Sprachliche Entlehnungen


Hausarbeit, 1999

13 Seiten


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I. Einführung in die Problematik:

Wenn man das Deutsche genauer betrachtet fällt auf, daß es in der Sprache viele Wörter oder Wortbildungen gibt, die nicht im geringsten einen „deutschen“ Eindruck machen, sondern mehr oder weniger eindeutig ihren Ursprung in einer anderen Sprache haben. Bei einigen Fremdwörtern ist es leicht, sie in ihre Ausgangssprache zurückzuverfolgen (Basketball, Chip, Boom[engl.];Accessoire[frz.], während andere mittlerweile schon so in die deutsche Sprache integriert wurden, daß man sie nicht (nicht mehr) als fremde Wörter wahrnimmt (absolut, brutal[lat.]). Dieser Vorgang verläuft zum Teil auch über „eindeutschen“ der Wörter (disco[engl.]->Disko; Friseur[frz.]->Frisör).

II.

1. Französische Einflüsse:

Das Französische hat allgemein einen sehr großen Einfluß auf das Deutsche genommen. Dies ist sowohl auf verschiedene Faktoren zurückzuführen (geographische Nähe, daher z.T. „fließende“ Sprachübergänge, etc.), als auch in mehrere zeitliche Epochen einzuordnen.

1.1 Erste französische Phase (1000-1400):

Die erste Phase mit starker französischer Einflußnahme auf das Deutsche beginnt im elften Jahrhundert, wobei das Französische das Lateinische ablöst, und dauert bis ca. 1400 an. Sie begann mit einem starken Literaturaustausch1, entwickelt sich jedoch über den persönlichen Kontakt deutscher und französischer Ritter besonders während der Kreuzzüge zur sog. „höfischen2“ Phase. Dieser Einfluß wurde geographisch erleichtert (besonders über die Schweiz, Lothringen, Flandern und den nordfränkischen Raum)3, war kulturhistorisch4bedingt, und erstreckte sich im Wesentlichen auf den Wortschatz.

Für das Rittertum, dessen gesellschaftliche Rolle im elften Jahrhundert immer größer wurde, bildete sich in der Provence5eine eigene Kultur heraus, die auf dem Französischen basierte. Diese neu geschaffene Ritterlichkeit begründete sich auf strengen Regeln und verbreitete sich über die Höfe in ganz Europa6. Die „Courtoisie“7definierte sich über neue, hauptsächlich in der Oberschicht auftretende Lebens- und Umgangsformen, mit denen man sich von der Unterschicht abheben wollte.

Die französischen Lehnwörter, die während dieser Zeit ihren Weg in die deutsche Sprache finden, beschränken sich daher auch nahezu ausschließlich auf den Bereich des Rittertums, bzw. des Adels. Beispiele hierfür sind u.a.Abenteuer, Harnisch, Lanze, Tanz, Turnier, Reim [der Minnesang entwickelt sich in ritterlichen Kreisen]8. Ein weiterer, noch heute bestehender, Einfluß, den das Französische zur damaligen Zeit genommen hat, liegt in der Übernahme der Suffixe-ierenund-îe (-> ei). Beispiele hierfür sind turnieren, parlieren, melodîe, courtoisîe9. Das bemerkenswerte an dieser Übernahme liegt darin, daß diese beiden Suffixe später, bis ins Neuhochdeutsche, auch zur Bildung neuer deutscher Wörter benutzt wurden. Beispiele dafür lauten u.a.stolzieren, buchstabieren, Wortklauberei10.

Es sollte ebenfalls bemerkt werden, daß viele französische Fremdwörter, die zu dieser Zeit ihren Weg in das Deutsche fanden, nicht pur übernommen wurden, sondern diverse „Eindeutschungen“ erfuhren11. Diese erfolgten über Lehnübersetzungen (wörtliche Übersetzungen, die hauptsächlich Auswirkungen auf die Bedeutung oder die Anwendung eines Wortes haben), durch Anpassung im Lautlichen, durch Angleichung im Geschlecht und im Flexivischen, durch Wortbildung und durch Bedeutungsveränderung und Volksetymologie. Um 1400 läßt der französische Einfluß immer mehr nach, die italienische Kultur gelangte zu einem größeren Einfluß, und das Lateinische wurde wieder prägender. Lediglich im militärischen Bereich konnte das Französische seinen Stellenwert weitestgehend erhalten, nicht jedoch in der Gesellschaft12.

1.2 Zweite französische Phase (16./17. Jahrhundert):

Die zweite große französische Phase tritt im 17./18. Jahrhundert auf, wobei sie sich aus einer Phase des Latein und der romanischen Sprachen heraus entwickelt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (also um 1648) gewinnt jedoch das Französische seinen großen prägenden Einfluß, der zwischenzeitlich weniger stark, jedoch nie völlig verschwunden war, zurück. Eine wesentliche Rolle spielten in dieser Entwicklung starke Einwirkungen der französischen Literatur auf die deutsche, die Tatsache, daß durch die Hugenottenkriege viele Franzosen nach Deutschland kamen13, und Ludwig XIV., der Frankreich zur führenden Nation in Europa machte. Im Wesentlichen aus dieser kulturellen Vorbildfunktion Frankreichs jedoch entwickelte sich nun zwangsläufig auch eine sprachliche Übernahme französischer Ausdrücke. In diesem Zusammenhang wird auch von der sog. „Alamodezeit“14gesprochen.

Im gesellschaftlichen Leben äußerte sich dieser Einfluß dadurch, daß viele französische Anreden, wieMonsieur, Madame, Mademoiselle, Papa, Mama, Onkel, Tante, Cousin und Cousineübernommen werden. Außerdem wurden französische (Vor-)Namen gang und gäbe, wie z.B.Jean, Henriette, Sanssouci, Chérie15.

Im Allgemeinen läßt sich sogar sagen, daß der französische Spracheinfluß ab dem späten Mittelalter ein wesentlich stärkerer war als der höfische Einfluß um 1100. Bereits in der frühbürgerlichen Zeit (15./16. Jh.) wurde das Französische zu einer internationalen Verkehrssprache in den Bereichen der Wissenschaften, des Rechts, der Kultur und der Politik. Diese Einflußnahme wirkt so stark, daß sogar bereits übernommene lateinische und italienische Wörter eine regelrechte „Französierung“ erfahren, so daß ihre eigentliche Herkunft nicht mehr erkennbar ist16. In diese zeitliche Phase fallen u.a. die BegriffeAdmiral, Leutnant, Patrone, ruinieren, Paß, revoltieren, Finanzen, Diskretion, Pardon, Garderobe, Park, violett... etc.

Auffallend in diesem Zusammenhang ist auch, daß das Französische nicht, wie noch im elften Jahrhundert, auf die adligen Gesellschaftsschichten beschränkt bleibt, sondern auch seinen Einzug in die Schichten des Bürgertums, und nicht etwa nur in die oberen, fand. Dies liegt hauptsächlich daran, daß die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten verschiedenen Ständen angehörten17. An diesem Punkt hört jedoch die Einwirkung des Französischen noch nicht auf, man war „drauf und dran, das Dt. überhaupt aus dem höf., ja aus dem gebildeten Verkehr zu verdrängen.“18Es kam vielfach zu einer vollständigen Zwei- oder Mehrsprachigkeit, bei der auch das Lateinische noch eine Rolle spielte19. Das Französische hatte jedoch den unschätzbaren Vorteil, daß es moderner war, als die anderen europäischen Sprachen, es war die Sprache der Aufklärung und des Fortschritts. Dies führte auch dazu, daß die Zahl französischer Publikationen in Deutschland stark zunimmt. So waren in der späten Mitte des 18. Jahrhunderts rund 10% der in Deutschland gedruckten Bücher in Französisch verfaßt, und auch die Anzahl französischsprachiger Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum nimmt zu20.

Wie bereits in der höfischen Periode war der Einfluß des Französischen weitestgehend auf den Wortschatz beschränkt. Lediglich auf dem Bereich der Lehnübersetzungen gab es erneut eine relativ starke Bewegung. So wurde u.a. ausavant-gardedieVorhut, spirituel wurde zugeistreich,dercourierwar nun derEilbote,etc.21Auch fallen erneut regionale Unterschiede in der Übernahme des Französischen auf. So gab es einen intensiveren Sprachkontakt in den südwestlichen und westlichen Regionen, und auch in Gebieten mit vielen Hugenotten konnte dieses Muster nicht durchbrochen werden, da sich auch bei ihnen mit der Zeit gezwungenermaßen eine Zweisprachigkeit herausbildete. Auch hier konnte sich das Französische nicht über das 19. Jahrhundert hinaus als Konversationssprache halten22. Lediglich in dem Bereich der Mode sowie in der Diplomatie bleibt das Französische durchgehend (z.T. bis heute) tonangebend.23

2. Englische Einflüsse:

Wie schon beim Französischen, gibt es auch beim Englischen zwei Hauptphasen die Einflußnahme auf das Deutsch betreffend. Die erste schließt sich im 18./19. Jahrhundert unmittelbar an das Ende der zweiten Französischen Phase an, im Zuge einer zunächst sehr sprachpuristischen Phase, nach der sich das Deutsche dann zu einer Sprache der Internationalismen entwickelte. Die zweite Phase des englische Spracheinflusses fällt ins 20. Jahrhundert, und zeichnet sich nach 1945 durch eine starke Übernahme von Angloamerikanismen in das Deutsche aus. Diese Phase wird lediglich im Dritten Reich vorübergehend unterbrochen.

2.1 Erste englische Phase (18./19. Jahrhundert):

Die erste Phase des englischen Spracheinflusses zeichnet sich dadurch aus, daß das Englische erstmals in mehrere verschiedene gesellschaftliche Bereiche Einzug hält. Vor dieser Zeit war der englische Einfluß lediglich auf den Bereich der Schiffahrt und des Handels beschränkt, und zudem geographisch nur im Küstengebiet aufzufinden.24Dieser Einfluß zeigt sich in einigen Niederdeutschen (Plattdeutschen) Dialekten zum Teil noch heute. Englischkenntnisse, die darüber hinaus erworben wurden, eigneten sich zur damaligen Zeit nicht zur allgemeinen Verständigung, es handelte sich beim Englischen um eine reine Unterrichtssprache, und auch diese Funktion war auf die wenigen deutschen Universitäten begrenzt.25Nun jedoch, im Zeitalter der Aufklärung, erlangte das Englische auch auf den Gebieten der Literatur, des Staatswesens, des Rechts und der Geselligkeit eine größere Bedeutung. Außerdem wurde England in den Bereichen des Sports und des eleganten Lebens tonangebend.26Der stärkste Aufschwung erfolgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, und wird von Polenz als eine weitere Stufe deutscher „Vielsprachigkeits-“ Tendenz27, die er auf die geographische Lage Deutschlands und den damaligen kulturellen Fortschritt West- und Südeuropas bezieht, bezeichnet. Auswirkungen diesbezüglich zeigten sich auch auf dem Gebiet der literarischen Übersetzungen, insbesondere von Autoren wie Addison, Pope, Swift, Defoe, Shaftesbury und Smith, sowie der Moralischen Wochenschrift, die mit einer Shakespeare-Renaissance im späten 18. Jahrhundert einher gingen. Vorher war man bei der englischsprachigen Literatur auf französische oder Lateinische Übersetzungen angewiesen. Zu den wichtigsten Übersetzungsorte gehörten Hamburg, Zürich, Leipzig und Göttingen. Außerdem begannen im späten 18. Jahrhundert auf Reisen zu Studienzwecken nach England, und ähnlich dem Französischen zuvor kam es ebenfalls zu einer Nachahmung englischer Lebensart und Mode.

Betrachtet man in diesem Zusammenhang die frühen Entlehnungen aus dem Englischen, so fällt auf, daß sie vor dem 18. Jahrhundert so gut wie gar nicht existent sind. Die Entlehnungen, die es gab, bezogen sich weitestgehend auf eher speziell englische Wörter, weniger auf solche, die ihren Ursprung bereits im Lateinischen oder im Griechischen finden. Beispiele hierfür sindPuritaner, Parlament, Komitee, Rum, Debatte, nonkonformistischundPudding. Die Entlehnungen des 18. Jahrhunderts hingegen weisen, im Gegensatz zu den früheren französischen Entlehnungen, neue Sachgebiete auf. War das Französische vielfach auf das Höfische und Militärische beschränkt, hielt das Englische in wesentlich weitreichendere Gebiete Einzug, u.a. in die Bereiche Wirtschaft (Banknote, exportieren, Import, Transfer), Politik (Parlamentarier, Opposition, Kolonisierung), Naturwissenschaften (Zirkulation, aetherisch, Spektrum), Technik (patent, Zentrifugalkraft, elektrisch) und Medizin (Hypochondrie, Mull), während es sich auf dem Gebiet der Schiffahrt (Steward, Schoner, Brigg) halten konnte, und dies bereits seit dem 13. Jahrhundert.28

Wie bereits beim französischen Einfluß kam es auch beim englischen zu Eindeutschungen mit Hilfe von Lehnübersetzungen und Lehnbedeutungen. Beispiele hierfür sind unter anderemfreethinker -> Freidenker, freemason -> Freimaurer, high treason -> Hochverrat, coffeehouse -> Kaffeehaus, popular song -> Volkslied, ... etc.Auch englische idiomatische Verbindungen wiedead languages -> tote Sprachen, second sight -> Zweites Gesichtundthe tooth of time -> der Zahn der Zeitwerden auf diesem Weg übernommen. Im Rahmen der Lehnbedeutungen kam es zu Bedeutungsveränderungen, bzw.

-erweiterungen, u.a. bei den BegriffenHeld(‘Hauptperson eines Dramas’),Blaustrumpf(‘gelehrte Frau’) undBronze(‘Kunstwerk aus Bronze’)29. Im Zuge der Industrialisierung, während der England ein großes Vorbild in Industrie und Handel, sowie im Verkehrs- und Pressewesen und der Politik wurde, kam es zu weiteren Entlehnungen auf diesen Gebieten (Kartell, Partner, Lokomotive, Tunnel, Essay, Reporter, Demonstration, lynchen, Streik, ...etc.30). Im Viktorianischen Zeitalter, das den Höhepunkt bürgerlicher Kultur in Europa ausmachte, sorgten dynastische Verbindungen zwischen britischen und deutschen Fürstenhäusern dafür, daß sich die persönlichen Kontakte zwischen Engländern und Deutschen vermehrten, und daß Englisch um 1900 in Berlin den Rang einer modischen Konversations- und Rennomiersprache erlangt, und somit das Französische abgelöst hatte. Die WörterGentleman, Dandy, Club, Cutaway, Frack, Smoking, Toast, Keks, Pudding, Bar, Cocktail, Flirtoder auchSpleenfanden ihren Weg in den deutschen Sprachgebrauch31. Allgemein könnte man sagen, daß das Englische dem Französischen in Sachen Modernität und Fortschritt schlicht den Rang abgelaufen hatte. Ohnehin läßt sich feststellen, daß der eigentliche Wechsel vom Französischen zum englischen im 19. Jahrhundert stattgefunden hat. Vielfach wurden in dieser Zeit auch französische Wörter von englischen abgelöst, so wird z.B.MannequinzuModell,wobei auch leichte Bedeutungsveränderungen eintreten können, wie bei dem Wechsel vomChansonzumSong.32

Im 19. Jahrhundert kam das Englische außerdem über die Fachsprache des Sports in das Deutsche, so z.B. die BegriffeMatchundTrainer. Während die englischen Ausdrücke in einigen Sportarten, beispielsweise beim Golf oder Tennis, beibehalten wurden, kam es in anderen, wie dem Fußball, zu Eindeutschungen, so wurde u.a. aus dempenalty kickderStrafstoß.33

2.2 Zweite englische Phase (20. Jahrhundert):

Die zweite Phase mit einem starken englischen Einfluß auf die deutsche Sprache beginnt in unserem Jahrhundert, und erreicht nach dem zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt. Bereits nach dem ersten Weltkrieg, insbesondere in den zwanziger Jahren, kommt es zu einer Überschneidung des englischen und des amerikanischen Einflusses, da auch das Britisch-Englische immer mehr amerikanischen Strömungen ausgesetzt ist. Zu den frühen Entlehnungen des 20. Jahrhunderts gehören u.a. die BegriffeFilm, Bestseller, Bluff, Jazz, Foxtrott, Pullover, Managerundtanken.34

Nachdem zuvor, während des Dritten Reichs, der von oben gesteuerte Nationalismus sich auch auf die Sprache ausgewirkt hatte (so wurde z.B. 1935 das „Deutsche Sprachpflegeamt“ gegründet, dessen Aufgaben u.a. in der „Bekämpfung [...] von Fremdwörtern“ bestanden35; sein erkennbarer Einfluß auf die Sprache war allerdings eher gering), nimmt der englische, oder vielmehr der angloamerikanische Lehneinfluß jedoch nach 1945 ständig weiter zu, und hält nach und nach in alle Bereiche des Lebens Einzug. Als Hauptgründe für diese Entwicklung werden die wirtschaftliche Überlegenheit der USA (die schon nach dem Ersten Weltkrieg einsetzt), sowie später in Westdeutschland die „amerikabezogene Bündnispolitik“36. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden u.a. folgende englischen Wörter ihren Weg in die deutsche Sprache, wobei einige von ihnen auch mit einer anderen Wertigkeit betrachtet werden.

Arbeitsgemeinschaft -> Team, Backfisch -> Teenager, Aufmachung -> Make-up,und auch die BegriffeQuiz, StoryoderLobbyisthielten Einzug.37Ohnehin kommt es vielfach zu Bedeutungsveränderungen, beispielsweise bei den BegriffenFlirt(dieser bezeichnet im Original auch die daran beteiligten Personen),Band(steht im Dt. nur für eine Musikgruppe, während es ursprünglich auch alle anderen Gruppen darüber hinaus bezeichnete) oder aber auch beikill (eigentlich jede Art von töten, nun wird jedoch das böswillige in den Vordergrund gestellt).38

In der neueren Zeit fallen in Bezug auf die englisch-amerikanische Einflußnahme mehrere Dinge auf, es kommt sowohl zu einer Verselbständigung der Amerikanismen, als auch zu einer Hinwendung zum Original, wobei diese beiden Aspekte nahezu parallel laufen. Im einzelnen drücken sich diese Phänomene wie folgt aus:

-Die Verselbständigung läuft so ab, daß aus deutscher Sicht neue „englisch-amerikanische“ Wörter gebildet werden, man bezeichnet diesen Vorgang als „Scheinentlehnung“. Beispiele hierfür sind die BegriffeTwen(in Anlehnung an denteen[ager]), sowie aus neuester Zeit dasHandy, welches im englischen schlichtmobile phone, also Mobiltelefon heißt.

-Die verstärkte Hinwendung zum Original drückt sich dadurch aus, daß man bei amerikanisch-englischen Begriffen zunehmend auf Eindeutschungen, die noch vor 1945 völlig normal waren(c->k, sh-> sch, ss->ß, i->ei), verzichtet, diese z.T. sogar wieder Rückgängig macht. So wurde u.a. derKlubwieder zumClub. Einer der Bereiche, in denen man dies besonders gut beobachten kann, ist die Werbung.39Einen weiteren Grund für die verstärkte Übernahme englischer Begriffe wird darin gesehen, daß sie den Vorteil der Kürze besitzen, von Polenz stellt in diesem Zusammenhang die BegriffeHobbyund Steckenpferd, LieblingsbeschäftigungsowieFanundLiebhaber, Verehrer, Anhängergegenüber. Andere Begriffe wiederum sind einsilbig (Sex, Boy, fair, Pop, Test...), und eignen sich so leichter dazu, neue Worte und Begriff zu bilden.40Es ist sogar möglich, sie mit deutschen Wörtern und Ableitungsmorphemen zu verbinden (Milch-Shake, Käsetoast, Raumdesigner, Livesendung, foulen, trampen...)41.

Bemerkt werden muß jedoch, daß es auch heute, wie schon in den vorhergehenden Jahrhunderten, wieder Kritiker gibt, die sich an dem übermäßigen Gebrauch von Fremdwörtern, insbesondere Anglizismen stören. Die Reaktionen auf diese Kritiken sind allerdings sehr gering, extreme Verdeutschungsbemühungen werden „als Randerscheinungen belächelt oder verspottet“42. Einer der Gründe hierfür könnte darin liegen, daß man erkannt hat, daß Sprache einem ständigen Wechsel unterliegt, aber nicht zwangsläufig von diesem überfahren wird, sondern selbständig bestehen kann. Es gab in diesem Sinne nie eine wirkliche Gefährdung des Deutschen durch irgend eine fremde Sprache, selbst wenn es einen beträchtlichen Einfluß gibt.43

3. Deutsche Einflüsse im Französischen und Englischen:

Die Ausstrahlungen, die das Deutsche umgekehrt aussandten, sind im Vergleich mehr als gering einzustufen, sie sollten jedoch kurz erwähnt werden.

In Frankreich galt das Deutsche Jahrhunderte lang als häßliche Sprache, und sicherlich trugen die diversen Kriege der beiden Länder nicht dazu bei, diese Einstellung zu ändern. Dennoch gab es zwischenzeitlich Epochen, in denen Deutsch auch in Frankreich ein gewisses Ansehen erhielt. Goethe sorgte dafür, daß das Deutsche als „poetische und philosophische Sprache“ in Frankreich bekannt wurde, und Rilke und der Romantik ist es zu verdanken, daß man Deutsch zumindest teilweise auch als „schöne“ Sprache sieht.44Aufnahme in

das Französische fanden aber nur wenige Begriffe, darunterképi(dt.Käppi) undbâbord(dt.Backbord).

Auch im Englischen konnte das Deutsche nicht Fuß fassen, lediglich in zwei Bereichen zeigt sich ein gewisser Einfluß, im Englischen bei den Gesteinsnamen (bismuth, cobalt, quartz...) und im Angloamerikanischen beim Essen und Trinken (frankfurter, noodle, smear-case[Schmierkäse], schoppen...).45

III. Heutiger Stand:

Aus heutiger Sicht betrachtet fällt auf, daß der englische und der französische Einfluß eine ungleich wichtige Rolle in der deutschen Sprache haben, bzw. hatten.46

Obwohl der heutige Einfluß der Weltsprache Englisch auch auf die französische Sprache sehr groß ist, hat das Französische bislang einen bleibenderen Eindruck auf das Deutsche hinterlassen, was sich an mehreren Faktoren zeigen läßt.

Zum einen hat das Französische bis heute seinen prestigeträchtigen Status als Sprache der Oberschicht halten können, auch im Englischen. So sind z.B. die Bereiche höhere Gastronomie (cuisine, menu, dessert, gourmet...), Damenmode ([haute]couture, chic, de luxe, plissé...), Wohnungseinrichtung (boudoir, canapé...), Spiel und Vergnügen (roulette, baccara...), Theater (paterre, loge, foyer...), Kunst und Literatur (aquarelle, ensemble...), Gesellschaft (élite, clique, créme de la créme...) und Liebe (liaison, gigolo...) nach wie vor fest in französischer Hand. Auch gewisse französische Floskeln findet man immer wieder in Gesprächen, zu ihnen gehörenàpropos, c´est la vie ...etc. Außerdem ist Französisch noch immer die Sprache der Diplomatie.47In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, daß dort, wo der französische Begriff nicht von dem englischen abgelöst wurde, sondern sich halten konnte, ersterer zumeist einen höheren Stellenwert einnahm, bzw. noch einnimmt. Dies kann bei der Gegenüberstellung vonChefundBoßgezeigt werden48, und auch die bereits angesprochenen BegriffeChansonundSongmeinen nicht wirklich dasselbe, es gibt auch hier einen qualitativen Unterschied (jedes Lied kann einSongsein, einChansonunterliegt jedoch gewissen Regeln, zumindest im deutschen Sprachgebrauch). Zum anderen kann man mit einfachen Zahlen und Fakten zeigen, daß es bis heute insgesamt zu mehr französischen als englischen Entlehnungen gekommen ist. Während an die 2000 französische Wörter und Begriffe ihren Einzug in die deutsche Sprache halten konnten, sind es bislang (1994) nur ca. 400 englische, auch wenn diese im 20. Jahrhundert einen Vorsprung erreichen konnten.49Es bleibt also abzuwarten, inwiefern das Englische in der Lage ist, seinen Einfluß noch auszuweiten.

LITERATUR:

Bach, Adolf: „Geschichte der deutschen Sprache“; Heidelberg 1965 von Polenz, Peter: „Geschichte der deutschen Sprache“, Berlin-New York 1978 von Polenz, Peter: „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart.“

Bd. I: „Einführung. Grundbegriffe, Deutsch in der frühbürgerlichen Zeit“, Berlin-New York 1991 Bd. II: „17. Und 18. Jahrhundert“, Berlin-New York 1994 Bd. III: „19. Und 20. Jahrhundert“, Berlin-New York 1999

Schwarz, Ernst: „Kurze Deutsche Wortgeschichte“, Darmstadt 1967

Stedje, Astrid: „Deutsche Sprache gestern und heute“, München 1996

Wandruszka, Mario: „Die Europäische Sprachengemeinschaft“, TübingenBasel 1998

[...]


1Bach (S.190)

2Vgl. Stedje (S.91)

3Bach (S.196ff.)

4v.Polenz spricht von „außersprachlichen Einwirkungen auf die sprachsoziologischen Verhältnisse“ (Geschichte der dt. Sprache, S.53)

5Stedje (S.92)

6Wandruszka (S.78ff.)

7Wandruszka (S.79)

8v.Polenz, Geschichte... (S.53). Vgl. auch Bach(S.192f.) und Stedje(S.94f)

9Stedje (S.95)

10v.Polenz, Geschichte... (S.53)

11Vgl. Bach (S.194f.)

12v.Polenz, Deutsche Sprachgeschichte... Bd.I (S.232f.)

13Bach (S.310)

14Stedje (S.143)

15Bach (S.311)

16v.Polenz, Deutsche Sprachgeschichte... Bd.I (S.233)

17v.Polenz, Geschichte... (S.105f.)

18Bach (S.313). Vgl. auch Thomasius: „Bey uns Teutschen ist die

französische Sprache so gemein worden, daß an vielen Orten bereits Schuster und Schneider, Kinder und Gesinde dieselbige gut genug reden; solche eingerissene Gewohnheit auszutilgen stehet bey keiner privat-Person, kommet auch derselben im geringsten nicht zu.“ und Voltaire(1750): „Ich befinde mich hier in Frankreich. Man spricht nur unsere Sprache, das Deutsche ist nur für die Soldaten und die Pferde.“ in v.Polenz, Geschichte... S.108

19v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.63)

20v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.69f)

21Bach (S.312)

22v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.74f)

23Stedje (S.144)

24Bach (S.314)

25v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.101ff)

26Bach (S.314)

27v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.102)

28Übernahme vonBoot13.Jh.,Lotse14.Jh. undDock15.Jh. Vgl. v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.103ff)

29Vgl. v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.105)

30v.Polenz, Geschichte... (S.140)

31v.Polenz, Geschichte... (S.141)

32Schwarz (S.156)

33Stedje (S.151)

34v.Polenz, Geschichte... (S.141)

35v.Polenz, Deutsche... Bd.III (S.284f)

36v.Polenz, Geschichte... (S.141)

37Schwarz (S.157)

38v.Polenz, Geschichte... (S.144)

39Vgl. v.Polenz, Geschichte... (S.141f)

40v.Polenz, Geschichte... (S.144f)

41Stedje (S.169)

42v.Polenz, Deutsche... Bd.III (S.287)

43Bach (S.420)

44Vgl. Wandruszka (S.139ff)

45Bach (S.321f)

46„Der französische Sprachenkontakt und Spracheinfluß im absolutistischen Deutschland ist jedenfalls noch stärker gewesen als der heutige angloamerikanische.“ in: v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.50)

47Wandruszka (S.109ff)

48Schwarz (S.156)

49Vgl. v.Polenz, Deutsche... Bd.II (S.79)

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Entlehnungen
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Sprachwandel
Autor
Jahr
1999
Seiten
13
Katalognummer
V106444
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche, Entlehnungen, Sprachwandel
Arbeit zitieren
Kück Anja (Autor), 1999, Sprachliche Entlehnungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106444

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