Strukturen des bürgerlichen Trauerspiels in Schillers "Don Carlos"


Hausarbeit, 2002

24 Seiten, Note: 1,5


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Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Don Carlos und seine Konfliktlage
1.1 Don Carlos und König Philipp
1.1.1 Konflikt Infant - Regent
1.1.2 Wertekonflikt
1.1.3 Rivalenkonflikt
1.1.4 Zusammenfassung
1.2 Carlos und die Frauen
1.2.1 Carlos und Königin Elisabeth
1.2.2 Carlos und die Prinzessin von Eboli
1.2.3 Zusammenfassung

2. Wertekonflikt
2.1 Marquis von Posa - König Philipp
2.2 Prinzessin von Eboli - Königin Elisabeth

3. Rivalen- und Amantenkonflikt
3.1 Prinzessin von Eboli - Königin Elisabeth
3.2 Don Carlos - Domingo und Herzog von Alba

4. Die Intrigen des Stücks
4.1 Domingo, Herzog von Alba und Prinzessin von Eboli
4.2 Marquis von Posa

5. Ergebnisse

6. Zitierte Werke

0. Einleitung

In dieser Arbeit sollen Strukturen des Bürgerlichen Trauerspiels, wie sie inDon Carlos,Infant von Spanien1von Friedrich Schiller vorkommen, herausgearbeitet werden. Dabei werde ich mich besonders mit den verschiedenartigen Konflikten in dem Stück befassen und außerdem die Intrigen beleuchten, die im Stück vorkommen.

In Bürgerlichen Trauerspielen sind vor allem Wertekonflikte zu beobachten, wie etwa zwischen Maria als Märtyrerin und Millwood als personifizierter Teufelin in George Lillos Der Kaufmann von Londen. Außerdem ist ein zentraler Konflikt im Bürgerlichen Trauerspiel der Rivalen- beziehungsweise Amantenkonflikt, der in allen möglichen Varianten vorkommt: Zwischen Sara Sampson und Marwood in LessingsMiss Sara Sampsonoder zwischen Ferdinand und Hofmarschall von Kalb inKabale und Liebevon Friedrich Schiller. Weiterhin ist die Intrige als ein wichtiges Moment im Bürgerlichen Trauerspiel zu nennen - ohne die Intrigen könnte kein Bürgerliches Trauerspiel einen tragischen Ausgang finden, denn erst die Intrige stiftet Verwirrung und zeigt gleichzeitig das Hauptproblem auf, um das es geht, den Unterschied der Stände nämlich. Inwiefern auch inDon Carlosdieses Problem angelegt ist, will ich außerdem behandeln.

Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Zuerst werde ich die Konfliktlage Carlos’ analysieren und die verschiedenen Ebenen benennen, in denen sich die Konflikte abspielen, und auch die Konfliktarten herausarbeiten. Dabei werde ich die Problematik vor allem aus Sichtweise von Carlos aufrollen. Wenn dies geschehen ist, werde ich mich dem Wertekonflikt zuwenden und näher betrachten, welche Wertekonflikte außer dem zwischen Carlos und Philipp noch dargestellt werden und diese sowie ihre Auswirkungen beschreiben. Danach soll das Augenmerk in derselben Weise auf den Rivalen- und Amantenkonflikt gelegt werden und in einem vierten Punkt sollen die Intrigen des Stücks aufgeschlüsselt werden. Im letzten Teil der Arbeit werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen und dabei darüber reflektieren, in wie weitDon Carlos eine Art Bürgerliches Trauerspiel ist und damit mehr ein Familiendrama, wie Koopmann das sieht, wenn er schreibt: „Und so haben wir es denn hier mit einer an die Grenzen des Möglichen und Wahrscheinlichen getriebenen Variante des Familiendramas zu tun [...]“2, oder ob manDon Carlosals ein politisches Drama sehen muss.

1. Don Carlos und seine Konfliktlage

Carlos’ Konfliktlage ist sehr vielschichtig und verzweigt. Konflikte treten nicht nur in der Beziehung zu seinem Vater König Philipp oder seinem Freund, dem Marquis von Posa, auf, sondern auch in Verbindung mit zwei Frauen, Königin Elisabeth und die Prinzessin von Eboli. Doch die Konflikte bewegen sich nicht nur auf der privaten Ebene. Wie genau die verschiedenen Ebenen und Konflikte aussehen, soll in den folgenden Abschnitten beschrieben werden. Der erste Abschnitt betrachtet Carlos’ Beziehung zu seinem Vater und die verschiedenen darin angelegten Probleme. Der zweite Punkt beschäftigt sich mit Carlos und den Frauen.

1.1 Don Carlos und König Philipp

Besonders in der Beziehung zwischen Carlos und Philipp ist die Vielschichtigkeit von Carlos’ Konflikten zu erkennen. Während sich Carlos fast ausschließlich als Privatperson sieht, werden seine Probleme durch die Beziehung zu Personen der Öffentlichkeit, zu denen er ja eigentlich auch gehört, aus der privaten Ebene heraus verlagert.

1.1.1 Konflikt Infant - Regent

Der Konflikt zwischen Don Carlos als Infant und Philipp als König tritt recht deutlich hervor. Philipp fürchtet, angestachelt von Domingo und Alba, dass Carlos ihn stürzen will - dabei überträgt er aber nur seine eigene Vergangenheit, den Putsch gegen seinen Vater, auf seinen eigenen Sohn. So äußert er sich gegenüber Elisabeth und seinen Granden folgendermaßen über Carlos:

Der Knabe

Don Karl fängt an mir fürchterlich zu werden. Er meidet meine Gegenwart, seitdem Er von Alcalas hoher Schule kam. Sein Blut ist heiß, warum sein Blick so kalt? So abgemessen festlich sein Betragen? Seid wachsam. Ich empfehl es euch. (V. 872 ff.)

Dadurch, dass Philipp der König von Spanien ist, wird der gesamte Konflikt zwischen ihm und seinem Sohn an die Öffentlichkeit gezerrt. Während Carlos sich als ein ungeliebter Sohn sieht und also somit den Konflikt zwischen sich und seinem Vater nur auf der persönlich- privaten Ebene ansiedelt, sieht Philipp ihn weniger als Sohn sondern mehr als den Thronanwärter, der ihn stürzen will und fürchtet Carlos angebliche „Herrscherbegierde“ (V. 1192), was sein tiefes Misstrauen Carlos gegenüber zum Ausdruck bringt. Carlos fühlt sich schon seit frühester Kindheit von seinem Vater verstoßen und spricht von ihm als „der Fürchterliche“ (V 313). Es wird also deutlich, dass es sich hier um einen Konflikt handelt, der eigentlich aus zwei Konflikten besteht: Je nach dem, aus welchem Blickwinkel man das Problem zwischen Carlos und Philipp betrachtet, ist es entweder ein Vater-Sohn-Konflikt - so wie Carlos ihn sieht - oder ein Konflikt zwischen Infant und Regent - wie Philipp ihn sieht.

In diesem Konflikt, wie auch im gesamten Stück, ist Philipp eine sehr tragische Figur. Durch seine Vergangenheit ist es ihm unmöglich, Vertrauen zu seinem Sohn zu fassen. Gleichzeitig ist ihm seine Einsamkeit vollkommen bewusst: „Ichbinallein“ (V. 1111). Seine Tragik liegt darin, dass er seine verschiedenen Rollen nicht vereinbaren kann - die Rolle des Vaters, die des Ehemanns und die des Regenten. Gegenüber Carlos zeigt er sich nur einmal als Vater und nicht als Regent. Als Carlos ihm gesteht, dass er ihn „freurig lieben“ (V. 1113) will, ändert sich seine Haltung für kurze Zeit und er spricht als Vater:

Oh, mein Sohn, Mein Sohn! Du brichst Dir selbst den Stab. Sehr reizend Malst Du ein Glück, das - du mir nie gewährtest. (V. 1131 ff.) Hier wird deutlich, dass Philipp von der Enttäuschung, die ihm in seiner Vaterrolle beigebracht wurde, spricht. Und zwar tut er dies als Vater zum Sohn und nicht als Regent zum Infanten. Abgesehen von dieser oben genannten Stelle verhält sich Philipp Carlos gegenüber immer als der Regent und nicht als Vater.

1.1.2 Wertekonflikt

Der zweite deutliche Konflikt zwischen Carlos und seinem Vater ist ein Wertekonflikt. Dieser Konflikt äußert sich auf drei Arten. Carlos hält das Ideal einer Familie hoch, in der Friede und Liebe herrschen und in der „der Etikette bange Scheidewand“ (V. 1058) die einzelnen Familienmitglieder nicht trennt. Außerdem erträumt er sich die Familiensituation als eine, in der der Vater dem Sohn vertraut und ihm sein Lebenswerk überlässt und überdies mit seinem Sohn seine eigene Jugend noch einmal erfährt:

Wie schön ist es und herrlich, Hand in Hand

Mit einem teuern, vielgeliebten Sohn

Der Jugend Rosenbahn zurückzueilen,

Des Lebens Traum noch einmal durchzuträumen,

Wie groß und süß in seines Kindes Tugend

Unsterblich, unvergänglich fortzudauern,

Wohltätig für Jahrhunderte! - Wie schön,

Zu pflanzen, was ein lieber Sohn einst erntet,

Zu sammeln, was ihm wuchern wird, zu ahnen,

Wie hoch sein Dank einst flammen wird! (V. 1120 ff.)

Hier wird deutlich, dass es sich bei Carlos’ Idealvorstellung einer Familie um das prototypische Bild einer bürgerlichen Familie handelt: Der Vater baut eine Existenz auf und wenn der Sohn und der Vater beide alt genug sind, wird der Sohn übernehmen, was der Vater gegründet hat. Und in dieser Zeit erlebt der Vater seine eigenen Anfänge wieder. Zwischen den beiden herrscht Vertrauen - genau das Element einer guten Beziehung, das man zwischen Carlos und Philipp nicht finden kann. Während Carlos diese Wertvorstellung einer bürgerlichen Familie hat, zählen für Philipp nur seine Macht und deren Erhaltung, was sich in der Angst um seine Krone und damit sein Herrscheramt zeigt: „Solange / Der König schläft, ist er um seine Krone“ (V. 2502 f.). Die Werte der beiden Männer unterscheiden sich also grundlegend. Während Carlos die Priorität auf seine und Philipps private Rollen als Sohn und Vater setzt, hält Philipp an der öffentlichen Rolle als Herrscher fest und sieht Carlos auch fast nur in der Rolle des herrschsüchtigen Infanten. Aus diesem Grunde kann Carlos, seine politische Position betreffend, auch feststellen: „Bis jetzt mußt’ ich, der Erbprinz Spaniens, / In Spanien ein Fremdling sein“ (V. 1138 f.).

Abhängig vom oben genannten Unterschied der Werte ist auch die verschiedene Sichtweise der Ehe Philipps mit Elisabeth. Für Carlos ist diese Ehe ein Vertrauensbruch zwischen Vater und Sohn und ein Missbrauch von Philipps Rechten. Zu Elisabeth spricht Carlos folgendermaßen:

Sie waren mein - im Angesicht der Welt Mir zugesprochen von zwei großen Thronen, Mir zuerkannt von Himmel und Natur, Und Philipp, Philipp hat sie mir geraubt - (V. 671 ff.) Philipp hingegen hat Elisabeth aus den politischen Gründen geheiratet, aus denen er sie eigentlich mit Carlos vermählen wollte. Was ihn zu diesem Entschluss gebracht hat, wird nicht klar - man kann aber annehmen, dass es wieder das fehlende Vertrauen in seinen Sohn war, das ihn dazu gebracht hat, Carlos die Braut vor der Nase weg zu heiraten.

Weiterhin haben Carlos und Philipp unterschiedliche Vorstellungen von einem Staat. Auch dies ist wieder abhängig von ihren verschiedenen Sichtweisen auf die Materie: Carlos strebt privat ein Ideal an, das einer bürgerlichen Familie gleichkommt - politisch hat er sich seinem Freund Posa angeschlossen, der „als Abgeordneter der ganzen Menschheit“ auftritt (V. 157) und einen Idealstaat fordert, der sich auf „Gedankenfreiheit“ (V. 3216) und „Freiheit“ (V. 3218) gründet. Dieser Staat würde „Menschenglück“ (V. 3197) bedeuten, ähnlich wie eine funktionierende Familie, wie Carlos sie sich ersehnt. Philipp kann seinen Staat aber nicht so führen, da er durch Misstrauen geprägt ist und seine Herrscherstellung mit aller Macht behalten will. Und so versagt er Carlos seinen Wunsch nach Familie und nach politischer Zukunft, was Carlos am Ende der ersten Unterredung mit seinem Vater im zweiten Akt feststellt: „[...] daß Sie / Mir alles, alles, alles so verweigern“ (V. 1203 f.).

1.1.3 Rivalenkonflikt

Carlos und Philipp sind in zweierlei Rivalenkonflikte verstrickt. Zum einen rivalisieren die beiden Männer um Elisabeth. Carlos hält seinen alten Anspruch auf Elisabeth hoch, die ihm versprochen wurde. Philipp aber hat sie geheiratet, um seine politischen Bindungen zu Frankreich zu festigen. Carlos kann sich mit der Situation nicht abfinden und findet sich folglich in einem Zwiespalt wieder: Darf er die Frau lieben, die ihm versprochen war, nun aber seine Stiefmutter ist? Sein Vater reagiert auf die Situation wieder mit Misstrauen - dieses Mal aber nicht nur gegenüber Carlos sondern auch gegenüber seiner Frau:

Solange Der König schläft, ist es um seine Krone, Der Mann um seines Weibes Herz [...]. (V. 2502 ff.) Außerdem macht Philipp klar, dass Elisabeth seine verwundbarste Stelle ist, wo es um ihn als Privatmenschen und Ehemann geht: Was der König hat, Gehört dem Glück - Elisabeth dem Philipp. Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin. (V. 865 ff.)

Philipp sieht Elisabeth als eine Art Besitz an, über den er allein verfügen kann. Die Ehe vergleicht Philipp mit seinen Staatsgeschäften, indem er einen Vergleich anstellt zwischen seinen Völkern, für die ihm sein „Schwert [...] haften“ kann (V. 857) und Elisabeth, für die nur „dieses [sein] Auge“ haften kann (V. 858). Außerdem wird dieser Konflikt um Elisabeth mit dem Wertekonflikt, der oben bereits ausführlich beschrieben wurde, vermischt: Philipp sieht Elisabeth als Besitz, Carlos scheint sie als Frau zu verehren - doch was er anfangs anstrebt, ist auch Elisabeth zu besitzen, da sie ihm „von Himmel und Natur“ zuerkannt war (V. 673). Der Rivalenkonflikt spielt sich also größten Teils auf der privaten Ebene ab. Jedoch wird er durch die Tatsache, dass es sich um eine Adelsfamilie handelt, auch politisch gemacht, wozu vor allem der Marquis von Posa beiträgt, der die Ansprüche beider Männer gut zu verwenden weiß, um ihr Vertrauen zu erlangen: Posa nutzt das Problem zwischen Carlos und Philipp, um seine politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen ins Spiel zu bringen.

Obwohl Carlos und Philipp beide in gewissem Sinne um Elisabeth kämpfen, kommt es nie zu einem offenen Wortgefecht um Elisabeth zwischen ihnen. Das Thema wird nie angesprochen, sondern immer nur in vertraulichem Rahmen mit Dritten diskutiert.

Der zweite Rivalenkonflikt ist nicht in der Beziehung zu einer Frau verankert. Vielmehr geht es hier um die Freundschaft und Liebe des Marquis von Posa. Der Marquis ist so etwas wie Carlos’ Mentor, der ihn seine Ideen von einem idealen Staat lehrt. Aus der Sicht von Posa ist die Jungenfreundschaft, die einmal zwischen Carlos und ihm bestand in eine Mentor- Schüler-Beziehung verwandelt worden, die der Beziehung zwischen dem Lehrenden Raphael und dem Schüler Julius in denPhilosophischen Briefen3in etwa gleichkommt. Die Reaktion Philipps auf diesen Konflikt ist viel dramatischer als auf den Konflikt um Elisabeth. Nach Posas Tod beschreibt er seine Beziehung zu ihm als eine Art Vater-Sohn-Beziehung:

Ich hab ihn liebgehabt, sehr lieb. Er war Mir teuer wie ein Sohn. In diesem Jüngling Ging mir ein neuer, schönrer Morgen auf. Wer weiß, was ich ihm vorbehalten. Er War meine erste Liebe. (V. 5050 ff.) Philipp reagiert so, da er das Gefühl hat, Posa vertrauen zu können. Außerdem „akzeptiert [der König] Posa als seinen einzigen wahren Freund“4, nach dem Posa ihn in der Unterredung im dritten Akt zwar nicht für seine Politik , wohl aber „für sich selbst“5gewonnen hat. Erst nachdem Posa einen gefälschten Brief schreibt und Carlos eine emotionale Rede darüber hält, dass Posa für ihn gestorben sei und nicht für den Vater, ändert sich Philipps Einstellung gegenüber Posa. Doch zuvor sieht er sich von Posa genauso geliebt wie Carlos. Da Philipp Carlos misstraut und umgekehrt genauso, ist es Vater und Sohn nicht möglich, die Freundschaft Posas zu teilen. Und diesen Umstand weiß Posa auszunutzen und Carlos und den König in Schachfiguren zu verwandeln, die sich nach seinem Denken bewegen - Posas Intrigenspiel baut auf dem Konflikt zwischen Carlos und Philipp auf. Das Vertrauen des Königs erschleicht er sich, indem er den Auftrag übernimmt, Carlos zu überwachen und „das Herz der Königin“ zu erforschen (V. 3348). Gleichzeitig erzählt er Carlos aber nichts davon, um ihn nicht zu verstören und ihn gegen sich aufzubringen. Durch dieses Verhalten des Marquis werden Vater und Sohn nicht zusammengeführt sondern im Gegenteil noch mehr dazu veranlasst, einander zu hassen: Posa schürt absichtlich durch Verschweigen den Rivalenkonflikt, um seine Ideen besser beim König durchsetzen zu können. Philipp hat sogar Grund, seinen Sohn um den Umgang mit Posa zu beneiden, was am Ende klar wird:

Und wem bracht’ er dieses Opfer?

Dem Knaben, meinem Sohne? Nimmermehr. Ich glaub es nicht. Für einen Knaben stirbt Ein Posa nicht. Der Freundschaft arme Flamme Füllt eines Posa Herz nicht aus. (V. 5057)

Philipp glaubt, dass sein Sohn Posas Freundschaft und Liebe nicht würdig ist. In sich selbst sieht er den einzigen, für den ein Posa sich opfern würde, weil er - Philipp - ein erfahrener Mann ist, der seinen Weg bereits gefunden hat und mit dem Posa sich über politische Aussichten austauschen kann, und nicht ein Junge wie Carlos, der noch nicht weiß, in welche Richtung er gehen will.

1.1.4 Zusammenfassung

Die verschiedenen Konflikte, in denen sich Carlos und sein Vater befinden, führen schließlich zum dramatischen Ende des Stücks. Vater und Sohn können keinen gemeinsamen Nenner finden, da sie beide von unterschiedlichen Gegebenheiten ausgehen und verschiedene Ideale anstreben. Carlos sieht jeden Konflikt mit seinem Vater aus der persönlichen Perspektive und versucht also auch, diese Konflikte auf der persönlichen Ebene zu lösen. Daran muss er aber scheitern, da Philipp alles mit den Augen des Regenten sieht und somit auf der politisch-öffentlichen Ebene agiert. Genau aus diesem Grund der verschiedenen Handlungsebenen der Personen kann man nicht wie Koopmann sagen, dass „am Ende [...] das Politische vollkommen ausgeklammert“ ist6. Man muss vielmehr davon ausgehen, dass sich das Politische und das Private im gesamten Stück vermischen und die vielschichtigen Konflikte innerhalb der Vater-Sohn-Beziehung von Philipp und Carlos sind das beste Beispiel hierfür.

1.2 Carlos und die Frauen

1.2.1 Carlos und Königin Elisabeth

Carlos’ problematische Beziehung zu Königin Elisabeth stellt ihn vor weitere Konflikte und Schwierigkeiten. Das größte Problem an der Beziehung zwischen den beiden ist, dass Elisabeth Carlos Stiefmutter ist, ihm aber zu einem früheren Zeitpunkt als Frau versprochen war. Carlos wünscht sich nichts sehnlicher als mit der Königin zu sprechen und ihr seine Liebe zu gestehen. Und gerade diese Liebe lässt Carlos noch mehr an der Beziehung zu seinem Vater zweifeln und er fragt nach den Gründen, aus welchen eine höhere Macht gerade ihn und seinen Vater, die sie gegensätzlicher nicht sein könnten, zusammengebracht hat - Carlos stellt die Theodizee-Frage: „Warum von tausend Vätern / Just eben diesen Vater mir?“ (V. 330 f.). Seine heimliche Liebe zu Elisabeth bringt ihn dazu, noch weiter über die Beziehung zu seinem Vater zu reflektieren - so ist die Liebe zu Elisabeth anfangs der alleinige Motor für den Konflikt zwischen Sohn und Vater.

Am Ende allerdings verändert sich das Verhältnis zwischen Carlos und Elisabeth. Der Prinz sieht ein, dass er die Frau nicht haben kann, die bereits mit seinem Vater verheiratet ist. Er erkennt Elisabeth als seine Mutter an, was er anfangs nicht tun wollte, und verlangt von ihr, dass sie „ihm [Philipp] wieder Gattin“ sein solle (V. 5343). Dies ist auch der Moment, in dem Carlos endgültig die private Ebene verlässt und sich auf die politische Handlungsebene begibt:

Ich eile, mein bedrängtes Volk Zu retten von Tyrannenhand. Madrid Sieht nur als König oder nie mich wieder. (V. 5345 ff.) Carlos löst den Konflikt, in dem er sich wegen seiner Liebe zu Elisabeth befindet, im Privaten: Er entsagt seiner hoffnungslosen Liebe und begibt sich dann auf eine andere Ebene, nämlich die politische, in der so persönliche Probleme wie verbotene Liebe nicht vorkommen können. Als Kompensation will er sich den politischen Zielen seines Freundes Posa widmen und seine Nachfolge antreten, indem er Flandern und ganz Spanien von der Tyrannei seines Vater befreien will und somit dem höheren Zweck dient. Gleichzeitig soll Elisabeth aber nicht nur die Stelle der Gattin Philipps ausfüllen, sondern auch seine Stellvertreterin bei Hofe werden, indem er von ihr verlangt: „Er hat einen Sohn / Verloren. Treten Sie in Ihre Pflichten / Zurück“ (V. 5343 ff.). Kurz vor seinem Tod also wechselt Carlos seine Sichtweise von der privaten nach der politisch-öffentlichen und beendet damit, wie oben erwähnt, seine Probleme mit der Beziehung zu Elisabeth.

1.2.2 Carlos und die Prinzessin von Eboli

Das Verhältnis Carlos zu der Prinzessin von Eboli beruht zum größten Teil auf Missverständnissen. Zuerst einmal ist Eboli für Carlos nichts weiter als eine Hofdame Elisabeths. Und als er sie trifft und eigentlich mit Elisabeth rechnet, ist er von der Erwartung so überwältigt, dass er Ebolis Anspielungen nicht bemerkt und sie sozusagen als Ersatz für Elisabeth benutzt, indem er ihr seine Liebe, die Elisabeth gilt, gesteht und ein Versprechen zur Errettung gibt, womit er eigentlich die Rettung Elisabeths aus Philipps Armen meint:

- Ich schlinge Den Arm um dich, auf meinen Armen trag ich Durch eine teufelvolle Hölle dich! Ja - laß mich dein Engel sein - (V. 1823 ff.) Doch von Liebe zu Eboli spricht er nie, er gesteht lediglich: „Ich leugn’ es nicht - ich liebe!“ (V. 1849). Diese Geständnisse werden von Eboli gründlich missverstanden, denn sie sieht ihre Liebe erwidert, während Carlos davon ausgeht, dass sie Elisabeths Botin ist.

Was Eboli Carlos auch sympathisch macht, ist, dass sie ebenso wie er unter Philipp leiden muss: Philipp will sie mit „Rui Gomez, Graf von Silva“ (V. 1754), verheiraten, sie ist „der Kreatur verkauft“ (V. 1755). Diese Heiratspolitik Philipps bestätigt Carlos einmal mehr in seiner Enttäuschung und seinem Zorn gegenüber dem Vater. Außerdem ist Carlos beeindruckt von Ebolis - bis jetzt noch - tugendhaften Ansichten über die Liebe und spricht zu sich selbst: „Beim wunderbaren Gott! - Das Weib ist schön!“ (V. 1781). Damit meint er sowohl ihre Tugend als auch ihre Gestalt. Aber an Elisabeth kann sie nicht herankommen, wie sich am Ende des Gesprächs herausstellen wird: Carlos erkennt, dass sich alles um einen „unglücksel’ge[n] Missverstand“ handelt (V. 1861).

Diese Erkenntnis Carlos’ gibt dem gesamten Stück eine Wende, denn nun hat er Eboli gegen sich, die aus verlorener Liebe zu einer Verbrecherin und Intrigantin wird. Dieses Motiv, wenn auch viel stärker ausgeprägt, findet sich auch inDie Räuber, wo der sich ungeliebt fühlende Sohn Franz Moor zum Verbrecher wird. Eboli beschließt, an Carlos Rache zu nehmen und schließt sich der Intrige Albas und Domingos an.

1.2.3 Zusammenfassung

Carlos’ Verhältnis zu Frauen scheint etwas gestört zu sein. Er kann mit keiner Frau normal umgehen, weder mit Elisabeth, noch mit Eboli, was zu Missverständnissen und Problemen führt. Da er sich auch nicht mit der politisch dominierten Handlungsweise seines Vaters identifizieren kann, versteht er nicht, warum Philipp Elisabeth geheiratet hat. Außerdem versteht er auch Elisabeth nicht, die ihren Mann, auch wenn sie ihn nicht liebt, nicht mit seinem Sohn betrügen will. Carlos ist in jeder Beziehung naiv, da er alles auf der privaten Ebene beurteilt. Und wenn man ihn mit der tragischen Heldin eines Bürgerlichen Trauerspiels vergleichen wollte, so müsste man zu dem Ergebnis kommen, dass er um einiges naiver ist als ein Mädchen aus bürgerlichem Hause überhaupt je sein könnte.

2. Wertekonflikt

Neben dem Wertekonflikt zwischen Carlos und seinem Vater gibt es noch andere solcher Konflikte, die ich im nächsten Teil der Arbeit untersuchen werde. Zunächst werde ich mich den unterschiedlichen Vorstellungen von Marquis Posa und dem König widmen und danach mit einem Vergleich von Eboli und Elisabeth fortfahren.

2.1 Marquis von Posa - König Philipp

Der Wertekonflikt zwischen Posa und Philipp ist politischer Natur. Posa ist ein vielgereister Mann, der auf seinen Reisen Bekanntschaft mit allen möglichen Ländern, Menschen und Ideen gemacht hat. Dadurch wurde sein Geist für neue Grundgedanken und Grundvorstellungen geöffnet. Er hängt nicht mehr an so alten Traditionen wie Philipp, sondern strebt nach einem höheren Zweck, einem Staat, der auf „Gedankenfreiheit“ basiert (V. 3216). Der Marquis ist „der leidenschaftliche Verfechter des Menschenrechts auf Würde, Glück und Freiheit des Denkens und Handelns“7. Und so setzt sich Posa für die Befreiung Flanderns ein und gewinnt Carlos und die Königin für seine Zwecke. Sein Grundsatz ist folgender:

[...] daß „ein Anschlag, Den höhere Vernunft gebar, das Leiden Der Menschheit drängt, zehntausendmal vereitelt Nie aufgegeben werden darf“ - [...] (V. 2457) Das bedeutet, man darf seine Ziele nie aufgeben, wenn sie einem höheren Zweck dienen, der das Leiden der Menschheit lindern könnte und die Menschheit in eine andere, bessere Staatsform führen könnte. Und genau dies tut Posa: Er zettelt eine Verschwörung gegen den König an und opfert sich am Ende selbst dem höheren Zweck.

Der Marquis kritisiert aber auch Menschen, die in ihren eigenen privaten Problemen versinken und darum den höheren Zweck aus den Augen verlieren. So schilt er Carlos: „Wie arm bist du, wie bettelarm geworden, / Seitdem du niemand liebst als dich!“ (V. 2422 f.). In den Augen des Marquis geht also das Wohl aller über das Wohl des einzelnen Menschen und jeder hat zum Wohlergehen der Gemeinschaft beizutragen, um aus dem „Naturstaat“8, in dem man sich augenblicklich unter der Herrschaft Philipps befindet und der „dem moralischen Menschen“9 Posa widerspricht, in die nächst höhere Stufe, einen Vernunftstaat, überzuwechseln. Posa ist ein Revolutionär, der sich nicht in die gegebenen Gesellschaftsverhältnisse einpassen will und am Ende liebre stirbt als seine höheren Ziele zu opfern. Solche Figuren kommen auch in Bürgerlichen Trauerspielen vor, zum Beispiel Ferdinand inKabale und Liebe. Bei Ferdinand ist klar, dass er stirbt, da er sich dem höheren Gericht Gottes ausliefern will, weil er seine Schuld an Luises Tod erkannt hat. Beim Marquis finden sich zwei Gründe für die Bereitschaft zu sterben: Der höhere Zweck, der allen Menschen dienen soll und die Schulderkenntnis, dass er Carlos’ Lage verschlimmerte anstatt sie zu verbessern.

Gleichzeitig verkörpert der Marquis die Werte Liebe und Aufopferung, die in den Philosophischen Briefenvorgestellt werden10. Die Freundschaft zwischen Posa und Carlos, die zunächst von Carlos erzwungen zu sein scheint, entwickelt sich zu einer innigen Beziehung zwischen den Jugendfreunden. Nach und nach nimmt Posa dabei die Rolle des Lehrenden und Carlos die Rolle des Schülers ein. Posa will Carlos zeigen, dass das menschliche Herz die gesamte Menschheit lieben muss, so wie Posas Herz „der ganzen Menschheit“ schlägt (V. 5062). Und durch diese Liebe zur Menschheit und zu Carlos ist Posa schließlich fähig sich in einem Akt der Aufopferung töten zu lassen, für eine Tat, die er nicht begangen hat: Er fälscht einen Brief, in dem er sich dazu bekennt, ein Verhältnis mit der Königin zu haben, um Carlos und mit ihm seine höheren Ziele zu schützen.

Auf der anderen Seite steht der König, der in altem Herrschertum und Despotismus verhaftet ist. Er wird nicht umsonst von Carlos „der Fürchterliche“ (V. 313) genannt. Gegenüber seinen Höflingen verhält er sich nicht weniger unbarmherzig als gegenüber seiner Frau und seinem Land. Er verweist die Mondecar für „zehen Jahre“ vom Hof (V. 826); er droht seiner Frau: „Dann meinetwegen fließe Blut“ (V. 3787); er schickt Herzog Alba nach Flandern, dessen „Henker nur verheeren“ (V. 1188). Diese Grausamkeit liegt in seinen alten Vorstellungen von einem König als absolutem Herrscher und in seinem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber allem und jedem begründet. Der König ist zu sehr in seinen alten Wegen verfahren, als dass er die neuen Ideen Posas annehmen könnte. Er macht einen Versuch, aus seinen alten Bahnen auszubrechen, indem er Posa zugesteht, dass er nach seinem Gutdünken weiterleben und handeln darf:

Nein, Marquis! Ihr tut mir zu viel. Ich will Nicht Nero sein. Ich will es nicht sein - will Es gegen Euch nicht sein. Nicht alle Glückseligkeit soll unter mir verdorren. Ihr selbst, Ihr sollet unter meinen Augen Fortfahren dürfen, Mensch zu sein. (V. 3273 ff.)

Doch der erste Versuch, sein bisheriges Verhalten und seine bisherige Sichtweise auch nur geringfügig zu ändern, endet im Fiasko. Posa wird erschossen und als wäre dies nicht genug, wird auch noch Carlos der Politik hingeopfert, da er in Philipps Augen Posas „Puppe“ (V. 5089) war.

Der König trägt den Hass in sich, von dem in denPhilosophischen Briefengesagt wird, dass er „verlängerter Selbstmord“ sei11. Aus diesem Hass heraus lässt Philipp seinen Sohn Carlos töten. Und so führt Philipps Misstrauen, aus dem sich sein Hass entwickelt, zu der Katastrophe am Ende und zur Zerstörung neuer Ideen, die durch Posa und Carlos verkörpert werden. Jedoch zerstört der König mit Carlos’ Auslieferung auch sein eigenes Leben, wenn man diese Handlung nach denPhilosophischen Briefeninterpretiert. Er vernichtet die einzige Möglichkeit, sich und sein Leben zu ändern und sein Misstrauen zu verlieren. Und damit zerstört Philipp seine Zukunft und begeht so zu sagen Selbstmord.

Es wird also klar, dass die Ideen Posas von Freiheit und einem menschenwürdigen Staat nicht mit den Vorstellungen Philipps vereinbar sind, der auf sein absolutes Recht als Herrscher pocht und meint, dass er als Regent die Macht über jedes einzelne Leben in seinem Reich hätte. Dies bedeutet, dass Posa und Philipp zwei extreme Pole politischer Vorstellung sind: Philipp konservativ, vergangenheitsorientiert und misstrauisch, Posa bereit zu Neuem und offen für alles.

2.2 Prinzessin von Eboli - Königin Elisabeth

Wenn Eboli und Elisabeth verglichen werden, dann kommen oft Bilder aus der Natur zum Tragen, wie Blunden12bereits festgestellt hat. Posa vergleicht Elisabeth mit einer Pflanze, die „freiwillig sproßt und ohne Gärtners Hilfe / Verschwenderische Blüten treibt“ (V. 2334). Mit dieser Umschreibung will Posa sagen, dass Elisabeth eine angeborene Tugend besitzt, die sie erblühen lässt. Weiterhin beschreibt er Elisabeth mit den Worten, die nicht mit Bildern aus der Natur arbeiten:

Dann sah ich die Königin - O Karl,

Wie anders alles, was ich hier bemerkte! In angeborner stiller Glorie,

Mit sorgenlosem Leichtsinn, mit des Anstands

Schulmäßiger Berechnung unbekannt,

Gleich ferne von Verwegenheit und Furcht,

Mit festem Heldenschritte wandelt sie

Die schmale Mittelbahn des Schicklichen,

Unwissend, daß sie Anbetung erzwungen,

Wo sie von eignem Beifall nie geträumt. (V. 2353 ff.)

So erhält man ein Bild von Elisabeth, das sie als ein Ideal darstellt. Sie verkörpert die Tugend, wie es im Bürgerlichen Trauerspiel normalerweise die Tochter aus bürgerlichem Hause tut. Sie wirkt, als sei sie unangreifbar und als sei sie sich dessen und ihrer Tugend nicht bewusst, was den Eindruck vermittelt, sie sei natürlich und unverdorben.

Im Gegensatz dazu wird Eboli zwar als „tugendhaft“ (V. 2328) beschrieben. Aber ihre Tugend ist anerzogen, denn sie zeichnet sich in Posas Augen durch „erworbne Unschuld“ aus (V. 2339). Für Posa also leuchtet Elisabeths Tugend weitaus heller als die von Eboli. Auch Reinhardt stellt fest, dass Eboli „zur Kontrastfigur von Elisabeth, deren Moralität ungezwungen aus der Natur kommt“, wird13.

Mit Domingos Augen gesehen, stellt sich alles ganz anders dar. Er hält Eboli für eine starke Persönlichkeit und Elisabeth als schwache Frau, wenn er unter der Verwendung von Naturbildern sagt:

Jene Lilien Von Valois [Elisabeth] zerknickt ein span’sches Mädchen [Eboli] Vielleicht ineinerMitternacht. (V. 2069 ff.)

Domingo sieht Ebolis zerstörerisches Potential und weiß, dass er es für seine und Albas Zwecke nutzen könnte. In Elisabeth sieht er nur einen Stein in seinem Weg nach ganz oben, da sie Einfluss auf den König hat. Mit seinem Ausspruch deutet Domingo auch an, zu welcher Tat Elisabeth nicht fähig wäre, die Eboli aber im Gegensatz zur Königin begehen könnte: Ehebruch. Die Tugend Elisabeths wird von Domingo also als eine Schwäche ausgelegt, während die Ruchlosigkeit Ebolis als Stärke charakterisiert wird.

Außerdem legen Elisabeth und Eboli ihre Werte auch selbst dar: Elisabeth liebt das Land und vor allem Aranjuez, denn diesen Ort hat sie sich „längst zum Liebling auserlesen“ (V. 397). Elisabeth ist ein Landmensch, den es nicht nach Madrid ins Gewühl der Großstadt und des Hofes zieht. Dies ist ein Zeichen, dass ihr Charakter ursprünglich ist und noch nicht von der Gesellschaft verdorben. Im Gegensatz dazu steht Eboli, die sich folgendermaßen über Aranjuez äußert:

Wie einsam aber, Wie tot und traurig ist es hier! Man glaubt Sich in la Trappe. (V. 403 ff.)

Eboli sehnt sich in die Stadt zurück und fühlt sich auf dem Land nicht wohl. Sie ist ein Stadtmensch und da sie nicht die gleichen ursprünglichen Werte wie Elisabeth in sich trägt, kann sie später durch Domingo und Alba, die die schlechte Seite der Gesellschaft darstellen, korrumpiert werden.

Vergleicht man die beiden Frauen nun weiter, so kann man feststellen, dass der Marquis mit seiner Feststellung recht hatte: Die Königin behält trotz aller Anfeindungen und Intrigen ihre Würde und Tugend, während sich Eboli auf die Seite der Intriganten Domingo und Alba schlägt, um sich an Carlos zu rächen. In Posas Beschreibung scheint sich die Königin ihrer eigenen Tugend und ihrer Werte nicht bewusst zu sein. Aber Elisabeth ist nicht naiv, sie weiß um ihre Stellung gegenüber dem König und sie weiß diese auch zu nutzen. Obwohl sie Möglichkeiten hätte, den König in jeglicher Hinsicht zu betrügen, hält Elisabeth weitestgehend an ihren Idealen von Liebe und Tugend fest: Das Versprechen, das sie Philipp während der Eheschließung gegeben hat, hält sie und beginnt daher kein amouröses Verhältnis mit Carlos. In ihrer grenzenlosen Güte akzeptiert sie sogar, dass der König sie mit Eboli betrogen hat und bestraft Eboli nicht. Elisabeth ist mit ihrer Heirat von der privaten Ebene auf eine andere Ebene gewechselt, denn sie „lieb[t] nicht mehr“ (V. 714) auf die persönliche Art. Sie hat sich ihren Pflichten als Königin ergeben und ihr Herz schlägt nun für das Wohl ihres Volkes. Elisabeth ist ebenfalls eine Schülerin des Marquis, ebenso wie Carlos. Da sie ihre persönliche Liebe zu Carlos aufgegeben hat, und durch die Liebe zu ihrem Land und Volk ersetzt hat, ist Elisabeth der ideale Nährboden für Posas Ideen, die sie auch übernimmt, insofern sie sie nicht schon selbst hatte. Sie schließt sich Posa in seinem Revolutionsversuch an und unterstützt ihn und Carlos.

Eboli hat gegenteilige Wertvorstellungen: Sie befindet sich wie Carlos auf einer persönlichen-privaten Ebene und kann daher nur aus verletztem Stolz heraus handeln und sich rächen. Da ihre Liebe verschmäht wird, hasst sie ihre Konkurrentin Elisabeth. Ihre Vorstellung von Rache und Hass führen sie aber in die falsche Richtung, genau in die Arme von Domingo und Alba, die die naive Frau natürlich gleich für ihre Zwecke missbrauchen, ohne, dass sie sich dessen bewusst ist. Der Hass setzt Eboli auf dieselbe Stufe wie den König. Eines aber unterscheidet die beiden: Eboli erkennt, dass sie falsch gehandelt hat und gesteht der Königin alles. Allerdings kann man auch bei Eboli feststellen, dass sie sich wie der König durch ihren Hass selbst tötet: Indem sie ihren Hass gesteht, zeigt sie, dass sie menschlicher ist als der König, aber sie kann nicht rückgängig machen, was sie getan hat. Sie muss ihr bisheriges Leben bei Hofe aufgeben und in ein Kloster ziehen. Für den Hof ist sie gestorben und damit stirbt auch der Teil von ihr, der den Trubel in Madrid dem Leben auf den Lande vorzieht, wie im ersten Akt klar wird. Auch in Ebolis Fall also ist Hass ein langsamer Selbstmord, der immer wieder einen Teil der Persönlichkeit auslöscht.

Elisabeth steht folglich für die Liebe und die Tugend, während Eboli bis zu ihrer Selbsterkenntnis die dunklen Seiten des menschlichen Charakters wiederspiegelt: Sie ist egoistisch und will Carlos’ Liebe für sich alleine, sie hasst andere und zerstört sich damit selbst.

3. Rivalen- und Amantenkonflikt

3.1 Prinzessin von Eboli - Königin Elisabeth

Der Rivalen- beziehungsweise Amantenkonflikt zwischen Eboli und Elisabeth ist relativ einseitig. An dem Konflikt scheint Elisabeth recht unbeteiligt zu sein. Sie nimmt zwar alles zur Kenntnis und hört Ebolis Geständnis an, aber sie äußert sich nicht und unternimmt auch nichts gegen Eboli, die sich ja zwischen sie und ihren Gatten geschoben hat und die ohnehin schon recht problematische Beziehung noch konfliktreicher gemacht hat. Eboli hingegen ist die Aktive in diesem Konflikt: Sie sinnt auf Rache, als sie bemerkt, dass Elisabeth im Kampf um Carlos’ Liebe die siegreiche Rivalin ist. Motor für den Konflikt ist nicht etwa Elisabeths Verhalten, sondern Carlos’ gestörtes Verhältnis zu Frauen und seine Naivität: In einer nahezu komödiantischen Situation - die falsche Frau im falschen Zimmer mit dem falschen Liebhaber - gesteht er ihr seine Gefühle für Elisabeth, ohne an die Folgen zu denken, die so entstehen könnten.

Der Grund, weshalb der Konflikt nur einseitig bleibt, ist, dass Elisabeth ihrer Liebe zu Carlos entsagt hat und daher nicht mit Eboli um Carlos kämpft. Für Elisabeth zählt eher, dass ihr Mann sie hintergangen hat, obwohl sie sich immer an alle Regeln, die sie sich selbst bei der Heirat auferlegt hat, gehalten hat. Sie hat die persönliche und private Liebe hintangestellt und sich ganz ihren Pflichten als Königin und Ehefrau gewidmet, darum kann sie Carlos auch sagen: „Ich liebe nicht mehr“ (V. 714). Ihr Mann aber hält sich nicht an die Pflichten eines Ehemannes. Diese Tatsache enttäuscht Elisabeth am meisten.

Mit Ebolis Geständnis aber löst sich der Konflikt auf und Elisabeth wird in der Rolle der Unnahbaren bestätigt, indem Eboli sie ihres ruhigen Verhaltens wegen „Engel / Des Lichtes! Große Heilige!“ (V. 4169 f.) nennt und auch Elisabeths „Güte“ (V. 4162) und ihre „Glorie“ betont (V. 4165).

3.2 Don Carlos - Domingo und Herzog von Alba

Wie lange der Konflikt zwischen Don Carlos und den beiden engsten Vertrauten des Königs schon besteht, wird aus dem Stück nicht klar. Sicher aber ist, dass Domingo und Alba um ihre Stellung fürchten. Domingo sieht durch Carlos die Interessen der Kirche am spanischen Hof gefährdet; bei Alba zeigen sich weltlich-politische Motive wie Machtgewinn. Domingo zweifelt an Carlos’ Fähigkeiten als Herrscher:

Erdenkt!

Sein Kopf entbrennt von einer seltsamen Schimäre - er verehrt den Menschen - Herzog, Ob er zu unserm König taugt? (V. 2021 ff.)

Die beiden sind sich sicher, dass sie mit Carlos als König nicht ihre Ziele durchsetzen können. Sie brauchen einen König, der ihren Werten entspricht und den sie nach Belieben formen und benutzen können. Da sie einen solchen König nicht in Carlos sehen, buhlen sie um die Zuneigung Philipps, um diesen gleichzeitig von Carlos fernzuhalten und beginnen daher eine Intrige, die sich durch das gesamte Stück zieht. Sie erzählen dem König aber nie offen von ihrer Abneigung gegenüber Carlos, sondern streuen Gerüchte, die Teil der Intrige sind. Der Prinzessin von Eboli gegenüber aber nennt sich Alba einen „erklärte[n] Feind des Prinzen“ (V. 2168), um sie auf seine und Domingos Seite zu ziehen. Beim König würde dies nicht funktionieren, da es sich bei Carlos schließlich immer noch um Philipps Sohn handelt.

Carlos hingegen hält sich mit seiner Einstellung zu Alba und Domingo seinem Vater gegenüber nicht zurück und erklärt seinem Vater ehrlich und offen, wie er Alba und Domingo einschätzt:

Wer sind sie, Die mich aus meines Königs Gunst vertrieben? Was bot der Mönch dem Vater für den Sohn? Was wird ihm Alba für ein kinderlos Verscherztes Leben zur Vergütung geben? (V. 1092 ff.)

Was fragt

Ein Mietling nach dem Königreich, das nie Sein eigen sein wird? (V. 1105 ff.)

Carlos hat sehr gut erkannt, dass der Beichtvater und Herzog von Alba ihn und Philipp auseinandergebracht haben, um ihre Zwecke durchzusetzen. Darum ist Carlos auch wütend auf die beiden Männer und da er den Konflikt wieder nur auf der privaten Ebene sieht, springt er sofort auf ihre ständigen Herausforderungen ihm gegenüber an. So kommt es zu einem Duell zwischen Carlos und Alba, das die Königin gerade noch verhindern kann.

Der Konflikt zwischen Carlos und den Vertrauten des Königs kann das Verhalten des Königs Carlos gegenüber erklären, das durch die ständigen Einflüsterungen Albas und Domingos gestört ist; gleichzeitig ist der Rivalenkonflikt zwischen Carlos und den Höflingen aber auch der Motor für die Intrige, die Domingo und Alba anzetteln.

4. Die Intrigen des Stücks

Das StückDon Carloslebt, ähnlich wie ein Bürgerliches Trauerspiel, von den Intrigen, die in ihm vorkommen. Wenn man es extrem ausdrücken möchte, so kann man sagen, dass das ganze Stück eine einzige Intrige ist. Die verschiedenen Verschwörungen auseinander zu dröseln, ist nicht ganz einfach, denn sie sind verworren wie ein verknotetes Wollknäuel. Bei den folgenden Betrachtungen werde ich einen groben Rahmen für die Intrigen festlegen und außerdem die Gründe für die jeweilige Intrige benennen.

4.1 Domingo, Herzog von Alba und Prinzessin von Eboli

Die Intrige zwischen Alba, Domingo und Eboli besteht eigentlich aus zwei Intrigen: Der Intrige, die Domingo und Alba schon lange planten und vorbereiteten und der Intrige Ebolis, die kurzfristig und spontan entworfen wird. Die Intrige soll Domingo und Alba zunächst dazu dienen, ihre Stellung am Hof von Philipp zu festigen und auszubauen. Doch ihnen fehlt noch das geeignete Werkzeug, ihren Plan, Carlos und Philipp endgültig zu trennen, in die Tat umzusetzen.

Eboli stößt mehr oder weniger zufällig zu Domingo und Alba, die in ihr sofort das geeignete Werkzeug sehen. Für sie selbst scheint die Gelegenheit günstig, sich an Carlos und Elisabeth zu rächen, daher ist sie bereit, Domingo und Alba in ihr Wissen um Carlos Liebe und ihre Vermutungen über Elisabeth einzuweihen, um ihrer Rivalin „die Larve / Erhabener, übermenschlicher Entsagung“ abzureißen (V. 2139 f.) und Elisabeth der Welt als „Sünderin“ zu zeigen (V. 2142). Eboli bemerkt zunächst nicht, in welches Ränkespiel sie sich verstrickt, als sie mit den beiden Intriganten gemeinsame Sache macht, denn sie hat nur ihre persönliche Rache im Sinn. Aber schließlich wird ihr von Anfang an die Opferrolle zugewiesen: Sie soll dem König die Nachricht überbringen, Carlos hätte ein Verhältnis mit Elisabeth. Sie muss die wirklich verbrecherische Arbeit erledigen und die Schatulle der Königin öffnen und Briefe entwenden. Am Ende könnte bei Bedarf die ganze Schuld auf Eboli abgewälzt werden und Domingo und Alba könnten sich als unwissend darstellen. Dieser Kniff muss jedoch nicht benutzt werden, da Eboli selbst geständig ist.

Schließlich gewinnen Alba und Domingo aber nur indirekt, da der König Posa und Carlos nicht durch ihr Tun opfert, sondern da Posa ihm einen gefälschten Brief zukommen lässt und er Carlos als Revolutionär entlarvt zu haben glaubt. Trotzdem haben sich Alba und Domingo ihre Stellungen bei Hofe gesichert und auch die Inquisition, der Carlos übergeben wird, bleibt in Spanien erhalten. Eboli dagegen ist weder Verliererin noch Siegerin. Sie hat ihr Ziel. Elisabeth als Sünderin darzustellen, zwar nicht erreicht, dafür hat sie aber Einsicht über ihre unmoralischen Handlungen gewonnen.

4.2 Marquis von Posa

Die Intrige des Marquis von Posa ist zwar auf den ersten Blick als eine solche zu erkennen, es ist aber unklar, inwieweit die Mitverschwörer auch Mitwisser sind. Der Zweck von Posas Verschwörung ist relativ eindeutig: Er will seinem Schüler Carlos den Weg zum Thron ebnen, damit dieser dann als König Posas Ideen von einem idealen Staat in die Tat umsetzen kann und somit eine Revolution von oben einleiten kann.

Für diesen Zweck aber verhält er sich teilweise sogar menschenverachtend, indem er alle an seiner Intrige beteiligten Personen zu seinen Schachfiguren macht, die er dann beliebig hin- und herverschiebt - er instrumentalisiert Menschen, Gefühle und Beziehungen. Und er schafft „neue Situation[en] ohne Rücksicht auf das Interesse der Betroffenen“14zu nehmen, indem er zum Beispiel Carlos den Brief, der seinen Vater belasten könnte, wegnimmt oder Carlos verhaften lässt. Und am Ende verändert er die gegebene Situation so, dass er selbst erschossen wird. In dieser Hinsicht ist Posa ein Despot, da sein „eigenmächtig manipulierendes Handeln, das die Freiheit anderer zu verletzen angetan ist“15, dem Verhalten Philipps, der ja ein geradezu prototypischer Despot ist, entspricht.

Das Hauptmittel von Posas Intrige ist Verschweigen, so wie er es gegenüber Carlos tut: Er verschweigt ihm, dass er für Philipp arbeitet und weiht ihn auch nicht in seine tatsächlichen Pläne ein. Außerdem lügt er, wenn er Elisabeth glauben machen will, dass er keine Intrige ausheckt:

Königin. Und kann Die gute Sache schlimme Mittel adeln? Kann sich - verzeihen sie mir diesen Zweifel - Ihr edler Stolz zu diesem Amte borgen? Kaum glaub ich es - Marquis. Auchichnicht, wenn es hier Nur gelten soll, den König zu betrügen.

Doch das ist meine Meinung nicht. Ihm selbst Gedenk ich diesmal redlicher zu dienen, Als er mir aufgetragen hat. (V. 3408 ff.)

Und obwohl er relativ deutlich macht, dass er nicht vorhat, nur wegen eines Betrugs am König eine Intrige oder eine Verschwörung zu beginnen, so lässt er doch offen, dass er es für einen anderen Zweck sehr wohl könnte: Für sein Streben nach einem höheren Zweck nämlich, der die Umformung des Staates bedeutet, darf er seiner Überzeugung nach schon ein intrigantes Spiel beginnen.

Unwissende Mitwirkende der Intrige Posas sind Carlos, der Posas Freundschaft sucht und dem Marquis als Freund vertraut, die Königin, der er seinen Plan Teilweise anvertraut, da er sie braucht, um Carlos mitzuteilen, dass er „nach Brüssel heimlich sich begeben“ soll (V. 3471), und zu guter letzt auch noch der König, dem Posa erzählt, was er über Carlos hören will und der Posa viel Macht bei Hofe verleiht. Alle diese Mitwirkenden verfolgen ihre kleinen Zwecke, die Posa ihnen als Ziel gesetzt hat, während er seinen großen höheren Zweck verfolgt und die Fäden in der Hand hat. Er schwingt sich in seiner Intrige zum Herrscher über alle Beteiligten auf, bis er folgendes feststellen muss:

Doch ich, von falscher Zärtlichkeit bestochen, Von Stolz geblendet, ohne dich [Carlos] Das Wagestück zu enden, unterschlage Der Freundschaft mein gefährliches Geheimnis. Das war große Übereilung! Schwer Hab ich gefehlt. Ich weiß es. (V. 4640 ff.)

Posa hat sich überschätzt und darum niemanden ganz in seine Pläne eingeweiht. Darum ist der Plan nicht vollends ausführbar und Posa muss sich selbst opfern, um die Durchführung zu vollbringen. Diese Aufopferung ist die logische Konsequenz der Selbsterkenntnis. Auch Guthke sieht dies ähnlich: „Die Schulderkenntnis erfordert das Selbstopfer nach seit den Räubernbekannter Schillerscher Denkform.“16Doch sein Opfer hat nicht den gewünschten politischen Erfolg und die Intrige endet ohne Sieg für Posas Seite, während der König, Alba, Domingo und die Inquisition ihre bereits bestehende Herrschaft sichern und stärken können.

5. Ergebnisse

Wie man in der oben aufgeführten Diskussion und Beschreibung der verschiedenen Konflikte und Intrigen, die allesamt den Strukturen eines Bürgerlichen Trauerspiels entnommen sind, sehen konnte, handelt es sich beiDon Carlos, Infant von Spaniennicht um ein reines Familiendrama. Dies kann auch aus dem Schluss ersehen werden. Wie bereits mehrmals erwähnt, beschreibt Koopmann den Schluss des Stücks als ausschließlich familiär17. Damit kann ich aber nicht übereinstimmen. Denn Philipp trifft seine Entscheidung, Carlos der Inquisition zu übergeben nicht allein als Vater und Ehemann sondern auch als ein König, der um seinen Thron fürchtet und den Verräter Carlos unschädlich machen will. Borchmeyer beschreibt die Lage Philipps am Ende des Stücks mit diesen Worten:

Und so erscheint er [Philipp] in den unheimlichen Schlußversen des Dramas wiederum, ja noch mehr als vorher, allein auf seinem Thron, innerlich verdorrt, als bloßer Träger seines Amtes, der das ‚Seinige’ getan hat; er zieht sich also auf seine Königspflicht zurück, denn der Mensch in ihm ist gestorben.18

Man darf also die politischen Rollen, die die Figuren im Stück tragen, nicht außer Acht lassen. Zwar handelt es sich bei der Katastrophe um eine, die in der Familie stattfindet, aber diese Katastrophe wird nicht nur durch Probleme im privaten Bereich ausgelöst, sondern auch von politischen Gegebenheiten: Es handelt sich bei der Familie um eine aristokratische Familie, die in der Öffentlichkeit steht und die mit all ihren Handlungen Politik macht.

Bei den Betrachtungen muss man genau bestimmen, aus der Sicht welcher Figur man auf das Drama blickt: Sieht man Carlos als die wichtigste Figur, so ist der familiäre Aspekt natürlich im Mittelpunkt - und damit das Bürgerliche Trauerspiel - da Carlos alle Probleme nur auf der persönlich-privaten Ebene sieht. Doch am Ende ändert er ja seine Einstellung und wird ebenfalls eine politische Figur, wie in 1.2.1 abgehandelt wurde. Wiederum ein Grund, den Schluss als weitestgehend politisch zu sehen. Bohnen sieht das gesamte Stück als politisch:

Das Drama ist politisch, nicht weil es das politische Intrigen- und Konfliktspiel von Staatsmännern entwirft, sondern weil es im Aufriß der Kluft von Gesellschaft und Staat zwei heterogene Politikkonzeptionen aufeinander prallen läßt und in der Konfrontation zweier Grundmuster von Gesellschaftsgefügen den politischen Nerv der Zeit trifft.19

Meiner Meinung nach ist dies genau der Aspekt, den Koopmann in seiner Sicht des Stücks übersehen hat. Es muss nämlich in einem politischen Drama nicht nur um das Politisieren gehen - inDon Carloswird nur wenig aktive Politik betrieben, aber es werden politische Ideen vorgestellt. Allerdings vernachlässigt Bohnen wiederum die familiäre Seite des Dramas, die auf jeden Fall erwähnt werden muss, um die Gesamtheit des Stücks zu erfassen.

Dennoch kann man meiner Ansicht nach auch sagen, dass der Schluss dem eines Bürgerlichen Trauerspiels entspricht. Carlos wird in der Rolle der Tochter aus bürgerlichem Hause den verschiedenartigen Konflikten geopfert. An der adligen Familie geht dieser Opfertod zum größten Teil ohne Auswirkungen vorüber, da sich alle Beteiligten in ihre politischen Rollen flüchten. Philipp agiert als König und übergibt seinen Sohn kaltblütig der Inquisition, da seine Rolle als König ihn vor jedem Gefühl schützt. Carlos selbst verweist die Königin wieder in ihre politische Rolle. Bei Carlos’ Tod befinden sich alle Figuren auf der politischen und nicht auf der privaten Ebene - ähnlich den aristokratischen Politikern in einem Bürgerlichen Trauerspiel, die von der Tragik in der bürgerlichen Familie meist unberührt bleiben.

Nach meinen Betrachtungen denke ich, dass es Schiller gelungen ist, die Problematik der bürgerlichen Familie in einem Bürgerlichen Trauerspiel auf eine Adelsfamilie zu übertragen. Dabei ist es wichtig, die zwei Ebenen Familie und Öffentlichkeit zu trennen. Da aber jeder Konflikt, sei er nun politisch oder privat, in dieser einen Adelsfamilie vorkommt und nicht wie in einem Bürgerlichen Trauerspiel in zwei Familien unterschiedlichen Standes, kann man nicht sagen, dass es sich beiDon Carlosum ein reines Familiendrama oder um ein rein politisches Drama handelt. Bei einer solchen Einteilung kommt es, wie oben bereits erwähnt, auch darauf an, welche Figur man in den Mittelpunkt des Stückes stellt: Carlos ist die Hauptfigur des Familiendramas; Posa ist der tragische Held des politischen Stücks.

6. Zitierte Werke

Blunden, Allan G. (1978). Nature an Politics in Schiller’sDon Carlos. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 52 (1978). Stuttgart: Metzler. 241-256.

Bohnen, Klaus (1980). Politik im Drama. Anmerkungen zu Schillers „Don Carlos“. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 24 (1980). Stuttgart: Kröner. 15-31. Borchmeyer, Dieter (1973). Tragödie und Öffentlichkeit - Schillers Dramaturgie. München: Wilhelm Fink Verlag.

Guthke, Karl S. (1994). Schillers Dramen - Idealismus und Skepsis. Tübingen und Basel: Francke.

Koopmann, Helmut (1983). Don Carlos. In: W. Hinderer (Hrsg.) (1983). Schillers Dramen. Neue Interpretationen. Stuttgart: Reclam. 159-201.

Reinhardt, Helmut (1998). Don Karlos. In: H. Koopmann (Hrsg.) (1998). Schiller-Handbuch. Stuttgart: Kröner. 379-394.

Schiller, Friedrich. Philosophische Briefe. In: Otto Dann / Rolf-Peter Janz et al. (Hrsg.) (1992). Friedrich Schiller. Band 8 - Theoretische Schriften. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag. 208-233.

Schiller, Friedrich. Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Stuttgart: Reclam Verlag (2000).

Schiller, Friedrich. Don Carlos, Infant von Spanien. Stuttgart: Reclam Verlag (2000).

Wiese, Benno von (³1963). Friedrich Schiller. Stuttgart: Metzler.

[...]


1 Im folgenden wird zitiert aus: Schiller, Friedrich (2000). Don Carlos, Infant von Spanien. Stuttgart: Reclam Verlag.

2 Koopmann, Helmut (1983). Don Carlos. In: W. Hinderer (Hrsg.) (1983). Schillers Dramen. Neue Interpretationen. Stuttgart: Reclam. 183.

3Schiller, Friedrich. Philosophische Briefe. In: O. Dann et al. (Hrsg.) (1992). Friedrich Schiller. Band 8 - Theoretische Schriften. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag. 208-233.

4 Wiese, Benno von (³1963). Friedrich Schiller. Stuttgart: Metzler. 264.

5ebd. 264.

6 Koopmann, Helmut (1983). Don Carlos. In : Hinderer, Walter (Hrsg.) (1983). Schillers Dramen. Neue Interpretationen. Stuttgart: Reclam. 182.

7 Guthke, Karl S. (1994). Schillers Dramen - Idealismus und Skepsis. Tübingen und Basel: Francke. 135.

8Schiller, Friedrich. Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Stuttgart: Reclam Verlag (2000).12.

9ebd. 12.

10 Schiller, Friedrich. Philosophische Briefe. In: O. Dann et al. (Hrsg.) (1992). Friedrich Schiller. Band 8 - Theoretische Schriften. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag. 222 ff.

11 ebd. 222.

12Blunden, Allen G. (1978). Nature and Politics in Schiller’sDon Carlos. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 52 (1978). Stuttgart: Metzler. 241-256.

13 Reinhardt, Helmut (1998). Don Karlos. In: Koopmann, Helmut (Hrsg.) (1998). Schiller- Handbuch. Stuttgart: Kröner. 386.

14 Guthke, Karl S. (1994). Schillers Dramen - Idealismus und Skepsis. Tübingen und Basel: Francke. 155.

15ebd. 154.

16ebd. 160.

17Koopmann, Helmut (1983). Don Carlos. In : Hinderer, Walter (Hrsg.). Schillers Dramen. Neue Interpretationen. Stuttgart: Reclam. 182.

18 Borchmeyer, Dieter (1973). Tragödie und Öffentlichkeit - Schillers Dramaturgie. München: Wilhelm Fink Verlag. 82 f.

19 Bohnen, Klaus (1980). Politik im Drama. Anmerkungen zu Schillers „Don Carlos“. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 24 (1980). Stuttgart: Kröner. 29.

23 von 24 Seiten

Details

Titel
Strukturen des bürgerlichen Trauerspiels in Schillers "Don Carlos"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V106446
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strukturen, Trauerspiels, Schillers, Carlos
Arbeit zitieren
Sonja Molitor (Autor), 2002, Strukturen des bürgerlichen Trauerspiels in Schillers "Don Carlos", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106446

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