Die vorliegende Arbeit widmet sich der Forschungsfrage: "Was hat es für die künstlerische Ausarbeitung vom kleinen Herrn Friedemann zu bedeuten, dass er körperlich gehandicapt ist?" "Der kleine Friedemann" ist eine Novelle von Thomas Mann, welche sich mit dem Leben des Johannes Friedemann auseinandersetzt. Das Leben des Protagonisten ist von seiner körperlichen Konstitution stark beeinträchtigt. Auf Johannes Friedemanns offensichtliche Stigmatisierung wird bereits auf der oberflächlichsten Textebene verwiesen: Nämlich dann, wenn der Erzähler sprachlich immer wieder auf Friedemanns Äußeres abzielt - nicht zuletzt aber durch das seine Beschreibung nahezu jederzeit schmückende euphemistische Beiwerk "kleine/r".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Motiv des „Handicaps“ innerhalb der Novelle
2.1 Die „Einschränkungen“ des Friedemann
2.2 Gerdas Freundlichkeit
2.3 Leiden durch den deformierten Körper
2.4 Die „lenkende“ Frau in Friedemanns Leben
2.5 Wettstreit der Männlichkeit
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der körperlichen Behinderung des Protagonisten Johannes Friedemann in Thomas Manns Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ für seine künstlerische Ausarbeitung und Identitätsfindung. Dabei wird analysiert, inwiefern das körperliche „Handicap“ als soziales Stigma fungiert, das den Protagonisten von einer aktiven Teilhabe an der gesellschaftlichen und sexuellen Norm ausschließt und ihn in eine existenzielle Krise führt.
- Die Funktion der körperlichen Behinderung als soziales Stigma und soziale Metapher.
- Der Einfluss der Behinderung auf das männliche Identitätsbild (Körperkapital).
- Die Rolle der Frau (Gerda von Rinnlingen) als Auslöserin für den Zusammenbruch der asketischen Lebensführung.
- Die literarische Verarbeitung von Schopenhauers Philosophie und Nietzsches Kritik in der Novelle.
- Die Passivität als männlicher Ausschlussmechanismus im gesellschaftlichen Diskurs.
Auszug aus dem Buch
2.4 Die „lenkende“ Frau in Friedemanns Leben
Diese Szene wurde in der wissenschaftlichen Forschungsliteratur nicht selten als der dionysische Einbruch in Friedemanns behagliches Leben bezeichnet; mit Gerda in der Hauptrolle des heranrauschenden fremden Gottes, der im ,,gelbe[n] Jagdwagen“ bereits andeutet, dass diese Hatz tödlich verlaufen wird. Auch im Kommentar zu Der kleine Herr Friedemann bringen Reed und Herwig dieses Bild der den Wagen lenkenden Frau in Manns Werk mit einem mehrfach durch den Schriftsteller benannten Gedicht in Verbindung, das wohl die Anfangsverse „Ich schaffe treu. Mit allen Hunden - naht da die Jägrin Leidenschaft“ beinhaltet. Diese Jägrin Leidenschaft wird es schließlich sein, die Friedemann wahrhaftig dem Teufel zutreibt, denn wie in der Logen-Szene während der Lohengrin-Aufführung in Kapitel 9 mehr als deutlich wird, leidet der kleine Verwachsene an seiner unterdrückten Triebwelt. Anders ist wohl Manns Nachzeichnen von Friedemanns neugierigem Blick über Gerdas üppige Gestalt kaum zu verstehen, zumal seine körperlichen Reaktionen auf diesen Anblick Bände sprechen: „Herr Friedemann war bleich, viel bleicher, als gewöhnlich, und unter dem glattgescheitelten braunen Haar standen kleine Tropfen auf seiner Stirn.“ Zudem hat der entblößte linke Arm Frau von Rinnlingens auf dem roten Samt der Brüstung eine sinnliche Wirkung auf ihn, von der er sich kaum losreißen kann und die ihn auch physisch in eine Art >Askese-Haltung< zwingt: Vor allem „unbeweglich, blaß und still“ verharrt der kleine Mann, der „den Kopf tief zwischen den Schultern“ hatte. Auf diese Weise versucht er, was in sich gärt zurückzuhalten. Sein „Zeigefinger am Munde“ weist auf verschiedene Deutungsmöglichkeiten hin: Auf eine sinnliche Berührung der Lippen, aber auch auf das Bedeuten des Verstummens, sowie eine >Denkerpose<, die den körperlichen Trieb wieder unter die Gewalt der Vernunft zu bringen versucht. Dass Friedemanns „andere Hand im Aufschläge seines Rockes“ liegt, lässt gar die Interpretation des Nachfühlens und Beruhigens seines aufgebrachten Herzens zu. Er ist also ganz versucht, was in ihm ist, auch weiterhin zurückzudrängen und zu verbergen, da seine Erfahrung gezeigt hat, dass er sich für „diese Dinge [...], von denen die Anderen ersichtlich ganz erfüllt waren, [...] nicht eignete.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Novelle von Thomas Mann und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Bedeutung der Behinderung des Protagonisten.
2. Das Motiv des „Handicaps“ innerhalb der Novelle: Analyse der verschiedenen Aspekte des Handicaps, angefangen bei gesellschaftlichen Einschränkungen über die Interaktion mit Gerda von Rinnlingen bis hin zur Männlichkeitsdarstellung.
2.1 Die „Einschränkungen“ des Friedemann: Untersuchung der sozialen Stigmatisierung und der von der Umwelt reproduzierten Mitleidskultur.
2.2 Gerdas Freundlichkeit: Analyse des Verhaltens von Gerda von Rinnlingen und warum dieses trotz Friedemanns Empfindung nicht zwangsläufig feindselig ist.
2.3 Leiden durch den deformierten Körper: Darstellung der philosophischen Einordnung des Leidens zwischen Schopenhauers Triebenergie und der Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
2.4 Die „lenkende“ Frau in Friedemanns Leben: Betrachtung der Rolle von Gerda von Rinnlingen als dionysische Figur, die Friedemanns asketische Ordnung destabilisiert.
2.5 Wettstreit der Männlichkeit: Untersuchung der Unmöglichkeit für Friedemann, sich als „echter Mann“ innerhalb der heteronormativen Gesellschaft zu etablieren.
3. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung in das Gesamtschaffen Thomas Manns sowie die Bedeutung des körperlich versehrten Helden.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann, Stigmatisierung, körperliche Behinderung, Maskerade, Männlichkeit, Askese, Triebwelt, Schopenhauer, Nietzsche, Identitätsfindung, Außenseitertum, Gendering Disability, Körperkapital, Lebensunfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche Funktion und Bedeutung die körperliche Behinderung des Protagonisten Johannes Friedemann in Thomas Manns Novelle für seine Lebensführung und sein Scheitern hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind Stigmatisierung, männliche Identitätskonstruktionen, das Verhältnis zwischen Körperlichkeit und gesellschaftlicher Teilhabe sowie die philosophischen Bezüge zu Schopenhauer und Nietzsche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, inwiefern das physische Handicap eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verunmöglicht und als soziale Metapher für Friedemanns innere Zerrissenheit dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Forschungsliteratur (u.a. zu Disability Studies und Männlichkeitsentwürfen) heranzieht, um den Text im Lichte philosophischer und diskurstheoretischer Ansätze zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Friedemanns Einschränkungen durch seine Umwelt, die ambivalente Begegnung mit Gerda von Rinnlingen, die philosophische Deutung seines Leidens und die Analyse seines gescheiterten Versuchs, Männlichkeit zu verkörpern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind: Behinderung, Stigmatisierung, Askese, Triebwelt, Männlichkeitsentwurf, soziales Kapital und Thomas Manns frühe Novellistik.
Warum wird Friedemann als „weiblich“ oder „passiv“ markiert?
Die Arbeit legt dar, dass im zeitgenössischen Diskurs die Kombination aus Behinderung, Passivität und dem Fehlen klassisch männlicher Attribute dazu führte, dass Friedemann in eine „weibliche“ oder kindliche Kategorie eingeordnet wurde, was seinen gesellschaftlichen Ausschluss legitimierte.
Inwiefern spielt das Konzept der „Askese“ eine entscheidende Rolle für Friedemann?
Die Askese dient Friedemann als Schutzmechanismus, um sein Verlangen zu unterdrücken und sein Leben trotz der Behinderung geordnet zu führen. Der Zusammenbruch dieser asketischen Ordnung durch die Begegnung mit Gerda führt letztlich zu seiner Selbstvernichtung.
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- Anonym (Author), 2020, Die künstlerische Ausarbeitung des "Kleinen Herrn Friedemann" von Thomas Mann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064376