Der Körper und die Psyche bei Krankheit und Genesung. Die Erzählung "Leibhaftig" von Christa Wolf


Bachelorarbeit, 2021

35 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Geschichtlicher Hintergrund der DDR

2. Literatur in der DDR - ein Überblick
2.1. Phasen der DDR-Literatur
2.1.1. I Phase: Kein Nullpunkt
2.1.2. II Phase: Aufbauliteratur
2.1.3. III Phase: Ankunftsliteratur
2.1.4. IV Phase: Die relative Liberalisierung der 1970er Jahre
2.1.5. Untergrundliteratur der 80er Jahre

3. Die literarische Gattung Erzählung

4. Die Biographie und das literarische Werk von Christa Wolf

5. Die Analyse der Erzählung Leibhaftig von Christa Wolf
5.1. Die Entstehungsumstände der Erzählung
5.2. Die Inhaltsangabe des Buches
5.3. Die Interpretation des Titels Leibhaftig
5.4. Das Bild der kranken Protagonistin im Hinblick auf ihren Körper und ihre Psyche
5.5. Krankheit als Metapher

Schlussfolgerungen

Bibliographie

Einleitung

Das Bild der DDR, das sich vor allem im Rahmen der kurz nach der Wiedervereinigung geführten Diskussionen über die deutsche Nachkriegsvergangenheit in das populäre Gedächtnis eingeprägt hat, lässt sich auf das Bild eines vom Rest der Welt isolierten Staates reduzieren, der nur dank autoritärer Gewalt und Stasi-Überwachung überlebte. Sein anderes Gesicht ist ein utopisches Projekt: ein anderes, besseres Deutschland, das Ergebnis der Lehren, die Deutschland aus den Erfahrungen der grausamen Diktatur gezogen hat. Christa Wolf ist eine der Autorinnen, die in dieser Zeit ihre Werke geschaffen hat. In ihrer Erzählung Leibhaftig gibt es Szenen von Nachtflügen über Berlin, die nicht nur die Grenze zwischen Wachen und Träumen verwischen, sondern auch die räumliche Distanz aufheben und die Möglichkeit von Zeitreisen eröffnen. Das Bild von Berlin als eine einzige große Baustelle hilft, es zu einer Metapher für das Balancieren auf der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten zu machen. Obwohl sich das Werk eigentlich auf ein ganz anderes Motiv bezieht nämlich die Krankheit, die die Autorin selber erleben musste, ist Christa Wolf in dieser Geschichte mehr als einmal auf die Tage der DDR zurückgegangen.

Die folgende Arbeit bezieht sich eben auch auf die Erzählung Leibhaftig von Christa Wolf. Die Arbeit besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen und einem praktischen Teil. In dem ersten Kapitel des ersten Teils wird kurz auf die Geschichte der DDR eingegangen, denn in dieser Zeit lebte auch die Autorin. Weiterhin wird die Literatur der DDR näher betrachtet. Die Literatur dieser Zeit hängt sehr stark mit den damals vorherrschenden Prinzipien zusammen und ist daher in mehrere Phasen unterteilt, die in dem zweiten Kapitel der Reihe nach beschrieben werden. Im nächsten Kapitel erkläre ich kurz den Begriff der Erzählung. Das vierte Kapitel wird dem Leben als auch der literarischen Leistung der Autorin gewidmet d.h. einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre Biographie und ihr Schreiben spiegeln die problematischen Entscheidungen wider, denen sich viele europäische Intellektuelle stellen mussten. Für Christa Wolf besteht der Zweck des Schreibens also darin, dieses zu verarbeiten, was sie selber erlebte. Darüber hinaus lässt sich aus ihrem Werk feststellen, dass es in ihrer Literatur eine durchaus mehr oder weniger gewichtige autobiographische Dominanz gezeigt wird. Im Folgenden, nämlich in Kapitel fünf, wird der praktische Teil, der sich mit der Analyse des Werkes Leibhaftig beschäftigt, dargestellt. Zunächst wird der Hintergrund des Werkes dargestellt, d.h. was die Autorin dazu veranlasst hat, diese Erzählung zu schreiben. Danach wird im nächsten Abschnitt der Inhalt des Werkes kurz erläutert. Der nächste Punkt beschäftigt sich mit dem Titel der Erzählung, genauer gesagt damit, was der Titel wirklich vermitteln soll und worauf er sich genau bezieht. Die letzten beiden Punkte konzentrieren sich vor allem auf das Thema Krankheit, das eigentlich das Hauptmotiv des Werkes ist und auf verschiedene Weise angedeutet werden kann. Diese Krankheit, die das äußere Thema der Erzählung ist, musste die Autorin selbst im wirklichen Leben auf verblüffend ähnliche Weise überwinden. In diesem Teil des Werkes wird die Krankheit der Hauptfigur in Bezug auf ihren Körper und ihre Psyche dargestellt. Der letzte zu klärende Aspekt ist, ob die Krankheit, die die Autorin erlebte und die fast zu ihrem Tod führte, als Metapher zu verstehen ist. Mein Ziel ist es jedoch dabei zu zeigen, dass die einfache Feststellung, dass Christa Wolf Krankheit als Metapher verwendete, falsch ist. Die Erzählerin empfand die Krankheit als eine symbolische Bedeutung und diese führt die Protagonistin zu wichtigen Erkenntnissen.

1. Geschichtlicher Hintergrund der DDR

Als der zweite Weltkrieg im Jahr 1945 vorbei war, wurde der ehemalige deutsche Staat in vier Zonen aufgeteilt. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde am 7. Oktober 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als zweiter deutscher Staat gegründet und entstand nach dem sowjetischen Vorbild1. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde 1949 die DDR als sozialistischer Staat proklamiert. Die politische Macht wurde von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ausgeübt, welche aus der Zwangsfusion der Kommunistischen Partei und der sozialdemokratischen Partei entstand. Die DDR gehörte zum sogenannten Ostblock, dessen politisches und wirtschaftliches Vorbild die Sowjetunion war2. Die dort herrschende sozialistische Gesellschaftsordnung legte einen großen Wert auf die Kontrolle aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und ließ dabei wenig Raum für individuelle und private Kreativität. Ökonomisch gesehen, bestimmten in der sozialistischen Planwirtschaft die sogenannten Fünfjahrespläne die Tätigkeit der weitgehend verstaatlichten Betriebe. Anfänglich lag der Schwerpunkt auf der Schwerindustrie und den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Bezüglich der Tatsache, da immer mehr Menschen aus der DDR flüchteten, wurde 1961 die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland geschlossen und die Berliner Mauer gebaut, die die sogenannte Republikflucht verhindern sollte. Seit diesem Zeitpunkt war die Flucht aus der DDR nur unter großer Gefahr möglich. Zugleich baute die DDR auch ihre Anlangen zum Schutz der Grenze aus, verschärfte die politische Kontrolle über die Bevölkerung und nahm eine zunehmend autoritäre Haltung gegenüber sogenannten Dissidenten ein3. Während, die westlichen Alliierten etablierten in Westdeutschland eine parlamentarische Demokratie, kontrollierte Joseph Stalin, der als sowjetischer Diktator bezeichnet wird, fast ganz Osteuropa. Länder wie Polen, Ungarn und Rumänien und natürlich auch die DDR, die sich Stalins Regeln unterwerfen mussten, funktionierten bis 1989/90 auf diese Weise. Das Volk selbst lebte in dem Glauben, dass sie in einer Demokratie lebten, in Wirklichkeit war es jedoch eine Diktatur4. In Bezug auf die politische und geographische Lage war die DDR ein Sonderfall, denn an seiner Westgrenze begann jener Teil Europas, der keiner Diktatur unterworfen war, ganz im Gegenteil, die dort lebenden Menschen konnten ihre Freiheit genießen. Bemerkenswert ist auch, dass in der Mitte dieses Gebiets die ehemalige Reichshauptstadt Berlin lag, die ebenfalls aufgeteilt wurde. Es war das Symbol des nationalsozialistischen Deutschlands, von dem alle vier Siegermächte des Weltkrieges ein Stück für sich haben wollten. Aus diesem Grund wurde West-Berlin als eine Insel der Freiheit bezeichnet, die auf dem Gebiet des kommunistischen Ostdeutschlands lag. Nach dem Bau der Berliner Mauer entfernten sich die Menschen im geteilten Deutschland immer mehr voneinander. Auf der diplomatischen Ebene gab es jedoch seit den 1970er Jahren Veränderungen, d.h. im Rahmen der vom Bundeskanzler Willy Brandt ausgedachten Entspannungspolitik begannen sich die Menschen wieder einander anzunähern. Die Stabilitätsphase in der DDR dauerte allerdings nur ein paar Jahre lang. In Bezug auf den wirtschaftlichen Bereich war das Regime nicht in der Lage, sich auf Dauer zu halten. Die wirtschaftlichen Probleme hätten zum Zusammenbruch der ostdeutschen Diktatur beigetragen. Zu diesem Thema äußerte sich der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Leibnitz. Seines Erachtens das Problem war die finanzielle mit den Staaten in dem westlichen Teil des Deutschland bei denen DDR hohe Schulden hatte5. Ausschlaggebend war jedoch die Unzufriedenheit der Menschen, die sich in einem fürchterlichen Druck, das Land zu verlassen, ausdrückte. Honecker und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bzw. Stasi genannt, konnten den Zusammenbruch der DDR nicht mehr aufhalten. Auch in anderen Ländern Osteuropas, vor allem in Polen und Ungarn, revoltierte die Bevölkerung. All dies war nur deshalb möglich, weil die Sowjetunion ihren Einfluss, ihren Druck und ihre militärische Unterstützung reduzierte6. Am 7. Oktober 1989 wurde zum letzten Mal gefeiert und zwar aus dem Anlass des 40. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik. Bereits einen Monat später, am 9. November erfolgte der Berliner Mauerfall und ein Jahr später, am 3. Oktober 1990 wurden die beiden deutschen Staaten wiedervereinigt7.

2. Literatur in der DDR – ein Überblick

Um die DDR-Literatur näher zu betrachten, sollte zunächst erwähnt werden, dass in der DDR eine strenge Zensur herrschte. Unter der Diktatur hatten die Schriftsteller keine sogenannte freie Hand, wenn es um literarische Werke ging, es sei denn, ihre Texte bezogen sich nur auf die herrschende Ideologie. Wenn sie dies nicht taten, wurden sie schnell als Feinde betrachtet. Aus diesem Grund schenkte die ostdeutsche Geheimpolizei der Literatur besondere Aufmerksamkeit. Die MfS-Experten entschieden auch über die Veröffentlichung von Texten. Diktaturen behandeln Kunst und Literatur immer in ähnlicher Weise, nämlich Künstler sollen sich auf die Ideologie beziehen und deren positive Eigenschaften sowie Alltagshelden zeigen, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Andererseits sind Zensur, Verbote und systematische Überwachung sowie der Ausschluss von Künstlern, die sich kritisch mit dem Leben in totalitären Systemen auseinandersetzen, eines der grundlegenden Werkzeuge um die Macht zu halten8. Am 17. März 1951 wurden auf dem fünften Plenum des Zentralkomitees (ZK) der SED Kunst und Literatur als Mittel der Propaganda bezeichnet. Der damalige DDR- Ministerpräsident Otto Grotewohl hat sich bezüglich der Kunst, sowie Literatur folgendermaßen geäußert: „Literatur und bildende Künste sind der Politik untergeordnet, aber es ist klar, dass sie einen starken Einfluss auf die Politik ausüben. Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen“9. Viele Autoren, die sich teilweise kritisch mit den gesellschaftlichen Ereignissen auseinandersetzten und manchmal darüber schrieben, gleichzeitig jedoch der sozialistischen Idee oder der kommunistischen Utopie treu waren, wie etwa der Schriftsteller Stephan Heym. Zeitweise musste er sogar Publikationsverbote und Ermittlungen wegen angeblicher Devisenvergehen über sich ergehen lassen, allerdings akzeptierte er den Sozialismus und wollte das Land nicht verlassen. Es gab auch staatsfeindliche und subversive Autoren, die von der vollen Wucht der Repressionen betroffen waren. Diese verfolgte, abgedrängte und verbotene Literatur ist im „Archiv für unterdrückte Literatur in der DDR“10 in Berlin zu finden, in dem sich etwa 100 solcher Fälle aus 40 Jahren befinden. Diese Entwürfe zeigen, wie systemkritische Autoren, die in der DDR-Diktatur lebten, ihre geistige Autonomie bewahrten, welche Motive, Themen und ästhetischen Konzepte sie gegen die staatlich organisierte Übermacht unterstützten und verteidigten und wie sie von Partei und Staatssicherheit behandelt wurden. Die meisten von ihnen waren junge Autoren, die erst den literarischen Weg begannen, zudem haben sie bisher keine Werke veröffentlicht und da sie keine Publikationen hatten, waren sie vor Verfolgern nicht geschützt. Die disziplinarischen und subversiven Maßnahmen der SED und des MfS zielten darauf ab, entweder die Arbeit so früh wie möglich zu vernichten oder die Produktion von bereits geschriebener Literatur zu verhindern, so dass diese Texte, die bei heimlichen Hausdurchsuchungen gestohlen wurden und häufig bis 1989 in verschlossenen Akten der Staatssicherheit aufbewahrt wurden. Der 30. November 1989 markiert das Ende der literarischen Zensur in der DDR11.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der restriktive, zensorische und repressive Zugriff auf die Literatur trotz methodischer Modifikationen und kulturpolitischer Schwankungen während der gesamten vierzig Jahre der DDR konstant präsent war, auch in Zeiten scheinbarer Liberalisierung, wie es nach der Absetzung des Partei- und Staatsführers Walter Ulbricht vorübergehend der Fall war.

2.1. Phasen der DDR-Literatur

Im Folgenden wird auf die verschiedenen Phasen der DDR-Literatur eingegangen. Als DDR-Literatur wird die Literatur bezeichnet, die in der Deutschen Demokratischen Republik zwischen 1949 und 1990 entstanden ist. Die Zeitspanne fasst vier Phasen der Literatur um, wobei meist auch die Nachkriegsliteratur von 1945 bis 1949 zu frühen Literatur der DDR zählt. DDR-Literatur fasst also folgende Phasen um:

- Kein Nullpunkt (1945-1949)
- Aufbauliteratur (1949-1961)
- Ankunftsliteratur (1961-1971)
- Die relative Liberalisierung der 1970er Jahre (1971-1989)
- Untergrundliteratur in den 80er Jahren

2.1.1. I Phase: Kein Nullpunkt

Nach dem 8. Mai 1945, als der deutsche Staat kapitulierte, kam eine Zeit, die von Intellektuellen und Künstlern aus den drei Westzonen oft als die Stunde Null oder Nullpunkt bezeichnet wurde. Im Bereich der Literatur wurde diese Zeit als „Trümmerliteratur“ bekannt. Es zeigte aber auch die Möglichkeiten für einen Ausgangspunkt für etwas Neues auf, besonders in Bezug auf das westliche Gesellschaftsmodell in Verbindung mit einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Zugleich bedeutete die Erklärung der Nullstunde in den Westzonen meist eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit und dem eigenen Verhalten darin, ein hilfloser Antifaschismus, der vielen Intellektuellen schon vor und um 1933 eigen war12. In der sowjetischen Besatzungszone war die Situation nach der Kapitulation jedoch ganz anders. Als am 29. April 1945 die Führungsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Moskauer Gruppe Ulbricht nach Berlin zurückkehrte und unter dem Schutz der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) auch kulturpolitische Aktivitäten unternahm, berief sie sich auf die Tradition des antifaschistischen Kampfes seit 1935, d.h. auf die Politik der Volksfront. Es lässt sich also feststellen, dass das Konzept der antifaschistisch-demokratischen Erneuerung war sozusagen nichts anderes als eine Anpassung derselben Volksfront von Mitte der 1930er Jahre an die neuen postnazistischen Bedingungen13. Zu diesem Konzept gehörte auch das Bemühen in den ersten Jahren nach der Niederlage des Nationalsozialismus, möglichst viele exilierte Schriftsteller zurückzuholen. Man hoffte, dass diese Literatur einen explizit antifaschistischen Charakter haben wird. Die wichtigsten Urheber für die spätere DDR waren eine Gruppe von Kommunisten, die überzeugt waren, in der Sowjetunion Schutz und Sicherheit zu finden. Seit 1936 haben viele von ihnen jedoch die Erfahrung gemacht, dass das stalinistische System, dessen Hauptmerkmal der Einsatz von Terror war, nichts mit Sicherheit zu tun hat, sondern nur einen Kampf ums Überleben bedeutet14. Zu den antifaschistischen Schriftstellern, die aus der Sowjetunion in die sowjetische Besatzungszone - später die DDR - kamen, gehören Johannes R. Becher, Erich Weinert, Friedrich Wolf und Adam Scharrer. Aus dem anderen großen Auswanderungszentrum d.h. Mexico, kamen u. a. Anna Seghers oder Bodo Uhse. Bertold Brecht, Stefan Heym und Ernst Bloch kehrten aus den USA zurück nicht eher als zwischen 1947 und 1953.

Im Mai 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet und am 7. Oktober 1949 die DDR, womit ein neuer Abschnitt in der Nachkriegsliteratur der DDR begann.

2.1.2. II Phase: Aufbauliteratur

Seit 1950 wurde in der DDR der Aufbau des Sozialismus vorangetrieben. Die SED, die nun allein an der Macht war, forderte eine Literatur, die für die Ziele des Sozialismus und den Aufbau der sozialistischen Produktion eintrat. So wird diese Literatur in der Literaturwissenschaft als Aufbauliteratur bezeichnet. Seit dem Inkrafttreten des ersten Fünfjahresplans 1950 und der offenen Proklamation des Aufbaus des Sozialismus 1952 wurde das Aufbau-Thema intensiv gefördert und vermeintlich „rückständigen“ Themen wie Krieg, Faschismus und Trümmerelend gegenübergestellt. Dieses Thema findet sich in Lyrik und Drama ebenso wie in verschiedenen Formen der Prosa, von der Reportage bis zum Industrieroman. Die Aufbauliteratur sollte operativ sein, d.h. sie sollte die Begeisterung der Arbeiter und Bauleute unter den Bedingungen des allgemeinen Mangels anregen und damit einen direkten Einfluss auf die Verbesserung der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion ausüben15. Es wurden vor allem die Arbeiter bevorzugt, die durch ihren Fleiß die Normen anhoben und damit die Produktivität der Arbeit verbesserten. Die Kulturpolitik konzentrierte sich dabei hauptsächlich auf Autoren aus proletarischen oder bäuerlichen Verhältnissen, die mit der Produktion vertraut waren. Auf den Tagungen des Zentralkomitees der SED wurden die Schriftsteller aufgefordert, Kontakte zu unterschiedlichen Betrieben zu knüpfen um befreite Arbeit zu präsentieren. Besonders in der ersten Hälfte der 1950er Jahre schrieben, die sowohl jüngeren, als auch älteren Autoren eine ganze Menge von Reportagen, Kurzgeschichten und Romane, die sich auf die befreite Arbeit bezogen und diese schilderten. In der Aufbauliteratur stand oft die Beschreibung von technologischen Prozessen auf dem ersten Plan. Darüber hinaus gab es viele Reportage, deren Titel sich auf den Bau eines bestimmten Projekts bezog, z. B. die Mansfeld-Reportage Es geht um Kupfer, welche 1950 von Stephan Hermlin verfasst wurde oder Das Geheimnis von Sosa von Helmut Hauptmann und Dieter Nolls16. Die Thematik des Aufbaus im Bereich des Landes und Bauern bezog sich vor allem auf die Bemühungen der Neubauern, die im Rahmen der Agrarreform von den Großgrundbesitzern enteignetes Land erhielten. Des Weiteren hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits viele diverse Zirkel und Diskussionsgruppen unter Intellektuellen gebildet, die sich kritisch mit dem Sozialismus in der DDR auseinandersetzten. Aber auch der Staat zeigte seine Macht u. a. indem, dass zahlreiche intellektuelle und bekannte Kritiker des Sozialismus wurden angeklagt. Die schlechtesten Monate, die die Künstler in der DDR erleben mussten, gab es im Winter 1956 und 1957. In dieser Zeit bekam z. B. der damalige Leiter des Verlags Aufbau Walter Janka, eine fünfjährige Haftstrafet, denn er versuchte mit Becher und Seghers, den ungarischen Schriftsteller Georg Lukács in die DDR zu bringen. Im April 1959 fand die Bitterfelder Konferenz statt und mit ihr ging die SED einen Schritt weiter. Schriftsteller haben Befehl bekommen, Fabriken zu betreten, um das Leben und die geleistete Arbeit in den Räumen zu dokumentieren. Auch Christa Wolf absolvierte auf diese Art und Weise ein sogenanntes Werkspraktikum: 1961 arbeitete sie in der Waggonfabrik Ammendorf17.

2.1.3. III Phase: Ankunftsliteratur

Die Ankunftsliteratur bezieht sich auf die Literatur der DDR der 60-er Jahre, und besonders auf die Gattung des Romans, denn in der DDR haben die Autoren sehr viele Romane verfasst. Welche Zeitspanne diese Literatur genau umfasst, wurde bis heute in der Literaturwissenschaft nicht deutlich geklärt. Einerseits hängt die Ankunftsliteratur nah mit dem Bitterfelder Weg zusammen und daher dauert bis Mitte 1960er Jahre, andererseits wird jedoch behauptet, dass sie bis 1971 dauerte, bis die Ära Ulbricht beendet wurde. Als Ankunftsliteratur wird „die Literatur der ersten Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die in der DDR erwachsen sind“ bezeichnet18. Allerdings sind nicht alle mit dieser Version einverstanden, einige Literaturhistoriker sind der Meinung, dass die Literatur die erste Generation definiert, die in DDR aufgewachsen ist. Sehr häufig, als gemeinsames thematisches Merkmal der Werke tritt das Motiv der Verwandlung des Protagonisten in ein bewusstes Mitglied der realsozialistischen Gesellschaft vor. Der bekannteste Text der Ankunftsliteratur ist der Roman von Brigitte Reimann Ankunft im Alltag, der 1961 erschien. Dem Titel des Romans ist nicht nur ein Wort entnommen, das zu einem Schlagwort für die Literatur dieser Jahre geworden ist, er enthält auch ein thematisches Schema, das von anderen Schriftstellern der Zeit aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Im Gegensatz zur Aufbauphase wird in dieser Literatur der Sozialismus der DDR als eine Tatsache behandelt, deren Existenz nicht mehr davon abhängt, ob und inwieweit sich der Einzelne für oder gegen sie ausspricht. Die sozialistische DDR erschien also in der Ankunftsliteratur als etwas Selbstverständliches, als ein Zustand, mit dem sich die Gesellschaft arrangieren soll und dem sie sich anpassen müsste19. Eine solche Anpassung lässt sich in dem Roman von Brigitte Reimann feststellen, in dem, drei Abiturienten, die ihre Schule abgeschlossen haben, ein Jahr Praktikum in der Produktion absolvieren. Das sogenannte Muster der Ankunftsliteratur d.h. die Bestimmung des individuellen Lebensweges durch die dominierenden gesellschaftlichen Verhältnisse in Bezug auf Modus der literarischen Funktion als Feld der freien Verständigung und Selbstbestimmung der Subjektivität zu inszenieren, spielte sich in den 1960er Jahren auf verschiedene Weise ab20. Dass dies nicht nur mit den jugendlichen Protagonisten zusammenhängt, zeigt das Werk von Karl Heinz unter dem Titel Beschreibung eines Sommers, dessen Hauptfigur ein fähiger Bauingenieur ist, der von Jugendlichen und einer jungen Frau, die in der FDJ engagiert ist, zur Arbeit an einer Chemieanlage angesprochen wird und die Begegnung mit ihnen ihn dazu bringt, seine distanzierte Haltung gegenüber allen sozialen Fragen zu ändern. Christa Wolf bezieht sich in ihrem Muster der Ankunftsliteratur wiederrum auf die Systemfrage. Dies stellte sie in ihrem Roman Der geteilte Himmel dar, der 1963 publiziert wurde. In diesem Werk wird eine Protagonistin Rita gezwungen, ein Leben in der DDR zu wählen oder sich für ein Leben im Westen zu entscheiden, wo der Mann, den sie liebt und der von dem Sozialismus enttäuscht ist, sich befindet. Letztlich wurde aber jede Entscheidungsfindung durch den Bau der Berliner Mauer verhindert. Diese Situation führte dazu, dass die junge Protagonistin einen Anschlag auf ihr eigenes Leben unternahm. Außerdem sollte es jedoch darauf hingewiesen werden, dass das Muster der Ankunftsliteratur auch kritisch interpretiert werden kann. Dies wurde u. a. in dem Roman Rummelplatz von Werner Bräunig geschildert. In diesem Werk geht der Autor zurück an den Beginn der DDR, genauer gesagt an den 17. Juni 1953 und zeigt ein völlig anderes Bild21. Am 17. Juni 1953 kam es zu einem Arbeiteraufstand, zunächst in Berlin und dann in ganz DDR. Die Slogans der Arbeiter waren Forderungen nach freien Wahlen, dem Rücktritt der Regierung und mehr Demokratie. Alle diesbezüglichen Hoffnungen wurden jedoch durch den Einsatz von Panzern und Wasserwerfern durch die Regierung zunichte gemacht22. Mehr als 10.000 Bürger wurden nach den Ereignissen vom 17. Juni verhaftet. Mindestens fünfzig Menschen verloren ihr Leben sind ums Leben gekommen23. Auf antiidealistische Weise zeichnet der Autor Charaktere aus dem Umfeld des Uranbergbaus, hinter deren Grobheit und Brutalität sich die Sehnsucht nach Selbstfindung in der Gesellschaft verbirgt. Die frühe DDR aus dem Roman des Autors bietet allerdings kaum die Möglichkeit, diesen Wunsch zu realisieren. Es scheitert nicht an der unmenschlichen Arbeit bei der Wismut AG oder den schlechten Lebensbedingungen, jedoch vor allem am Misstrauen und der Distanzierung der Partei- und Polizeiführung, ihrem Ordnungsfanatismus, ihrem Regelungswahn und ihrem Kritikverbot24.

2.1.4. IV Phase: Die relative Liberalisierung der 1970er Jahre

Als der achte Parteitag der SED im Juni 1971 stattfand, wurde Walter Ulbricht durch Erich Honecker abgelöst und der Aufbau einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft angekündigt. Damit wurde das Ende der Nachkriegszeit und des sozialistischen Aufbaus deutlich proklamiert. Honecker verlangte im Gegensatz zu Ulbricht mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung im Arbeitsprozess. Auf diese Weise führte er zu einer gewissen Liberalisierung in der Wirtschaft, aber auch in der Kunst und Literatur. Zudem war Kritik am Sozialismus auch wieder erlaubt, aber immer noch unter den ständigen Vorbehalten der SED-Führung: Kritik an der Partei und Kritik an der Sowjetunion zum Beispiel waren immer noch völlig verboten. In Bezug auf die Literatur dieser Zeit, stellte sie schließlich den Zustand des allseitigen Individuums in den Mittelpunkt, zudem sparte sie nicht an Kritik an der sozialistischen Bürokratie, auch wenn die SED dies nicht zuließ. Hierfür lassen sich folgende Romane als Beispiele nennen: Unvollendete Geschichte von Volker Braun, Die wunderbaren Jahre von Reiner Kunze und Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf. Das letztgenannte, 1972 erschienene Werk bezieht sich auf den Versuch des jungen Protagonisten Edgar, der sich als Individuum im realen Sozialismus zeigen möchte, was ihm auch nur durch die Negation des Bestehenden gelingt25. Im November 1976 wurde der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann des Landes verwiesen, was viele DDR-Autoren zum Anlass nahmen, sich gegen die Kulturpolitik zu wenden. Die Autoren drückten ihre starke Kritik unter anderem in einer Petition aus. Dies führte schließlich zu einer Kette von kritischen Reaktionen der Intellektuellen und die staatlichen Sanktionen gegen Schriftsteller wurden erst mit dem Ende der DDR gebrochen26. Der Ausbürgerung von Biermann brachte dazu bei, dass zahlreiche Ausschlüsse aus der SED und dem DDR-Schriftstellerverband vorkamen. Außerdem begannen DDR-Künstler in großer Zahl das Land zu verlassen, um im Westen zu leben. Unter den ausscheidenden Künstlern waren u. a. : Reiner Kunze, Manfred Krug, Nina Hagen, Armin Müller-Stahl und Sarah Kirsch27. Natürlich fehlte es nicht an Autoren und Künstlern, die bewusst in der DDR blieben und sich entschlossen, für die Veränderung des politischen Systems zu kämpfen, was bis zum Schluss sehr schwierig war. Zu diesen Künstlern zählten u. a. Ulrich Plenzdorf oder Volker Braun. Es sollte auch beachtet werden, dass es auch solche Autoren gab, die, obwohl sie sich entschieden, in der DDR zu bleiben, ihre Werke im Westen veröffentlichten, was natürlich manchmal sehr schwierig war. Darunter sind z. B. Stefan Heym und Monika Maron zu nennen28.

[...]


1 Mählert, Urlich: Geschichte der DDR, Erfuhrt, 2005, S. 8.

2 Ebd., S. 21.

3 Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/17333/deutsche-demokratische-republik-ddr [Stand: 12.04.2021]

4 Ebd.

5 Deutsche Welle: https://www.dw.com/de/ddr-ein-gescheitertes-diktatur-experiment/a-50664817 [Stand: 12.04.2021].

6 Deutsche Welle: https://www.dw.com/de/ddr-ein-gescheitertes-diktatur-experiment/a-50664817 [Stand: 12.04.2021].

7 Mählert, Urlich: Geschichte der DDR, Erfuhrt, 2005, S. 82.

8 Müller, Beate: Stasi - Zensur - Machtdiskurse, Tübingen, 2006, S.12.

9 Sander, Hans-Dietrich: Geschichte der Schönen Literatur in der DDR: ein Grundriss, Freiburg, 1972, S. 109.

10 Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/stasi/224370/literatur [Stand: 15.06.2021].

11 Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/stasi/224370/literatur [Stand: 08.04.2021]

12 Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR, 2. Aufl., Leipzig, 1987, S. 70.

13 Ebd. S, 71.

14 Ebd. S, 78.

15 Opitz, Michael; Hoffman, Michael: Metzler Lexikon DDR-Literatur, Stuttgart, 2009, S. 11.

16 Ebd. S. 12.

17 Schroth, Simone: Erneuerung, Aufbau, Ankunft. Der Ostdeutsche Nachkriegsroman, Hagen, 2003, S. 7,8.

18 Opitz, Michael; Hoffman, Michael: Metzler Lexikon DDR-Literatur, Stuttgart, 2009, S. 4.

19 Opitz, Michael; Hoffman, Michael: Metzler Lexikon DDR-Literatur, Stuttgart, 2009, S. 4.

20 Opitz, Michael; Hoffman, Michael: Metzler Lexikon DDR-Literatur, Stuttgart, 2009, S. 5.

21 Ebd.

22 Mählert, Urlich, 2005: Geschichte der DDR. Erfuhrt, S. 25.

23 Ebd. S. 26.

24 Opitz, Michael; Hoffman, Michael: Metzler Lexikon DDR-Literatur, Stuttgart, 2009, S. 5.

25 Schroth, Simone: Erneuerung, Aufbau, Ankunft. Der Ostdeutsche Nachkriegsroman, Hagen, 2003, S. 11.

26 Emmerich, Wolfgang: Die andere deutsche Literatur. Aufsätze zur Literatur aus der DDR, Opladen, 1994, S. 252.

27 Emmerich, Wolfgang: Die andere deutsche Literatur. Aufsätze zur Literatur aus der DDR, Opladen, 1994, S. 256.

28 Schroth, Simone: Erneuerung, Aufbau, Ankunft. Der Ostdeutsche Nachkriegsroman, Hagen, 2003, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Körper und die Psyche bei Krankheit und Genesung. Die Erzählung "Leibhaftig" von Christa Wolf
Hochschule
Universitas Wratislaviensis  (Uni Breslau)
Note
1
Jahr
2021
Seiten
35
Katalognummer
V1064241
ISBN (eBook)
9783346476432
ISBN (Buch)
9783346476449
Sprache
Deutsch
Schlagworte
körper, psyche, krankheit, genesung, erzählung, leibhaftig, christa, wolf
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Der Körper und die Psyche bei Krankheit und Genesung. Die Erzählung "Leibhaftig" von Christa Wolf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064241

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