Jenny Holzer. Absichten, Impulse, Leitmotive und Botschaften einer Künstlerin


Hausarbeit, 2002

19 Seiten, Note: 1,3


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Jenny Holzer: eine Künstlerin mit vielen Botschaften

schütz mich vor dem, was ich will1

1. Die Einleitung

diesen Satz schrieb Jenny Holzer vor allem für andere Leute. Aber auch um sie gibt zu, die Sätze an sich und auch an anderen Leuten zu testen, bevor sie sie in die Welt setzt. Wovor sie selbst geschützt werden will und was sie will, weiß sie nicht auf Anhieb zu sagen.Ungleichgewicht, wenn etwas außer Kontrolle gerät, Extreme, das scheint ihr die größte Gefahr zu sein. Am meisten hat sie Angst davor, im Krieg in die Luft zu fliegen, oder daß die Leute um sie herum an Aids sterben. Ungleichgewicht kommt von außen, deswegen sei es beängstigend: „ich bin realistisch genug, um zu wissen, daß ich auf das, was von außen kommt, nur reagieren kann, ohne es wirklich verhindern zu können.“2Der Satz ähnelt einem Gebet, und Jenny Holzer ist dennoch davon überzeugt, daß wenn Sachen im unserem Leben richtig gemacht werden sollen, sie von uns selbst gemacht werden müssen. „Es ist immer das beste, bei sich selbst anzufangen“3. Der große Fehler der Menschen sei die Angst, denn wenn wir nicht handeln, tragen wir selbst zu einer Situation bei, die uns noch mehr verängstigt: „und dann sind wir alle in Schwierigkeiten“.4

Meine Absicht ist es weniger, die unterschiedlichen und vielschichtigen Arbeiten der Künstlerin Jenny Holzer zu beschreiben, sondern vielmehr die Absichten und Impulse, Leitmotive und Botschaften dahinter aufzuzeigen. Jenny Holzer begegnet der Welt als einem Diskussionspartner, sie gibt ihre Kunstwerke frei, damit die Menschen sie begutachten, in sich aufnehmen, und darüber nachdenken können - vielleicht sogar damit arbeiten und eigene „Kunstwerke“ schaffen - aber vor allen Dingen sollen die Menschen in diesem Aufarbeitungsprozeß lernen. Lernen, sich selbst zu erkennen, lernen von Erfahrungen anderer (zum Beispiel den von Jenny Holzer) zu lernen, erkennen, wie wichtig Menschlichkeit ist und wie brutal die Gewalt. Diese Künstlerin wünscht es sich die Welt zu verändern, und es ist ihr mit Sicherheit gelungen, die Welt des einen oder anderen unter uns aufzurütteln und auf Unbeachtetes hinzuweisen.

„Holzer übermittelt ihre Botschaften in einer Vielzahl verschiedener Formen: in Gestalt von gedruckten Plakaten, handbemalten Schildern aus Emaille, Bronze oder Aluminium, Bänken oder einem Sarkophag ähnlichen Blöken aus Granit oder Marmor und mit Hilfe von technologischen Medien wie elektronischen Anzeigetafeln, Laufschriftbändern aus Leuchtdioden, Fernsehen, Virtual Reality und dem Internet. Ihre Texte erschienen auf Plakaten und Postern (die an die Häuserwände geklebt wurden oder in Schaufenstern hingen), auf T-Shirts und Schirmmützen, auf Reklametafeln, auf Stickern, die auf Parkuhren, Telefonzellen und Mülleimer geklebt wurden, auf Bänken und Sarkophagen und auf Photographien in Zeitschriften. Sie wurden in Museen gezeigt wie im Programm des Musiksenders MTV, auf der 75 Quadratmeter großen Leuchttafel, die früher den Timessquare in New York beherrschte, ebenso wie auf der riesigen Anzeigetafel im Candlestick Park zu San Francisco und an vielen anderen öffentlichen Orten, wo sie weithin sichtbar waren.“5

Sie handelt wie eine geduldige Lehrerin, und bringt ihre Kunstwerke geschickt überall unter, wo sie erwartet und nicht erwartet werden, wo man sich ihnen entziehen kann und wo man sie bewußt aufnehmen soll - Aufmerksamkeit der modernen Gesellschaft ist keine Selbstverständlichkeit, und Jenny Holzer weiß das. Deswegen arbeitet sie energisch daran, präsent zu sein, sowie durch ihre Kunst als auch durch ihre Kontaktfreudigkeit - sie spricht gerne über ihre Kunst, über ihre Emotionalität, und die verschiedenen Interviews erschließen dem Leser eine erfrischend offene, aufgeschlossene und humorvolle Person, die vor allem eines möchte: handeln und handeln lehren.

2. Der künstlerische Lebenslauf

J.H. ist 1950 in Ohio als Tochter eines Autohändlers und einer ehemaligen Reitlehrerin geboren. Ihre Großeltern lebten in einer deutschen Gemeinde in Ohio, daher hatte Ohio für sie etwas von Deutschland. Jenny Holzer jedoch spricht kein Deutsch mehr und bezeichnet sich selbst als einen amerikanischen Sprachkrüppel. Der Natur ganz nah aufgewachsen, kam ihr die Idee, Künstlerin zu werden, zum ersten Mal als sie vier Jahre alt war, als Jugendliche hörte sie aber damit auf, zu zeichnen und zu malen. Als sie dann später zwanzig wurde, begann sie wieder darüber nachzudenken. In den 60er Jahren bedeutete aber sich für die Kunst zu entscheiden eine absolut hoffnungslose Zukunft zu wählen. Für ihre Entscheidung damals war ausschlaggebend, daß die Kunst dieser Zeit sich nicht nur für das Spirituelle und Mystische, sondern auch für viele soziale und politische Fragen interessierte. Sie wollte sowohl mit spirituellen Sachen als auch mit realem Leben beschäftigen, während sie sich der Kunst widmet, und das erlaubte ihr, Künstlerin zu werden.

1968 wurde sie vorzeitig zum Studium an der Duke University in Durcham, North Carolina, zugelassen. Zuerst studierte sie Kunst zusammen mit Englisch, Soziologie und Anthropologie, mit der Absicht, einen akademischen Abschluß zu erreichen.

Ihren ersten Kunstunterricht erhielt sie an der Universität in Chikago die sie ab 1970 besuchte. Dort belegte sie Druckgraphik, Malerei und andere Kunstkurse. Obwohl ihr das Lehrangebot gefiel, verließ sie die Universität 1971 wieder, da man von ihr ein zusätzliches Studienjahr verlangte.

Dann ging sie an die Universität von Ohio, die eine gute Kunstabteilung hatte und schloß dort das Studium 1972 ab. Zwei Jahre später belegte an der Rhode Island School of Design in Providence, die eine weniger gute Kunstabteilung hatte, Sommerkurse, wo sie ihren zukünftigen Mann Mike Glier kennenlernte. „Die Lehrer haben mich dort gehaßt, und ich habe sie gehaßt.“6 Obgleich sie die abstrakte Kunst liebte (während der Zeit an der Rhode Island Malte sie abstrakte Bilder), hielt sie sich nicht für gut genug und hatte deshalb aufgehört. “ich liebte einige Bilder von Rothko, die so perfekt sind, daß man wirklich keine Chance hat, gegen sie anzukommen Wenn ich kein Rothko sein konnte, dann wollte ich auch keine Malerin sein.“7Zu ihren Arbeiten aus dieser Zeit gehörte eine Reihe von Gemälden, in die sie Wörter integrierte, eine Serie zerrissener Leinwände und eine Gruppe von Bildern, die auf Modellen der vierten Dimension basierten.

Der andere Grund, warum sie aufgehört hatte, abstrakte Bilder zu malen war, daß sie mit Inhalten arbeiten wollte, die nicht nur abstrakt oder formal sind - so ist Jenny Holzer auf die Sprache gekommen. Die Inhalte mit Hilfe der Malerei vermitteln hatte sie nicht vor, da sie „kein Edward Hopper und auch keine Künstlerin, die im Stile eines sozialistischen Realismus malt“8 sein wollte. Für eine ihrer ersten Installationen,THE BLUE ROOM, bemalte sie alle Oberflächen in ihrem Atelier - Türen, Böden, Decken, Wände, Fenster und Fensterrahmen - in einem wäßrigen Blau, womit sie ihren Platz an der Schule, die traditionelle Staffeleimalerei als Maßstab propagandierte, gefährdete. Sie suchte schon damals den Kontakt zu Öffentlichkeit: sie machte Bilder auf langen Stoffetzen für den Strand und ließ sie liegen, legte in der Stadt Brot in abstrakten Mustern aus - um den Leuten Tauben zu zeigen, die in Quadrate und Dreiecke gruppiert fraßen.

Auf ihrer Suche nach einem geeignetem Weg, Inhalte zu vermitteln, ist sie eher zufällig auf das Wort gekommen. Sie hatte die Sprache gewählt: „ indem sie mit Sprache arbeitet, reiht sich Jenny Holzer in eine künstlerische Tradition ein, die mit der kubistischen Malerei begann und in vielen der wichtigen Bewegungen unserer Zeit eine bedeutende Rolle gespielt hat. In den Werken der Kubisten, Futuristen, Dadaisten, Surrealisten, abstrakten Expressionisten und Popkünstlern wurde die Sprache verwendet, um auf wirkliche Welt Bezug zu nehmen, sie wurde wegen ihres Potentials als reine Form genutzt, und sie wurde mit Bildern kombiniert.“9

Als sie die Schule beendet hatte, war ihr bewußt, daß sie nach New York gehen sollte, davor hatte sie aber zuviel Angst. Deshalb ging sie zuerst nach Europa. In Europa hat sie begriffen, daß Kunst eine sehr ernsthafte Sache ist, die Museen wie Louvre und Prado in Spanien haben sie sehr beeindruckt. Bis dahin war sie, die „aus dem Mittleren Westen der USA“10kommt, nicht im Bewußtsein, daß Kunst unbedingt ein Teil der Kultur ist. Es war ermutigend für sie , große Sammlungen zu sehen.

Die erste Serie, die „Truismen“, hat bereits gezeigt, daß sie an allem interessiert war, die Sätze der Serie haben alle nur möglichen Inhalte berührt. Eigentlich stellen sie die Grundlage für alle ihre weiteren Arbeiten dar. Bald haben sich aber dennoch bestimmte Inhalte herauskristallisiert, wie Krieg, Tod, Sex, Machtmißbrauch, manchmal auch Freude, gemischt mit Sex und Tod. Die ersten Sätze für Truismen schrieb sie, nachdem sie 1977 nach New York gekommen war. Sie war am Whitney Museum, wo sie an einem speziellen Programm für junge Künstler teilnahm. Die Leseliste des unabhängigen Studiumprogramms umfaßte Themen wie Marxismus, Psychologie, Feminismus, Gesellschafts- und Kulturtheorie, Werke über Kunst und Literatur. Jenny Holzer war gerade von der Rhode Island School of Design gefeuert worden, und war sehr glücklich, daß sie diese Möglichkeit hatte. Sie ließ sich von dem Programm und der Stadt inspirieren: Truismen waren eigentlich noch eine Art Schularbeit, da sie noch im Studium war.

An der Whitney Schule unterrichteten zu der Zeit Ron Clark, unter den Gastlehrern befanden sich Vito Acconci und Dan Graham.

Die Kunstwert zerfiel in den 70ern in mehrere Gruppen, es gab an sich niemandem und nichts, wogegen man sich auflehnen könnte. Die Consept- und Minimal Art war gerade zusammengebrochen, die abstrakte Malerei war am verschwinden... Jenny Holzer und ihre Freunde beachten kaum die offizielle Kunstszene, es geht ihnen eher darum, einen positiven Weg zu gehen und nicht die Reaktion gegen etwas an den Tag zu legen: „wir haben nach Kunst gesucht, die über das Geschehen in der Gesellschaft, manchmal auch in der Politik sprechen würde.“11Sie wollten darüber hinaus diese Kunst in nicht kunsttypischen Räumen zeigen.

Jenny Holzer schließt sich der inoffiziellen Gruppe „Collaborativ Projekt“ an, einer Gruppe von etwa 30 Leuten, die alle das Ziel verfolgen, Kunst mit speziellen politischen und sozialen Inhalten zu machen und sie an ungewöhnlichen Orten, wie zum Beispiel in einem Massagesalon in der South Bronx, zu zeigen. Der Gruppe gehören auch der Bildhauer Tom Otternes, John Ahearn, der damals Köpfe von Leuten aus der South Bronx machte, Robert Winter und auch Kiki Smith.

3. Das Erhabene der Kunst

Von sich selbst sagt Jenny Holzer, sie erreiche das Gefühl des Erhabenen, das einer Art von religiöser Empfindung der Wahrheit nahe kommt, über die abstrakte Kunst, über Rothko und Barnett Newman: „diese beiden Maler haben mich während meines Kunststudiums davor bewahrt, mich schuldig dafür zu fühlen, daß ich eine Künstlerin werden wollte Ich selbst habe dann gehofft, mit meiner Kunst dasselbe für andere tun zu können, was diese beiden Maler für mich getan haben.“12

An dieser Stelle möchte ich einige Arbeiten von Jenny Holzer vorstellen, die zeigen können, wie unmittelbar sie ihre Kunst mit dem gelebten Leben verbindet und sich davon leiten läßt. Die Entwicklung, die sie in ihrer Kunst vollzieht, und die ursprüngliche Idee, bewegende Kunst zu machen, gestalten eine interessante Geschichte ihrer Texte.

1.3 Truismen

„Ich bin ganz einfach nachts aus meinem Haus gegangen und habe das Plakat an der nächsten Ecke angeklebt...“13

Nachdem Jenny Holzer die Sätze aufgeschrieben hatte, dachte sie darüber nach, wie diese Sätze eigentlich sind. Waren es Maximen, Klischees, Vorurteile? Es waren irritierenden, sich widersprechenden, klugen, dummen und ärgerlichen Sätze. Die Bezeichnung Truismen erschien ihr am geeignetsten, weil sie neutral war: “... als ich begonnen habe, sie zu schreiben, hatte ich keine feste Vorstellung im Kopf. Erst als ich eine bestimmte Zahl von Sätzen hatte, merkte ich plötzlich, ich tue etwas was vielleicht mehr ist, als nur einzelne Sätze aufzuschreiben. Da begann ich die Sätze nach dem Alphabet zu ordnen, und als ich dann noch mehr Sätze hatte, begann ich auch über die Inhalte nachzudenken, denn ich wollte, daß diese Sätze möglichst viele Inhalte berühren. Die Serie sollte alle Inhalte ansprechen, die ich mir auch nur vorstellen konnte.“14Alle möglichen Ansichten sollten vertreten sein, daher schreib sie einen Satz aus dem rechten Blickwinkel, dann aus dem linken, dann wieder einen idealistischen Satz, einen sensiblen...der gewagte Titel ließ die Sätze überzeugend wirken, sie sollten so sein und so klingen, als ob sie von jemandem, der wirklich an sie glaubt gesagt worden wären. Das heißt nicht, das sie für Jenny Holzer wahr seien, sie mußten aber vermitteln können, daß sie wahr sind, da sie von verschiedenen Individuen geglaubt werden können. Sie wirken wie verschiedene Stimmen, die zu einem gewaltigen Chor aufsteigen, ein Versuch also, unterschiedliches Denken verschiedener Menschen zu fassen. Die Truismen lassen den Leser zu einer Art Begegenungsstätte von allen möglichen Meinungen, Ansichten und Gedanken werden, ohne daß man sich selbst klar darüber ist, welche davon eigentlich zu einem selbst gehören. Jenny Holzer schrieb die Sätze, um dieses Durcheinander von Meinungen in uns selbst zu zeigen, und gleichzeitig um sich selbst Klarheit über diese Meinungen zu verschaffen. Als sie damit begann, war sie gerade nach New York gekommen, und begann für sich selbst die Suche nach dem eigenen ich. So begann sie die verschiedenen Meinungen und Ansichten aufzuschreiben, und als sie dabei war, fiel ihr ein, daß es auch für andere Menschen hilfreich sein könnte, diesen Prozeß der Findung durchzugehen. Weiteres Anliegen von Jenny Holzer war mit diesen Sätzen ein wahrhaftiges Bild unserer Gesellschaft abzugeben. Alle die gezeigten Meinungen existieren in unserer Gesellschaft und es war ihr wichtig, ehrlich alle Meinungen zu zeigen und vor allem, „daß alle diese Meinungen für sich selbst den Anspruch haben können, die Wahrheit zu sein.“15

Die Sätze sollten für sich selbst sprechen, sie selbst wollte keine Kommunikation, sie wollte bewußt nicht, daß die Sätze etwas mit ihr zu tun haben, denn die Wirkung würde dadurch gesteigert, wenn man nicht weiß, wer - ob eine Person oder eine ganze Gruppe - und warum man soetwas sagt. Die Sätze sind anonym an den Wänden erschienen, die Leute sollten sich mit den Ideen beschäftigen, und nicht mit ihrer Person. Sie wollte die Menschen davon abbringen, nur darüber nachzudenken, worüber sie schon immer nachgedacht haben, sie wollte daß sie über die Inhalte ihrer Sätze nachdenken lassen und einen Standpunkt dazu einnehmen, und dieser Vorgang sollte die Menschen zuTatenmotivieren.

Sie schrieb die Sätze mit einer geliehenen Schreibmaschine auf Papierbögen, von denen sie gedruckte Reproduktionen erstellte. Später ließ sie sie als anonyme Plakate billig drucken, die in alphabetischer Reihenfolge jeweils 40 bis 60 Truismen enthielten.

Die Reaktionen waren schwer faßbar, da die Plakate in der Öffentlichkeit anonym verteilt wurden, einige Leser jedoch schrieben ihre Kommentare direkt auf die Plakate: „ich erinnere mich, daß auf einem Plakat einige der ersten Sätze unterstrichen waren, die die Person, die sie las, gut fand. Ungefähr in der Mitte des Plakats verlor jedoch diese Person die Geduld, strich alles durch und schrieb groß über die ganze Fläche des Plakats: „viel zuviel Scheiße“16.

2.3 Die Essay

Die Essays schrieb Jenny Holzer auch auf Plakate, sie waren aber ein wenig anders als die Truismen. Es waren nicht nur einzelne Zeilen, sondern ganze Blöcke von genau hundert Worten und zwanzig Zeilen, und die Plakate waren diesmal farbig. Es waren zwar wieder Stimmen verschiedener Personen, die Inhalte waren aber härter als die der Triusmen und unmenschlicher. Es waren verschiedene Äußerungen einer bestimmten Zahl von Individuen, die fast verrückt oder wahnsinnig und auch aggressiv geworden sind: „es war meine leck-mich-am- arsch-Serie“17. Sie ließ sich dabei von Texten Emma Goldmans, Hitlers, Lenins, Mao Tse-Thungs und Trotzkis sowie einiger Schriften religiösen Inhalts inspirieren. Diese Arbeit war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Kritik ihrer Truismen - es wurde ihr nämlich vorgeworfen, durch die Vielzahl verschiedener Meinungen die Sätze der Gefahr auszusetzen, sich in deren Inhalten gegenseitig aufzuheben. Die nächste Serie wollte sie aus diesem Grund richtig eindeutig machen, um von vornherein auszuschließen, daß sich die Inhalte gegenseitig aufheben könnten. Aber selbst da hatte Jenny Holzer nicht ganz aufgegeben verschiedene Meinungen wiederzugeben. Die Essays basieren auf politischen Ansichten und gesellschaftlichen Manifestationen - es ging ihr um ideologischen Dinge. Die Inflammatory Essays sind strukturierter, politischer und fordernder als die Truisms. Sie haben zudem ein einheitliches Format, so das man erkennt, daß sie zu einer Serie gehören: jedes Essay umfaßt hundert Wörter in zwanzig Zeilen, die auf Quadratische Papierbögen verschiedener Farbigkeit gedruckt wurden.

3.3 The Living Serie

„Living“ betraf das alltägliche Leben, und da das alltägliche Leben auch den eigenen Körper beinhaltet, spielte auch das eine größere Rolle. Sie wollte weg von dem ideologischen „Kram“ und zum „wirklichen, handfesten Leben“18gelangen. Sie begann mit der Arbeit 1980. Auch diesmal wurden neue Wege der Verbreitung beschritten. Jenny Holzer hat die Sätze nun auf Bronze- und Steintafeln an Stellen angebracht, wo man gewöhnt ist, solche Tafeln zu sehen: an Eingänge großer Häuser, an historische Orte, auch an Naturereignisse wie einen Wasserfall. Ihre Absicht war es nun, „in einer offiziellen, etablierten Form wie der Tafel meine sonderbaren Botschaften zu vermitteln.“19

Aus demselben Grund ließ sie auch (es war 1982) einige Sätze aus den Truismen, und später den Satz aus der Serie Survival „ schütze mich vor dem, was ich will“ ( Survival, die Serie nach Living, war die erste Serie, die bewußt für elektronische Medien geschrieben wurde) über die sehr offizielle Tafel des Times Square laufen. Zu dieser Aktion wurde sie von Public Art Foundation eingeladen, die Idee stammte von Jane Dickson, die auch ein Mitglied der „Collaborativ Projekt“

- Gruppe war, bei der Verwaltung der Times Square Tafel jobbte und irgendwann die Idee hatte, diese Tafel an Künstler zu vermieten. Der erste, der eingeladen war, war Keith Harring, dann gestaltete die Graffitigruppe Crash die Tafel. Dann ließ Jenny Holzer ihre Sätze über die Tafel laufen und freute sich:“ oh, wie radikal und perfekt!“20

4.3 Under a Rock

Die Arbeit „Under a Rock“, die in der New Yorker Barbara Gladstone Galerie als Installation ausgestellt wurde, präsentierte die Texte über die Angst vor dem Tod auf die Sitzflächen einfacher Bänke eingraviert. In den Texten beschreibt ein Kommentator schreckliche Ereignisse in einem relativ neutralem Ton, als wären das irgendwelche Vorgänge ohne besondere Bedeutung. In den Texten ging es um den Tod und den Sex. Eigentlich war die Installation ein Versuch, wieder zu Rothko zu gehen, sie wollte ein Werk schaffen - mit anderen Mitteln als denen der Malerei - das völlig emotional war.

Der Stein tauchte in ihrer Arbeit erstmalig auf, als Jenny Holzer wieder aufs Land gezogen war. Zum ersten Mal nach vielen Jahren in New York war sie wieder von natürlichen Mineralien umgeben, und als sie die Steine sah, kam ihr die Idee, sie zu benutzen.

Auf die Bank ist sie gekommen, weil sie angefangen hatte längere Texte zu schreiben. Sie dachte, es wäre sinnvoll, wenn man sich hinsetzen könnte, um die Texte in Ruhe zu lesen.

5.3 Lament

Die „Laments“ bestehen aus Stimmen von dreizehn Personen, die nach ihrem Tod eine Art fiktive Abrechnung mit sich selbst und der Welt führen. Jenny Holzer bearbeitete das Thema mit den Gedanken über den unnötigen Tod durch den Krieg, durch eine falsche Politik oder durch einen Unfall. Nach und nach aber entdeckte sie ihre eigene Bezugspunkte zum Tod, indem sie sich an ihre Kindheit erinnerte, in der sie als Kind davon überzeugt war, in einem Atomkrieg sterben zu müssen, und an ihre Jugend, als ihr bewußt wurde, daß Leute aus ihrer Generation im Vietnamkrieg starben, und daß man „fünfzig, sechzig Jahre früher sterben kann als sonst.“21Dann wurde ihr auch die Aids-Gefahr bewußt, und daß man nicht nur wegen Krieges oder einer schlechten Politik sterben kann. Es ging ihr nicht um den eigenen Tod, vielmehr darum, einen unnötigen Massentod zu verhindern: „es kommt mir so unglaublich dumm vor, daß Leute sich periodisch daran machen, sich in großen Zahlen gegenseitig umzubringen.“22

„Mit den Laments gab Holzer die Rolle des Erzählers und objektiven Beobachters, die Rolle des Jedermann auf und bediente sich einer persönlichen Stimme, um private Gefühle und Gedanken auszudrücken. Ihr soziales und politisches Engagement setzte sich fort, doch ihre Schreibweise wurde weniger rhetorisch und phrasenhaft, dafür individueller und nachdenklicher, und das Schwergewicht lag nicht mehr auf dem politischen, sondern auf dem literarischen und sprachlichen Aspekt.“23

4. Impulse, Beweggründe und Hintergedanken

Verschiedene Dinge leiten die Künstlerin auf ihrem Weg zum ausgereiftem Kunstwerk, eigene Ansprüche und äußerliche Umstände können die Arbeit inspirieren oder behindern. Die wichtigsten Aspekte und Leitmotive ihrer Kunst aufzuspüren, macht die Überlegungen und Absichten von Jenny Holzer klarer und hilft ihre Kunst - sowohl in literarischer als auch in der bildenden Form - zu verstehen.

1.4 Das Schreiben

Den Anstoß zu schreiben schöpft Jenny Holzer aus einer Kombination dessen, was sie ließt, den Ereignissen, die in der Welt geschehen und dem eigenen Privatleben: „Ich habe immer zwei Arten des Schreibens bewundert. Ein leidenschaftliches, wie im Fieberwahn ablaufendes, emotionales Schreiben und ein reines, sich beschränkendes, aufs Wesentliche konzentrierendes Schreiben. Ich mag ein Schreiben, das verschiedene Gänge hat, das auf eine bestimmte Art und Weise beginnt und dann umschaltet.“24

2.4 Die Angst

„ich habe Angst vor einer ganzen Menge von Sachen...meine Arbeit spricht über die Angst. Persönlich spreche ich nur gelegentlich über die Angst.“25Offiziell hätte man in Amerika keine Angst zu haben, keine Emotionen und keine Angst, Amerika sei doch das freie Land der Tapferen, erzählt Jenny Holzer. Und obgleich sie nicht glaubt, daß man sich jemals von der Angst befreien könnte, gewinnt sie mit ihrer Kunst das Gefühl, etwas dagegen zu unternehmen.

3.4 Die Gewalt

„Gewalt ist sexy. Du bist immer anziehend für jemanden, dem du dich entziehst.“26

Jenny Holzers Interesse an Gewalt, die ein wichtiger Bestandteil ihrer Kunst ist, entspringt aus ihren Erfahrungen aus der Kindheit: in den 50er Jahren, als sie aufwuchs, gab es, so Jenny Holzer, „ im Fernsehen fast ausschließlich Filme aus dem Zweitem Weltkrieg Es war eigentlich mein erster Eindruck von dieser Welt“27. Auch daß ihr Vater ein Trinker war, sensibilisiert sie noch mehr für da Problem: „ich denke oft darüber nach, warum der Mensch Gewalt ausübt und warum er sie in dem Maße ausübt, in dem wir es erleben. Weiter denke ich darüber nach, ob Gewalt ein Teil der menschlichen Natur ist und ob es diese Natur ist, die Menschen dazu bringt, sich fast routinemäßig gegenseitig zu foltern, zu quälen und umzubringen“28Gewalt gegen Frauen beschäftigt sie besonders intensiv, da dieses Thema, wie sie sagt, unbestreitbar die Hälfte der Menschheit beträfe und somit nicht nur ein ernstes, sondern eines der größten Themen dieser Welt sei.

4.4 Die Schuldgefühle

Jenny Holzer glaubt, Schuldgefühle gehörten zur amerikanischen Tradition, wobei ein Teil des Schuldempfindens aus den Puritanismus käme, da als sich in „New England der Puritanismus durchgesetzt hatte, machte man sich mit allem, was man tat, schuldig. Vor allem mit dem, was irgendwie mit Empfindungen zu tun hatte.“29; demnach mache auch die Kunst schuldig, da sie in das Reich der Empfindungen gehöre. Dann empfinde ihre Generation Schuldgefühle wegen dem Vietnamkrieg, und auch diejenigen, die die Aids-Epidemie überleben, würden sich schuldig fühlen. Viele der Menschen fühlen sich für die Bombardierung in Japan schuldig, und sie persönlich fühle sich für fast alles verantwortlich. Ferner kommt Jenny Holzers Schuldgefühl daher, daß sie, wie sie selbst sagt, „etwas mache, was allgemein als nutzlos betrachtet wird.“30 Immer dem Druck ausgesetzt, etwas Nützliches tun zu müssen, ist ihr auch bewußt, daß es nicht „vorgesehen“ war, daß sie eine Künstlerin werden würde: Kunst in der USA ist auch eine Frage der Klasse, der man angehört: „Kunst wird in den USA nicht nur als nutzlos betrachtet, sondern traditionell auch als eine Sache einer anderen Klasse, der du nicht angehörst.“31

5.4 Die elektronischen Medien

Der Widerspruch, der entsteht, wenn die emotionalen Sätze, die zum Teil wie uralte Sprüche wirken, über solche kalten, perfekten Medien der elektronischen Industrie verkündet werden, reizte sie am meisten. Die Wirkung der Sätze würde gesteigert, da man diese Mitteilungen auf solchen Tafeln nicht erwarte: „ später hat mir jemand erzählt, daß die elektronischen Tafel ursprünglich entwickelt worden waren, um bestimmte politische Meinungen wirkungsvoller propagandieren zu können. Ich fand es lustig, weil ich dann eigentlich mit meinen Sprüchen zurück zu dem ursprünglichem Zweck der Tafel gegangen bin“32. In einem Interview erklärt sie: „ ich fing an, elektronische Tafeln zu benutzen, weil ich dachte, Plakate würden mit dem Untergrund oder der alternativen Szene assoziiert, und ich hatte das Gefühl, diese elektronische Anzeigetafeln seien für alles das offizielle Organ, von der Werbung bis zu öffentlichen Bekanntmachungen der Stadtverwaltung. Zudem gehören sie zur wirklichen Welt. Außerdem haben sie, und das betrifft die grundlegendste Ebene, ein Format, das sich gut für die Präsentation von Text eignet. Darum werden sie auch für Kurznachrichten, für Informationsstöße verwendet. Hinzu kommt, daß sie mir gefallen. Sie sind modern, und sie wirken auf mich genauso attraktiv wie auf viele andere. Sie leuchten, haben schöne Farben und so weiter.“33

6.4 Profane Medien wie das Fernsehen

Obwohl sie immer schon vorhatte, etwas spezielles für das Fernsehen zu machen, wählte Jenny Holzer für ihre Fernsehreihe nur einige kurze schon vorhandene Sätze aus, und versuchte sie in einer ungewöhnlichen Art und Weise zu präsentieren; die Texte rollten, leuchteten auf, gingen nach vorne und hinten, sollten aber dennoch professionell und damit auch offiziell aussehen. Ihre Absicht war es, mit der Stimme einer anerkannten Autorität wie das Fernsehen Verwirrung zu stiften. Die Zuschauer waren aber mehr amüsiert, als verwirrt, als die Kleinkunstwerke zwischen der Werbung ihren Weg in die Wohnzimmer suchten.

Die Verwirrung, die entsteht, wenn ihre Texte kaum von bestimmten Werbe- oder anderen Texten auf Schildern, Anzeigetafeln, T-Shirts usw. zu unterscheiden sind, erfreut Jenny Holzer aber: „das verleiht meinen Sachen ein gewisse Gewicht, es macht sie zu einem Teil des wirklichen Lebens. Es entstehen dadurch auch sehr witzige Zusammenstellungen und Parallelen“.34

7.4 Extreme und Widerspruch

Um aufrüttelnde, beunruhigende, zwingende Aussagen machen zu können, bedient Jenny Holzer sich vor allem der Extreme: “...extrem sein, bedeutet immer auch Wahnsinn.“35Jedoch genau durch das Aussprechen der Dinge, durch das Vorstoßen in die Welt des Verdrängten möchte sie sich selbst und ihr Publikum vor dem Wahnsinn und der Gefahr der Obsession schützen. Die Verbindung des Widersprüchlichen ist das, was ihre Kunst ausmacht. Einerseits haben ihre Installationen etwas Altertümliches, Archaisches an sich - Jenny Holzer erklärt sich diese Wirkung mit ihrem Hang zur Ordnung: „...denn das hat wieder etwas mit dem Tod zu tun immer, wenn der Mensch tödlich bedroht ist, fängt er an, Sachen zu ordnen. Er fängt an alles rituell abzuhandeln, sich in bestimmten Zeitabständen zu wiederholen...wenn man Fotos von Katastrophen sieht, sieht man die toten Körper in einer Reihe liegend...dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Es hilft nur, mit dem Unglück irgendwie fertig zu werden“36- und auch das Licht und die Dunkelheit, mit der sie arbeitet, bringt eine enorme mystische Wirkung, andererseits wirkt ihre Kunst kalt vor Vernunft der hochtechnisierten elektronischen Systemen, die sie gebraucht. Jenny Holzer selbst schafft aber eine Verbindung zwischen den Widersprüchen: „...die Technik ist für mich sowieso mystisch, weil ich nicht weiß, wie sie funktioniert Darüber hinaus fand ich schon immer die Wirkung der elektronischen Medien sehr hypnotisch, ähnlich zum Beispiel dem Kerzenlicht in einer Kirche.“37

8.4 Probleme

„Nur einmal hatte ich ein Problem. Man hat eine meiner öffentlichen Tafeln entfernt, die sagte: „Es ist nicht gut, auf Kredit zu leben“. Und entfernt wurde die Tafel von einer Bank. Die Bankleute fanden diesen Spruch gar nicht so gut.“38„Und 1987 gab es anläßlich einer Installation von Texten aus den Truisms und der Survival-Serie in The Bourse (einem restaurierten viktorianischem Gebäude in Philadelphia, in dem heute anstelle der früheren Börse Geschäfte und Büros untergebracht sind) große Empörung, die darin gipfelte, daß die elektronischen Schriftbänder ausgeschaltet wurden. Die Aufregung entzündete sich im wesentlichen an solchen Sätzen wie:wer sich für wichtig hält mußverrückt sein / welches Land kann man nochwählen, wenn man arme Leute haßt?Die Sponsoren erklärten sich bereit, den Strom wieder anzuschalten, nachdem im Bereich der Installation große Schilder angebracht waren, auf denen die Äußerungen öffentlich widerrufen wurden.“39

9.4 Offizielle Kunst

Als sie mit den Plakaten angefangen hatte, war Jenny Holzer zunächst so außerhalb der Szene, daß sie gar nicht die offizielle Kunst bekämpfen könnte, auch wenn sie über sie desillusioniert war. Sie wollte nur gesellschaftliche Themen, die falsch oder dumm waren, bekämpfen. Später jedoch, mit der Gruppe „Collaborativ Projekt“ wandte sie sich bewußt gegen die offizielle Kunst, wobei sie mehr die Art der Verbreitung störte, und gar nicht die Kunst selber. Sie war auf der Suche nach einem größerem Publikum, und nach politischen Inhalten in der Kunst. Es war eher ein Kampf mit der Gesellschaft und nicht mit der Kunst. Heute ist es für Jenny Holzer jedoch wichtig, daß sie beide Wege, den der kommerziellen Galerien und den der öffentlichen Kunst nutzen kann, um ihre Kunst zu präsentieren. So kann sie das breite Publikum der Straße und die Kunstwelt erreichen, und nicht zuletzt ihre groß angelegten Projekte wie die Biennale in Venedig oder die Ausstellung im Guggenheim Museum finanzieren.

10.4 Freiluftprojekte

„ Da viele ihrer Arbeiten an öffentlichen Plätzen zu sehen sind, gehört Jenny Holzer zu den visuell präsentesten Künstlern der heutigen Kunstszene der Ort, an dem die Kunst zu sehen ist, ist Teil ihres Inhalts.“40

Das, was Jenny Holzer am meisten an Freiluftprojekten schätzt, ist die Überraschung, die ein Passant empfindet, wenn er unerwartet etwas begegnet, mit dem Inhalt der ihn berührt und trifft. Da es heutzutage fast unmöglich ist, ein Kunstpublikum zu überraschen, geht dieser Effekt in Ausstellungsräumen verloren. Abgesehen davon erreicht man weitaus mehr Menschen auf diese Art, die den Inhalt der Texte unvoreingenommen aufnehmen, und ihn nicht als „Kunst“ abtun. Die Chance, etwas in der Welt zu verändern, ist größer.

Der Vorteil der Ausstellungsräume dagegen besteht für Jenny Holzer darin, ihre Ideen komplexer und vielschichtiger darbieten zu können, sich komplizierterer Schreibweise und reichhaltigerer emotionaler Bandbreite zu bedienen. Sie betont jedoch, beides gerne zu machen.

11.4 Politisch korrekte Kunst

Die sogenannte „politisch korrekte“ Kunst ist heute viel populärer geworden, und Jenny Holzer begrüßt diese Entwicklung. Obwohl sie der Meinung ist, daß didaktische und ideologische Ansprüche nicht an die Kunst gestellt werden sollen, ist Kunst für sie das Medium, in dem sich gesellschaftliche Veränderungen manifestieren. „Wenn du in der Kunst nur an die Frauenbewegung denkst, ist da ein großer Sprung passier. Es fing an mit einer Kunst, die diese typisch furchtbaren Frauenfarben wie Rosa und Formen wie den Kreis benutzte, und es ist heute bei Cindy Sherman und Barbara Kruger angelangt Heute sind es die Frauen, von denen die gewagteste Kunst der letzten zehn Jahre stammt. Ihr Werk ist von der psychologischen Seite her gesehen viel extremer als das der Männer.“41

Auch die Tatsache, das sie selbst als Frau die USA auf der Biennale repräsentieren durfte, erkennt sie als die Manifestation der Veränderung in der Kunst an. Die dekorative Seite der Kunst unterschätzt sie dabei keinesfalls, denn „wenn Kunst nur im Dienste von praktischen oder pragmatischen Zwecken geschieht, ist es keine Kunst, dann Propaganda Ästhetische wie politische Aspekte müssen zusammenwirken“.42Beuys, Bruce Nauman, Gerhard Richter und Nancy Spero sind für Jenny Holzer die Künstler, denen es gelang, Kunst und Inhalte zusammenzubringen.

5. Die Biennale in Venedig 1990

Die Arbeit, mit der Jenny Holzer 1990 die USA in Venedig vertrat, beinhaltet alle Aspekte ihrer Kunst, die sich über Jahre des Schaffens entwickelt haben. Mit dieser Beschreibung möchte ich meine Arbeit abschließen, da sie für mich nicht nur ein gelungenes Beispiel einer komplexen Arbeit von Jenny Holzer darstellt, sondern auch ein treffendes Beispiel für eine Variante der sogenannten modernen Kunst, der Kunst der Gegenwart vor der Jahrhundertwende, mit allen Aussagen die sie beinhaltet.

Obgleich Louise Bourgeois bereits in einer Teilaustellung die USA vertreten hatte, war Jenny Holzer die erste Frau, die das alleine tat. Mehrere Reihen von Särgen wurden in einem Raum aufgestellt. Auf den Deckeln der Särge waren die „Laments“ eingeschrieben, die eine schonungslose Abrechnung von dreizehn todgeweihten Personen waren. Die Atmosphäre in dem Raum war beängstigend, es gab Leute, die in der Ausstellung angefangen haben zu weinen. In der Installation kombinierte Jenny Holzer mehrere Ideen: sie bezog sich auf den Dogenpalast und seine Wartesäle: „hier haben in der Geschichte viele Menschen auf ihr Schicksal gewartet, oder auf das Schicksal ihrer Verwandten und Freunde“43, sie dachte aber auch an die Wartezimmer in den Artztpraxen, wo man auch manchmal sitzt und auf sein Schicksal wartet, und auch das Warten auf den Fall der Atombombe in den 50ern spielte mit hinein. Die Arbeit hatte mit jeder Art von Warten zu tun. Den Eindruck von Angst, gepaart mit Wut, wollte sie dadurch erreichen, daß sie den Raum so beleuchtete, als käme das Licht aus anderen Räumen, in die man aber nicht hinein sehen konnte. Nach diesem Warteraum kam ein Saal, der mir leuchtenden, blitzenden, flackernden elektronischen Zeichen gefüllt war. Die Worte an den Wänden hatten keine Aussage, es ging vielmehr um die physische Erfahrung, es wurde einem schwarz vor Augen, man konnte keine Aussage wahrnehmen, die Worte an den Wänden und ihre Reflexionen auf dem glatten Boden verursachten ein Gefühl der Desorientierung, als ob man den Boden unter den Füßen verlöre. Einer der Räume widmete sie auch den Erfahrungen mit ihrer Tochter Lili, deren Geburt ihr Leben sehr beeinflußt hatte:„denn sofort nach der Geburt habe ich viel intensiver und viel öfter darüber nachgedacht, wie furchtbar ein Unfall oder eine Katastrophe wäre, weil ich nicht fähig bin, mein Kind zu schützen.“44Nach der Geburt eines Kindes und der damit übernommenen Verantwortung „ist Selbstmord keine Lösung mehr“45, so Jenny Holzer.

„Es sollte ein Raum für wirkliche menschliche Körper entstehen, in dem sie warten, bevor sie den anderen Raum betreten...meine Absicht war es ekstatisch zu sein, weil - und das war mein gefühlsmäßiger Zustand in der Zeit - die Welt von Jahr zu Jahr mit mehr und mehr Schwierigkeiten konfrontiert wird. Alles ist dreckiger und dreckiger, alle sind kranker und kranker, es gibt mehr und mehr Probleme, mehr und mehr Informationen, die schneller und schneller zu haben sind...“46

[...]


1Noemi Smolik, „Writing-Schriften“, Ostfildern-Ruit, 1996, S.17

2ebd. S.17

3ebd. S.18

4ebd. S.18

5 „Holzer - Kunst heute Nr. 9“, Verlag Kniepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S. 17

6Noemi Smolik, „Writing - Schriften“, Ostfildern - Ruit, 1996 S.26

7ebd. S.27

8ebd. S.27

9 „Holzer - Kunst heute Nr. 9“, Verlag Kniepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S.23

10Noemi Smolik, „Writing - Schriften“, Ostfildern - Ruit, 1996, S.23

11ebd. S. 28

12ebd. S. 52

13ebd. S. 31

14ebd. S. 32

15ebd. S. 32

16ebd. S. 33

17ebd. S. 35

18ebd. S. 38

19ebd. S. 38

20ebd. S.38

21ebd. S. 48

22ebd. S.49

23 „Holzer - Kunst Heute Nr. 9“, Kniepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S. 20

24ebd. S. 31

25Noemi Smolik, „Writing - Schriften“, Ostfildern - Ruit, 1996, S. 43

26ebd., S. 73

27ebd. S. 74

28ebd. S. 75

29ebd, S. 52

30ebd. S. 54

31ebd. S. 54

32ebd. S.39

33 „Holzer - Kunst Heute Nr. 9“, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1993 ,S. 32

34 „Holzer - Kunst Heute Nr. 9“, Verlag Kniepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S. 33

35Noemi Smolik, „Writing - Schriften“, Ostfildern - Ruit, 1996. S. 57

36ebd. S. 60

37ebd. S. 61

38Noemi Smolik, „Writing - Schriften“, Ostfildern - Ruit, 1996, S. 62

39 „Holzer - Kunst Heute Nr. 9“, Verlag Kniepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S. 20

40 „Holzer - Kunst Heute Nr. 9“, Verlag Kniepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S. 22

41 Noemi Smolik, „Writing - Schriften“, Ostfildern - Ruit, 1996,. S. 67

42ebd. S. 70

43ebd. S. 82

44ebd. S. 84

45ebd. S. 85

46ebd. S. 87

18 von 19 Seiten

Details

Titel
Jenny Holzer. Absichten, Impulse, Leitmotive und Botschaften einer Künstlerin
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V106465
ISBN (eBook)
9783640047444
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jenny, Holzer
Arbeit zitieren
Nataly Savina (Autor:in), 2002, Jenny Holzer. Absichten, Impulse, Leitmotive und Botschaften einer Künstlerin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106465

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