empfänglich machen. Hierarchische Ordnun- gen, Ausgrenzung des Andersseins, Autoritätsgläubigkeit, die u. a. auch durch Gesetze gesellschaftlich manifestiert werden, schaffen ein Klima, das den Nähr- boden für rechtsextremes Gedankengut bietet. KritikerInnen, wie der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, werfen dem politisch- verfassungsrechtlichen Ansatz, die Verharmlosung des gesellschaftlich manifestierten rechtsextremen Gedankenguts in Teilen der bundesrepublikanischen Ge- sellschaft vor.

Sozial akzeptierte Parteien und Gruppierungen haben Fremdenfeindlichkeit in ihrer Sub- stanz in die Normalität ihrer Positionen übernommen, zumindestens in Schnittmengen (...) In der entstehenden `Normalität´ dieser Position liegt ihre eigentliche Brisanz. Mit der Akzeptanz kaum verhüllter Fremdenfeindlichkeit als Normalität der Gesellschaft, können dann rechtsextremistische Organisationen ihre Absichten und Handlungen

In einer Totalerhebung analysierten Pr. Roland Eckert und Dr. Helmut Willems an der Universität Trier sämtliche Tatverdächtige, gegen die wegen fremdenfeindlicher Straftaten zwischen dem 1.5.1992 und dem 31.12. 1993 in der Bundesrepublik polizeilich ermittelt wurde. Diese Untersuchung unterstützt die These, dass Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft präsent ist:

Insgesamt wird jedoch deutlich, in welchem Maße fremdenfeindliche Straf- und Gewalt- taten vor allem von Jugendlichen begangen werden, die in wenig organisierten und for- malisierten Gruppen mit gezielt oder latent fremdenfeindlichen Einstellungen und Vorur- teilen eingebunden sind. Die Zahl derjenigen, die rechtsradikalen oder rechtsextremisti- schen Organisationen zuzuordnen sind, ist mit etwa einem Fünftel der Tatverdächtigen (...) insgesamt geringer, als dies die öffentliche Gleichsetzung von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus vermuten ließe. Die fremdenfeindlichen Einstellungen reichen somit weit über den rechtsextremistischen politischen Rand hinaus.9

Heitmeyer kritisiert am verfassungsrechtlichen Ansatz den vorrangigen Bezug auf Mitgliedszahlen rechtsextremistischer bzw. neonazistischer Parteien oder Grup- pierungen, sowie Wahlergebnisse, die „am vorläufigen Endpunkt von politischen Entwicklungen und Personen“10ansetzt. Hierdurch ist „das breite Spektrum von politischen Orientierungsmustern, die relativ stabil sind“11in weiten Teilen der Öffentlichkeit vernachlässigt. Die Organisationsbezogenheit in der Rechtsextre- mismusanalyse des Verfassungsschutzes wird vor allem der neuen Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland nicht gerecht. Im Osten handelt es sich um eine kulturelle und völkische Bewegung, die die gesellschaftlich manifestierte Fremdenfeindlichkeit für sich nutzen kann. Rechtsextreme formieren sich nicht mehr in Gruppierungen, um die direkte politische Macht zu erreichen. Ihr Erfolg ist kaum an Wahlerfolgen auszumachen. Anette Kahane konstatiert „In Ost- deutschland hat sich (...) eine Kontrastgesellschaft herausgebildet, die in ihren

Werten völkisch und rechtsextrem orientiert ist. Sie braucht keine Parteien und andere Organisationsformen, sondern wirkt gewissermaßen parallel zum normalen und öffentlichen gesellschaftlichen Leben.“12Obwohl zahlreiche Gebiete der e- hemaligen DDR als „No-Go-Areas“ für Jugendliche zu bezeichnen sind, die sich weigern sich dem rechten Mainstream anzupassen, wird diese Tatsache von den Verfassungschutzbehörden verharmlost.

Der auf die Extremismustheorie zurückgehende verfassungsrechtliche Ansatz setzt in Fällen, in denen eine der beiden Extreme zu sehr an gesellschaftlichen Einfluss gewinnt, auf die Stärkung des Staates. Es besteht die Gefahr, dass durch höhere Strafen, Parteiverbote, Videoüberwachung öffentlicher Plätze, Telefonob- servation und Änderung des Demonstrationsrechts, die Freiheitsrechte des Bür- gers, vorgeblich im Kampf gegen Rechtsextremismus, zusätzlich eingeschränkt werden. Totalitarismus gilt als ein Baustein der rechtsextremistischen Ideologie, und zu einer erfolgreichen Strategie bedarf es einer mündigen demokratiebewuß- ten Zivilgesellschaft.

Der verfassungsrechtliche Ansatz hinterfragt nicht gesellschaftliche Ursachen des Rechtsextremismus. Er differenziert nicht zwischen verschiedenen Motivationen, die zu rechtsextremistischen Einstellungen führen. Sie sind alters- und ge- schlechtsabhängig und Rechtsextremismus ist an unterschiedlichen politisch- ideologischen, aber auch individuellen Entstehungsgründen festzumachen.

Die folgenden Erklärungsansätze untersuchen als soziologische und politikwissenschaftliche Erklärungsansätze den gesellschaftlichen Kontext, in dem rechtsextreme Orientierungsmuster produziert werden. Indem sie die Erklärungsmuster für Rechtsextremismus in die gesellschaftliche Mitte rücken, gewinnen Strategien der Sozialarbeit wie präventive Programme und Projektarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen erst an Bedeutung.

2.2 Desintegrationserfahrungen als Erklärung der rechts- extremen Gewalt unter Jugendlichen

Die Desintegrationstheorie gilt heute als der bekannteste gleichzeitig aber auch umstrittenste Erklärungsansatz zum Thema. Alle die in der Diplomarbeit besprochenen Theorien begründen sich aus dem wissenschaftlichen Diskurs um die Ü- berlegungen Heitmeyers. Zudem basiert die bisher in der Sozialarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen bevorzugte „akzeptierende Sozialarbeit mit rechten Jugendcliquen“ auf das Verständnis dieses Erklärungsansatz.

2.2.1 Erläuterung des Konzepts

2.2.1.1 Becks Entwurf einer Risikogesellschaft als theologische Grundlage des Desintegrationstheorems

Die Ursachen rechtsextremer Denkmuster und Gewalthandlungen Jugendlicher sieht der Professor an der Bielefelder Universität, Wilhelm Heitmeyer, in An- knüpfung an den Soziologen Ulrich Beck, als ein Grundproblem gesellschaftlicher sozialstruktureller Umbrüche. Ulrich Beck skizziert Individualisierung als einen wesentlichen Aspekt seines soziologischen Entwurfs einer „Risikogesellschaft“. Nach Beck ist seit den sechziger Jahren ein Wohlstandswachstum zu beobachten, von dem alle sozialen Schichten profitieren. Dieser Zugewinn bezieht sich auf „ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft und Massenkonsum“.13Als Folge verlieren die traditionellen industriegesell- schaftlichen Sozialmilieus, wie „Klasse, Schicht, Familie, Geschlechtslagen von Männern und Frauen“14zusehends an Bedeutung, weil der Mensch aufgrund der Verbesserung des „hohen materiellen Lebensstandards und weit vorangetriebenen sozialen Sicherheiten“15in Form sozialstaatlicher Sicherungs- und Steuerungssys- teme weniger auf solidarische Hilfsgemeinschaften angewiesen ist. Weil keine Notwendigkeit mehr für die Bildung von Klassensolidarität besteht, betreffen die Erosionsschübe besonders das traditionelle Arbeitermilieu.

Familiale Kontakte lockern sich, nachbarschaftliche Beziehungsnetze lösen sich immer mehr auf, Vereinstraditionen werden durchbrochen und gewerkschaftlich und polit- organisatorische Kontinuitäten, beispielsweise selbstverständliche Mitgliedschaften in

Arbeiterpartei und Gewerkschaften bzw. Genossenschaften, zerbrechen zusehends.16

Es entstehen der Tendenz nach individualisierte Existenzformen und Existenzlagen, die die Menschen dazu zwingen, sich selbst - um des eigenen materiellen Überlebenswillen - zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführung zu machen“.17Obwohl in der modernen Gesellschaftsform soziale Ungleichheiten, der Abstand zwischen Armut und Reichtum nicht aufgehoben ist und Arbeitslosigkeit als soziales Problem zunimmt, entsteht kein kollektives Klassenbewußtsein, weil durch die enttraditionalisierten Lebensformen gesellschaftliche Krisen als individuelles Scheitern gedeutet werden.

2.2.1.2 Desintegrationserfahrungen als wesentliches Kriterium des Ge- walthandelns jugendlicher Rechtsextremer

Die im Rahmen der „Risikogesellschaft“ von Beck beschriebenen Individualisierungsschübe sind für Heitmeyer die zentrale Kategorie in der Ursachenforschung des Rechtsextremismus bei Jugendlichen. Junge Menschen sind seiner Ansicht nach von den Industrieschüben der Gesellschaft besonders betroffen.

Heitmeyer beschreibt die

ƒ- Auflösung von Beziehungen zu anderen Personen oder Institutionen,
ƒ- Auflösung der Verständigung über gemeinsame Norm- und Wertvorstellungen sowie die
ƒ- Auflösung der faktischen Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen, als wesentliche Dimensionen des Desintegrationsprozesses. Diese Faktoren kön- nen nach Heitmeyer „z.T. getrennt, z.T. kombiniert, z. T. kumulativ“ in Erscheinung treten.18

Im Kontext einer Erosion sozialer Bindungen sind einerseits offen erkennbare Änderungen in Familienkonstellationen durch steigende Scheidungsraten und Ge- burtenrückgänge zu interpretieren. Die Ehe verliert als „Bund für das Leben“ zu- nehmend an Bedeutung. Viele Kinder erleben den Trennungsprozess ihrer Eltern und es fehlt für die Sozialisation wichtiger Geschwisterbezug. Gleichzeitig nimmt nach der Ansicht Heitmeyers aber auch die Qualität der Beziehung von Eltern zu ihren Kindern ab. Neben Individualisierungsschüben sind als Gründe Überforde- rungen durch die Leistungsgesellschaft aufzuführen. Hierunter fallen u.a. die „lei- stungsabhängige Mileuunterstützung“, „willkürliche, also von Stimmungen und Kalkül abhängige Beziehungen“, materialisierte Mileubeziehungen in Form des „Freikaufens von sozialemotionalen Anstrengungen“19sowie „zeitabhängige Mi- leuunterstützungen“.20Pluralistische Wertvorstellungen haben traditionelle Wert und Normsysteme abgelöst. Für Jugendliche bedeutet dieser Aspekt eine erhöhte Unsicherheit in der eigenen Lebensgestaltung. Dieses läßt sich auch an einer Ausdifferenzierung in einer Vielzahl von Jugendkulturen bzw. Milieus fest- machen. Hier hat sich das Individuum zu positionieren. Die Auflösung der fakti- schen Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen zeigt sich darin, dass Jugend- liche immer weniger bereit sind, an Wahlen teilzunehmen sowie durch sinkende Mitgliedschaftszahlen in Jugendverbänden von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen.

Neben zunehmenden Chancen zur Selbstbestimmung bringt dieser Individualisie- rungsprozess aber auch erhöhte Gefahren der Überforderung und des Scheiterns mit sich. Biographien sind nicht mehr in Form einer „Normalbiographie“ vorge- schrieben, sondern sind individuell zu erstellen. Das Konzept Heitmeyers verweist auf „Vereinzelungserfahrungen, Handlungsunsicherheit und Ohnmachtserfahrun- gen“21als Risiken gesellschaftlicher Individualisierung. Hier sieht Heitmeyer den wesentlichen Anknüpfungspunkt für rechtsextreme Organisationen. Er charakteri- siert den Rechtsextremismus als Ideologie der Ungleichheit und der Gewaltakzep- tanz. Diese beiden Kriterien sind seiner Ansicht nach geeignet, die negativen Auswirkungen der Individualisierung zu kompensieren, indem die Vereinzelungs- erfahrungen und Handlungsunsicherheiten vor allem durch Ungleichheitskonzep- te, die Ohnmachtserfahrungen durch das Ausagieren von psychischer Gewalt, subjektiv verarbeitet würden. Rechtsextreme Orientierungen bieten sich hier an, indem sie auf biologistische, leistungsunabhängige Prinzipien, wie Rasse und Na- tion verweisen. Diese natürlichen hierarchischen Ordnungskriterein können einem nicht mehr genommen werden. Jugendliche suchen sich Gewissheiten, die einen festen Halt versprechen.

Die Gewalt, als subjektive Verarbeitung der Ohnmachtserfahrungen von Jugend- lichen, hat ihren Sinn in einer kurzfristigen Überwindung der Ohnmacht. Jugend- lichen gelingt es durch sie, auf sich aufmerksam zu machen.22Nicht zu vernach- lässigen ist zudem, dass durch Sozialisationserfahrungen Gewalt als erfolgreiches Handlungsmodell für Jugendliche interpretierbar wird. Das rechtsextreme An- schlußkonzept für rechtsextremistisch motivierte Gewalt ist nach Heitmeyer der Sozialdarwinismus mit seiner Maxime „Das biologisch determinierte Stärkere soll sich durchsetzen im alltäglichen Kampf“, „Schwächliches oder Kränkliches ist mitleidlos auszumerzen“.

2.2.2 Die Desintegrationstheorie in der Kritik- Der wissenschaft-

liche Diskurs um die akzeptierende Sozialarbeit

2.2.2.1 Kausalzusammenhang zwischen Krise und Rechtsextremismus ist empirisch nicht belegbar

Ein Kritikpunkt setzt am Kausalzusammenhang von Krise und Rechtsextremis- mus als psychosoziale Umformung an. Es ist nicht eindeutig empirisch zu bele- gen, dass Krisen unbedingt zum Rechtsextremismus führen. Zudem ergeben sich aus Krisen individuelle Verarbeitungsmuster, die von Heitmeyer unberücksichtigt bleiben. Eine Studie, die in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen ist, stellt eine Untersuchung von Rudolf Leiprecht dar. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sozial gut abgesicherte junge Menschen eher rechtsextreme Positionen vertreten als Jugendliche, die auf der sozialen Leiter ganz unten stehen. (vgl. Kapitel 2.3.1)

Heitmeyers eigene Untersuchung widerspricht in Teilen seiner Theorie. Er mußte feststellen, dass Jugendliche mit einer optimistischen Zukunftserwartung, vor al- lem im Hinblick auf die berufliche Entwicklung, ausgeprägtere rechtsextreme und fremdenfeindliche Positionen vertraten als andere, die über eine solche Sicherheit nicht verfügen. Heitmeyer untersuchte 1987 im Rahmen einer Rechtsextremis- musstudie bei einer Gruppe von 901 Jugendlichen den Zusammenhang von Selbstkonzept und autoritär-nationalisierende Sichtweisen. Er kam dabei zu dem ihn selbst überraschenden Ergebnis, dass diese Sichtweisen innerhalb der Gruppe mit positivem Selbstkonzept dominieren. Die Gruppe mit negativem Selbstkon- zept stand solchen Sichtweisen insgesamt distanzierter gegenüber. Bei 64,9 Pro- zent der Jugendlichen mit einem optimistischen Selbstkonzept und Zügen der Selbstüberschätzung waren Tendenzen zu autoritär-nationalisierenden Sichtwei- sen erkennbar. Bei Jugendlichen mit positivem Selbstkonzept und selbstkritischen Zügen waren diese Einstellungen noch zu 53, 2 Prozent dominierend. Bei Jugend- lichen mit negativem Selbstkonzept waren diese Einstellungspotientale mit 41,6 Prozent am wenigsten ausgeprägt.23Den Ergebnissen seiner Untersuchung geht Heitmeyer nicht weiter nach. Er beschäftigt sich in seiner Analyse nicht mit der

Gruppe der sozial gut eingebundenen, gesellschaftlich abgesicherten Jugendli- chen. Der Blickwinkel richtet sich bei ihm allein auf marginalisierte Jugendliche, die von Deprivationserfahrungen besonders betroffen sind.

Im Rahmen seiner Analyse von fremdenfeindlichen Straftätern (vgl. Kapitel 2.1.2) konnte Willems keine Hinweise erkennen, dass die Jugendlichen vorwiegend aus sozial benachteiligtem Sozialmileu entstammen. Weder „unvollständige Familien- strukturen“, „Scheidungserfahrungen“, „Arbeitslosigkeit der Eltern“, noch der „Berufsstatus der Eltern“ konnten als Anfälligkeits-Kriterien für rechtsextreme Straftaten bei Jugendlichen herangezogen werden.24Die Untersuchung von Wil- lems bezieht sich auf in Zahlen zu fassende Auswirkungen des Modernisierungs- prozesses, die in der Desintegrationstheorie eine Rolle spielen. Schwierig ist es, die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen von Desintegration zu überprüfen, die in der Theorie Heitmeyers ebenfalls berücksichtigt werden. Die Ablösung der Solidargemeinschaft, zunehmende Ellenbogenmentalität, das allgemeine Gefühl einer sozialen Kälte sind kaum meßbar und als Desintegrationsfaktoren unwider- legbar.

Wie bereits erläutert, ist ein wesentliches Desintegrationsrisiko moderner Indust- riegesellschaften nach Heitmeyers Theorie der „Verlust der faktischen Teilhabe an gesellschaftlichen Institutionen.“(vgl. Kapitel 2.2.1.2) Eine Einbindung jugendli- cher Arbeitnehmer in Gewerkschaftsarbeit müßte nach diesem Verständnis eine Absicherung gegenüber rechtsextremen Einstellungen bedeuten. Eine empirische Untersuchung, der Uni Tübingen im Auftrag der gewerkschaftlichen Hans- Böckler-Stiftung, kommt zu dem Ergebnis, dass der Gewerkschaftsnachwuchs stärker zu nationalistischen oder rassistischen Orientierungen neigt. Anhand von Fragestellungen zur Akzeptanz von Ausländern, zu völkischen Orientierungsmus- tern und Bereitschaft der internationalen Zusammenarbeit waren signifikante Un- terschiede zwischen gewerkschaftlichen Jugendlichen und nicht organisierten Ju- gendlichen feststellbar. National-völkische Einstellungen konnten vor allem bei der Gruppe der gewerkschaftlich eingebundenen Jugendlichen verortet werden.25

Gestützt werden diese Untersuchung noch durch die 1998 durchgeführte WDR 2 Studie, „Das rechtsextreme Wählerpotential bei Gewerkschaftsmitgliedern“, die zu dem Ergebnis kommt, dass 32% aller Gewerkschaftsmitglieder im Alter von 18-24 Jahren dazu bereit sind, eine rechtsextremistische Partei zu wählen, wäh- rend im Vergleich 17% der Nichtorganisierten sich für diese Parteien entscheiden würden.26

2.2.2.2 Heitmeyer überhöht die Bedeutung von Desintegration

Die Theorie Heitmeyers verweist auf Desintegrationsprozesse als Charakteristi- kum unserer modernen Gesellschaft. Frühere Generationen waren jedoch nicht weniger von Desintegration betroffen. Gesellschaftliche Umbrüche früherer Epo- chen stellten vielfach höhere Anpassungsanforderungen an Jugendliche, als es der jahrzehntelange schleichende, durch die Industriegesellschaft bedingte Verände- rungsprozess verlangt. Innerhalb der jüngeren deutschen Vergangenheit ist auf zwei Weltkriege zu verweisen, die in den Biographien der älteren Generation be- rücksichtigt werden müssen. Es ist zu hinterfragen, wieso in der Konzeption Heitmeyers der Desintegration eine so hohe Bedeutung für den Rechtsextremis- mus der achtziger Jahre beigemessen wird. Joachim Kersten verortet in einem historischen Rückblick, Desintegration als einen ständigen Gesellschaftsprozess.27

Es ist aber auch darauf hinzuweisen, dass Desintegrationserfahrungen sich als Bestandteil jeder Normalbiographie erkennen lassen. Unsicherheitsfaktoren sind in wesentlichen Umbruchsphasen des Lebens z.B. dem Eintritt in das Schulalter, den Übergang ins Berufsleben, Heirat, Kinder, Eintritt ins Rentenalter und letzt- endlich beim Tod wichtiger Bezugspersonen auszumachen. Der Mensch lernt im

Laufe seines Lebens diese Desintegrationserfahrungen zu kompensieren. Men- schen verfügen über eine unterschiedliche Vulnerabilität, mit Krisen fertig zu werden. Die individuellen Verarbeitungsmuster bleiben bei Heitmeyer jedoch unberücksichtigt. Christoph Butterwege vertritt die Auffassung:

„Heitmeyers Versuch, die Attraktivität rechtsextremer Orientierungsmuster für Jugendli- che aus ihrer Lebenssituation abzuleiten, haftet ein gewisses Maß an Willkür, Unverbind- lichkeit und Beliebigkeit an. Denn die sozialen Individualisierungsprozesse, Desintegrati- onserscheinungen und Tendenzen zur Paralysierung, von denen Heitmeyer spricht, wer- den unterschiedlich verarbeitet und führen - wenn überhaupt- nur selten zur Übernahme rechtsextremer Orientierungsmuster.“28Auch Helmut Willems zufolge reagieren Men- schen auf „konflikthafte, bedrohliche oder anomische Situationon nicht uniform, sondern je nach konkret verfügbaren Handlungsmöglichkeiten, individuellen Kompetenzen und Gelegenheitsstrukturen.“29

Es ist aber auch auf positive Aspekte des Individualisierungsprozesses hinzuwei- sen. Axel Görisch wirft der Desintegrationstheorie eine kulturpessimistische Sichtweise vor. „In der öffentlichen Debatte wird mitunter der Eindruck erweckt, die Individualisierung zeige überwiegend negative Folgen. Vergessen wird, dass der Schub der Individualisierung auch die Chancen von Selbstverwirklichung er- höht, neue Möglichkeiten selbstgewählter sozialer Beziehungen eröffnet.“30Die Es geht keinesfalls darum, eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen nbsp;Offenheit fördern und es erleichtern, selbstverständliche Normen und Ausgren- zungen terfragen und zu einer wachsenden Fähigkeit führen, Uneindeutig- keiten und Widersprüche besser auszuhalten. Noch vor einigen Jahrzehnten war die Bevölkerung weitaus intoleranter gegenüber abweichenden Jugendstilen, die als provozierend empfunden wurden. Es gab ein starres Normenkorsett, das z.B. zur gesellschaftlichen Ächtung unehelicher Kinder führte, Scheidungen tabuisier- te, letztendlich Unangepaßtes oder Fremdes skandalisierte, ausgrenzte oder stig- matisierte. Heitmeyer ist sich dieses Zusammenhangs durchaus bewußt, indem er betont, dass die Gewalt nur dort in Verbindung mit Desintegrationserfahrungen gebracht werden kann,,(...) wo Desintegration als Verlust von Zugehörigkeit, Teilnahmechancen oder Übereinstimmung erfahren wird. Dieses Verständnis ist abzugrenzen von Veränderungsprozessen bezüglich sozialer Beziehungen, Teil- nahmechancen der Verständigungen, die in neue Formen des Zusammenlebens einmünden.“31

Ohne negative Zuschreibung des Desintegrationsprozesses würde Heitmeyers Theorie, Rechtsextremismus als Umformung von Deprivationserfahrungen der Moderne zu deuten, nicht funktionieren.

2.2.2.3 Das Desintegrationstheorem entlastet die Mitte der Gesellschaft

Im Gegensatz zum verfassungsrechtlichen Ansatz, der den Rechtsextremismus als Randphänomen verortet, leitet Heitmeyer das Phänomen von Sozialisationsme- chanismen und Strukturen der Mitte der Gesellschaft ab. Es handelt sich bei den Desintegrationskriterien der Theorie jetzt aber um Risiken, die sich zwangsläufig aus gesellschaftlichen Umbrüchen ergeben. Damit verzichtet Heitmeyer auf eine systemkritische Auseinandersetzung und läßt die persönliche Verantwortung der Menschen für den Rechtsextremismus unberücksichtigt. KritikerInnen werfen dem Erklärungsmuster Heitmeyers, Rechtsextremismus auf die sozialpsycholigi- sche Ebene der Individualisierung zu beziehen, eine starke Entlastungsfunktion des sozialen Zentrums vor. Birgit Rommelspacher moniert.

Die Defizitthese verstellt den Blick darauf, daß wir alle, die wir in dieser Gesellschaft le- ben und von ihr profitieren, diese Mechanismen internalisiert haben. Die lenkt den Blick allein auf die Zukurzgekommenen. Nicht ich, sondern die „Anderen geraten bei einer sol- chen Orientierung in den Blick. (...) Daraus läßt sich auch die Popularität dieses Wahr- nehmungs- und Denkmusters erklären. Es dient der Selbstentlastung, da die Problematik auf einen Prototyp, nämlich den männlichen arbeitslosen Jugendlichen (...) projiziert wird.32

Heitmeyer richtet den Blickwinkel in seiner Theorie zu sehr auf die rechtsmoti- vierten Gewalttaten, die überwiegend von männlichen Jugendlichen zu verantwor- ten sind. Auch Freerk Huisken stört an der Analyse Heitmeyers, dass sie sich nur auf den Rechtsextremismus von Jugendlichen bezieht, wodurch die Mitte der Ge- sellschaft in ihrer Verantwortung geschont bleibt. Er betont, dass es sich weder bei G.Frey und F. Schönhuber noch bei ihren Wählern, weder bei den Funktionären der NPD oder der FAP noch bei den Claqueuren von Hoyerswerda und Lichtenhagen um Jugendliche handelt. Gestandene Familienväter und-mütter, gute Nach- barn und Wähler, Bürger mit oder ohne Arbeitsplatz beherrschen die Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Ebenso wie Teile des deutschen Nachwuchses. In seiner Theorie kommt H. überdies nicht ohne die Unterstellung der Existenz rechtsextremer Er- wachsene aus: Wie sollten anfällige Jugendliche, die nach politischer Orientierung su- chen, auf Rechtsextremismus stoßen können, wenn der nicht in den Köpfen von gereiften Erwachsenen einen Ehrenplatz einnehmen.33

Klaus Wahl vom Deutschen Jugendinstitut weist darauf hin, dass es völlig verfehlt wäre, „die politische Atmosphäre, die Stichwortgeber und die Beifallspender im reifen Erwachsenenalter“ aus der Problemwahrnehmung auszuklammern.34Für Heitmeyer spielt der Hintergrund der konkreten politischen und kulturellen Kon- texte, innerhalb derer Heranwachsende geprägt werden, keine Rolle. Gesellschaft- liche Institutionen wie Medien, Politik und Parteien besitzen eine Definitions- macht für Jugendliche, mit der sich die Desintegrationstheorie nicht näher be- schäftigt. Eine empirische Sozialforschung zu diesem Bereich steht innerhalb der Ursachenforschung des Rechtsextremismus unter Jugendlichen noch aus. Zudem blendet Heitmeyer das direkte soziale Umfeld der Jugendlichen aus. Dazu gehören Gespräche und Diskussionen, die im Elternhaus, der Nachbarschaft oder der Schule mit den Jugendlichen geführt werden. Als einen Untersuchungsgegenstand hat sich ein 1993 an der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal durchgeführtes Forschungsprojekt, die Korrelationsanalyse fremdenfeindlicher Einstellungen Jugendlicher zu Einstellungen ihrer Eltern, zur Aufgabe gestellt. Um diesen Sachverhalt zu untersuchen, wurde die Auswertung einer vom For- schungsteam durchgeführten Fragebogenaktion herangezogen, an der 420 Jugend- liche aus dem Raum Wuppertal teilnahmen. Ausgangsitem war hier die Fragestel- lung, ob Asylbewerber nicht nach Deutschland hereingelassen werden dürfen, bzw. zurückgeschickt werden sollten. Im Rahmen der Befragung hatten die Ju- gendlichen einzuschätzen, wie ihr direktes soziales Umfeld diese Fragen beant- worten würde. 16 % der Jugendlichen schätzten demnach ihre Eltern, 17.5% ihre

Freunde als rechtsextremistisch ein. Anhand der Beantwortung bestimmter Items des Fragenkatalogs wurden 13% der Befragten als fremdenfeindlich eingestuft. Jetzt wurde die Übereinstimmung zwischen der Einstellung der Familie bzw. Freundeskreis und der eigenen Einstellung anhand des Fragebogenitems zur Ein- stellung zu „Asylanten und Asylbewerbern“ untersucht. Im Hinblick auf Frem- denfeindlichkeit zeigte sich eine familiäre Tradition: Die Zahl der Jugendlichen, die die Grundeinstellung ihrer Eltern in Sachen „Asylbewerber“ teilt, ist um fast 80% höher als die Zahl derjenigen, die nicht mit ihren Eltern konform gehen. Während s92% der „toleranten „Jugendlichen sich ebenfalls „tolerant“ gaben, erwiesen sich 42 % der Jugendlichen von „fremdenfeindlichen“ Eltern als selbst fremdenfeindlich. Für den Freundeskreis ist das Ergebnis festzuhalten, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen davon überzeugt ist, dass ihre Freunde in der Fra- ge der Asylbewerber mit ihnen übereinstimmen.35

Als einen wesentlichen Faktor einer Erosion sozialer Milieus erkennt Heitmeyer die zunehmende Anzahl von Scheidungen. Demnach wäre die intakte Familie eine wesentliche Voraussetzung, Kinder und Jugendliche immunisierend gegenüber rechtsextremistischem Denken zu erziehen. Hierbei ist es fraglich, ob die Familie mit häufig konservativen Werte- und Normenidealen die ihr von Heitmeyer zuge- dachte Rolle als Schutz vor rechten und rassistischen Orientierungen einnehmen kann. Für Albert Scherr verantwortet gerade die internaktionale Struktur der Kleinfamilie einen nicht zu vernachlässigenden Anteil an dem rechtsextremisti- schen Denken Jugendlicher. „Der Beitrag von Erziehung zur Genese von Gewalt ist deshalb eher in der Vermittlung autoritärer Verhaltensweisen, der Tradierung von fremdenfeindlichen Feindbildern und Vorurteilen sowie einer Sozialisation zu vermuten, die dazu führt, dass Männlichkeit durch physische Stärke und Durch- setzungsvermögen definiert wird.“36 Für die Rechtsextremismusforschung wäre näher zu klären, inwieweit eigene soziale Netzwerke insbesondere die Familie und Peergroups zur Entstehung und Verfestigung fremdenfeindlicher Meinungen unter Heranwachsenden verantwortlich sind.

2.2.2.4 Die politischen Inhalte des Rechtesextremimus bleiben bei der Desintegrationstheorie unberückichtigt.

Huisken sieht in dem Nationalismus und Rassismus jugendlicher Rechtsextremer einen Beleg für eine gefundene politische Orientierung und plädiert dafür, diesen politischen Kern ernstzunehmen. Er wirft Heitmeyer eine Entpolitisierung des Rechtsextremismus vor, indem die Jugendlichen seiner Theorie nach

(...) nicht etwa politische Anhänger eines ziemlich völkischen Nationalismus, der Deutschland durch das Anzünden von Ausländern vor Überfremdung bewahren will, son- dern junge Menschen, die mit ihrem entwicklungsspezifischen Orientierungsbedürfnis von der Gesellschaft im Stich gelassen und deswegen für fremdenfeindliche Orientierung anfällig geworden sind. Sein Anliegen ist eine sozialpsychologische Anfälligkeitstheorie, bei der sich die ausländerfeindlichen Urteile und Taten der Jugendlichen erst einmal her- auskürzen.37

Dass der Rechtsextremismus Jugendlicher eine politische Dimension hat, steht außer Frage. Jugendliche Gewalttäter verstehen sich als Vollstrecker des Volkswillens und erklären ihre Gewalttaten häufig politisch. Auch hinter der einfachen Parole „Deutschland den Deutschen. Ausländer raus“, die immer wieder auf den Demonstrationen der rechten Gruppierungen skandiert wird, steht eine politisch ernstzunehmende Zielvorstellung. (vgl. Kapitel 2.5)

2.2.2.5 Das Theorieverständnis klammert geschlechtsspezifische Differen- zierungen aus

Birgit Rommelspacher wirft der Desintegrationshypothese Heitmeyers Ge- schlechtslosigkeit vor „So findet quasi eine Entbindung aus dem Geschlechterver- hältnis statt, und rechtsextreme Orientierungen werden allgemein auf `neutrale Probleme´ wie Armut und Orientierungslosigkeit zurückgeführt.38In der Realität sind Mädchen von den beschriebenen Wirkungen der Individualisierung, Hand- lungsunsicherheiten in beruflicher Hinsicht, Ohnmachtserfahrungen und geringes Selbstwertgefühl, in weit höherem Maße betroffen als Jungen. Die Diskriminie- rung der Frauen am Arbeitsmarkt ist bis heute nicht aufgehoben, es herrscht im- mer noch Chancenungleichheit der Geschlechter. Hierdurch ist auch die insgesamt pessimistischere Zukunftserwartung von Mädchen zu erklären, die Heitmeyer innerhalb seiner Studie von 1987 feststellen konnte. In Heitmeyers Befragung finden sich Items zu Handlungsunsicherheiten, Ohnmachtserfahrungen und Selbstwertgefühl, die von den Mädchen als stärker belastend empfunden werden. Sie sind öfters der Auffassung, dass „man nicht mehr durchschaut was eigentlich passiert“,39vertreten in höherer Anzahl die Auffassung, dass man auf „alles gefaßt sein muss“,40vermissen in weit höherem Masse einen sicheren Halt in Verbin- dung mit dem Fehlen eines strukturierenden Lebens. Von daher müssten eigent- lich weibliche Jugendliche für Rechtsextremismus am empfänglichsten sein, zu- mindestens in Bezug auf rechtsmotiviertes Gewalthandeln sowie beim Wahlver- halten, ist das genaue Gegenteil der Fall. Die dahingehende geschlechtssanalyti- sche Kategorie wird bei Heitmeyer fast völlig ignoriert. Wesentliche Elemente der Desintegrationstheorie sind nach Heitmeyer die Ideologie der Ungleichheit, ver- bunden mit Gewalthandeln. Birgit Rommelspacher Kritik setzt hier an: „Gewalt ist also nicht, wie das vielzitierte Konzept Heitmeyers impliziert ein notwendiges Moment rechtsextremer Einstellungen, sondern lediglich ein geschlechtsspezifi- scher Faktor in den rechtsextremen Einstellungen.41

Die im folgenden behandelten Erklärungsansätze gehen aus der kritischen Ausei- nandersetzung mit der Desintegrationstheorie hervor. Wohlstandschauvinismus als Faktor von Rechtsextremismus zu erkennen, ist eng mit der Kritik an dem von Heitmeyer postulierten Zusammenhang zwischen Krise und Rechtsextremismus verbunden. Die Geschlechtslosigkeit, die der These von Heitmeyer vorgeworfen wird, führt zur Entwicklung geschlechtsspezifischer Ansätze. Bernd Wagners Er- klärungsansatz, der sich mit den Entstehungsgründen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland auseinandersetzt, berüchsichtigt nicht zuletzt politische Begrün- dungszusammenhänge.

2.3 Wohlstandschauvinismus als Erklärungsansatz rechtsextremer Gewalt unter Jugendlichen

2.3.1 Empirischer Hintergrund des Ansatzes

Held u. a. widersprechen den gängigen Argumentationsmustern der Desintegrati- onstheorie Heitmeyers, dass insbesondere ökonomisch und sozial ungesicherte Jugendliche stärker für rechtsextreme Orientierungen anfällig sein sollen. In ihrer Untersuchung „Jugend 90“42wollten sie in einer Befragung von 314 jugendlichen Auszubildenden feststellen, ob marginalisierte Jugendliche eher rechtsorientierte Meinungen vertreten, als nichtbenachteiligte Jugendliche. Die für die empirische Untersuchung herangezogene Benachteiligtengruppe rekrutierte sich aus Jugend- lichen, die trotz erschwerter Bedingungen eine Ausbildung anstrebten. Die meis- ten dieser Jugendlichen nahmen an einer Bildungsmaßnahme beim Internationalen Bund für Sozialarbeit teil, der eine überbetriebliche Ausbildung für Schülerinnen und Schüler anbietet, die durch schlechte Schulnoten oder fehlenden Schulab- schluss nicht die Vorraussetzungen zum Erhalt eines betrieblichen Ausbildungs- platzes erfüllen. 20% dieser Gruppe besaßen keinen Hauptschulabschluss. Die andere Hälfte der Befragten waren nicht benachteiligte Jugendliche aus florieren- den Ausbildungsbetrieben der Metallindustrie, deren spätere Übernahme gesichert erschien. 40% dieser Gruppe hatten das Abitur. Durch Parallelisierung von zwei Stichproben in den sozialstatistischen Merkmalen, bestanden in den beiden Ver- gleichsstichproben keine signifikanten Unterschiede mehr bezüglich des Ge- schlechts, Alters, Ausländeranteils und im Stadt-Landverhältnis. Nach der Desin- tegrationstheorie von Heitmeyer hätte die Gruppe der benachteiligten Jugendli- chen insgesamt gefährdeter für die Übernahme rechtsextremer Inhalte sein müs- sen, weil sie in ungünstigeren Wohn-, Familienverhältnissen und über einen nied- rigeren Schulabschluss verfügten, als die Vergleichsgruppe. Die Studie kam zu dem gegenteiligen Ergebnis, dass die Nicht-Benachteiligten Gruppe eine signifi- kant größere Anfälligkeit für Rechtsextremismus aufwies als die Benachteiligten. 27% der Nicht-Benachteiligten bewerteten das erfolgreiche Abschneiden der Re- publikaner bei den Kommunalwahlen in Baden-Württemberg als positiv. 60 % dieser Gruppe vertraten die Meinung, von den Asylbewerbern wollen die meisten nur von unserem Wohlstand leben, gegenüber 31 % der Benachteiligten, die die- ser Auffassung waren. Besonders überraschend erscheint das Ergebnis, dass nur 22% der Nicht-Benachteiligten Gruppe eine politische Verfolgung der Asylbe- werber annahmen, während 48% der Benachteiligten diesem Fluchtgrund zu- stimmten. 50 % der Benachteiligten Jugendlichen erklärten sich mit der Aussage „Ausländer rein“ einverstanden, gegenüber nur 19 % der Nichtbenachteiligten.

Leiprecht und Mitarbeiter kamen bei ihrer Untersuchungsauswertung aber auch zu der Feststellung, dass benachteiligte Jugendliche bei der Frage nach den Ursachen von Arbeitslosigkeit stärker auf die Ausländer bzw. Aussiedler hinwiesen. Hier waren die Ergebnisse 15% der Benachteiligten-Gruppe gegenüber 6% der nicht- benachteiligten Jugendlichen. Dieses Item besitzt für die Analyse der Einstel- lungspotentiale der beiden Untersuchungsgruppen hohe Bedeutung. Ebenso wie die Frage zur politischen Orientierung, die in der Erhebung lautete: „Die Bundes- republik gehört zu den reichsten und wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt. Liegt das vor allem daran, daß Deutsche fleißiger und pflichtbewußter sind als andere?“43Bei dieser Frage waren insgesamt 80 % der NB-Gruppe der Meinung, dass es zumindest „teilweise daran liegt“, während es bei den Benachteiligten deutlich weniger waren. Die hohe Prozentzahl in der Zustimmung zu diesem Item der sozial-gut eingebundenen Jugendlichen, die eine signifikante Abweichung aufweist, stellt eine bedeutende Rolle für den Ansatz von Leiprecht dar. Die kont- rären Meinungsbekundungen zu den beiden Fragen durch die beiden Gruppen deuten darauf hin, dass:

ƒ- rechtsextreme Einstellungen von benachteiligten Jugendlichen, die vorrangig von Arbeitslosigkeit oder vom drohenden Arbeitsplatzverlust betroffen sind, an diesen Problemlagen ansetzen
ƒ- bei der Gruppe der Nichtbenachteiligten, die in den restlichen Items eine hö- here Nähe zu rechtsextremen Orientierungsmustern aufweisen und ein niederes Risiko des Arbeitsplatverlustes aufweisen, eigene Beweggründe für ihre Einstellungen zu differenzieren sind

2.3.1.1 Deutung des empirischen Befundes- Wohlstandschauvinismus als Faktor zur Erklärung des Rechtsextremismus

Leiprecht und MitarbeiterInnen erklären aus diesem Grund ihre Untersuchungser- gebnisse mit der Segmentierung der jugendlichen Arbeitnehmer in zwei verschie- dene Lebenslagen. Diese Spaltung des Wirtschafts- und Gesellschaftsystems in Kern und Peripherie benennen sie als „Marktsegmentierung“. Im Gegensatz zu Heitmeyer vernachlässigen sie in ihrer Analyse nicht die signifikant weniger Auf- fälligen-Gruppe. Für Leiprecht u. a. lassen die Untersuchungen erkennen, „dass es neben den beschriebenen unmittelbaren Reaktionen in schwieriger Lebenslage, die in den gängigen Defizit und Deklassierungstheorien in bestimmter Weise durchaus abgebildet werden, eine andere Basis für Rechtsorientierung gibt, die vor allem die `Gewinner´ der gesellschaftlichen Modernisierung betrifft.“44Be- nachteiligte Jugendliche, die von drohender Arbeitslosigkeit stärker betroffen sind, fassen ausländische Arbeitnehmer als Konkurrenten um Arbeitsplätze auf. Der Zustrom von Aussiedlern, Flüchtlingen und Gastarbeitern wird von den Un- terprivilegierten als Bedrohung ihres angestrebten sozialen Status empfunden. Rechtsextremistische Orientierungen sind nicht nur für soziale benachteiligte Gruppen attraktiv. Nach Ansicht Leiprechts ist die Affinität zum Rechtsextremis- mus bei Jugendlichen in ökonomisch stabilen und privilegierten Soziallagen auf einen Wohlstandschauvinismus begründet. Von seiner priveligierten Stellung möchte man nichts einbüßen und es besteht Einigkeit darüber, dass die Stellung Deutschlands in der Welt auf Fleiss und der Erfindungsfähigkeit basieren. Nach internalisiertem kapitalistischen Leistungsdenken werden Menschen nach Kosten- Nutzenfaktoren eingeteilt. Menschen, die der sozialen Gemeinschaft keinen Nut- zen bringen, sind nur soweit akzeptiert, dass sie den eigenen sozialen Status nicht gefährden. Der Wohlstand wird als verdient betrachtet. Aus der eigenen Position heraus wird das Privileg abgeleitet, zur dominanten Kultur zu gehören. Durch kapitalistische Zusammenhänge bedingte soziale Ungleichheiten werden zu einer natürlichen Gesellschaftsordnung verklärt. Folgegemäß sind die durch Selbstver- schulden, d.h. Versagen im Konkurrenzkampf oder aber, durch natürliche Dispo- sitionen als „Schwächer“ deklarierten Gesellschaftsmitglieder, von der Gemein- schaft auszugrenzen. Die Betonung des Konkurrenz- und Leistungskampfes im kapitalistischen Gesellschaftssystem ist ein wesentlicher Faktor von Ausgrenzung.

Auf den Konkurrenzdruck innerhalb unserer Gesellschaftsform geht auch Birgit Rommelspacher näher ein:

„Es sind nicht in erster Linie reale Probleme im Sinne von Verarmung oder sozialer Ver- elendung. Es muss sich daher um subjektiv wahrgenommene Probleme handeln. Diese bemessen sich aber nicht nur dadurch, was einem Menschen objektiv mangelt, sondern dadurch, was er im Vergleich zu anderen nicht hat, zu wenig hat. Es geht letztlich um ein verinnerlichtes Gefühl dessen, was einem `mir´ zusteht. Dieses `mir zustehen´ ist Aus- druck unhinterfragten selbstverständlichen Gefühls `zu den besseren´ zu gehören. Dieses verinnerlichte Gefühl hat seinen Ursprung in einer Kultur, die sich als dominante begreift: Die Kultur des weißen Mannes. Haben-mehr haben- am meisten haben: die Akkumulati- on des Kapitals durchdringt unser Denken, Fühlen und Handeln. Es bedarf nicht der Mangelsituation, des Defizits, um (mehr) haben zu wollen.45

2.4 Geschlechtsspezifische Unterschiede als Erklärungs- ansatz der Problematik

2.4.1 Empirischer Hintergrund des Ansatzes

In einer Totalerhebung analysierten Pr. Roland Eckert und Dr. Helmut Willems an der Universität Trier sämtliche Tatverdächtigen, gegen die wegen fremdenfeindli- cher Straftaten zwischen dem 1.5.1992 und dem 31.12. 1993 in der Bundesrepu- blik polizeilich ermittelt wurde. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass 94,9% der Tatverdächtigen männlichen Geschlechts sind.46Frauen tendieren auch im Wahlverhalten weniger zu Parteien des rechtsextremistischen Spektrums, und es ist eine geringere Präsenz von Frauen in den Parteien und Organisationen zu verzeichnen. Die Rechtsextremismusforschung geht im allgemeinen bei Wahlen rechtsextremistischer Parteien durchschnittlich von einem Verhältnis von 2/3 Männern und 1/3 Frauen und einem Frauenanteil von um die 10% in organisierten rechtsextremen Gruppen aus.

Eine Untersuchung von Ursula Birsl relativiert das Untersuchungsergebnis einer auf Männlichkeit reduzierten Betrachtungsweise des Rechtsextremismus. Der Blickwinkel richtet sich bei ihr nicht nur auf das eindeutig von männlichen rechts- extremen Jugendlichen dominierte direkte körperliche Ausagieren von Gewalt. Es zeigt sich, dass sich die Einstellungsmuster männlicher und weiblicher Jugendli- cher weitaus geringfügiger unterscheiden. Anhand der Lebenslagen, Einstellungen und Orientierungen von 279 Auszubildenden und Vollzeitschülern, die aus dem südlichen Niedersachsen, der Region um die Universitätsstadt Göttingen, stam- men, erkundet Birsl, ob sich bei rechtsextremistischen Orientierungen von Ju- gendlichen geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen lassen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass bei etwa 15% der weiblichen und bei über einem Drittel der männlichen Jugendlichen fremdenfeindliche Orientierungsmuster und völkisches und nationales Denken festgestellt werden kann.47Bei der im Mai und Juni 1998 von den Berliner Politologen Richard Stöss und Oskar Niedermayer durchgeführ- ten Studie „Rechtsextremismus, politische Unzufriedenheit und das Wählerpoten- tial rechtsextremer Parteien in der Bundesrepublik (vgl. Kapitel 2.5.1) war der Anteil der rechtsextremen Einstellungspotentiale mit je 13% auf beide Geschlech- tergruppen gleichmäßig verteilt.48

Festzustellen ist:

ƒ- Es gibt eine typisch männliche Dimension des Rechtsextremismus.

ƒ- Frauen haben einen strukturell-anderen Zugangsweg zu rechtsextremen Ein- stellungsmustern.

2.4.1.1 Männliche Sozialisationsmuster, weibliche Sozialisationsmuster sind bei einer geschlechtsspezifischen Theorie zu berücksichtigen

Kersten geht auf die tradierte Männlichkeitsrolle in unserer Gesellschaft ein. Er richtet seinen Blickwinkel auf die körperliche Gewaltform. Kersten charakterisiert „Jugendgewalt als männlich dominierte Auffälligkeit und Auseinandersetzung um hegemonale Männlichkeit“49Männliche Geschlechtsrollenstereotypen, wie Stär- ke, Macht, Aggressivität und Durchsetzungsfähigkeit, bis hin zu gewalttätigem Verhalten seien „historisch oder kulturanthropologisch aufzufassen“50Als Bei- spiel verweist Kersten auf die Selbstinszenierung von Männlichkeit bei rechtsex- tremen Skinheadgruppen, bei denen die tradierten Geschlechterollen bis ins Ex- tremste karikiert werden. Die Jugendkultur der Skinheads zeichnet sich durch ge- sellschaftlich als besonders männlich gedeuteten Wertvorstellungen, wie Kamp- fesmut, Kraft, Durchsetzungsfähigkeit, Erbarmungslosigkeit aus, während Attri- bute wie Schwäche, Rückzug, Mitleid als weibliche Verhaltensweisen abgewertet werden.51Im Gegensatz dazu, ist das ideale Frauenbild in den rechtsextremen Gruppierungen als Umdeutung dieses typisierten Männerbildes zu verstehen. Feigheit und Schwäche, als heroisiertes männliches Ideal, werden Frauen in Form höflicher Zurückhaltung zugebilligt. Männliche Gnadenlosigkeit wird ersetzt durch die bekümmerte Mütterlichkeit des tradierten Frauenbildes.

2.4.1.2 Weibliche Dominanzkultur als Erklärungsfaktor des geschlechts- spezifischen Rechtsextremismus

Auch Birgit Rommelspacher erkennt in personal-schädigender körperlicher Ge- walt einen geschlechtsspezifischen Faktor in rechtsextremen Einstellungen.52Sie warnt dennoch vor einer Verkürzung des Rechtsextremismus auf ein Männerprob- lem und verweist auf „spezifische Äußerungsformen und Handlungsmuster von Frauen und Mädchen(...), in denen diese gewalttätig und ausgrenzend sind.“53 Rommelspacher sieht in der Geschlechterdifferenz einer typisch weiblichen bzw. typisch männlichen Sozialisation einen ersten Ausdruck einer „prinzipiellen An- dersartigkeit von Menschen“54Durch Erziehung angeeigneter Modelle der Un- gleichwertigkeit von Menschen bewirken, dass Menschen Konflikte durch Hierar- chisierungen zu lösen lernen. Menschen lernen, „wer sich unterwirft, der ist auch dominant, und wer herrscht, ist auch den Herrschenden gegenüber unterwür- fig.(...)“55.

Der Blick muss auch auf frauenspezifische Interessen an Unterwerfung und Macht gerichtet werden. Die Unterwerfung bietet Teilhabe an der Macht und Sicherheit . Die Abwertung, von Menschen, die auf der untersten gesellschaftlichen Stufe ste- hen, wie z.B. Flüchtlinge kann demgegenüber Frauen bei der Bewältigung ihrer, in der patriachalen Welt erfahrenen Gewalt stützen. Aus diesem Grunde „ist auch ihr eigenes Interesse an Macht und Priviligierung zu sehen (...)56Für Rommelspa- cher können somit auch Frauen gegenüber ihnen hierarchisch untergeordneten Menschen Dominanzverhalten ausüben, um Diskriminierungserfahrungen auf die Schwächeren abzuwälzen. Sie sind ihrerseits Nutznießer einer Dominanzkultur, die ethnischen gesellschaftlichen Minderheiten ablehnend gegenüber steht.

2.5 Eine politisch- soziologische Theorie, die Besonderhei- ten des Rechtsextremismus in Ostdeutschland zu er- klären

2.5.1 Empirischer Hintergrund

Rechtsradikalismus stellt sich als ein besonderes schwerwiegendes Problem auf dem Gebiet der ehemaligen DDR dar. Bei der im Mai und Juni 1998 von den Ber- liner Politologen Richard Stöss und Oskar Niedermayer im Auftrag der durchge- führten Studie „Rechtsextremismus, politische Unzufriedenheit und das Wähler- potential rechtsextremer Parteien in der Bundesrepublik im Frühjahr 1998“, ka- men die Forschenden zu dem Ergebnis, dass rechtsextreme Einstellungen inner- halb der Bevölkerung der neuen Bundesländer überproportional im Vergleich zum Westen vertreten sind. Anhand von Schlüsselfragen wurde versucht, Kenntnisse über das Ausmaß und die Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts innerhalb der Bevölkerung zu gewinnen. 13 Prozent der Bevölkerung (ab 14 Jahre) verfügen demnach über ein rechtsextremes Weltbild. Aufgeschlüsselt sind es 17% im Os- ten, gegenüber 11% im Westen. Der Ost-West-Unterschied, so lässt sich nach Ansicht von Niedermeier aus den Umfrageergebnissen ableiten, besteht vor allem darin, das autoritäre und fremdenfeindliche Einstellungen in den neuen Bundes- ländern stärker ausgeprägt sind als in den alten. Auch das rechtsextreme Gewalt- potential in Ostdeutschland ist quantitativ und qualitativ gefährlicher einzuschät- zen als in Westdeutschland. Obwohl nur 18% der Bevölkerung der Bundesrepu- blik im Osten leben, sind im Jahre 1998 mit 46% fast die Hälfte der Gewalttaten in Ostdeutschland verübt wurden. Im Durchschnitt wurden in diesem Jahr in den neuen Bundesländern 2,4 % Gewalttaten je 100.000 Einwohner registriert, in den alten Länden 0.7 %57Im Wahlverhalten tendieren Ostdeutsche eher zu Rechtsau- ßen-Parteien. Dennoch eignen sich Wahlergebnisse nur unter Vorbehalt als Hin- weis für rechtsextreme Einstellungspotentiale. Nicht zwangsläufig führen die Ent- stellungen auch zu entsprechendem Wahlverhalten. Als auf Landesebene bisher einmaliges Resultat konnte die DVU im April 1998 in Sachsen-Anhalt 13% der Stimmenanteile aufweisen. In seiner Analyse von drei Wahlen des Septembers 1998 gelangte Richard Stöss zu dem Ergebnis, dass rechtsextremistische Parteien in den neuen Bundesländern erfolgreicher waren als in den alten. DVU, NPD und Republikaner konnten dort 5,0 Prozent der Wählerstimmen für sich verbuchen. In Westdeutschland erreichten die Rechtsaußen Parteien nur 2,9 % als Wahlergebnis. Vor allem Jungwähler entschieden sich für diese Parteien. 15,2 Prozent der 18- 21jährigen (West: 5,7%) und 10,8 Prozent der 22-24jährigen (West: 4,2%) gaben am Wahltag an, eine der drei rechtsextremen Parteien gewählt zu haben.58

Die Ergebnisse der Rechtsradikalismusanalyse lassen sich nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in Ostdeutschland übertragen, da hier von anderen gesellschaftlichen Bedingungen ausgegangen werden muss. Der Diskurs um die Ursachenforschung bringt u.a. eine politische Dimension in die Diskussion ein.

2.5.2 Erläuterung des Konzepts von Bernd Wagner

Die Diplomarbeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Thesen des Krimi- nologen Bernd Wagner zum Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern. Er war schon bei der Kriminalpolizei der DDR mit der Bekämpfung rechtsextremer Tendenzen beschäftigt. Bis Ende 1991 gehörte er als Abteilungsleiter Staatsschutz dem gemeinsamen Landeskriminalamt der neuen Bundesländer an und ist heute der Vorsitzende des Zentrums Demokratische Kultur in Berlin. Hier versucht er, die Ergebnisse seiner Arbeit praktisch umzusetzen, auf die die Diplomarbeit in einem eigenen Kapitel eingehen wird. Wagner verweist auf zwei Dimensionen, die zur Erklärung der besonderen Dimension des Rechtsextremismus in Ost- deutschland heranzuziehen sind.

historische Dimension

ƒ- Der Rechtsextremismus in den neuen Ländern ist noch auf das politische Sys- tem der DDR zurückzuführen.

ƒ- die Vereinigungskrise, als Umbruchsphase, ist einer besonderen Bedeutung zuzumessen.

soziokulturelle Dimension

ƒ- die strukturelle Umwandlung einer politischen in eine soziokulturelle Bewe- gung59

2.5.2.1 Die Verantwortung des DDR-Systems für den Rechtsextremismus

Wagner vertritt die Ansicht, dass Versatzstücke des Rechtsextremismus sich be- reits im real existierenden Sozialismus der DDR wiedergefunden haben. Wagner skizziert eine politische Situation, in der es dem DDR System grundlegend an demokratischer Kultur mangelte. Das Alltagsleben war von Autoritätsdruck, Kon- formität und Vormundschaftlichkeit gekennzeichnet. Wagner vertritt die These, dass diese Erfahrungen den Schlüssel für das Festhalten der neuen Bundesbürger an Orientierungsmuster darstellen, die „ebenfalls autoritär, vormundschaftlich und konformitätsbildend sind.“60Bereits in der Schule war das Verhältnis der Schüler zu den Lehrern autoritär geprägt „Ruhe und Ordnung hatten Vorrang vor Kreativi- tät und produktiver Verunsicherung“. Individualität wurde dem Kollektiv unter- geordnet:

Mit jeder persönlichen Eigenschaft konnte man ins Licht der Gruppe gezogen und diszi- plinarischen Maßnamen unterzogen werden. Es herrschte eine totale, entindividualisierte Unterwerfung des Einzelnen unter die Gruppe (...) Es gab eine Wertekoalition zwischen der SED-Führung, der Staatssicherheit und der Masse der breiten Bevölkerung, ein ge- meinsames Unbehagen gegenüber allem Kreativen, Individualistischen, Avantgardisti- schen oder Unkalkulierbaren. Dieser zwischen `SED Führung, der Staatssicherheit und der breiten Masse der Bevölkerung´ bestehende Konsens der Ablehnung, betraf insbeson- dere jugendliche Subkulturen wie Punks, Waver und Grufties, die sich gegen die gesell- schaftlichen Zustände in der DDR auflehnten.61

Auch gegenüber weiteren Randgruppen der DDR Gesellschaft, hier besonders den VertragsarbeiterInnen aus anderen sozialistischen Staaten, waren Ressentiments vorhanden. In der DDR gab es einen minimalen Anteil von Nicht-Deutschen, der für die gesamte DDR 1.2 % ausmachte, während in Ost-Berlin 1,6% ohne DDR- Pass lebten.62Etwa die Hälfte dieser Gruppe stellten die VertragsarbeiterInnen, die aufgrund von bilateralen Regierungsabkommen zwischen der DDR und den jeweiligen Herkunftsstaaten zu einer 4-5 jährigen Arbeitstätigkeit bzw. berufli- chen Qualifizierung in das Land gekommen waren. Sie lebten ghettoisiert und ohne eine adäquate rechtliche Absicherung. Das Bleiberecht betrug 4-5 Jahre und konnte höchstens um 2 Jahre verlängert werden. Die Aufenthaltsgenehmigung konnte ohne Angaben von Gründen zeitlich und örtlich beschränkt werden. Die VertragsarbeiterInnen wohnten nach Geschlechtern getrennt in Gemeinschaftsun- terkünften, wobei ihnen nach den gesetzlichen Vorschriften pro Person 5m² Wohnraum zur Verfügung gestellt wurden. Frauen erfuhren eine besonders schwerwiegende Diskriminierung. „(...), Schwangerschaft und Mutterschaft“ so etwa heißt es in einer Vereinbarung vom 21.7. 1987 zwischen der DDR und Viet- nam, seien mit dem „Delegiertenauftrag“ nicht vereinbar. Schwangere ausländi- sche Arbeiterinnen wurden daher regelrecht verfolgt: Sie wurden zur Abtreibung oder zur Ausreise gezwungen.“63Neben der strukturellen Gewalt erfuhren die VertragsarbeiterInnen aber auch Ablehnung und Missgunst seitens der DDR Be- völkerung, die von einer privilegierten Stellung dieses Personenkreises ausging. Vorurteile, wie die „Ausländer“ würden in West Mark bezahlt oder sie erhielten besondere Arbeitszulagen, waren in der DDR-Bevölkerung weit verbreitet. Sie konnten sich verfestigen, weil außerhalb der Arbeitswelt nur wenige Kontakte zu den Vertragsarbeitern bestanden, die zudem noch von der Staatssicherheit miss- trauisch beäugt wurden. Bernd Wagner geht in seiner Studie auf die Stimmungs- lage der einheimischen Bevölkerung zu den Fremdarbeitern ein:

Zum Beispiel gab es in Eberswalde eine Fleischfabrik, in der in den 80er Jahren sehr viele kubanische Vertragsarbeiter beschäftigt waren. Das erzeugte sehr viel Unmut im Durchschnitt der in der Umgebung wohnenden Bevölkerung. Bereits damals gab es die stereotypen Sprüche, die man heute allenthalben hört. Die Kubaner belästigen die deutschen Frauen, beginnen Streit, sorgen für Unruhe und Unordnung (...)64

In der DDR gab es ab Anfang der 80er Jahre eine sich als rechtsextrem bekennen- de Jugendszene. Die Anfang der 80 er Jahre aus der Hooliganszene entstandene

Boneheadbewegung65richtete sich nicht zuletzt provozierend gegen das staatlich verordnete antifaschistische Staatsdoktrin. Rechtsradikale Äußerungen in der Öf- fentlichkeit, Symbole aus der Nazizeit und faschistische Reden waren vor allem Mittel, seinen Protest gegen das bestehende System auszudrücken. Richard Stöss konstatiert „Die rechtsextremen Parolen bedeuteten anfangs weniger eine Identifi- kation mit dem Nationalsozialismus, sondern vor allem einen gezielten Tabubruch mit der antifaschistischen Staatsdoktrin der DDR, eine Identifikation mit dem Feind des Feindes“66Dem politischen Selbstverständnis nach war die DDR ein antifaschistischer Staat. Der Artikel 6 (1) der DDR Verfassung lautete „Die deut- sche Demokratische Republik hat getreu den Interessen des Volkes und den inter- nationalen Verpflichtungen auf ihrem Gebiet den deutschen Militarismus und Na- zismus ausgerottet. Sie betreibt eine dem Sozialismus und dem Frieden, der Völ- kerverständigung und der Sicherheit dienende Außenpolitik.“67Die DDR ging von einem Faschismusbegriff aus, der auf dem monokausalen Erklärungsansatz der Kommunistischen Internationale beruht. Dieser wurde von dem bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff geprägt. Er charakterisierte 1935 die nationalso- zialistische Regierung Deutschlands als „offen terroristische Diktatur der reaktio- närsten, am meisten chauvinistischen und am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“68Diesem Grundsatz nach, sind diese sozialistischen Staaten vom Faschismus befreit. Obwohl sich die Skinheadbewegung der DDR direkt- konfrontativ gegen das Antifaschismusdoktrin der DDR stellte, war das Verhältnis der Staatsicherheit zu den rechten Jugendcliquen als uneinheitlich zu benennen, wie in der folgenden Formulierung einer vertraulichen Verschlußsache der Rosto- cker Abteilung der Staatsicherheit vom März 1988 abzuleiten ist. „Die überwie- gende Mehrheit der Skinheads geht einer Arbeit nach. Im Gegensatz zu anderen negativ-dekadenten Jugendlichen zeigen sie zum Teil gute Arbeitsleistungen, Ar- beitsdisziplin und werden in den Betrieben anerkannt“69Die Skinheads traten in der DDR öffentlichkeitswirksam mit nationalistischen, rassistischen und antisemi- tischen Parolen oder Gewalttaten bei Fussballspielen, Stadtfesten oder anderen

Veranstaltungen auf. Handelte es sich zu Beginn weniger um politisch- organisierte Strukturen, entwickelten sich die Cliquen ab Mitte der 80er Jahre auch unter dem Einfluss und der Zusammenarbeit von westlichen rechtsextremen Gruppen, wie die Nationalistische Front, die FAP und die Deutsche Alternative ideologisch weiter. Unter den Skins verfestigten sich Ausländerhaß, Antisemitis- mus und Antikommunismus einhergehend mit wachsender Gewaltbereitschaft.70 Inzwischen differenzierte sich die rechtsextreme Jugendszene der DDR in Skin- heads und in Gruppen aus, deren Mitglieder sich als „Faschos“ bezeichneten und strukturell und ideologisch gefestigter waren. Diese rechtsextremen Gruppen, die sich von der Subkultur der Skinheads durch ihr Eltitebewußtsein, ihre äußerliche Unauffälligkeit und konspirativ politisches Handeln von den Skinheads abhoben, bildeten den organisatorischen Kern des Rechtsextremismus in der DDR. Bernd Wagner beschreibt diese Entwicklung folgendermaßen:

Schon während der Jahre 1984 und 1985 hatten sich Teile der Skinszene als „Naziskins“ definiert. Aus und neben der Skinheadkultur entstand dann etwa 1987 eine Identitätsform Jugendlicher, die sich selber (!) Fascho nannte. Der Begriff Fascho wurde nachweislich bereits im Jahr 1986 in der Umgangssprache von Skinheads benutzt. Er bezeichnete Personen im Kontaktfeld mit deutlich artikulierten neonazistischen Ansichten71

Erst 1987 wurde die Problematik rechtsextremer Jugendcliquen von der Politik und von den Medien der DDR thematisiert. Auslöser war ein von großer Brutalität gekennzeichneter Überfall auf ein Punk-Konzert in der Ostberliner Zionskirche am 17.Oktober 1987. Die Täter, unter denen sich auch 20 West-Skins befanden, wurden im ersten Skinheadprozess der DDR zu teilweise hohen Strafen verurteilt. In der Folgezeit häuften sich rechtsmotivierte Gewalttaten und Sachbeschädigun- gen. Rechtsextremistische Einstellungsmuster reichten inzwischen bis in die Normaljugend hinein: Bei einer von den Ostberlinern Sozialwissenschaftlern Günther Gusche und Peter Ködderitzsch kurz nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 durchgeführten Befragung, die von 368 DDR Bürgern beantwortet wurde, ließen vor allem die bis 25-jährigen Affinitäten zum Rechtsextremismus erkennen. Ein Drittel der befragten Jugendlichen erklärten sich völlig oder teil- weise einverstanden mit dem Statement: „Nicht unsere Umwelt, sondern unsere

Rasse muss rein erhalten werden“, über 23 % der jungen DDR-Bürger waren zu- mindestens teilweise der Ansicht „Der Einfluss von Juden und Freimaurern auf unser Land ist heute noch groß“. Die bekannten Vorbehalte gegenüber „Ausländern“ „Sie kaufen uns die Ware weg“, „Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder „Die Deutschen haben eine Reihe von guten Eigenschaften wie Fleiß, Pflichtbewußtsein und Treue, die andere Völker nicht haben“ wurden jeweils mindestens von der Hälfte der Befragten bestätigt.72

2.5.2.2 Bedeutung der Vereinigungskrise

Mit dem Fall der Mauer und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wur- den bei den Bürgern der ehemaligen DDR ökonomische und soziale Erwartungen geweckt, die bis heute nicht erfüllt werden konnten. Die DDR Bürger hatten ein stark idealisiertes Bild vom Westen, das nach der Wende in sich zusammenfiel. Jetzt mussten sie erkennen, dass mit der Übernahme des kapitalistischen Systems erhebliche materielle Risiken des Scheiterns verbunden sind. Die Wiedervereini- gung bedeutete gerade für Jugendliche und junge Erwachsene einen eindeutigen Bruch in ihrer Lebens- und Erwerbsbiographie. Waren in der ehemaligen DDR die beruflichen und sozialen Entwicklungsmöglichkeiten weitgehend staatlich vorgegeben und abgesichert, trifft das Individuum im Kapitalismus auf starke Konkurrenz, gegen die es sich erst behaupten muss.

Die rechtsradikale Jugendszene in der DDR hat seit der „Wende“ in der DDR und der Öffnung der Grenze einen bemerkenswerten Aufschwung genommen, der bis heute anhält. Die rechtsextremistischen Einstellungen werden von großen Teilen der Bevölkerung geteilt. Sie sind durch Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Ü- berhöhung der eigenen Kultur gekennzeichnet und werden durch ein starkes Kon- formitätsgefühl zusammengehalten. Zu der Gruppe der Vertragsarbeiter, die in der Phase des Umbruchs besondere Ablehnung erfuhren, richtet sich der Fremdenhass der Bevölkerung jetzt vor allem gegen Flüchtlinge, die von der Bundesrepublik nach den Bestimmungen des Asylrechts bzw. Aussiedlerrechts aufgenommen werden müssen. Es kam Anfang der 90er Jahren zu Pogromen von Jugendlichen gegen diese Gruppe, die in weiten Teilen der Bevölkerung ihre Zustimmung fan- den. Das Kollektiv der ehemaligen DDR Bürger, so schien es, fühlte sich als Deutsche dritter Klasse und vertrat die Ansicht, die Nicht-Deutschen würden bes- ser behandelt, als sie selbst. Sozialneid und Zukunftsängste mündeten in eine völ- kisch-nationale Bewegung der einheimischen Bevölkerung gegen alles Nichtdeut- sche. Fremdenfeindliche Übergriffe sind inzwischen zur Normalität in Ost- deutschland geworden. Demokratische Werte konnten sich im Bewußtsein der neuen Bundesbürger kaum verankern.

2.5.2.3 Die strukturelle Umwandlung einer politischen in eine soziokultu- relle Bewegung

Bernd Wagner beschreibt in seiner Studie die strukturelle Umwandlung einer poli- tischen in eine soziokulturelle Bewegung. Die rechtsextremistische Jugendkultur, deren Anfänge bis in Zeiten der DDR zurückreicht, hat seit der Wende einen star- ken Zulauf erhalten. Ihr ist es gelungen, durch Konsumangebote wie Musik, Fan- zines, Computerspiele, Outfit und Aktionsritualen eine große Faszination auf wei- te Teile der Jugend ausüben. Gerade die Boneheadbewegung stellt die dominante Jugendkultur, die es vor allem durch ihre Gewaltbereitschaft schafft, Andersden- kende und gesellschaftlich marginalisierte Gruppen auszugrenzen. Ihr gelingt es, soziale Räume, d.h. Jugendclubs, Gaststätten, öffentliche Plätze oder Wohngebie- te zu beherrschen. Für nichtkonforme Jugendliche, die sich dem rechten Mainstream nicht anpassen wollen, gibt es nur die Alternativen, möglichst unauf- fällig zu leben, selbst gewalttätig gegen die Rechtsextremen vorzugehen oder letztendlich, wenn der Druck der Umgebung nicht mehr auszuhalten ist, von dort wegzuziehen.73

Nach der Ansicht von Anetta Kahane ist es in weiten Teilen Ostdeutschlands den Rechtsextremen gelungen, das gesellschaftliche Klima mitzubestimmen.

Dies hat zwei Gründe: Zum einen können sie Identität und Sinn stiften, da die rechten Ju- gendlichen und ihre Kameradschaften mit ihren klaren Botschaften und selbstbewußtem Auftreten auf Unentschlossene sehr attraktiv wirken. Hierzu gehört auch eine entwickelte Jugendkultur mit Rockmusik, Kleidung und Jugendsprache. Zum anderen setzt das rechte Weltbild auf Wertvorstellungen und Lebensgefühle, wie sie auch von sehr vielen Erwach- senen geteilt werden. Es entsteht ein rechtsextrem orientiertes Lifestyle-Syndrom.74

Weil diese durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit getragene Jugendsubkultur mit ihrem Normen- und Wertesystem eindeutige Unterstützung auch von Teilen der Erwachsenenwelt erfährt, entsteht auf Gebieten der DDR eine neue soziale Bewegung von Rechts. Ethnische Minderheiten werden von Jugendlichen wie Erwachsenen gleichermaßen als TrägerInnen bestimmter negativer Eigenschaften stigmatisiert. Nach sozialdarwinistischen Prinzipien wird eine Höherwertigkeit der eigenen einheimischen Kultur unterstellt. Diese ist vermeintlich durch die Anwesenheit der Fremden gefährdet. Durch rechtsextremistische Tendenzen in der Bevölkerung gestützt, versteht sich die hegemonale Jugendsubkultur als „Vollstrecker des Volkswillens“. Die rechtsextremen Organisationen konstituie- ren sich als „Speerspitzen der Bewegung“.

Rechtsextremistische Organisationen greifen das Phänomen auf, dass es Rechts- extremisten gelingt, die kulturelle Hegemonie in bestimmten Gebieten zu erlan- gen. In einem Strategiepapier des Nationaldemokratischen Hochschulbundes, der Studentenorganisation der NPD, wurde der Begriff der befreiten Zone formuliert. Das Pamphlet ist explizit auf die Situation in Ostdeutschland, „Mitteldeutschland“ im Sprachgebrauch der Rechtsextremen, zugeschrieben. Nach Ansicht der Verfas- ser ist dieses Gebiet eine „Hauptkrisenregion“ die sich in der Phase der politi- schen Neuorientierung befindet. Die Rechtsextremisten rechnen sich in der Nachwendezeit gute Chancen aus, den regionalen gesellschaftlichen Zustand für eigene Ziele nutzen zu können. „Befreite Zonen“ sind demnach „in erster Linie in Mitteldeutschland zu schaffen.“ Der NHB schreibt über diesen Strategiebegriff:

Wir betrachten die befreiten Zonen aus militanter Sicht, also aus der Sicht des politischen Aktivisten. Es geht keinesfalls darum, eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen Unsinn ins Leben zu rufen. Nein, befreite Zonen bedeutet für uns zweierlei. Einmal ist es die Etablierung einer Gegenmacht. Wir müssen Freiräume schaffen, in denen wir faktisch die Macht ausüben, in denen wir sanktionsfähig sind, d.h. wir bestrafen Abweichler und Feinde, wir unterstützen Kampfgefährtinnen und -gefährten, wir helfen unterdrückten, ausgegrenzten und verfolgten Mitbürgern (...) Aus militanter Sicht befinden wir uns dann in einer befreiten Zone, wenn wir nicht nur ungestört demonstrieren und Info-Stände ab- halten können, sondern die Konterrevolutionäre dies genau nicht tun können. Dazu muß man sich die Orte genau auswählen. Es genügen zehn oder zwölf entschlossene Revoluti- onäre und WIR bestimmen, was aus militanter Sicht in einer Stadt ist und was nicht. (...) Revolutionäre dürfen nicht über das gesamte Stadtgebiet zerstreut wohnen, sondern sie sollten sich möglichst auf ein Wohnobjekt und einen Straßenzug konzentrieren, um vor Ort sichtbar Macht auszudrücken. Dann ist es unabdinglich, mit der ansässigen Wohnbe- völkerung in intensiven Kontakt zu treten, den Leuten immer und überall zu helfen. Das ist übrigens der fundamentale Unterschied zu gleichgearteten Bemühungen der Linksext- remisten. Während wir uns mit dem Volk solidarisieren, mit ihm kämpfen und siegen werden, versuchen sich die Genossen vom anderen Ufer von genau diesem Volk abzu- koppeln, sie kämpfen gegen das Volk, weshalb sie verlieren müssen. Beispiele: Alten Leuten kann man beim Ausfüllen von Formularen helfen, sie beim Einkauf unterstützen, man kann Babysitter bei arbeitenden Ehepaaren oder alleinstehenden Müttern spielen, man kann den Garten in Ordnung bringen, die Straßen sauber und durch regelmäßige Nachtpatrouillien sicher halten. Man kann gegen den Zuzug eines Supermarkts, die Ver- treibung alteingesessener Mieter durch Miethaie, die Schließung des kleinen Eckladens, den Aufmarsch von Scheinasylanten und anderen Lichtgestalten oder den Bau einer Au- tobahn durch das Wohnviertel protestieren und agitieren. Man muß so handeln, daß man in einem Meer der Sympathie schwimmt, daß die `normalen´ Bewohner für uns `die Hand ins Feuer legen´. (...)75

Hier ist eine modernisierte Form des Rechtsextremismus zu erkennen. Vorrangiges Ziel ist nicht mehr die Übernahme der vollständigen politische Macht, sondern ein Eindringen in die Alltagskultur, um großen Einfluß auf die Jugendkultur im Osten zu nehmen. In einigen Kommunen sind die Hegemoniebestrebungen so weit fortgeschritten, dass es wenigen Dutzend rechtsextremen Jugendlichen gelingt, die Definitionsmacht innerhalb der örtlichen Jugendszene auszuüben und ihre öffentlichen Treffpunkte zu beherrschen.

Teile rechtsextremer Skinheads, die sich selten in starre Parteistrukturen einbin- den lassen, formieren sich inzwischen in „Freie Kameradschaften“ Ihre politische Ausrichtung läßt sich anhand der Selbstdefinition der Kameradschaft Gera ver- deutlichen. Sie sieht sich als „Organisation der nationalen und sozialistischen Ju- gend von Gera und Umgebung“ und als den örtlichen „nationalrevolutionären Widerstand“ Ihr Ziel ist es, „die deutsche Nation wiederherzustellen und die sozi- alen Interessen der eigenen Bevölkerung wieder in den Mittelpunkt deutscher Po- litik zu rücken“. Die freie Kameradschaft Gera richtet sich gegen „die volksfeind- liche Politik der Masseneinwanderung und Überfremdung“, „ein Deutschland der Bänker und Bonzen“ und einen „multikulturellen Schmelztiegel nach amerikanischem Vorbild“. Weiter heißt es in ihrer Selbstdarstellung

Wir kämpfen gegen die Gleichgültigkeit und den Zynismus linker Ideologen und kapita- listischer Ausbeuter. Diejenigen, die heute noch den Volksverrätern zuarbeiten, werden wir uns merken!(...) Wir vertreten unsere Meinung kompromißlos in der Sache und hart in der Auseinandersetzung mit unseren Feinden! Auch wenn es uns persönliche Nachteile einbringt! Wir sind junge Deutsche mit Rückgrat und: Wir haben eine eigene Meinung! Die Kameradschaft Gera ist parteiunabhängig. Wir sind kein eingetragener Verein und wollen ein solcher auch nicht sein. Wir unterstützen jedoch andere Organisationen, Ver- eine, Verlage und sonstige Verbände, die für unser Volk und seine Heimat eintreten, Brauchtum und Traditionen pflegen und für die Freiheit von Kultur, Wissenschaft und Forschung kämpfen.76

Obwohl die Parteiorganisierung von den Kameradschaften weitgehend abgelehnt wird, bestehen doch Kontakte zur NPD. Die Demonstration des rechtsextremen Spektrums werden nach dem Parteienrecht von der NPD angemeldet, während die freien Kameradschaften für Mobilisierung und Präsenz zuständig sind. Den Be- deutungszuwachs der Freien Kameradschaften hält der Verfassungschutz Meck- lenburg- Vorpommern für ein „sicheres Zeichen für eine zunehmende Organisie- rung und Ideologisierung“77dieser Szene. In Mecklenburg-Vorpommern sind in- zwischen 49 dieser Gruppen bekannt. Auch das „Zentrum für Demokratische Kul- tur“ in Berlin, das sich vorrangig mit der Analyse des Rechtsextremismus in Ost- deutschland und mit der Entwicklung von Gegenstrategien einsetzt, sieht hier eine Öffnung in Richtung eines national geprägten Sozialismus.

Antikapitalistische Globalisierungskritik, gekoppelt mit Antiamerikanismus und Antise- mitismus stehen dabei an vorderster Stelle. Die vorgebliche verschwörerische Verbindung Demokratie, Kapital und Juden wird im Zusammenhang mit Massenarbeitslosigkeit the- matisiert. Die Bedrohung der Rasse und Nation durch Überfremdung nimmt gemeinsam mit den anderen Bedrohungen apokalyptische Formen an, denen nur mit dem `Nationalen Widerstand´ entgegenzutreten ist. In diesem Zusammenhang fungieren die Feindbilder: Alle als `undeutsch´ ausgewiesenen gesellschaftlichen Gruppen müssen demzufolge be- kämpft werden. Ein enger Zusammenhang zur extremen Gewaltausübung ist hergestellt.78

2.5.3 Kritik

Nach dem Zusammenbruch der DDR fällt eine Analyse leicht, den Rechtsextre- mismus als systemimmamente Altlast der DDR zuzuschreiben. Würde sich diese These bewahrheiten, müsste sich der Rechtsextremismus als Problem in der nächsten Zeit von alleine zurückstellen. Es ist richtig, dass rechtsextreme Tenden- zen durch das SED-Regime nicht ausgerottet wurden. Allerdings ist zu berück- sichtigen, dass die systemoppositionelle Jugend in der DDR nur zu einem gerin- gen Teil aus nationalistisch und ausländerfeindlich eingestellten Skinheads be- stand. Die Staatssicherheit der DDR rechnete den Skinheads im Jahre 1988 1067 Jugendlichen zu. Zentren waren dabei die Bezirke Berlin (447), Potsdam (120) Leipzig (88) und Frankfurt Oder (82).79Es gab die Jugendsubkultur der Punks, der New WaverInnnen, der Friedens- und der Ökologiebewegung, die von der Staatsicherheit zwar durchweg als „negativ dekadent“ eingestuft wurden, sich aber für Völkerverständigung einsetzten und ihre Kritik gegen den autoritären Charakter des DDR-Regimes richteten. Während des Bestehens der DDR gab es keine Toten durch Fremdenfeindlichkeit zu beklagen, seit der Mauereröffnung nach offiziellen Statistiken 24, während die Zahl der Opfer von unabhängigen Stellen mit 127 weitaus höher angegeben wird. Obwohl in Ostdeutschland weitaus mehr fremdenfeindliche Übergriffe zu verzeichnen sind, darf der Rechtsextre- mismus in den alten Bundesländern nicht verschwiegen werden. Hier hat, wie bei Wagner, für den ehemaligen DDR-Sozialismus eine Ursachenanalyse anzusetzen, inwieweit das kapitalistische System Rechtsextremismus hervorbringt. Es ist dar- an zu erinnern, dass die Brandanschläge von Hünxe, Mölln und Solingen in West- deutschland stattfanden. In Mannheim gab es 1992 Pogrome der Bevölkerung gegen ein Flüchtlingsheim. Auch im Westen der Bundesrepublik werden nicht dem nationalen Konsenz entsprechende Personen stigmatisiert oder diffamiert. Auch der politische Rechtsextremismus der Bundesrepublik ist politisch zu erklä- ren. Eine Analyse steht noch aus, inwiefern das kapitalistische System der Bun- desrepublik durch Konkurrenzdruck, Entsolidarisierung, Einteilung des Menschen als nützlich im Produktionsprozess „nützlich“ oder „Diffamierung“ als „überflüs- sige Sozialschmarotzer“ zum Rechtsextremismus unter Jugendlichen beiträgt.

3 Sozialarbeiterische Praxisprogramme:

Der Diskurs über die Entstehungszusammenhänge des Rechtsextremismus unter Jugendlichen verliert immer dann an Bedeutung, wenn Experten ihre eigene The- orie als monokausalen Erklärungsansatz verstanden wissen wollen. Ist dieser Ver- such in der Theorie noch als harmlos zu bezeichnen, kann die Nichtberücksichti- gung wesentlicher Entstehungsgründe des Rechtsextremismus in der Praxis ver- heerende Konsequenzen haben. Die unterschiedlichen Verständnisse ergänzen sich zueinander. Rechtsextremismus sollte als ein Konglomerat von Entstehungs- ursachen zu sehen sein, wobei einzelne Kausalzusammenhänge nicht voneinander zu trennen sind, d.h. Wohlstandschauvinismus, Orientierungslosigkeit lassen sich zwar tendenziell einzelnen jugendlichen Gruppen zuordnen, betroffen sind von diesen gesellschaftlichen Entwicklungen jedoch alle.

3.1 Das Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit:

Der Praxisteil der Diplomarbeit setzt sich zunächst mit dem von Krafeld initiier- ten akzeptierenden Ansatz mit rechten Jugendlichen auseinander, der auf das Ver- ständnis des Desintegrationstheorems basiert. Dieses Konzept ist das am weitesten entwickelte Handlungsmodell, das sich explizit dem Klientel zuwendet. Die ak- zeptierende Sozialarbeit ist nicht unumstritten: Konzeptionelle und theoretische Fehler des Programms führten zu Fehlentwicklungen in Einrichtungen, die sich dem Ansatz verschrieben hatten. Anhand der kritischen Auseinandersetzung mit der Konzeption versucht die Diplomarbeit, alternative bzw. modifizierte Hand- lungsmodelle mit einem multifaktorellen theoretischen Hintergrund zu benennen.

3.1.1 Theoretischer Hintergrund der akzeptierenden Sozialar- beit

Entwickelt wurde der Ansatz Ende der 80er Jahre aus der Erfahrung von drei Pro- jekten heraus, die mit rechten Jugendcliquen arbeiteten. Das Klientel in den Ein- richtungen war überwiegend männlich, marginalisiert und zeichnete sich durch hohe Gewaltbereitschaft aus. Der Bremer Hochschulprofessor Franz-Josef Kra- feld, zuständig für Praxisberatung und wissenschaftliche Begleitung der Bremer Projekte, der den Ansatz wissenschaftlich publizierte, gilt als Begründer des ak- zeptierenden Ansatzes.

Die akzeptierende Sozialarbeit wehrt sich gegen eine Ausgrenzung rechtsextremer Jugendlicher als Klientel der Jugendsozialarbeit. In ihrer Praxis kehrt sie sich da- von ab, mit Aufklärung oder Belehrung gegen Rechtsextremismus und Gewalt wirken zu können. Sie erklärt die bisherigen antifaschistischen Bildungspro- gramme sowie Pädagogik, die auf Betroffenheit abzielt, als gescheitert. Auch mit Bekämpfungsstrategien sei dem Rechtsextremismus unter Jugendlichen nicht bei- zukommen. Diese Strategien erreichen die Zielgruppe nach Ansicht von Krafeld nicht und knüpfen nicht an Problemlagen rechtsextremistisch orientierter Jugend- licher an.

Zumindestens, wo Jugendliche angesprochen werden sollen, die bereits Elemente rechtsextremistischer Orientierungsmuster aufweisen oder gar gelegentlich im rechtsextremen Bereich aktiv werden, erweisen sich solche Aufklärungs- und Betroffenheitskonzepte und insbesondere die noch weithin zu konstatierende Beschränkung auf sie oftmals als gutgemeinter, aber `hilfloser Antifaschismus´80

Anstatt auf eine kognitiv-rationelle politische Bildung, die hauptsächlich auf den historischen Nationalismus Bezug nimmt, setzt die akzeptierende Sozialarbeit auf die alltags- und problemorientierte Unterstützung bei der konkreten Lebensführung des Klientel. Strategie ist es, in den Mittelpunkt der Arbeit „(...) diejenigen Probleme zu stellen, die Jugendliche haben, nicht die Probleme die sie machen.“81Franz-Josef Krafeld geht davon aus:

Nur wenn wir die Jugendlichen darin unterstützen, mit ihrem Alltag, mit ihrem Leben, mit ihrer Lebensbewältigung besser zurechtkommen, dann gibt es Chancen für Änderun- gen, (...) Und nur, wenn die Jugendlichen selbst für sich das Gefühl haben, dass ihnen so- zial verträglichere Verhaltensweisen und Deutungsmuster nützlicher und hilfreicher sind, mit ihrer Alltagsbewältigung und Lebensbewältigung zurecht zu kommen und zufriedener zu sein, werden sie sich umorientieren. Denn für fast alle Jugendlichen, die als rechtsext- remistisch gelten geht es letztlich darum, unter oft großen Schwierigkeiten und Unsicher- heiten Wege und Möglichkeiten zu finden, mit dem eigenen Leben zurechtzukommen82

Die Devise des Konzeptes ist es, „die Bedingungen des Aufwachsens (...) der Ju- gendlichen, mit denen man arbeitet, so zu verändern, dass ihnen extrem rechte politische Denk- und Handlungsweisen immer weniger subjektiv funktional er- scheinen müssen.“83 Rechtsextremismus ist der Ansicht von Krafeld entsprechend, eine subjektive Verarbeitung der ökonomisch-sozialen Alltagserfahrungen junger Menschen, die durch Unsicherheiten und Orientierungslosigkeiten geprägt sind. Hier lässt sich der theoretische Hintergrund der akzeptierenden Arbeit erkennen, der durch das Desintegrationstheorem Heitmeyers gebildet wird. Die Protagonisten des Kon- zepts der akzeptierenden Sozialarbeit teilen die Auffassung Heitmeyers, in den rechtsextremen Orientierungsmustern der betroffenen Jugendlichen das Produkt „ökonomisch-sozialer Alltagserfahrungen“ zu erkennen, in denen sich „in wach- sendem Maße Verunsicherungen zeigen“.84Kurt Möller, Mitautor von Krafelds Standartwerk zur akzeptierenden Sozialarbeit und Professor an der Fachhochschu- le Esslingen, betont, dass Rechtsorientierungen „Symptome erheblicher Schwie- rigkeiten und Konflikthaltigkeiten der Lebensführung darstellen, deren Kern exis- tentielle Instabilitäten, soziale Desintegration, Orientierungsverunsicherungen, Ängste und politisch-soziale Ohnmachtserfahrungen ausmachen.“85

3.1.2 Zentrale Handlungsansätze des Konzepts:

3.1.2.1 Initiierung erfolgreicher Zugänge zum Klientel

Von wesentlicher Bedeutung ist der erfolgreiche Zugang zum Klientel, damit sich der Sozialarbeiter letztendlich als authentische Person in die Beziehungsarbeit als zentralen Faktor der akzeptierenden Arbeit einbringen kann. Um die Zielgruppe zu erreichen, setzt das Konzept auf cliquenzentrierte Arbeit und auf das Angebot von Räumen. Die Organisation in Cliquen stellt eine Strategie zur Lebensbewälti- gung des durch Orientierungslosigkeit charakterisierten Alltags vieler Jugendli- chen dar. Cliquen werden als wesentliche identitätsbildende Sozialisationsinstanz Jugendlicher verstanden, die einer unbedingten pädagogischen Unterstützung be- dürfen. Sie stellen innerhalb wie außerhalb solch etablierter Strukturen immer wieder neue Versuche Jugendlicher dar,

ƒ- sich in einer Welt, in der sie sich immer häufiger vereinzelt fühlen, selbst so- ziale Zusammenhänge zu schaffen,
ƒ- sich in einer Welt, in der sie sich immer häufiger ohnmächtig fühlen, selbst zu organisieren,
ƒ- sich in einer Welt, in der sie sich immer wieder nicht ernst genommen fühlen, gemeinsam so aufzutreten, daß sie ernst genommen werden,
ƒ- sich in einer Welt, in der sie sich immer wieder als Objekte empfinden, leich- ter mit anderen gemeinsam etwas zu bewirken,86

Das Angebot und die Absicherung sozialer Räume gewährt den Jugendcliquen, „(...) einen Raum, in dem sie sich ungehindert treffen und aufhalten können, den sie nicht permanent verteidigen müssen“87Die SozialarbeiterInnen begeben sich hierzu im Rahmen einer mobilen Jugendarbeit an übliche Aufenthaltsorte des Klientels, um ihnen Räume anzubieten.

Erlebnispädagogische Angebote, die auf Körperlichkeit, Emotionalität und Aktion setzen, sind als sozial verträgliche Formen von Gemeinschaftserfahrungen anzu- bieten.

Erlebnispädagogische Elemente (Kanutouren, Kletterpartien, Segeltörns etc.) fließen dabei in nahezu allen Projekten ein. Gut geplant werden sie zumeist als kaum verzichtbar eingeschätzt, einerseits, weil sie gewaltfreien Konfliktumgang, solidarisches Verhalten, Naturerleben und das Bestehen von Grenzerlebnissen einzuüben vermögen, anderseits, weil sie Gelegenheiten zu intensiver Beziehungsarbeit bieten, innerhalb derer Kontakt und gegenseitiges Vertrauen wachsen können.88

3.1.2.2 Beziehungsarbeit als pädagogisches Konzept:

Die Beziehungsarbeit im Rahmen der akzeptierenden Sozialarbeit lässt sich in Phasen beschreiben. Eine direkt-konfrontative Auseinandersetzung ist am Anfang möglichst zurückzustellen. Zu Beginn hat der Betreuer bzw. die Betreuerin vor allem ein guter Zuhörer zu sein, der hauptsächlich im Bedarfsfall für die Jugendli- chen als Bezugsperson und für Einzelgespräche sowie individuelle Beratung als Alltagshilfen zur Verfügung steht. Das bedeutet in der Praxis, dass die Rechtsori- entierung der Jugendlichen für die akzeptierende Arbeit zunächst nicht die primä- re Rolle spielt. In rechtsextremen Äußerungen ist nach Ansicht Krafelds und Mit- arbeiterInnen eine hohe Provokationsabsicht zu erkennen, die „(...) faktisch nie auf eine Interaktion, in der es um die Beschäftigung mit dem Inhalt der jeweiligen Aussage geht“ abzielt.89

Die Beziehungsarbeit des Sozialarbeiters ist im weiteren Verlaufe der pädagogischen Arbeit nicht nur auf die Alltagsbegleitung und -hilfe reduziert. Bei erfolgreichem Zugang zum Klientel ist der pädagogische Alltag in den Projekten, nach der Ansicht Krafelds, zunehmend durch das Einbringen der Verantwortlichen als authentische und interventionsberechtigte Personen mit eigenen Erfahrungen, Lebensprinzipien und Deutungsmustern gekennzeichnet, wodurch die Jugendlichen mit dem Anderssein konfrontiert werden.

„Wo es tatsächlich gelingt, mit den Jugendlichen über ihre Äußerungen näher ins Gespräch zu kommen, da passiert das durchweg erst zu einem Zeitpunkt, wo man sich bereits ein ganzes Stück weit vertraut geworden ist und darüber auch Interesse an dem anderen - und dabei nicht zuletzt an dem Anderssein und Andersdenken des anderen gefunden hat.“90

3.2 Kritik

3.2.1 Die akzeptierende Sozialarbeit basiert auf den monokau- salen Erklärungsansatz der Desintegrationstheorie:

Die Kritik bezieht sich vorrangig nicht auf die Fälle, in denen z. B. Rechtsextre- misten in Einrichtungen, die sich auf das akzeptierende Konzept berufen, als ABM-Kräfte oder SozialarbeiterInnen mit der Begründung eingestellt wurden, sie hätten einen besseren Zugang zur Klientengruppe. Solche Vorkommnisse lassen sich keinesfalls konzeptionell begründen. Krafeld betont immer wieder den kon- frontativen Charakter der akzeptierenden Sozialarbeit, der sich auf das Anderssein des Sozialarbeiters bzw. der Sozialarbeiterin stützt. Dennoch sind in der Praxis der akzeptierenden Sozialarbeit Fehlentwicklungen festzustellen, die sich z.T. durch die Fixierung auf das Desintegrationstheorem Heitmeyers als monokausalen Erklärungsansatz erklären lassen. Die zum Themenkomplex der Desintegrations- theorie formulierte Kritik lässt sich deshalb auf die akzeptierende Sozialarbeit übertragen.

Der wissenschaftliche Diskurs zur Erklärung des Rechtsextremismus hat aufge- zeigt, dass rechtsextremistische Einstellungen sich in allen Schichten und Alters- gruppen finden. Die Desintegrationstheorie, wie die akzeptierende Sozialarbeitet richten ihren Blickwinkel hauptsächlich auf gesellschaftliche Randgruppen. Das Klientel der akzeptierenden Sozialarbeit, zumeist Boneheadgruppen, zeichnet sich durch hohe Gewaltbereitschaft aus. Dieses Verständnis basiert auf Heitmeyers Entwurf, Rechtsextremismus als Zusammenschluss von Ideologie der Ungleich- heit und Gewaltakzeptanz zu verstehen. Für gewalttätige, männliche Jugendliche einer bestimmten Jugendszene bietet die Akzeptierende Sozialarbeit ein attrakti- ves Aktionsprogramm, während Jugendliche mit rechtsextremen Einstellungspo- tentialen, die sich den Skinheadgruppen nicht anschließen wollen und vor allem Mädchen, ausgegrenzt werden. Hier wird ein Allgemeinheitsanspruch ersichtlich, der dem Facettenreichtum des Rechtsextremismus unter Jugendlichen nicht ge- recht wird. Krafeld erkennt die „Akzeptierende Sozialarbeit mit rechtsextremen Jugendcliquen“ nicht als ein spezielles Arbeitsfeld eines Gesamtkonzeptes der Jugendsozialarbeit in diesem Problemfeld. Alternativkonzepte, die auf differente Verständnisse des Rechtsextremismus aufbauen, werden von Krafeld von vorn- herein als untauglich erachtet. Krafeld räumt politischen Lernprogrammen, der interkulturellen Pädagogik, Anti-Gewalt-Programmen, dem Bemühen um Täter- Opfer Ausgleich, Gedenkstättenbesuchen, der konfrontativen Auseinandersetzung mit dem rechtsextremen Einstellungspotential, antifaschistischen Demonstratio- nen oder Konzerten, von vornherein keinen Platz ein. Seiner Ansicht nach wider- sprechen diese Handlungskonzepte auf der Theorieebene wissenschaftlichen Er- kenntnissen bezüglich des Rechtsextremismus, erreichen die Zielgruppe nicht und werden in der Praxis vom Klientel als Belehrung abgelehnt.91

Kernstück des Projekts von Krafeld ist es, den Jugendlichen Hilfen im Alltag an- zubieten, um sie vom rechten Gedankengut abzubringen. Auch hier wird wieder die vereinfachende Sichtweise des monokausalen Erklärungsansatzes „Desinteg- rationstheorie“ erkennbar: Jugendliche, deren rechtsextremistische Einstellungen als Umdeutung ihrer Deprivationserfahrungen zu verstehen ist, sind durch Hilfs- angebote von ihrem rechten Gedankengut abzubringen. „Diese Strategie verfolgt das Ziel, die Bedingungen des Aufwachsens (nicht nur) der Jugendlichen, mit denen man arbeitet, so zu verändern, daß ihnen extrem rechte politische Denk- und Handlungsweisen immer weniger subjektiv funktional erscheinen.“92Grund- sätzlich ist es in Frage zu stellen, inwieweit die akzeptierende Sozialarbeit mit

Beratungsangeboten, Alltagshilfen und Erlebnispädagogik, gesellschaftlich be- dingte Lebenslagen kompensieren kann. In diesem Zusammenhang wäre es inte- ressant zu klären, wie es Krafeld gelingen will, strukturelle Arbeitslosigkeit, Glo- balisierungseffekte und Konkurrenzkampf durch Konzepte der Sozialarbeit abzu- federn. Krafeld betreibt hier eine Pädagogisierung der Rechtsextremismusproble- matik, indem er die berechtigte Forderung an die Gesellschaft, Lebensverhältnisse zu verbessern, in die Verantwortung der Jugendarbeit übergibt. Zudem ist noch einmal daran zu erinnern, dass es empirisch nicht verifiziert worden ist, dass Ju- gendliche, die besser mit ihrem Leben zurecht kommen, weniger anfällig für rechtsmotivierte Verhaltensmuster sind. (vgl. Kapitel 2.3.1) Zudem bleiben die Verantwortlichkeit der Mitte der Gesellschaft, das soziale Umfeld, mediale und politische Diskussionen für den Rechtsextremismus bei Krafeld, wie schon bei Heitmeyer, weitgehend ausgeklammert.

Auch die Tatsache, dass die politische Dimension des Rechtsextremismus in der Konzeption von Krafeld unberücksichtigt bleibt, ist durch die Festlegung auf den monokausalen Erklärungsansatz begründbar. Krafeld, wie auch Heitmeyer deuten den Rechtsextremismus als Umdeutung von Unsicherheiten und Ängsten marginalisierter Jugendlicher und als Ausdruck ihres Bemühens, gesellschaftlich vorenthaltene Anerkennung wiederzuerlangen. Hiermit verkommt die politische Konzeption des Rechtsextremismus zur Bedeutungslosigkeit.

Denn extreme Auffassungen, Provokationen und Gewalt sind Jugendlichen ein wesentli- ches Mittel, auch dort wahrgenommen und für wichtig genommen zu werden, wo sie es (oder nicht mehr) erwarten (...) Akzeptanz heißt deshalb „den Blick nicht auf politische Positionen und auf Verhaltensweisen fixieren (`die ich überhaupt nicht akzeptieren kann´) sondern bereit zu sein, sich als Personen zu begegnen, auch und gerade mit all ihrer oft so verqueren und teilweise auch so erschreckenden Suche nach erfolgreichen Wegen der Le- bensbewältigung.93

Die rechtsextremen Einstellungspotentiale bleiben bei Krafeld weitgehend unbe- rücksichtigt. Er vertritt die Meinung, dass es „allen entsprechenden politischen und pädagogischen Aufrufen zum Trotz“ nicht Ziel sein kann „problematische Selbstbehauptungs- und Überlebensversuche Jugendlicher abzubauen und abzu- wehren (seien es Wahlergebnisse für rechte Parteien oder seien es zum Beispiel wachsende Gewalttätigkeiten gegen andere gesellschaftlich marginalisierte Grup- pen)“94

Diese Betrachtungsweise verkennt die Sinnhaftigkeit rechtsextremer Weltbilder für Jugendliche in ihrer politischen Dimension. Der organisierte Rechtsextremis- mus übt seine Faszination auf Jugendliche auf verschiedenen Ebenen aus. Indem er Orientierungen bereithält, Aktionserlebnisse anbietet, das Gemeinschaftsgefühl unter Jugendlichen stärkt und Erfolgserlebnisse gewährt, tritt er in direkter Kon- kurrenz zur akzeptierenden Sozialarbeit, die im Rahmen ihrer Beziehungsarbeit genau auf diese Strategien setzt. Gleichzeitig stützt er sich auf eine politische I- deologie, die das pädagogische Konzept nicht anbieten kann,und mit der es sich aber auch nicht offensiv auseinandersetzt. Rechtsextreme Jugendliche erkennen die entsprechenden Organisationen als radikalste Lösungsinstanzen ihrer als be- drückend empfundenen Problemlagen. Negative Gesellschaftsentwicklungen, wie Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit oder Kriminalität, die dem rechten Weltbild entsprechend in ihrer Gesamtheit den Ausländern angelastet werden, können nach Ansicht der Anhänger rechtsextremer Organisationen durch das einfache Hand- lungsmodell „Ausländer ausweisen“ behoben werden. Der Rechtsextremismus greift Ängste der Menschen vor bestimmten sozialen Problemen auf und verstärkt diese noch. Parolen wie „Ausländer Raus! Deutschland den Deutschen!“, lassen sich nicht nur, wie bei Krafeld vereinfachend, auf provozierende Anteile oder als Verarbeitung der Orientierungslosigkeit erklären. Hinter den rechtsextremistisch motivierten Brand- und Mordanschlägen bzw. Überfällen der letzten Jahre steht auch immer die Absicht, im Sinne einer politischen Ideologie zu handeln. Die Gewalt ist durch den Rechtsextremismus der Jugendlichen begründbar. Dahinter ist die Absicht erkennbar, Deutschland von bestimmtem, im rechtsextremen Weltbild als unwert bezeichnetem Leben, zu befreien. Es gibt keine zufälligen Opfer der rechtsextremen Gewalt. Fragmente des Weltbildes von Rechtsextremen, z.B. die „Fremdenfeindlichkeit“ oder die Ablehnung des „Anderen“ werden von Teilen der Bevölkerung geteilt und durch den politischen und medialen Diskurs noch gestützt. Die rechtsextrem organisierten Jugendlichen, die die gesellschaftli- chen Deutungen radikaler ausdrücken, können sich daher als Speerspitze einer sozialen Bewegung gegen Ausländer empfinden.

Auch die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Vergangenheit sind zu be- rücksichtigen. Ausdruck dieser jüngeren Epoche der deutschen Geschichte ist die noch immer vorhandene Attraktivität von Symbolen, Ritualen und Begrifflichkei- ten, die von den Jugendlichen übernommen werden. Von rechtsextremen Jugend- lichen werden Personen und Organisationen aus der Zeit des Nationalsozialismus verehrt. Reichskriegsflaggen, SS-Symbole und der Hitlergruß in verschiedenen Variationen bei den in letzter Zeit häufiger zu beobachtenden Aufmärschen oder das Interesse an nationalsozialistischen Filmen bzw. Literatur aus dieser Zeit, sind Ausdruck einer Zugehörigkeit zu rechtsextremistischen Gruppierungen. Anhän- gern des Rechtsextremismus geht es um eine historische Revision des Nationalso- zialismus, indem auch die angeblich „guten Seiten des Nationalsozialismus“ auf- geführt werden, während der Holocaust geleugnet bzw. relativiert oder sogar glo- rifiziert wird. Der Antisemitismus hat immer noch eine bedeutende Rolle für Teile der Bevölkerung. Diese Übernahme einer wesentlichen Dimension des Nationa- lismus deutet darauf hin, dass die nationalsozialistische Zeit noch Nachwirkungen auf die Gesellschaft hat.

Auch die Gefährdung der Projekte durch den organisierten Rechtsextremismus bleibt von den Protagonisten des Konzepts der akzeptierenden Sozialarbeit weitgehend unberücksichtigt.

Denn diese Jugendlichen haben sich in Cliquen zusammengetan und organisiert, um ge- meinsam Teile ihres Lebensalltags zu gestalten und ihre Lebensentfaltung und Lebens- bewältigung anzugehen. Ihre Lebenserfahrungen und deren subjektive Verarbeitung ha- ben sie zwar zu rechten politischen Orientierungen gebracht. Aber sich haben sich nicht in ihren Cliquen zusammengetan, weil sie sich entsprechend politisch organisieren wol- len.95

Krafeld konstatiert in diesem Zusammenhang: „In denjenigen Orten, in denen sozialarbeiterische Projekte mit rechten Jugendcliquen existieren, wird aber prak- tisch durchweg die Erfahrung gemacht, daß es rechtsextremistischen Organisatio- nen offenbar nicht gelingt, Einflußsphären auszubauen und neue Aktive zu ge- winnen“96Rechte Kreise versuchen Einflussnahme auf Versuchsprojekte der ak- zeptierenden Jugendarbeit zu nehmen, um ihrer bereits in Thesenpapieren formu- lierten Idealvorstellung einer „befreiten Zone“ entsprechend, nationale Jugend- clubs und Schulungszentren als eigene Anlaufstellen einzurichten. (vgl. Kapitel 2.5.2.3) Besonders ist es in bestimmten ostdeutschen Gebieten, aber auch in eini- gen ländliche Räumen Westdeutschlands, Rechtsextremisten gelungen, Einfluss auf Jugendliche auszuüben. Teilweise wurden Jugendklubs geschickt in die örtli- chen rechten Strukturen eingebunden und dienen der Rekrutierung des Nach- wuchses. Das „Zentrum der Demokratischen Kultur“ beschreibt diesen Prozess am Beispiel der ostdeutschen Kreisstadt Wurzen. Dort schließen sich Jugendliche inzwischen zu freien Kameradschaften zusammen. Die „Kameradschaften entste- hen in den Dörfern und Kleinstädten nicht mit dem Ziel, politisch wirksam zu werden. Sie entwickeln sich aus bestehenden Jugendcliquen, die auf persönlichen Freundschaften beruhen. Die gemeinsame Freizeitgestaltung ist zunächst das ent- scheidende Moment des Zusammenhalts, die Politisierung setzt wesentlich später ein“.97Für die Gefährdung der Projekte durch diese Zusammenschlüsse junger Rechtsextremer, ist vor allem die Binnenstruktur dieser Organisationsform bedeu- tend. Das „Zentrum Demokratischer Kultur“, unterscheidet wenige Anführer, die in der Regel älter als 20 sind und sich bei Aktionen zurückhalten. Ihre Aufgabe ist die Kontaktaufnahme zur Stadt. Die „normalen Kameraden“ rekrutieren sich aus 18-20 jährigen und bilden einen geschlossenen Kreis von relativ gefestigten Rechtsextremen. Die 14-17 -jährigen Jüngeren, die durchaus an einzelnen Aktio- nen beteiligt werden, sind noch nicht fest in die Kameradschaftsstruktur einge- bunden. Sind die Kader und die festen MitgliederInnen dieser Kameradschaften durch ihren Bekanntheitsgrad in der Kommune als Gefährdung für Projekte er- kennbar, gestaltet sich eine Einordnung der Jüngeren als Teil des rechtsextremen Netzwerks der Kommune als immens schwierig. Weitgehend unbemerkt von der akzeptierenden Sozialarbeit, stehen diese Jugendlichen auf der Schwelle zum ge- festigten Rechtsextremismus.

Unberücksichtigt bleibt, dass der Rechtsextremismus in weiten Teilen Ostdeutsch- lands inzwischen kein Randgruppenphänomen mehr darstellt. Krafeld sieht lange Zeit die akzeptierende Sozialarbeit auf die Situation in Ostdeutschland übertrag- bar. In seinem 1993 erschienenenen Standardwerk „Jugendarbeit in rechten Sze- nen“ widmet sich ein von Sabine Behn und Helmut Heitmann verfasster Beitrag explizit der Jugendarbeit in den neuen Ländern als Umsetzung von Krafelds Pro- gramm.98Als Projektbeispiele benennt das Werk Einrichtungen in Rostock und Ost-Berlin und Krafeld vertritt seinen Ansatz auf Fortbildungsveranstaltungen in Ostdeutschland. KritikerInnen des Programms, wie die Leiterin der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen (RAA) in Berlin, Anetta Kahane, sind der An- sicht, dass das auf den pädagogischen Erfahrungen mit gesellschaftlich marginali- sierten rechten Jugendszenen basierende Konzept, lasse sich keinesfalls adäquat auf die derzeitige politische Situation in Ostdeutschland übertragen. Die dort in einigen Gegenden bereits existierende Hegemonie einer rechtsextremistischen Jugendkultur überfordert den einzelnen Sozialarbeiter vollkommen. Dem einzel- nen Sozialarbeiter bzw. der Sozialarbeiterin kann es nicht gelingen, alleine die Jugendlichen mit der Alternative des Andersseins zu konfrontieren. Verhängnis- voll erweist sich hier der Versuch, ein gesamtgesellschaftliches Problem, wie den Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, der im Osten vielerorts Formen einer sozialen Bewegung gegen AusländerInnen angenommen hat, alleine der Sozialar- beit zu überlassen.

Ostdeutschland aber hat eine Geschichte, die nicht zu Unrecht als verschieden von der Bundesrepublik angesehen werden muss. Hier finden sich alle Symptome einer Trans- formationsgesellschaft mit großen sozialen Problemen, stark nationalistischen Ausgangs- bedingungen, schwachen zivilgesellschaftlichen Strukturen und einem enormen Mangel sich völkische Stimmungen sich im Durchschnitt der Gesellschaft und aus ihrer Mitte heraus verfestigen konnten. Rechtsextreme Orientierungen bei Jugendlichen sind zum Mainstream geworden und in vielen Regionen konnte sich durch das Zurückweichen oder die Gleichgültigkeit der staatlichen Institutionen ein Klima entwickeln, in dem es normal geworden ist, dass Ausländer, Alternative oder andere Minderheiten Angst vor rechten Übergriffen haben müssen. Es gibt keine heile Umgebung, in die Sozialarbeit die Jugend- lichen zurückführen kann. Es gibt keine Vielfalt, auch nicht bei den Jugendeinrichtungen. (...) In vielen Fällen ist Sozialarbeit mit rechten Jugendlichen zu einer Art Entertainment verkommen oder zur Verwaltung der Langeweile. Inwieweit sich diese Konstellation dann politisch rechtsextrem auflädt, wird von den erwachsenen Betreuern oft nicht gese- hen. Dass sie es aber tut, steht außer Frage. Unter den Augen der Sozialarbeit wird anti- humane Gesinnung verbreitet, proben Nazibands, treffen sich informelle rechtsextreme Gruppen, finden Rekrutierungen für die einschlägigen Organisationen statt99

Das Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit ignoriert diese Entwicklung völlig und betrachtet rechtsextreme Jugendszenen, wie z.B. die Boneheadbewegung, als letzte noch identitätsbildende Instanz orientierungsloser Jugendlicher, die gerade deshalb pädagogisch unterstützenswert ist. Die akzeptierende Sozialarbeit unter- stützt die Dominanz, wenn sie alleine der rechten Jugendsubkultur Entfaltungs- raum anbietet.

Krafeld ist inzwischen auf die Kritik an seiner Projektion eingegangen. An den Orten „wo es aber gar nicht - oder nicht mehr üblich ist, rechtsextremistisch ori- entierte Jugendliche auszugrenzen, wo solche Jugendliche vielleicht sogar längst unter Einsatz von Gewalt andere ausgrenzen, da gibt es auch keinen Grund, Ak- zeptanz (...) zu betonen.100Nach diesem Grundsatz sind Gebiete in Ostdeutsch- land, in denen die rechte Jugendszene die hegemoniale Definitionsmacht ausübt, für das Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit ungeeignet. Krafeld geht inzwi- schen selbst von einer Einflussnahme rechtsextremistisch orientierter Zusammen- hänge auf die Projekte aus. Der Gefährdung der Projekte durch die politische I- deologie des Rechtsextremismus müsste mit einem eindeutigen Regelwerk von Grenzsetzungen begegnet werden, worauf Krafeld in seiner Konzeption verzich- tet.

3.2.2 Unklare Grenzsetzungen

Die akzeptierende Sozialarbeit steht vor dem Dilemma, die Toleranzgrenze mög- lichst hoch anzusetzen, um den erfolgreichen Zugang zum Klientel nicht zu ge- fährden. Bleibt das sozialarbeiterische Handeln vordergründig nur an der Attrakti- vität für das jugendliche Klientel ausgerichtet, droht sich die Pädagogik zum Handlanger der rechtsextremen Jugendszene zu machen. Die rechtsextreme Szene überzieht einen Ort, einen Stadtteil, eine Einkaufspassage mit Terror, verweist dann in Gesprächen auf angeblichen Frust, Langeweile und das Fehlen geeigneter Räumlichkeiten und erhält dafür genau das, was sie fordert- ihren eigenen Treffpunkt. Ein Beispiel für eine konzeptionslose Arbeit mit der rechtsextremen Szene, findet sich übrigens unkommentiert in dem eigenen Werk von Krafeld. In einer Projektbeschreibung einer Einrichtung in Rostock heißt es,

Die Jugendlichen suchten Geselligkeiten in unserem Haus, sie organisierten ihre Veran- staltungen, sie machten ihre Konzerte, sie hatten ihre eigene Szene-Band hier. Und wir nutzten unsere Kontakte zum Sozialamt, zum Arbeitsamt, zum Berufsinformationszent- rum usw. um den Einzelnen zu helfen. Wir haben dann mit ihnen gemeinsam das Objekt ausgestaltet, eingerichtet, weitere Freizeitmöglichkeiten geschaffen, so daß sie dieses Haus, diesen Jugendtreff als Freizeitreff für sich in Anspruch nehmen konnten.101

Krafeld verzichtet bei zuwiderlaufenden Ereignissen auf einen eindeutig formu- lierten und verbindlichen Interventionskatalog und überträgt die Entscheidungs- last in solchen Fällen auf die SozialarbeiterInnen in den Projekten. Krafeld geht einerseits in seiner Konzeption auf Maßstäbe für Grenzziehungen ein. Er betont, dass Grenzen dort zu setzen sind, wo körperliche Gewalt ausgeübt, die Arbeit von Rechtsextremisten instrumentalisiert oder wo gezielt politische Propaganda von Rechtsextremen betrieben wird.102Andererseits mangelt es seinem Konzept an der Forderung, Grenzziehungen im Bedarfsfall auch konsequent anzuwenden, wie sich an den folgenden näheren Erläuterungen von Krafeld zu der Thematik bele- gen läßt.

1. Die Grenzen müssen jeweils so weit wie eben möglich und vor allemsubjektiv aushaltbar gezogen werden- wobei `subjektiv aushaltbar´ oft eine sehr andere Ebene beschreibt als `verstandesmäßig vertretbar´“

2. Die Grenzziehungen dürfen jedenfallsnicht so eng gefaßt sein, daßsie gängi- ge wesentliche oder gar zentrale Lebensäußerungen, Verhaltensstile, Symbole oder Rituale der jeweiligen Jugendcliquen abschneiden und ausgrenzen - wel- che auch immer das sein mögen: Grenzziehungen dürfen erst um etliches jen- seits des Wesenskerns einer Clique beginnen. Ausgrenzungen bedeuten umge-

kehrt, sie letztlich allein gesellschaftlichen Zwangsbehandlungen z.B. durch Polizei und Justiz zu überantworten.

3. Grenzziehungen dürfen, jedenfalls in aller Regel ( )nicht durch eine Clique hindurch verlaufen, sondern müssen auch deren extremsten und verhaltensauffälligsten Mitglieder mit einbeziehen:Wer zur Clique gehört, definieren die Jugendlichen allein- und Jugendarbeiter haben sich für oder gegen die Clique insgesamt zu entscheiden.103

Hier wird die konzeptionelle Schwäche der Akzeptierenden Sozialarbeit deutlich. Es werden zentrale Merkmale rechtsextremer Jugendcliquen, wie ihr Gewalthan- deln und der politisch-ideologische Hintergrund, zu Randphänomenen umgedeu- tet. Krafeld glaubt, die körperliche Gewalt und politische Propaganda der Jugend- lichen als eindeutig vonzentralen Lebensäußerungen,Verhaltensstilenund Ritualen der rechtsextremen Gruppen abgetrennt, betrachten zu können. Er ver- kennt, dass die brutale Gewalt der Boneheadgruppen gegenüber ihren selbster- nannten Feinden auch ein zentrales Wesensmerkmal dieser Cliquen darstellt. Die Einrichtung der Projekte und ihre staatliche Unterstützung begründen sich letzt- endlich auf diese durch Gewalt geprägte Verhaltensauffälligkeiten.

Krafeld verharmlost die Symbolik der rechtsextremen Cliquen. Im Falle einer Benutzung, in einigen Bundesländern verbotenen Reichskriegsflagge, benennt er in einer Veröffentlichung verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, die von tolerie- ren bis hängen lassen reichen. Sie sind für ihn in der ganzen Bandbreite akzepta- bel, wenn der betreffende Sozialarbeiter bzw. die Sozialarbeiterin in der Lage ist, das pädagogische Handeln für sich selbst angemessen zu erklären. Krafeld stellt lapidar fest:

Entsprechend schwer läßt sich die Frage beantworten, wo es sinnvoll ist einzuschreiten und mit welchen Mitteln dies geschehen soll. Insofern die Schmerzgrenzen individuell variieren und vom eigenen subjektiven Empfinden geprägt sind, wird der Zwang zum Einschreiten unterschiedlich verortet. Für den einen macht es z.B. kein gravierendes Problem, die Reichskriegsflagge zu tolerieren, weil einem vielleicht der Symbolgehalt dieser Flagge relativ fremd und emotional fern ist104

Im Gegensatz zu Krafeld sehen die Jugendlichen ihre Reichskriegsflagge sehr wohl als ein politisches Symbol, das als Zeichen zu deuten ist „Dieser unser Club ist national gesinnt! Hier haben Linke nichts verloren! Selbst wenn den Jugendlichen unterstellt wird, sie wüssten wenig über den historischen Hintergrund der Flagge, darf diese symbolische Bedeutung nicht verkannt werden.

Ein Interessenskonflikt in den Einrichtungen bietet sich auch immer im Zusammenhang der Einrichtung von Proberäumen, die bei den Jugendlichen auf großes Interesse stoßen. Auch Krafeld geht in einer Presseerklärung, in der er sich mit der Kritik an seinem Konzept auseinandersetzt, auf den Musikbereich als Programmangebot ein und erläutert die Problematik.

Die Grenze ist freilich oftmals nicht leicht zu ziehen, z.B. bei rechten Bands, die aus dem Besucherkreis einer Einrichtung erwachsen sind und dort proben wollen. Ihnen dafür Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, das läßt sich allenfalls dann vertreten, wenn die Pädagogen dadurch erhebliche Möglichkeiten sehen, sich in deren Entwicklung verändernd einzumischen, einschließlich (!) der politischen Dimension.105

Illona Weber sieht in diesem Punkt die Kompetenzen sozialpädagogischen Han- delns weit überschritten, und entgegnet Krafeld in einer Stellungnahme: „Die au- ßerordentlich geringe Möglichkeit, in einzelnen Fällen eventuell positiv auf die Entwicklung von einzelnen Mitgliedern derartiger Bands und ihres Besucherum- feldes Einfluss nehmen zu können, rechtfertigt keinesfalls die Gestaltung von Probe und Auftrittsmöglichkeiten.“106Hierzu ist anzumerken, dass die Bands mit ihren fremdenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Texten über ein wesentli- ches Transportmittel rechtsextremer Ideologie verfügen. Sie verstehen es inzwi- schen, strafrechtliche Inhalte durch Verschlüsselungscodes wie z.B. 88 für Heil Hitler oder Umschreibungen zu umgehen, was von den Sozialarbeitern nicht im- mer erkannt wird. Zudem gibt es auch Bands, die sich selbst als unpolitisch be- zeichnen und trotzdem bereit sind, auf Boneheads-Festivals aufzutreten.

Wie bereits beschrieben, gibt es Kontaktversuche rechtsextremer Organisationen zu den Projekten, die teilweise von Erfolg gekrönt sind. Als Konsequenz sind nach Krafeld Personen, die gezielte politische Propaganda betreiben, von den Ein- richtungen auszuschließen. Ein weiteres Ausschlusskriterium ist es, wenn die Ar- beit in „irgendeiner Form von Rechtsextremen“ instrumentalisiert wird. Eine wirkliche Gefährdung schließt Krafeld hiermit aus; indem er dafür plädiert, selbst extremste und verhaltensauffälligste Mitgliederin die Arbeit mit einzubeziehen und das Definitionsrecht, wer zu Clique gehört, ganz alleine den Jugendlichen selbst zubilligt, hat sich der Sozialarbeiter immer für oder gegen die Clique als Gesamtes zu entscheiden. Hier ist die Praxisferne in der Konzeption zu erkennen. Die Unantastbarkeit der Cliquenzusammenhänge als ein wesentliches Kriterium der akzeptierenden Sozialarbeit, vernachlässigt Gefährdungpotentiale. Das Indivi- duum ist einem starken Gruppendruck ausgesetzt, wovon vor allem Außenseiter oder AussteigerInnen betroffen sind. Die Struktur einer Clique kann zur Verfesti- gung rechtsextremer Potentiale beitragen. Erfahrungsgemäß gibt es in rechten Jugendcliquen hierarchische Ordnungen, weshalb es notwendig ist, bestimmte BesucherInnen von den Einrichtungen z.B. Kader rechtsextremer Organisationen, die einen negativen Einfluss auf Andere ausüben, auszuschließen. Nach Krafeld müssten in konkreten Fällen, wo es organisierten Rechtsextremen gelingt, Zugang zu der Clique eines Projektes erlangt, immer die ganze Einrichtung geschlossen werden. Logische Konsequenz hieraus ist es, dass die SozialarbeiterInnen der Ju- gendclubs die Gefährdung durch Rechtsextreme in ihrer Clique immer weit von sich weisen werden, um ihre Arbeitsplätze nicht zu gefährden.

In der Praxis führten die bedenklichen Entwicklungen in Einrichtungen der akzep- tierenden Sozialarbeit zur Ausformulierungen von Mindeststandards. Im Rahmen des 1992 von der damaligen Bundesministerin Angelika Merkel initiierten „Akti- onsprogramms gegen Aggression und Gewalt (AgAG)“ arbeiteten 30 Einrichtun- gen explizit nach dem akzeptierenden Konzept. Die verantwortliche Institution für das AGAG hatte inzwischen die Notwendigkeit der Grenzziehungen in der Sozi- alarbeit mit dem rechtsextremen Klientel erkannt. Die Notwendigkeit von festen Regeln „wurde in diesem schwierigen Aktionsfeld zunächst unterschätzt; die ge- führte Diskussion zur Frage der Regelbildung hätte bereits zu einem früheren Zeitpunkt in verbindliche Absprachen mit den Projekten münden müssen und nicht erst dort, wo zu dem inneren Handlungsdruck ein äußerer hinzukam.“ Für die Arbeit wurden in der Folgezeit Richtlinien mit Allgemeingültigkeit für alle Einrichtungen des AGAG Programms eingeführt.:

ƒ- Von den Projekten darf keine Gewalt ausgehen
ƒ- Projekte dürfen sich nicht als Rekrutierungsfeld rechtsextremer Organisatio- nen mißbrauchen lassen, im Rahmen der Projekte darf keine rechtsextremisti- sche Propaganda betrieben werden,
ƒ- in den Projekten dürfen keine Waffen mitgeführt werden, in den Projekten dürfen keine Musik und Auftritte von Bands mit Titeln, die von der Bundes- prüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert wurden, zugelassen wer- den107

3.3 Alternativkonzepte und Möglichkeiten der Modifikation der Akzeptierenden Sozialarbeit

Im folgenden werden Praxisansätze vorgestellt, die die verschiedenen, in der Dip- lomarbeit behandelten Entstehungsansätze des Rechtsextremismus unter Jugendli- chen, weitgehend einbeziehen. Zu Beginn wird ein Projekt vorgestellt, das die Jugendarbeit in ein gesamtgesellschaftliches Konzept gegen Rechtsextremismus einordnet. Sind hierbei noch die demokratischen Kräfte in den Gemeinden und die Opfer der Rechtsextremisten die Adressaten, beschäftigt sich die Diplomarbeit im Anschluss daran mit Möglichkeiten einer Sozialarbeit mit rechtsextremen Jugend- lichen.

3.3.1 Das Konzept der Demokratisierung der zivilen Gesell- schaft

3.3.1.1 Theoretischer Hintergrund und Erläuterung des Konzepts

Das „Zentrum demokratische Kultur“ glaubt, der Rechtsextremismus in Ost- deutschland sei in seiner besonderen gesamtgesellschaftlichen Qualität durch Pro- gramme der Sozialarbeit, insbesondere durch Projekte für Jugendliche, nicht wirksam zu bekämpfen. Das durch einen völkischen Rassismus geprägte Klima vieler Kommunen lässt Veränderungsprozesse auf dieser unteren Ebene kaum zu. Die MitarbeiterInnen des Berliner Zentrums setzen statt dessen auf ein ganzheitli- ches Konzept zur Bekämpfung des Rechtsextremismus. Eine Veränderung kann nur aus bestehenden Eigenkräften heraus erfolgen. Innerhalb der jeweiligen Kommune sollte versucht werden, Gruppen zu finden, in ihren Bedürfnissen zu unterstützen und miteinander zu vernetzen, die sich für örtliche, demokratische Strukturen einsetzen. Dabei handelt es sich um Initiativen, die Rechtsextremismus als Problem erkannt haben und sich für Lösungen mobilisieren lassen. Diese Art des Vorgehens basiert auf theoretischen Erkenntnissen der Systemtheorie, die ihre Anwendung in einem in den 60- er Jahren entstandenen Konzept der Sozialarbeit, der Gemeinwesenarbeit, fanden. Veränderungsprozesse in Gemeinschaften sind nur aus sich selbst heraus, durch die Vernetzung von bestehenden oder durch die Aktivierung von Selbstorganisierungen zu erreichen.108Am beschriebenen Demo- kratisierungsprozess sind verschiedenartige Projekte zu beteiligen. Ein Teilbe- reich der Arbeit bezieht sich auf das Angebot von Informationen. Initiativen, die sich schwerpunktmäßig mit diesem Themenbereich befassen, vermitteln Referen- tInnen und sammeln Informationen über die rechtsextreme Szene, um sie auf An- frage zur Verfügung zu stellen oder in Broschüren zu veröffentlichen. Sie über- nehmen zusätzlich die Aufgabe der Multiplikatorenschulungen. Um die Bevölke- rungsteile über die eigene Arbeit zu informieren, die noch nicht in die kommunale Netzwerkstruktur eingebunden sind, werden Stadtmagazine herausgebracht und Homepages zur Veröffentlichung im Internet erstellt. Weiterhin nimmt die aufklä- rende politische Bildung einen hohen Stellenwert ein. Es werden Workcamps in Konzentrationslagern für Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern angeboten, in denen Beteiligte mit Zeitzeugen in Kontakt kommen, sich in Be- gleitseminaren mit dem historischen Hintergrund auseinandersetzen und selbst an Instandhaltungsarbeiten in den Lagern beteiligt sind. Für Jugendgruppen werden Stadterkundungen angeboten, die in Form des entdeckenden Lernens die national- sozialistische Vergangenheit der eigenen Kommune erforschen. Verschiedene Gruppen setzen sich für eine Zusammenarbeit zwischen Einwanderern und Ein- heimischen ein. Begegnungstätten bieten Raum für gemeinsame interkulturelle Freizeitangebote. Beratungsstellen für Flüchtlinge helfen bei Sprachbarrieren, geben Unterstützung bei Alltagsproblemen und bieten rechtliche Hilfen an. We- sentlich für den Demokratisierungsprozess in der Gemeinde ist es, dass sich in der praktischen Arbeit auch auf die Opfer der rechtsextremen Gewalttaten bezogen wird. Hier ist der Arbeitsansatz eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich bemüht, die Sicht der Opfer in die Diskussion einzubringen. Ihnen wird die Möglichkeit gebo- ten, innerhalb des kommunalen Diskurses selbst zu Wort zu kommen. Opferbera- tungsstellen bieten juristische und psychologische Hilfe für die Opfer der rechts- extremen Gewalttäter an.

Der Demokratisierungsprozess bedarf in der Praxis der unterstützenden Hilfe einer koordinierenden Institution. Hier bietet es sich an, auf die Struktur der Zentren für demokratische Kultur zurückzugreifen, die über Erfahrungen in der antifaschistischen Arbeit in ostdeutschen Kommunen verfügen und bereits Teil eines Netzwerkes gleichartiger Einrichtungen sind. Deren Aufgabe ist es, sich zunächst mit der Analyse der „Handlungsstränge und Muster der rechtsextrem-orientierten Kontrastgesellschaft“109zu beschäftigen.

Um den Prozesse in einer Kommune in Gang setzen zu können, ist es zudem er- forderlich, die Interessensträger und Strukturen der demokratisch geprägten Ge- sellschaft zu kennen. Die Demokratiezentren dienen der Förderung der verschie- denen Initiativen, die sich der rechtsextremen Hegemonie entgegenstellen. Sie versuchen, auch mit der Hilfe externer Experten, in der Kommune verstärkt über rechte Ziele, Aktivitäten, Übergriffe und Strukturen aufzuklären, um weitere Gruppen und Einzelpersonen für das Problem zu sensibilisieren. Diese koordinie- rende Instanz lädt alle beteiligten Gruppen zu Arbeitsforen. Von wesentlicher Be- deutung für das Konzept ist es, dass es in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Initiativen gelingt, sich Klarheit über Ziele der eigenen Arbeit zu verschaffen. In der Praxis hat es sich gezeigt, dass die bloße Konzentration auf das eigentliche Hauptziel „Bekämpfung des Rechtsextremismus“ nur wenige Menschen in den Kommunen erreicht. „Für das Ergebnis der Analyse ist es wichtig, die tatsächli- chen Motive und Interessen aller am demokratischen Diskurs beteiligten Men- schen, Institutionen, Firmen etc. auch in ihrem Zwiespalt zu benennen“110

3.3.1.2 Ein Praxisbeispiel- die Einrichtung eines Zentrums für Demokrati- sche Kultur in Wurzen

Modellcharakter für die Projektarbeit besitzt für das Zentrum für Demokratische Kultur“ in Berlin die sächsische Kleinstadt Wurzen. Sie hat einen hohen Bekannt- heitsgrad als Synonym für Rechtsextremismus in Kommunen der neuen Bundes- länder. Das „Zentrum Demokratischer Kultur“ ist sich bewusst, dass ein von au- ßen implantiertes Demokratiezentrum in der Bevölkerung nur anerkannt ist, wenn ein enger Kontakt zu bestehenden Initiativen der Kommune gesucht wird. Die Akzeptanz ist nur zu erzielen, wenn auf Wünsche und Problemlagen der Men- schen in Wurzen eingegangen wird, die sich gegen die rechtsextremen Tendenzen wehren. Zu Beginn des Projekts wurde eine Analyse durchgeführt, die sich einer- seits mit den Konturen des Rechtsextremismus in der Stadt beschäftigte, aber auch die Handlungsmuster der nach Demokratie strebenden Gesellschaft berücksichtig- te. In Wurzen existiert eine starke rechtsextreme Jugendszene, die teilweise in Kameradschaften organisiert ist. Ihr nationalistisches und fremdenfeindliches Po- tential wird von großen Teilen der Bevölkerung geteilt. Weiterhin vertritt ein Mit- glied des Stadtrats die NPD. Die Analyse des Zentrums der demokratischen Kul- tur ergab, dass die städtische Jugendarbeit der Stadt Wurzen vor allem für die rechte hegemoniale Jugendkultur attraktiv ist. Die Sozialarbeit zeichnet sich durch ein konzeptionsloses Begleiten der rechten Jugendszene aus, wobei Sympathien der PädagogInnen zu den rechtsextremen Einstellungen der betreuten Jugendli- chen unverkennbar sind. Die Rechtsextremismusproblematik in der Stadt wird von den Verantwortlichen in Wurzen ignoriert oder toleriert. Neben den Elemen- ten, die zu einer tendenziellen Verhärtung des Rechtsextremismus beitragen, las- sen sich aber auch Stellen erkennen, die sich als Problemlösungsinstanzen anbie- ten. Jugendliche, die eine Alternative zum rechten Mainstream suchen, sind in den Vereinen „AG Umwelt und Natur“ und „Wunderbar e.V.“ organisiert. Als weitere Stellen, die für den Zukunftsentwurf eines demokratischen Netzwerkes in der Stadt Wurzen bedeutsam sein könnten, bieten sich Schulen, Vereine, die Kirche, Teile der regionalen Wirtschaft und VertreterInnen von Parteien an. Der Analyse des Status-Quo in der Stadt schließt sich die Entwicklung klarer Zielvorstellung für die eigene Arbeit an. Die Interessen, der am demokratischen Diskurs beteilig- ten Bevölkerungsteile, wurden berücksichtigt, indem als Nahziel die Verbesse- rung des kulturellen Angebotes in Betracht gezogen wurde. Das Fehlen kultureller Möglichkeiten wurde von der Bevölkerung insgesamt als Problem angesehen. Das Gros der Bevölkerung ist vorerst nicht dafür zu gewinnen, sich mit dem Rechtsex- tremismus in der eigenen Stadt auseinanderzusetzen. Es interessieren sich aber auch Jugendliche für das Angebot, die sich gegen den Rechtsextremismus in ihrer Stadt engagieren wollen. Durch die Zusammenarbeit, der an Kultur interessierten Gruppen und Einzelpersonen, kann es gelingen, dass die Bevölkerung für die Pro- bleme der „alternativen“ Jugendlichen, die besonders unter dem Druck der rechten Szene zu leiden haben, sensibilisiert wird. Das Klima der Stadt wird zunehmend durch Menschen geprägt, die sich für die Integration und Gleichberechtigung marginalisierter Gruppen einsetzen.

3.3.1.3 Die Bedeutung des Konzepts für die Jugendsozialarbeit

Innerhalb des kommunalen Diskurses um Rechtsextremismus ist auf die Grenzen der Pädagogik hinzuweisen und herauszustellen, das der gesamtgesellschaftlichre- levante Rechtsextremismus kein durch die Sozialarbeit lösbares Problem ist. Die Jugendsozialarbeit kann dann Erfolge erzielen, wenn sie sich als Teil des kommu- nalen Netzwerks gegen rechtsextremistische Bestrebungen versteht. Innerhalb des

Netzwerks sollten sich die Stellen, die sich mit Jugendlichen beschäftigen, wie die Jugendsozialarbeit und die Schule zu Arbeitsforen zusammenschließen, um Projekte vorzustellen, Erfahrungen und Ideen austauschen zu können. Von wesentlicher Bedeutung ist eine Evaluation der Projekte, die über einen einfachen beschönigenden Bericht am Ende der Maßnahme hinausgeht. Die Projekte sind möglichst wissenschaftlich zu begleiten. Die Sozialarbeit sollte sich aktiv am wissenschaftlichen Diskurs beteiligen. Dieses kann nur gelingen, wenn die Forschungsergebnisse den eigenen Praxiserfahrungen in den Projekten gegenübergestellt werden, um diese Ergebnisse öffentlich zu diskutieren.

Über die Rolle der Sozialarbeit im kommunalen Veränderungsprozess geht Anetta Kahane vom „Zentrum Demokratischer Kultur“ ein:

Finden sich mehrere (...) engagierte Sozialarbeiter entsteht mitunter eine Interessengrup- pe, die sich um Unterstützung und Fortbildung bemüht. Manchmal gibt es partielle Erfol- ge, wenn sich eine Unterstützungsagentur mit klaren, normativen Werten und Beratungs- kompetenz zur Verfügung stellt. Doch auch ihre Grenzen sind bald erreicht, wenn nicht Vertreter der Kommunalpolitik die Probleme aufgreifen und sie in ein größeres Konzept der Jugendarbeit einbringen. Natürlich kommen bald auch die anderen Orte in den Blick, an denen Jugendliche anzutreffen sind, wie Schulen oder Ausbildungszentren. Meist reicht auch dies noch nicht aus und die Kommune und zivile Öffentlichkeit müssend den langen Weg gehen, in allen Bereichen über Demokratisierung nachdenken und entspre- chende Maßnahmen ergreifen.111

Die Jugendarbeit sollte demokratische Alternativen zu rechtsextremen Angeboten schaffen. Es muss Räume geben für alternative Jugendkulturen wie Punk, Hip- Hop oder Ökologiegruppen, die von der rechtsextremen Szene weitgehend ver- drängt wurden. Es sind vorrangig solche Gruppen zu fördern, die sich des rechten Mainstreams erwehren. Dennoch kann sich die Jugendarbeit nicht alleine den Ju- gendlichen widmen, die sich eindeutig von rechtsextremen Orientierungen distan- zieren. Aufgrund der weiten Verbreitung des Rechtsextremismus ist die Ausarbei- tung von Handlungsmodellen, wie den rechtsextremistischen Einstellungsmustern vieler Jugendliche adäquat zu begegnen ist, unerläßlich. Bei der Konzeptionalisie- rung sind die Deutungsmodelle des Rechtsextremismus und praktische Erfahrun- gen mit dem Klientel zu berücksichtigen. Die Sozialarbeit braucht sich ihr Klien- tel nicht im Rahmen einer aufsuchenden mobilen Jugendarbeit zu „suchen oder für ihre Einrichtung in der rechten Szene zu werben. Sie geht nicht auf die Ju- gendlichen zu, um explizit nur mit dem Klientel zu arbeiten wie es z.B. das akzep- tierende Modell von Krafeld vorsieht. Aufgabe ist nicht die exklusive, eher an eine Dienstleistung erinnernde Jugendarbeit für die rechte Jugendszene. Statt des- sen sind Konzepte zu entwickeln, wie pädagogisch mit diesen Jugendlichen zu arbeiten ist. Es darf in der Jugendarbeit nicht dazu kommen, dass Rechtsextre- mismus per se die Zugangsberechtigung zu Einrichtungen darstellt. Die verant- wortlichen Sozialarbeiter für die Projekte in Leipzig Grünau gehen sogar soweit, ein „flächendeckendes Netz von Jugendfreizeitstätten für rechtsorientierte Jugend- liche“112als unbedingt erforderlich einzufordern. Zielgruppe einer stadtteilorien- tierten Sozialarbeit sind grundsätzlich alle Jugendliche, die Interesse bekunden. Mit dem Angebot, einen Schutzraum für rechtsextreme Jugendcliquen zu schaf- fen, würde sich die Sozialarbeit instrumentalisieren lassen, einerseits von politisch Verantwortlichen, indem gesellschaftlich zu lösende Problemlagen, wie der Rechtsextremismus pädagogisiert wird, oder auffällige Jugendliche einfach „von der Straße geholt werden“, wodurch Zuständigkeiten und die Verantwortung der Sozialarbeit zugeschoben werden, andererseits unterstützt das Raumangebot auch die Hegemoniebestrebungen der rechten Szene. Solche Jugendhäuser entwickeln sich sehr schnell zu regelrechten überregionalen Szenetreffpunkten, dennoch darf sich die Jugendsozialarbeit der Rechtsextremismusproblematik nicht verschließen. Das Prinzip der offenen Tür der Freizeiteinrichtungen bedeutet, dass ein Raum zunächst für alle Jugendliche offen steht. Bei vielen BesucherInnen sind rechtsex- treme Einstellungspotentiale erkennbar, ohne dass sie sich einer rechten Szene zugehörig fühlen. Bei diesen Jugendlichen wirken noch Programme des interkul- turellen Lernens, sowie präventive Programme gegen Rechts. In der Praxis kön- nen sich aber auch durchaus rechte Jugendcliquen für Angebote der Jugendsozial- arbeit interessieren. In einigen Plattenbaugebieten in Ostdeutschland werden die Jugendhäuser ausschließlich von rechtsextremen Jugendlichen frequentiert. Vor dieser Entwicklung kann sich die Sozialarbeit nicht verschließen. Hier macht es Sinn, sich auf eine konzeptionelle Arbeit mit den Cliquen einzulassen. Sonst blei- ben, im Falle einer Verweigerungshaltung, der professionellen Sozialarbeit häufig nur kommerzielle oder politisch-konforme Angebote wie Szenekneipen, Kame- radschaftsabende oder Straßentreffs für die Jugendcliquen, die auf eine Auseinan- dersetzung mit den rechten Einstellungen verzichten oder sie noch verstärken. Häufig tritt aber auch der Fall ein, dass Konkurrenz zwischen mehreren politisch unterschiedlich ausgerichteten Gruppen um ein Raumangebot besteht. Evtl. erge- ben sich Möglichkeiten zu einer Koexistenz der beiden Gruppen. Solch einen Fall haben Thomas Mücke und Judy Korn für ein Projekt im Norden von Berlin be- schrieben. Dort initiierte eine von den beiden PädagogigInnen betreute Anti- fagruppe Kontakte mit Jugendlichen aus der rechten Jugendszene, aus denen wei- terreichende Begegnungen in Form von Fussball- und Volleyballturnieren, ge- meinsamer Besuch der Jugendeinrichtungen, oder Diskussionsabende hervorgin- gen.113Es gibt aber auch mehrere Beispiele von gescheiterten Projektversuchen, am bekanntesten sind die Oase in Königs Wusterhausen, der Brunnen in Magde- burg, Club 18 in Podsdam und die Reso-Fabrik in Tostedt oder die BB-Baracke in Wurzen.114Hier verstanden es die rechten Jugendcliquen, ihre vermeintlich linken Gegner sehr schnell aus dem Umfeld der Einrichtung zu verdrängen. Oft präg(t)en diese für die rechtsextreme Jugendszene überregional bedeutenden Projekte der Sozialarbeit das Klima eines Stadtteils bzw. einer Kommune. Es ist richtig, wenn sich der Sozialarbeiter um Annäherung der verschiedenen Gruppen bemüht, es sollte jedoch keine Verpflichtung bestehen, mit einer rechtsextremen Gruppe als Gesamtes oder mit Einzelmitgliedern zusammenzuarbeiten. Gründe zur Ableh- nung sind z.B., wenn es sich bei der Gruppe um gefestigte rechtsextreme Jugend- liche handelt, oder wenn nicht rechtsextrem orientierte Jugendliche von den do- minanteren Rechtsextremen verdrängt würden. Wenn rechte Jugendliche einen pädagogischen Raum besetzen, kann es nicht Aufgabe der Sozialarbeit sein, die- sen Prozess noch zu forcieren. Krafeld der inzwischen auf die Kritik an seinem Konzept eingegangen ist, formuliert in diesem Sinne: Wenn Jugendliche im all- gemeinen heute immer größere Schwierigkeiten haben, Orte zu finden, an denen sie sich konfliktarm treffen und aufhalten können, dann folgt daraus in Gemein- den, in denen rechte Szenen eine Hegemonie ausüben oder gar sogenannte „natio- nal befreite Zonen“ geschaffen haben, dass sich Jugendarbeit dort für die Ansprü che derer einsetzen muss, die dort verdrängt werden(...)“ Krafeld ist bestrebt, das

Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit zu einer prinzipiell gerechtigkeitsorien- tierten Jugendarbeit, die sich besonders für Minderheiten einsetzt, weiterzuentwi- ckeln.115Ein „Haus der offenen Tür“ bedeutet kein Schutzraum für rechte Jugend- cliquen.

Das folgende Konzept bezieht sich auf die Arbeit mit Jugendlichen mit rechtsextremem Weltbild.

3.3.2 Prämissen einer Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen

Zu Beginn der Arbeit mit der Jugendgruppe, hat sich der SozialarbeiterIn über die Struktur und Ideologie der lokalen rechtsextremistischen Szene zu informieren. Fundierte Kenntnisse über die rechte Jugendszene allgemein, ihre lokale Organi- sierung und ihre Vernetzung und die lokale rechtsextreme Musikszene im Umfeld der Einrichtung, sind Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Sozialarbeit mit rechten Jugendcliquen. Als Informationsanbieter sind die Erfahrungen anderer Einrichtungen, aber auch externer Experten, wie z.B. örtliche antifaschistischen Initiativen mit einzubeziehen.

Das Jugendhaus ist ein Raum, in dem die Jugendlichen nicht nur mit dem Anders- sein des Sozialarbeiters konfrontiert werden, sondern in dem mit dem Klientel pädagogisch gearbeitet und Grenzen durch feste Regeln und Absprachen getroffen werden. Die Praxis der Arbeit mit rechten Jugendlichen hat aufgezeigt, dass kon- sequent anzuwendende Grenzziehungen von immenser Bedeutung sind. Kader rechtsextremer Organisationen sind von der Arbeit von vornherein auszuschlie- ßen. Sie treten als „nationale Sozialarbeiter“ in direkter Konkurrenz zu den pro- fessionellen MitarbeiterInnen der Projekte. Es ist zu berücksichtigen, dass die VertreterInnen rechtsextremer Organisationen durch ihre Machtstellung innerhalb der rechten Szene, sowie der ideologischen Übereinstimmung, eher vom Klientel akzeptiert werden, als der bzw. die SozialarbeiterIn. Die Sozialarbeit darf sich nicht von der rechtsextremen Szene vereinnahmen lassen. Bands, die in ihren Lie- dern Texte mit rechtsextremistischem Weltbild verwenden, Auftritte dieses Spekt- rums, sowie das Abspielen dieser Musik sind in den Einrichtungen nicht zu dul- den. Es reicht nicht aus, wie z.B. im AgAG-Programm geschehen, die etwaige Indizierung durch die Bundesprüfstelle als Kriterium eines Auftrittverbots heran- zuziehen. (vgl. Kapitel 3.2.2) Die Behörde kommt, aufgrund der Vielfalt beste- hender Szenebands und der Neugründungen mit ihren Zensurbestrebungen kaum nach. Die MusikerInnen verstehen es geschickt, durch die Verwendung von Codes und den Gebrauch von Synonymen die Zensurversuche rechtlich zu umgehen. In den Einrichtungen sind zudem keine rechtsextremistischen Symbole zu dulden. Aufgehängte Fahnen und aufgemalte Abzeichen kennzeichnen einen Raum als Ort der rechten Szene und sind Ausdruck des politischen Selbstverständnisses der BesucherInnen. Sie sind als Signal an nicht ins Weltbild der rechten Szene pas- senden Menschen zu verstehen, diesen Raum zu meiden. Von den Projekten darf keine rechtsextremistische Propaganda ausgehen. Die Ausübung von physischer Gewalt und psychischer Bedrohung ist nicht zu dulden. In einigen Einrichtungen wird Kampfsport als aktionsorientierter Programmpunkt angeboten. Pädagogisch begründet werden solche Angebote als Möglichkeit des körperlichen Abreagie- rens und sozialverträglicher Kräftemessung nach festen Regeln. Diese Programme sind abzulehnen, weil die Gefahr besteht, dass die neuerlernten Kampftechniken „auf der Strasse“ im Kampf mit dem Gegner umgesetzt werden, womit die Sozi- alarbeit zur Dominanz der rechten Jugendszene beitragen würde. Strafmaßnah- men, wie befristete und unbefristete Hausverbote, Einzel- und Elterngespräche sollten Bestandteil einer Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen sein. Zu disku- tieren ist der Ausschank von Alkohol. Hier ist abzuwägen, ob abhängig von der Alterszusammensetzung der Gruppe sowie der Gewaltbereitschaft, eine kontrol- lierte Alkoholabgabe vertretbar ist. Es besteht bei strikter Prohibition die Gefahr, dass sich die Jugendlichen bereits vor dem Besuch der Einrichtung betrinken oder aber zu Ersatzdrogen greifen, die für die SozialarbeitInnen nur schwer zu kontrollieren sind.

Die Fragestellung, ob solche rigorosen Regelsetzungen nicht den erfolgreichen Zugang zum Klientel verbauen, läßt sich recht leicht beantworten. Jugendliche mit rechtsextremem Einstellungspotiential sind schon von ihrer Ideologie her bereit, sich hierarchischen Machstrukturen zu unterwerfen. Sozialarbeiter, die ihre eigene Meinung vertreten und auch mal durchgreifen können, finden mehr Anerkennung als solche, die immer gleich „duckmäusern“. Die Sozialarbeit hat zunächst hier anzusetzen, d.h. sich zu Beginn auf eindeutige Grenzziehungen einzulassen, um im Laufe der Beziehungsarbeit die Vorzüge von alternativen toleranzorientierten Lebensentwürfen darzustellen. Dazu haben sich die SozialarbeitInnen grundsätzlich einzumischen, d.h. sich mit Äußerungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen offensiv auseinanderzusetzen und sie ggf. zu kritisieren.

Bei Grenzsetzungen handelt es sich auch um pädagogische Abwehrmaßnahmen zu nicht mehr tolerierbaren Äußerungen und Handlungen. Erst dadurch wird das Klientel mit nicht-rassistischen und von den Menschenrechten geprägten Einstel- lungen konfrontiert, die eine Alternative zum bisherigen soziokulturellen Umfeld der rechtsextremen Jugendlichen bietet. Grenzen verlaufen auch zwischen Cliquen hindurch. Durch die bewußte Ausgrenzung von Kadern liegt die Definitionsmacht in den Einrichtungen bei den Pädagogen. Es ist auch immer auf Gefährdungspo- tentiale durch die Cliquenstruktur der rechtsextremen Szene hinzuweisen. Deshalb gilt es, innerhalb der Arbeit, die positiven Anteile dieser Organisationsformen wie Solidarität, Zusammenhalt und Orientierung von negativen Inhalten wie Hierar- chisierungen, Verfestigung rechtsextremer Tendenzen, Konformitätsdruck und der Gewaltbereitschaft, abzutrennen. Denkprozesse können bei Jugendlichen ausge- löst werden, indem verdeutlicht wird, dass verallgemeinernt den Feindbildern zu- geschriebene negative Verhaltensweisen, auch in der eigenen Gruppe anzutreffen sind. Im Sinne des Empowerment-Ansatzes ist immer wieder auf die unterschied- lichen Stärken der Besucher hinzuweisen. Durch die Stärkung der personalen I- dentität werden die Jugendlichen zur Selbstreflexion über Cliquenzusammenhän- ge eingeladen. Dabei sollten etwaige Ausstiegsprozesse nicht pädagogisch abge- wehrt werden. Gerade in rechtsextremen Jugendszenen besteht die Gefahr, dass Cliquenmitglieder, die sich von ihrer Gruppe abwenden, von den „ehemaligen Kameraden“ als Verräter bedroht werden. Diese gefährdeten Jugendlichen sind in den Einrichtungen zu schützen und zu unterstützen. Es gibt inzwischen auch Initi- ativen, die sich explizit dieser Problematik zuwenden und ihre Hilfe anbieten.

Akzeptanz bei den Jugendlichen erreichen die Einrichtungen über eine attraktives Programmangebot, das auch Alltagshilfen für Jugendliche anbietet und von den Jugendlichen selbst mitgestaltet werden kann. In der Jugendzentrumsarbeit be- währte Angebote wie Hausaufgabenbetreuung, Bewerbungshilfen, Computertrai- nings, Unterstützung bei Behördengängen, Werkstätten, Hilfsangebote bei Prob- lemlagen, finden auch in der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen ihre Be- rücksichtigung. Gerade dem Multimediabereich kommt eine besondere Rolle zu. Computerwissen, das bisher nicht im ausreichenden Maße durch Schule und Aus- bildung vermittelt wird, nimmt im Berufsalltag einen großen Stellenwert ein. Das Jugendhaus kann durch die Einrichtung von PC-Arbeitsplätzen hier Unterstüt- zungsarbeit bieten. Computer sind im Beruf und Alltag vielseitig einsetzbar und Jugendliche lassen sich oft zu einer Mitarbeit motivieren. Die Technik läßt sich z. B. für eine eigene Clubzeitung, Fotoarbeiten, Musikbearbeitung oder zur Erstellung einer Homepage einsetzen. Das Internet bietet zudem Chancen für interkulturelles Lernen. Unter der Voraussetzung, dass rechtsextreme Inhalte ferngehalten werden, kann durch das Internet Kontakt zu Jugendhäusern auf der ganzen Welt aufgenommen werden. Das Internet zeichnet sich durch Möglichkeiten eines grenzenlosen Datenaustausches aus, sicherlich auch eine Perspektive für die Sozialarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen.

Wenn möglich, sollte eine Identifikation der Jugendlichen mit „ihrer“ Einrichtung erzielt werden. Die Jugendlichen sollten ihre Vorstellungen einbringen und mit- bestimmen können. Als ein eigenes Gremium der demokratischen Mitbestim- mung, sollte eine Art Clubrat eingesetzt werden, in dem sich interessierte Besu- cherInnen zusammenschließen. Dieser vermittelt den Jugendlichen den Vorteil demokratischer Strukturen. Renovierungsarbeiten sowie Baumaßnahmen in der Einrichtung können von den Jugendlichen soweit wie möglich selbst durchgeführt werden. Aufgabenbereiche, z.B. Thekendienste, Disko oder Kurse können von den Jugendlichen selbst übernommen werden. Accessoires wie selbstentworfene und -bedruckte T-Shirts und Buttons mit dem Logo der Einrichtung erhöhen die Identifikation der BesucherInnen mit ihrem Club, sie sind aber auch ein Kontrast zu den Symbolen der rechtsextremen Jugendszene.

Um Alternativen zum rechtsextremen Life-Style aufzuzeigen, hat sich die Sozial- arbeit auch auf die Lebenswelt der rechtsextremen Jugendlichen einzulassen. Auch hierbei ist die Strategie, Gefährdungen, wie Gewalt und politische Ideolo- gie, von Inhalten zu trennen, die sich pädagogisch zunutze gemacht werden kön- nen. Das bedeutet z. B. die Bezugnahme auf die Ursprünge der Skinheadkultur, der sich viele rechtsextremistische Jugendliche zugehörig fühlen. Die erste Skin- headmusik, der Ska, war der Sound der jamaikanischen Einwanderer, der bei den weißen britischen Skinheads und den schwarzen Einwanderersöhnen, die sich als Rude-Boys bezeichneten, gleichermaßen beliebt war. Angesehen bei den briti- schen Skins war auch der Oi-Sound, den die britische Band Sham 69 entwickelte. Sie veranstaltete, als es rechtsextremen Organisationen zunehmend gelang, Einfluß auf die britische Skinheadszene zu gewinnen, die antifaschistische Kon- zertreihe „Rock against Fascism“. An diesen Veranstaltungen beteiligten sich auch bekannte Punk-Bands. Heute kennen viele jugendliche Anhänger der Skin- headkultur die antirassistischen Wurzeln dieser Jugendbewegung nicht mehr und sehen den Skinhead-Lifestyle als Synonym für Rechtssein. Es gibt aber auch heu- te noch zahlreiche Skinheads, die sich nicht der rechten Szene zugehörig fühlen. Die Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen aus der Skinheadszene setzt hier an. In der Alltagsarbeit wird die Entstehungsgeschichte der Skinheads anhand von Büchern und Filmvorführungen thematisiert. Diskutiert werden kann mit den Ju- gendlichen auch über das Skinheadbild in den Medien, und inwieweit gesell- schaftliche Stigmatisierungsprozesse wirksam werden. Interessant kann es sein, sich zusammen mit den Jugendlichen über Potentiale der Skinheadkultur Klarheit zu verschaffen, die nicht durch rechtsextreme Inhalte zu begründen sind. Themati- siert werden sollten aber auch fragwürdige Eigenschaften der ursprünglichen Skinheadszene, wie Sexismus und die Gewaltakzeptanz. Gerade die Musik bietet sich für eine Öffnung der Projekte für andere Jugendliche an, ein vorrangiges Ziel der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen. Ska wird inzwischen von vielen Ju- gendlichen gehört. Neben rechtsextremistischen Oi-Bands existieren zahlreiche Nicht-Rechte Bands dieser Musikart. Es gibt antifaschistische Skinhead, Ska- und Punk- Bands, die vielleicht für Konzerte in den Einrichtungen gewonnen werden können. Solche Versuche sind sicherlich nicht zu Beginn einer Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen von Erfolg gekrönt. Werden die Stammbesucher zu diesem frühen Zeitpunkt mit einer Nicht-Rechten Band und ihrem Publikum konfrontiert, kommt es voraussichtlich zu Auseinandersetzungen von verfeindeten Gruppen.

Das erfolgreiche Gelingen solch einer Veranstaltung ist als der gelungene Endpunkt eines langwierigen Prozesses in der Auseinandersetzung mit der Subkultur der Skinheads zu sehen.

Viele Einrichtungen, die von rechtsextremen Jugendlichen besucht werden, versu- chen in ihrer Programmplanung auf geschlechtsspezifische Aspekte des Rechtsex- tremismus einzugehen. Aufgrund der männlichen Qualität von rechtsextremer Gewalt wird versucht, mit einem erlebnis- und aktionsorientierten Angebot vor allem männliche Jugendliche zu erreichen. Die das Zusammenleben gefährdende Aktionsrituale der rechten, männlich geprägten Jugendszene, sollen in sozial ver- träglichere Bahnen gelenkt werden. Die tradierten Männlichkeitsbilder, wie sie typischerweise in rechten Jugendcliquen zu finden sind, bleiben bei der Alltagsar- beit weitgehend unbearbeitet. Gerade in der Auseinandersetzung mit den typi- schen männlichen Geschlechterrollenkonzepten liegt ein nicht zu vernachlässi- gendes Potential der Gewaltprävention. Eine solche Konzeption macht es notwen- dig, die Fragen nach der eigenen Identität, nach dem eigenen Rollenverständnis einzubeziehen. Die geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Erwartungshaltun- gen sind mit den Jugendlichen zu diskutieren und in Frage zu stellen. Sinnvoll ist es, beispielsweise, den männlichen Jugendlichen, die Situation und Erfahrungen der Mädchen näher zu bringen. Die brutale männlich-dominierte, von Mitleidslo- sigkeit geprägte Gewalt, wie sie in der rechten Jugendszene anzutreffen ist, ist auch dadurch begründet, dass sich die Täter nicht in die Lage der Opfer versetzen. Deshalb sollte durch Anti-Gewalt-Trainigs versucht werden, die Opferpersspekti- ve zu vermitteln. Die Jugendlichen sollten mit den möglichen Folgen der eigenen Gewalttaten konfrontiert und ihre eigenen Gewaltrechtfertigungen hinterfragt werden. Gewalttaten von rechtsextremen Jugendlichen, von denen in Geprächen berichtet wird, oder an denen sie vielleicht selbst beteiligt waren, werden oft als besonders mutige „Heldentaten“ herausgestellt. Sie erweisen sich bei näherer Be- trachtung als besonders feige zu bewertende Tat brutaler Angreifer gegen wehrlo- se Opfer. Eine Tatsache, die von den Tätern zumeist verdrängt wird. Wenn sich die Programmauswahl aber ausschließlich den männlichen BesucherInnen zu- wendet, werden Mädchen von den Einrichtungen oft ausgeschlossen. Die Pro- grammgestaltung ist vielfach von dem falschen Verständnis geleitet, körperbeton- te Angebote seien für Besucherinnen der Einrichtung weitgehend ungeeignet und würden kaum angenommen. Vielen weiblichen Jugendlichen gelingt es, sich auch bei gemischtgeschlechtlichen sportlichen Aktivitäten durchzusetzen, oder sie las- sen sich zu einer Teilnahme animieren. Diese Bereitschaft kann bei sportlichen Aktivitäten durch das Einhalten gewisser Fairness-Standards, die die unterschied- lichen Fähigkeiten der Mitspielenden berücksichtigen, erhöht werden. Eine ge- rechtigkeitsorientierte pädagogische Arbeit hat schon bei der Ausstattung der Sportstätten z.B. bei der Größe der Tore, Höhe der Basketballkörbe und bei der Mannschaftsauswahl auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Mitspielenden einzugehen.

Wesentlich für die Arbeit mit der Zielgruppe ist es, die politischen Bekenntnisse von Jugendlichen von Beginn an ernstzunehmen und eigene Standpunkte in die Diskussion einzubringen. In den rechtsmotivierten Äußerungen lassen sich nicht nur Provokationsanteile erkennen, sondern sie sind auch Anteil von politischer Beeinflussung, aber auch kognitives Nachdenken über die Ursachen gesellschaft- licher Problemlagen. Der Sozialarbeiter bzw. die Sozialarbeiterin benötigt, um bei den Jugendlichen als Gesprächspartner akzeptiert zu werden, ein grundlegendes politisches Fachwissen und muß sich mit den Vorurteilsmustern von Rechtsex- tremen auskennen. Sinn der Sozialarbeit ist die Konfrontation mit schlüssigen gegensätzlichen Weltbildern. Rechtsextreme Einstellungsmuster, die gesellschaft- liche Problemlagen vereinfachend erklären, sind durch kritisches Hinterfragen vielfach argumentativ widerlegbar. Diskussionen können z. B. über die Ursachen von Arbeitslosigkeit, über Wahlversprechen rechtsextremer Parteien oder über die Bedeutung von Meinungsfreiheit geführt werden. So kann es sinnvoll sein, Paro- len wie „Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“ zu entkräften, indem die arbeitsrechtlichen Bestimmungen in die Diskussion mit den Jugendlichen einge- bracht werden. Die gesetzliche Regelung besagt, dass ein Arbeitsplatz erst dann an Personen aus Nicht-EU Staaten vermittelt werden darf, wenn er nicht von Ein- heimischen nachgefragt wird. Rechtsextremisten gehen davon aus, das Arbeitslo- sigkeit, durch „Ausländerrückführung“ eingeschränkt werden kann. Sie verkennen volks- und betriebswirtschaftliche Zusammenhänge, die zu einem Arbeitsplatz- mangel führen. Mit den Jugendlichen kann sich über die Glaubwürdigkeit der Lösungsansätzen rechtsextremer Organisationen auseinandergesetzt werden. Nur wenige MitarbeiterInnen von Jugendeinrichtungen trauen sich die argumentative, politische Auseinandersetzung mit den BesucherInnen ihrer Einrichtung zu und häufig wird von vornherein ein politisches Desinteresse bei den Jugendlichen vermutet. Als Formen der Auseinandersetzung bieten sich Begegnungen mit Zeit- zeugen an, in denen die Jugendlichen mit den persönlichen Erlebnissen konfron- tiert werden. Diskussionsrunden unter Jugendlichen lassen Raum, auf gegenseiti- ge Vorbehalte einzugehen, oft erkennen die Beteiligten aber auch zahlreiche Ge- meinsamkeiten. Hier lassen sich die Praxiserfahrungen des Jugendleiters einer Ev. Kirchengemeinde in Solingen heranziehen, der für die Arbeit mit einer rechtsori- entierten Jugendclique Mitte der 90er Jahre u.a. auch ein politisches Programm vorsah.116Die Jugendlichen setzten sich mit konträr zu ihrem Weltbild stehenden politischen Modellen auseinander, in diesem Fall den Kommunismus, führten Gespräche mit politisch Verantwortlichen und diskutierten mit ausländischen Ju- gendlichen und einer kirchlichen Jugendgruppe und nahmen an einem Diskussi- onsabend mit einem KZ-Überlebenden teil. Die Zeit des Nationalsozialismus ist vor allem dann zu thematisieren, wenn sich die Jugendlichen auf sie beziehen. Die Ethnologin Margitta-Sybille Fahr fuhr mit einer Gruppe von rechten Jugendlichen zum Soldatenfriedhof Halber, der für die rechte Szene als Heldengedenkstätte verehrt wird. Auf diesem Friedhof liegen, neben russischen Kriegsgefangenen, hauptsächlich Frauen mit ihren Kleinkindern. Hier befinden sich auch die Gräber der sinnlos im Kessel von Halbe verheizten 22.000 Toten.

Wir sind vor dem Friedhofsbesuch die Begrenzung des Kessels abgefahren. Ich habe die Wehrmachtsberichte dieser Tagen und Wochen vorgelesen. Den Deutschen wurde das tausendfache Sterben nahe der Reichshauptstadt verschwiegen. Dann der Durchbruch der Generalität der Waffen-SS mit Panzern in Richtung Westen- die eigenen Soldaten, SS- Kameraden, Volkssturmmänner und Jugendliche wurden von den Männern platt gewalzt. Und die Grabsteine trugen Namen von Jungen, die sechzehn oder siebzehn Jahre alt wa- ren117

Keines der beschriebenen Programme läßt sich auf „Belehrung“ oder reine „Auf- klärung“ reduzieren. Sie sind von Authentizität gekennzeichnet und bieten Mög- lichkeiten einer persönlichen Auseinandersetzung. Vielleicht gelingt es, durch diese Form der Aufarbeitung der historischen Fakten erfolgreich den rechtsextre- men Geschichtsverfälschungen entgegenzutreten, die im Weltbild rechtsextremer Jugendlicher eine wesentliche Rolle einnehmen.

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1Zahlen wurden durch die Bundesregierung bekanntgegeben, zitiert nach: Rheinische Post vom 24.10. 2000, S. 4

2Landesamt für Verfassungsschutz Baden Württemberg (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland- Allgemeine Entwicklung, Stuttgart 1998, S. 7

3Jesse, Eckhardt: Streitbare Demokratie: Theorie, Praxis und Herausforderungen in der Bundesrepublik, Berlin 1980 S. 18

4Landesamt für Verfassungsschutz Baden Würtemberg (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland- Allgemeine Entwicklung, Stuttgart 1998, S. 8

5Landesamt für Verfassungsschutz Baden Württemberg (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland- Allgemeine Entwicklungen, Stuttgart 1998, S. 8

6Vgl. Landesamt für Verfassungsschutz Baden Württemberg (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, a.a.O, S. 8-9

7Der Begriff ist eine Wortverschmelzung von Fan und Magazin; in diesem Zusammenhang steht er für Zeitschriften, die schwerpunktmäßig über Bands der rechtsextremen Skinheadszene berichten,

8Vgl. Landesamt für Verfassungsschutz Baden Württemberg (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland- Allgemeine Entwicklung, Stuttgart 1998, S. 8-9

9Willems, H u.a.: Texte zur Inneren Sicherheit. Forschungsprojekt. Analyse fremdenfeindlicher Straftaten, Bonn 1994, S. 45

10Heitmeyer, W: Jugend auf dem Weg nach rechts? Rechtsextremismus und Jugendliche. Die pädagogische Arbeit muss an den subjektiven Verarbeitungen der ökonomisch-sozialen Alltagserfahrungen ansetzen., in: pädagogik extra und demokratische Erziehung, Doppelheft 1/2 3. Jg. 1990, S. 28

11Ebd.

12Kahane, A.: Solidarität neu denken. in: Zentrum Demokratische Kultur (Hg.): National befreite Zonen- Vom Strategiebegriff zur Alltagserscheinung, Bulletin 1 / 98, Berlin 1998, S. 3

13Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 1986, S. 115

14Beck, U.: Risikogesellschaft, S. 115

15Beck, U.: Risikogesellschaft, S. 116

16Heitmeyer, W.; Möller, K.: Nazis raus aus dieser Stadt?! Für neue Wege im Umgang mit rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen, in: Deutsche Jugend, 37. Jg., 1989, S. 25

17Beck, U., a.a.O. S. 116

18Heitmeyer, W.: Desintegration und Gewalt, in: die deutsche Jugend, 1992, S.109

19ebd.

20ebd., S.112

21Heitmeyer, W: Jugend auf dem Weg nach rechts? Rechtsextremismus und Jugendliche. Die pädagogische Arbeit muss an den subjektiven Verarbeitungen der ökonomisch-sozialen Alltagserfahrungen ansetzen., in: pädagogik extra und demokratische Erziehung, Doppelheft 1/2 3. Jg. 1990, S. 28

22Vgl. Heitmeyer, W.: Jugend auf dem Weg nach rechts? in: pädagogik extra und demokratische Erziehung, Doppelheft 1/2, 11/90, S. 28-32

23Vgl. Heitmeyer, W.: Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Situation. 5. Auflage, Weinheim1995, S. 156

24Willems, H. u.a.: Texte zur Inneren Sicherheit. Forschungsprojekt. Analyse fremdenfeindlicher Straftaten, Bonn 1994, S. 39

25Hahn, R; Horn, H.W.: Eine neue rechte Jugend? Warum der Gewerkschaftsnachwuchs stärker nationalistisch und rassistisch orientiert ist als Nichtorganisierte., in Frankfurter Rundschau, Nr. 33, 8.2.1997, S.14

26Allespach, M u.a. Erosion demokratischer Sozialisationsmileus? Rechte Orientierungen bei Jugendlichen: Erklärungsmuster und Schlußfolgerungen für die gewerkschaftliche Jugendarbeit, in: Evangelische Akademie Loccum (Hg.) Rechtsextremismus. Bestandsaufnaheme, gesellschaftliche und politische Forderungen, Lo- ckum 2000, S. 142

27Kersten, J.: Der Männlichkeitskult. Über die Hintergründe der Jugendgewalt, in psychologie heute, September 93, S. 52

28Butterwege, Ch. Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt. Erklärungsmodelle in der Diskussion, Darmstadt 1998, S. 83

29Willems, H. Kollektive Gewalt gegen Fremde- Entwickelt sich eine soziale Bewegung von rechts?, in: Heiland, H.-G., Lüdemann, Ch.: Soziologische Dimensionen des Rechtsextremismus, Opladen 1996., S. 41

30Görisch, A.: Erziehung zur Demokratie. Probleme und Chancen der Schule beim Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen, in: Sacht, K.(Hg.) Köln 1995 S. 292

31Heitmeyer, W: Desintegration und Gewalt, a.a.O., S. 109

32Holzkamp,Ch. / Rommelspacher. B: Frauen und Rechtsextremismus. Wie sind Frauen und Mädchen verstrickt?, in: Päd. Extra & demokratische Erziehung, Januar 1991, S. 3

33Huisken, F.: Zur Kritik von W. Heitmeyers Rechtsextremismustheorie - Theoretisch desorientiert, politisch orientiert, in: deutsche Jugend, 41. Jg. 1993, S.496

34Wahl, K.: Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Gewalt. Wiss. Untersuchungen und Erklärungsansätze. In: Deutsches Jugendinstitut (Hg.) Gewalt gegen Fremde. Rechtsradikale, Skinheads und Mitläufer, München S.14

35Vgl. Wellmer, M:Fremdenfeindliche Einstellungen von Jugendlichen. Bericht über ein Forschungsprojekt im Fachbereich Erziehungswissenschafte, Wuppertal 1995, S. 77-79

36Scherr, A.: Jugendbildungsarbeit gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in,: Schacht, K. u.a.: Hilflos gegen Rechtsextremismus? Ursachen, Handlungsfelder, Projekterfahrungen, Köln 1995, S. 237

37Huisken, F.: Zur Kritik von W. Heitmeyers Rechtsextremismustheorie - Theoretisch desorientiert, politisch orientiert, in: deutsche Jugend, 41. Jg. 1993, S. 497

38Holskamp, Ch; Rommelspacher, B: Frauen und Rechtsextremismus, S. 33

39Heitmeyer, W.: Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen, S. 128

40Heitmeyer, W.: Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen, S. 129

41Rommelspacher, B: Soziale Arbeit und Gewalt geschlechtsspezifische Aspekte. Curriculare, didaktischmethodische und organisatorische Konsequenzen, Berlin 1995, S. 74

42Vgl. Leiprecht, J. u.a.; Du mußt so handeln, daß du Gewinn machst, in: deutsche jugend, Zeitschrift für die Jugendarbeit, 39. Jg., 1991, S. 488-490

43Held, J. u.a.: Du mußt so handeln, daß Du Gewinn machst. Wohlstandschauvinismus jugendlicher Arbeitnehmer., in: Deutsche Jugend. 39. Jg, 1991, S. 486

44Leiprecht, J. u.a.; Du mußt so handeln, daß du Gewinn machst, in: deutsche jugend, Zeitschrift für die Jugendarbeit, 39. Jg., 1991 -S. 488

45Holzkamp, Ch / Rommelspacher B.: Frauen und Rechtsextremismus, S. 34

46Vgl. Willems, H u.a.: Analyse fremdenfeindlicher Straftaten, Bonn 1994, S.27

47Birsl, U.: Rechtsextremismus.Weiblich-männlich? Eine Fallstudie, Opladen, S. 12

48Freie Universität Berlin (Hg.): Arbeitspapiere des Otto-Stammer-Zentrum Nr. 1, Berlin 1998

49Kersten, J: Der Männlichkeitskult. Über die Hintergründe der Jugendgewalt, in: psychologie heute, September 93, S. 53

50Ebd., S. 52

51Vgl. Kersten, J: Sichtbarkeit und städtischer Raum. Jugendliche Selbstinszenierung, Männlichkeit und Kriminalität, in: Breyvogel, W.: . Stadt, Jugendkulturen und Kriminalität, Bonn 1998

52Vg. Rommelspacher, B: Rechtsextremismus als Herausforderung für die Ausbildung im Sozialwesen. Curriculare, didaktisch-methodische und organisatorische Konsequenzen, Berlin 1995, S. 74

53Holzkamp, Ch.; Rommelspacher, B.: Frauen und Rechtsextremismus S. 33

54Ebd., S. 34

55Ebd. S. 36

56Ebd. S. 39

57Bundesministerium des Inneren (Hg.): Verfassungsschutzbericht 1998, Berlin 1999, S. 24

58vgl. http://www.brandenburg.de/aktionsbuendnis/forum/stoewahl.htm (12.10.2000)

59vgl: Wagner B.: Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Ländern. Studie, Bulletin des Zentrums demokratische Kultur, Sonderausgabe, Berlin 1998

60Bernd Wagner Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Ländern, S.5

61Ebd.

62Vgl. Rock M., Knie M.: Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern. Ausdrucksformen, sozialpsychologisch Erklärungsansätze und Auswirkungen auf die pädagogische Praxis, Berlin, 1992.

63Vgl. Prantl, H.: Altlasten-Beseitigung zu Lasten der Schwachen. Die DDR sucht ihre Ausländerprobleme mit fragwürdigen Mitteln zu steuern, in: Süddeutsche Zeitung vom 09.06.90, München 1990

64Wagner, B: Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Länder, S.6

65Selbstbezeichnung für rechtsextreme Skinheads

66Stöss, R. : Rechtsextremismus im vereinten Deutschland, Bonn 1990 S.64

67Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1974 . 1. Auflage. S.11

68Dimitroff, G.: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: Institut für Marxismus, Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): VII Kongreß der Kommunistischen Internationale, Referate und Resolutionen, Frankfurt am Main 1975, S.93

69Landeszentrale für politische Erziehung, NRW (Hg): Arbeitsbericht über die Auflösung der Rostocker Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in: Wochenschau für politische Erziehung, Sozial und Gemeinschaftskunde. Ausgabe Sekundarstufe 2, Bonn 1994. S.196

70Vgl. Madloch, N: Rechtsextremismus in der Endphase der DDR und nach der Vereinigung von BRD und DDR. Eine Chronologie, Berlin 1990, S. 5

71Wagner, B.: Rechtsextremismus und kulturelle Subversion, S. 24

72Vgl. Ködderitzsch, P.: Rechtsextremismus in der DDR, in: Jäger, M; Jäger, S., Rechtsextremismus und Rassismus in Rußland und in der ehemaligen DDR, Duisburg 1992, S. 39-46

73Vgl. Wagner, B.: Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Ländern. Studie. Bulletin 1998. Sonderausgabe., Berlin 1998 sismus in Rußland und in der ehemaligen DDR, Duisburg 1992, S. 39-46

74Kahane, K.: Über die kulturellen Hegemoniebestrebungen Rechtsextremer in Ostdeutschland, in: Zentrum der Demokratischen Kultur (Hg.). Bulletin 1/97, Berlin 1997, S. 3-5

75Nationaldemokratischer Hochschulbund (Hg.): Schafft befreite Zonen, in: Vorderste Front, Nr. 12, Juli 1991

76http://www.internettrash.com/users/ksg.html (6.10.2000)

77http://www.mv-regierung.de/im/verfassungsschutz_kapitel1.html (6.10.2000)

78zdk-berlin.de/webzdk/seitenzdk/kommentare/zdk.html Stand: (6.10.2000)

79Stöss, R.: Rechtsextremismus im vereinten Deutschland, Bonn 1999, S. 65

80Heitmeyer W., Möller. K.: Nazis raus aus dieser Stadt!?, S. 30

81Krafeld, F.J.: Jugendarbeit mit rechten Jugendszenen. In: Ott, H.U./Merten, R. (Hg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland, Bonn 1993, S. 312.

82Krafeld, F.J u. a.: Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen? Konzeptionelle Grundlinien praktischer Erfahrungen, in: Heil H.: Jugend und Gewalt: über den Umgang mit gewaltbereiten Jugendlichen, Marburg 1993, S. 91

83Krafeld, F.J. u.a.: Jugendarbeit in rechten Szenen. Ansätze, Erfahrungen, Perspektiven, Bremen 1993, S. 35

84Krafeld, F.J. u.a. : Lieber ein Skinhead als sonst nichts?- Grundsätze einer akzeptierenden Jugendarbeit in rechten Jugendcliquen, in Neue Praxis, Jg. 21, 1991, S.301

85Krafeld, F.J.u.a.: Jugendarbeit in rechten Szenen, S.35

86Krafeld, F.J.: Cliquenorientiertes / Akzeptierendes Muster. Problemstellung und Analyse, in: Deinert, U; Sturzenhecker B.: Handbuch offene Jugendarbeit, Fulda 98 S.180

87Franz-Josef K, Elke Lutzebäck u.a.: Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendcliquen?, S.96

88Krafeld, F.J. u.a.: Jugendarbeit in rechten Szenen. Ansätze, Erfahrungen, Perspektiven, Bremen 1993,S. 45

89Ebd., S.77

90Krafeld F-J. u.a.: Provokative Sprüche, Minderheitenfeindlichkeit und Sexismus im Alltag von Jugendarbeit mit rechten Szenen, in: deutsche Jugend, Mai 1993, S.207

91Vgl. Heitmeyer, W., Möller K. : Nazis raus aus dieser Stadt?!, S. 29-30

92Krafeld, F.J. u.a.: Jugendarbeit in rechten Szenen. Ansätze-Erfahrungen-Perspektiven, S. 35

93Vgl. Krafeld, F.J.: Jugendarbeit mit rechten Jugendszenen, in: Otto, K. H.; Merten, R: Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland, Bonn 1993 S. 312

94Krafeld u.a.: Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen?, S. 91

95Krafeld, F-J. u.a.: Lieber ein Skinhead sein als sonst nichts? Grundsätze einer akzeptierenden Jugendarbeit in rechten Jugendcliquen in: neue praxis, 21. Jg 1991, S. 304

96Krafeld, F.-J. u.a.: Veränderungen in rechten Jugendszenen. Konsequenzen für die pädagogische Arbeit,in: dt. Jugend, 44. Jg. 1996, H.7-8, S. 318

97Kirschnick, S.: Zur Situation in Wurzen und im Muldentalkreis. in: Zentrum Demokratische Kultur (Hg.), Kulturelle Hegemoniebestrebungen Rechtsextremer in der Jugendszene. Dokumentation. Bulletin 1/97 S.6

98Vgl. Behn, S.; Heitmann, H.: Jugendarbeit in den neuen Ländern. Jugendarbeit als Gewaltprävention, in: Krafeld, F.J.: Jugendarbeit in rechten Szenen, S. 108-116

99Kahane, A. Die reine Lehre ist die reine Leere- Zur Kritik der akzeptierenden Sozialarbeit, in: Zentrum Demokratische Kultur (Hg.): Keine Akzeptanz von Intoleranz. Grenzen der akzeptierenden Jugendsozialarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen. Bulletin 1/99, Berlin 1999, S. 118

100Krafeld, F.J.: Von der akzeptierenden Jugendarbeit zu einer gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit, in: dt. Jugend, 48.Jg. 2000 H6, S. 266

101Krafeld, F.J u.a.: Jugendarbeiten in rechten Szenen, S. 118

102Krafeld, F.J. u.a.: Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen, in: Klawe, W.; Matzen J.: Lernen gegen Ausländerfeindlichkeit, Weinheim 1993, S. 41

103Krafeld u.a.: Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen, S.41

104Franz Josef Krafeld u.a. Jugendarbeit in rechten Szenen Ansätze, S.80

105Krafeld, F.J.: Ist die akzeptierende Jugenendarbeit gescheitert? Jugendarbeit im Umgang mit Rechtsextremismus und Gewalt. in Zentrum Demokratische Kultur (Hg.), Bulletin 1/99, Berlin 1999, S.10

106Weber, I.: Offener Brief an Prof. Dr. Franz Josef Krafeld zur Presseerklärung. Ist die akzeptierende Jugendarbeit gescheitert?, a.a.O., S.10

107Kreft, Dieter u.a.: Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt: fünfbändige Buchreihe zum Aktionsprogramm. Band 3. Aus der öffentlichen Diskussion. Dokumentation des Modellprojekts, S. 105

108Vgl. Zentrum Demokratische Kultur (Hg.): Keine Akzeptanz von Intoleranz. Grenzen der akzeptierenden Jugendsozialarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen. Bulletin 1/99, Berlin 1999

109Wagner, B., Kirschnick, S.: Zivile Gesellschaft- ein Konzept, in: Zentrum Demokratische Kultur:(Hg.): Han- deln für Demokratie ist Handeln gegen Rechtsextremismus. Möglichkeiten der Intervention, Berlin 1999, S. 5

110a.a.O., S. 6

111Kahane, Anetta: Die reine Lehre ist die reine Lehre, S. 6

112Koordinierungsbüro des Projektes bei der Landesgeschäftsstelle der AGJF Sachsen e.V (Hg,) Mobile Jugendarbeit in Sachsen. Zum Streetwork-Projekt der AGJF. Dokumentation, Chemnitz 93, S. 8

113Vgl. Mücke, Thomas: Bericht über das Projekt „Miteinander statt gegeneinander“. Dialogversuch mit rechtsextrem orientierten Jugendliche, in Sozialmagazin, 15.Jg., Mai 1990

114Bernd Wagner hat diese Entwicklung sehr eindrucksvoll am Beispiel des Kirschbergshaus in Leipzig-Grünau dargelegt: vgl. Wagner, Bernd, u.a: Rechtsextreme Hegemoniebestrebungen in der Jugendszene Leipzig Grünaus, in: Zentrum Demokratische Kultur (Hg.): Keine Akzeptanz von Intoleranz. Grenzen der akzeptierenden Jugendsozialarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen. Bulletin 1/99, Berlin 1999, S. 19-33

115Krafeld, F.J.: Von der Akzeptierenden Jugendarbeit zu einer gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit. in dt. Jugend, 48. Jg. 2000 H6, S. 267

116Vgl. Braun, Thomas: Tätigkeits und Erfahrungsbericht 10/94 - 12/95, Solingen 1996

117Kritter, Sabine: Wir begleiten Kinder und Jugendliche auf dem Weg zu selbständigen Persönlichkeiten. Ein Gespräch mit Margitta-Sybille Fahr (Ethnologin, Vorstand), Elke Reetz (Ingenieurin, Geschäftsführerin), Ralf Müller (Soziologe, Projektleiter Schulstadion und Tagesgruppe schuldistanzierte SchülerInnen) von der GFAJ e.V. Berlin in Zentrum Demokratische Kultur, Bulletin 1/99, S. 49

83 von 83 Seiten

Details

Titel
Rechtsextremismus bei Jugendlichen - Erklärungsmodelle und sozialarbeiterische Handlungsansätze
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Autor
Jahr
2000
Seiten
83
Katalognummer
V106403
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit der kostenfreien Veröffentlichung meiner Diplomarbeit möchte ich meinen Beitrag zu einem freien Wissentausch im Internet leisten.
Schlagworte
Rechtsextremismus, Jugendlichen, Erklärungsmodelle, Handlungsansätze
Arbeit zitieren
Dirk Bendfeldt (Autor), 2000, Rechtsextremismus bei Jugendlichen - Erklärungsmodelle und sozialarbeiterische Handlungsansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106403

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