Diese Arbeit befasst sich mit notwendigen Umbrüchen im Gesundheitswesen. Um im Verlauf der Arbeit die Bedingungen einer würdevollen Gestaltung von Pflegearbeit durch die Berücksichtigung und Anerkennung der Konzepte des subjektivierenden Arbeitshandelns sowie der Emotions- und Gefühlsarbeit unter Einsatz der Arbeitsorganisation der ganzheitlichen Pflege vorzustellen, soll einführend erklärt werden, welche Charakteristika Pflegetätigkeit in Deutschland beinhaltet.
Die Pflegebranche innerhalb der Bundesrepublik Deutschland zählt im Jahr 2011 circa eine Million beschäftigte Personen. Ungefähr ein Drittel entfallen hierbei auf die ambulanten Pflegedienste und zwei Drittel auf die stationäre Pflege.
In der Altenpflege erweist sich der Titel eines Online-Artikels des Magazins „Der Spiegel“ „Wir laufen auf eine Katastrophe zu“ für die Beschreibung der Beschäftigungssituation dieses Bereichs als besonders passend. In der Altenpflege sowie in der Pflege in Krankenhäusern kämpfe man mit Missständen, doch für die Altenpflege habe die Agentur für Arbeit jetzt einen flächendeckenden Mangel an Fachkräften gemeldet.
Ein anderer Artikel des Online-Magazins „Was sich Pfleger wirklich wünschen“ beschäftigt sich mit den Wahlversprechen der Parteien bezüglich dieser Beschäftigungsproblematik. Der Forderung nach mehr Lohn wird von den meisten Parteien bis auf CDU und FDP versucht nachzugehen. Nach den Aussagen der interviewten Pfleger ergibt sich, der Mangel an Pflegekräften und die hohe Personalfluktuation, neben einer schlechten Bezahlung außerdem aus folgenden Kritikpunkten: lange Arbeitszeiten sowie entweder sehr frühe oder sehr späte Schichten, Aggressivität seitens Patienten und körperliche sowie psychische Belastungen. Die von den Parteien versprochenen Verbesserungen wie eine Unterstützung der Ausbildung von Pflegekräften durch beispielsweise die Ausweitung von Studienmöglichkeiten sehen diese jedoch als zweitrangig an, um einer Aufwertung ihres Berufsfeldes näher zu kommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Beschäftigungsproblem der Pflege im öffentlichen Diskurs
2. Charakteristika von Pflegetätigkeit
2.1 Beschreibung der Eigenschaften von Pflegetätigkeiten nach Christel Kumbruck
2.2 Problematik des decent work: Wie können wir menschenwürdige Pflegearbeit erreichen?
2.3 Interaktionsarbeit
2.3.a) Emotionsarbeit
2.3.b) Gefühlsarbeit
2.3.c) Subjektivierendes Arbeitshandeln
2.3.d) Gefühls- und Emotionsarbeit als professionelle Tätigkeiten
3. Interaktionsarbeit in der Pflege
3.1 Warum ist Interaktionsarbeit gerade innerhalb der Pflege ansässig?
3.2 Emotionsarbeit, Gefühlsarbeit und subjektivierendes Arbeitshandeln innerhalb der Pflegetätigkeiten am Beispiel einer Altenpflegerin
3.3 Emotionsarbeit in der Pflege
3.4 Gefühlsarbeit in der Pflege
3.5 Subjektivierendes Arbeitshandeln in der Pflege
3.6 Die positiven Auswirkungen des subjektivierenden Arbeitshandeln auf die Arbeitsbedingungen in der Pflege
4. Arbeitsorganisationsformen zur Etablierung von Gefühlsarbeit, Emotionsarbeit und subjektivierenden Arbeitshandeln
4.1 Funktionspflege
4.2 Ganzheitliche Pflege
4.3 Wie kann es zu einer praktischen Etablierung von Emotionsarbeit, Gefühlsarbeit und subjektivierendem Arbeitshandeln innerhalb der Pflege kommen?
5. Ökonomisierungs und Rationalisierungstendenzen der Pflege
5.1 Detaillierte Beschreibung der einzelnen Ökonomisierungsbewegungen
5.1.a) Verschlankung
5.1.b) Kommodifizierung
5.1.c) Externalisierung
6. Ausblick: Kann sich das Konzept der ganzheitlichen Pflege durchsetzen?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen der modernen Pflege unter dem Einfluss von Ökonomisierung und Rationalisierung und evaluiert, inwieweit das Konzept der "ganzheitlichen Pflege" sowie die Integration von Interaktionsarbeit die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte nachhaltig verbessern kann.
- Analyse der Bedeutung von Interaktionsarbeit (Emotions- und Gefühlsarbeit) in der Pflege.
- Gegenüberstellung von Funktionspflege und ganzheitlicher Pflege als Organisationsmodelle.
- Untersuchung ökonomischer Tendenzen wie Verschlankung, Kommodifizierung und Externalisierung.
- Diskussion über die gesellschaftliche Aufwertung und notwendige Rahmenbedingungen zur Linderung des Fachkräftemangels.
Auszug aus dem Buch
3.5 Subjektivierendes Arbeitshandeln in der Pflege
Nun soll der dritte Bestandteil der Interaktionsarbeit nämlich das subjektivierende Arbeitshandeln auf das Beispiel der Pflege und nachdem Werk der Autoren Böhle/Glaser auf das der Altenpflege angewandt werden: hierbei soll erklärt werden, dass Pflegekräfte über ein besonderes Erfahrungs-Wissen verfügen, auf welches sie in ihrer Tätigkeit zurückgreifen, und die Kommunikation und Interaktion mit den Patienten vor allem durch Mitfühlen und Empathie ermöglicht wird. Wie schon beschrieben richtet sich diese Art des Arbeitshandelns auf Arbeitsanforderungen die nicht planbar oder standardisierbar sind. Dies sind grundlegende Merkmale der Arbeitsanforderungen in der Pflege und ergeben sich aus dem Subjektcharakter des Arbeitsgegenstandes, dem Patienten. Gefühle, Empfinden und Erleben bilden Grundlagen dieses Arbeitshandelns. Arbeitsvollzüge werden hierbei schrittweise unter Berücksichtigung des Arbeitsgegenstandes entwickelt. Zu diesem Arbeitshandeln gehört eine Wahrnehmung diffuser Informationsquellen unter Nutzung alle Sinne zusammen mit subjektivem Empfinden, sowie die Steuerung mentaler Prozesse über assoziativem Denken und einer Beziehung zum Arbeitsgegenstand die sich durch persönliche Nähe auszeichnet (vgl. Böhle/Glaser 2006, S. 85 f.).
Tagesablaufpläne die in allen untersuchten Altenpflegeheimen benutzt werden erwecken den Anschein einer hohen Standardisierung, jedoch erfordert die konkrete Durchführung der einzelnen Tätigkeiten eine ständige Ausrichtung an verschiedenen Bedingungen je nach Patient und Situation. Die Durchführung der diversen Tätigkeiten wird dabei dialogisch-interaktiv in Absprache mit dem Patienten durchgeführt und aufgrund der Situation des Patienten verlegt oder planmäßig durchgeführt. Die jeweilige Situation oder das Befinden des Patienten muss hierbei von der Pflegekraft durch Erfahrung und Gespür erkannt werden, um danach die weiterführenden Tätigkeiten auszurichten. Die Arbeit der Pflegekräfte ist hierbei eine Tätigkeit an einem Körper und mit dem eigenen Körper, bei der eine Art Kommunikation über diese Körperarbeit entsteht, die es ermöglicht den Patienten aktiv zu beteiligen und
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Beschäftigungsproblem der Pflege im öffentlichen Diskurs: Einführung in die angespannte Situation der Pflegebranche unter Berücksichtigung von Fachkräftemangel und Arbeitsbedingungen.
2. Charakteristika von Pflegetätigkeit: Theoretische Auseinandersetzung mit der Pflegetätigkeit als Interaktionsarbeit sowie den Herausforderungen für menschenwürdige Pflegearbeit.
3. Interaktionsarbeit in der Pflege: Vertiefende Analyse von Emotionsarbeit, Gefühlsarbeit und subjektivierendem Arbeitshandeln konkret am Beispiel der Altenpflege.
4. Arbeitsorganisationsformen zur Etablierung von Gefühlsarbeit, Emotionsarbeit und subjektivierenden Arbeitshandeln: Vergleich zwischen Funktionspflege und ganzheitlicher Pflege sowie deren Einfluss auf die Umsetzung fachlicher Anforderungen.
5. Ökonomisierungs und Rationalisierungstendenzen der Pflege: Darstellung der ökonomischen Einflüsse wie Verschlankung, Kommodifizierung und Externalisierung auf die pflegerische Praxis.
6. Ausblick: Kann sich das Konzept der ganzheitlichen Pflege durchsetzen?: Reflexion der aktuellen politischen und praktischen Bemühungen zur Verbreitung der ganzheitlichen Pflege in Deutschland.
Schlüsselwörter
Pflegearbeit, Interaktionsarbeit, Emotionsarbeit, Gefühlsarbeit, subjektivierendes Arbeitshandeln, ganzheitliche Pflege, Funktionspflege, Ökonomisierung, Fachkräftemangel, Arbeitshandeln, Pflegeethik, Gesundheitssektor, Arbeitsorganisation, Patientenwohl, Fürsorgerationalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit den komplexen Arbeitsbedingungen in der Pflege und untersucht, wie Konzepte der Interaktionsarbeit trotz ökonomischer Rationalisierungsdrucks etabliert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung der Pflege als Interaktionsarbeit, der Kontrast zwischen ökonomischer Effizienz und ganzheitlicher Pflege sowie die Auswirkungen dieser Modelle auf das Pflegepersonal und die Patienten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Notwendigkeit von Emotions-, Gefühls- und subjektivierendem Arbeitshandeln herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie durch eine Umstellung der Arbeitsorganisation (ganzheitliche Pflege) die Qualität der Versorgung und die Arbeitszufriedenheit gesteigert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse soziologischer Konzepte (u.a. Böhle/Glaser, Kumbruck) und einer kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen und Positionspapieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition der Interaktionsarbeit, deren spezifische Anwendung auf die Pflege, den Vergleich von Organisationsformen (Funktionspflege vs. ganzheitliche Pflege) und die Analyse von Ökonomisierungsprozessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Pflegearbeit, Interaktionsarbeit, Emotionsarbeit, Ganzheitliche Pflege, Ökonomisierung und Subjektivierendes Arbeitshandeln.
Wie wirken sich ökonomische Tendenzen konkret auf die Pflege aus?
Ökonomische Tendenzen wie Verschlankung und Kommodifizierung führen laut der Autorin zur Fragmentierung der Arbeit, einer Zunahme des Zeitdrucks und einer Entfremdung vom Patienten, was die Durchführung ganzheitlicher Pflege erschwert.
Welche Rolle spielt die "Fürsorgerationalität"?
Sie dient als Gegenentwurf zur rein technisch-funktionalen Rationalität; sie beschreibt eine Arbeitsorientierung, die Pflege als Beziehungsarbeit begreift, bei der individuelle Bedürfnisse und die Förderung der Selbstständigkeit des Patienten im Mittelpunkt stehen.
- Arbeit zitieren
- Johanna Ernst (Autor:in), 2017, Ganzheitliche Pflege und die Ökonomisierung des Gesundheitssektors, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064653