Mägde, Mode & Rebellen. Wie Atwoods Dystopie Eingang in unsere modische Realität findet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung - Mägde, Mode und Rebellen

II. Die weibliche Mode im gesellschaftlichen Gefüge Gileads
1. Die Tracht der Dienstmägde
2. Die Trachten der Ehefrauen und ihrer Töchter
3. Die Tracht der Marthas
4. Die Tracht der Tanten
5. Die Trachten der Ökonofrauen und Unfrauen

III. Historische Ursprünge der vestimentären Praxis in Gilead
1. Interniertenkleidung in kanadischen Kriegsgefangenen-Lagern
2. Die Ordenskleider der Nonnen

IV. Margaret Atwoods Mägde in der Protestkultur von heute
1. Feministische Dienstmägde gegen das Abtreibungsverbot
2. Die Extinction Rebellion und ihre Red Rebels

V. Wie Der Report der Magd unsere Mode beeinflusst
1. Gileads Trachten auf unseren Catwalks
2. Jennifer Lawrence als Ehefrau in der aktuellen Dior-Kampagne

VI. Fazit / Ausblick - Gileads Mode als unsere Zukunft?

VII. Quellenverzeichnis
1. Literaturverzeichnis
2. Bildquellenverzeichnis

I. Einleitung - Mägde, Mode und Rebellen

In dieser wissenschaftlichen Arbeit soll es um die Mode der Frauen in Margaret Atwoods dystopischem Roman Der Report der Magd aus dem Jahre 1989 in unserer heutigen Zeit (2020) gehen. Stellenweise werde ich mich neben der Buchvorlage auch auf die Kostüme aus der erfolgreichen Hulu- Serienadaption The Handmaid´s Tale - Der Report der Magd (Erstausstrahlung 2017) beziehen, da diese sehr nah an Atwoods Beschreibungen liegen. Atwoods Roman spielt im fiktiven Staat Gilead, der sich in dieser Zukunftsgeschichte in den heutigen USA befindet. Eine christlich-fundamentalistische Terror-Gruppe hat dort gewaltsam die Macht übernommen, um die Menschheit vor der Selbstzerstörung zu bewahren. Die Männer, die sogenannten Kommandanten, unterdrücken die Frauen in Gilead und teilen sie, je nach Stand und Aufgabe, in die Gruppen Dienstmägde, Ehefrauen, Töchter, Marthas, Tanten, Ökonofrauen und Unfrauen ein. Die signifikanten Trachten der Frauen Gileads und deren Bedeutung im gesellschaftlichen Gefüge werde ich im nachfolgenden Kapitel II genauer aufschlüsseln. Ich beginne dabei mit den Kleidern und Hauben der Dienstmägde, die von den Kommandanten als Gebärmaschinen missbraucht werden, um das Aussterben der menschlichen Rasse zu verhindern. Die Protagonistin des Romans, Desfred bzw. (ehemals) June gehört der Kaste der Mägde an, daher werde ich mich in meinen Ausführungen des öfteren auf sie beziehen.Als nächstes werde ich auf die Ehefrauen und ihre Töchter, also die künftigen Ehefrauen, eingehen. Als Ehefrauen der hochgestellten Kommandanten leben sie im Luxus und stehen weit über den Dienstmägden und anderen Frauen. Fred Waterfords Ehefrau Serena Waterford ist Desfreds Rivalin und daher die Antagonistin in der Geschichte. Anschließend werde ich auf die Kleider der sogenannten Marthas eingehen. Bei diesen Frauen handelt es sich um Hausangestellte bzw. Dienerinnen der Kommandanten und Ehefrauen. Es folgen die Trachten der Tanten, die für die strenge Ausbildung der Dienstmägde zuständig sind. Abschließen möchte ich das Kapitel dann mit der Kleidung der Ökonofrauen, die eine Art staatliche Reserve darstellen, und der nicht anpassbaren sogenannten Unfrauen, die zumeist zur Arbeit in den Kolonien verdammt sind. In Kapitel III untersuche ich die historischen Ursprünge der vestimentären Praxis Gileads. Dabei gehe ich zunächst auf die Kleidung von Kriegsgefangenen in kanadischen POW-Lagern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und deren Funktion ein. Anschließend zeige ich die deutlichen Parallelen zwischen den Kleidern der Frauen Gileads und den Ordenskleidern von Nonnen in verschiedenen Jahrhunderten auf . Im vierten Kapitel widme ich mich dann der aktuellen Protestkultur. Ich werde genauer auf die Proteste der feministischen Demonstrantinnen in Dienstmagd-Kostümen auf der ganzen Welt eingehen, die sich u.a. gegen verschärfte Abtreibungsgesetze richten. Auch werde ich eine Bogen zu den Kostümen der Red Rebels Brigade spannen. Diese klimaaktivistische Gruppe gehört der Extinction Rebellion an und demonstriert ebenfalls in Magd-ähnlichen Kostümen. In Kapitel V wird es anschließend darum gehen, wie die Trachten aus Der Report der Magd Einfluss auf unsere heutige Mode nehmen. Ich werde diverse Beispiele von den Catwalks dieser Welt anführen und versuchen, die Intention der Designer hinter ihren Handmaid´s-Tale- Kreationen zu erfassen. Anschließend widme ich mich einer brandaktuellen Werbekampagne von Dior, in der Jennifer Lawrence scheinbar als Serena-Waterford-Hausfrauen-Verschnitt in Gilead-Mode bzw. dem New Look der 50er-Jahre auftritt. Im Kapitel Fazit/Ausblick möchte ich meine bisherigen Ergebnisse in Bezug auf die Fragestellung, wie Margaret Atwoods Der Report der Magd Eingang in unsere modische Realität findet, reflektieren. Zudem möchte ich in diesem Abschnitt untersuchen, wie realistisch Atwoods modische Dystopie in Bezug auf unsere Zukunft ist. Abschließend folgt in Kapitel VII das Quellenverzeichnis mit ausführlichem Literaturverzeichnis und den Bildquellen

II. Die weibliche Mode im gesellschaftlichen Gefüge Gileads

In Gilead gehört jede Frau einer bestimmten Gruppe - einer Art Kaste - an. Je nach Aufgabe und Stand sind die Frauen in Dienstmägde, Ehefrauen, Töchter, Marthas, Tanten, Ökonofrauen und Unfrauen unterteilt. Die Art und vor allem die Farbe ihrer Kleidung kennzeichnen sie nach außen als Angehörige der jeweiligen Kaste. Antonios Finitsis bestätigt in seinem Werk „Dress and Clothing in the Hebrew Bible: „In Margaret Atwood´s The Handmaid´s Tale offenbart die Farbe der Kleidung den Status der verschiedenen Charaktere: Puderblau wird von der Ehefrau des Kommandanten getragen, während eine Magd Rot trägt.“1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Dienstmagd Desfred (links), Ehefrau Serena Waterford und Kommandant Fred Waterford in der Hulu- Serienadaption The Handmaid´s Tale - Der Report der Magd.

1. Die Tracht der Dienstmägde

Desfred, die Protagonistin in Margaret Atwoods Roman beschreibt ihre Kleidung: „Alles, außer den Flügeln, die mein Gesicht umgeben, ist rot: die Farbe des Blutes, die uns kennzeichnet.“2 Laut einem Artikel der Vanity Fair „zeigt die Farbe Rot die Fruchtbarkeit der Mägde an“, da sie „die Farbe des Menstruationsbluts“ sei.3 „Rot ist die Farbe der Gebärmutter“4, ergänzt Ane Crabtree, die Kostümdesignerin der Hulu- Serie The Handmaid´s Tale - Der Report der Magd. Desfreds „rotes Kleid“5 kennzeichnet also ihren untergeordneten Status als reines Gebärgefäß. Ihr einziger Nutzen für die Gesellschaft Gileads besteht darin, gesunde Kinder zu gebären, weshalb sie in ihrer Kleidung farblich auf ihre Weiblichkeit und Gebärfähigkeit - auf ihre Gebärmutter, die einmal im Monat Blut absondert, weil sie intakt ist - reduziert wird.

Ihren Platz in der Gesellschaft beschreibt Desfred sehr gut auf S.117: „Eine kniende Frau in Rot, eine sitzende Frau in Blau, zwei in Grün, stehend“6. In der Rangordnung befindet sich Desfred also ganz unten. Das verdeutlicht auch diese Textstelle: „[…] oder ihre unförmigen grünen Marthas oder […] ihre roten Mägde zu Fuß“7. Sogar im Gegensatz zu den Marthas, die ebenfalls nur Hausangestellte sind, gehören die Mägde laut Atwood wortwörtlich zum niederen Fußvolk.

Da sie als Gebärgefäße bei guter Gesundheit bleiben müssen, ist ihre rote Kleidung auch darauf ausgerichtet. Desfred spricht am Anfang der Geschichte von ihren „roten Schuhen, die keine Tanzschuhe sind, sondern flache Absätze haben, weil das besser für die Wirbelsäule ist“8.

Die Gegenüberstellung der Tanzschuhe soll vermutlich verdeutlichen, dass das Leben als Magd nichts mit Spaß zu tun hat und Desfred nicht einmal mehr die Freiheit hat, tanzen zu gehen, wie sie es vor Gilead vielleicht gerne getan hat. Gleichzeitig erinnern die roten Schuhe stark an die von Dorothy aus dem Kinderbuch Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum.9 Durch diesen Vergleich wird Desfred durch ihre Kleidung auf die selbe Stufe gestellt wie ein unmündiges Kind. Auch sind ihre flachen Schuhe nicht nur besser für die Wirbelsäule, sondern es sind auch die Schuhe, die i.d.R. kleine Mädchen tragen müssen, während ihre Mütter High Heels anziehen dürfen. Desfred wird durch ihre Schuhe also zu einem kleinen Kind degradiert, das tun muss, was man ihr sagt, obwohl sie eine erwachsene Frau ist. Dies wird natürlich auch dadurch deutlich, dass sie nicht tragen darf, was sie möchte, sondern nur, was man ihr an Kleidung zur Verfügung stellt. In Der Report der Magd finden sich noch weitere Parallelen zwischen Mägden und kindlichen Märchengestalten: Auf S.17 beschreibt Desfred sich selbst als „ein verzerrter Schatten, eine Parodie, eine Märchengestalt in einem roten Umhang“10. Diese Rotkäppchen-Metapher stellt erneut das kindliche am Status der Mägde heraus. Eine Magd hat nur eine Aufgabe, nämlich den Korb mit dem Wein zur Großmutter zu bringen bzw. selbst der Korb, das Gefäß, zu sein mit der roten Flüssigkeit im Innern. Auf keinen Fall sollte sich eine Magd also der Schönheit widmen (den Blumen im Märchen) oder sich vom bösen Wolf (einem Mann) verführen und vom Weg abbringen lassen. Auch deshalb darf Desfred nicht einfach anziehen, was ihr gefällt. Um nicht verführt zu werden und nicht zu verführen, tragen die Mägde knöchellange, weite Kleider, die ihren Körper komplett verhüllen. Desfred nennt ihn deshalb auch ihren „zeltumgebenen Körper“11 und beschreibt sich selbst als eine „rot-weiße Stoffgestalt“12. Ihre Kleidung ist also so ausladend geschnitten, dass man keinen menschlichen Körper mehr darunter erkennen kann. Desfred wird als Magd geradezu verdinglicht; sie soll nicht mehr sein, als ein stoffumhüllter Gebärkasten. Ihr Gewand beschreibt sie so: „Der Rock ist knöchellang, weit, zu einer flachen Passe gerafft, die sich über die Brüste spannt; die Ärmel sind weit.“13 Darüber hinaus sei es „zugehakt und zugeknöpft“14. Da es nicht nur eines von beidem ist, wie es bei einem gewöhnlichen Kleidungsstück eher der Fall wäre, wird das Verschlossensein betont. Die Magd kann also nicht raus aus ihrer Tracht, ebenso wenig wie sie aus ihrer Haut kann. Die Gesellschaft hat sie darin eingeschlossen. Nur zum Baden darf Desfred das rote Gewand ablegen oder in der Nacht, wenn sie ihr „Nachthemd“ tragen muss, das „langärmelig ist, auch im Sommer, um uns vor den Versuchungen unseres eigenen Fleisches zu bewahren, um uns davor zu bewahren, dass wir unsere bloßen Arme um uns selber legen“15. Desfred sagt dazu an anderer Stelle passenderweise: „Blusen, die vorn zugeknöpft waren, was den Gedanken an die Möglichkeiten des Wortes aufgeknöpft nahelegte. Diese Frauen konnten aufgeknöpft sein - oder zugeknöpft. Sie schienen in der Lage zu sein, sich zu entscheiden. Wir alle schienen in der Lage zu sein, damals, uns zu entscheiden.“16 Noch einmal wird hier mehr als deutlich, dass die Kleiderwahl in Gilead keine Geschmackssache ist, sondern von der Gesellschaft vorgegeben wird. Dienstmägde sollen gekleidet sein wie unschuldige und folgsame Kinder, wie jungfräuliche keusche Nonnen, die nicht begehren und nicht begehrt werden. Ihre Tracht ist zugleich Wegweiser und Gefängnis. „Manche Leute nennen sie Trachten, ein treffendes Wort: Tracht als Last“, schreibt Atwood.17 Der Kommandant Fred beschreibt die textile Taktik für die Mägde so: „Die Natur verlangt Vielfalt, für Männer jedenfalls. Das ist doch klar, es ist ein Teil der Fortpflanzungsstrategie. […] Die Frauen wissen das ganz instinktiv. Warum hätten sie sonst so viele verschiedene Kleider gekauft, in den alten Zeiten? Um die Männer glauben zu machen, dass sie mehrere, verschiedene Frauen seien. Jeden Tag eine neue Frau.“18 Es ist auch diese Freiheit, die der Staat Gilead den Mägden durch die Einheitskleidung nimmt. Nicht nur die Freiheit, mündig, menschlich und verführerisch, sondern auch die Freiheit, wandelbar und vielseitig zu sein. Stattdessen tragen sie eine Uniform, die sie ihrer Individualität und ihrer Rechte beraubt, während sie die Treppe hinaufgehen, „im Gänsemarsch, sorgfältig darauf bedacht, einander nicht auf den schleppenden Kleidersaum zu treten“.19 In einem Artikel der Vanity Fair heißt es dazu: „In der Geschichte wurde Rot als Symbol der Macht gesehen, getragen von Königen und religiösen Oberhäuptern, während die einzige Macht der Mägde in ihrer vermuteten Gebärfähigkeit besteht.“20 Zudem wird angemerkt: „Sogar der zugeteilte Name der Erzählerin, Desfred, abgeleitet vom Namen ihres Kommandanten Fred, beinhaltet das Wort Rot (red).“21 Kostümdesignerin Ane Crabtree betont zudem, Rot sei auch die Farbe einer lüsternen („wanton“) Frau, „eine Art scharlachrotes Zeichen auf einer frommen Welt“22. Dies ist eine Anspielung auf den Roman Der scharlachrote Buchstabe (Originaltitel: The Scarlet Letter) von Nathaniel Hawthorne.23 Die Vanity Fair schreibt dazu ergänzend: „Rot wurde immer schon mit Frauen assoziiert, die sexuelle Sünden begehen“ und nennt Hester Prynne aus Der scharlachrote Buchstabe als Paradebeispiel.24 Laut Vanity Fair steht Rot im traditionellen Farbschema der Renaissance auch für die biblische Figur Maria Magdalena25, die heutzutage laut Focus-Online-Autorin Lisa Kleine „unter anderem mit der Sünderin – vermutlich einer Prostituierten – in Verbindung gebracht“26 wird. Zunächst scheint dieser Vergleich in Anbetracht der bisherigen Ergebnisse paradox. Weiß man jedoch, dass June (alias Desfred) in Der Report der Magd vor Gilead eine Beziehung mit einem verheirateten Mann hatte und die christlich-fundamentalistischen Herrscher des Staats Desfreds Stellung als Dienstmagd als ihre Chance bezeichnen, ihr Gewissen vor Gott rein zu waschen und wieder in seine göttliche Gnade aufzusteigen27, wird so einiges klarer. Das rote Kleid zeigt also nicht bloß ihren Status als untergebene Gebärmaschine an, sondern auch ihren Status als Büßerin. Desfred ist nach ihrem Sündenfall von der autokratischen Regierung zu einem lebenslangen Bußgang verurteilt worden und ihr rotes Büßergewand ersetzt das scharlachrote A und kennzeichnet sie nach außen für alle sichtbar als Sünderin, als gefallene Frau. Eine weitere Funktion der Farbe Rot ist die Sichtbarkeit, wie auch Desfred auf S.376 nüchtern feststellt.28 Das rote Kleid erschwert Desfred in seiner Signalfarbe zu allem Überfluss auch noch die Flucht aus Gilead. Es ist unmöglich für sie, sich zu verstecken. Gleichzeitig wird Desfred versteckt, indem sie neben ihrem roten Kleid, den roten Schuhen, dem roten „Umhang“29 und dem „roten Wollcape für kaltes Wetter“30 eine weiße Flügelhaube aufsetzen muss, sobald sie das Haus verlässt. Sie sagt darüber: „Die weißen Flügel sind ebenfalls vorgeschrieben: Sie sollen uns am Sehen hindern, aber auch am Gesehenwerden“31 und weiter: „[…] wir spähen einander ins Gesicht, durch die weißen Stofftunnel, die uns einschließen“32. Auch die Flügelhauben dienen also als Gefängnis und sollen die Mägde unmündig und unschädlich machen. „Mit unseren Flügeln, unseren Scheuklappen, ist es schwer, nach oben zu schauen, schwer, den Himmel oder irgend etwas anderes ganz zu überblicken“, schreibt Atwood.33 Die Dienstmägde sollen keinen Überblick über ihre Welt und das politische Geschehen haben. Nicht einmal ein Wimpernschlag Freiheit, ein Blick zum Himmel, der in seinem Blau die Freiheit symbolisiert, ist ihnen gestattet. Paradoxerweise bezeichnet Desfred die weißen Hauben jedoch immer wieder als „Flügel“34. Dies lässt an Engel denken, die weiße Flügel haben und den Himmel bevölkern. Symbolisch könnte man dies so deuten, dass die Mägde gefallene Engel sind, die nach ihrem Sündenfall nun ein Leben der Buße auf der Erde führen müssen, was wiederum an Adam und Evas Sündenfall im Paradies erinnert, dessen Auslöser ein roter Apfel war.35 Das Zitat „wie Engel auf Weihnachtskarten, aufgereiht in unseren Gewändern der Reinheit“36 unterstützt diese Theorie. Weiß als Farbe der Reinheit steht in Kontrast zum Rot der Sünde. Gleichzeitig steht das rote Gewand für Desfreds altes sündiges Leben als June und die weiße Haube für ihr neues gottesfürchtiges und enthaltsames Leben in Gilead. Das Weiß versucht das Rot gutzumachen. Rot ist jedoch auch die Farbe, die man mit der Hölle oder dem Fegefeuer assoziiert. Desfreds Worte „dieses Rot wie bei mir, das die Hitze ansaugt und gleichzeitig vor Hitze glüht“37 lassen vermuten, dass sie vom Paradies (die Welt vor Gilead) ins Fegefeuer abgestiegen ist. Ein Fegefeuer, in der die Engel mit ihren Flügeln mundtot gemacht werden: „Wenn man es Sprechen nennen kann, dieses abgehackte Geflüster, das wir durch die Trichter unserer weißen Flügel schicken. Es ist mehr wie Telegrafieren, eine verbale Zeichensprache. Amputierte Sprache.“38 Die Mägde tun sozusagen Buße im Fegefeuer Gilead, um vor der Hölle (vermutlich den Kolonien oder der Hölle im Tod) bewahrt zu werden. Wenn Atwood schreibt, die Mägde sollen „angelsächsisch“39 aussehen, spielt sie damit vermutlich auf die Christianisierung der Angelsachsen ab dem Jahr 597 n.Chr. an. Die Mägde sollen in Gilead also auch zum „wahren“ Glauben bekehrt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Dienstmägde bei einer Betvaganza in der Hulu-Serienadaption The Handmaid´s Tale - Der Report der Magd.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Protagonistin Desfred in der typischen Dienstmagd-Tracht in der Hulu-Serienadaption The Handmaid´s Tale - Der Report der Magd.

2. Die Trachten der Ehefrauen und ihrer Töchter

Die blauen Gewänder der Ehefrauen in Gilead kontrastieren farblich die roten Trachten ihrer Dienstmägde. Margaret Atwood bzw. Desfred beschreibt es so: „Ihr Kleid ist aus frischer kühler Baumwolle. Ihre Farbe ist blau, ein Wasserfarbenblau, nicht dieses Rot wie bei mir, das die Hitze ansaugt und gleichzeitig vor Hitze glüht.“40 Während Desfreds rotes Gewand also heiß wie Feuer glüht, ist das der Ehefrau Serena blau und kühl wie Wasser. Die komplementären Elemente Feuer und Wasser werden gegenübergestellt, um den Standesunterschied zwischen Ehefrau und Dienstmagd herauszustreichen. Außerdem betonen sie die charakterliche Differenz zwischen der Protagonistin Desfred und ihrer Antagonistin Serena Waterford, in deren Name ebenfalls das Wort Wasser zu finden ist. Während Serena meist kühl und ruhig wirkt, brodelt es unter Desfreds Kleid vor Wut. Auch die Vanity Fair beschreibt, dass die Ehefrauen in ihren blauen Kleidern in Kontrast zu den Dienstmägden stehen und betont, dass Blau mit der Jungfrau Maria assoziiert werde.41 Diese Assoziation wird auch durch den „blauen Schleier“ hervorgerufen, den Serena einmal z.B. über ihrem breitkrempigen Gartenhut trägt.42 Im Gegensatz zu den Mägden, den gefallenen Engeln, die mit der Sünderin Maria Magdalena assoziiert werden, werden die Ehefrauen also als unschuldige Heilige dargestellt. Sie sind Engel, die sich nicht versündigt haben und daher im Himmel verweilen dürfen. Passenderweise beschreibt Desfred eines von Serenas Kleidern auf Seite 110 als „himmelblau“.43 Blau steht als Farbe des Himmels auch für die Freiheit, die die Ehefrauen der Kommandanten genießen, während die Mägde ihre Gefangenen sind. Gleichzeitig wird Serena aber auch dem Element Erde zugeordnet, da sie sich mit dem Garten verbunden fühlt.44 Ihr eigener Garten könnte den Garten Eden symbolisieren, in dem sie noch immer verweilt. Im Gegensatz zu Desfred, die aus dem Paradies vertrieben wurde, hat Serena den Himmel auf Erden. Dafür sprechen auch die „blühenden Blumen und Ranken“ die sich als weiße Stickerei an den Rändern einer ihrer blauen Schleier befinden.45 Die Ehefrau beherrscht Himmel, Erde und Wasser, während der Magd nichts bleibt, als ihr Feuer, das sie sorgsam verstecken muss. Die blühenden Blumen sind aber auch die Geschlechtsorgane der Pflanze, wie Atwood schreibt.46 Serena versucht mit den Blumen also ihre eigene Unfruchtbarkeit zu verschleiern. Das Weiß der Stickerei steht gleichzeitig wie auch ihr „lächerliches weißes Baumwollnachthemd“47 für ihre Unschuld und Reinheit. Sie fühlt sich damit gegenüber der sündigen schuldigen Dienstmagd erhaben. Mit ihrer Tracht, die der der Mutter Gottes ähnlich sieht, möchte sie zudem die Mutterschaft über das Kind, das Desfred gebären soll, für sich beanspruchen. Der Ehefrau steht in ihrem blauen Schleier die Mutterrolle zu, selbst wenn es nicht ihr eigenes Kind ist. Ihre andere Aufgabe ist die, den Frieden im Haus zu wahren. Dies wird durch ihr „langes taubenblaues Gewand“48 auf S.23 symbolisiert, da die Taube das Symbol des Friedens ist. Die blaue Ehefrau scheint prädestiniert, auch gegenüber hitzköpfigen Mägden einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Töchter der „blauen Ehefrauen“49 (seien es nun leibliche oder nicht) sind „weißverschleiert“50. Da sie noch jungfräulich sind, sind sie noch reiner und unschuldiger als die Ehefrauen, weshalb ihnen die Farbe Weiß nicht nur in der Nacht oder als dezente Stickerei, sondern vollends zusteht. Auch sie tragen einen Schleier wie die Jungfrau Maria in den Darstellungen und „weiße Kleidchen, wie zur Erstkommunion früher“51. Hier wird erneut der religiöse Aspekt hervorgehoben. Die weißen Kleider sollen die Töchter als Kinder Gottes kennzeichnen, was paradox erscheint, da die meisten mittlerweile aus dem Höllenfeuer der Mägde geboren werden. Auch dies könnte ein weißer Schleier vor dem Gesicht verbergen. Gleichzeitig kann das Weiß zukunftsdeutend sein. So weist es womöglich schon auf die künftige Hochzeit der Mädchen hin, durch die sie sich in himmelblaue Ehefrauen verwandeln.

[...]


1 Finitsis, Antonios: Dress and Clothing in the Hebrew Bible. „For all her Household are clothed in Crimson“.Great Britain 2019.

2 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.16.

3 Vanity Fair: The Symbolism of the Color Red in The Handmaid’s Tale. The new series starring Elisabeth Moss is now streaming only on Hulu. In: vanityfair.com, 10.05.2017.

4 Ebenda.

5 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.189.

6 Ebenda, S.117.

7 Ebd., S.35.

8 Ebd., S.16.

9 Baum, Lyman Frank: Der Zauberer von Oz. Zürich 1940.

10 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.17.

11 Ebenda, S.131.

12 Ebd., S.364.

13 Ebd., S.16.

14 Ebd., S.189.

15 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.251.

16 Ebenda, S.39.

17 Ebd.

18 Ebd., S.310.

19 Ebd., S.155.

20 Vanity Fair: The Symbolism of the Color Red in The Handmaid’s Tale. The new series starring Elisabeth Moss is now streaming only on Hulu. In: vanityfair.com, 10.05.2017.

21 Ebenda.

22 Vanity Fair: The Symbolism of the Color Red in The Handmaid’s Tale. The new series starring Elisabeth Moss is now streaming only on Hulu. In: vanityfair.com, 10.05.2017.

23 Hawthorne, Nathaniel: Der scharlachrote Buchstabe. Boston 1850.

24 Vanity Fair: The Symbolism of the Color Red in The Handmaid’s Tale. The new series starring Elisabeth Moss is now streaming only on Hulu. In: vanityfair.com, 10.05.2017.

25 Ebenda.

26 Kleine, Lisa: Ehefrau, Jüngerin, Prostituierte. Was wir über Maria Magdalena wissen. In: focus.de, Rubrik: Wissen, 20.12.2015.

27 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989.

28 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.376.

29 Ebenda, S.147.

30 Ebd., S.75.

31 Ebd., S.16.

32 Ebd., S.31.

33 Ebd., S.46.

34 Ebd., S.31.

35 Die Bibel. Das erste Buch Mose (Genesis) (1.Mose 2,4-3,24).

36 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.255.

37 Ebenda, S.266.

38 Ebd., S.264.

39 Ebd., S.255.

40 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.266.

41 Vanity Fair: The Symbolism of the Color Red in The Handmaid’s Tale. The new series starring Elisabeth Moss is now streaming only on Hulu. In: vanityfair.com, 10.05.2017.

42 Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989, S.22.

43 Ebenda, S.110.

44 Ebd., S.22.

45 Ebd., S.110.

46 Ebd.

47 Ebd., S.167.

48 Ebd., S.23.

49 Ebd., S.35.

50 Ebd.

51 Ebd., S.298.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Mägde, Mode & Rebellen. Wie Atwoods Dystopie Eingang in unsere modische Realität findet
Hochschule
Fachhochschule Trier - Hochschule für Wirtschaft, Technik und Gestaltung
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
41
Katalognummer
V1064195
ISBN (eBook)
9783346489456
ISBN (Buch)
9783346489463
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mode, Modedesign, Mägde, Magd, Rebellen, Protestkultur, TheHandmaidsTale, DerReportderMagd, MargretAtwood, Atwood, Dystopie, Literatur, Geschichte, Kostüme, Trachten, Realiät, Protest, HBO, Serien, Modewissenschaft, Modetheorie, Gilead, Gesellschaft, Marthas, Tanten, Ehefrauen, Unfrauen, Ökonofrauen, vestimentär, Interniertenkleidung, Gefangenenlager, Kanada, USA, Nonnen, Ordenskleider, Ordenskleidung, Ordenstracht, Feminismus, Abtreibungsverbot, ExtinctionRebellion, RedRebels, Catwalk, JenniferLawrence, Dior, Zukunft
Arbeit zitieren
Anna Franken (Autor:in), 2020, Mägde, Mode & Rebellen. Wie Atwoods Dystopie Eingang in unsere modische Realität findet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064195

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