Pädagogische Psychologie: Fallanalyse. Schülerverhalten analysieren und passende Lösungsvorschläge finden


Hausarbeit, 2020

11 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Situationsschilderung

2. Perspektivenwechsel und Hypothesenbildung

3. Theoretischer Bezug
3.1 Motivation
3.2 Elternhaus

4. Lösungsvorschläge

5. Reflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Situationsschilderung

Rahmenbedingungen: 5. Klasse, Fach: Deutsch, 4. Stunde, Thema: Brief schreiben

Es war mein erster Tag des Praxissemesters. Nachdem ich am Morgen vor der ersten Stunde meine Fachbetreuerin in Deutsch bereits kennenlernte, hospitierte ich in der vierten Stunde bei ihr in der fünften Klasse. Vor dem Unterricht sagte sie zu mir: „Das wird jetzt bestimmt wieder ganz lustig. Die Kinder haben keine Regeln gesetzt bekommen und machen, was sie wollen.“ Diese Aussage machte mich neugierig auf die jetzige Stunde. Die Klasse bestand aus 21 Schülern, acht Mädchen und dreizehn Jungen. Die Lehrerin begrüßte sie und gab ihnen als Aufgabe auf, einen Brief zu schreiben. Dieser sollte an ihre ehemalige Grundschullehrerin gerichtet sein und Informationen über ihre Klasse, ihre Lieblingsfächer, Lehrer und Schulzeiten enthalten. Schüler L. sagte (wütend): „Wir sollten doch in der letzten Stunde schon einen Brief schreiben. Das ist so ein sinnloser Scheiß hier.“ Die Lehrerin antwortete daraufhin (genervt): „L., hör auf zu meckern und mach deine Aufgabe. Der Brief ist anders als der, den ihr in der letzten Stunde geschrieben habt. Er ist an eure ehemalige Lehrerin gerichtet, also muss er höflich sein.“ L. (hatte vermutlich keine Lust darauf, den Brief zu schreiben), stand auf, lief durch den Klassenraum und sprach (sehr laut): „Sowas unnötiges mach ich nicht nochmal.“ Eine seiner Mitschülerinnen (war von seinem Laufen abgelenkt und genervt) und sagte: „Man L., setz dich jetzt hin und schreib den Brief.“ L. ging an seinen Platz, fing an, die Aufgabe zu bearbeiten und war bis zum Stundenende ruhig (und konzentriert).

2. Perspektivenwechsel und Hypothesenbildung

Perspektive Schüler L.:

- denkt:
- „Ich habe keine Lust auf diese Aufgabe.“
- „Vielleicht darf ich etwas anderes machen, da sich Frau B. (die Lehrerin) vor der Praktikantin nicht blamieren will.“
- „Wie reagiert die Praktikantin, wenn ich aufstehe und herumlaufe?“
- „Ich kann mich gerade gar nicht konzentrieren.“
- „Ich bin der mutigste der Klasse.“
- „Wenn ich protestiere, bekomme ich vielleicht das, was ich will.“
- "Ich habe das beim letzten Mal doch schon gemacht. Das ist viel zu einfach und Langweilig.“
- "Ich finde die Lehrerin ist einfallslos – immer derselbe Stoff!"
- fühlt sich stark, wichtig, genervt, unausgelastet, unterfordert, unmotiviert, überfordert, gelangweilt
- will Lehrerin testen; will Aufmerksamkeit; will abwechslungsreicheren Unterricht; will Mitschüler beeindrucken; will provozieren; will eine unangenehme Situation vermeiden, da Schüler annimmt, dass er beim Schreiben eines Berichts scheitert; will andere Übungsmöglichkeiten

Perspektive Lehrerin:

- denkt:
- „Immer dieses Suchen nach Aufmerksamkeit.“
- „Er ist schlecht erzogen worden und kennt einfach keine Regeln.“
- „Er muss bei allem widersprechen und kann nie machen, was man ihm sagt.“
- „Warum macht er das nur immer?“
- „Ist mein Unterricht nicht gut genug?“
- "Wie kann ich ihn nur besser Fordern und Fördern?"

- fühlt sich herausgefordert, verärgert, genervt, nicht respektiert, mitleidsvoll, verunsichert, gleichgültig, überfordert
- will ihren Unterricht machen, ihre Autorität wahren, Konflikte vermeiden, dem Schüler bei der Aufgabe helfen, die Aufgabenstellung legitimieren und die Schüler von der Bedeutsamkeit der Übung überzeugen, ihre Übung nicht ändern und den Unterricht ohne Weiteres durchsetzen

Perspektive Mitschülerin:

- denkt:
- „Kann er nicht einfach auf seinem Platz sitzen bleiben?“
- „L. geht immer davon aus, dass alles so läuft, wie er will.“
- „Bei dem Lärm kann ich mich nicht konzentrieren.“
- „Kaum ist jemand anderes da, spinnt er wieder rum.“
- „Dadurch wird er bei allen anderen in der Klasse noch beliebter.“
- „Ich hätte auch gerne den Mut, einmal zu widersprechen.“
- „Wenn ich ihn zurechtweise, dann mag mich die Lehrerin vielleicht mehr."
- "Wenn es schon die Lehrerin nicht schafft, muss wenigstens ich für Ordnung sorgen."

- fühlt sich genervt, abgelenkt, eingeschüchtert, überfordert, hilfsbereit, für eine ruhige Lernatmosphäre verantwortlich
- will ihre Aufgabe lösen; ihre Ruhe haben; nachdenken und sich konzentrieren; auch mal mehr Aufmerksamkeit; eine Nähe zur Lehrerin aufbauen, indem sie Schüler L. zurechtweist; eine lernförderliche Atmosphäre schaffen

Aus diesen Perspektiven lassen sich folgende Hypothesen ableiten:

H1: Weil L. die Aufgabe bereits kennt, stellt sie für ihn eine Unterforderung dar. (siehe Kapitel 3.1)

H2: Weil L. zu Hause immer bekommt, was er will, fordert er das in der Schule auch ein. (siehe Kapitel 3.2)

3. Theoretischer Bezug

3.1 Motivation

Die Motivation ist bei dem Lernerfolg eines Schülers von großer Bedeutung. Nach Rheinberg und Vollmeyer ist diese eine „aktivierende Ausrichtung des momentanen Lebensvollzugs auf einen positiv bewerteten Zielzustand“ (Rheinberg & Vollmeyer, 2012, zitiert nach Schiefele & Schaffner, 2015, S.154). Damit sie aktiviert werden kann, müssen in einer Lernsituation konkrete Anreize zur Erfüllung des Ziels gegeben sein (Sann & Preiser, 2017, S.215). Die Aufgabe in der oben genannten Situation, erneut einen Brief schreiben zu müssen, bietet für Schüler L. nicht genug und keine konkreten Anreize. Demzufolge bewertet er das Ziel, dass er die Fähigkeit erlangt, einen Brief in der Höflichkeitsform zu schreiben, auch nicht als positiv. Die Motivation wird nicht aktiviert. Da er im Fach Deutsch zu den leistungsstärksten Schülern der Klasse gehört, fühlte er sich meiner Meinung nach unterfordert.

Für den Unterricht im Allgemeinen und die aktive Mitarbeit im Besonderen ist die Lernmotivation als eine Unterform besonders ausschlaggebend. Diese wird von Krapp, Geyer und Lewalter (2014, S.194) wie folgt definiert: „Lernmotivation bezeichnet die Bereitschaft eines Lernenden, sich aktiv, dauerhaft und wirkungsvoll mit bestimmten Themengebieten auseinanderzusetzen, um neues Wissen zu erwerben bzw. das eigene Fähigkeitsniveau zu verbessern.“ Folglich wies Schüler L. vermutlich in der beschriebenen Stillarbeitsphase eine geringe Lernmotivation auf. Dadurch lässt sich erklären, warum er aufgestanden und durch den Klassenraum gelaufen ist, anstatt sich mit dem Unterrichtsthema und der Aufgabe intensiv zu beschäftigen.

Weiterhin lässt sich die Motivation in intrinsische und extrinsische Motivation unterteilen. Bei der intrinsischen Motivation wird bei Erledigung der Tätigkeit Freude und Befriedigung empfunden. Die Handlung selbst stellt hierbei den Tätigkeitsanreiz dar. Im Gegensatz dazu erfolgt bei der extrinsischen Motivation der Antrieb nicht von innen, sondern von außen. Der Anreiz liegt in den erwarteten Ergebnissen, welche durch die Handlung erzielt werden können (ebd. S.194f.). Schüler L. setzte sich erst nach Aufforderung einer Mitschülerin wieder an seinen Platz und arbeitete weiter, da er wusste, dass sich sein Ansehen bei den Mitschülern ansonsten verschlechtern könnte. Ebenso war ihm bewusst, dass er bei Verweigerung ins Büro des Schulleiters muss und dieser seine Eltern darüber informierte. Diese Bestrafung wollte er verhindern. Daraus schlussfolgernd handelt er extrinsisch motiviert.

Die extrinsische Motivation wird in unterschiedliche Stufen unterteilt, die den Grad der Fremdbestimmung und die Motivationsstärke bestimmen. Die unterste Stufe ist die externale Regulation. Bei dieser Form wird das Verhalten des Schülers nur über externe Handlungsfolgen reguliert. Charakteristisch dafür ist die mangelnde Ausdauer. Das Verhalten zeigt sich nur so lange, wie die Anreizbedingungen wirksam sind (ebd., S.203). Schüler L. hat das Lösen der Aufgabenstellung verweigert und ist von seinem Platz aufgestanden, weil er in diesem Moment noch keine Bestrafung angedroht bekam. Für die aktive Mitarbeit des Unterrichts hatte er keine bis kaum Ausdauer. Er befindet sich auf der Stufe der externalen Regulation.

Die bisherige Argumentation lässt sich mithilfe von Heckhausens Erwartungs-Wert-Modell bekräftigen. Dies besagt, dass Menschen „umso stärker motivierte zielorientierte Handlungsweisen [zeigen], je wertvoller ihnen das angestrebte Handlungsziel erscheint und je größer die subjektiv erwartete Wahrscheinlichkeit ist, das Ziel durch ihre Handlungen zu erreichen“ (Sann & Preiser, 2017, S.216). Schüler L. sieht keinen Wert in der Aufgabe, da sie ihn scheinbar unterfordert und er die zu erlernenden Kompetenzen bereits beherrscht. Daraus folgt, dass er keine Motivation für das Briefeschreiben zeigt.

Ebenso eine Wirkung auf die Motivation hat das Flow-Erleben von Csikszentmihalyi. In diesem Zustand geht die Person völlig in ihrer Tätigkeit auf und ist ganz bei sich. Ein Merkmal des Flow-Erlebens ist, dass Anforderung und Fähigkeit optimal zueinander passen. Nach Csikszentmihalyi ist es für das Lernen besonders wichtig, da ohne die Weiterentwicklung des Kompetenzniveaus Langeweile eintreten würde (Krapp, Geyer & Lewalter, 2014, S.208). Des Weiteren wird Flow nur erlebt, wenn die Aufgabenstellung keine Unter- oder Überforderung darstellt (Schiefele & Schaffner, 2015, S.158). Da Schüler L. zu den leistungsstärksten Schülern der Klasse in Deutsch gehört, hat er die Fähigkeit, einen Brief zu schreiben, bereits nach der ersten Übungseinheit erhalten. Dieselbe Aufgabe erneut zu üben, stellt eine Fehlpassung zwischen seiner Fähigkeit und der Anforderung dar, woraus sich für ihn Langeweile ergibt. Mithilfe dieser Überlegungen lässt sich die Hypothese H1 bestätigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Pädagogische Psychologie: Fallanalyse. Schülerverhalten analysieren und passende Lösungsvorschläge finden
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V1064534
ISBN (eBook)
9783346489494
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pädagogische, psychologie, fallanalyse, schülerverhalten, lösungsvorschläge
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Pädagogische Psychologie: Fallanalyse. Schülerverhalten analysieren und passende Lösungsvorschläge finden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064534

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