Der TEACCH-Ansatz zur Förderung von Kindern im Autismus-Spektrum. Theoretische Auseinandersetzung und Konzeptentwurf


Hausarbeit, 2021

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Abbildungsverzeichnis

1 Begründung der Auswahl des Aufgabenschwerpunktes

2 Theoretische Auseinandersetzung
2.1 Was ist Autismus?
2.2 Störungsbild Autismus Spektrum
2.2.1 Wahrnehmungsverarbeitung
2.2.2 Sozio-emotionale Störungen
2.3 Werdegang des TEACCH Programms
2.4 Grundsatz des TEACCHing
2.5 Konkrete Rahmenbedingungen und mögliche Methoden

3 Konzeptentwurf
3.1 Ausgangssituation
3.2 Vorbereitung und Einführung
3.3 Konkrete Umsetzung der Methoden
3.4 Mögliche Schwierigkeiten in der Umsetzung

4 Evaluation

Literatur- und Quellenverzeichnis

I Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Research Shows Rise in U.S. Autism Rate

Abbildung 2: Steigerung des Abstraktionsniveaus

Abbildung 3: Stundenplan

Abbildung 4: Time Timer©

Abbildung 5: Ablagesystem

1 Begründung der Auswahl des Aufgabenschwerpunktes

„Kennt man einen Autisten, kennt man einen Autisten.“

- Katja Dallmann, Autismusfachberaterin und Geschäftsführerin der Autismus Therapie- und Beratungszentrum gGmbH (2020)

Dieses Zitat beschreibt, wie vielschichtig und individuell die Diagnose „Autismus“ sein kann. Genauso vielfältig und individuell sind die pädagogischen Methoden, die in der praktischen Arbeit Anwendung finden. In den beiden vorherigen Berichten und der Zeit bisher im Anerkennungsjahr lag mein Fokus auf der Arbeit mit dem TEACCH Ansatz (T reatment and E ducation of a utistic and related C ommunication handicapped Ch ildren) aus den USA, welcher seit einigen Jahren auch in Deutschland Anklang findet. Der genannte Ansatz beschäftigt sich vor allem mit Visualisierung und Strukturierung und bedient sich unter anderem der Methoden der Unterstützten Kommunikation. Bereits vor meinem Anerkennungsjahr habe ich durch praktische Erfahrungen in der Caritas Werkstatt die verschiedenen Formen der Unterstützten Kommunikation im Arbeitsalltag genutzt und mein Interesse vermehrt auf die verschiedenen Formen der Unterstützten Kommunikation gelegt, da diese Methoden auch in anderen Arbeitsfeldern Anwendung finden und variabel an den Unterstützungsbedarf der zu betreuenden Klienten angepasst werden können.

Die Methoden und Materialien, die wir im Rahmen unseres Einstiegskurses über unterstützte Kommunikation 2019 kennen lernen konnten, boten eine gute Basis und Übersicht über diverse Einsatzmöglichkeiten. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass diese Möglichkeiten nicht umfassend bzw. spezifisch genug Anwendung in der Praxis finden. Das lag vermutlich zum einen daran, dass es nur ein Einstiegskurs zur allgemeinen Übersicht war und nicht detailliert auf die einzelnen Methoden eingegangen wurde. Zum anderen empfand ich die vorgestellten Materialien als reine Kommunikationshilfe, statt einer umfassenden Methode, die eine realistische Handlungsplanung und Strukturierung für Menschen mit Kommunikationsschwierigkeiten bietet.

Im Rahmen meines Anerkennungsjahres habe ich dann den TEACCH Ansatz kennengelernt, der gezielt für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Autismus Spektrum konzipiert wurde und die Basis für meine tägliche Förderarbeit mit den Kindern und ihrem Lebensumfeld bildet. Inzwischen finden die umfassenden TEACCH - Methoden auch Einsatzmöglichkeiten in der Arbeit mit Erwachsenen und anders kommunikativ eingeschränkten Behinderungsformen. Hierbei liegt der Fokus nicht nur, wie oben beschrieben, auf den reinen Materialien bzw. auf der eigentlichen Kommunikation und Verständigung, sondern auf einer ganzheitlichen Alltagsstrukturierung und Vorhersehbarkeit.

Für die vorliegende wissenschaftliche Ausarbeitung stellt sich die Frage: Mit welchen Methoden lässt sich TEACCH in der Schule bei einem Kind im Autistischen Spektrum umsetzen? Um diese Frage zu beantworten bedarf es einer Auseinandersetzung mit den vielfältigen theoretischen Methoden des Ansatzes und wie diese praktisch in einer Schule installiert werden können.

2 Theoretische Auseinandersetzung

2.1 Was ist Autismus?

Bevor die Theorie und Funktionalität von TEACCH erläutert wird, erfolgt eine Erläuterung was Autismus ist und welche Schwierigkeiten mit diesem Störungsbild verbunden sind. In dieser Ausarbeitung werden „normale“ und „gesunde“ Menschen als „neurotypische Menschen“ bezeichnet. Durch diese Formulierung wird abgegrenzt, dass Menschen im Autismus Spektrum nicht „krank“ oder „unnormal“ sind. Des Weiteren gibt es nicht mehr „den Autismus“ und es findet keine Unterteilung in die bekannten Diagnoseformen Kanner, Asperger oder atypischem Autismus statt. Stattdessen ist die offizielle Bezeichnung: Autismusspektrumsstörung (ASS). Nach dem ICD-10 wird diese Diagnose als tiefgreifende Entwicklungsstörung eingestuft, die angeboren und nicht heilbar ist.

Die genauen Entstehungsfaktoren sind bis heute immer noch nicht erforscht. Die Wissenschaft ist sich jedoch einig, dass die vererbte Genetik bzw. Genetikfehler die Hauptrolle spielen (vgl. Girsberger, 2015, S. 29). Die Annahme, die Autismusspektrumsstörung würde durch gefühlskalte Eltern oder mangelnde Erziehung verursacht werden, wurde bereits in den 70ern widerlegt, unter anderem durch Studien im Rahmen des TEACCH Programms (vgl. Weintraub, 2011). Genaueres dazu wird in Kapitel 2.3 erläutert. Bis heute wird noch häufig die Annahme verbreitet, dass Impfungen bzw. die daraus resultierenden Impfschäden eine Ursache spielen könnten, doch diese Behauptungen wurden durch verschiedene Studien widerlegt (vgl. Arsenio Menendez, 2018). Zudem kursiert in den letzten Jahren die Annahme, Autismusspektrumsstörungen seien eine neue „Modediagnose“, weil die Anzahl der Diagnosen in den letzten 20 Jahren stetig anstieg, wie in der folgenden Abbildung deutlich wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von 1000 Kindern die diagnostisch getestet wurden, waren es im Jahr 2000 insgesamt 6,7 Kinder, bei denen die Diagnose ASS bestätigt wurde. 2014 waren es bereits 16,8 Kinder und die Zahlen steigen seitdem weiter an. Abbildung 1 bezieht sich zwar ausschließlich auf die USA, doch Europa verzeichnete in demselben Zeitraum ähnliche Zahlen. In meiner Recherche konnte ich keine relevanten Daten für Europa bzw. Deutschland finden. Aus diesem Grund wurde zur Veranschaulichung der Entwicklung auf amerikanische Erhebungen zurückgegriffen. Thomas Insel, der Direktor des National Institute of Mental Health USA äußerte sich zu dem Anstieg wie folgt:

"Nur beim Autismus ist der Anstieg so umstritten – bei vielen anderen Erkrankungen wie Asthma, Diabetes Typ 1 und Nahrungsmittelallergien wird es einfach akzeptiert, dass immer mehr Kinder betroffen sind."- Insel, 2011

Der stetige Anstieg hängt zum einen damit zusammen, dass die Medizin in den letzten Jahren fortschrittlicher und dadurch eine umfassendere Differenzialdiagnostik ermöglicht wurde. Zum anderen stieg in den letzten Jahren das gesellschaftliche Bewusstsein aufgrund fortschreitender Inklusion ebenfalls stetig an, auch wenn im Zitat von Thomas Insel deutlich wird, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein nicht mit gesellschaftlicher Akzeptanz gleichzusetzen ist. Diese beiden Faktoren machen allerdings nur etwa die Hälfte der wissenschaftlich belegten Faktoren für einen Anstieg aus.

Autismusspektrumsstörungen zeichnen sich vor allem durch Störungen in der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung aus, die sich auf die soziale Interaktion und die Kommunikation auswirken. Oft können stereotypische oder repetitive Verhaltensmuster hinzukommen. Diese Verhaltensmuster werden in Kapitel 2.2 noch einmal genauer erläutert. Die Diagnostik kann erst ab dem 3. Lebensjahr erfolgen und der Weg zur Diagnose erstreckt sich häufig über Monate oder Jahre, nicht nur wegen der langen Wartezeiten bei Ärzten, sondern auch weil die Diagnostik sehr umfassend ist. Die erste Anlaufstelle sind meist Autismus Therapie- und Beratungszentren. Dort können Screening-Bögen zur Einschätzung vorgenommen werden. Am häufigsten werden hierbei der Fragebogen zur sozialen Kommunikation (FSK), sowie die Skala zur Erfassung sozialer Reaktivität (SRS) verwendet. Diese werden nach Einschätzung der Eltern ausgefüllt und anschließend von qualifizierten Autismusfachberatern nach bestimmten Kriterien ausgewertet, ersetzen jedoch keine offizielle Diagnose. Dadurch kann eine erste Einschätzung erfolgen, ob das Kind autistische Verhaltensweisen zeigt.

Anschließend muss eine Diagnostik von Fachärzten in einem Sozialpädiatrischen Zentrum anhand von Beobachtungen und Testverfahren erfolgen. Die häufigsten Verfahren sind die diagnostische Beobachtungsskala für autistische Störungen (ADOS) und das revidierte diagnostische Interview für Autismus (ADI-R). Oft verzögert sich die Diagnostik noch einmal um ein paar weitere Monate oder Jahre, da Ärzte gerade bei Kleinkindern vorerst eine Entwicklungsverzögerung diagnostizieren. Je früher eine korrekte Diagnose gestellt werden kann, desto besser können unterstützende und langfristige Maßnahmen, wie Therapien und Elternarbeit, eingeleitet werden. Außerdem stellt eine Diagnose für viele Menschen mit einer Autismusspektrumsstörung und für ihr Lebensumfeld eine große Erleichterung und Entlastung dar.

Abschließend ist noch anzuführen, dass das Verhältnis zwischen diagnostizierten Jungen und Mädchen bei 4:1 liegt und Mädchen oft erst im Jugend- oder Erwachsenenalter ihre Diagnosen erhalten. Das erklärt sich dadurch, dass es Mädchen einerseits leichter fällt soziale Verhaltensweisen zu verstehen und zu kopieren, zum anderen werden früh erkennbare Symptome wie mangelnder Blickkontakt oder zurückgezogenes Verhalten als „schüchtern“ und damit rollentypisch verzeichnet, während Jungen vermehrt durch Aggressionen und mangelndes Sozialverhalten auffallen (vgl. Dr. Preißmann, 2013, S. 8-13).

2.2 Störungsbild Autismus Spektrum

Wie bereits angeführt, wurde der Begriff „Autismus“ 2013 durch den Wechsel des amerikanischen Diagnosesystems neu definiert. Es handelt sich dabei um den Wechsel des D iagnostic and S tatistical M anual of Mental Disorders, kurz: DSM-IV zu dem überarbeiteten DSM-5 Dadurch wurden auch die Formulierung und die Kriterien für die Diagnose Autismus Spektrumsstörung im ICD-10 überarbeitet. Der Begriff „Autismus Spektrum“ macht deutlich, dass sich die Formen von Autismus längst nicht mehr ausschließlich auf die klassischen diagnostizierten Verhaltensmuster von Hans Asperger und Leo Kanner eingrenzen lassen. Dennoch sind Überschneidungen in den Verhaltensweisen im sozio-emotionalen Bereich und der Wahrnehmungsverarbeitung bei Menschen mit ASS erkennbar, die im Folgenden detaillierter erläutert werden (vgl. Girsberger, 2015, S. 23,50-51).

2.2.1 Wahrnehmungsverarbeitung

Menschen im Autismus Spektrum zeigen auffällige Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung. Wie viele Menschen mit ASS davon betroffen sind, ist unklar. Die Zahlen schwanken zwischen 40 % (Attwood, 2012) und 90 % (Delacato, 1980). Das neurotypische Gehirn ist darauf ausgelegt, innerhalb weniger Sekunden unwichtige Reize der Sinnesorgane auszublenden, um den Fokus auf die Gesamtsituation zu legen. Bei Menschen mit einer Autismus Spektrumsstörung fehlt dieser Reizfilter und somit kommt es in bestimmten Wahrnehmungsbereichen oft zu einer Überreizung. Ein konkretes Beispiel ist die akustische Wahrnehmung. Wenn ein neurotypischer Mensch sich mit einem Gegenüber unterhält, werden Umweltgeräusche wie andere Gespräche, Sirenen, Maschinen etc. im Gehirn automatisch herausgefiltert, um den Fokus auf den Inhalt der Konversation zu priorisieren. Bei Menschen mit ASS kann es vorkommen, dass sie alle Reize gleich stark wahrnehmen, es somit zu einer Überreizung des Nervensystems kommt und ein Fokus auf einen gezielten Reiz unmöglich wird. Oft wird deshalb ein bestimmter Sinneskanal von Menschen mit ASS bevorzugt und dafür ein anderer Kanal vernachlässigt bzw. vermieden. Die Wahrnehmung kann sowohl sehr über- als auch unterempfindlich ausgeprägt sein und nicht nur Reize aus der Umwelt, sondern auch körpereigene Reize betreffen. Durch die veränderte Wahrnehmung und die damit verbundenen Schwierigkeiten kann es bei einer Reizüberflutung zu herausforderndem Verhalten wie schreien, spucken, beißen oder einer erhöhten Weglauftendenz kommen (vgl. Girsberger, 2015, S. 31ff.).

2.2.2 Sozio-emotionale Störungen

Ein weiteres Diagnosekriterium für eine Autistische Spektrumsstörung sind deutliche Aufälligkeiten in der Kommunikation und im sozial-emotionalen Verhalten. Hier fallen ebenfalls die Ausprägungen unterschiedlich stark aus und reichen von expressiven Herausforderungen in der Sprachentwicklung bis hin zu rezeptiven Verständnisschwierigkeiten und mangelnden Interpretationsfähigkeiten von Metaphern, Ironie, Mimik und Gestik, sowie daraus resultierenden sozialen Schwierigkeiten. Bei frühkindlichem Autismus entwickelt sich die verbale Sprache oft gering bis gar nicht und erfordert dadurch die unterstützte Kommunikation durch Hilfsmittel. Hingegen zeigt sich bei Asperger Autisten häufig ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch hinsichtlich Ausdrucksweise, Stimmfarbe und -lautstärke. Exemplarisch hierfür gibt es Kinder, die sich sprachlich auf dem Niveau von Erwachsenen ausdrücken. Hierbei ist jedoch deutlich das Sprachverständnis vom Sprachgebrauch zu differenzieren. Oft haben Menschen im Autismus Spektrum ein hohes Sprachverständnis und können Informationen gut verarbeiten, jedoch nicht im gleichen Maße wiedergeben oder zum Ausdruck bringen (Sprachgebrauch) (vgl. Schirmer, 2013, S. 27ff.).

Zusätzlich zeigen sich weitere Auffälligkeiten in den sogenannten exekutiven Funktionen. Diese beschreiben sämtliche kognitive Fähigkeiten, die für Handlungsplanung und Handlungsdurchführung, sowie für flexibles und situationsabhängiges Handeln notwendig sind. Konkret ist es vielen Menschen im Autismus Spektrum somit nicht oder nur schwer möglich, auf spontane Veränderungen angemessen zu reagieren. Oft kommt es dann in solchen Situationen zu einer Überforderung. Handlungsabläufe zu verstehen und zu befolgen, wie etwa einen Schulalltag, der den Weg zur Schule, den Schultag und den Heimweg beinhaltet, stellt ebenfalls eine von vielen Schwierigkeiten dar.

Die benannten Schwierigkeiten in den exekutiven Funktionen, sowie die Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung werden mit den TEACCH Ansatz aufgegriffen. (vgl. Theunissen et al., 2015, S. 132-133)

2.3 Werdegang des TEACCH Programms

Das TEACCH Programm stammt ursprünglich aus den USA. Die Abkürzung TEACCH steht für T reatment and E ducation of a utistic and related C ommunication handicapped Ch ildren und bedeutet übersetzt: Behandlung und Erziehung von autistischen und ähnlich kommunikativ eingeschränkten Kindern. In der weiteren Ausführung bezeichnet das TEACCH Programm die Einrichtungen in den USA und der TEACCH Ansatz das pädagogische Konzept. Das Programm ging 1972 an der Universität North Carolina in Chapel Hill aus einer Elterninitiative hervor. In den USA hat sich in der Bevölkerung jahrelang der Irrglaube verbreitet, dass Autismus eine Entwicklungsstörung ist, die aufgrund schlechter Erziehung der Eltern oder ihrem Mangel an emotionaler Bindung zu dem Kind entsteht. Die Studie, die damals durch die Elterninitiative ins Leben gerufen wurde und diverse Studien danach haben diesen Irrglauben entkräftigt. TEACCH findet seitdem in North Carolina flächendeckend Anwendung, insbesondere durch die sieben TEACCH-Zentren, welche die Diagnostik, Entwicklungshilfe und Zusammenarbeit mit örtlichen Bildungssystemen abdecken. Der Ansatz wurde von Dr. Anne Häußler 2001 nach Deutschland gebracht. Sie absolvierte eine zweijährige Ausbildung in einem TEACCH Zentrum in North Carolina und schrieb ihre Doktorarbeit in Psychologie mit dem Schwerpunkt auf TEACCH. Zurück in Deutschland begann sie nach dem Ansatz zu arbeiten und machte sich selbstständig. Bis heute verbreitet Dr. Häußler den Ansatz deutschlandweit als Referentin und hat bereits diverse Fachbücher zu dem Thema verfasst (vgl. Häußler, 2016, S. 13ff.).

2.4 Grundsatz des TEACCHing

Der TEACCH Ansatz basiert auf den zwei Grundsätzen der Strukturierung und der Visualisierung. Der Ansatz zielt nicht auf die „Heilung“ einer Störung ab oder auf eine Therapie im klassisch psychotherapeutischen Sinne. Der Schwerpunkt liegt stattdessen auf pädagogischen Methoden, die darauf abzielen den Klienten dabei zu unterstützen, Zusammenhänge und Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung zu vermitteln. Dies erfolgt durch inhaltliche, räumliche und zeitliche Strukturierung der Lernsituation und eine ansprechende, praktische Gestaltung von unterstützenden Materialien. Der Konsens „Lernsituation“ bezeichnet hierbei nicht nur einzelne, isolierte Förderstunden in geschützten Settings, wie sie in speziellen Autismus-Zentren stattfinden, sondern auch Situationen in der Lebenswelt des Klienten beispielsweise Zuhause oder in der Bildungseinrichtung. Der Begriff „Struktur“ wird von TEACCH neu definiert, denn die Interpretation des Begriffs schließt oft Individualität oder Kreativität aus. Dr. Anne Häußler hat dazu 2016 eine interessante Aussage in ihrem Buch „Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus“ veröffentlicht:

„Erst Struktur ermöglicht zielgerichtetes Handeln – und Strukturierung dient der Weiterentwicklung und fördert die Flexibilität!“- Häußler, TEACCH® Certified Advanced Consultant, 2016

Strukturierung bedeutet also in TEACCH nicht, einen starren Ablaufplan zu verfolgen, sondern durch visuelle Impulse langfristige Handlungsplanungen und die Fähigkeit zur Handlungskompetenz zu ermöglichen. Dr. Häußler macht mit ihrer Aussage deutlich, dass erst wenn eine Sicherheit und Vorhersehbarkeit geschaffen wird, flexiblere Handlungen und Handlungsalternativen möglich sind. Denn nur wer Handlungsabläufe versteht und sicher durchführt, ist bereit sich auf neue Handlungsstrukturen einzulassen.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass vorab Informationen zu bestimmten Ereignissen wichtig sind. Exemplarisch hierfür steht beispielsweise eine Geburtstagsfeier: Die benötigten Informationen vor der Feier betreffen nicht nur organisatorische Faktoren wie Anfahrt, den Zeitrahmen oder ein Geschenk zu organisieren, sondern auch gesellschaftliche Erwartungen und soziale Verhaltensregeln. Für neurotypische Menschen sind die Abläufe und Anforderungen solcher Veranstaltungen klar und vorhersehbar, für Menschen mit Autismus Spektrumsstörung erschließen sich diese Vorgänge oft auch nach mehreren Wiederholungen nicht. Dadurch benötigen sie eine kleinschrittigere Handlungsplanung und feste Strukturen, um mit solchen Situationen umzugehen (vgl. Häußler, 2016, S. 51f.).

Nachdem der Grundsatz der Strukturierung verdeutlicht wurde, wird im Folgenden der Aspekt der Visualisierung erläutert. Wie in Kapitel 2.2.1 erwähnt, bevorzugen Menschen mit ASS oft einen bestimmten Sinneskanal. In den meisten Fällen ist das die visuelle Wahrnehmung, da sie gegenüber den anderen Sinneskanälen mehr Vorteile bietet. Der größte Vorteil von visuellen Hilfsmitteln ist, dass der soziale Kontext völlig entfällt. Bei visuellen Hilfsmitteln ist nicht zwingend die Anwesenheit einer anderen Person zur Informationsübermittlung nötig. Exemplarisch hierfür ist folgende Situation: Ein Betreuer im Wohnheim schreibt eine Einkaufsliste für den Bewohner, mit der er selbstständig einkaufen gehen kann. Die Liste ersetzt die verbale Übermittlung wie: „Wir haben keine Milch mehr.“ Durch die Einkaufsliste entfällt die Interpretation von Mimik, Körperhaltung und Tonfall, die für akustische Infomationsübermittlung zwingend notwendig ist. Im obigen Beispiel wäre die Interpretation: „Bring neue Milch vom Einkaufen mit.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Der TEACCH-Ansatz zur Förderung von Kindern im Autismus-Spektrum. Theoretische Auseinandersetzung und Konzeptentwurf
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
30
Katalognummer
V1064419
ISBN (eBook)
9783346480088
ISBN (Buch)
9783346480095
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autismus, TEACCH, Schule, Förderung, Autismusspektrum, Kinder, Sozialwesen, Heilerziehungspflege, Sonderpädagogik, Pädagogik, TEACCH-Ansatz, Unterstützung, Sozial, Abschlussarbeit, Asperger, Frühkindlich
Arbeit zitieren
Natalie Schneider (Autor), 2021, Der TEACCH-Ansatz zur Förderung von Kindern im Autismus-Spektrum. Theoretische Auseinandersetzung und Konzeptentwurf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064419

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